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ZEITZEUGENSCHAFT -

 

Die Klassenfahrt nach Auschwitz

 

Die Zukunft in Druckbeiträgen, als Videoaufzeichnungen & Hologramme

 

  • ENTWICKLUNGEN DER GEDENK(STÄTTEN)KULTUR

 

 

BERLIN & BRANDENBURG . Stiftung Gedenkstätten

 

Geschichte im virtuellen Raum

 

Veröffentlicht am 12.04.2021 - DIE WELT

 

Ein interaktiver Gang durch die Gedenkstätte, eine Diskussionsrunde oder der Videobericht eines Zeitzeugen: In Zeiten der Corona-Pandemie passiert das heute vielfach im Internet. Doch die Begegnung vor Ort ersetzt das nicht.

 

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten setzt in Zeiten der Corona-Pandemie verstärkt auf Digitalisierung und Erinnerungsarbeit im Internet. Die digitale Debatte habe sich radikalisiert, da müsse etwas dagegen gesetzt werden, sagte Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) am Montag auf der Online-Jahrespressekonferenz der Stiftung. Antisemitismus sei kein abgeschlossenes Kapitel aus dem Geschichtsunterricht, und antijüdische Hetze gebe es nach wie vor vor allem online. «Neue Erzählformen und virtuelle Veranstaltungen halten Geschichte am Leben», sagte sie. Für kommende Generationen werde sie damit begreifbar. Das Land unterstützt die Stiftung in diesem Jahr mit rund 3,7 Millionen Euro. Vom Bund kommen rund 3,35 Millionen Euro.

 

Die Stiftung betreut die früheren Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück sowie die Gedenkstätten für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel, im ehemaligen Zuchthaus Brandenburg-Görden und des Todesmarschs im Belower Wald.

 

Angesichts der Corona-Pandemie und der damit nicht möglichen Präsenzveranstaltungen sei es durch die neuen Formate trotzdem gelungen, dass die Gedenkstättenarbeit nicht zum Stillstand komme, sagte Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. «Das ersetzt natürlich nicht die Begegnung mit Zeitzeugen und der Arbeit vor Ort eins zu eins, sagte er. Vor der Pandemie seien in den Gedenkstätten pro Jahr etwa 800 000 Besucher jährlich gezählt worden. Im Vorjahr waren es knapp 140 000.

 

Gerade sei das Programm zum 76. Jahrestag der Befreiung online gegangen, sagte Drecoll. Das Programm «Spur.lab» beschäftige sich in Zusammenarbeit mit der Filmuniversität «Konrad Wolf» Potsdam mit Grenzen und Möglichkeiten virtuellen Erzählens an Tatorten von NS-Verbrechen. Es gehe dabei darum, historisches Lernen zu ermöglichen, sagte er.

 

Über Twitter, Facebook und Instagram konnten im Vorjahr nach Angaben der Stiftung mit der kurzfristig organisierten Social-Media-Kampagne zum 75. Jahrestag der Befreiung über 100 000 Menschen erreicht werden. Vor einem Jahr ging der offizielle YouTube-Kanal der Gedenkstätte Sachsenhausen an den Start. In sechs Monaten wurden die dort hochgeladenen Videos über 9000 Mal aufgerufen. Digitale Führungen kommen oft auf mehrere hundert Klicks.

 

In der Gedenkstätte Sachsenhausen läuft in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Buchenwald ein mehrjähriges Projekt zur Digitalisierung der Archiv- und Sammlungsbestände. Die Projektkosten in Höhe von knapp 1,6 Millionen Euro tragen das Landes-Kulturministerium und die Bundesbeauftragten für Kultur jeweils zur Hälfte. In der Gedenkstätte Ravensbrück werden Pilotprojekte für die Bildungsarbeit entwickelt. Eine Podcastserie startet im Mai durch die Gedenkstätten in Brandenburg an der Havel.

Auch eine Website zur Geschichte der Euthanasiemorde ist dort in Arbeit.

 

© dpa-infocom, dpa:210412-99-172376/5

 

Stiftung

 

 

Klassenfahrt in die dunkelste Vergangenheit

 

Der Geschichtsdidaktiker Christian Kuchler hat untersucht, was Schülerinnen und Schüler von einer Reise zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau erwarten, was sie dort beeindruckt und was sie dabei lernen. Sein Fazit: Vor zu hohen Erwartungen sollten sich Pädagogen und Politiker hüten

 

VON BARBARA DISTEL

 

Die Corona-Pandemie hat seit Frühjahr 2020 auch die Orte der Erinnerung an die nationalsozialistische Mordpolitik stillgelegt. Wann und mit welchen Impulsen die Arbeit dort wieder aufgenommen und weiterentwickelt werden kann, ist derzeit nicht absehbar.

