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Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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° geschichte.leben.

    gedenken . geh denken !

    er.innern . e(r)innern .

    ent.rinnen .

 

 

°    e r . i n n e r n

   e r (r) i n n e r n

   e n t . r i n n e n

 

 

in dem gedicht oben "du musst in einem februar frieren" (& click hier) . ganz aktuell aus diesen tagen . zur mordserie in hanau & anderswo . erschließt sich trotz der historischen distanz an jahren fast zeile für zeile auch das geschehen um erna kronshage: diese morde in hanau am 19. februar [2020] - & die ermordung erna kronshages am 20. februar [1944]

 

also - es passt schon überein - über all die 76 jahre hinweg: "du musst in einem februar frieren..." .  in dieser unmenschlichen gewalttaten-performance aus den immer noch & immer wieder gleichen beweggründen . und dies ist damit auch schon eine erste teilantwort auf die frage von oben: was hat das mit uns heute zu tun? ...

 

in dem gedicht hier als eine spoken.word.performance von tanasgol sabbagh in der begleitung der drummerin linda philomène tsoungui wird "er.innerung" im assoziativen wortspiel zur "er(r)innerung" - & es hört sich intuitiv sogar wie ein "ent.rinnen" an: dahinter verbirgt sich der heimliche versuch, mit der "er.innerung" etwas abzuschütteln & abzustreifen . etwas hinter sich zu lassen . etwas los.zu.werden. 

 

° er.innern - so sagt es das wort, geht an unser inneres 

    sosein - salopp sagt man: es geht an's 'eingemachte'...

 

die meisten er.innerungen sind wie mit dem brenneisen eingebrannt . da gibt es kein ent.rinnen . unter die haut in bauch & hirn der mehr oder minder beteiligten oder wissenden. die deshalb unbedingt mit.teilens.werten erinnerungen werden als geschichte(n) nach- & weiterzählt, um so das in uns aufgeschichtete . das 'eingemachte' .  aufzudecken & mit-zu-teilen, um so sogar familiengeheimnisse schlussendlich zu verraten / denn:"einer trage des andern last ..." (galater 6,2) - oder: [mit-]geteilte last ist halbe last /

 

er.innerungen sind unzuverlässig & vom "gedächtnis" vorsortiert: manches vergisst man, weil es belanglos ist. manches verdrängt man, weil man sich dafür schämt. manche erinnerungen ­verändern sich. doch ohne erinnerung verliert jeder mensch nicht nur die geschichte, die er für sein leben hält, er verliert auch sich selbst, seine identität.

  

in der er.innerung werden fakten rekonstruiert, so gut das möglich ist, denn es geht nicht um eine absolute wahrheit, wohl aber um die wahrheit, die sich niederschlägt und sich offensichtlich niedergeschlagen hat als bodensatz, als "die dinge, denen man auf den grund gehen kann", die es aufzudecken gilt aus vertuschen, beschweigen, verzerren und vergessen -

 

jenseits etwa auch von unbotmäßigen "pathosformeln" in einer ritualisierten & längst "routinisierten" gedenk- & erinnerungsarbeit - oder dem hin & wieder wahrnehmbaren "abhaken" dieses kapitels als "ein-für-allemal-endlich-erledigt" - wie gaulands wort vom "vogelschiss in der deutschen geschichte"...

 

neue inzwischen "wissenschaftlich" konnotierte stichworte durchziehen seit einiger zeit die historische forschung, die über die mündlichen berichte inzwischen hochbetagter zeitzeugen der shoah und auch der ns-euthanasie-geschehnisse erfolgt. da ist von "oral history" die rede und hier & da von einer methode namens "narratively" als eine "erzählende [narrative] ereignis- und erlebniswiedergabe" - vom persönlichen geschichte(n)-erzählen aus der rückerinnerung.

 

und sogar die aussage - nach bestem wissen & gewissen - eines vereidigten zeugen vor gericht bleibt ja doch immer im kern nur eine "oral history" - und jeder noch so belehrende richter kennt das bei seiner be- und verurteilung beim jeweils in rede stehenden "fall"detail - zumal wenn verschiedene zeugen sich zur gleichen "sache" einlassen.

 

henryk m. broder, umstrittener kolumnen-autor und inzwischen journalistisches urgestein bei der "welt", schreibt in einem jüngeren beitrag (click) direkt dazu u.a.: 


"'Oral History' hat es immer gegeben. Die Geschichte des Auszugs aus Ägypten ist Oral History, Wilhelm Tell und Wallenstein sind es auch. Der einzige Unterschied zwischen einst und jetzt liegt darin, dass „erinnern“ ein „reflexives“ Verb war, das heute „intransitiv“ benutzt wird. Wir erinnern uns nicht mehr, wir erinnern nur noch – Omas letzten Geburtstag oder den Supergau von Tschernobyl. ...


Jeder ... weiß, dass Erinnerung keine 100 Prozent sichere Grundlage ist, dass Zeitzeugen das, was sie erlebt haben, manchmal mit dem vermischen, was sie von anderen gehört haben. Für die Authentizität ihrer Erinnerungen ist es aber völlig belanglos, ob sie in Sechser- oder Achterreihen marschiert sind, was es in Buchenwald zu Mittag gab oder wie viele Häftlinge sich in Dachau eine Pritsche teilen mussten. Das ist Erbsenzählerei."
 

und die autorin mara delius beleuchtet in einem artikel auf der kulturseite der "welt am sonntag" vom 4.april 2021 zu einer geplanten gedenkfeier des bundespräsidenten für die toten der corona-pandemie das spannungsfeld zwischen individuellem persönlichen erinnern und dem kollektiven "staatlichen" gedenkakt sinngemäß u.a. so:

 

"Der Soziologe Maurice Halbwachs, in Frankreich geboren, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges im KZ Buchenwald ermordet, hat die Theorie vom kollektiven Gedächtnis entwickelt. Derzufolge steht jeder Mensch in zwei nicht identischen, aber miteinander verbundenen Gedächtnisräumen: dem subjektiven Raum der Erinnerung und dem des kollektiven Gedächtnisses, in dessen Horizont er sich immer befindet und der die Grenze der subjektiven, individuellen Erinnerung kennzeichnet.

 

Es ist für ein Individuum genauso wie für eine Gesellschaft überlebenswichtig, die an ein Leben gekoppelte Erinnerung des Einzelnen in ein größeres, kulturelles Gedächtnis zu übertragen, etwa durch Rituale wie das Ritual des Begräbnisses, das nicht einfach dem Trauern und Abschiednehmen an sich dient, sondern einer Art Objektivierung des Todes.

 

Menschen begraben ihre Toten nicht einfach, um sich von einem Leben zu verabschieden oder eine Art Trennung zwischen Tod und Leben zu ziehen, hat der Anthropologe Robert Harrison formuliert. Sie tun es auch, um den Boden, auf dem sie ihre Welten bauen, menschlich zu machen. ...

 

Die Philosophin Hannah Arendt hat den Ausdruck der Natalität geprägt für die Fähigkeit des Menschen, immer wieder neu anzufangen, sich zu einem Neuanfang aufzuraffen nach einem essenziellen Verlusterlebnis, es ist ein Potenzial, das die Menschen von Geburt an in die Welt mitbringen. ... 

 

In der unmittelbaren Gegenwart jedenfalls bringt der Akt des Erinnerns auch etwas Neues hervor, das zwischen den Reden, Sichtbarmachen und Innehalten, den Trauergestecken, Musikstücken und ernsten Mienen und all den anderen Insignien des Gedenkens aufscheinen könnte: Einfühlung und Empathie - ein fast schon revolutionärer "neuer Beginn", der die Toten auch ehrt, indem die Lebenden und ihre Zukunft nicht vergessen wird..."

 

Per Leo: Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2021. 252 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

PER LEO UND ERINNERUNGSKULTUR:


Die Unschuld wird immer größer

 

VON CLAUDIUS SEIDL faz.net


 

Worum geht es eigentlich beim neuen Historikerstreit, dessen Winkelzüge das Publikum in den Zeitungen, im Radio und im Internet verfolgen kann? Und dessen Heftigkeit und scharfer Ton doch jedem, der nur als Gelegenheitsleser oder Zufallshörer damit konfrontiert wird, unverständlich erscheinen muss.

 

Geht es um Kritik am deutschen Gedenken und Erinnern, welche (wie der australische Genozidforscher Dirk Moses schreibt) sich nach einem Katechismus richteten, einer Sammlung von Glaubensregeln also, deren wichtigste die sei, dass der Holocaust als singuläres und nicht vergleichbares Menschheitsverbrechen zu betrachten sei, weshalb jede Kontextualisierung, jede Historisierung sich verbiete? Und die politisch darauf hinauslaufe, dass die Deutschen, als das Volk der Täter, zur unumstößlichen Loyalität mit dem Staat Israel verpflichtet seien, auch wenn dieser die Palästinenser noch so übel knechte? Zudem verstelle dieser deutsche Katechismus den Blick auf die Verbrechen des Kolonialismus, die doch erst den Gesamtzusammenhang formten, in dem auch der Holocaust betrachtet werden müsse.

 

Oder geht es, wie die Gegenseite unterstellt, vor allem darum, dass die Linke jetzt versucht, was den Konservativen im ersten Historikerstreit nicht gelungen sei: den Holocaust zu relativieren und als ein Verbrechen unter vielen zu deuten, nur ein Kapitel in der langen Verbrechensgeschichte des Westens, mit der Folge, dass die deutsche Schuld nicht mehr so schwer wöge und die deutsche Verpflichtung gegenüber Israel an Verbindlichkeit verlöre, ja dass man generell den Staat Israel nicht mehr als Zufluchtsort und potentiell letzte, mit allen Mitteln zu verteidigende Bastion des jüdischen Volks behandeln müsste? Sondern als Siedlungskolonie weißer Menschen und als Unterdrücker und Kolonisator des palästinensischen Volks?

 

Wer darf jetzt wieder aufrecht gehen?

 

Der Schriftsteller und Historiker Per Leo hat in seinem neuen Buch „Tränen ohne Trauer“ (Klett-Cotta, 20 Euro), das mehr Essay als historisch-politisches Sachbuch und doch mit vielen Fußnoten ge­erdet ist (und das man immer wieder gegen die Intentionen seines Autors lesen darf), ein paar überraschende Antworten gegeben, unter denen womöglich die brauchbarste, die politisch dringlichste und lebensnächste die ist, dass all das Gedenken und Erinnern, die schönen Kränze und die ernsten Mienen vor monumentalen Mahnmalen so oft so hohl, falsch, verlogen sind, dass womöglich genau darin das größte Verdienst dieses Historikerstreits bestehen könnte: dass nämlich die, die sich gegen die Relativierung und Postkolonialisierung wehren, ihre eigenen Rituale, Sprechweisen und Ergriffenheitsgesten dringend überdenken sollten.

 

Singularität ist ein Begriff, der in der Astronomie schärfer definiert ist (der Ort, an dem sich die Raumzeit ins Un­endliche krümmt) als in der Geschichte der Menschheitsverbrechen, ein abstrakter, unanschaulicher Begriff und, wenn es um die deutschen Verbrechen geht, eine These, die man hundertmal formulieren und wieder zurückweisen kann, ohne dass man dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Solange jedenfalls, wie man nicht fragt, was da für wen und warum so singulär war.

Einzigartig war für die Juden die Erfahrung, dass nach mehr als zweitausend Jahren der Verfolgung, des Hasses und der Diskriminierung, zu einer Zeit, da viele hoffen durften, dass die Verhältnisse sich verbesserten, sie sich umstellt sahen von Nachbarn, die beschlossen hatten, das gesamte Volk der Juden auszulöschen. Und die das taten, bis alliierte Armeen das Morden beendeten. Einzigartig war, dass die Deutschen, ein zivilisiertes Volk im zivilisierten Europa, kaum zwei Generationen, nachdem sie endlich zur Nation geworden waren, einen Verbrecher zu ihrem Herrscher wählten und das Regime auch dann noch und mit letzter Kraft verteidigten, als nahezu jeder wissen oder ahnen konnte, wohin die jüdischen Nachbarn verschleppt und was ihnen Ungeheuerliches angetan worden war.

 

Wer mit Stauffenberg einen Tee getrunken hat

 

Aber gerade wer darauf besteht, dass sich daraus eine Verpflichtung und eine Verantwortung ergeben, die sich nicht so einfach auflösen lassen im Großen und Ganzen des postkolonialen Diskurses und der Annahme einer Gesamtschuld Europas an Rassismus und Unterdrückung (und die auch nicht das Dementi der Verantwortung gegenüber den Opfern deutscher Kolonialverbrechen sind), der darf ganz dringend Per Leos Rückblick auf die deutsche Gedenkkultur ganz genau lesen: Richard von Weizsäcker, der in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 den Deutschen bescheinigte, dass sie vierzig Jahre zuvor befreit und nicht nur besiegt worden seien – so als wären auch sie die Opfer der Nazis und nicht etwa die Täter gewesen. Lea Rosh und Eberhard Jäckel, die sich so leidenschaftlich für ein Mahnmal eingesetzt hatten und die, als das Stelenfeld in Berlin (das die meisten deutschen Juden eher kühl und distanziert betrachteten) endlich stand, bekannten, dass man als deutscher Mensch jetzt endlich wieder aufrecht gehen könne beziehungsweise sich leichter fühle – so als hätte Deutschland nicht nur eine schöne Immobilie und einen Etatposten als Opfer dargebracht.

 

Den Hang der Deutschen, sich selbst mit ihren eigenen Opfern zu verwechseln, führt Per Leo auf die Generation von 1968 zurück, auf die Kinder der Nazi- und Wehrmachtsgeneration also, deren Leben von diesen Eltern zwar nicht bedroht wurde; aber irgendwie waren doch auch die strengen Erziehungsmethoden, der Zwang zu kurzen Haaren, sauberen Fingernägeln und regelmäßigen Mahlzeiten faschistisch, weshalb man sich mit anderen Opfern identifizieren durfte. Mit dem Älter- und Schwächerwerden der Kriegsgeneration, so möchte man Leo ergänzen, ging der Blick in eine andere Richtung: Fortan suchten die Deutschen nicht mehr nach den Mördern unter ihren Vorfahren, sondern suchten in den Verästelungen ihrer Stammbäume nach der vergessenen jüdischen Urgroßtante oder, im Fall der besseren Leute, nach dem Cousin des Großvaters, der womöglich im Offizierskasino fast mal eine Tasse Tee mit dem Grafen Stauffenberg getrunken hätte. Dass, nach der eigenen Familiengeschichte befragt, heute fast jeder Deutsche erzählt, seine Leute seien aber zu adelig, zu bürgerlich, zu liberal, zu konservativ, zu katholisch, zu links gewesen, als dass sie die Nazis hätten unterstützen können, versteht sich in diesem Zusammenhang fast von selbst. Und damit alles gut bleibe, heißen die Kinder dann Esther und Elias, Hannah, Jonas, Rahel.

 

Wie unangreifbar die Unschuld der Deutschen inzwischen ist, konnte man Ende Februar auf der Titelseite einer großen Tageszeitung studieren. Das Aufmacherbild zeigte Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden vor einem siebenarmigen Leuchter; daneben stand der Bundespräsident. Es ging um eine Feierstunde in der Kölner Synagoge. Ganz oben, als Lesetipp des Tages gewissermaßen, stand: „Hitlers Vater – die erste Biografie“. Es sind solche Tage, an denen man sich fragt, wann die Deutschen ihrer Mahnmal-, Gedenk- und Erinnerungskultur ein eigenes Mahnmal widmen werden. Und wie man, wenn die letzten Zeitzeugen demnächst gestorben sein werden, die Drastik, die Anschaulichkeit, die Unmittelbarkeit evozieren könnte, welche man dem Erinnerungskitsch und der Selbstgefälligkeit entgegensetzen müsste, das weiß auch Per Leo nicht. Nur dass es notwendig wäre, daran erinnert, schmerzhaft geradezu, der neue Historikerstreit.

 

Das Beispiel des Bösen


„Man nenne es finstere Möglichkeiten der Menschennatur überhaupt, die hier zu Tage kommen – deutsche Menschen, Zehntausende, Hunderttausende, sind es nun einmal, die verübt haben, wovor die Menschheit schaudert, und was nur immer auf deutsch gelebt hat, steht da als ein Abscheu und als Beispiel des Bösen.“ So steht das am Ende des „Doktor Faustus“, geschrieben wohl im Lauf des Jahres 1946 – und wer glaubt, dass sich das erledigt habe, bloß weil 75 Jahre vergangen sind, sollte den Satz und das Kapitel, in dem er steht, noch einmal lesen. Was die Gültigkeit solcher Sätze trotzdem in Frage stellt, ist der Umstand, dass das Wörtchen „deutsch“ heute auch solchen Menschen gehört, deren Herkunftsgeschichten in ganz andere Richtungen weisen. Und die ganze Sache wird nicht einfacher, wenn man Per Leos Gleichnis ganz am Anfang des Buchs beim Wort nimmt, seinen Vorschlag nämlich, sich die Herrschaft der Nazis wie einen Abgrund vorzustellen und den Weg durch die Geschichte, den die Deutschen seither gegangen sind, wie das Ersteigen eines Bergs, der neben dem Abgrund sich erhebt. Dieser Abgrund werde nicht kleiner, nicht weniger bedrohlich, je weiter nach oben die Wanderer kämen. Man sähe aber weiter, man überblicke, je höher man gekommen sei, eine umso weitere Landschaft.

 

Was man da sähe, beschreibt Leo nicht; aber man kann es sich ja selbst zusammenphantasieren: Man sähe eine Nation, der, bis zum Machtantritt der Nazis, kaum mehr als ein halbes Jahrhundert beschieden war. Dahinter die zerklüftete Geschichtslandschaft des 19. Jahrhunderts. Und in noch weiterer Ferne ein großes, unübersichtliches Terrain, bevölkert von Menschen, die getrennt durch die gemeinsame Sprache waren, innig verbunden nur durch die religiösen, kulturellen und machtpolitischen Konflikte, die ihnen nicht nur von ihren Fürsten aufgezwungen wurden. Einige der besten Köpfe unter ihnen, das ist auch aus der Ferne zu erkennen, arbeiteten sich ab an einer Frage, auf die sie selten haltbare Antworten fanden: Was ist deutsch?

 

Zum Volk der Täter gehörig: Das wäre eine der schärfsten Definitionen – wenn nicht fast jeder fünfte Deutsche eine Person mit Migrationshintergrund wäre, ein Mensch also, dem man von der Schuld der deutschen Urgroßväter nichts zu erzählen braucht, weil er womöglich mit ganz anderen Geschichten fertig werden muss. Per Leo erwähnt das, aber dass es ein nahezu unlösbares Problem fürs deutsche Selbstverständnis sein könnte, mag er nicht glauben.

 

Wenn es nämlich, nachdem Leo gewissermaßen die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland abgeschritten hat, ein Fazit gibt, dann ist es wohl das:

„In Deutschland hat die Neigung, das Andere der eigenen Vorzüglichkeit in einer ahistorischen »Residualkategorie« (Ulrich Herbert) namens ,Nationalsozialismus‘ oder ,Faschismus‘ zu deponieren und die Probleme der Gegenwart, statt sie aus sich selbst heraus zu begreifen, in die Kostüme der Weimarer Republik und des Dritten Reichs zu stecken, um sie dann von Bühnen des eigenen Moraltheaters zu verjagen, wahrhaft luxuriöse Ausmaße angenommen.“

 

Leo zieht daraus den Schluss, man solle die Nazis in den Geschichtsbüchern lassen und sich, unbeschwert von dieser Vergangenheit, auf die Gegenwart konzentrieren: „Die Lasten des Nationalsozialismus sind weitgehend abgetragen, die Aufträge, die er uns hinterlassen hat, alles in allem erfüllt, die Fragen, die er aufwarf, ­größtenteils beantwortet.“ Da allerdings möchte man ihm widersprechen. So ein Satz, wenn er von einem deutschen Autor kommt, kann nur falsch sein. Wann die Lasten wirklich abgetragen sind, werden uns die Nachkommen der Opfer sagen. Wenn es so weit ist.

 

Quelle: F.A.S. (click)

 

  • Lies gleichfalls auch die Rezension u. Erwiderung von Thomas Schmid aus der WELT vom 25.07.2021 - click hier

 

 

 

 

ganz unverblümt ist festzustellen, dass nun, so scheint es, genau jenem "vulnerablen personenkreis" fehleinkäufe des bundesministeriums für gesundheit an millionenschweren fehleinkaufs-corona-schutzmasken aus dem frühjahr 2020 angedreht werden sollten, der noch vor 80/75 jahren als sogenannte "ballastexistenzen" zwangssterilisiert und in aufeinanderfolgenden phasen in ns-euthanasie-mordanstalten massenhaft getötet wurde: der personenkreis der behinderten und obdachlosen mitmenschen ...

 

damit sollten dann wohl die fehleinkäufe kaschiert und als "gute tat" verkauft werden. inzwischen wird diese absicht natürlich bestritten. >>> clickclick

 

adolf hitler und die nationalsozialisten übersetzten die ermordung und ausrottung dieses personenkreises ja auch schon als "gute tat", als "gnadentod", der "gewährt" werden kann - als einen "schönen tod" - als "hilfe" für die betroffenen und ihre familien - als "erlösung" ... 

 

und heutzutage, nach all den jahren, benutzt man diese gruppe von mitmenschen wieder mal, um sie in irgendeiner weise in kontroverse bewertungsdiskussionen über die köpfe hinweg als verfügungsmasse separat und "beispielhaft" einzubeziehen und in anspruch zu nehmen für wahlpolitische propagandazwecke - kontrovers von der einen oder der anderen seite - sie somit wieder zu diskriminieren und zu missbrauchen. 

 

in jedem fall lautet der subtext dieser debatte, dass menschen, deren gesundheitsschutz volkswirtschaftlich "nicht lohnt", in der pandemie mit b-ware abgespeist werden sollten oder könnten - bzw. dass - von wem auch immer - eine solche möglichkeit ins kalkül gezogen und diskutiert wurde... 

 

entweder es ist etwas an den meldungen dran, dann hat die cdu ein problem, oder der fall wurde übertrieben, dann hat die spd ein problem –, und dann dürfte die lust an der aufklärung allerdings auf beiden seiten grenzen haben.si

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Sonntag, 06.06.2021, Tagesspiegel / Kultur

 

Für eine neue Kultur des Erinnerns

 

Traditionelle Rituale an Gedenktagen spiegeln nicht mehr die Pluralität der deutschen Gesellschaft wider. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit muss auch europäischer werden / Von Johanna Korneli, Max Czollek und Jo Frank

 

Der Historiker Michal Bodemann beschrieb staatliche und zivilgesellschaftliche Erinnerung in Bezug auf die Shoah schon 1996 als „Gedächtnistheater“. Die Intention dieses Erinnerns ist demnach das bundesrepublikanische Narrativ der Gutwerdung Deutschlands. Dabei werden Erinnerungsmomente von der Shoah über die terroristische Gewalt der RAF bis zum SED-Unrecht in der DDR als in sich abgeschlossene historische „Kapitel“ behandelt, womit insbesondere Kontinuitäten rechten Terrors abgeschwächt werden.

Diese Deutung der Geschichte führt zu Verzerrungen und Gedächtnislosigkeit – und zu einer Banalisierung der wichtigen Rolle, die Erinnerungskulturen für plurale Demokratien spielen.

 

Erinnerungskulturen vermitteln eine Deutung von Geschichte, eine Interpretation von Vergangenheit. Sie verraten auch etwas über eine bestimmte Wahrnehmung der Gegenwart durch diejenigen, die Erinnerungsrituale gestalten. Erinnert man beispielsweise an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor allem mit Menschen wie Sophie Scholl oder Stauffenberg, so drückt sich darin eine Vorstellung von der Zentralität und Relevanz der bürgerlichen Mitte für eine postnationalsozialistische Gesellschaft aus. Erscheinen Jüdinnen und Juden ausschließlich als Opfer wie bei den Gedenktagen des 9. November (Pogromnacht) und des 27. Januar (Befreiung von Auschwitz), weist ihnen das auch in der Gegenwart einen Opferstatus zu, von dem sie sich immer neu emanzipieren müssen.

 

Erinnerungskulturen sind Identitätsangebote. Wer sich wann, wo und wie erinnert und wessen Erinnern sichtbar gemacht wird – durch staatliche Förderung, durch Ausstellungen, Denkmale oder Gedenktage –, all das steht im direkten Zusammenhang mit der Frage, wie sich eine Gesellschaft selbst erzählt, wer zu ihrem Wir dazugehört. Erinnerungskultur ist also nicht unschuldig. Sie erfüllt ideologische Funktionen. Sie schafft Deutungsangebote und Platz für die verschiedenen Menschen, die eine Gesellschaft ausmachen oder eben nicht.

Das lässt sich an den Jubiläen des Mauerfalls 2019 und der Vereinigung 2020 nachvollziehen. Die Gedenkreden erzählten das Ende der Teilung Deutschlands als glückliche Fügung, auf die alle Bewohner:innen dieses Landes stolz sein dürften. Die Erfahrung von Gastarbeiter:innen und ihren Kindern, Afrodeutschen, Jüdinnen und Juden und den vielen weiteren als anders markierten blieb weitgehend unerwähnt.

 

Für viele Menschen markieren die Daten 1989/1990 keine Freudenzeit, sondern den Beginn systematischer Übergriffe und Verfolgung – von Rostock-Lichtenhagen über Mölln bis Hoyerswerda und zahlreiche andere. Gerade diese Ambivalenz der Erinnerung mag schwer zu ertragen sein für diejenigen, die den Mauerfall gern als nationale Vereinigungsfeier auf die Bühne des Gedächtnistheaters stellen wollen.

 

Und dann gibt es auch noch die Erinnerungsmomente, die zum pluralen Deutschland und seinen Einwohner:innen gehören, die noch gar keinen Raum im deutschen Erinnerungsnarrativ haben: der Krieg in Afghanistan, in Syrien, im Irak, die Revolution im Iran, die Migration als Ergebnis der Implosion der Sowjetunion, das Leben als Nachfahren kolonialer Unterdrückung. Auch diese Erinnerungsmomente brauchen Raum, will die plurale Demokratie Erinnerung so gestalten, dass alle Menschen darin repräsentiert werden und nicht nur einige.

 

Eine plurale Gesellschaft braucht eine andere plurale Erinnerungskultur, die ihrer eigenen inneren Vielfalt gerecht wird. Denn in einer radikal vielfältigen und selbstbewussten Gesellschaft wie der deutschen genügt es nicht mehr, eine Geschichte zu erzählen. Für die Erinnerungskultur ist deshalb nicht erst mit der Debatte um Stadtschloss, Humboldt Forum, Frankfurter Paulskirche und Potsdamer Garnisonkirche eine Zeit der kritischen Selbstbefragung hegemonialer Narrative angebrochen.

 

Zweifelsohne ist eine solche Suche nach Räumen pluraler Erinnerung keine leichte Aufgabe. Aber wer hätte je behauptet, dass Erinnerung in einer pluralen Demokratie leicht sei.

 

Wofür eigentlich erinnern? Die Antwort darauf sollte nicht einfach lauten: weil es geschehen ist. Sondern auch: weil es nie wieder geschehen sollte. Dies bedeutet nicht weniger als den Versuch einer kritischen Neufassung von Erinnerungskultur. Eines der herausragenden verbindenden Charakteristika der Verbrechen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts findet sich im nationalistischen Drang zur Homogenisierung.

 

Das gilt nicht nur für die Alliterationen des Hasses der jüngeren deutschen Geschichte von Hanau bis Halle, sondern auch für Belfast, Bagdad, Burundi, Bangladesh oder Bosnien-Herzegowina. Eine plurale Erinnerungskultur, die die Gesellschaft so einrichten möchte, dass sich die Verbrechen der letzten Jahrhunderte nicht wiederholen, muss diesen Fantasien von Homogenisierung und nationaler Größe begegnen, die derzeit von Seiten nicht nur europäischer Populist:innen in Stellung gebracht werden.

