MOIN & SHALOM
INTRO
Ab Herbst 1942
gerät meine Tante Erna Kronshage mit 19 Jahren
in eine fatale Abfolge von eigenartigen, ihrer Entwicklung geschuldeten, kriegsbedingten und zwangsmedizinischen Verstrickungen:
innerhalb von 484 Tagen wird sie
und schließlich in einer »Euthanasie«-Tötungsanstalt im kriegsbesetzten Polen im Februar 1944 ermordet.
Von 1933 bis 1945
werden zudem in deutschen Landen und auch in den annektierten Gebieten neben den millionenfachen Holocaust-Gräueltaten insgesamt mehrere hunderttausend staatlich gelenkte und ärztlich verordnete Eugenik- und Psychiatrie-Gewalttaten begangen – die mit ihren generationsüber-greifenden traumatischen Folgen in weiteren Abschnitten dieser Website mit in den Blick genommen werden müssen.
»Die Vergangenheit ist niemals tot.
Sie ist nicht einmal vergangen.«
William Faulkner
An einem einzigen Durchführungs-Verfahren
ZU DIESEN STAATLICH VERORDNETEN Eugenik-Verbrechen sind jeweils mindes-tens zehn bis fünfzehn Personen arbeits-teilig eingebunden, beteiligt oder mit be-troffen: z.B. Ärzte, Richter, Amtsinhaber vor Ort, Ortsfürsorgerinnen, NS-Volks-pflegerinnen, Staatsanwälte, Polizisten – Beamte, Bedienstete und Sachbearbeiter in einer Vielzahl von zuständigen Ämtern und Verwaltungen der beteiligten Institutionen – Krankenpflege- und Medizinalpersonal, Fahrdienstleiter, Zugführer, Busfahrer – aber ebenso natürlich auch ängstlich-schamhaft wegschauende, schweigende, gleichgültige oder abgelenkte und überforderte geplagte Angehörige, Nachbarn und sonstige Bezugspersonen – Mitmenschen also wie du und ich.
Und das rechnet sich hoch zu mehr als drei bis vier Mio. Mitwissende aus den Reihen der damaligen »Reichs-bürger« quer durch die Mitte der Gesellschaft – bei rund 10 Mio. freiwillig eingetretenen NSDAP-Parteimitglie-dern – von knapp achtzig Mio. damaligen Einwohnern insgesamt.
Und wie viele beteuerten und versichern immer noch, von »nichts gewusst« und »nichts mitbekommen« zu haben.
»Sofern es überhaupt ein ›Bewältigen‹
der Vergangenheit gibt,
besteht es im Nacherzählen dessen,
was sich ereignet hat.«
Hannah Arendt
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