 

Die Studie des Historikers und Geschichtsdidaktikers Christian Kuchler zu Klassenfahrten deutscher Schulklassen in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau analysiert aus diesem aktuellen Blickwinkel die bis zum Jahr 2019 organisierten Exkursionen und beleuchtet gleichzeitig Zukunftsperspektiven für diese Methode der Geschichtsvermittlung.

 

Grundlage für die Untersuchung und Bewertung der Schülerfahrten nach Auschwitz sind schriftliche Beurteilungen aus den Jahren 1980 bis 2019, in denen Schüler ihre Erwartungen vor dem Besuch, ihre Eindrücke während des Aufenthalts und ihre Gedanken nach der Heimkehr festgehalten haben. Ergänzt wird die Analyse durch eine Befragung von Schülern zehn bis 22 Monate nach dem Besuch. Im Zentrum steht die Fragestellung, ob sich mithilfe von Schülerexkursionen nach Auschwitz Geschichtsbewusstsein bilden lässt und ob sie dazu beitragen können, Theodor Adornos Forderung, „dass Auschwitz sich nicht wiederholt“, zu verwirklichen.

 

Nach einem kurzen historischen Abriss zum größten nationalsozialistischen Todeslager folgt die Geschichte der Entstehung und Entwicklung der Gedenkstätte seit dem Jahr 1947. Über lange Jahre hinweg war die Arbeit dort getragen von den polnischen KZ-Überlebenden unter den gesellschaftspolitischen Bedingungen des kommunistischen Nachkriegs-Polens bis zum Systemwechsel des Jahres 1989 und darüber hinaus. Es gab über Jahrzehnte hinweg wenige Verbindungen zwischen der polnischen Erinnerungspolitik und den Diskursen über nationalsozialistische Verbrechen in Deutschland, den anderen europäischen Ländern und Israel und den USA.

 

Die ersten Gruppenbesuche Jugendlicher aus der Bundesrepublik Deutschland in Auschwitz wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren von der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“ sowie von kirchlichen Organisationen wie der katholischen „Pax Christi“-Bewegung und der protestantischen „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ organisiert. Die nach langen Jahren politischer Auseinandersetzungen seit 1986 in gemeinsamer Trägerschaft der Stadt Oświęcim und der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste bestehende Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz kann inzwischen auf 35 Jahre Geschichtsvermittlung und Begegnungsarbeit in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte und KZ-Überlebenden zurückblicken. Die Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die zumeist für ein Jahr in Auschwitz oder auch einer anderen KZ-Gedenkstätte in Polen arbeiten, verkörpern wohl am überzeugendsten die Hoffnung des bis 1996 amtierenden Präsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees, Maurice Goldstein, dass Auschwitz den Menschen verändert. Als beispielhaftes Zeugnis für den durch eine längere Begegnung mit Auschwitz erzeugten, vielschichtigen Lernprozess kann der Spielfilm „Am Ende kommen die Touristen“ des ehemaligen Freiwilligen Robert Thalheim gelten. Er vermittelt auf eindringliche, sehr subtile Weise die schwierige Situation der Stadt Oświęcim in den 1990er-Jahren, in der einerseits polnische Jugendliche versuchen, im Schatten des ehemaligen Vernichtungslagers ein normales Leben zu führen. Gleichzeitig ist jedoch die Geschichte in der Gedenkstätte mit ihrem Besucherandrang allgegenwärtig. Die Begegnung des jugendlichen Protagonisten mit einem alten polnischen Überlebenden verdeutlicht die Ambivalenz, die durch das Zusammentreffen entsteht, und verweist auf die Grenzen gegenseitigen Verstehens.

 

Seit Beginn der 1990er-Jahre entwickelte sich die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zum weltweit bedeutsamsten Erinnerungsort an die NS-Mordpolitik und damit auch zu einem Ziel des internationalen Massentourismus. Die jährlichen Besucherzahlen stiegen in diesem Zeitraum kontinuierlich an, bis sie 2018/2019 die Grenze von zwei Millionen Interessierten überschritten. Die Gedenkstätte beschränkte den zuvor unbegrenzten Zugang und genehmigte nur noch angemeldete, auf der Grundlage polnischer Geschichtspolitik geführte Rundgänge durch eigene Mitarbeiter.