 

Solche Fantasien sind nicht die einzige Spielwiese einer politischen Rechten. Vielmehr lässt sich beobachten, wie sich nationalistische und vereinheitlichende Erinnerungsnarrative in der Gegenwart über das gesamte politische Spektrum hinweg verfestigen.

 

Wenn wir als Teil einer pluralen Gesellschaft also dem homogenisiertem Erinnern die Pluralität der Geschichte entgegenstellen; wenn wir darauf beharren, dass plurale Erinnerungskultur bedeuten sollte, die Gesellschaft so einzurichten, dass sich die Verbrechen der Geschichte nicht wiederholen; wenn wir insistieren, dass Gedenken auch Diskriminierungskritik bedeuten muss, dann wird Erinnerungskultur zu einem Teil der wehrhaften pluralen Demokratie. Und diese Wehrhaftigkeit muss auch eine Kritik einseitiger und vereinheitlichender Aufführungen gegenwärtiger Erinnerungskulturen beinhalten.

 

Auf deutschen Straßen schreit sich der Antisemitismus heiser, während man in den Feuilletons über importierten Antisemitismus diskutiert, als gäbe es keine antisemitische Geschichte und Gegenwart von Gelsenkirchen bis Berlin. Und als seien Israel hassende Demonstrant:innen, deren Eltern und Großeltern irgendwann nach Deutschland kamen, nicht Teil dieser Gesellschaft.

 

Der Zustand der gegenwärtigen Debatten ist gefährlich, weil er auf der einen Seite eine unglaubwürdige Erfolgsgeschichte inszeniert, während er auf der anderen Seite unterschiedliche diskriminierte Minderheiten gegeneinander ausspielt. Das hat mehr, als man vielleicht auf den ersten Blick denken mag, mit Erinnerungskultur zu tun. Von „importiertem Antisemitismus“ spricht etwa, wer dem eingeübten Narrativ aufsitzt, dass Deutschland als „Erinnerungsweltmeister“ Antisemitismus bewältigt habe. Und dass deshalb gegenwärtiger Antisemitismus von außen kommen müsse.

 

Dem steht die Tatsache einer zunehmend pluraleren Gesellschaft gegenüber, in der die Unterscheidung zwischen Deutschen und den Anderen unplausibel wird. Die dabei entstehende Spannung zwischen Gedächtnistheater und Vielfalt macht eine radikale Wende in der Erinnerungskultur möglich. Ziel ist der Abschied von einem identitätspolitischen, monokulturellen Modell hin zur Etablierung von Erinnerungskulturen, die die Vielfalt deutscher und europäischer Erinnerungsmomente in sich aufnehmen. Und das meint ausdrücklich auch jene Teile der Gesellschaft, die Flucht und Vertreibung, Gewalt und Entmündigung erlebt haben, innerhalb und außerhalb Deutschlands.

 

Im Rahmen unserer Arbeit der Dialogperspektiven findet diese Anerkennung seit Jahren statt. Unsere Teilnehmer:innen kommen aus ganz Europa, mit vielfältigen religiösen und nichtreligiösen Identitäten und familiären Verbindungen in die ganze Welt und verhandeln vielfältigste Erinnerungsmomente miteinander. Die Pluralisierung deutscher und europäischer Erinnerungskulturen muss zugleich an den Strukturen der Bildungspolitik ansetzen, von der Kita über Lehrpläne bis zur Hochschulpolitik. Es braucht die Beteiligung von Ministerien Religionsgemeinschaften und Kulturinstitutionen, Polizei und Gerichten, damit eine Vorstellung entwickelt werden kann, die Erinnerungskultur im Sinne einer wehrhaften Demokratie neu fasst.

 

Um diese Entwicklung zu stärken, wurde die „Coalition for Pluralistic Public Discourse“ (CPPD) initiiert, ein Netzwerk von Künstler:innen, Intellektuellen, Wissenschaftler:innen verschiedenster Hintergründe und Disziplinen. Bei dieser Arbeit geht es nicht darum, die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelte deutsche Erinnerungskultur in Gänze zu dekonstruieren. Ziel ist eine Weitung des Blicks. So könnte der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch weitere Gruppen von im Nationalsozialismus Ermordeter in unser Gedenken miteinschließen – Sinti*zze und Roma*nja, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung.

 

Oder man könnte dem 9. November und 27. Januar noch einen weiteren Tag beistellen, der auch an jüdischen Widerstand erinnert. Sei es der 8. Mai, weil viele Jüdinnen und Juden Nazideutschland an der Seite der Alliierten besiegten. Oder sei es der 19. April, an dem 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto begann.

In diesen Vorschlägen kündigt sich nicht zufällig, auch die Europäisierung des Erinnerns an. Die Herausforderungen liegen dabei auf der Hand und reichen von Relativierung bis Gleichsetzung, gegenseitiger Diskriminierung bis Opferkonkurrenz. Das klingt kompliziert und ist es auch. Aber diese Schwierigkeiten sind Ausdruck einer Spaltung der Gesellschaft, die auch erinnerungskulturell seit Jahrzehnten existiert.

Durch plurale Zugänge, durch Hörbarmachen und Solidarisierung entsteht ein neues Bild der Gesellschaft, in der wir leben. Ein Fokus auf Verschiedenheit der Erinnerung kann dabei in ihren verletzlichen, ihren schmerzhaften und verstörenden Dimensionen die unterschiedlichen Mitglieder dieser Gesellschaft ansprechen. Sie könnte zu einem Katalysator für Veränderungsprozesse werden, die über die vorwegnehmenden Versöhnungsgesten, Kränze, die wohlmeinenden Beschwörungen und das ewige Erschrecken vor der eigenen gewaltvollen Gegenwart hinausgeht.

 

Diese Gesellschaft hat sich seit 1945 selbst immer wieder das Versprechen gegeben, eine andere, gerechtere, weniger gewaltvolle zu sein. Wenn es dieser Gesellschaft ernst ist mit ihrem Wunsch, anders zu werden, braucht sie auch eine andere Erinnerungskultur. Und diese muss plural sein.

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Johanna Korneli ist Programmleiterin des Programms „Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch“ und der CPPD. Max Czollek ist Essayist, Lyriker und akademisch-künstlerischer Leiter der CPPD. Jo Frank ist Verleger, Autor sowie Director for Developement der Leo Baeck Foundation. Die Veranstaltung „Perspektiven auf pluralistisches Erinnern“ findet am 7. Juni 2021 im Rahmen der Langen Nacht der Ideen statt. Mehr Informationen unter: https://dialogperspektiven.de/events lndi2021cppd/

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sinedi-blog

Leicht zu übersehen: Eine Bronzetafel erinnert an İsmail Yaşar, den der NSU 2016 ermordete . Foto: Daniel Karmann/dpa

 

Vom Tatort zum Gedenkort
Nirgendwo ermordeten die Nazis vom NSU mehr Menschen als in Nürnberg. Die Stadt tat sich schwer, den Toten angemessene Gedenkorte zu widmen. Diese sind oft abgelegen und schwer zu finden. Das soll sich nun endlich ändern

 

AUS NÜRNBERG VON JO SEUSS . taz, freitag, 28.05.2021, inland - s. 07

 

Die Tatorte liegen zu weit außerhalb, als das man zufällig über sie stolpern würde. Nicht am Rand der Liegnitzer Straße. Auch nicht in der Scharrer-, Scheurl- oder Gyulaer Straße. Vier Straßen in Nürnberg, in denen der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) zwischen 1999 und 2005 drei Menschen mit türkischer Herkunft ermordete und einen schwer verletzte. Die Tatorte liegen, eher abseits, in südlichen Stadtteilen. Deshalb hat die Stadt Nürnberg im März 2013 das offizielle NSU-Mahnmal am Rand der südlichen Altstadt platziert und sich kaum um Gedenkorte an den Tatorten selbst gekümmert.


Der NSU hat insgesamt 10 Menschen in verschiedenen Städten ermordet, nirgendwo so viele wie in Nürnberg. Mit der Frage, wie der Opfer gedacht werden kann, tut sich die Stadt nicht immer leicht.

 

Das offizielle Mahnmal in der Altstadt ist eine Stele mit den Namen aller NSU-Opfer. Man erkennt sie erst bei genauerem Hinsehen, sie geht etwas unter. Im Umfeld erinnern noch weitere Gedenkorte an ermordete Sinti und Roma oder die homosexuellen Opfer des NS-Regimes von 1933 bis 1945. Der antifaschistischen Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ reichte die offizielle Erinnerungsarbeit für die Opfer der braunen Terrorzelle nicht aus. Sie sorgte mit Aktionen und Infotafeln dafür, dass auch an den Tatorten über die Anschläge informiert wird.

 

Als sich im vergangenen Spätsommer der NSU-Mord an dem Nürnberger Blumengroßhändler Enver Şimşek zum 20. Mal jährte, forderte ein breites Bündnis aus SPD, Grünen, Linken, Antifa und Kirchen, die Gedenkorte stärker herauszuheben. So sollten auch Straßen nach den Opfern benannt werden, eine Forderung, die im CSU-regierten Rathaus auf wenig Begeisterung stieß. Aus Kostengründen, wie die CSU-Fraktion sagte. Sie beantragte im Herbst 2020 alternativ, nur eine Asphaltfläche am Tatort, dem Platz, wo Şimşeks Familie am Wochenende weiter Blumen verkauft, in Enver-Şimşek-Platz umzubenennen. Verbunden werden sollte die Neubenennung mit einer Verschönerung des Areals und mit einem Gesamtkonzept für alle vier NSU-Tatorte in der Stadt.

Über die Umbenennung des Platzes hat Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) bei der Gedenkfeier am 9. September 2020 mit dem Sohn des NSU-Opfers, Abdulkerim Şimşek gesprochen. Der 33-jährige Şimşek sagt, in die Gestaltung sei er bisher nicht einbezogen worden, doch habe er „volles Vertrauen in die Stadt und den OB“. Alle seien „sehr offen und kooperativ“ gewesen. „Uns geht es um den Platz und nicht um die ganze Straße“, betont er im Namen der anderen Angehörigen. Er hofft, dass ihm das Konzept noch vorgestellt wird.

 

Federführend ist dabei das Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg. Martina Mittenhuber, die Leiterin, sagt, dass außer einer Sitzbank, ein paar Blumenbeeten und eventuell einer runderneuerten Stele keine großen Umgestaltungen an diesem Tatort vorgesehen seien. Die Kosten sollen überschaubar bleiben und notfalls über eine Stiftung finanziert werden. Der Stadtrat soll noch vor der Sommerpause am 21. Juli die Weichen dafür stellen. Die offizielle Umbenennung ist bereits für den 21. Jahrestag des Attentats am 9. September 2021 geplant.

 

Aktuell steht auf dem Platz eine Info-Stele, für die sich Kirchengemeinden einsetzten und die sie mit Spendengeldern realisierten. Der Text auf der Stele, ein Bibelvers, in dem das Wort „Fremdling“ auftaucht, sorgte für Kritik und Kontroversen. Şimşek stört sich aber nicht daran: „Es ist ein Zitat, in das man nichts reininterpretieren soll“, findet er. Für ihn persönlich ist vor Ort das Foto seines Vaters von größerer Bedeutung, das mit dem Zusatz „Am 9. 9. 2000 von Nazis ermordet, kein Vergeben – kein Vergessen!“ an einem Baum angebracht ist. Angetan ist er von der Absicht des Menschenrechtsbüros, ein digitales Infosystem mit QR-Code zu installieren, das Besuchern der NSU-Tatorte via Smartphone Daten und Hintergründe zum NSU-Terror liefert.

 

Doch das dauert noch; voraussichtlich bis 2022, wie Mittenhuber erklärt. Dann sollen auch zwei neue Infotafeln angebracht werden: In der Scharrerstraße, wo einmal der Imbiss des 2005 ermordeten Ismail Yaşar stand, und in der Scheurlstraße, wo der NSU 1999 ein Sprengstoffattentat verübte, das bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist.

 

Auch am Tatort des Mordes an Abdurrahim Özüdoğru in der Gyulaer Straße soll es eine Tafel geben. Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 vor einem Wohnhaus erschossen. Einige der heutigen Bewohner des Hauses hatten während des Abstimmungsprozesses Bedenken, wegen möglicher Anschläge von Rechtsextremen. Denn Gedenkorte sind für Nazis neue Ziele.

 

Beim Polizeipräsidium Mittelfranken sind von 2013 bis 2017 zwölf Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund an NSU-Gedenkorten aktenkundig – vom Beschmieren mit Kot über verunglimpfende Aufkleber bis zum Diebstahl. Obwohl seit gut dreieinhalb Jahren kein neuer Fall dazukam, müsse „an den offiziellen Gedenkorten mit einzelnen Sachbeschädigungen gerechnet werden“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Prehl. Er empfiehlt eine Überwachungskamera. Die sei „bei einer Häufung von Fällen hilfreich“.

 

Auch das Gedenkporträt am Tatort des Mordes an Enver Şimşek musste nach Angriffen schon erneuert und weiter nach oben gehängt werden. Sohn Abdulkerim Şimşek und seiner Familie ist es wichtig, dass der geplante Enver-Şimşek-Platz sauber gehalten wird und keine verletzenden Schmierereien, Sprüche oder Hakenkreuze geduldet werden. Ein Vorteil sei, dass die Familie dort weiter arbeite, sagt Şimşek. „Bei Bedarf können unsere eigenen Leute den Schaden beseitigen.“

 

Er empfindet das Gedenken in Jena als besonders positiv, wo im September 2020 „mit Fingerspitzengefühl eine ganze Straße in zentraler Lage“ nach seinem Vater umbenannt wurde. Außerdem hält er die Gestaltung des ebenfalls zentralen Mehmet-Kubaşik-Platzes in Dortmund für sehr gelungen.

 

Auch Barbara John, seit 2011 die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der Opfer des NSU, hält das zentrale Mahnmal in Dortmund für „vorbildlich“. John appelliert eindringlich an alle Städte, bei Gedenkorten „die Angehörigen einzubeziehen und die Inhalte mit den betroffenen Familien abzustimmen“. Als erfreuliches Beispiel hebt sie Erfurt hervor, Regierungssitz des Bundeslandes Thüringen, aus dem die Täter stammen: Dort soll im Herbst 2021 vor dem Parlament ein Gedenkort entstehen. Dieser werde in einer „vorbildlichen Zusammenarbeit“ seitens der Stadt mit den betroffenen Familien und ihr entwickelt.

 

Für Nürnberg, „das wegen der drei Morde eine besondere Verantwortung gegenüber den Familien der Opfer hat“, wünscht sich John mit Blick auf die Zukunft, dass die Stadt „den Mut hat, in einer zentralen Lage ein Mahnmal zu schaffen, wo es viele wahrnehmen“. Nur so könne verhindert werden, dass die NSU-Strategie nachträglich doch noch aufgehe – und Tatorte in Randlage und mit schnellen Fluchtwegen dafür sorgten, die Täter zu schützen und die Ermordeten schnell in Vergessenheit geraten zu lassen.

 

JO SEUSS . taz. die tageszeitung . vom 28. 5. 2021 . inland . s. 07

da liegt nicht nur staub in den ecken - auch in oświęcim und anderswo

 

Sarid, Yishai: Monster, Verlag Kein & Aber 2019 - 

Ein Roman zur Interna der Erinnerungskultur

 

Am Ende des Romans steht eine Eskalation: ein Faustschlag, mit dem ein Tourguide in Treblinka einen Dokumentarfilmer niederstreckt. Doch wie konnte es dazu kommen? In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef schildert der Mann, wie die Menschen, die er jahrelang durch NS-Gedenkstätten führte, mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. Er fragt nach der Verbindung zwischen Juden damals und Israelis heute, nach Machtverherrlichung und danach, was Menschen zu Mördern macht. Und er beobachtet Schülergruppen, die sich in Fahnen hüllen, scheinheilige Minister oder manipulative Künstler, er beobachtet, wie ein jeder in dem Grauen der Geschichte vor allem eines zu erkennen meint: einen Nutzen für sich selbst.

Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, wirft in seinem Roman ein neues Licht auf die Erinnerungskultur, wagt sich an vermeintlich unantastbare Fragen und stellt in stillem, unaufgeregtem Ton eingefahrene Denkmuster infrage. (Klappentext Amazon)

 

ähhh - das ist seit vorgestern meine lektüre, auf die ich über umwege im netz irgendwie gestoßen bin. ja - mir fällt gerade kein anderes wort ein - aber irgendwie "eruptiv" ergießt sich für mich dieser text von 2017 (deutsch wohl 2019) des in tel aviv geborenen autors yishai sarid wie eine fontäne in großer ungeschminkter ehrlichkeit zu einem nicht nur für einen geborenen israeli äußerst heiklen gesamtthema mit allen ecken & kanten und moralischen peinlichkeiten des gedenkens und erinnerns und pflichttrauerns...  

der roman "monster" setzt sich nämlich in der person eines "tourguide", der israelische schulklassen und soldatengruppen durch kz's führt und darüber immer stärkeren irritationen unterliegt, mit der heutigen verarbeitung der naziverbrechen auseinander...

 

ich kann das hier nicht "besprechen" - du musst das lesen, um vielleicht in etwa nachzuvollziehen, was ich meine, was mich da "anrührt". da wird viel ausgesagt zum gedenken - zum verordneten gedenken - zum pflichtgedenken mit all seinen staubigen oder überstrapazierten dreckecken neben dem absingen der hymnen - auch hierin deutschland - bei den gedenkstunden zum 27.01. beispielsweise und zur "reichspogromnacht" - und wie das alles heißt - zu den schulabschlussfahrten nach auschwitz mit abschiedsfete und dem rauschausschlafen auf einer betonstele im stelenfeld für die holocaustopfer in berlin. - und den langweiligen gesichtsausdrücken mancher schüler, wenn ich ihnen vom euthnasieschicksal meiner tante berichte ... - oder ihrem eingeübten "betroffensein" ... si

 

und ein zitiertes (unvollendet vollendetes) gedicht aus dem buch muss ich noch wiedergeben:

 

„Mit Bleistift geschrieben im verplombten Waggon“
von Dan Pagis
 
hier in diesem Transport
bin ich Eva
mit Abel meinem Sohn
wenn ihr meinen großen Sohn seht
Kain Adams Sohn
sagt ihm daß ich
 
so abrupt - mit "...daß ich" endet das gedicht tatsächlich! - eine eventuelle fortsetzung bzw. vollendung wird dann in jedem leser selbst ausgelöst ...!!! ... 
Das Original-Gedicht findet sich hier: Dan Pagis: An beiden Ufern der Zeit. Ausgew. Gedichte und Prosa. Aus d. Hebr. von Anne Birkenhauer. Straelen 2003 - 
 
"... und es ist merkwürdig - liest man die Verse in anderer Reihenfolge, beginnt man mit der vierten Zeile und gibt dem Gedicht seine Satzzeichen, so bildet es eine klare, kohärente Aussage: "Wenn ihr meinen großen Sohn seht, Kain, Adams Sohn, sagt ihm, daß ich hier in diesem Transport bin, ich, Eva, mit Abel, meinem Sohn."
Es ist ein Zeichen der hohen Übersetzerkunst daß sich dieses Experiment sowohl mit dem hebräischen Original als auch mit der deutschen Fassung machen läßt. In ihrer ursprünglichen Form haben diese Zeilen einen nachvollziehbaren Inhalt: Eva ist mit ihrem Sohn Abel auf dem Todestransport und schickt ihrem großen Sohn Kain einen Hilferuf. Falls er hört, wo seine Mutter und sein Bruder sich befinden, wird er alles tun, um sie zu retten. Das ist die Logik des Satzes. Sie beruht auf Erwartungen, die Begriffen wie "Mutter", "Sohn" und "Bruder" eingeschrieben sind, aber die Konstellation Eva - Abel - Kain unterläuft diese Erwartungen sofort. Das war die erste Familie in der mythologischen Menschheitsgeschichte, und mit ihr ist der Mord in die Welt gekommen, der jetzt, im verplombten Waggon, seinen Höhepunkt erreicht.
So muß auch die Logik des Satzes zerbrechen. Als er die Außenwelt erreicht, ist die Stimme Evas längst verstummt, der Mord an ihr und ihrem Sohn bereits vollzogen. Man hört nicht mehr, wie Eva spricht, man liest nur noch, was sie, die Tote, im Waggon des Transportes als Nachricht hinterlassen hat. Der Waggon ist nicht mehr verplombt, denn man hat seine Insassen schon herausgeholt, und es wäre vorstellbar, daß der Satz, mit Bleistift geschrieben, auf seinen Türen stand: Jetzt sind die Flügel dieser Tür auseinandergerissen, und man liest seine beiden Teile in falscher Reihenfolge, beginnt ihn in der Mitte statt an seinem Anfang und läßt ihn im Nichts enden..." stand so 2004 in der faz.
 

 

 

»Wir wissen am Ende dieses cleveren und erschütternd kraftvollen Buches, dass das Monster der Erinnerung weiter frisst. Es wird niemals satt.« --Münchner Feuilleton

 

»Yishai Sarid macht mit seinem kleinen, leisen Buch unmissverständlich klar: Es gibt Verdrängung, aber kein Ende der Erinnerung.« --Deutschlandfunk Kultur

 

Detailgenau führt Yishai Sarid seine Leser ins Labyrinth dieser Erinnerungsmoral. Ein Buch wie ein Schlag in den Magen. Mit Demut zu lesen.« --Bayern 2

 

»Monster ist der literarische Nachvollzug einer moralischen Zerrüttung angesichts des Endes der Zeitzeugenschaft, die uns mit dem Holocaust verbindet. Mit schonungsloser Meisterschaft geschrieben, zielt es in das taube Herz der Gedächtniskultur.« -- FAZ

 

»Er hat eine nüchterne Schreibhaltung gewählt, was für eine beeindruckende Leistung. Akribisch genau und scheinbar ohne ein Gefühl zuzulassen hat er das vielleicht Schwierigste zwischen Juden, Israelis und nichtjüdischen Deutschen zum Thema gemacht.« -- NDR1 Kulturspiegel

 

Eine weitere Besprechung aus berufenem Mund: click here

 

An der Tiergartenstraße 4 in Berlin ("T4") erinnert seit 2014 ein Denkmal an die Opfer der NS-Euthanasie-Morde . Foto: Soeren Stache / dpa

 

Erinnerungskultur: Was wir alles nicht (mehr) wissen


Schwindet die Erinnerung an die NS-Zeit? So einfach ist das nicht. Forscher Michael Papendick über Unwissenheit, Angriffe von Rechts und Wohlfühlerinnerungskultur.

 

Von Angela Wiese | Neue Westfälische 26.01.2021 

 

 

Sie forschen am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld auch zur Erinnerungskultur in Deutschland. Welchen Stellenwert hat der Holocaust darin heute?

 

Michael Papendick: Wir finden in unseren Studien keinen Überdruss bei der Frage nach der Auseinandersetzung mit dem NS, sondern eher, dass Menschen in Deutschland sich weiter für das Thema interessieren. Wir sehen in den Studien auch, dass sich Menschen über alle Altersgruppen hinweg weiter mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Einschränkend würde ich daraus aber nicht ableiten, dass wir ausreichend gut über die NS-Zeit und ihre Hintergründe Bescheid wissen. Dadurch, dass das Thema so präsent ist, laufen wir vielleicht sogar Gefahr, dass wir überschätzen, wie viel wir über diese Zeit wissen und ausklammern, was wir alles nicht wissen. Eine Interessensbekundung allein reicht hier nicht aus.

 

Verändert sich etwas in der deutschen Erinnerung an den Holocaust?

 

In den Studien noch nicht. Aber zwei Sachen verändern sich auf jeden Fall. Zum einen die Menschen. Jüngere Generationen befassen sich mit dem Thema auf anderen Wegen als ihre Eltern und Großeltern. Zum anderen sterben die letzten Zeitzeugen, die immer eine besondere Rolle in der Aufrechterhaltung der Erinnerung gespielt haben. Man sieht aber gleichzeitig, dass es immer neue Formate der Auseinandersetzung gibt, zum Beispiel mit digitalen Zeitzeugen und Videospielen. Jüngere Generationen könnten außerdem mit einem objektiveren Blick auf die NS-Vergangenheit schauen, weil zu vermuten ist, dass sie weniger stark von familiären Verzerrungen geprägt werden als die Generationen davor.

 

Laut Ihren Studien sind in der deutschen Gesellschaft teilweise Perspektiven und Narrative über die NS-Zeit verbreitet, die sich mit historischen Fakten nur schwer in Einklang bringen lassen.

 

Am prägnantesten ist das bei der Frage nach dem Wissen über die Rolle der eigenen Vorfahren in der NS-Zeit. In den Antworten von 2019 sagen 36 Prozent, unter den eigenen Vorfahren waren NS-Opfer. Nur 20 Prozent sagen, dass ihre Vorfahren zu den Tätern gehörten. 29 Prozent sagen, Vorfahren von ihnen haben Opfern geholfen. Es gibt keine eindeutigen Zahlen dazu, zu welchen Anteilen die Deutschen in den Nationalsozialismus involviert waren. Aber mit den genannten Zahlen scheint das Ausmaß des Holocaust schwer zu erklären. Es gibt eine Verschiebung hin zu Opfer- und Helfer-Narrativen.

 

Bei den Protesten gegen die Corona-Politik benutzten einige Teilnehmer Symbole aus dem Nationalsozialismus, um sich selbst als Opfer zu inszenieren. Ist das eine gezielte Provokation von Rechts oder schlicht Unwissenheit?

 

In den allermeisten Fällen halte ich das für eine ganz klare Provokation von Rechts. Es gibt überhaupt keine Rechtfertigung oder Notwendigkeit dafür, im Kontext der Corona-Pandemie Bezüge zur NS-Zeit herzustellen und damit das Leid der Opfer während der NS-Zeit zu verhöhnen. Wenn sich jemand entscheidet, diese Symbole zu verwenden, ist das Ausdruck einer menschenverachtenden Einstellung. In allen anderen Fällen darf eine vermeintliche Unwissenheit keine Entschuldigung sein.

 

Haben Sie die Bilder von NS-Symbolen bei den Protesten überrascht?

 

Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus sind altbekannte Phänomene in der rechtsextremen Szene. Man hätte das also erwarten müssen. Trotzdem war ich sprachlos darüber, mit was für einer Schamlosigkeit und in welchem Ausmaß das Leid von Menschen dort relativiert wurde. Auch wie wenig Gegenwehr das ausgelöst hat.

 

Steckt die deutsche Erinnerungskultur aus Ihrer Sicht in einer Krise?

 

Ich glaube, man könnte der deutschen Erinnerungskultur vorwerfen, dass sie sich in einer sehr bequemen Position eingerichtet hat, eine Art Wohlfühlerinnerungskultur. Erinnerungskultur muss vielleicht wieder provokanter werden in dem Sinne, dass man nicht nur an etwas erinnert, sondern auch eine aktive Auseinandersetzung mit Geschichte fördert. Wenn die Aufgabe von Erinnerungskultur sein soll, dass wir das etwas plakative "Nie wieder!" aufrechterhalten, müssten wir angesichts der antisemitischen und menschenfeindlichen Einstellungen, die wir heute in unserer Gesellschaft finden, durchaus von einer Krise sprechen. Aber es kann auch nicht Aufgabe von Erinnerungskultur allein sein, das zu schaffen. Da müsste jeder Einzelne von uns sich fragen, für welche Dinge er heute keine Verantwortung übernimmt, obwohl wir alle die Vergangenheit kennen.

 

Welche Rolle spielt die AfD?

 

Die AfD hat in der Vergangenheit wiederholt die Erinnerung an die NS-Zeit schamlos angegriffen und versucht dabei auch immer wieder, dieses Opfernarrativ in politische Debatten zu integrieren. Teile der AfD vertreten auch die Meinung, dass Deutschland Opfer der Erinnerungskultur an die NS-Zeit ist, sprechen vom "Schuldkult". Dabei ist diese "Schuldkult"-Idee empirisch nicht haltbar. Wir finden keine Schuldgefühle unter Deutschen, sondern eher eine pro-aktive Auseinandersetzung und Interesse. Diese Täter-Opfer-Umkehr macht die AfD mit System. Das ist natürlich gefährlich, weil man sich in einer Opfer-Rolle nicht verantwortlich fühlen muss.