 

Der umfangreichste Quellenbestand an schriftlichen Reaktionen deutscher Schüler auf die Exkursion nach Auschwitz lag dem Autor mit Aufzeichnungen aus Nordrhein-Westfalen für die Jahre 2010 bis 2019 vor. Letztendlich blieben aber über die Jahre hinweg die stärksten und am häufigsten benannten Eindrücke der Jugendlichen der Ausstellungsbereich im Stammlager Auschwitz I mit den Hinterlassenschaften der Ermordeten und das räumliche Ausmaß des Geländes von Birkenau (Auschwitz II). Die Begegnung mit einem Überlebenden, die im untersuchten Zeitraum noch für viele Gruppen in ihren Übernachtungsquartieren angeboten werden konnte, wird als wichtige emotionale Ergänzung des kognitiven Lernprozesses eingeordnet. Trotz zahlreicher Schwierigkeiten und Defizite wie mangelhaftes Vorwissen von Lehrern und Schülern, Einschränkungen durch die von der Gedenkstätte vorgegebene Vermittlung, fehlende Kontakte zur lokalen Bevölkerung, Fokussierung auf die Opfer und damit Ausgrenzung der Auseinandersetzung mit den Tätern oder fehlende Wahrnehmung der Erinnerungsnarrative anderer Nationen fällt die Bewertung der Exkursionen sowohl von Seiten der Schüler wie des Autors positiv aus. Allerdings lassen sich zu hoch gesteckte Ziele nicht erfüllen, etwa dass mit einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz deutsche Jugendliche dauerhaft für Demokratie und Pluralismus zu gewinnen wären und sie gegenüber nationalsozialistischem Gedankengut, Antisemitismus und Rassismus immunisiert werden könnten. Dieser Befund deckt sich mit Erfahrungen, die an KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik immer wieder gemacht wurden, wenn von Seiten der Politik überhöhte Erwartungen an die Wirkung von Exkursionen in Gedenkstätten gerichtet wurden.

 

Christian Kuchler bedauert die Zurückhaltung an vielen Gedenkstätten, neue Medien einzubeziehen, wie etwa digital generierte Hologramme, die in den letzten Jahren mit Überlebenden aufgezeichnet wurden und die den Dialog mit nachfolgenden Generationen ersetzen sollen. Die Besorgnis, dass der Besuch des historischen Ortes durch „virtual reality“ obsolet werden könnte, spielt dabei sicherlich eine Rolle, ebenso wie die negativen Erfahrungen mit kommerziellen Angeboten neuer Medien zur Auseinandersetzung mit der Shoah. Vorgestellt wird als positives Beispiel das Video „Inside Auschwitz“, das einen filmischen Rundgang über die Gedenkstätte mit Kurzberichten von drei Frauen verbindet, die Auschwitz überlebt haben. Allerdings sollte nach den Erfahrungen des Autors das Video als Ergänzung, nicht als Ersatz des Besuchs der Gedenkstätte eingesetzt werden.

 

Die abschließende Einschätzung des Autors zu den Möglichkeiten zukünftiger deutscher Schülerexkursionen nach Auschwitz ist pessimistisch. Trotzdem schließt die Studie mit Vorschlägen, wie zukünftige Besuche substanziell verbessert werden könnten durch Angebote zur Eigenerkundung, bessere Vorbereitung, stärkere Beachtung emotionaler Erfahrungen, Einbeziehung internationaler Geschichtsnarrative und Vertiefung der Auseinandersetzung mit der Tätergeschichte. Der Autor plädiert dafür, dass Gedenkstättenbesuche als integraler Bestandteil des Geschichtsunterrichts gerade angesichts „wachsenden Antisemitismus und Radikalisierung und Nationalisierung europäischer Gesellschaften“ dauerhaft zu etablieren seien.

Christian Kuchler hat mit seiner Studie die Debatte zur zukünftigen pädagogischen Vermittlungsarbeit an KZ-Gedenkstätten substanziell bereichert. Es ist zu hoffen, dass sie im Bereich der Geschichtsvermittlung auf ein breites Echo stößt.

 

  • Christian Kuchler: Lernort Auschwitz. Geschichte und Rezeption schulischer Gedenkstättenfahrten 1980 bis 2019. Wallstein-Verlag Göttingen 2021, 275 Seiten. 26 Euro E-Book: 20,99 Euro.

 

Barbara Distel leitete die KZ-Gedenkstätte Dachau von 1975 bis 2008.