 

Brauchen wir eine neue Erinnerungskultur?

 

Wir haben eine ritualisierte Auseinandersetzung mit Geschichte, zum Beispiel mit Gedenktagen. Auch das ist wichtig, um als Land die Bedeutung des Themas hervorzuheben.

  • Aber das reicht nicht aus, wenn wir den Anspruch haben, verstehen zu wollen, was damals passiert ist, um uns auch für die Gegenwart zu sensibilisieren. Dann braucht es mehr als Rituale, nämlich aktive Auseinandersetzung, aus der wir ableiten, wie wir uns heute verhalten wollen.
Das Eingangstor zum ehemaligen Konzentrationslager Dachau: Mehr als 41500 Häftlinge wurden hier ermordet. (Foto: Toni Heigl)

 

 

Massiver Vorwurf

 

Joe Biden übt scharfe Kritik an KZ-Gedenkstätte Dachau


 

Der künftige US-Präsident wirft der Einrichtung in seinem autobiografischen Buch Geschichtsklitterung vor. An der Gedenkstätte ist man irritiert.

 

Von Helmut Zeller, Dachau
 
Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU), Direktor der bayerischen Gedenkstättenstiftung, ist am Freitagnachmittag gerade auf dem Weg zu seinem Heimatort Schwabach bei Nürnberg, als ihn die erstaunliche Nachricht ereilt. Joe Biden, der demnächst als 46. Präsident der USA ins Weiße Haus einzieht, hat der KZ-Gedenkstätte Dachau Geschichtsklitterung vorgeworfen. Ein massiver Vorwurf, der die Mitarbeiter der bedeutendsten KZ-Gedenkstätte mit jährlich knapp einer Million Besucher aus dem In- und Ausland ziemlich erstaunt hat. "Ich werde Joe Biden gleich, wenn ich zuhause bin, schreiben, ihm zu seiner Wahl gratulieren und ihn nach Dachau einladen", sagt Stiftungsdirektor Freller. Den Vorwurf weist der CSU-Politiker indes entschieden zurück. Da muss Joe Biden einen falschen Eindruck bekommen haben, meint auch die Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann, die von der Kritik Joe Bidens "sehr überrascht" worden ist.

 

Es war im Februar 2015. Der damalige US-Vizepräsident Biden besuchte mit seiner 15-jährigen Enkelin Finnegan die Gedenkstätte in Dachau, "ganz privat", und mit einem Konvoi von Fahrzeugen und einer großer Zahl an Bodyguards im Schlepptau. Joe Biden traf den inzwischen verstorbenen Auschwitz-Überlebenden und Vizepräsidenten des Internationalen Dachau-Komitees, Max Mannheimer. Gemeinsam mit der Leiterin und Historikerin Gabriele Hammermann begleitete er den Gast zu den Barackennachbauten, dem historischen Krematoriumsgebäude und der Gaskammer. Von Mannheimer war der Politiker sehr beeindruckt, weniger aber offenbar von der Gedenkstätte selbst. 2017 veröffentlichte Joe Biden ein autobiografisches Buch, in dem er der Gedenkstätte vorwarf, den Gedenkort umgestaltet zu haben, "um es für die Besucher weniger bedrückend zu machen". Der Band "Versprich es mir", damals in den USA ein Bestseller, liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Die bislang nicht bemerkte Passage grub ein Journalist des Spiegel aus.

 

Sein Urteil stützt Joe Biden auf mehrere Besuche der Gedenkstätte Dachau, in den Achtziger Jahren mit Sohn Beau, später mit Sohn Hunter und Tochter Ashley. Damals habe er Namen gesehen, die Häftlinge in die hölzernen Bettgestelle in den Baracken geritzt hätten. 2015 hingegen kamen ihm die Betten "sauber", die Gestelle "frisch lackiert" vor. Die "grausamen Einzelheiten" seien über die Jahre "abgemildert" worden, schrieb Biden. Nur, darin täuscht sich der künftige US-Präsident gründlich: Die originalen Häftlingsbaracken sind in den Jahren 1963 und 1964 abgerissen worden; bei den beiden Baracken handelt es sich um Nachbauten, die um 1965 errichtet worden sind - Namen von Häftlingen waren in den Bettgestellen nie eingeritzt. Gedenkstättenleiterin Hammermann erklärt sich das vernichtende Urteil dadurch, dass Joe Biden in früherer Zeit das Gedenkstättengelände über den südöstlichen Zugang betreten hat. 2015 nahm er jedoch den Weg vom neuen Besucherzentrum zum historischen Jourhaus, der keinen Eindruck vom Lager-Terror vermittelt. So weit, sagt die Historikerin, könne sie Bidens Einschätzung sogar folgen. In der geplanten Neugestaltung wolle man die historischen Spuren im Eingangsbereich viel sichtbarer machen. Deshalb wohl sei der Eindruck Bidens entstanden, man habe das ehemalige Lager aufhübschen wollen, was natürlich nicht der Fall sei. Viele Besucher in Dachau wollten ein KZ sehen. Aber es ist nun mal eine Gedenkstätte am authentischen Ort.

 

Auch Freller will einer fachlichen Auseinandersetzung nicht ausweichen. Seit den Achtzigern und Neunzigern habe sich die Gedenkkultur gewandelt. Man habe die historischen Aufnahmen von Leichenbergen zurückgefahren, weil man zur Überzeugung gelangt sei, dass dies die Würde der Opfer verletze und etwa Kinder unter den Besuchern Schaden zufügen könne. Aber man könne darüber diskutieren, in wieweit das Grauen des Naziterrors abgebildet werde. Letztlich geht es um die zentrale Frage: Wie könne man die Wirklichkeit in der Zeit des Naziregimes adäquat abbilden, sagt die Historikerin Hammermann.

 

Auch die Auschwitz-Überlebende und Schriftstellerin Ruth Klüger warf einen kritischen Blick auf die Gedenkstätten. Nach ihrem Dachau-Besuch schrieb sie: "Da war alles sauber und ordentlich, und man brauchte schon mehr Fantasie, als die meisten Menschen haben, um sich vorzustellen, was dort vor über vierzig Jahren gespielt wurde." Zurzeit wird der Dokumentarfilm in der Ausstellung, der unmittelbar nach der Befreiung von den Alliierten gedreht worden war, durch einen neuen ersetzt - die Bilder der Leichenberge sind dann nicht mehr vorhanden. Auch Überlebende wie der Israeli Abba Naor haben da ihre Zweifel.

 

Karl Freller findet die Kritik Bidens gar nicht so schlimm. Wenn schon ein US-Präsident sich mit Dachau beschäftigt, wie Freller sagt, dann beweist das doch die weltweite Bedeutung der KZ-Gedenkstätte und das zeigt deutlich, dass staatliche Finanzmittel dafür gut eingesetzt sind - auch in der Corona-Krise, in der er Einsparungen befürchten muss.

 

SZ.de, 15.01.2021

 

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also - ich könnte mir auch vorstellen, dass joe biden als privatmensch auf einer eben solchen privaten "kz-sightseeing-tour" mit seinen kindern vor jahren vielleicht ein weiteres lager besucht und besichtigt hat, das etwas "authentischer" auf ihn gewirkt hat - und einen anderen eindruck hinterließ.

 

ich finde, dass wir die ns-gräueltaten nun nicht nach 80 jahren besonders schönen müssen, weil der "erinnerunge-zeitgeist" eben ein anderer geworden sei.

 

wenn jetzt die echten zeitzeugen als authentische überlebende immer weniger werden aus biologischen gründen - und die gedenkstätten inzwischen auf aufgezeichnete virtuelle hologramm-formen statt ihrer zurückgreifen, dann ist das zwar immer noch besser als berichte aus der reinen (video)retorte - aber es wird auch immer steriler und in irgendeiner weise - aus "modernen" museums-didaktischen überlegungen heraus - "bekömmlicher" gestaltet, damit man nach der besichtigung mit erläuterungen dann auch im gedenkstätten-cafe vielleicht noch umsätze generieren kann - um das mal etwas makaber zu formulieren.

 

man muss nicht mit einer holzhammer-methode auf die jungen besucher eindreschen und sie  schockieren wollen - doch ist "diese jugend von heute" durch zum teil brutale internet- und science-fiction-videospiele auch durchaus ein gewisses "niveau" längst "gewohnt".

und nur mit einer eindringlichen und authentisch ehrlichen darstellung der wirklichkeiten damals und deren einfluss-umfeld wird man heutzutage einem diesbezüglichen bildungsauftrag gerecht - nicht durch gebremsten und schonenden schaum.

 

und auf der bus-rückfahrt vom "kz-ausflug" darf es ruhig mal bedrückt leise sein - ein bleibendes erlebnis mit tiefgang & nachhaltigkeit, von dem noch ein lebenlang weiterberichtet werden kann -"bis ins dritte & vierte glied" in den nachfolgenden generationen.  (siehe dazu auch seite "ns-psychiatrie & euthanasie - infos & news" - und da den bericht über die gedenk-triptychon-kontroverse in kaufbeuren-irsee) si

Eingangstor Buchenwald - dpa

 

 

Gedenkstätte Buchenwald


Schlittenfahrer zwischen Massengräbern


Besucher sollen die Totenwürde wahren und im ehemaligen KZ jeglichen Wintersport unterlassen: Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora kritisiert Pietätlosigkeiten von Winterausflüglern.

 

Von 1937 bis 1945 wurden im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar und in seinen Außenlagern fast 280.000 Menschen inhaftiert. Mehr als 56.000 Menschen starben in dieser Zeit an Folter, medizinischen Experimenten und Auszehrung. In einer eigens errichteten Tötungsanlage wurden über 8000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen. In diesem Winter fahren Menschen Schlitten zwischen den Gräbern, wie die Gedenkstätte Buchenwald mitteilte.

 

Einige hätten zuletzt zwischen und sogar in den dortigen Massengräbern ihre Rodelschlitten benutzt, kritisierte die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora am Donnerstag in Weimar.

 

Einige der Schlittenspuren

endeten auf den Gräbern

Jens-Christian Wagner, Direktor der

Stiftung Gedenkstätten

Buchenwald und Mittelbau Dora


Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, beklagt das Verhalten von Winterausflüglern an der Mahnmalsanlage für die NS-Opfer als pietätlos. »Am Wochenende hatten wir hier Massenbetrieb«, sagte Wagner dem SPIEGEL. Sämtliche Parkplätze seien belegt gewesen – nicht von Besuchern der Gedenkstätte, sondern von Wintersportlern. »Einige der Schlittenspuren endeten bei den Gräbern.«

 

Er könne zwar nachvollziehen, dass in diesen Zeiten viele Menschen mit ihren Kindern in die Natur wollen, aber Schlitten könne man auch woanders fahren. Immer wieder gebe es Menschen, die sich in den Gedenkstätten unangemessen verhielten. Manche Menschen würden mit ihren Hunden dort Gassi gehen, eine Frau habe mit einer Musikanlage mal Sport gemacht. »Mit dem zeitlichen Abstand nimmt die historische Sensibilität ab.«

 

Besucher sollten die Würde der Toten wahren und im gesamten Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers und der Friedhöfe jeglichen Wintersport unterlassen. »Sportliche Aktivitäten sind hier ein Verstoß gegen die Besucherordnung und eine Störung der Totenruhe.« Wagner bat um Verständnis dafür, dass aus diesem Grund mehr Sicherheitskräfte eingesetzt und Zuwiderhandlungen angezeigt werden. 

 

kha/AFP/spiegel.de, 14.01.2021


 

Vom Zeitgeist Bei Gedenkstättenbesuchen

»QAnon ist nichts anderes als der uralte Mythos vom jüdischen Ritualmord«


Die Thüringer AfD-Fraktion ist bei Veranstaltungen im früheren KZ Buchenwald unerwünscht. Der Gedenkstättenleiter über rechtsextreme Politiker, Corona-Leugner und fehlende Empathie an Massengräbern.

 

Ein Interview von Kristin Haug - DER SPIEGEL (click here)

 

 

 

Veranstaltung 2020 zum Gedenken an die Opfer der NS-Euthanasie 2020 am Mahnmal "Blaue Wand" - ein virtueller Gedenktag

 



Münchener Strafjustizzentrum

Relief zum NSU-Prozess enthüllt

Künstler Sebastian Jung hat am Strafjustizzentrum in München ein Werk enthüllt: Das Relief setzt sich mit dem NSU-Prozess auseinander und basiert auf Zeichnungen, die der Künstler im Gerichtssaal machte.

youtube-Video & Text: faz.net

 

 

na klar - über "kunst" lässt sich bekanntlich streiten: das ganze sieht für mich aus wie eine brave abschlussarbeit im werkunterricht der 8. jahrgangsstufe: unspektakuläre geistersilhouetten in- und aufeinandereinander angedeutet: die versammlung einer geisterstunde vielleicht -

und ich bekomme eine geruchsassoziation nicht aus meinem riechsinn, die für mich über diese szene sanft dahinzuwogen scheint: der blaue duft kubanischer zigarren der teureren sorte: die, die einzeln in silbernen alu-schraub- oder steckröhrchen angeboten werden - und die gerhard schröder immer von der gazprom als lobbyistengeschenk mitgebracht hat - wenn du verstehst was ich meine ...

und irgendwie hat man hier die erst heute gängigen mundnasen-abdeckmasken zur derzeitigen coronakrise wie von selbst gleich mit eingearbeitet, wenigstens verlieren sich die angedeuteten geistergesichter unter den beiden augenpunkteinbohrungen jeweils im nichts - wie in einer karikatur ... - und wie heutzutage eben in jedem kaufhaus und wahrscheinlich auch in jedem gerichtssaal: beim nach dem seuchengesetz angeordneten "masketragen".

aber dieses in diesem werk angedeutete "masketragen" wiederum führt dann die gesamtaussage dieses reliefs tatsächlich doch noch auf den bodensatz einer tiefgründigeren  bedeutungsschwangeren aussage-ebene: ja - genauso - wie hinter mund-/nasenmasken fand dieser nsu-prozess all die jahre seiner unendlichen zähen dauer statt - mit seinem langatmigen "auf-die-stelle-treten" führt er hier für mich zur wahrscheinlich ungewollt in szene gebrachten abstraktion der jeweiligen prozess-teilnehmerfiguren, denn jedes be-maskierte geistergesicht fasst irgendwie auch diese altbekannten aussageattribute der berühmten "drei affen" zusammen, die sich

 

jeweils augen, ohren und mund zuhalten und bedecken: nichts hören, nichts sagen, nichts sehen: der prozess der stummen und tauben und blinden geister, die ziellos den jeweiligen betrachter fixieren - und auch zum beschweigen, erblinden und ertauben bringen.

ich weiß nicht, ob ich das unter diesen umständen tatsächlich richtig sehe: aber das relief-material scheint im video wie eine preiswertere grobstrukturierte holzspanplatte - und wenn das tatsächlich so ist, wird sie nicht mal die zeitdauerdistanz des prozesses überstehen und an ihn erinnern können - und schon vorher dann an altersschwäche zergehen. 

aber gut, dass wir mal wieder - nichtssagend - "deutsche erinnerungskultur" so gekonnt in szene gesetzt haben - und sogar im f.a.z.-feuilleton: das ist ja schon fast der gipfel ...

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Gedenken in Hanau

 

 

 

"Ich habe Angst gehabt in meiner eigenen Wohnung"
 
Die Rede von Kemal Kocak, der viele der Ermordeten persönlich kannte.
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The National Memorial for Peace and Justice
 

informell auch als National Lynching Memorial bezeichnet, ist eine nationale Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der rassistischen Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten. Das Memorial befindet sich in Montgomery (Alabama). Errichtet wurde es im Jahr 2018 auf Initiative von Bryan Stevenson, dem Gründer der Equal Justice Initiative (EJI), einer Non-Profit-Organisation aus Montgomery.


Die Gedenkstätte besteht aus 805 in einer Säulenhalle an Trägern hängenden Stahlquadern. Jeder Quader repräsentiert eines der Counties (Bezirke), in denen Lynchmorde stattfanden. Auf den Quadern stehen die Namen der Opfer dieses jeweiligen Bezirks. Für die Zeit von 1877 bis 1950 wurden durch EJI mehr als 4400 Lynchmorde dokumentiert. EJI geht von Tausenden weiteren undokumentierten Morden aus. Die Morde erfolgten vorwiegend in 12 Südstaaten. Das Monument ist, nebst lokalen Gedenkstätten wie dem Duluth Memorial, die erste nationale Gedenkstätte, die an die Opfer der Lynchjustiz erinnert.

 

Die Gedenkstätte wurde von der MASS Design Group aus Boston gestaltet, und auf einem von EJI gekauften Gelände errichtet.

 

Außerhalb der Struktur befinden sich weitere 805 identische Stahlquader. Geplant ist, diese Stahlquader in den betreffenden Bezirken als Gedenkstätten aufzustellen.

 

In der Nähe des Monuments befindet sich das ebenfalls vom EJI erbaute Museum "From Enslavement to Mass Incarceration". Es wurde an dem Platz erbaut, an dem einst versklavte Afro-Amerikaner verkauft worden waren und dokumentiert die Geschichte von Sklaverei, Ausbeutung und Masseneinkerkerung von Afro-Amerikanern.

konnte dieser barbarische eingriff des holocaust in die menschlichkeit "danach" geistige, künstlerische oder gestaltende leistungen der kulturschaffenden gemeinschaft überhaupt noch zustande bringen - oder konnte die reaktion nur ein tiefes allgemeines beschweigen sein - eine "ohnmacht" - in stiller trauer sozusagen.

aber die "kultur" ist flexibel - sie hat allmählich - und erst recht 75 jahre nach der befreung von auschwitz - ihre sprachen wiedergefunden - und hat sich über alle selbst auferlegten ge- und verbote hinweggesetzt.

inzwischen probiert sie sich an "auschwitz" und "holocaust" mit ganz unterschiedlichen herangehensweisen - zumal ja mit dem allmählichen verschwinden der direkten zeitzeugen auch neue formen der botschaften an die nachgeborenen entwickelt werden müssen.

und so wichtig da auch die gedenkveranstaltungen mit trauermusik und engagierten reden von politikern und historikern sein mögen, so wichtig ist es aber auch, dass der einzelne mensch im hier & jetzt etwas vom geschehen damals zumindest in etwa "wahrnehmen" kann mit seinen persönlichen und sinnlichen "antennen" - dass er etwas erspüren kann, auch vermittelt durch moderne medien, im nach- und miterleben.

und das geht nur durch kulturelle aktivitäten, eben auf geistigem, künstlerischen und gestalterischen wegen - im nachvollziehen von opferschicksalen von damals, flankiert mit nachgestelltem milieu - ganz abstrakt oder konkret - je nach gusto.

ein wegzuwischender "vogelschiss", der endlich im sankt nimmerleinsland verschwindet und untergeht, ist das auf jeden fall nicht...

die metropolis sondersendung von arte zu dem thema zeigt in 44 minuten jedenfalls eine ganze reihe von methodischen und didaktischen ansätzen, sich dem "unfassbaren" trotzdem angemessen von verschiedenen ausgangspunkten zu nähern.

vielleicht ist es auch eine inzwischen zeitgemäße anregungs- und motiv-sammlung - die aber auch wieder nur durchgangsstadien sind zu neuen ufern in der zukunft.

wir werden dieses thema in deutschland hoffentlich nie "überwinden", aber wir müssen angemessen und würdevoll lernen damit zu leben - zumindest "bis ins dritte und vierte glied" - und darüber hinaus.

 

 

 

 

 

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Kunst nach Auschwitz

75 Jahre Befreiung Auschwitz. Das schrecklichste je begangene Morden stieß auch die Kunst in eine tiefe Sinnkrise.

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch!“ proklamiert Theodor Adorno nach Kriegsende. Der Satz wurde als generelles Verdikt gegen jegliche Dichtung wie auch Kunst im Allgemeinen nach dem Holocaust, als konkretes Darstellungsverbot von Kunst über Auschwitz und die Konzentrationslager oder als bloßes provokatives Diktum verstanden. Die Auseinandersetzung um Adornos Satz wurde zum vielleicht wichtigsten Drehpunkt des ästhetischen Diskurses der Nachkriegszeit. Doch die Ermordung von Millionen Menschen duldet kein Vergessen. „Metropolis“ spricht mit Aleida Assmann und dem Zentrum für politische Schönheit. Wie kann eine angemessene poetische Form der Erinnerung aussehen? Und wie lässt sie sich lebendig halten, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind?

Esther Bejarano - Die Akkordeon-Spielerin von Auschwitz.

Das Akkordeon hat Esther Bejarano im KZ Auschwitz das Leben gerettet. Heute macht die 95-Jährige wieder Musik – gegen Neonazis und das Vergessen. Seit zehn Jahren steht sie mit der Rap-Gruppe „Microphone Mafia“ auf der Bühne. Als eine der letzten lebenden Zeitzeugen von Auschwitz besucht sie Schulen und beantwortet Fragen zum dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

„Third Generation - Next Generation“
Die israelische Regisseurin Yael Ronen hat ihr Stück im Berliner Gorki-Theater nach zehn Jahren neu inszeniert.

Ronen lässt eine Gruppe israelischer, palästinensischer und deutscher Schauspieler auf der Bühne aufeinander los. Mit bitterbösem Humor und politisch völlig inkorrekt pfeffern sich die Akteure gegenseitig ihre Biografien um die Ohren. Die dritte Generation nach Auschwitz spielt so schonungslos mit Täter, Opfer und Gutmensch, dass man bald nicht mehr weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Stimme der dritten Generation: 
Benyamin Reich

Der israelische Fotograf zeigt, wie man heute mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit leben könnte.
Ein Nazioffizier heiratet eine Jüdin. Überlebende des Anschlags auf die Synagoge von Halle posieren für Portraits. Benyamin Reich spielt mit Rollen von Tätern und Opfern. Aufgewachsen ist Reich in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem. Seine Großeltern: Überlebende des Holocaust. Seit Jahren fotografiert Reich jüdisches Leben in Berlin und stellt fest: Versöhnung passiert dort, wo Begegnung ist.

Maya Jacobs-Wallfisch: „Briefe nach Breslau“
Was es bedeutet, die Tochter einer Holocaust-Überlebenden zu sein?

Maya Jacobs-Wallfisch ist Psychotherapeutin, spezialisiert auf die transgenerationale Weitergabe von Traumata. Ihre Mutter Anita Lasker-Wallfisch überlebte Auschwitz, als Cellistin im Lagerorchester. Über das Schweigen der Mutter über den Holocaust und die Schwierigkeiten, im London der Nachkriegsjahre die eigene Identität zu begreifen, hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

Erez Kaganovitz – “Humans of the Holocaust”

Erinnerungskultur in Popkulturästhetik: Das Social-Media Projekt entstand, als Fotojournalist Erez Kaganovitch auf beunruhigende Schlagzeilen stieß: Die Hälfte der Millenials in den USA haben noch nie von Auschwitz gehört! Kaganovitz – selbst Enkel von Holocaust-Überlebenden – erzählt die Geschichten der Überlebenden, ihrer Kinder, sowie der Juden auf der ganzen Welt - in humorvollen und unkonventionellen Bildern.

 

 

 


Aus der Serie SINN & VERSTAND

Erinnerungskultur

Was kann man von den Deutschen lernen?

Trotz Hanau – kein anderes Land der Welt hat sich seiner Vergangenheit so ermutigend gestellt.

Von Susan Neiman in der ZEIT 11/2020

 

 

 

 

Die Vergangenheit ist präsent: Foto von Klaus Pichler aus der Serie "Staub", 2010. © Klaus Pichler/​Anzenberger (aus der Serie "Dust" 2010)
 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer im Frühjahr 2020 in Deutschland behauptet, die Welt könne etwas von den Deutschen lernen, erntet nicht nur Verwunderung, sondern Spott; vor allem, wenn es um den originärsten aller deutschen Exporte geht: die Vergangenheitsaufarbeitung. Der Begriff "Erinnerungskultur" ist mir zu euphemistisch: Es sind schließlich nicht beliebige Erinnerungen, die hier wachgehalten werden sollen. Im Vordergrund steht das Erinnern an Traumata, und zwar in erster Linie an solche, die das eigene Land produziert hat. Bewältigt werden können solche Traumata vermutlich nie, doch ähnlich wie Schuld können sie aufgearbeitet werden, auch wenn eine Restschuld immer bleibt. Meine These: Kein anderes Land der Welt hat sich annähernd einer solchen Aufgabe gestellt. Um sie vollständig erfüllen zu können, muss man zuerst würdigen, was bisher geleistet worden ist.

Schon lange vor den jüngsten Terroranschlägen begegnete ich immer wieder Deutschen, die diese These als Beweis dafür sehen, dass Amerikaner hoffnungslos naiv bleiben. Ob ich denn nicht wisse, wie lange die Deutschen gebraucht hätten, um sich statt als größte Opfer als größte Täter zu betrachten? Ob ich denn nicht wisse, dass es immer noch Rassismus in Deutschland gebe, wofür gegenwärtig die AfD stehe? Der NSU? Halle?

Da ich seit 1982 überwiegend in Berlin lebe, ist mir das alles nicht entgangen. Zwar bin ich weder Historikerin noch Soziologin, sondern Philosophin. Doch habe ich seit Jahrzehnten diese Nation intensivst beobachtet – zunächst, um herauszufinden, ob Berlin ein Ort sei, an dem ich jüdische Kinder erziehen wollte. Ende 1988 habe ich mich dagegen entschieden. Im Jahr 2000 – nach der Wahl der rot-grünen Regierung, nach der Reform des Staatsbürgerschaftsgesetzes und einigen Entwicklungen mehr – kehrte ich mit meiner Familie zurück, denn die zaghafte Aufarbeitung, die in den Achtzigerjahren angestoßen wurde, hatte sich verwurzelt.

Heißt das, dass Deutschland die oft ersehnte Normalität erreicht hatte? Natürlich nicht. Es gibt zu viel Geschichte, zu wenig Selbstbewusstsein, zu viel Bewusstsein dessen, wie man von außen wahrgenommen wird, als dass dieses Land als normal gelten könnte. Doch das Wehklagen darüber, (noch) nicht normal zu sein, ist erstaunlich kurzsichtig. Auch Israel sehnt sich nach Normalität; Irland war dabei, sie zu erlangen, bevor der Brexit einen Strich durch die Rechnung machte. Apropos Brexit: Ist Großbritannien – diese einstige Weltmacht, die sich über Fragen ihrer Identität geradezu zerreißt – normal? Statt nach einer vermeintlichen Normalität zu suchen, die kaum ein Land, genau betrachtet, wirklich besitzt, sollte Deutschland eher schätzen lernen, was es in seiner Art, nicht normal zu sein, tatsächlich erreicht hat.

Nun verstehe ich deutsches Selbstmisstrauen, auch wenn es die Kehrseite von deutschem Größenwahn ist. Schon der Anstand verbietet es, sich mit der gelungenen Aufarbeitung der eigenen Schuld zu brüsten. Zugleich gilt es als Tabu, die nationalsozialistischen Verbrechen mit Verbrechen in anderen Ländern zu vergleichen, wohl auch deshalb, weil die Nationalsozialisten selbst gern Vergehen anderer Länder ins Feld führten, um die eigenen zu relativieren. So sollte etwa der Mord an den Native Americans den deutschen Drang nach osteuropäischem Lebensraum legitimieren.

Ich versuche, mich an Tzvetan Todorovs weise Maxime zu halten: Deutsche sollten über die Singularität des Holocausts reden, Juden über seine Universalität. Nur wer meint, Aussagen erschöpften sich in ihrem Wahrheitswert, wird Todorovs Ausspruch problematisch finden. Wie uns die Sprachphilosophie lehrt, sind Aussagen nicht nur Feststellungen, sondern Handlungen. Deutsche, die von der Singularität des Holocausts sprechen, übernehmen Verantwortung; Deutsche, die von seiner Universalität sprechen, suchen Entlastung.

Nachhilfestunde aus dem Herzen der Finsternis

Als Jüdin darf ich aber über die Universalität des Holocausts nachdenken und mit Sorge feststellen, dass "Nazi" außerhalb Deutschlands weniger eine politische als eine metaphysische Kategorie geworden ist. Nazi heißt einfach: der Inbegriff des Bösen, der Abgrund im Herzen der Geschichte. In einer Welt, in der jede moralische Aussage mit zunehmender Skepsis betrachtet wird, mag man froh sein, auch irgendwo Einigkeit zu finden. Doch ein Symbol für das absolut Böse liefert einen Superlativ, an dem gemessen jede andere Gräueltat wie ein Kavaliersdelikt wirkt. Um es psychoanalytisch auszudrücken: Der Fokus auf Auschwitz ist eine Verschiebung dessen, was wir über andere nationale Verbrechen nicht wissen wollen.

Diese Verschiebung ist in England wohl noch stärker ausgeprägt als in den USA, doch mir war es vor allem wichtig, den Amerikanern zu sagen, sie könnten eine Nachhilfestunde aus dem Herzen der Finsternis gebrauchen. Der unmittelbare Anlass, ein Buch darüber zu schreiben, war das Massaker von South Carolina, bei dem 2015 neun schwarze Kirchenbesucher während einer Bibelstunde erschossen wurden. Der Täter war ein junger weißer Mann, der auf Fotos stolz rassistische Symbole wie die Fahne der Konföderation präsentierte. "Reißt die Fahne herunter!", rief Präsident Obama bei der Trauerrede. Schon lange hatte man gegen seine Präsidentschaft mit dem Mantra gepöbelt, das Weiße Haus solle weiß bleiben.

Doch die Morde in einer Kirche, die Würde der Hinterbliebenen und die Eloquenz des Präsidenten einigten die Nation zunächst. Zwei republikanische Gouverneure folgten Obamas Appell und überließen die Fahnen den Museen. Amerikas größtes Warenhaus verkündete, keine Symbole der Konföderation mehr zu führen. Das Land schien begriffen zu haben: Wenn Rassismus und Gewalt in der Geschichte verschwiegen und verharmlost werden, leben sie in der Gegenwart fort. Später würden wir erfahren, dass Trumps Berater Steve Bannon seine Leser ermunterte: Haltet die Fahnen hoch! Doch wer achtete damals auf Steve Bannon?

Eine amerikanische Vergangenheitsaufarbeitung war im Gang, und ich wollte dazu beitragen. Mir war bewusst, dass die Erfahrung eines Landes nie direkt auf ein anderes übertragen werden kann, und so verbrachte ich ein halbes Jahr in Mississippi, um die dortigen Auseinandersetzungen mit dem Rassismus der Geschichte und der Gegenwart zu reflektieren, bevor ich Lektionen aus der deutschen Nachkriegszeit weitergab. Zwar ist der amerikanische Rassismus nicht nur im Süden vorhanden, doch der Umgang mit der Geschichte ist dort allgegenwärtig.

Allerdings ist die Geschichte, die dort erzählt wird, eine Opfergeschichte: Im Bürgerkrieg waren die Südstaatler Freiheitskämpfer, die ihre Heimat verteidigen wollten, aber sie wurden von der Übermacht des Nordens geschlagen. Wie nobel die Demut dieser Opfer war, wie schrecklich ihre Demütigungen: Schlimm genug, dass die Städte in Schutt und Asche lagen, die überlebenden Männer verwundet oder gefangen, die Frauen und Kinder dem Hungertod nah. Doch am allerschlimmsten waren die fremden Besatzer. So vulgär wie unwissend, schoben sie ihnen die Kriegsschuld in die Schuhe! Wer die Untertöne der frühen Bundesrepublik wahrgenommen hat, dem wird es nicht schwerfallen, hier Parallelen zur deutschen Geschichte zu erkennen.

Richard von Weizsäckers berühmteste Rede ist immer wieder kritisiert worden, weil sie eine Befreiung ausrief, die wenige Deutsche 1945 begrüßten. Doch wer die Stimmung, die 1985 herrschte, begriffen hat, kann die Bedeutung jener Rede ermessen. Der Zusammenbruch, wie es vorher in der Bundesrepublik hieß, war Gegenstand der Trauer gewesen; nach der Rede war er eine Rettung, die gefeiert werden konnte. Dieser Perspektivwechsel ist eine Leistung, die dem amerikanischen Süden nach 150 Jahren noch nicht gelungen ist. Dort wird am Opfernarrativ festgehalten, tausendmal verewigt in Denkmälern für Soldaten, in Fahnen, die vor Staatsgebäuden wehen, in Liedern, die ahnungslos gesungen werden, in Geschichten, die über Generationen hinweg erzählt werden.

Neuerdings kann man den Anfang einer solchen perspektivischen Wende in der amerikanischen Öffentlichkeit wahrnehmen: Ja, der Süden hat im Krieg gelitten, aber er hat den Krieg auch angefangen, und zwar nicht aus dem vagen Wunsch heraus, "die Rechte der Bundesstaaten" zu verteidigen, sondern das Recht, andere Menschen auf ewig zu versklaven.

Scham tut gut, denn nur durch Scham wird eine Gesellschaft verändert

Diese aktuelle Auseinandersetzung um das wichtigste Ereignis der US-amerikanischen Geschichte hat mit der Gegenwart zu tun. Seit Ende 2016 kommt es nicht nur im Süden, sondern landesweit zu Hakenkreuzschmierereien, werden jüdische Synagogen und afroamerikanische Kirchengemeinden angegriffen, und im Weißen Haus sitzt ein Mann, der tobende Nazis in Fackelzügen "sehr feine Leute" nennt. Auf einmal wurde es klar: Nazis sind nicht nur ein deutsches Problem. Vergleiche, die einst provozierend wirkten, sind Amerikanern nicht mehr fremd. Anstatt abzuwehren, wollen sie wissen: Wie haben es die Deutschen geschafft, aus Nazis Demokraten zu machen?

Scham tut gut, denn nur durch Scham wird eine Gesellschaft verändert, erzählte mir Bryan Stevenson, dessen National Lynching Memorial das wichtigste Zeugnis eines neuen amerikanischen Bewusstseins ist. Der Anwalt, der vor allem schwarze Gefangene vor der Todesstrafe rettet, war beeindruckt von der Weise, in der die Reflexion der Vergangenheit auf die deutsche Gegenwartspolitik einwirkt. In Deutschland haben ihn Denkmäler wie die Stolpersteine beeinflusst; die von ihm ins Leben gerufene Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der rassistischen Lynchjustiz will ein Gegenstück zu den noch herrschenden Narrativen in die Landschaft schreiben.

Paradoxerweise ist für Aktivisten wie ihn geradezu ermutigend, was Deutsche zu Recht beklagen: wie viel Zeit es brauchte, bis ein echter Perspektivwechsel eintrat und sich das Selbstbild der Deutschen vom Kriegsopfer zum Kriegstäter wandelte. Diese Ermutigung wirkt umso stärker, als von außen betrachtet kaum nachzuvollziehen ist, dass die Täternation einst in Selbstmitleid versank. Denn das Nachkriegsbild, das um die Welt ging, war das Bild, das das Ausland sehen wollte: Willy Brandt auf den Knien in Warschau, 1970.

Die Geste der Reue war die Geste, die erwartet wurde. Wer wusste schon, dass Brandt in Deutschland in breiten Bevölkerungskreisen als Vaterlandsverräter galt; dass die Emigration, die ihn in unseren Augen zum guten Deutschen machte, ihn zu Hause zum schlechten Deutschen abstempelte? Von diesen Widerständen auf dem Weg der Vergangenheitsaufarbeitung zu hören hat meine amerikanischen Kollegen erleichtert.

Wenn selbst die Nazis und ihre Mitläufer Jahrzehnte brauchten, um den Wahrnehmungswandel vom Opfer zum Täter zu vollziehen, gibt es Hoffnung, dass auch andere diesen Weg erfolgreich zurücklegen können. Die Tendenz, das eigene Leid über alles zu stellen, ist so universell wie die Abwehr von Schuld und Scham. Wenn Deutschland beides – zum großen Teil – überwinden konnte, dann könnte es anderen Länder auch gelingen. Dennoch wird in Deutschland immer wieder das Unbehagen an der eigenen Vergangenheitsaufarbeitung formuliert. Sie sei zu ritualisiert, zu theatralisch, zu rhetorisch; zu wirkungsarm, um die AfD zu beseitigen, oder umgekehrt so allgegenwärtig, dass sie jedes gesunde Nationalgefühl ersticke. Mit anderen Worten: Sie ist unvollkommen. Wie denn auch nicht?

Die zivilisatorische Leistung, die sie darstellt, ist erstmalig in der Geschichte und sollte als work in progress verstanden werden. Es ist eine Aufgabe, an der kontinuierlich gearbeitet werden muss, gerade weil es keine narrensichere Schutzimpfung gegen Rassismus und Reaktion gibt. Während die AfD Jahrzehnte der Bemühungen, die Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten, als beschämend denunziert, ist es uns anderen aufgegeben, darauf zu bestehen, dass Scham der erste und notwendige Schritt zu einem demokratischen Selbstbewusstsein einer Nation ist.

Die größte Lücke der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung wird allerdings selten erwähnt: die nahtlose Aufnahme von Kerngedanken der Nazi-Ideologie durch das, was Willi Winkler in seinem Buch Das braune Netz "verordneter Antikommunismus" nennt. Danach seien Kommunismus und Faschismus zwei Seiten einer Medaille. Es geht letzten Endes um Entlastung: Je übler die Bolschewiki erschienen, desto besser sehen die Nazis im Rückblick aus. Wenn Kommunismus und Faschismus gleich böse sind, haben auch Papa und Opa nicht das Böse bekämpft?

Antifaschismus war mit gutem Grund Staatsräson der DDR

Trotz einer kurzen Pause während des Historikerstreits herrschte in dieser Weltsicht in der BRD Konsens. Das beeinflusst bis heute unsere Sicht auf die DDR und führt zur gängigen Meinung, die DDR habe sich nicht wirklich mit der Nazi-Zeit auseinandergesetzt. Doch was heißt hier wirklich? Der Vorwurf, dass es dort bestenfalls einen verordneten Antifaschismus gab, ist kurios. War es etwa nicht richtig, einem faschismusdurchseuchten Land den Antifaschismus zu verordnen? Auch die Westalliierten taten dies, bis der Kalte Krieg den Vorrang vor der Entnazifizierung bekam.

Antifaschismus war Staatsräson der DDR, mit gutem Grund: Als Herzstück des Nazi-Gedankenguts war der Antikommunismus mindestens so zentral wie der Antisemitismus. Auch wenn der Staat den Antifaschismus instrumentalisierte, wurde die antifaschistische Grundhaltung selbst von DDR-Bürgern als aufrichtig erlebt, die alles andere an diesem Staat kritisierten. Zahlen belegen, wie viele Altnazis vor Gericht gestellt oder verurteilt wurden, wie viele Altnazis in den Ämtern geblieben sind, wie viele Denkmäler und Gedenkstätten errichtet wurden, wie viele Unterrichtsstunden über den Holocaust auf dem Lehrplan der Schulen standen. Der 8. Mai wurde in der DDR, schon 40 Jahre bevor Weizsäcker seine Rede hielt, als Tag der Befreiung gefeiert. Nun lautet ein Vorwurf, die DDR habe ihren Bürgern den Eindruck vermittelt, immer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben. Selbst wenn es manchmal so gewesen ist, war wenigstens dort immer klar, welche Seite der Geschichte die richtige war.

Nichts provoziert den Widerstreit zwischen Ost und West wie der Vorwurf, die andere Seite führe das Schlimmste aus dem Nazi-Erbe ununterbrochen fort. Wenn ich darauf bestehe, dass der Antifaschismus der DDR ein aufrichtiger Versuch war, die Nazi-Zeit aufzuarbeiten, will ich nicht behaupten, dieser Weg sei makellos gewesen. Lieber sollten wir die Mängel vergleichen: Während die Aufarbeitung im Osten von oben kam, musste im Westen im Nachgang von unten gemacht werden, was von oben fehlte. Doch wenn der östliche und der westliche Teil Deutschlands heute anerkennen könnten, dass jede Seite (unterschiedliche) Fortschritte gemacht hat, diese Kontinuität zu durchbrechen, während sie diese (auch auf unterschiedliche Weise) aufrechterhielt, wäre eine geistige Wiedervereinigung endlich möglich.

Dass die Gleichsetzung von links und rechts nicht nur von historischem Belang ist, wurde bei der Landtagswahl in Thüringen deutlich. Sie wird umso bedeutungsvoller, als die rechtsradikalen Terroranschläge Deutschland nun zu einer bitteren Form der heutigen Normalität verhelfen. Auch wenn die Zahl der Ermordeten (noch) nicht diejenige von Norwegen, Neuseeland oder den USA erreicht, haben die Morde in Kassel, Halle und Hanau vieles mit diesen anderen gemeinsam: vor allem ideologisch. Von linken Morden gibt es in den letzten Jahrzehnten auch international keine Spur, während die Zahl von ermordeten people of color durch rassistische Rechtsradikale weiter steigt. Angesichts dessen ist es längst an der Zeit, mit dem Gerede von Rechts- und Linkspopulismus aufzuhören und die wirklichen Gefahren beim Namen zu nennen: Von Vergangenheitsaufarbeitung könnte sonst kaum die Rede sein.

  • SUSAN NEIMAN - Die Philosophin, 64, ist gebürtige US-Amerikanerin. Sie leitet seit dem Jahr 2000 das Einstein Forum in Potsdam. Ihr Buch Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können erscheint im März bei Hanser Berlin.

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Nationalsozialismus

In der DDR wurde die NS-Zeit verdrängt

Die Erinnerungskultur in Ost- und Westdeutschland ist sehr unterschiedlich. Die DDR war kein antinazistischer Staat. Eine Replik auf Susan Neiman

Ein Kommentar von Micha Brumlik in der ZEIT 11/2020

Dieser Artikel ist eine Replik auf Susan Neimans Beitrag über die Erinnerungskultur der Deutschen.

Als in Westdeutschland aufgewachsener Jude, der als junger Mann das Land verlassen hat, um nach zwei Jahren in Israel (reumütig?) zurückzukehren, kann ich Susan Neiman weitgehend zustimmen, muss ihr aber in einem Punkt deutlich widersprechen: ihrer Hochschätzung der DDR als einer antifaschistischen, einer antinationalsozialistischen Gesellschaft. Nein – die DDR hat noch stärker verdrängt als die Bundesrepublik.

Während in der Bundesrepublik die sogenannte "Aufarbeitung" – von "Bewältigung" lässt sich in keiner Hinsicht sprechen – schleppend, aber immerhin doch seit dem von Fritz Bauer 1963 eingeleiteten ersten Frankfurter Auschwitzprozess in Gang kam, um schließlich im Protest der Studenten 1968 gegen ehemalige nationalsozialistische Hochschullehrer einen ersten Höhepunkt zu erreichen, ließ die damalige Führung der DDR zwar in ihren Anfängen einige ehemalige Nationalsozialisten anklagen, verurteilen und erschießen. Sie beteiligte sich sogar – namens siebzehn in der DDR wohnender Überlebender – mit dem Rechtsanwalt Kaul als Nebenkläger am Frankfurter Auschwitzprozess, um gleichwohl beinahe alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder in Partei, Staatsdienst und Wirtschaft zu integrieren – und das nach dem Motto: "Die Partei vergibt, aber sie vergisst nicht."

Damit wurden alle ehemaligen Nationalsozialisten zu erpressbaren und umso leichter kontrollierbaren, willfährigen Funktionsträgern. Und dennoch – oder ebendeshalb – existierte in der DDR eine von der Geschichtswissenschaft nach wie vor nicht ernst genommene antisemitische Szene, die von der Staatssicherheit teils argwöhnisch beobachtet, teils geheimdienstlich genutzt wurde.

Das belegt penibel die noch immer skandalöserweise viel zu wenig wahrgenommene Studie des Berliner Historikers Harry Waibel, die 2017 unter dem Titel Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR erschien. Waibel, der sich vor allem aus 2000 als "streng geheim" klassifizierten Quellenmaterialien – nicht zuletzt des Ministeriums für Staatssicherheit – informiert hat, konnte daher schon zu Beginn seiner Studie mitteilen: "Die Anzahl neonazistischer Vorfälle liegt bei etwa 7000, und etwa 725 Vorfälle betreffen Rassismus, und 900 Straftaten sind antisemitischer Natur, wovon etwa 145 die Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber betreffen. Bei über 200 gewalttätigen Angriffen wurden durch Pogrome und pogromartige Angriffe tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt, und mindestens 10 Personen wurden zum Teil in Lynchjustiz getötet. [...] Die Angriffe wurden in den allermeisten Fällen von jüngeren Männern durchgeführt und fanden in über 400 Städten und Gemeinden der DDR statt."

Auch ein Blick in die Schulgeschichtsbücher der DDR lässt wenig Zweifel offen, dass Antisemitismus und Schoah dort kaum angemessen behandelt wurden.

Wer davon immer noch nicht überzeugt ist, lese nur das 2019 erschienene Buch der ehemaligen DDR-Weltklassesprinterin Ines Geipel Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Dort ist zu lesen: "Der Osten [...] blendete in Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht."

Dem ist – nach den Erfolgen der AfD im Osten, nach Halle und Erfurt – nichts hinzuzufügen.

  • MICHA BRUMLIK - 72, ist Publizist und war Professor für Erziehungswissenschaft. Sein Buch Antisemitismus ist soeben erschienen.

 

Stolpersteine
 

 


dem oben gesagten ist aus der jeweiligen sicht kaum etwas hinzuzufügen. aber auch unbedingt die kontroverse zur erinnerungskultur in der ddr muss wohl so, wie sie der jude micha brumlik kurz & knapp formuliert hat, so unter der lobeshymne der amerikanischen jüdin susan neiman stehen, deren lobesduktus gerade auch im vergleich mit den nationalen gedenk-aufarbeitungen in den usa und anderswo zwar verständlich ist, aber doch zurechtgerückt werden muss. es gibt noch keinen grund, uns die absolution zu erteilen.

in der aufarbeitung der ns-"euthanasie"-verbrechen zum beispiel hat man jetzt zwar inzwischen einen groben "globalen" überblick erarbeitet: welche vernichtungsphasen, welche deportationstransporte von wo nach wo - welche tötungsarten - aber die details und die verwirrspiele der mörder zur vertuschung während ihres tuns aber auch noch danach sind noch nicht restlos aufgearbeitet. die holocaust- und euthanasie-morde waren so industriell kleinteilig organisiert und ausgeführt und brauchten ein so diffiziles fachliches "know-how", dass jede gewalttat von vielen "tätern" und mitwissern und den weisungen der jeweiligen fach-experten begangen wurde.

die allerschlimmsten nazitäter sind zwar schon in den 50-er jahren in ost und west abgeurteilt worden - aber dann ging es auch schon ans endgültige vergessen und abspalten, was heute noch vorherrscht oder aber jetzt, nach dem verschwinden der zeitzeugen, erst recht einsetzt. denn die "kleinen" und "kleineren" leb(t)en ja zum teil noch mitten unter uns und genossen ihren lebensabend mit voller rente, oder waren wieder zu rang und (neuen) namen gekommen, waren in die "richtigen" parteien eingetreten oder z.b. aber in den örtlichen schützen- oder karnevalsverein, bauten sich ihr klein-häuschen und hätschelten ihre familien oder zogen ihre kinder mit "starker hand" groß - je nachdem ...

da kann man auch heute nicht mehr "nachkarten", diese unterlassungssünden muss sich aber dieser staat und seine bewohner mit in die annalen schreiben - und daraus lernen. die nsu-morde aber z.b. zeigen zunächst wieder genau die alten reflexe: "vertuschen" aller umstände, akten dazu 120 jahre einmotten - das ist die deutsche wirklichkeit... - in 80 jahren kaum etwas dazugelernt...
und was nutzen dann am 27.01. jeweils der festakt im bundestag mit den erschütterndsten zeitzeugenberichten oder die ritualisierten kranzniederlegungen oder vorträge der historiker an den gedenkstätten.

man hat die historische chance vertan, als nachkriegs-gesellschaft auch innerhalb der familien und ortschaften und regionen mal "reinen tisch" zu machen, stattdessen schwieg man sich aus, ließ die akribisch geführten akten in den archiven, soweit noch vorhanden, einfach vergammeln und z.t. verschimmeln, wie z.b. die rund 30.000 krankenakten von in der ersten, sogenannten "t4"-phase ermordeten opfer des systematischen patienten-massenmordes (ns-euthanasie), die 1990 im ehemaligen “ns-archiv” in einem unfrequentierten nebenraum des ministeriums für staatssicherheit der ddr gefunden wurden, wo sie wohl für anstehende denunziations- und erpressungszwecke abgelegt wurden.


und auch diese akten wurden dann nach ihrem auffinden 1990 nicht etwa unverzüglich der öffentlichkeit zu nachforschungen vielleicht auch noch zu den jeweils verantwortlichen und tätern zugänglich gemacht. nein - ausgerechnet eine israelische organisation iaapa stellte 2003 zunächst die klarnamen zu diesen 30.000 opfern nach rechtsprechung der bundesrepublik "illegal" ins internet, denn man monierte in falscher deutscher gründlichkeit datenschutz- und archivrechte. und erst seit august 2018 (also 28 jahre nach dem auffinden) kann man diese namen "offiziell" auch beim bundesarchiv online recherchieren, nachdem wohl auch noch die letzten damit im zusammenhang stehenden mitwisser und helfershelfer, also z.b. ärzte, nsv-schwestern, deportationsverantwortliche, verwaltungsbeamte usw. endlich verstorben sind.

susan neiman geht auf dieses immer noch anhaltende "vergessen" und "beschweigen" kaum ein, die zu einer ungeschönten beschreibung der deutschen vergangenheits-aufarbeitung dazugehören müsste. 

und mit den noch so monumentalen gedenkstätten oder auch den kleinen inzwischen über 70.000 stolpersteinen mit den namen jeden opfers ist es noch immer nicht getan, solange es moralische "pflicht-rituale" bleiben. denn durch die aufgesetzten trauerblicke und die tragende musik von arvo pärt ändert sich das notwendige tatsächliche erfassen und be-greifen kaum - auch nicht in der eigenen familiären hemisphäre - damit entsteht noch keine innere "läuterung" der gesellschaft insgesamt.

all die schandtaten von urgroßeltern oder großeltern waren keine "dazugehörenden kavaliersdelikte", das waren vollendete rassistisch konnotierte morde & totschlagsdelikte oder folterungen und das war lynchjustiz - und dazu waren diese menschen mit ein paar simplen tricks der propagandistischen verführung und der massenhysterie fähig: millionen haben dabei mitgemacht - und nur eine kleine handvoll hat dagegen aufbegehrt.

es bleibt noch viel zu tun.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Aufarbeitung aufarbeiten

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie fordert: Wir müssen die blinden Flecken beider deutschen Staaten ausleuchten - für eine Ächtung und Bekämpfung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit heute

Ist es nicht endlich genug mit der Vergangenheitsbewältigung, was können wir dafür, wenn unsere Groß- und Urgroßeltern im sogenannten Dritten Reich Mist gebaut haben? So fordern bisweilen jüngere Menschen einen Schlussstrich unter der NS-Vergangenheit. Die listige Reaktion des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger auf frühere Einlassungen, nun sei es aber genug mit Hitler und Holocaust, war einmal: Man müsse sich auch um die Reparatur der Kanalisation kümmern, wenn die Urgroßväter sie gebaut und womöglich vermasselt haben. Die zeitgemäße Analogie sind die Brücken, die autoverrückte Babyboomer zuschanden gefahren haben und eine Generation in Stand setzen muss, die womöglich gar nicht mehr Autofahren will (oder darf). Manche Verantwortungen lassen sich nicht einfach abweisen; auch wenn die Generation der Schuldigen nun endgültig abtritt.

 

stolpersteine sind eine "gesamtdeutsche" gedenk- und
kunstform - der erste stein wurde 1992 vom künstler
gunter demnig im köln gelegt - inzwischen gbt es über 75.000
gedenksteine in ganz europa.

Heute geht es nicht mehr um Schuld. Aufgearbeitet werden muss heute vielmehr die Art und Weise, wie NS-Verbrechen in zwei konträren politischen Systemen bearbeitet worden sind, die heute noch kulturell gespalten wirken: eine „Aufarbeitung der Aufarbeitung“ gewissermaßen. Nicht beiläufig verlangen gerade im Westen Deutschlands sozialisierte Politiker von rechts außen wie Alexander Gauland und Björn Höcke (beide AfD) eine 180-Grad-Wende und erklären die Thematisierung des Holocaust zur nationalen Schande. Sie spekulieren auf Resonanz vor allem im Osten des Landes und verdienen genau den Widerspruch, den CSU-Chef Franz Josef Strauß 1969 zu spüren bekam, als er „Schluss mit ewiger Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftlicher Dauerbüßeraufgabe“ verlangte.

Wie und warum kam es zu den „zwei Erinnerungskulturen“ in Deutschland? Blicken wir zurück auf die „Stunde null“: 1945 lag das Deutsche Reich materiell und moralisch am Boden, Stacheldraht und Mauer spalteten es in zwei verfeindete Lager. Im Kalten Krieg war die Vorgeschichte, darunter der Holocaust, gewissermaßen eingefroren. Erst in den 1980er Jahren trat er wieder ins allgemeine Bewusstsein. Bis dahin fühlte man sich weder im Westen noch im Osten subjektiv befreit; die objektive Einordnung des 8. Mai 1945 durch den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker löste 1985 noch Empörung aus. Im Westen redete man lieber vom „Zusammenbruch“, im Osten sprach der Begriff „Befreiung“ dem Wirken der sowjetischen Besatzer Hohn. Beide Seiten scheuten lange die Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Bombardements, vielen Gefallenen und Kriegsversehrten, drückende Reparationen, die nicht ganz so drückende Entnazifizierung, der Nürnberger Prozess gegen die Hauptschuldigen - das schien doch genug der Buße zu sein.

Deutschlandweit war die Verdrängung eine fast natürliche Reaktion; „kommunikatives Beschweigen“ bezeichnete 1983 der Philosoph Hermann Lübbe diese alltägliche Haltung, wonach man um die Schuldigen wusste, aber nicht offen über ihre Taten sprechen wollte. Lübbe meinte, dieser Akt politischer Hygiene sei der Bundesrepublik unterm Strich gut bekommen, die nächste Generation fand das nicht und forderte dagegen die radikale Selbstaufklärung über die personelle, institutionelle und mentalitätsmäßige Kontinuität über die Stunde null hinaus.

Die gar keine war, auch in der DDR nicht. Dort waren NS-Täter ebenso stillschweigend übernommen worden und war „der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch“, wie Bertolt Brecht wohl nicht nur im Blick auf das „Bonner Regime“ dichtete. Er konnte in Berlin beobachten, wie in Ostdeutschland - das ist der wichtigste Unterschied - eine Diktatur in eine andere überging, während Westdeutschland nicht nur das sogenannte „Wirtschaftswunder“, sondern auch eine verordnete, dann aber mehr und mehr verinnerlichte Demokratisierung von Politik und Gesellschaft zugutekam. In SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und DDR wurde erneut politische Justiz geübt, die Opposition unterdrückt, die künstlerische Freiheit beschnitten, es wurde weiter bespitzelt und denunziert. Die rote Diktatur unterschied sich von der braunen, sie war aber auch eine. Die teilweise Virulenz autoritärer, völkisch-nationalistischer Einstellungen in den neuen Ländern belegt, wie autoritäre Persönlichkeiten und Verhältnisse politische und individuelle Freiheiten über Jahrzehnte, oft bereits vom Kaiserreich an bis in die 1990er Jahre durchgängig einschränkten. Eine ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit erfordert einen demokratischen Rahmen und eine freie Zivilgesellschaft. Was nicht bedeuten soll, autoritäre Einstellungen hätten im Westen des Landes keinen Bestand gehabt, wo ebenfalls erneut Judenhass und Fremdenfeindlichkeit zutage treten, die überwunden galten.