 

SZ Nr. 100, Montag, 3. Mai 2021 . DAS POLITISCHE BUCH . S.13

 

 

Wie berichten wir authentisch über NS-Euthanasie & Holocaust, wenn die Zeitzeugen eines Tages nicht mehr da sind? Das ist ja - auch angesichts der "Das-war-nur-ein-Vogelschiss"-Metapher eines Bundestagsabgeordneten namens Gauland - die Frage, die sich viele Pädagogen, Historiker, Archivare, Museen, Gedenkstätten und nicht zuletzt viele seriöse Politiker aller bürgerlich-seriöser couleur stellen.

 

Und wozu eben auch diese hier verlinkten Seiten zu "Erna' Story" einen Beitrag leisten sollen, in der Hoffnung, dass das Internet ja (in diesem Falle: 'hoffentlich') "nichts vergisst" - und alles irgendwie und wo auch immer archiviert und versiegelt daliegt oder kopiert aufgezeichnet wurde, so dass man es bei aktiver Recherche noch jahrelang auch aufzustöbern und abzurufen vermag oder im eigenen Fundus lagert.

 

Einen ersten wenn auch umstrittenen Lösungsweg bieten neuerdings Gedenkstätten und Museen an - z.B. das Holocaust Museum in Chicago mit der von Steven Spielberg ins Leben gerufenen USC Shoah Foundation - und hier in Deutschland die KZ-Gedenkstätte in Dachau in Zusammenarbeit mit dem Projekt "LediZ" der Ludwig-Maximilians-Universität München - um mit den betagten Zeitzeugen ein umfassendes Antwortenarchiv virtuell und digital zu erfassen, um dann die mit "maschinellem Lernen" und "Künstlicher Intelligenz" (KI) produzierten dreidimensionalen lebensechten Personenbild-Hologramme und den beliebig kombinierbaren interaktiven Antworten dazu die spontanen Fragen von Interessenten jeweils "hautnah" und "lebendig" zu beantworten, so wie das die "Technik" ganz neu ermöglicht.

 

Bei aller gebotenen Skepsis zum Umgang mit nichtlebenden "Sprachrobotern", scheint mir dieser Ansatz aber doch äußerst spannend - und zukunftsweisend - ich bin gespannt ... -

 

Doch zunächst sei auf eine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hingewiesen, die sich diesem Thema insgesamt stellt...:

 

DAS ENDE DER ZEITZEUGENSCHAFT

 

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Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen:

vom Kassettenrecorder zum Hologramm
Vortrag von Albert Lichtblau (Salzburg) 
Der neueste Schrei, etwas gegen das Aussterben zu unternehmen, sind 3D-Hologramme. Sie simulieren Gespräche mit Holocaust-Überlebenden. In Ausstellungen scheint es dann, als würde die gefilmte Person real im Raum sitzen und auf Fragen des Publikums antworten können. Über Spracherkennungssoftware werden die Fragen des Publikums einer Antwort der Hologramm-Überlebenden zugordnet. Die dafür interviewten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wurden mit ca. 50 Kameras aufgenommen und antworteten über mehrere Tage hinweg auf mehr als 2000 Fragen. Irgendwie wirkt es gespenstisch, auf diese Art und Weise Überlebende unsterblich machen zu wollen.
Der Kampf gegen das Verschwinden der Überlebensgeschichten begann in Österreich Ende der 1970er Jahre und der Vortragende nahm daran aktiv teil. Wie sich aus Einzelaktivitäten größere Projekte entwickelten und wie sehr die technischen Entwicklungen dabei eine Rolle spielten, wird Thema sein, genauso wie die schwierige Suche nach Archivorten für die aufgenommenen Gespräche. Was kam dabei raus, wo stehen wir heute und welche Visionen gibt es für die Arbeit mit diesen wichtigen historischen Dokumenten?
Albert Lichtblau, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, Universitätsprofessor im Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Forschungsschwerpunkte und Publikationen: Oral History, Migration, Nationalsozialismus, Rassismus, Erinnerungspolitik.
Eine Veranstaltung im Begleitprogramm zur Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“

 

Ein Wegweiser in die Zukunft???:

Schüler fragen  - und der virtuelle Zeitzeuge antwortet ...

Zeitzeuge für die Ewigkeit - Die Projektion von Abba Naor kann tausend Fragen beantworten - SZ-Photo

 

 

Remix der Erinnerung


In einer Welt ohne Zeitzeugen brauche es ein kreativeres Gedenken an die Schoa, sagen manche. Sind Hologramme eine gute Idee? Unter Zeitdruck wird nach der richtigen Technologie und Philosophie gesucht.

 

Von Victor Satt­ler, F.A.Z. - Feuilleton - Montag, 16.11.2020 - 


Wurde in Ihrer Fami­lie über die Schoa gespro­chen?“, fragt ein Besu­cher. Vor allem Jiddisch habe seine Fami­lie gespro­chen, antwor­tet ihm das Holo­gramm irrtüm­li­cher­wei­se. Einige Gäste lachen über den Fehler und über den alten Mann, der da aus dem Licht des Projek­tors blickt. Anja Ballis von der Univer­si­tät München sieht in seinem digi­ta­len Gedächt­nis nach, was bei der Beant­wor­tung schief­ge­lau­fen sein könnte. Auf ihrem Laptop führt sie eine Liste über sämt­li­che Fragen, die das Holo­gramm bisher verste­hen kann. Die Liste ist schon weit gedie­hen, seit Ballis zum ersten Mal mit Zeit­zeu­gen der Schoa in Schul­klas­sen ging und – ohne damals zu wissen, wozu es ihr heute dient – begann, sich die Fragen der Schü­ler zu notie­ren.

 

Mitt­ler­wei­le ist dieses Doku­ment das Skript zu einer unge­wöhn­li­chen Premie­re, als die KZ-Gedenk­stät­te Dachau im Okto­ber erst­mals den Einsatz von digi­ta­len Zeit­zeu­gen testet, wie sie eines Tages und dann auf ewig in allen deut­schen Schu­len gleich­zei­tig sein könn­ten. Die Zeugen sind Eva Umlauf und Abba Naor, das Jahr ist 2018 und der Ort das engli­sche York, wo Umlauf und Naor je eintau­send Fragen vor der Kamera beant­wor­te­ten. Seit­dem exis­tiert von beiden ein Holo­gramm, das schein­bar vor der Lein­wand in der Luft schwebt. Mit einer 3D-Brille werden die Hände plas­tisch, wie sie auf den Lehnen eines roten Sessels ruhen, und mit der Zeit werden die Finger unge­dul­dig, denn der Compu­ter wartet auf Anwei­sun­gen. Gleich lernt die Sprach­er­ken­nung wieder etwas dazu: Ballis flüs­tert dem Besu­cher, der gefragt hatte, eine besse­re Formu­lie­rung ein und empfiehlt ihm, Pausen zwischen den Wörtern zu machen, damit Naor ihn dies­mal versteht – damit Naors Holo­gramm ihn versteht, muss es natür­lich rich­tig heißen.

 

„Sie ist noch nicht so weit in der Entwick­lung“, sagt sie über das zweite Holo­gramm. Eva Umlauf ist eine Münch­ner Kinder­ärz­tin mit jüdisch-tsche­chi­scher Herkunft. Im Jahr 1942 im Arbeits­la­ger Nováky gebo­ren und 1944 mit ihrer Mutter nach Ausch­witz depor­tiert, war sie einer der letz­ten und einer der jüngs­ten Menschen, denen dort eine KZ-Nummer täto­wiert wurde. Über ihre Jugend, ihr Medi­zin­stu­di­um und ihre zwei Ehen hinweg sei die blaue Nummer mit ihr gewach­sen, erzählt sie. Ihre Persön­lich­keit und ihre natur­wis­sen­schaft­li­che Denk­wei­se stecken auch in ihrem Holo­gramm. Während Abba Naor gern einen philo­so­phi­schen Bogen schlägt, der die Gäste rätseln lässt, ob das System die Frage miss­ver­stan­den hat, ist Umlaufs Stil präzi­ser. Einmal wird ihr Holo­gramm nach seiner Einstel­lung zu dem Projekt selbst befragt. Die Antwort, die sie darauf in York gab, ist so diffe­ren­ziert, dass sie die aktu­el­le Debat­te über neue Formen des Geden­kens mit ihren Sorgen und Hoff­nun­gen gut wider­spie­gelt. Erst ihre Söhne konn­ten Umlauf dazu über­re­den, ein Holo­gramm zu werden.

 

War es die rich­ti­ge Entschei­dung? Die poli­ti­sche Didak­tik steht an einem Schei­de­weg. Nicht schlag­ar­tig, aber schlei­chend endet eine jahr­zehn­te­lan­ge Praxis, in der Zeit­zeu­gen die Auto­ri­tä­ten des Schoa-Geden­kens waren. Was folgt, wird als eine „Ära des Remix“ bezeich­net, in der sich die Gesell­schaft im Umgang mit den Zeug­nis­sen krea­ti­ve Frei­hei­ten heraus­nimmt. Aus der Fülle an Geschich­ten, die sie hinter­las­sen, kann alles ausge­wählt, passend gemacht und neu kombi­niert werden. So könn­ten die Holo­gram­me in Zukunft in 4D-Land­schaf­ten sitzen oder als Avatar wie ein Menü­knopf durch histo­ri­sche Quel­len führen. In den Küns­ten ist der Remix weit verbrei­tet und lotet seit jeher die Gren­zen von Urhe­ber­schaft aus. Beim Geden­ken an die Schoa ruft er sowohl Pionie­re wie Anja Ballis als auch deren erklär­te Gegner auf den Plan.