Die DDR kann sich zugutehalten, in der justiziellen Aufarbeitung strenger, in der Staatsbürgerkunde entschiedener und mit der Errichtung von Gedenkstätten früher am Start gewesen zu sein. Dem widersprachen aber die Form wie die Zielrichtung der Aufarbeitung, die vor allem gegen die „Globkes“ gerichtet war; so hieß Adenauers rechte Hand, ein Mitverfasser der NS-Rassegesetze. Sie verlief Top-down und war dem Kulturkampf und Systemwettbewerb untergeordnet. Die nach allseitiger Verdrängung entzündete Debatte in einer freien Presse, im öffentlichen Raum, an Schulen und Universitäten und in den Gedenkstätten war in der DDR systembedingt blockiert; Ausnahmen wie Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ und einige DEFA-Filme bestätigen nur die Regel. Mögen manche 68er im Westen ihren Furor gegen die NS-Generation übertrieben haben, dieser Aufstand fehlte im Osten Deutschlands.

So stand der Systemkonflikt einer ehrlichen Aufarbeitung im Wege. Die SED hatte es besonders geschickt anlegen wollen: Sie erklärte die BRD zum einzigen Nachfolgestaat des NS-Regimes, entzog sich damit selbst der kollektiven Verantwortung und erhob den Antifaschismus zur Staatsdoktrin. Selbst die Mauer und die Teilnahme der Nationalen Volksarmee, der NVA, an der Intervention in der CSSR 1968 wurden als Schutz gegen den Faschismus gerechtfertigt. Die frühe SED, der auch aufrechte Widerstandskämpfer gegen Hitler angehörten, wurde ihrerseits dominiert von Stalinisten, die die sozialistische Idee verrieten und eine andere Spielart des Totalitarismus exekutierten; dabei stellten sie unter dem Deckmantel des Antizionismus in den 1950er Jahren auch Juden nach.

So blieb die in der DDR geübte „Aufarbeitung der Vergangenheit“ vielfach ein hohles, oft verlogenes Ritual, das vor allem die Bonner Republik ob ihres NS-Personals in Verlegenheit bringen sollte. Damit hatte sich die DDR kollektiv ent-schuldigt und geradezu an die Seite der sowjetischen Siegermacht geschmuggelt. Die im Übrigen eine abwegige und veraltete Faschismus-Theorie geliefert hatte: Den Dimitroff-Thesen der Komintern von 1935 zufolge war der „Faschismus die höchste Stufe des Kapitalismus“, und so saß vor allem letzterer auf der Anklagebank. „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt bestehen“, lautete ein Bonmot Stalins, das die schwer in dem Nationalsozialismus verstrickte Mehrheit der Deutschen kollektiv entlastete. Und weil damit der rassistische Kern des Völkermords im Dunkeln blieb, wurde offiziell vor allem kommunistischer Widerständler und sowjetischer Soldaten und Zwangsarbeiter gedacht, nicht der Millionen ermordeter und vertriebener Juden, die zudem kaum entschädigt wurden. Auch Sinti und Roma, Homosexuelle, „Asoziale“ und Opfer anderer Minderheiten wurden kaum in den Blick genommen. Solche ideologischen Blüten richteten sich gegen die politische Kultur des Westens und „Amerika“. Dieser politisch-kulturelle Antiamerikanismus verdeckte kaum die Kontinuität nationalistischen Denkens; die immer noch virulente Opfer-Legende Dresdens, von „angloamerikanischen Bombern“ zerstört worden zu sein, ist in der DDR gewachsen. Die Folge: Bis in die 1980er Jahre hinein wurden rassistische und antisemitische Neigungen, etwa bei rechtsradikalen Skinheads, als „Rowdytum“ verharmlost. Da wird ein verzerrtes Geschichtsbild zum echten Zukunftsproblem ganz Deutschlands.

Ein letztes Defizit muss benannt werden, das auch die westdeutsche Linke trifft: Eine ähnlich kritische Aufarbeitung des Stalinismus und des autoritären „Realsozialismus“ unterblieb vor 1989 und ist auch nach der „Wende“ nicht intensiv betrieben worden. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur genießt allgemein weit weniger Aufmerksamkeit als die NS-Diktatur. Darin manifestiert sich ein Ost-West-Gefälle der Geschichtspolitik, und es bleibt wohl einer wirklich gesamteuropäischen Erinnerungskultur überlassen, die mit „Holocaust“ und „GULag“ markierten Totalitarismen zu durchleuchten, darunter den für Ostmitteleuropa desaströsen Hitler-Stalin-Pakt von 1939, ohne dabei in wechselseitiger Relativierung und Gleichsetzung, Opferkonkurrenz und Aufrechnung zu verharren. Im KZ Buchenwald manifestiert sich die Überschneidung darin, dass nach deren Befreiung dort Gegner der Sowjets und der SED interniert wurden.

Das Wissen um den Holocaust nimmt Umfragen zufolge unter Jugendlichen heute eher ab als zu, während antisemitische Einstellungen auch in dieser Altersgruppe manifester werden. Zeitgemäß aufbereitet, könnte das Gedenken an den 27. Januar 1945 helfen, die Angriffe von rechts außen besser zu kontern. Dazu muss man die blinden Flecken beider Staaten ausleuchten und angemessene Schlüsse ziehen für die Ächtung und Bekämpfung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit heute. Denn in China zieht ein neuer Totalitarismus auf, der Minderheiten einsperrt und Opposition mundtot macht.

 

  • Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Gießen und war bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Zum Thema Geschichtspolitik erschien sein Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung“ im C. H. Beck Verlag München 2011

aus: DER TAGESSPIEGEL Nr. 24 075, SONNTAG 26. Januar 2020, Beilage "NIE WIEDER", S. B6

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irgendwie erinnern mich die aussagen dieser zeilen von claus leggewie an ein "patt" im schach. da hat nämlich die eine seite geschwiegen und versäumt - und auch die andere seite aus anderen oft genuinen voraussetzungen nach der stunde "null" und aus irgendwelchen verdrängungsgründen heraus ebenfalls verheimlicht, umkonstruiert und einschlägige akten einbalsamiert und weggeschlossen.

den 68ern im westen immerhin billigt leggewie zwar eine vielleicht etwas übertrieben lautstarke auseinandersetzung mit der eltern- und großelterngeneration zu - aber er konstatiert auch auf der anderen seite im osten eben das gänzliche fehlen einer ähnlich aktiven oppositionsbewegung "von unten" und im wahrsten sinne des wortes "auseinander-setzen" in den familien, außerhalb des establishments, mit viel emsiger archiv-recherche und erstveröffentlichungen von erkenntnissen zu den ns-gräueltaten - erst nach einer überlangen schockstarre ab den späten 70er/frühen 80er jahren - zunächst in kleinen alternativ-verlagen und von nur einer handvoll interessierter autoren, die sich zum teil damit ihre ersten seminararbeiten für das studium zusammentippten - ehe dann der main-stream der großen verlage eine allmähliche nachfrage zu diesem geschehen ausmachte und auf diesen zug endlich mit aufsprang - und die inzwischen darauf anspringenden historiker ab den 90er jahren daraufhin ein regelrechtes spezialgebiet um "holocaust" und ns-"euthanasie" eingrenzten.

allerdings hat diese "freie marktwirtschaft" im west-literaturbetrieb unter den autoren und interessengemeinschaften in den veröffentlichungen auch rasch zu ab- und ausgrenzungen geführt - und zu debatten bis hin zu kleinen oft unfairen scharmützeln in den feuilletons und historischen verlagen, wo autoren sich gegenseitig ihre (un)aufrichtigkeit und (un)genauigkeit aufrechneten und sich gegenseitig recherchefehler vorwarfen - und es wurden auch forschungsmäßige hierarchien gebildet zu den jeweiligen opfergruppen: es wurden oft abstufungen vorgenommen zwischen "politischen" kz-opfern, opfern jüdischen glaubens, den ermordeten der "euthanasie", den homosexuellen, den sinti und roma, den zwangsarbeitern usw.

aber vielleicht hing diese gruppen- und kategorienabbildung in der "aufrechnung" mit der "ent- und aufdeckung" einzelner vernichtungsstätten und -abteilungen zusammen - auch an der unvorstellbaren menge von fast 7 mio. ermordeter menschen, jeweils durch industriell organisierte und letztlich abgestuft kleinteilig tötende teams und täterketten, die sich dazu - zum töten - den staffelstab in form der giftspritze, des gaswagens oder der erschießung weiterreichten und im laufe des unterfangens immer mehr skrupel davor verloren und sich einreihten.

da hatten dann chemische und pharmazeutische großbetriebe und konzerne oder kliniken und auch die großen überregionalen sozialeinrichtungen schon ein interesse daran, dass eine damalig einschlägige "historie" in ihrem sinne faltenfrei und glatt fortgeschrieben wurde nach der "stunde null". sie hatten sich oftmals mehr oder weniger an der massenhersherstellung etwa der vergasungsgifte und der tödlichen medikamente mitbeteiligt und damit geld verdient, bzw. hatten die sozialeinrichtungen sich direkt oder indirekt sogar an der tötung selbst mitbeteiligt - und nötigenfalls ließ man sich dann auf ein kritisches historien-gutachten eben auch mal ein "gegengutachten" von einer bezahlten koryphäe erstellen und ließ dann die gerichte entscheiden, was die "wahrheit" ist.

beide teile deutschlands  - auch in den familien und damit eben das "volk" - hatte also jeweils ihre aufarbeitungs- und abspaltungsprobleme damit, wie es weitergehen oder wie gekonnt verschwiegen werden konnte - und wie eine aufarbeitung von wem, wann und in welchem umfang vonstatten gehen sollte ...

und wolf biermann, der liedermacher aus dem osten, singt ja die zeilen:
"das kann doch nich alles gewesn sein
da muss doch noch irgend was kommen! nein
da muss doch noch leebn ins leebn
eebn" ...

und franz-josef degenhardt stimmt da ein mit:
"ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen"...

und diese aufgabe bleibt: im osten wie im westen ... - jeder nach seiner facon und seiner "ge-schichte".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erinnerungskultur erneuern

Der Historiker Martin Sabrow fordert: Jetzt muss Nüchternheit Emphase ersetzen. Die Gesellschaft soll der Versuchung widerstehen, den Wertehimmel unserer Zeit auf die Vergangenheit zu projizieren

Die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist in unserer Generation zu einem hohen Gut der nationalen Selbstverständigung geworden. Theodor Adornos Forderung an eine gelingende Aufarbeitung 1959, „dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewusstsein“, kann in der Gegenwart für erfüllt angesehen werden. 

Heute gilt ein parteiübergreifender Konsens des liberaldemokratischen Spektrums, dass die fortdauernde Auseinandersetzung mit der historischen Schuld zweier Diktaturen einen Grundpfeiler des bundesdeutschen Selbstverständnisses bilde.

Die seit den 1980er Jahren entstandenen Geschichtsmuseen in der Bundesrepublik blenden die furchtbare Vergangenheit nicht aus, sondern beziehen sie ein. Die bei Adorno noch vor allem gegen den Staat und das staatlich verantwortete Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie gerichtete Bewältigungsforderung hat sich zum Handlungsziel für den Staat entwickelt. Adornos bittere Erfahrung, „im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst hat man Ressentiment“, hat nicht nur an Gültigkeit verloren, sie ist in ihr Gegenteil umgeschlagen, wenn der damalige Bundespräsident Joachim Gauck zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz feststellte: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“

Auch die Auseinandersetzung mit der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts vollzieht sich nicht im Schatten der deutschen Geschichtskultur, sondern unter immer weiter steigender medialer und geschichtspolitischer Aufmerksamkeit. Dies lässt sich eindrucksvoll an der Erinnerungskonkurrenz des 9. Novembers ablesen, der in den vergangenen 30 Jahren zum heimlichen deutschen Nationalfeiertag der deutschen Gesellschaft aufgestiegen ist. Alles gut also?

Nein, nichts ist gut, wie in jüngerer Zeit wieder so schmerzhaft zu erfahren war. Fast hilflos steht die Mehrheitsgesellschaft vor den Konsensverletzungen, die die Karriere des Rechtspopulismus als Massenphänomen auf der Straße und als politische Kraft in den deutschen und europäischen Parlamenten mit sich gebracht haben.

Der Raum des Sag- und Denkbaren und die Orientierungsmarken der gesellschaftlichen Debatte haben sich nicht nur in dramatischer Weise nach rechts geöffnet und die Schleusen eines längst überwunden geglaubten Vergangenheitsdiskurses geöffnet, sie hat auch all diejenigen in die Defensive gedrängt, die sich immer wieder über neurechte Tabubrüche empören und selbst damit noch einem identitären und geschichtsrevisionistischen Denkstil in die Hände spielen, dessen ganzes Programm die bloße Provokation ist.

Wenn jeder vierte Wähler in einem Land, in dem die NSDAP 1930 ihre erste Regierungsbeteiligung erreichte, bei den jüngsten Landtagwahlen in Thüringen seine Stimme einer Partei gab, deren dezidiert rechtsextrem auftretender Spitzenkandidat ungeniert mit seiner politischen Nähe zum Nationalsozialismus kokettiert, dann wird die Frage unvermeidlich, was die Geschichtskultur wert ist, auf deren Geltungskraft wir uns so gern berufen.

Um sie zu beantworten, tut die Erkenntnis not, dass die kritische und selbstkritische Vergangenheitsaufarbeitung nicht allein von außen in Frage gestellt wird, sondern auch in eine innere Krise geraten ist. Vier Herausforderungen stechen dabei hervor.

 

Es macht einen Unterschied, ob Erinnerung mittelbar oder unmittelbar tradiert wird, ob sie von Menschen überliefert wird oder allein in Texten und Bildern.

 

  • Die erste ergibt sich aus dem Verlust an Unmittelbarkeit, der mit dem wachsenden Zeitabstand vom 20. Jahrhundert der Extreme einhergeht. Es macht einen Unterschied, ob Erinnerung mittelbar oder unmittelbar tradiert wird, ob sie von Menschen überliefert wird oder allein in Texten und Bildern. Die Epoche der Aufarbeitung war die Epoche der Zeitzeugen, die Auskunft im Geschichtsunterricht gaben, die auf Gedenkveranstaltungen sprachen und Dokudramen beglaubigten: Zeitzeugen in der Diktaturaufarbeitung stillten die Sehnsucht nach der Begegnung mit einer Vergangenheit, die man sich nicht zurückwünschte, und die Aura ihrer Authentizität bestand darin, dass sie das Geschehen von gestern mit den moralischen Maßstäben von heute fassbar machten. Welche Lücke das Verstummen der Zeitzeugen und das Ende der Ära der Unmittelbarkeit reißt, lehrt das angestrengte, aufwendige und oft teure Bemühen um die „authentische“ Rekonstruktion von Orten diktatorischer Herrschaftsinszenierung. Billiger sind virtuelle Zeitzeugen, also die visuelle und akustische Aufzeichnung von Lebenserinnerungen Holocaust-Überlebender, die im Projekt „New Dimensions in Testimony“ der Shoah Foundation auf höchstem technischem Standard digital so aufbereitet werden, dass sie als 3D-Hologramm-Interviewpartner zur Verfügung stehen. Was wie bloße Spielerei aussieht, löst in der Weiterentwicklung die Aura des Zeitzeugen von der lebenden Person und lässt die materielle Realität in der digitalen aufgehen; aber dem digitalen Konstrukt fehlt die Aura des Authentischen und damit das magische Moment, das Menschen in Ausstellungen und an historische Orte treibt.
Aufarbeitung verspricht permanent eine Versöhnung, die sie nicht einlösen kann, weil sie das Schuldbekenntnis nicht mit Vergessen vergelten kann. 
  • Eine Wirkungsbeschränkung anderer Art steckt im Konzept der Aufarbeitung selbst. In der Tiefenpsychologie gilt das erinnernde Durcharbeiten als Schritt zur endgültigen Heilung mit dem Ziel des psychischen Überwindens und Loslassens. Im gesellschaftlichen Aufarbeitungsdiskurs hingegen ist nicht das Loslassen das Ziel, sondern die fortwährende Auseinandersetzung. Die Idee der Aufarbeitung fußt auf einer prinzipiellen Unabschließbarkeit, die ihrer gleichermaßen fundamentalen Vergebungsbereitschaft zuwiderläuft. Anders gesagt: Aufarbeitung verspricht permanent eine Versöhnung, die sie nicht einlösen kann, weil sie das Schuldbekenntnis nicht mit Vergessen vergelten kann.
 
Das Projekt der historischen Aufklärungist zur Routine einer historischen Selbstbestätigung geworden, die aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht mehr unbequeme und womöglich unwillkommene Erkenntnisse zieht, sondern vertraute Bilder immer wieder reproduziert und ritualisiert. 
  • Eine dritte Problemzone lässt sich schlagwortartig als Umschlag von Aufklärung in Affirmation überschreiben. Im selben Maß, in dem der opferzentrierte Aufarbeitungskonsens zum selbstverständlichen Fundament unserer politischen Kultur wurde, hat er begonnen, sein aufrüttelndes und tabubrechendes Potenzial einzubüßen: 93 Prozent aller 2018 befragten Deutschen im Alter von 16 bis 92 Jahren halten die Erinnerung an die Vernichtung von Menschen in Konzentrationslagern für einen wichtigen oder den wichtigsten Inhalt des Geschichtsunterrichts. Mit dem Sieg der schmerzhaften Aufarbeitung über die bequeme Verdrängung hat sich der Anspruch auf kritische Bewältigung der Vergangenheit in die Realität einer historischen Legitimation der Gegenwart zu verwandeln begonnen. Das Projekt der historischen Aufklärung ist zur Routine einer historischen Selbstbestätigung geworden, die aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht mehr unbequeme und womöglich unwillkommene Erkenntnisse zieht, sondern vertraute Bilder immer wieder reproduziert und ritualisiert. Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch hat sich zu einer Ästhetik des Grauens entwickelt, von der KZ-Souvenirs und Auschwitz-Selfies zeugen. Auch das Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins ist eine Touristenattraktion, die für Erschütterung und Entspannung gleichermaßen zur Verfügung steht.
Auch in Deutschland verwandelt sich kritische Distanz in vereinnahmenden Repräsentationsanspruch
  • Ein viertes Krisenphänomen bildet die zunehmende Ersetzung von Distanz durch Identifikation. Wie stark Geschichte als Identitätsressource beansprucht wird, lehren nicht nur Länder wie die Türkei, die seit 2007 gesetzlich verbietet, „Geschichte und die gemeinsame Vergangenheit des türkischen Volkes beleidigen“, oder Polen, dessen „Holocaust-Gesetz“ Termini wie „polnische Vernichtungslager“ ebenso kriminalisiert wie die Behauptung einer polnischen Mitverantwortung für NS-Verbrechen. Auch in Deutschland verwandelt sich kritische Distanz in vereinnahmenden Repräsentationsanspruch, wenn etwa im Konflikt um das Jüdische Museum in Berlin und den Rücktritt seines angeblich anti-israelisch eingestellten Direktors Peter Schäfer 2019 aus dem Blick geriet, dass das Museum sich ungeachtet seines Namens seit der Gründung nicht als ein jüdisches Museum, sondern als Museum über Juden verstand. Aus der Bürgergesellschaft wiederum erheben sich immer wieder Stimmen, die historisch tradierte Sichtachsen identitätspolitisch zu verändern verlangen. Im Streben nach Entmilitarisierung und Dekolonisierung des öffentlichen Raums sind Hindenburgstraßen und Carl-Peters- Plätze zu einem Konfliktfeld geworden, in dem Tradition und Benennungszusammenhang immer stärker dem Anspruch auf Identitätsschutz zu weichen haben. Nicht anders ergeht es Mohren-Apotheken und Mohren-Hotels, die vergeblich darauf pochen, seit Hunderten von Jahren so zu heißen, sondern mit dem Argument entwaffnet werden, dass egal sei, wie es einmal gemeint war oder wie Historiker das einordnen; wichtig sei, wie sich die betroffene Menschengruppe heute dabei fühlt. Die Krise des Allgemeinen ist auch eine Krise des Historischen. Sie nimmt der Vergangenheit ihr Eigenrecht und macht sie zur Projektionsfläche von konkurrierenden Zugehörigkeitsansprüchen, die gleichermaßen Identität über Historizität stellen.

 

...keine Rückkehr zum Vergessen 
und Verdrängen,
wohl aber einen Übergang 
zu einer Form der Auseinandersetzung 
mit historischem Unrecht 
und historischer Fehlentwicklung, 
die aufklärerische Emphase gegen 
historiografische Nüchternheit eintauscht.

Unser Umgang mit der Vergangenheit ist im Wandel begriffen. Die Erinnerungskultur, wie wir sie kennen, war in starkem Maße ein Generationsprojekt. Sie hat einen beispiellosen Siegeszug erlebt, aber sie ist mittlerweile von der Offensive in die Defensive gerutscht. Die geglaubte Sicherheit, dass die deutsche Gesellschaft aus ihrer unheilvollen Vergangenheit gelernt habe, ist einer neuen Ungewissheit gewichen. Der Abschied von der Aufarbeitung als Epoche bedeutet keine Rückkehr zum Vergessen und Verdrängen, wohl aber einen Übergang zu einer Form der Auseinandersetzung mit historischem Unrecht und historischer Fehlentwicklung, die aufklärerische Emphase gegen historiografische Nüchternheit eintauscht. Die Geschichtsschreibung in der Zeit nach der Aufarbeitung muss sich gegen geschichtsrevisionistische Umdeutungen zur Wehr setzen, und sie muss zugleich ihre Stimme gegen die Versuchung erheben, den Wertehimmel unserer Zeit auf die Vergangenheit zu projizieren. 

Und sie muss den eigentümlichen Schulterschluss von Gedenkpolitik, Geschichtskultur und Fachwissenschaft neu reflektieren, der der Berliner Republik so selbstverständlich scheint. Wenn sie es aber tut, kann die Arbeit an der Geschichte darauf vertrauen, dass die drängenden Herausforderungen der heutigen Erinnerungskultur nicht nur eine Krise bedeuten, sondern auch eine Chance.

  • Professor Martin Sabrow ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.


aus: DER TAGESSPIEGEL Nr. 24 075, SONNTAG 26. Januar 2020, Beilage "NIE WIEDER", S. B7

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tja - das spüre ich inzwischen an meiner fast 40-jährigen arbeit hier vor ort zur aufarbeitung des "euthanasie"-mordprotokolls zu meiner tante erna kronshage auch: dass es nämlich zeit- und epochenabhängige aber auch persönliche innerpsychische wandlungen von "er-innerung" und "gedenken" gibt, wobei es aber "keine Rückkehr zum Vergessen und Verdrängen [geben darf], wohl aber einen Übergang zu einer Form der Auseinandersetzung mit historischem Unrecht und historischer Fehlentwicklung, die aufklärerische Emphase gegen historiografische Nüchternheit eintauscht."

für mich in meinem verständnis und in meinem praktischen alltags-umgang "übersetzt" bedeutet das, dass ich mich wohl weiterhin "empören" darf und das psychohygienisch auch muss, dass aber vor lauter abscheu und empörung "nicht der mund übergeht, wess das 'herz' voll ist" ...

in diesem zusammenhang sehe ich auch die zur zeit immer noch vereinzelt stattfindenden "prozesse" gegen "kleine" wachsoldaten in den kz's, die damals 16-/17 jahre alt waren, und direkt aus dem arbeitsdienst mitmachen mussten oder mitgemacht haben, weil es auch keine "lehre" oder "arbeit" anderweitig zu dem zeitpunkt gab - und die heute, weit in die 90, angeklagt sind wegen "beihilfe zum x-tausendfachen mord im kz xy", wo sie wachaufgaben erfüllen mussten und befehlen folge leisten - "führer befiehl - wir folgen", war ja das einzige was sie bisher gelernt hatten - und mit ihnen zig millionen deutsche auch, die nicht wegen "beihilfe" heutzutage mehr belangt werden, obwohl sie mehr oder minder diesen "tatbestand" sicherlich auch erfüllt haben - deutschland ist das tätervolk, und bis auf ein paar wenige waren alle damals mit verstrickt in irgendeiner weise und leisteten zumindest "beihilfe" - als denunzianten, als "heil-hitler"-rufer, als uniformträger, als blockwarte, als soldaten, als fürsorgerinnen, als ärzte und schwestern, als pfarrer innerhalb der sogenannten "deutschen christen", als lehrer, als chefs von unternehmen oder großbauern, die zwangsarbeiter beschäftigten und ausbeuteten usw. usf.... 

das sind für mich heuzutage falsch laufende und viel zu spät einsetzende reflexe der staatsanwaltschaften und der justiz und der politik, die meines erachtens dringend geboten einer "historiografischen nüchternheit" bedürfen.

schon vor ein paar jahren habe ich zum mordkomplex meiner tante festgestellt, dass es "den mörder" oder "die mörderin" zu ihrem gewaltsamen tod nicht geben kann, dass es sich um eine konglomerats-kette von immer schiefer und aus dem ruder verlaufenden schlägen und irrtümern handelt, die ich heute im nachhinein zwar konstatieren und erkennen, aber auch achselzuckend zur kenntnis nehmen muss, die sich aber im ns-zeitgeist des "damals" in diesem einzelfall so und nicht anders ergeben haben - und das alles war getragen von nach heutigen maßstäben wissenschaftlich begründeten falscheinschätzungen und dazu erlassenen durchsetzungs-gesetzgebungen, schlichten irrtümern, kriegswirren - ungleiche, gestörte, zumeist vertikale und nicht gelingende kommunikation, die zumeist nicht im miteinander sondern nur als massenkommunikation (radio per "volks-empfänger") stattfand - familiäre, nachbarschaftliche und amtliche fehleinschätzungen und denunziationen (nach heutiger beurteilung).

das führt dann eben 80 jahre später auch zu der spannenden und doch makaberen aber auch irgendwo resignierenden fragestellung, ob die menschen, die wegen (gezielter?) lebensmittel-unterversorgung verhungert sind - und die, deren hungertod gezielt durch nahrungsentzug bei ausreichender lokaler versorgungslage bewusst und vorsätzlich herbeigeführt wurde - wer davon jeweils zu den "euthanasie"-toten hinzuzurechnen ist, oder ... 
das sind für mich "unentscheidbare" fragestellungen, die eigentlich in sich schon etwas "verrückt" sind, aber eben der auseinandersetzung mit dieser "verrückten" zeit entspringen können.

in den jahren 1933-1945 hat dieses "deutsche reich" aufgestachelt und propagandistisch verblendet als kollektiv meiner meinung nach im massenwahn und in der massenhaften hysterie verharrt - und nur wenige konnten sich dagegen wehren oder durch flucht entziehen, ansonsten wurden sie wie auch immer mit hereingerissen in diesen strudel und auf diese immer schiefer sich neigenden ebene.

wir müssen diesen gesellschafts-pathologischen zustand individuell, in der familie, in der region und im land immer wieder gründlich aufarbeiten und verstrickungen versuchen nachzuzeichnen und so aufzuzeigen, damit sich mechanismen abzeichnen und gegenkräfte dazu entwickeln können, innerpsychisch und gesellschaftlich und politisch, damit so etwas unterbunden bleibt. und das geschieht auf keinen fall mit "ad-acta-legen" oder herunterspielen, das gelingt nur mit umfassender, auch familiär erzieherischer, schulischer und universitärer prophylaxe, die nicht nur von außen durch fachbuch und seminar und "zeitzeugen" authentisch wachsen kann - da muss auch bei jedem einzelnen von kindauf die persönliche ethische richtschnur immer wieder neu kalibriert werden - zu einem gesunden resilienz-vermögen.

erinnern - durch und durch

Kriege und ihre Folgen werden im TAMdrei im interkulturellen Stück durch die Intensität der Darstellung sehr präsent. 
Foto: Tim Ilskens/Theater - NW u. WB
 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Recht auf Erinnerung

Parallele Welten im TAM-drei: Heldentaten oder Verbrechen?