 

Einen Avatar
muss man nicht siezen

 

Kinder duzen das Holo­gramm. Das über­rasch­te die Forscher, ist aber in ihrem Sinn. Sie möch­ten Hemm­schwel­len senken und testen, ob dann auch Fragen gestellt werden, die man im Gespräch mit der realen Person pietät­los fände. Aller­dings macht das Holo­gramm nicht alles mit, was die Tech­nik gestat­ten würde. Fragen zur israe­li­schen Sied­lungs­po­li­tik werden akus­tisch erkannt, doch lehnt Abba Naor die Beant­wor­tung ab.

 

Auch Eva Umlauf macht einmal ihrem Ärger über eine schwam­mi­ge Formu­lie­rung Luft. Bei solchen Absa­gen habe das Forscher­team nie insis­tiert, denn sein obers­tes Gebot sei es gewe­sen, keinen Einfluss auf die Zeug­nis­se zu nehmen. Damit sie nicht unter den Verdacht eines „Deep-Fakes“ gera­ten – der künst­li­chen Gene­rie­rung neuer Inhal­te –, wacht zum Beweis das Leib­niz-Rechen­zen­trum Garching über zwan­zig Tera­bytes an Video­auf­nah­men. Die Versu­chung wird größer, je länger die Holo­gram­me altern. Bereits jetzt haben sie ihre Defi­zi­te: Am ersten Jahres­tag des Anschlags von Halle wollen manche Besu­cher nach etwas fragen, über das Umlauf und Naor 2018 noch nichts wissen konn­ten. Für eine Ergän­zung um weite­re, authen­ti­sche Antwor­ten bleibt jedoch wenig Zeit.

 

Dabei bedeu­tet ein Remix des Geden­kens nicht zwin­gend, dass tech­ni­sche Inno­va­tio­nen nötig wären. Die badi­sche Stadt Wall­dorf erprobt ganz analog, wie man an die jüdi­sche Schrift­stel­le­rin Gerda Weiss­mann erin­nern könnte. In den Verei­nig­ten Staa­ten, wo die 1924 gebo­re­ne Polin heute lebt, ist sie eine promi­nen­te lite­ra­ri­sche Stimme der Schoa-Über­le­ben­den, hier­zu­lan­de ist sie kaum bekannt. Eine Thea­ter­grup­pe insze­niert deshalb verschie­de­ne Brief­wech­sel, die Weiss­mann gesam­melt heraus­gab, verleiht den Passa­gen eine eigene Form und stellt sie ande­ren gegen­über. Alles ist belie­big mitein­an­der kombi­nier­bar. Die Schau­spie­ler geben ihr Mögli­ches, doch nach der Vorstel­lung im Juli findet Wolf­gang Widder, dass da noch mehr gehe. Gemein­sam mit der Univer­si­tät Heidel­berg bemüht er sich um eine Über­set­zung von Weiss­manns Werk ins Deut­sche, solan­ge die 96 Jahre alte Auto­rin noch dabei behilf­lich sein und Origi­nal­do­ku­men­te über­ge­ben kann. Man müsse die Texte thea­tra­li­scher und mit Kulis­sen auffüh­ren, sagt Widder, damit es die heuti­ge Jugend errei­che. In Arizo­na, wo die Produk­ti­on ihr Vorbild hat, habe man aus diesem Stoff schon mehr heraus­ge­holt, in Deutsch­land empfin­de man hinge­gen schnell Über­druss. Nur so sei der Verlust von Weiss­manns Lite­ra­tur zu erklä­ren.

 

Ihr Debüt­ro­man „All but my life“ erschien seit 1957 in 66 Aufla­gen und wird in einer Reihe mit dem Tage­buch der Anne Frank genannt. Hinwei­se darauf, dass sie ihrem Wesen nach eine Lite­ra­tin ist, gab es lange davor. Als ihr späte­rer Ehemann sie bei Volary aus ihrem Todes­marsch befrei­te, soll Weiss­mann an Ort und Stelle Goethe zitiert haben. Im Zwangs­ar­beits­la­ger Bolken­hain verfass­te sie mehre­re Thea­ter­stü­cke und grün­de­te einen Club, der sich mit grie­chi­schen Sagen bei Laune hielt, in abge­wan­del­ter Form kamen auch die Wärter darin vor. Mit polni­schen Wort­schnip­seln setzte sie die letz­ten Poin­ten. Jahr­zehn­te später gewann die Verfil­mung ihres Buchs einen Oscar.

 

Die Verei­nig­ten Staa­ten verfol­gen in ihrer Erin­ne­rungs­kul­tur einen thea­tra­li­sche­ren Ansatz, sagt auch Markus Gloe, der mit Anja Ballis die Holo­gram­me betreut und dafür ameri­ka­ni­sche Kolle­gen besuch­te. Deren Gedenk­ver­an­stal­tun­gen gelten ihm seit­dem als abschre­cken­des Beispiel. Um eine Haltungs­än­de­rung bei den ameri­ka­ni­schen Jugend­li­chen zu bewir­ken, setze man sie gezielt einer emotio­na­len Über­wäl­ti­gung aus. In Deutsch­land verbie­tet das der Beutels­ba­cher Konsens von 1976. Die Rolle, die Emotio­nen beim Lernen spie­len, ist zwar erwie­sen, doch dürfe nicht instru­men­ta­li­siert werden. „Tränen bilden nicht“, warnt Gloe.

 

Als Eva Umlauf am 2. Novem­ber 1944 in Ausch­witz ankam, waren die Verga­sun­gen soeben been­det worden. Der KZ-Arzt Josef Menge­le behan­del­te sie auf seiner Kran­ken­sta­ti­on. Noch sech­zehn Tage zuvor war eine von Menge­les Versuchs­per­so­nen wie so viele andere ermor­det worden: Die unga­ri­sche Jüdin Éva Heyman starb mit drei­zehn Jahren in einer der letz­ten Verga­sun­gen von Ausch­witz. Sie hinter­ließ nichts als ein Tage­buch. Erst 2019 wurde ihr eine späte Ehre zuteil, die sie heute zu einer der reich­wei­ten­stärks­ten Zeit­zeu­gin­nen macht.

 

Mit dem Smart­pho­ne
die Depor­ta­ti­on doku­men­tie­ren

 

Mit einem Millio­nen­bud­get verfilm­te der israe­li­sche Unter­neh­mer Mati Koch­a­vi ihr Tage­buch in Form eines Insta­gram-Profils, das welt­weit Millio­nen von Klicks erhielt. Die junge Darstel­le­rin der Éva tritt darin zugleich als Urhe­be­rin der sieb­zig kurzen Video­epi­so­den auf, in denen sie die letz­ten Monate vor ihrer Depor­ta­ti­on aus Selfie-Perspek­ti­ve filmt, ihr Leben mit Erdbee­ren oder Regen­bö­gen schmückt und Getto­sze­nen mit Hash­tags über­schreibt. Dass Éva von einer Karrie­re als Foto­jour­na­lis­tin geträumt hatte, diente der Produk­ti­on auch als Recht­fer­ti­gung. Wurde mit dem Smart­pho­ne zwar ein Fremd­kör­per in die vier­zi­ger Jahre gedich­tet, so sei man in diesem Remix zumin­dest der echten Heyman treu geblie­ben.

 

Drei­ßig Tage­bü­cher hatte Koch­a­vi gele­sen, bevor er sich für ihren Stoff entschied. Weite­re Insta­gram-Profi­le sollen nun folgen, sagt er im Septem­ber, obwohl das Projekt kontro­vers disku­tiert wird. Einige Israe­lis sehen in dem neuen Format eine Geschmacks­ver­ir­rung und nahmen Anstoß an der aggres­si­ven Werbe­kam­pa­gne. Koch­a­vi gibt sich unbe­irrt – er weiß um die Kehr­sei­te der Medail­le. Bei den Dach­au­er Holo­gram­men, die eigent­lich futu­ris­ti­scher als Insta­gram sind, bemän­geln viele Besu­cher den roten Sessel, weil sie ihn altmo­disch und „märchen­on­kel­haft“ finden. Das zumin­dest kann Koch­a­vi nicht passie­ren. Doch auch die Münch­ner halten an ihren Über­zeu­gun­gen fest. Markus Gloe sagt, der Sessel solle ausdrück­lich ein konser­va­ti­ves Szenen­bild als Gegen­ge­wicht zu Social Media und Holly­wood-Effek­ten schaf­fen.