Von Burgit Hörttrich | WB

Wieso hatte der Großvater keine Freude daran, mit den Enkeln zu spielen? „Das kommt vom Krieg“, sagt die Großmutter. Ist der Onkel ein Held, weil sein Name irgendwo in einem Dorf im Kosovo auf einem Kriegerdenkmal steht? Die Großmutter erzählt von den Haustieren und von selbst gestrickten Socken, wenn es um die Vertreibung aus der Heimat geht. Oder sie erzählen gar nichts vom Krieg, die Verwandten.

Gibt es ein Recht darauf, zu erfahren, was Eltern, Großeltern, Onkel, Cousins im Krieg erlebt haben? Dieser Frage sind 16 Bielefelder zwischen 17 und 56 Jahren mit kurdischen, türkischen, kosovarischen, deutschen, serbischen, bosniakischen, ägyptischen, italienischen, syrischen und russischen Wurzeln seit mehr als einem Jahr nachgegangen. Gemeinsam mit Schauspieler Omar El-Saeidi und Theaterpädagogin Martina Breinlinger haben sie daraus ein Stück gemacht. „Krieg.Erinnern“ wurde bei der Premiere im TAM-drei gefeiert – nach minutenlangem, betroffenem Schweigen.

Familienfotos von „früher“, angefangen vom Ersten Weltkrieg, aber auch Alltagsszenen aus vermeintlich glücklichen Zeiten, sind Anknüpfungspunkte für Fragen, um Geschichten zu erzählen, Erinnerungen auszutauschen. Durchaus lustige Geschichten, aber auch solche Fragmente, bei denen der Erzähler mitunter nicht so recht weiß, ob er das, was er da erzählt, selbst erlebt hat, gehört hat, es seiner Fantasie entspringt. Buchstäblich laufend, suchen die Protagonisten nach Wahrheit. Oder doch nach Antworten. Denn die, die sie mitunter bekommen, passen nicht so recht ins Weltbild.

Berichtet wird auch von Kriegen, die in der Allgemeinheit längst in Vergessenheit geraten sind, bei den Betroffenen aber tiefe Narben hinterlassen haben. Die einen wollen reden, jedes Detail ausbreiten, die anderen am liebsten vergessen, nicht „darüber“ sprechen. Darüber zum Beispiel, dass der Großvater im Konzentrationslager gearbeitet hat, darüber, dass man ja nichts gewusst hat. Es gibt Geschichten von Versöhnung. Oder zumindest Versöhnungsversuchen.

Da ist die Sorge, dass die erlebte Erinnerung mit Tätern und Opfern stirbt, dass nur noch Bücher und Fotos, Erzählungen aus dritter, vierter Hand zurück bleiben. Das seien dann „Momentaufnahmen, die kalt werden“. Die Stück-Collage schildert bewegend emotionale Berg- und Talfahrten, wenn Angehörige befragt werden, die Skrupel, die eigenen Verwandten zu „verhören“ und auch die Angst davor, Dinge zu erfahren, die man gar nicht wissen wollte, die nichts ins eigene Denkmuster passen.

Die Mitwirkenden Mohammad Alhammadi, Derya Bal, Edda Barteit, Luca Buxel, Marwan El Sayed, Merisa Ferati, Canip Gündogdu, Daniel Heinrih, Khani Hussein, Delia Kornelsen, Giacomo Monaca, Gaye Mutluay, Ingo Nie, Demokrat Ramadani, Baris Solmaz und Ayhan Turan spielten mit großen Engagement. Sie waren sie selbst und auch wieder andere, deren Schicksale ihnen sichtbar nahe ging.

Die Projektreihe Parallele Welten mit Laien und Künstlern des Theaters gibt es bereits seit 2012 - und erzeugt große Aufmerksamkeit. So wurde 2015 das Stück „Ehrlos“ für das Welt-Amateur-Theatertreffen in Monaco nominiert und zum Theatertreffen der Jugend eingeladen.

„Krieg.Erinnern“ ist zu sehen am 10., 12. und 13. Dezember im TAM-drei

WESTFALEN-BLATT | Montag, 9. Dezember 2019 | Seite 12: Bielefelder Kultur

 

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Kriege und der Blick zurück

Wie ist das mit den Erinnerungen? Welche Rechte hat man an denen der vorherigen Generationen? Und wenn sie sich erinnern, sind diese dann wahr? Oder sind sie nicht vielmehr immer subjektiv und selektiv?

Von Christiane Buuck | NW

„Krieg. Erinnern“ lautet der Titel des aktuelles Stücks in der Projektreihe „Parallele Welten“ des Theaters Bielefeld. Ein Jahr lang haben die Mitspieler zwischen 17 und 62 Jahren unterschiedlichster Herkunft mit Menschen aus verschiedenen Ländern gearbeitet, deren Erinnerungen aufgeschrieben und szenisch umgesetzt. Dabei ging es um die zentrale Frage, wie subjektiv und selektiv Erinnerungen sind. Können sie wirklich die Wahrheit abbilden?

Unter der Leitung von Theaterpädagogin Martina Breinlinger und Schauspieler Omar El-Saeidi hatten sich die Mitspieler mit kurdischen, türkischen, kosovarischen, serbischen, ägyptischen, italienischen, syrischen, russischen und deutschen Wurzeln ein Jahr lang mit diesen Fragen auseinandergesetzt und sie szenisch umgesetzt.

Bei der Premiere am Samstag im TAMdrei hatte die Aufführung bereits begonnen, als die Zuschauer sich ihre Plätze suchen. Auf dem Boden sitzend schauen sich die Spieler alte Familienfotos an und unterhalten sich darüber. Die Familien der Spieler sind größtenteils Opfer eines Krieges. Ein Teil ihres Lebens, an das sie bisher nicht erinnert werden wollten, wurde von ihren Kindern hinterfragt. Kriege und deren Folgen werden durch die Schilderungen sehr präsent in dem kleinen Theaterraum, die Barriere zwischen Darstellern und Zuschauern verschwimmt. Diese Nähe wirkt so manches Mal – insbesondere für die erste Reihe – fast beängstigend und bei der Bewegungs- und Gefühlsintensität, mit der die Darsteller präsent sind, berührt und entsetzt der Inhalt des Vorgetragenen das Publikum. Das Erlebte, die Ängste und das Grauen der Kriege bekommen Gesichter. Die Zuschauer verfolgen Diskussionen um Fragen wie „Was bedeutet es, Pazifist zu sein?“, „Was ist wahr?“ und nicht zuletzt auch die Frage nach der Schuld. In einer Clown-Maske setzt Canip Gündogdu dem entgegen: „Ich will nicht von Dingen sprechen, von denen ich keine Ahnung habe.“ Aber wie bildet man sich eine eigene Meinung, da doch Gedanken und Gefühle von Kindheit an gelenkt werden – im Elternhaus oder auch von den Medien ?

Nach der Premiere sind alle erleichtert, Mohammad Alhammadi gibt zu, große Angst vor dem Auftritt gehabt zu haben, doch: „Ich will, dass die Kriege aufhören!“ Alle haben Mut bewiesen und Großartiges geleistet an diesem Abend, gerade, weil sie auch ganz viel von sich selbst Preis gegeben haben. Die Zuschauer waren mehr als nachdenklich – dieses Stück, so grandios es auch ist, ist schwere Kost und wirkt noch sehr lange nach.

NEUE WESTFÄLISCHE | Dienstag 10. Dezember 2019 | S. 19: Lokales Bielefeld 

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genau die hier sich offenbarenden fragen und antworten und  wirklichkeiten und behauptungen und auch das eiserne beschweigen mancher zeugen, denen es die sprache verschlagen hat - das sind die themen einer zeitgemäßen erinnerungs- und gedenkkultur, so wie sie - vielleicht auch durch aktives rollenspiel - einer jungen generation vermittelt werden können, wenn die zeitzeugen selbst allmählich die bühne verlassen.

damit lässt sich dann in szene setzen, was jetzt auch noch von den traumatisierten selbst oder eben auch von kindern, enkeln und urenkeln und neffen und großnichten er-innert wird.

schon das wort er-innern - ist für mich jedenfalls die physische umkehrung des verinnerlichens - also sousagen die "schluckauf"- und "aufstoß"-variante verinnerlichter geschehnisse, die selbst erlebt oder durch verbale und auch nonverbale überkommene erzählungen in uns herumschwirren - und die sich "gehör" und "wahrnehmung" verschaffen wollen.

denn sie sind für alle menschen, egal welcher religiöser wurzeln, staatsangehörigkeit und hautfarbe und welchen geschlechts, egal welchen alters oder welcher sexueller orientierung, profilierende und beeinflussende fakten, die ein "lebenslänglich" in irgendeiner weise prägen.

und damit das "herumschwirren" in uns, auf welcher art auch immer, nicht "überhand" nimmt und pathologische nuancen ausbildet, sollten wir das, was nach außen drängt, auch nicht einfach quasi "unverdaut" wieder herunterschlucken, sondern "ausspucken" im weitesten sinne: wir sollten uns endlich mal "um kopf & kragen reden", die "seele aus dem leib" reden, ja uns mal "auskotzen", sollten einfach losstammeln und das ausdrücken, was wir da vom uropa wissen, oder von der tante, oder was wir an mitteilungshemmnissen an der eigenen mutter beobachten können oder konnten.

das sind die spuren, die in jedem von uns gelegt sind - und die uns - direkt und indirekt - berühren und betreffen - von denen wir abhängig sind.

und solche "improvisations"-elemente auf den tatsächlichen "brettern, die die welt bedeuten", also im profesionellen theater, sollten vielleicht auch in schul-kursen und laienspielgruppen unter dieser prämisse ergründet, erarbeitet, dargestellt - und so zum allgemeinen erhaltenswerten kulturgut werden, da wo er-innerung "hautnah" gelebt und ausgelebt werden kann, damit sie tatsächlich verinnerlicht, integriert und zum gesunden bestandteil des ich wird.

es sind quasi stolpersteine, vor denen man nicht stutzt, um sie zu lesen - sondern innerlich gelegt, um genauso innerlich und tatsächlich im miteinander drüber zu stolpern...

 

jugendvolxtheater bethel in dem stück "ich will leben", 2018


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

noch ein beispiel dazu siehst du auch hier...

 

"Judensonderzug Nr. 76"

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitgeschichte
Ein letzter Rest von Würde

Die DER Touristik Group hat die Geschichte des Unternehmens in der NS-Zeit untersuchen lassen – das Ergebnis aber nicht veröffentlicht. Offenbar verdiente die Reisebürokette Millionen an der Deportation von Juden in die Konzentrationslager.

 

Ho­lo­caust-Über­le­ben­de Grinspan 2015 mit Fo­tos vor und nach der De­por­ta­ti­on              




 

 

 

Am 10. Fe­bru­ar 1944 ver­ließ ein mit 1500 Ju­den be­setz­ter Gü­ter­zug den Pa­ri­ser Vor­ort­bahn­hof Bo­b­i­gny Rich­tung Ausch­witz. Un­ter den De­por­tier­ten be­fand sich auch die 14-jäh­ri­ge Ida Fens­ters­z­ab. Nach Kriegs­en­de ge­hör­te sie zu den we­ni­gen Über­le­ben­den. Un­ter ih­rem ehe­li­chen Na­men Ida Grinspan be­rich­te­te sie spä­ter von der Rei­se im Gü­ter­wag­gon:


Nur ein klei­nes Git­ter ließ Ta­ges­licht in den Wa­gen. Wir konn­ten auf dem mit et­was Stroh be­leg­ten Bo­den kaum sit­zen, ge­schwei­ge denn lie­gen. Dazu ein stän­di­ger Krach, das Keu­chen der Lo­ko­mo­ti­ve, Ruß aus dem Schorn­stein und das Wim­mern der Rei­sen­den. Für je­den Pas­sa­gier nur ei­nen Brot­kan­ten. Und dann die­ser Ge­stank! Die ers­te Er­nied­ri­gung, die wir er­tra­gen muss­ten, war, dass man sich vor den Au­gen al­ler ent­lee­ren muss­te. Die Er­wach­se­nen hiel­ten Män­tel um ei­nen her­um, dass we­nigs­tens der letz­te Rest von Wür­de ge­wahrt blieb. Der da­für vor­ge­se­he­ne Be­häl­ter lief schnell über, der In­halt ver­teil­te sich auf dem Stroh. Der Ge­ruch war un­er­träg­lich.

Nach der An­kunft in Ausch­witz schick­te man Ida Fens­ters­z­ab nicht ins Gas, son­dern zur Zwangs­ar­beit. Ein Foto zeigt sie mit ge­scho­re­nen Haa­ren, ver­un­stal­tet und ver­ängs­tigt, kurz nach der Be­frei­ung in Frank­reich.

Ge­bucht hat­te den Trans­port vom 10. Fe­bru­ar ein Un­ter­neh­men, des­sen Name heu­te fast ver­ges­sen ist, das Mit­tel­eu­ro­päi­sche Rei­se­bü­ro (MER). In den Ster­be­bü­chern von Ausch­witz fin­den sich Ko­pi­en der Kor­re­spon­denz zu die­sem Zug. Die Pa­ri­ser MER-Fi­lia­le hat­te ihre Rech­nun­gen noch am Tag der Ab­rei­se an den Be­fehls­ha­ber der Si­cher­heits­po­li­zei in Pa­ris ge­schickt. Für die Fahrt bis zur deut­schen Gren­ze kal­ku­lier­te man 169 364 Franc, für die Stre­cke bis Ausch­witz 39 000 Reichs­mark. Die Do­ku­men­te soll­ten an das Reichs­si­cher­heits­haupt­amt in Ber­lin wei­ter­ge­lei­tet wer­den, an die Ter­ror­zen­tra­le des »Drit­ten Rei­ches«.

Das Un­ter­neh­men war 1917 un­ter dem Na­men Deut­sches Rei­se­bü­ro von zwei gro­ßen Ree­de­rei­en so­wie den Staats­bah­nen der deut­schen Län­der ge­grün­det wor­den, seit 1918 trug es den Na­men Mit­tel­eu­ro­päi­sches Rei­se­bü­ro. Es ver­kauf­te vor al­lem Bahn­fahr­kar­ten und spä­ter auch Grup­pen­rei­sen. Auf An­ord­nung der Al­li­ier­ten muss­te das MER 1946 wie­der den Na­men Deut­sches Rei­se­bü­ro an­neh­men.
Ge­denk­stät­te Ausch­witz

Im Jahr 2000 über­nahm der Rewe-Kon­zern das Deut­sche Rei­se­bü­ro und mach­te es zu ei­nem Teil sei­ner Rei­se­spar­te, die heu­te un­ter dem Na­men DER Tou­ris­tik Group mit mehr als 10 000 Mit­ar­bei­tern ei­nen Jah­res­um­satz von 6,7 Mil­li­ar­den Euro er­zielt. In den Selbst­dar­stel­lun­gen des Un­ter­neh­mens taucht das dunk­le Ka­pi­tel aus der NS-Zeit frei­lich nir­gends auf, noch 2002 hieß es in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung zum 85. Ge­burts­tag: »Mit Be­ginn des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­siegt der or­ga­ni­sier­te Rei­se­ver­kehr.«

Dass das nicht stimm­te, war nur Ex­per­ten klar. Der Ber­li­ner His­to­ri­ker Bernd Sam­ba­le etwa ver­öf­fent­lich­te im Ja­nu­ar 2013 ei­nen gründ­lich re­cher­chier­ten Ar­ti­kel in der »Ber­li­ner Zei­tung« über die Rol­le des MER im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus; we­nig spä­ter stell­te der Ham­bur­ger Au­tor Pe­ter Wutt­ke das Fak­si­mi­le ei­nes Te­le­gramms auf die Wi­ki­pe­dia-Sei­te des Deut­schen Rei­se­bü­ros, mit dem die Ber­li­ner Reichs­bahn­zen­tra­le 1942 alle Reichs­bahn­di­rek­tio­nen an­ge­wie­sen hat­te, die »Ab­fer­ti­gung« der »Ju­den-Son­der­zü­ge« grund­sätz­lich dem MER zu über­las­sen.

Un­ter den Mit­ar­bei­tern der DER Tou­ris­tik lös­ten sol­che Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­ständ­li­cher­wei­se Ir­ri­ta­tio­nen aus. Und so ent­schloss sich das Un­ter­neh­men, zum 100. Fir­men­ju­bi­lä­um 2017 eine his­to­ri­sche Stu­die an­fer­ti­gen zu las­sen, die auch die Ver­stri­ckung des MER in die NS-Ver­bre­chen auf­klä­ren soll­te. Das Köl­ner Ge­schichts­bü­ro Re­der, Roese­ling & Prü­fer, eine pri­va­te, von His­to­ri­kern ge­führ­te Agen­tur, über­nahm den Auf­trag und leg­te eine um­fas­sen­de Un­ter­su­chung vor.

Ver­öf­fent­licht wur­de die Stu­die al­ler­dings bis heu­te nicht. »Trotz in­ten­si­ver Re­cher­chen«, so er­klärt die DER Tou­ris­tik auf An­fra­ge, »sah das Ge­schichts­bü­ro die Quel­len­la­ge zur Rol­le des MER bei den De­por­ta­tio­nen als sehr schmal an.« Es sei des­we­gen un­mög­lich ge­we­sen, eine »kon­kre­te Be­tei­li­gung zu un­ter­su­chen«. Eine Ver­öf­fent­li­chung habe man nie ge­plant. Die Stu­die habe nur der »Selbst­ver­ge­wis­se­rung« des Un­ter­neh­mens ge­dient.

Die DER Tou­ris­tik ist nicht das ers­te Un­ter­neh­men, das sei­ne Un­ter­neh­mens­ge­schich­te in der NS-Zeit un­ter­su­chen lässt. Daim­ler-Benz hat das schon in den Acht­zi­ger­jah­ren ge­macht; auch die Deut­sche Bank, Volks­wa­gen, die Deut­sche Bahn und vie­le an­de­re Fir­men ha­ben His­to­ri­ker mit ähn­li­chen Stu­di­en be­auf­tragt und die­se dann ver­öf­fent­licht. Dass eine sol­che Un­ter­su­chung am Ende im Safe ver­schwin­det, kommt eher sel­ten vor.

 

 

 

 

Mindestens acht Passagiere
hatten sich vor der Abfahrt nach
Theresienstadt selbst getötet.


Da­bei dür­fen Ma­na­ger, die of­fen mit den Sün­den ih­rer Vor­vor­gän­ger um­ge­hen, heu­te so­gar mit ei­nem ge­wis­sen Re­pu­ta­ti­ons­ge­winn rech­nen, sie scha­den dem An­se­hen ih­rer Fir­men kei­nes­wegs. Bald 75 Jah­re nach Kriegs­en­de trägt nie­mand mehr eine per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung für das, was da­mals ge­schah.

Im Köl­ner Ge­schichts­bü­ro scheint man denn auch nicht glück­lich mit dem Pro­ze­de­re der DER Tou­ris­tik zu sein. »Wir ha­ben kei­nen Ein­fluss dar­auf, was der Kun­de mit un­se­rer Ar­beit macht«, sagt Tho­mas Prü­fer, ei­ner der drei Ge­schäfts­füh­rer. Man sei nur ein »pri­va­ter Dienst­leis­ter«. Auf die Fra­ge, ob ein so re­strik­ti­ver Um­gang mit der Wahr­heit mit sei­nem Be­rufs­ethos als His­to­ri­ker ver­ein­bar sei, räumt er je­doch ein: »Wenn ich jetzt an der Uni wäre, hät­te ich ein Pro­blem.«

Die DER Tou­ris­tik wie­der­um muss sich fra­gen las­sen, ob eine sol­che Stu­die wirk­lich als Pri­vat­be­sitz ei­nes Un­ter­neh­mens gel­ten kann – ju­ris­tisch wohl schon, aber auch po­li­tisch-mo­ra­lisch? Hat die Öffent­lich­keit kein Recht dar­auf zu er­fah­ren, wie ein Un­ter­neh­men an der Ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie der NS-Zeit be­tei­ligt war?

War­um die DER Tou­ris­tik die Quel­len­la­ge als »schmal« qua­li­fi­ziert, lässt sich oh­ne­hin nicht nach­voll­zie­hen. Das Sün­den­re­gis­ter des MER könn­te di­cke Bü­cher fül­len. Nach der Macht­er­grei­fung der Na­zis mel­de­te man be­reits im Sep­tem­ber 1933 das Aus­schei­den al­ler »nich­ta­ri­schen An­ge­stell­ten«, schon bald durf­te man auch »Kraft durch Freu­de«-Rei­sen für ver­dien­te Volks­ge­nos­sen or­ga­ni­sie­ren. Das Un­ter­neh­men ex­pan­dier­te und zähl­te Mit­te der Drei­ßi­ger­jah­re mehr als 1100 Ver­kaufs­stel­len im In- und Aus­land. 1936 wur­de Frank Hen­sel zum Per­so­nal­chef des MER er­nannt, ein so­ge­nann­ter »al­ter Kämp­fer« der NS­DAP und von 1938 an auch An­ge­hö­ri­ger der SS.

Rich­tig gut ins Ge­schäft kam man dann dank der Er­obe­rungs­po­li­tik der Na­zis. Im Früh­jahr 1939 war das MER am Trans­port von 7900 Zwangs­ar­bei­tern aus dem so­ge­nann­ten Pro­tek­to­rat Böh­men und Mäh­ren be­tei­ligt, wie der His­to­ri­ker Sam­ba­le her­aus­fand. 1940 rech­ne­te das MER al­lein 645 Son­der­zü­ge mit ins­ge­samt 320 000 pol­ni­schen Land­ar­bei­tern ab, die zum Ar­beits­ein­satz ins Deut­sche Reich ver­frach­tet wor­den wa­ren.

 

 

 

MER-Do­ku­ment »Sehr schma­le Quel­len­la­ge«?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ver­dient hat das MER auch an der Ver­trei­bung der Ju­den aus Eu­ro­pa. 1940 un­ter­brei­te­te das Un­ter­neh­men dem Lei­ter der Reichs­zen­tra­le für jü­di­sche Aus­wan­de­rung und spä­te­ren Ho­lo­caust-Or­ga­ni­sa­tor Adolf Eich­mann den Vor­schlag, Emi­gran­ten mit Son­der­zü­gen nach Lis­sa­bon zu schi­cken. Von dort aus ging es per Schiff nach Ame­ri­ka. Der Vor­schlag wur­de an­ge­nom­men, ein »sehr er­trag­rei­ches« Pro­jekt, wie man im MER bald fest­stell­te.

An­de­re Flücht­lin­ge fuh­ren mit der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn nach Fern­ost. Und wie­der be­sorg­te das MER die nö­ti­gen Ti­ckets. Der Würz­bur­ger Kauf­mann Ja­kob Ro­sen­feld zum Bei­spiel muss­te 1940 zu­sam­men mit sei­ner Ehe­frau Ber­tha sei­ne Hei­mat ver­las­sen. Das MER stellt Ja­kob Ro­sen­feld Fahr­kar­ten bis Yo­ko­ha­ma aus, von dort reis­te man dann wei­ter in die USA. Das Ge­schäft mit den jü­di­schen Emi­gran­ten, so bi­lan­zier­te ein MER-Auf­sichts­rat 1941, habe zu ei­nem »er­heb­li­chen Ge­winn« ge­führt.

Zwangs­ar­bei­ter, Sai­son­ar­bei­ter, Emi­gran­ten – sie alle wa­ren, häu­fig un­frei­wil­lig und ohne es zu wis­sen, Pas­sa­gie­re des MER. Aus Sicht der NS-Re­gie­rung hat­te sich das Un­ter­neh­men da­mit ge­nug Ex­per­ti­se an­ge­eig­net, um es auch an der De­por­ta­ti­on eu­ro­päi­scher Ju­den in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger zu be­tei­li­gen.

Wer Clau­de Lanz­manns Do­ku­men­tar­film »Shoah« ge­se­hen hat, wird sich an die Sze­ne er­in­nern, in der der His­to­ri­ker Raul Hil­berg über den Ab­lauf der Trans­por­te in die Ver­nich­tungs­la­ger be­rich­tet. Hil­berg er­klärt ge­nau die Ta­ri­fe, nach de­nen die Züge ab­ge­rech­net wur­den, und bei­läu­fig nennt er auch das da­für ver­ant­wort­li­che Mit­tel­eu­ro­päi­sche Rei­se­bü­ro. »Es be­för­der­te Men­schen in Gas­kam­mern und Ur­lau­ber an ihre be­vor­zug­ten Fe­ri­en­or­te«, sagt Hil­berg mit dem ihm ei­ge­nen Sar­kas­mus.

Am 25. Juli 1942 bei­spiels­wei­se ließ die Ge­sta­po 14 Wag­gons von Düs­sel­dorf nach The­re­si­en­stadt fah­ren. Auf eine ent­spre­chen­de An­fra­ge der MER-Fi­lia­le in Köln hat­te die Ge­sta­po am Tag zu­vor ge­mel­det, dass 700 Ju­den so­wie 16 Wach­leu­te auf den Trans­port ge­hen wür­den. Das MER be­rech­ne­te dar­auf­hin den Preis der 827 Ki­lo­me­ter lan­gen Rei­se auf 16,60 Reichs­mark pro Per­son. Be­zahlt wur­den die Fahrt­kos­ten von der Ab­tei­lung für »Ju­den­an­ge­le­gen­hei­ten« der Düs­sel­dor­fer Ge­sta­po. Tat­säch­lich aber stamm­te das Geld aus kon­fis­zier­ten jü­di­schen Ver­mö­gen.

Nach Ab­zug ei­ner Ver­mitt­lungs­ge­bühr – in der Re­gel etwa fünf Pro­zent – lei­te­te das MER die aus dem Rei­se­ver­kauf er­lös­te Sum­me an die Reichs­bahn wei­ter, die den Zug ge­stellt hat­te. Da der Zug an sechs Wag­gons mit etwa 280 jü­di­schen Pas­sa­gie­ren aus Aa­chen an­ge­kop­pelt wur­de, er­reich­ten am 26. Juli knapp 1000 De­por­tier­te den Bahn­hof The­re­si­en­stadt. Ei­gent­lich soll­te die Zahl so­gar noch hö­her sein, doch min­des­tens 8 Pas­sa­gie­re hat­ten sich vor der Ab­rei­se selbst ge­tö­tet. Ins­ge­samt über­leb­ten nur 61 Men­schen aus die­sem Zug den Ho­lo­caust.

Die Kriegs­jah­re er­wie­sen sich als die bis da­hin bes­ten über­haupt in der Ge­schich­te des MER. Der Um­satz war schon zwi­schen 1932 und 1939 von 140 Mil­lio­nen auf 240 Mil­lio­nen Reichs­mark ge­wach­sen, 1943 aber lag er bei 343 Mil­lio­nen.

Im his­to­ri­schen Rück­blick auf der In­ter­net­sei­te der DER Tou­ris­tik fehlt die NS-Zeit den­noch kom­plett. Auch in den äl­te­ren Selbst­dar­stel­lun­gen des Deut­schen Rei­se­bü­ros wird nur die Zer­stö­rung der MER-Zen­tra­le durch al­li­ier­te Bom­ber im Jahr 1943 er­wähnt.

Ein An­ge­bot des Ber­li­ner His­to­ri­kers Sam­ba­le aus dem Jahr 2006, die Ge­schich­te des MER un­ter dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auf­zu­ar­bei­ten, wur­de von dem Un­ter­neh­men denn auch ab­ge­lehnt. Die »Auf­ar­bei­tung die­ser Zeit« sei ei­gent­lich Sa­che der Bahn, ant­wor­te­te man da­mals dem His­to­ri­ker, schließ­lich sei die Reichs­bahn einst »Haupt­ge­sell­schaf­ter des MER« ge­we­sen.

Das Deut­sche Rei­se­bü­ro be­tei­lig­te sich auch nicht an der zwi­schen 2001 und 2007 von der deut­schen Wirt­schaft fi­nan­zier­ten Zwangs­ar­bei­ter­stif­tung »Er­in­ne­rung, Ver­ant­wor­tung und Zu­kunft«. Und das, ob­wohl das MER einst Tau­sen­de Zwangs­ar­bei­ter quer durch Eu­ro­pa ver­schickt hat­te. Das Geld üb­ri­gens hät­te die 500 Mil­lio­nen Euro schwe­re »MER-Pen­si­ons­kas­se« spen­die­ren kön­nen; die gibt es un­ter die­sem Na­men noch heu­te.

2018 un­ter­nahm die DER Tou­ris­tik den Ver­such, die un­ter­schied­li­chen Wi­ki­pe­dia-Ein­trä­ge, die über das Deut­sche Rei­se­bü­ro und die DER Tou­ris­tik exis­tie­ren, in ei­ner ge­mein­sa­men Ver­si­on zu­sam­men­zu­fas­sen. Klar war al­len Be­tei­lig­ten, dass man die oh­ne­hin schon sehr kur­ze Pas­sa­ge zur NS-Ge­schich­te nicht lö­schen durf­te und in die ge­mein­sa­me Sei­te über­neh­men muss­te.

Doch in der Wi­ki­pe­dia-Com­mu­ni­ty habe sich schnell Miss­trau­en ge­gen­über den Mo­ti­ven des Un­ter­neh­mens ge­regt, be­rich­tet der Wiki-Au­tor Wutt­ke. Im­mer neue Ver­sio­nen sei­en von di­ver­sen Au­to­ren for­mu­liert wor­den. Am Ende blieb die Sei­te des Deut­schen Rei­se­bü­ros be­ste­hen, mit ei­nem knap­pen Hin­weis auf das Ka­pi­tel von 1933 bis 1945.

Auf der Wi­ki­pe­dia-Sei­te der DER Tou­ris­tik hin­ge­gen ist da­von kei­ne Rede. Die Un­ter­neh­mens­ge­schich­te be­ginnt dort zwar kor­rekt im Jahr 1917. Aber zwi­schen der Grün­dung der ers­ten Toch­ter­ge­sell­schaft in den USA im Jahr 1926 und der an­ge­kün­dig­ten Über­nah­me des Un­ter­neh­mens durch die Rewe-Group 1999 klafft nun eine rie­si­ge Lü­cke.

Martin Doerry - aus: SPIEGEL 50-2019

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das erlebe und beobachte ich in den letzten jahren immer öfter, dass große firmen und auch "staatliche" (nachfolge-)institutionen sich von der "last der verantwortung" über das tun und verhalten ihrer damaligen vorläuferorganisationen oft mit einem kurzen öffentlichen schulterzuckendem bedauern und eisernem "vertuschen" befreien wollen, und mit einer gedenktafel mit weißem lilienstrauß vielleicht oder gar einer gedenkkapelle dann endgültig meinen, nun sei es doch nach 80 jahren "auch mal gut" - und vielleicht noch den totensonntag oder den 9. november oder den 27. januar mit einer rituellen gedenkfeier als wiederkehrende pflichtveranstaltung "feierlich" begehen.

auch scheint es im großen und ganzen unfein zu sein, die altvorderen direktoren oder chefärzte etc. in solchen staatlichen oder halbstaatlichen institutionen zu jener zeit mit ihrem tun oder lassen oder mit ihrer nsdap-mitgliedschaft etwa namentlich zu desavouieren - man meint dann wohl, "nestbeschmutzer" zu sein - und "das gehöre sich nicht" - "ich will ja nichts gesagt haben, aber..." - und das, obwohl die vielleicht "schützenswerten" details wegen der nächsten angehörigen oder auch verwandter namensträger längst vom zahn der zeit zerbröselt sind. 

da werden diese "würdenträger" immer noch oft in hohen ehren gehalten (namensgebungen von straßen und einrichtungen oder abteilungen, bildergalerien im jubiläumsbuch des unternehmens etc.), aber das wirken und die denunziationen, die preisgabe und die kooperationen in jener zeit mit und gegenüber den ns-organisationen wird einfach abgespalten und verschwiegen - und da achten sogar noch streng die jetzigen (amts-)inhaber in der zweiten nachfolge-generation auf eine angeblich "weiße weste", obwohl die bei genauem hinsehen viele flecken und fehlstellen hätte.  

und trotzdem klopft man sich gerade in deutschland ja auch als "weltmeister" in sachen gedenk- und erinnerungskultur gern selbst auf die schulter - aber immer im "großen & ganzen", weniger im vielleicht zu nahe kommenden "detail" - und das gilt für unternehmen, institutionen und familien gleichermaßen. 

und tatsächlich - so las ich neulich - meint man sogar in israel, dass einige verwicklungen mit dem holocaust in deutschland akribischer aufgearbeitet sind, als vielleicht von historischen fakultäten in israel - und auch andere staaten zollen deutschland darin ja ihren respekt. und so hat man diesen kollektiven "mit-täter"-aspekt "im volk" dann "schluss-endlich" nach eigenem bekunden auch sowas von "bereut" und um "verzeihung" gebeten...

aber dieser nimbus bröckelt zur zeit rapide durch das allmähliche aufflammen antsemitischer ressentiments in letzter zeit - und durch das aufkommen offensichtlich rechter und rechtsradikaler tendenzen im alltag der bundesrepublik.

bei genauem hinsehen muss man feststellen, dass viele große firmen und institutionen die mitarbeit und ausbeutung z.b. von zwangsarbeitern kaum aufgearbeitet haben oder sich vielleicht mit einem relativ geringen "sühnebeitrag" in irgendeine "wiedergutmachende stiftung" quasi "freikaufen" - und damit aber nun wirklich endgültig "vergessen" wollen.

und doch sagt just heute dazu die bundeskanzlerin in auschwitz u.a.:

 

"An die Verbrechen zu erinnern, die Täter zu nennen und den Opfern ein würdiges Gedenken zu bewahren ‑ das ist eine Verantwortung, die nicht endet. Sie ist nicht verhandelbar; und sie gehört untrennbar zu unserem Land. Uns dieser Verantwortung bewusst zu sein, ist fester Teil unserer nationalen Identität, unseres Selbstverständnisses als aufgeklärte und freiheitliche Gesellschaft, als Demokratie und Rechtsstaat."
 

aus eigener anschauung in der über 30-jährigen forschungsarbeit zum "euthanasie"-ermordungsgeschehen um meine tante erna kronshage stelle ich fest, 

 

  • dass immer noch oder hier und da schon wieder in den archiven gern "gemauert" wird und die eigene "politische" institutionsposition augenscheinlich nicht damit mehr belastet werden soll - weil man inzwischen "nach vorne blickt - und nicht mehr zurück".... - und dass man die öffentlich finanzierten fakten und quellen in einem archiv immer noch gern wie das "privateigentum" aus dem "allerheiligsten" behandelt - angeblich wegen der "datenschutz"-bestimmungen;
  • dass historiker nach meinen beobachtungen oft "freischaffend" mit einem - ich nehme mal an - honorierten forschungsauftrag von institutionen angeheuert werden für die veröffentlichung einer "abschließenden" (jubiläums- oder aufarbeitungs-)arbeit - die sich aber auch vom alten proleten-spruch "wess brot ich ess - dess lied ich pfeif" nicht ganz freisprechen können - und dann kommt es eben zu den oben angesprochenen entsprechenden "wikipedia"-schönungsbeiträgen... - von der sogenannten "freiheit der wissenschaft" ganz zu schweigen - denn wenn ein "gut"achten nicht ganz so "passend" ausfällt, bestellt man sich seitens der institution eben noch ein "gegen-'gut'achten";
  • andere freischaffende historiker beugen gern die erforschten fakten so, dass man vielleicht "spektakulär" mit hinguck-schlagzeilen in den feuilletons und den fachaufsätzen sein nächstes werk zum thema für eine gute verkaufsauflage anpreisen kann - koste es, was es wolle....;
  • und die von institutionen fest angestellten historiker oder auch die archivare werden natürlich nicht die politischen verstrickungen vor 80 jahren in der vorläuferorganisation "über alle maßen" bloßstellen und sich selbst beschädigen: das hemd sitzt da ja näher als die jacke (= "loyalitäts-gebot!") ...

also - es wird durchaus in der geschichtsaufarbeitung auch taktiert - und auf alle fälle hat man es nicht sehr eilig damit - 80 jahre danach - und die tatsächlichen zeitzeugen können einem ja bald nicht mehr an die karre pullern...

frau merkel hat eine solche praxis der aufarbeitung mit ihrem satz: "das ist eine Verantwortung, die nicht endet. Sie ist nicht verhandelbar; und sie gehört untrennbar zu unserem Land" sicherlich nicht gemeint.

 

 

 

das inszenierte pflichtgedenken

 

Verkitschung des Grauens

Gedenken angesichts der Banalisierung des Bösen

Die Zeitzeugen sterben langsam weg, aber gemeinsames Erinnern bleibt trotzdem bedeutsam - gerade in rauen Zeiten. Eine Kolumne. 

Von GERD APPENZELLER | Tagesspiegel


Geschichte gerät nicht in Vergessenheit, wenn die letzten Zeitzeugen des Erlebten gestorben sind. Was die Erinnerung des Menschen und eines Volkes beschäftigt, traumatisch oder verklärend, spaltend oder zusammenführend, lebt im Gespräch fort. Das aber entfaltet seine Kraft auch als Reflexion auf aktuelles Geschehen, oder im Anblick jener Orte, an denen Geschichte geschah. Zu keiner Zeit des Jahres verdichtet sich der Blick auf das, was war, so sehr wie im November. Totensonntag und Volkstrauertag als Marken des Gedenkens an unsere Toten, an die Opfer von Krieg und Rassenhass.

Und der 9. November, an dem eben nicht nur vor 30 Jahren die Mauer fiel, sondern an dem 1938 mit der Pogromnacht die Vernichtung jüdischen Besitzes und der millionenfache Mord an den europäischen Juden begannen. Vor allem dessen zu gedenken ist heute aktueller denn je, auch wenn die letzten Zeitzeugen, die uns berichten können, bald nicht mehr unter uns sein werden. Aber Antisemitismus und Antiziganismus – die sind heute virulenter als noch vor wenigen Jahren.

Juden sind in Deutschland immer öfter Anpöbeleien und nicht nur verbalen, sondern auch körperlichen Attacken ausgesetzt. „Die Zeiten und der Ton sind rauer geworden“, wurde gerade in Berlin bei einer Tagung des Fördervereins Sachsenhausen konstatiert. Und in der dabei gehaltenen „Sachsenhausen Lecture“, einem Vortrag zum nationalsozialistischen Massenmord, veranschaulichte der polnische Historiker Robert Traba, wie sich das Gedenken am Ort des Geschehens, in den ehemaligen Konzentrationslagern, verändert habe.

Da sind Touristen, die in die Gedenkstätten, gerade auch nach Sachsenhausen, fahren, nicht, um mit dem Furchtbaren konfrontiert zu werden, sondern um ein Foto zu machen – „Ich vor dem Wachturm“. Andere kommen in das ehemalige KZ nur, um zu provozieren. Reiner Walleser, Abteilungsleiter für Kultur im brandenburgischen Wissenschaftsministerium, hat ihr Vorgehen anlässlich der erwähnten Tagung beschrieben.

Zweifel werden von rechten Besuchergruppen in KZ´s selbstbewusst gestreut

Es ist eine neue, aber bereits verbreitete Methode rechter Gruppierungen, die dann bei Führungen Zweifel äußern, ganz selbstbewusst: Waren das wirklich sechs Millionen Juden, die umgebracht wurden? Und das mit den Verbrennungsöfen glaube doch sowieso keiner. Das griff Robert Traba, der von 2006 bis 2018 Gründungsdirektor des Berliner Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften war, auf. Erinnerte an die NS-Aktion Damosz und ihre Verbrechen zwischen dem Frühjahr 1942 und dem Sommer 1944 – von 400.000 ermordeten Juden ist keine Spur zurückgeblieben, nicht in Sobibor, nicht in Maidanek, nicht in Lublin.

Wie gedenkt man angesichts der Banalisierung des Bösen? Robert Traba fürchtet die Verkitschung des Grauens. Er führt dem Publikum das Gegenteil vor, eine Tonaufnahme aus dem Vernichtungslager Kulmhof. Nichts ist da zu hören als der Wind, der über die weite, öde Fläche der Gedenkstätte weht. Wird Einsamkeit so spürbar? Kann, fragte ihn Gesine Schwan, die Berliner Sozialwissenschaftlerin, und wollte das auch von den Hörern wissen, kann ein Erinnerungsort im Besucher das Gefühl auslösen, das ein Mensch hatte, der dort einmal als Opfer gewesen ist? Sie gab Robert Traba und anderen diesen Gedanken mit: Du, Robert, hast Sehnsucht nach etwas, was es nicht geben kann.

 

 

Die Zeitung "Jüdische Allgemeine" unterschrieb dieses Foto 2012:
"Der Höhepunkt der Geschmacklosigkeit war allerdings erreicht,
als Anne Frank auf einem holländischen Graffito mit Palästinensertuch
dargestellt wurde. Soll wohl heißen: Anne Frank gehört zum
palästinensischen Volk, die Israelis sind die neuen Nazis." Foto: CC

 


Die Verkitschung des Gedenkens ist ein zulässiges Mittel - um Empathie zu wecken

Dennoch ist die Verkitschung des Gedenkens ein künstlerisches und wohl auch zulässiges Mittel, Empathie zu wecken, sich eben doch in das Leid der Opfer hineinzufühlen. Die Holocaust-Verfilmung mit Meryl Streep aus dem Jahre 1974 ist, schaut man die Folgen mit dem Wissen und dem ästhetischen Empfinden von heute noch einmal an, Kitsch. Und doch hat dieses Doku-Drama in einer ganzen Generation – ich selber zähle dazu – völlige Fassungslosigkeit über das Leid ausgelöst, von dem wir alle aus Schulbüchern und aus Seminaren wussten und das uns doch hier das erste Mal, am Beispiel des Schicksals einer Familie, wirklich ergriff.

Die Erinnerung an den Holocaust und an die Toten der beiden Weltkriege ist gleichermaßen eine europäische wie eine nationale Erinnerung. Es ist eine Erinnerung daran, dass das, was zwischen 1939 und 1945 geschah, etwas anderes ist als ein Vogelschiss in der Weltgeschichte. Man muss nur nach Sachsenhausen fahren. Es ist ganz nah. In jeder Beziehung, und nicht nur im November.

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der drahtseilakt zwischen kunst und kitsch ist immer nur ein halten einer schmalen imaginären balance, die sicherlich nur authentisch und "original" im einzelnen menschen selbst beurteilt und bewertet werden kann. und ebenso geht es dann mit der "verkitschung der gedenkkultur": das ist eine frage des geschmacks, der erziehung, der sozialisation, der gewonnenen und überkommenen ethik und ästhetik...
 
vielleicht das beste beispiel dazu war ja die unterschiedliche bewertung der "stolpersteine" des künstlers gunter demnig, der inzwischen wohl über 70.000 kleine pflastersteine in ganz europa verlegt hat, versehen mit einem plättchen aus messinglegierung, in dem der name und die daten jeweils eines ns-mordopfers eingraviert sind. die ganze aktion wird bgleitet durch örtliche patengruppen, die auf die pflege dieser steinchen achten - und sie sogar ab und zu gemeinsam säubern.
 
in münchen aber hat sich der rat der stadt mit der zulassung der verlegung solcher stolpersteine jahrelang über einige abstimmungen hinweg sehr schwergetan, weil die vorsitzende der jüdischen gemeinde dort, frau knobloch, der ansicht war, durch die verlegung im bürgersteigpflaster vor dem letzten bekannten wohnsitz der ermordeten, würden diese "opfer" erneut mit füßen getreten.
und aufgrund dieser prominenten meinung wollte der stadtrat lange zeit keine verlegungen auf öffentlich zugänglichen flächen zulassen. 
 
inzwischen hat man sich auf im wahrsten sinne des wortes "aufwändigere" schicke namensgravurschienen an senkrecht stehenden mauern oder stelen jedoch durchringen können.
 
aber beide lösungen kann man nun nicht als "kitsch" abtun, obwohl eben schon für manche die platzierung im öffentlichen profanen und urbanen raum 80 jahre nach den gräueltaten geschmacklich ein problem darstellen, war die ganze epoche doch für herrn gauland von der afd ein vogelschiss in der geschichte.
 
um das damalige geschehen in diese zeit herüberzuretten und angemessen zu vermitteln, habe ich mich bei meiner gedenk- und erinnerungsarbeit für meine tante erna kronshage in der betitelung und in der präsentation immer wieder erneut schwergetan - und in  mir gab es sicherlich ähnliche auseinandersetzungen und abwägungen zur gestaltung des gedenkens wie im münchener rat, allerdings konnte ich dann völlig unpolitisch "aus dem bauch heraus" meine entscheidungen dazu jeweils im alleingang treffen oder auch wieder verwerfen und neu gestalten - je nach innerem gusto und von wo ich anregungen dazu erhielt. es gibt ja zur gestaltung solcher geschichte und solcher geschichtsblogs keine normierung und zum glück (noch?) keine bewertung, was und wie man das jeweils tut - oder wie man es zu unterlassen oder was man zu vermeiden hat.
 
mir ist es dabei immer wichtig, möglichst authentisch mit einschlägigem dokumentarischen bildmaterial  aus der familie oder eben aufhellenden symbolischen abbildungen "erna's story" - ihre "euthanasie"-ermordung in 484 tagen - möglichst  "protokollarisch" in ihren dynamischen abläufen zu recherchieren und zu erzählen - und damit besonders auch jungen menschen, schülern und studenten nahezubringen, damit sie vielleicht in der eigenen familie auch dazu forschen oder die sachverhalte bearbeiten für seminare und prüfungen - um diese manchmal zufällige todbringende willkür damals bloßzustellen und anzuzeigen - und sie gegen wiederholungstäter entsprechend zu wappnen - damit sie rechtzeitig sensibilisiert werden: "nachtijall - ick hör dir trapsen"...

 

erna kronshage - ausschnitt aus dem
original-fotoabzug - ca. 1940

 

ist das verkitschung? - das gleiche foto
von 1940 digital coloriert...
da war die frage, ob ich das authentische alte bildmaterial, "geknipst" mit einer damals zeitgenössischen agfa-box-billigkamera auf rollfilm, überhaupt vergrößern und bearbeiten darf - und ob die beige- oder sepia-grautöne "nachgebessert" werden können, und ob ich mit einer software die "schwarz-weiß"-fotos jetztzeitmäßig colorieren kann - und dann kam eben auch die frage: sind die roten lippen auf erna's foto nun kitsch - oder zeigen sie doch auch ein wenig ihre aufmüpfigkeit, dass sie als "junges ding" vom lande damals in den vierziger jahren für ein porträtfoto lippenstift auftrug, denn zweifellos war das auch im sepia-originalfoto als fakt deutlich auszumachen.
 
ich will aber auch "hingucker" ins netz stellen, die überhaupt wahrgenommen werden - und mit denen sich dann die betrachtenden, vielleicht auch über ein "blättern" und "durchscrollen" hinaus, weiterbeschäftigen. das mordprotokoll soll "profil" gewinnen was so durchaus auch gewollt "be-eindruckt" und die betrachter dadurch auch mitnehmen und führen und leiten.
 
ich hab an anderer stelle mein selbstverständnis dabei einmal den "lotsen-dienst eines fährmanns" genannt. und da möchte ich in den betrachtern interesse wecken, damit sie dann auch imaginär rufen "fährmann - hol über"... - hol über in eine inzwischen entfernte vergangenheit, die uns aber noch so viel lebenswichtiges zu sagen hat.
 

geschichte - in design, performance und choreografie

 

der "spiegel" schreibt in einem artikel über alexander von humboldt: "Der gute Deutsche - wirklich?":

 

"Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihr Kollege David Blankenstein bereiten für das Deutsche Historische Museum – schräg gegenüber der Schlossbaustelle – eine Ausstellung über die Brüder Humboldt vor, im November soll sie eröffnet werden, und sie wird Diskussionsstoff bieten. 

 

Savoy war 2017 aus dem Beirat des Humboldt Forums ausgetreten, weil sie den Eindruck hatte, im künftigen Schloss solle mit der unkritischen Präsentation ethnologischer Objekte deutsche Kolonialgeschichte beschönigt werden. Sie löste mit ihren Einwänden eine internationale und in Berlin noch nicht verwundene Debatte aus.
Vielen gilt sie seither als Rebellin, vor allem ist die gebürtige Französin aber eine viel beschäftigte Professorin, sie lehrt in Paris und Berlin. Die Einladung des Deutschen Historischen Museums, mit Blankenstein diese Ausstellung zu gestalten, nahm sie dennoch an. Zu verlockend erschien beiden Experten die Möglichkeit, "historische Zusammenhänge, Tatsachen zu repräsentieren und nicht das, was daraus gemacht wurde".
Denn jede Epoche stülpte ihre eigenen Deutungen und Umdeutungen über die Humboldts – die beiden Kunsthistoriker nennen das "Geschichtsdesign". Und sie möchten ein Bewusstsein dafür schaffen, wie es gelingen könnte, sich von diesen Interpretationen zu emanzipieren." ...


"geschichtsdesign", das ist für mich das stichwort. ich meine das gar nicht despektierlich. und man könnte wohl auch das ganze dem menschen anheimfallende zeitgeschehen, in das er hineingeboren wird, und was ihm seine eltern  und ahnen transgenerational und vielleicht sogar spiegelneuronisch mitgeben und seine jeweilige anpassungen darauf, sein zurechtlegen eines individuellen "normativen lebens", auch als "geschichts-performance" bezeichnen, zu deren gelebter alltäglicher "choreografie-anforderung" er ja eine antwort finden muss - und oft eben ein mit-gehen und abwägen.

 

lebenslinie - sinedi.@rt



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hier im blog habe ich in einem anderen zusammenhang schon einmal definiert: gerade "wir deutschen" - aber auch sicherlich all die "aus"-länder, die in den schrecken der kriege miteinbezogen wurden - haben sich wahrscheinlich alle mehr oder weniger in ihren beteiligten familiengeschichten auch mit "dunklen aspekten", mit schattenseiten, bewusst oder unbewusst auseinanderzusetzen. das problem ist, dass durch verschweigen, durch scham - und schlicht aus unwissenheit und unsensibilität - es oft zu einer vernünftigen aufarbeitung der eigenen herkunfts-familiengeschichte durch schonungslose recherche erst gar nicht kommt.

 

geschichte-tes - sinedi.@rt

von einem gestalttherapeuten erfuhr ich vor jahren bereits seine definition des wortes: "ge-schichte" gehört: 

  • ge-schichte ist das - wie das wort schon andeutet - in uns aufgetürmte, ge-schicht-ete selbst erfahrene und überkommene, vererbte, weitergegebene, erspürte erleben in uns, das sich als ureigene "erfahrung" wie jahresringe über- und durcheinander "schichtet", verstrickt und verkettet und uns individuell prägt und unser verhalten bestimmt - "bis ins 3. und 4. (generations)glied" - wie die bibel in "exodus 20" feststellt - eine zeitspanne, die in psychologischen studien zur "trans-generationalen übertragung" in den heutigen zeiten voll bestätigt wird (click = bundestags-drucksache der 'wissenschaftlichen dienste' zu diesem thema).

 


und auch nach dem grimm'schen wörterbuch gibt es noch im mittelhochdeutschen eine heute verloren gegangene bedeutung von "schicht" als synonym für "ge-schichte":

schicht, ableitung von ahd. scehan: sich schicken, fügen, ereignen, das ebenfalls einfach nicht vorhanden, aber in geschehen erhalten ist. In der bedeutung ist "schicht" synonym mit "geschichte" [...].
 

geschichte durchläuft also "phasen" des geschehens, die der mensch sich in seinem leben zu eigen machen muss - zumindest muss er sich aktiv damit auseinandersetzen - und sie "lagern sich ab" in seinem inneren erfahrungsschatz - und üben durch ihn ihre choreografie in und an ihm aus, als "designs" und "performances".

 

entscheidung treffen - sinedi.@rt

ich bin jetzt fast 73 jahre alt - und bin ja auch als "linksgrünversiffter" 68-er und als sohn eines diakons und einer haushaltsgehilfin, aber gleichzeitig väterlicherseits auch eines "wehrmachts"soldaten, aber auch als neffe eines mordopfers der ns-euthanasie (vor meiner zeit) - aber dann "bewusst" als zeitzeuge des kennedy-mordes, des vietnam-krieges, des berliner mauerbaus und des falls der gleichen mauer nach 28 jahren und allen fantastischen und unerhörten begleiterscheinungen dazu, und dem flüchtlingsdrama und der wahl von trump zum amerikanischen präsidenten - und der persönlichen ausübung in 7 (sieben) verschiedenen abgeschlossenen berufstätigkeiten in insgesamt fast 50 berufsjahren - (jeweils von der pieke auf) -  und und und... - schon oftmals sicherlich zu "pirouetten" und "purzelbäumen" und zur "schraube rückwärts" in meinem relativ überschaubaren "geschichtsdesign" gebracht worden. -

aber für jede verhaltens-entscheidung gibt es eben tausend andere möglichkeiten - die hat uns unsere uns eingeborene und mitgegebene "freiheit" eingeräumt - und da ist mein eingebautes und mir überkommenes "navi" für "moral" und "gut" und "schlecht" ein guter wegweiser - wenn wir seine inneren signale überhaupt wahrnehmen können - evtl auch als ad-hoc-"bauchentscheidung", wo ja das [!] "ge-schichte-te" eingelagert erscheint.

und da kommt dann unsere jeweilige "antwort" auf die geschehnisse in und um uns herum ins spiel - unsere "ver-antwort-ung" - ja, für mich auch "vor und mit gott"... - also quasi unsere gewählten bewegungsablauf- und entscheidungsantworten auf die jeweiligen situationen im äußeren und inneren uns prägenden hier und jetzt: ecce homo - siehe: ein mensch...

und ob die "zuschauer" im saal nun mehrheitlich nach jeder sequenz dazu beifall klatschen oder doch trampeln und pfeifen oder sich gar zum "standing ovation" aus ihren sesseln erheben für das jeweilig irgendwie aufgestülpte oder gewählte oder verantwortete "design" - und für die performance und die choreografie-"antwort" dazu - das sei mal dahingestellt.

aber wenn wir jetzt beim tödlichen attentat auf fritz von weizsäcker auch über die hintergründe der weizsäcker-familiengenerationen und ihren verstrickungen und lebens"lösungen" und -losungen in den jeweiligen epochen lesen - oder über die anbiederungen an die nationalsozialisten von emil nolde, auch um seiner verkaufsstrategien willen - den weg von herbert ernst karl frahm hin zu willy brandt - oder die balkan-verirrungen eines peter handke - den lebensweg von leonard cohen - und viele andere mehr - so sind das unter vielen anderen "aufführungen" und "darbietungen" unter den jeweiligen zeitlichen und überkommenen umständen eben "perfomances" im blickpunkt, im grellen licht des spots, eines öffenlichen interesses an einer gewissen allgemeinen "prominenz" - einer "elite", die genau beobachtet und bewertet wird und über sie berichtet wird.

und nicht umsonst spricht man ja bei unternehmen und behörden oft "körper-schaften", weil sie eben im großen und ganzen ebenso funktionieren und ticken wie einzelwesen - und sich, um zu überleben, auch kollektiv anpassen müssen an den jeweiligen zeitgeist (wir haben das gehört von bahlsen, krupp, benteler und anderen mehr - aber auch bethel sowie anderen "heilanstalten" von früher: denn "zeit = geld" - und ist der ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert...

aber wie der einzelmensch sollte auch die "körper-schaft" sich ihrer jeweiligen vergangenheit und verantwortung bewusst werden und schonungslos aufdecken und als feste "lebenserfahrung" integrieren in den heutigen werksalltag - die obligatorische gedenktafel - und dann den abspaltungs-haken dahinter - das ist da zu dürftig.

macht et jut - un nix für ungut - chuat choan...

 

hier geht's lang - sinedi.@rt
 

Beschwerdebrief des Ministerpräsidenten

Polen wirft Netflix historische Fehler vor

Die Dokuserie "Der Teufel wohnt nebenan" handelt von dem Kriegsverbrecher John Demjanjuk. Die NS-Konzentrationslager würden in der Netflix-Produktion auf historisch falschen Karten gezeigt, kritisiert Warschau.

Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki hat sich in einem Brief bei Netflix-Chef Reed Hastings über Fehler in der Serie "Der Teufel wohnt nebenan" (Originaltitel "The Devil Next Door") beschwert.

Am Montag begründete der nationalkonservative Politiker auf Facebook selbst diesen Schritt: Historische Darstellungsfehler in solchen Filmproduktionen seien "für deren Schöpfer vielleicht nur unwichtige Irrtümer, aber für Polen sind sie sehr schädlich, deshalb ist es unsere Aufgabe entschlossen zu reagieren". Ein Netflix-Sprecher erklärte, man prüfe den Sachverhalt mit Dringlichkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Dokumentarserie über NS-Konzentrationslager und die Suche nach dem Kriegsverbrecher John Demjanjuk sei insbesondere durch historisch falsche Landkarten der Eindruck entstanden, Polen sei für Konzentrationslager und darin begangene Verbrechen verantwortlich gewesen, kritisierte Morawiecki in einem Brief, den er auf seiner Facebookseite veröffentlichte.

Tatsächlich aber habe Polen während des Zweiten Weltkriegs gar nicht als Staat existiert, sondern habe unter der deutschen Besatzung und Gewaltherrschaft gelitten. Viele polnische Bürger seien ermordet worden, weil sie versucht hatten, ihre jüdischen Nachbarn zu retten.

Zuvor hatte bereits das polnische Außenministerium via Twitter kritisiert, die in der Serie genutzte Karte zeige nicht historisch korrekte Grenzen.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die polnische Regierung achtet streng darauf, dass beispielsweise deutsche Konzentrationslager auf heute polnischem Gebiet nicht als "polnisch" bezeichnet werden. Dies ist durch ein eigenes Gesetz ausdrücklich verboten. Vor allem Vertreter Israels kritisierten in der Vergangenheit wiederholt, das Gesetz könnte auch dazu missbraucht werden, jede Mittäterschaft von Polinnen und Polen an NS-Verbrechen zu leugnen.

Die von den israelischen Regisseuren Yossi Bloch und Daniel Sivan gedrehte fünfteilige Serie "Der Teufel wohnt nebenan", die unter anderem die Prozesse gegen John Demjanjuk in Israel und Deutschland nachzeichnet, wurde bisher überwiegend positiv rezensiert. So konnte sich das "Wall Street Journal" kaum "lohnendere fünf Stunden Fernsehen" vorstellen.

Auch die Betreiber der Auschwitz-Gedenkstätte würdigten auf Twitter, dass "Der Teufel wohnt nebenan" eine wichtige Geschichte erzähle. Allerdings könne man mehr Genauigkeit von einer solchen Produktion erwarten.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text und Bildmaterial: SPIEGELonline

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also - da hat polen nach meiner meinung eine "minderwertigkeits"-macke im geschichtlichen selbstverständnis und bewusstsein - und mit dem allseits modernen "political-correctness" - ja und mit begriffs- und sprachverwirrung... 
 
gerade in der "oder-neiße-linie"-debatte früher in meinen ganz jungen jahren in der nachkriegszeit wies polen jeden deutschtümelnden anspruch der landsmannschaften auf gebiete östlich von oder und neiße strikt von sich und beharrte auf "ur-polnisches" gebiet dort.
 
und heute, wenn es opportun erscheint, radiert man sich von 1939-1945 mal einfach just von der landkarte, um sich ganz klein zu machen und jeden hauch von mittäterschaft oder gar kollaboration von "polnischen bürgern" mit ns-deutschlands truppen zu leugnen und wegzudiskutieren durch eine "nichtexistenz" polens in jener zeit auf diesem gebiet - mit der intention, dass kein pole jemals am holocaust auf der täterseite mitbeteiligt war.
 
mich erinnert das an früher - an die jahre vor 1989 - als man sich hier in der brd fragte, ob es opportun sei, von der ddr als staat zu sprechen, oder ob man das kürzel doch lieber in anführungsstriche versetzte: "ddr" - oder von der "sogenannten ddr" sprach, oder doch lieber von "ostzone" oder "ostdeutschland" - und der heutige "ossi"/"wessi"-kladeradatsch wirkt darin immer noch fort.
 
als mitte 2018 das jugendvolxtheater in bethel ein stück spielte auf dem hintergrund des euthanasie-opferschicksals meiner tante erna kronshage, kam ganz am rande diese diskussion um polen oder nicht-polen auch auf, wurde erna doch in der heute polnischen stadt gniezno (deutsch: gnesen) in der dort bestehenden dziekanka-psychiatrieanstalt ermordet, die die deutsche besatzung damals in eine tötungsanstalt namens "tiegenhof" verwandelt hatte.
 
und als in einer vorstellung des stückes dann eine "vernichtungsanstalt" im "heutigen polen" mit benannt wurde, gab es prompt protest, ganz im sinne des polnischen regierungschefs mateusz morawiecki - obwohl eigentlich jeder einigermaßen geschichtlich informierte zeitgenosse weiß, dass es eine von ns-schergen betriebene tötungsanstalt in der deutschen besatzungszeit polens zwischen 1939-1945 war - allerdings muss man hier durchaus "political correct" auch festhalten, dass neben deutschem personal durchaus auch polnisches "pflege"-personal mitbeteiligt war - und der ärztliche direktor dr. victor ratka sich als sogenannter "volksdeutscher" rasch nach der okkupation den deutschen besatzern anbiederte, weiterhin als direktor zu fungieren, und sich hochkollaborierte bis zum "tötungs-facharzt" in der euthanasie-zentrale "tiergartenstraße 4" in berlin.
 
er starb in den 60er jahren im sonnigen breisgau als "deutscher" beamter mit pensionsberechtigung - zwei anklagen wegen seiner tätigkeiten als ns-mordarzt wurden wegen "verhandlungsunfähigkeit" eingestellt. hört-hört!

ich habe aber auch den eindruck, als verfahre man in der polnischen klinik dziekanka in gniezno und nicht nur dort auch in der historischen aufarbeitung der zeit von 39-45 in ähnlicher weise des ausblendens und kopf-in-den-sand-stecken - nach dem motto "da haben wir doch nichts mit zu tun": ob alle akten und unterlagen bis in die letzten verwinkelten kellerräume tatsächlich gesichtet, systematisiert und ausgewertet und ggf. "an den absender zurück" überstellt worden sind, oder auch nur der hauch einer durchgehenden übergeordneten systematik darin entwickelt wurde, möchte ich mal bezweifeln. 

da wird dann oft etwas verwinkelt abseits ein raum hergerichtet zur "historie" der einrichtung - und auch aus dieser zeit zeigt man dabei ein paar exponate - aber es ist mehr ein vorzeige-privatmuseum als ein offenes archiv zur aufarbeitung - und schwupps: schon bekommt "psychiatrie" wieder diesen geheimnisvollen verschwiegenen gediegenen touch - dabei will man doch da auch gegensteuern und sich "in der mitte der gesellschaft" zeigen, versteckt sich aber gern hinter "datenschutz" und "persönlichkeitsrechte" und "ärztlicher schweigepflicht".

aber das kann ich nicht einmal allein der polnischen klinik anlasten: auch in deutschland liegt in dieser hinsicht vieles im argen - und auch hier glaubt man, mit einem angemessen seriös gestalteten "gedenk- und erinnerungsort" habe man in dieser hinsicht seine "verdammte" pflicht getan -  

"nun lasst es endlich auch mal gutt sein" - und der schäbige rest muss auch aus irgendwelchen schutzbedürfnis-aspekten und -interessen einfach mal "vertuscht" werden - wie hochoffizielle akten ja auch gern mal "geschwärzt" werden...
 
 

 

hinsehen! - was wir von bombenentschärfungen lernen können für's leben

 

 
Ausschnitte aus einem "bento"-Artikel von Susan Barth
(Original: click here)




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als wir in den Bunker kommen, scheint mir Kunstlicht ins Gesicht. Es regnet schon den ganzen Tag

hier in Berlin. Drinnen ist die Luft kühl und trocken, zwei Mitarbeiterinnen unterhalten sich leise hinter der Kasse. Eine Freundin und ich besuchen heute eine Dauerausstellung im Story-Bunker Berlin. Alles, was wir heute sehen werden, steht unter einer einzigen Frage: Wie konnte das geschehen? "Das" ist Hitler. Der Nationalsozialismus. Der zweite Weltkrieg. Der Holocaust. Zerstörte Städte. Zerstörte Familien. 55 Millionen Tote.

Wir zahlen 13,50 Euro für ein Kombiticket inklusive Audioguide und schließen unsere feuchten Rucksäcke in einem Schließfach ein.

Ich weiß, dass ich in dieser Ausstellung keinen Spaß haben werde.

Stattdessen wird sie mich aufwühlen. Ich werde gleich immer stummer werden. Ich werde fassungslos sein. Ich werde auf einer der Bänke sitzen und nicht bemerken, dass ich weine.

Warum besuche ich die Ausstellung trotzdem?

Weil ich das Gefühl habe, dass ich es muss. Weil ich glaube, dass Museen, Dokumentationszentren und Ausstellungen nicht nur für Schulklassen gemacht sind. Und dass jeder von uns sie regelmäßig besuchen sollte.

Weil man sich regelmäßig daran erinnern sollte, was vor achtzig Jahren passiert ist. Überall in Deutschland, in Europa, auf der Welt. Auch nach der Schule. Auch, wenn es niemand mehr für einen organisiert.

Nach der Schule war da niemand mehr, der darauf Wert legte, dass ich Dokumentationszentren oder Lesungen Holocaust-Überlebender besuchte. Niemand zwingt mich heute dazu, mich weiter mit diesem Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen.

Dennoch versuche ich, mir das Grauen regelmäßig vor Augen zu rufen. 

Ich sehe den Film "Das Leben ist schön" oder lese Paul Celans "Todesfuge". Ich besuche Ausstellungen wie die im Story-Bunker, Mahnmale, Denkmäler und jüdische Friedhöfe in deutschen Städten. Alles, was in mir ein Gefühl zu all dem auslöst, was geschehen ist.

Ich mache das nicht, weil ich es spannend finde oder meine eigenen Grenzen austesten will. Sondern weil ich glaube, dass uns nichts anderes dieses Kapitel der Geschichte irgendwie näherbringen kann. Dass nur, wer fühlt, auch verstehen kann, dass so etwas nie wieder passieren darf. Dass das viel mehr bildet und berührt als alle Fakten.

Ich kann hunderte Male hören, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden in Deutschland ermordet wurden. Diese Zahl sagt mir wenig, sie ist zu abstrakt.

Aber in der Ausstellung sehe ich, was mit den Menschen passiert ist, die diese Zahl sind.

Das kann kein Geschichtsbuch. Gefühle lassen sich nicht erzwingen, aber man kann bereit dazu sein, sie zuzulassen. 

Manchmal frage ich mich, ob es moralisch in Ordnung ist, diese Menschen, ihre Bilder und ihre Schicksale zu betrachten, um zu versuchen, das, was passiert ist zu verstehen. Aber so funktioniert die menschliche Psyche. Das, was wir fühlen und erleben, hinterlässt einen intensiveren Eindruck als das, was wir uns einfach nur rational erfahren.

"Haben wir nicht langsam mal genug darüber gesprochen?", höre ich manchmal Menschen genervt sagen, wenn es um den Holocaust geht. Nein, das haben wir nicht. Seht es euch noch einmal an. Alles. Und dann muss es doch offensichtlich sein, dass wir über Unaussprechliches niemals aufhören können zu sprechen. 

Was vergangenen Mittwoch in Halle passiert ist, zeigt das auf eine furchtbare Weise ganz deutlich.

Wie können Ermittlungsbehörden nach so einem antisemitischen, antimuslimischen, einem rassistischen Gewaltakt noch von Einzeltätern sprechen, wenn Rechtsextremismus überall in Deutschland und im Internet immer präsenter wird? Wie kann man so tun, als würde es den ganzen Rest nichts angehen?

Was in Halle passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin traurig. Ich bin sprachlos. Ich bin wütend.

Es geht uns alle an. Deswegen wünsche ich mir, dass wir uns immer wieder dem Grauen stellen. 
Der Bildungsauftrag an uns selbst darf nach der Schule nicht vorbei sein. 
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ich bin susan barth für ihren bento-aufruf außerordentlich dankbar - gerade auch, weil aus ihm eine echte betroffenheit erkennbar mitschwingt - und so vielleicht unseren zunächst ohnmächtigen gefühlen bei solchen ereignissen wie dort in halle aktive möglichkeiten eröffnet werden, damit im hier & jetzt auch angemessen umzugehen.

wir müssen nicht den ganzen tag in sack & asche gehen und vor selbstvorwürfen und dauertrauer eine depressive krise heraufbeschwören. wir sollten die vergangenheit dennoch an uns persönlich heranlassen und sie integrieren in unser heutiges sosein - und wir müssen mit anderen das "unsagbare" miteinander besprechen lernen. 

das geht eben nicht nur mit gesten des bedauerns an den großen gedenktagen und feierstunden - so wichtig auch die für die seelenhygiene unserer gesellschaft regelmäßig sind. aber das darf nicht zum "pflicht"ritual veröden: wir müssen unsere eigene gedenk- und erinnerungskultur ausbilden, ein(e) jede(r) nach ihrer/seiner facon - und in den familien und im lebensumfeld sind die spuren und hinterlassenschaften von damals auch tatsächlich aufzuspüren. und erst mit dem "erspüren" wird das geschehen "fassbar" und "begreifbar" gemacht für unsere ganz individuelle wahrnehmung.

allerorten liest und hört und sieht man ja zur zeit von den späten bergungen und "entschärfungen" der bomben-blindgänger, die tief verschüttet mancherorts im erdreich geschlummert haben - und zu deren entschärfung oft ganze stadtteile mit tausenden von menschen in sammelunterkünften oft für stunden ausharren müssen.


 
die bombenentschärfung als passende metapher für die persönliche aufarbeitung der nazi-zeit bis in die 3. und 4. generation danach
 
 
ein solches aufspüren, bergen und entschärfen ist geradezu symbolhafte gestaltwerdung dessen, was eine angemessene aufarbeitung mit dieser zeit ganz individuell meint: denn da sind in dieser gesellschaft, in den orten und familien überall noch "blindgänger" zu bergen - oder man sagt ja auch: "leichen im keller" - und die gilt es, in der auseinandersetzung damit endlich schritt für schritt zu "entschärfen". 

 

sich das damalige grauen immer wieder vor augen zu führen ist dazu eben auch eine der adäquaten möglichkeiten, diese phase unserer (familien)geschichte nicht einfach abzuspalten und/oder zu verschweigen und beiseite zu wischen - oder wie der afd-vorsitzende gauland, diese zeit einfach als "vogelschiss" der geschichte zu bezeichnen und damit ins lächerliche zu ziehen.

 

 
mit solchen inneren gesellschaftlichen verflüchtigungen und verleugnungen macht man sich auch an den millionenfachen opfern insgesamt von holocaust und ns-euthanasie mitschuldig - und diese unentschärften "blindgänger" können im laufe der zeit in jedem konflikt mit uns "hochgehen" - damüssen wir uns schützen.
 
derartige verdrängungen zeitigen dann ereignisse wie jetzt in halle und anderswo, wo verirrte und maßlos verrohte menschen versuchen, mit vorsätzlichen und durchgeplanten mörderischen nachahmungs-taten aus verqueren motivationen heraus in diesen wahnsinn von vor 80 jahren einzutauchen, um ihn mit den heutigen mitteln fortzusetzen, anscheinend auch aus einer völlig verkorksten geltungssucht heraus.
 
nur wenn wir alle, jede(r) einzelne von uns, sich dieser realen epoche unserer region, unserer eltern, großeltern, nachbarn und verwandten ganz bewusst immer wieder neu stellen, können wir sie vielleicht im laufe der zeit angemessen verarbeiten und damit "gesund" umzugehen lernen, sie "entschärfen" - denn nachschwingen und herumspuken werden diese dunklen seiten und "blindgänger" in den familienbiografien und in den winkeln des (un)bewussten ja tatsächlich wohl "bis in die dritte und vierte generation", wie es schon in der bibel steht - und wie es die wissenschaftlichen erforschungen zur "transgenerationalen traumata-weitergabe" zweifelsfrei bestätigen - natürlich in ganz individuellen auswirkungen - jede(r) auf ihre/seine art.
 
ich habe zu diesem gesamt-komplex ja das ns-euthanasie-mordprotokoll meiner tante erna kronshage ganz kosten- und barrierefrei hier im netz veröffentlicht mit verschieden umfangreichen zugangsmedien, wo man sich dann ganz direkt mit diesem einzelschicksal - vielleicht dann eben auch in der eigenen familie, gemeinde, verwandtschaft - beschäftigen kann.

 

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NS-EUTHANASIE-GEDENKEN

 

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ERINNERUNG AN ERNA KRONSHAGE

 

Schon 1948: Eine Gedenktafel für die ca. 3.500-5.000 NS-"Euthanasie"-Opfer in der NS-Mordanstalt TIEGENHOF/GNESEN DZIEKANKA/GNIEZNO-PL

ERNA KRONSHAGE wurde hier am 20.04.1944 ermordet



Deutscher Text der Gedenktafel in Dziekanka - Gniezno:

 

Zu Ehren der Gefallenen und ermordeten 
Mitarbeiter und Patienten von der Abteilung 
für Psychiatrie - Dziekanka - 
in den Jahren der Besatzung, 1939-1945 - 
Mitarbeiter der Abteilung, August 1948

 

 

Früher: Ein Grab und das Mahnmal auf dem Alten Friedhof Bielefeld-Sennestadt ...

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Diese Grabstätte Kronshage (Bezeichnung "A 3" auf dem Alten Friedhof Sennestadt) ist inzwischen eingeebnet worden, der Stein wurde entfernt. Jetzt "wächst Gras über diese Sache" - im wahrsten Sinne des Wortes: der Alte Friedhof wird vorzugsweise in einen Grünzug umgestaltet und nicht mehr belegt. Im Hintergrund dieses Fotos aus 2011 das "Ehrenmal" - das auch inzwischen "in die Jahre" gekommen war - und deshalb abgebaut wurde - die Inschriften und Opfer-Namenstafeln wurden an einem anderen Kreuz auf dem Friedhof wiederverwendet ... 2016 gibt es an der hier abgebildeten Stelle also weder Stein noch Denkmal - was in einem solchen Moment auch wie ein Aspekt zur Gedenk- und Erinnerungskultur in diesem Stadtbezirk wirkt ...

 

Über die Gestaltung des "Alten Friedhofes" in Sennestadt aber macht man sich erneut in Gremien und Arbeitsgruppen Gedanken. Nachdem die Kronshagesche Grabstelle 2013 aufgelöst und "fachgerecht" nach den schriftlich ausgehändigten Bestimmungen geräumt und eingeebnet wurde, gestattet man nach entsprechendem Beschluss der Stadtbezirksvertretung allerdings bereits seit 2012 wieder, Grabmalsteine auch stehen zu lassen, die einen irgendwie "historischen Wert" an sich haben ... - und man bietet wohl hier und da Patenschaften für einzelne Grabstätten an ... 

 

Als die Nutzungszeit für das Familiengrab Kronshage also zum 01.05.2013 abgelaufen war, wurden diese inzwischen getroffenen entsprechenden Beschlüsse nicht frist-, sach- und fachgerecht im Rahmen der Friedhofsverwaltung in Sennestadt weitergegeben - so dass es zur beschriebenen Beseitigung auch des Familiengrabsteins kam ....

 

Doch da greift jetzt anscheinend sowieso eine neue Form der Gedenk- und Erinnerungskultur auch in neuen und anderen gesamthistorisch-kulturellen Zusammenhängen ... Schade - für die Grabstätte der Familie Adolf Kronshage und somit für die letzte Ruhestätte des Leichnams von Erna Kronshage kommt dieses neue Ansinnen einfach zu spät: der Stein ist unwiederbringlich geschreddert - und "es ist Gras über die Sache gewachsen" ... - ... "knapp vorbei ist auch daneben ..."

 

Mal sehen, ob eines Tages auf diesem Friedhofs- bzw. Grünareal wohl wieder ein Zeichen des Gedenkens und der Mahnung an das Opferschicksal Erna Kronshages erinnert ...

 

Zu entsprechenden Presse-Infos und Leserbriefen etc. dazu:

hier clicken 

 

 

Fast die gleiche Fotografier-Stelle wie oben - heutzutage: kein Familiengrabstein mehr - kein Mahnmal im Hintergrund: was dann auch wie ein Aspekt zur Gedenkkultur in diesem Stadtbezirk und auf diesem Friedhof daherkommt ....

"Zum Gedenken an die Opfer ... der Gewaltherrschaft"

Diese Inschrift vom alten "Ehrenmal" wurde nun neu an ein Kreuz auf der Mitte des Friedhofes platziert ....
Video-Still aus dem Beitrag von der WDR-Lokalzeit OWL v. 09.10.2014: Blumen am eingeebneten Familiengrab KRONSHAGE - der letzten Ruhestätte Ernas ... (Video: auf das Bild clicken ...- und die Lautstärke einstellen ...)

Heute: Der Stolperstein zum Gedenken an Erna Kronshage

Am 06.12.2012 wurde in BI-Sennestadt ein sogenannter "Stolperstein" zum Gedenken an Erna Kronshage vom Künstler Gunter Demnig gelegt. 

 

 

Bielefeld-Sennestadt - 
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße - 
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus - 
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der neue zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde in Berlin - 02.09.2014

Der neue zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde in Berlin, Tiergartenstraße 4

Genau 75 Jahre nach Hitlers "Euthanasie"-Befehl mahnt nun an der Tiergartenstraße in Berlin - wo sich die NS-Vernichtungszentrale der Tarn-Organisation "Aktion T4" befand - eine 24 m lange blaue transparente aber auch spiegelnde Wand mit einem Dokumentations- und Informationspult die oft brutalen Schicksale all der Opfer willkürlicher Ausgrenzung, "Ausmerze" und Gewalt an - gestern und heute ... | Foto: DPA -

 

ERNA KRONSHAGE - nun einer von 1.017 leuchtenden NS-"Euthanasie"-Opfernamen im LWL Klinikum Gütersloh

Im "Raum der Namen" in der düsteren Klinikkapelle in der LWL-Klinik Gütersloh werden aus der Zahl der 1.017 Opfer wieder Individuen.
 
Jedes dieser 1.017 "Euthanasie"-Opfer ist auf er- und be-leuchtenden, die Wände des inneren Kirchenschiffs umlaufenden Paneelen verzeichnet. 

 

Die Nennung der Namen - darunter auch ERNA KRONSHAGE - machen uns klar, dass wir eben nicht vor einer anonymen, unvorstellbar großen Menge stehen, sondern dass es Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung waren, die vernichtet wurden. Dieses Bewusstsein können nur lokale Orte des Gedenkens schaffen. 

 

1.017 Patienten allein aus Gütersloh wurden Opfer dieser sogenannten "Euthanasie"-Velegungen. Ein Großteil wurde in der Gaskammer von Hadamar, der zentralen Tötungsanstalt für die westfälischen Patienten, oder zum Beispiel in den Tötungsanstalten im besetzten Polen in Meseritz-Obrawalde oder Tiegenhof/Gnesen ermordet. Diese Menschen starben gezielt und planvoll durch Überdosen an Medikamenten, durch Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse in den Durchgangs- und Zielanstalten. 

 

Neben diesem beeindruckenden Leucht- und Namensband - graphisch gestaltet vom Bielefelder Designer Mario Haase - komplettieren ein "Rundgang zur Klinikgeschichte" auf dem Klinikfriedhof und ein "Stein des Gedenkens" mit der Inschrift auf einer Bodenplatte diese Verortungen des "Erinnerns und Gedenkens" - nun endlich - nach 70 Jahren des würdelosen vornehmlichen Verschweigens ...

Zur feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte in Gütersloh wurden verschiedene für die historische Einordnung und Forschung bedeutsame Reden gehalten - die ich wegen dieser Wichtigkeit hier als pdf eingestellt habe ...

 

>>> Hier geht s zu den Reden ... 

Gedenken - z.B. in der Vernichtungsanstalt Mainkofen/Niederbayern

Die Täter-Seite: Datenbank-Projekt zeigt, dass Täter und Opfer manchmal Nachbarn waren ...

Quasi als "Komplementär"-Projekt zu den "Stolpersteinen" und Erinnerungseinrichtungen hat jetzt Hamburg eine Datenbank angelegt für die NS-Täter und NS-Karrieristen, die zeigt, dass manchmal Täter und Opfer in einer Straße als Nachbarn oder gar in einem Haus gelebt haben ... -

 

Hoffentlich folgen bald viele Stadtarchive diesem Beispiel - und auch Datenbanken für die Opfer sind ja noch rar gesät - und äußerst lückenhaft ...

 

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Datenbank-Projekt zeigt NS-Täter und Profiteure
Kulturjournal - Autorin: Yasemin Ergin


Wir kennen die Namen der großen NS-Verbrecher. Aber welche Profiteure gab es sonst noch im Dritten Reich? Wer bereicherte sich, wer denunzierte, wer machte Karriere auf Kosten anderer? In der bundesweit einzigartige Datenbank "Die Dabeigewesenen" kann man nun die Täter und Mitläufer im nationalsozialistischen Hamburg finden.

Die Datenbank, initiiert von der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung unter der Leitung der Historikerin Rita Bake, umfasst über 500 Profile, weitere sollen folgen. Außerdem will die Datenbank konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar machen - gegen das Vergessen. Schon jetzt zeigt sich, wie wichtig das ist: Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende gibt es beispielsweise noch immer Straßen in Hamburg, die nach NS-Profiteuren benannt wurden.

 

Antisemiten als Namensgeber


Zum Beispiel die Georg-Bonne-Straße. Georg Bonne war ein Arzt aus Nienstedten, der sich um die Hygiene der armen Bevölkerung gekümmert hat, unter anderem, dass sie guten Wohnraum bekamen - und gutes Trinkwasser. "Gleichzeitig war er seit frühester Jugend ein sehr überzeugter Antisemit", erzählt Rita Bake. "Er hat 1942 ein Pamphlet geschrieben, das 'Der ewige Jude' heißt und ganz furchtbar ist."

 

Weitere Beispiele: Der Borchlingweg ist nach einem Professor benannt, der sich früh der NS-Ideologie verschrieb. Oder der Högerdamm. Namensgeber ist Fritz Höger. Der Hamburger Architekt hat unter anderem das Hamburger Chilehaus geschaffen, war aber auch NS-Profiteur und ein großer Hitler-Fan.

 

Zwei Jahre haben Rita Bake und ihre Mitarbeiter geforscht, um "Die Dabeigewesenen" aufzubauen. Zu Fritz Höger findet man einiges an Material, das nicht zum Bild des gefeierten Star-Architekten passt. "Er ist sehr früh in die NSDAP eingetreten, im Grunde genommen kann man ihn als Karrieristen bezeichnen", so die Historikerin. "Er hat auch nette Briefe an Herrn Hitler geschrieben. Und noch nach 1945 hat er ein Traktat geschrieben, in dem er schreibt: 'Genauso ist auch das Judentum ein solcher Schmarotzer in der gesamten Menschheit, die von ihm befallen wird ...'"

 

Die Datenbank richtet den Blick nicht nur auf die offensichtlichen Täter, sondern auf all jene, die das System unterstützten. Nicht nur Personen sind erfasst,sondern auch Orte und Ereignisse. Mit "Die Dabeigewesenen" kann also jeder die Geschichte entdecken - die der Opfer UND die der Täter - ganz einfach. ...

 

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HIER GEHT ES ZUR DATENBANK

 

Die Dabeigewesenen  (hier clicken)


Das bundesweit einzigartige Datenbank-Projekt "Die Dabeigewesenen" will zeigen, wer die Täter und Karrieristen im nationalsozialistischen Hamburg waren. 

 

 

https://www.hamburg.de/ns-dabeigewesene/

das überleben der stolpersteine

 

 


Die Zeit der Steine

Die Zeit der Pflanzen
dann kam die Zeit der Tiere
dann kam die Zeit der Menschen
nun kommt die Zeit der Steine

Wer die Steine reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Wer die Menschen reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Erich Fried


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