Schlie­ß­lich kommt Eva Umlauf persön­lich durch den strö­men­den Regen in das ehema­li­ge KZ Dachau, um den Platz ihres Holo­gramms in besag­tem Sessel einzu­neh­men. Das Forscher­team ist begeis­tert darüber, wie nah die reale Frage­run­de an die Simu­la­tio­nen der vori­gen Tage heran­rei­che. Nach Ende der Veran­stal­tung bildet sich sogar eine lange Schlan­ge neben der Bühne, da Umlauf den Sessel auch wieder zu verlas­sen wagt. Auto­ma­tisch fragt man sich bei diesem Anblick, ob je ein ande­res Format die glei­che Wirkung erzie­len wird. „Diesel­be Frage habe ich auch Ihrem Holo­gramm gestellt!“, sagt ein Mann, nach­dem er zum zwei­ten Mal eine Antwort erhal­ten hat. „Was habe ich denn geant­wor­tet?“, fragt Umlauf und meint damit ihr Holo­gramm. Sie muss es wohl schon verges­sen haben. „Heute waren Sie ein wenig opti­mis­ti­scher“, sagt er. 

 

Der Shoah-Überlebende Abba Naor befindet sich gerade in Israel. Sein Hologramm beantwortet den Besuchern in Dachau an seiner Stelle Fragen. Foto: Toni Heigl

 

 

KZ-Gedenkstätte Dachau

 

Digitales Zeugnis Holocaust-Überlebender


Wie durch ein Wunder hat Eva Umlauf als Kleinkind das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Im Kinosaal der KZ-Gedenkstätte Dachau beantwortet sie Fragen der Zuhörer. Diese Aufgabe übernimmt eines Tages ihr Hologramm

 

Von Johanna Hintermeier, Dachau - Süddeutsche Zeitung, 12.10.2020 (click)

 

Eva Umlaufs zierliche Gestalt versinkt beinahe in dem großen roten ledernen Ohrensessel. Doch mit fester Stimme, das Mikrofon lässig in der Hand, liest sie aus ihren Erinnerungen an ihre Kindheit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die unter dem Titel "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" erschienen ist. Unter den etwa 50 Besuchern im Kinosaal der KZ-Gedenkstätte Dachau sind am vergangenen Samstag auch sehr viele junge Menschen.

 

Die Nummer auf dem Unterarm ist die Häftlingsnummer A-26959, die Eva Umlauf als fast zweijähriges Kind im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau tätowiert wurde. Ján Karšai, ein Freund Umlaufs, verfasste ein Gedicht über ihre Zeit dort, der Titel war namensgebend für die 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe erschienene Autobiografie. Heute, sagt Umlauf, sei die Farbe auf ihrem Arm wie die ihrer Iris verblasst.

 

Was nicht verblassen und vergessen wird, ist die Lebensgeschichte und Wesensart Eva Umlaufs. Um dies sicherzustellen, hat ein Forschungsteam der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Hologramm der Zeitzeugin erstellt. Die digitale Eva Umlauf sitzt im selben roten Ohrensessel und antwortet interaktiv auf Fragen, die ihr Besucher in der Ausstellung "Digitales Zeugnis" in der KZ-Gedenkstätte stellen. Es gibt viel zu berichten.

 
Geboren ist sie 1942 im Arbeitslager Nováky in der ehemaligen Slowakischen Republik. Ihre Mutter ist 21 Jahre alt und erneut schwanger, als sie mit der kleinen Eva nach Auschwitz transportiert wird. Eine Fahrt in den sicheren Tod, denn Schwangere und Kinder die keine Zwangsarbeit verrichten können, werden in der Regel sofort vergast. Das schiere Glück rettet der Kleinfamilie das Leben. Am 31. Oktober 1944, als die Rote Armee auf dem Vormarsch ist, stellt das NS-Regime die Vergasung ein und versucht so, die Massenvernichtung zu vertuschen und Beweismaterial zu vernichten.

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Am 2. oder 3. November 1944 erreichen Eva und ihre Mutter Birkenau - die Forschung nennt diesen Zug heute den "glücklichen Transport". Als Eva bei der Ankunft die Häftlingsnummer gestochen wird, fällt sie in Ohnmacht. Ein Arzt, selber jüdischer Häftling, sagt ihrer Mutter bei einer Untersuchung: "Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben." - "Die Liste mit meinen Krankheiten war länger als die Zeilen auf der Krankenakte", erklärt Eva Umlauf heute. Sie schafft es, allen Widerständen zum Trotz. Und sie wird Kinderärztin.

 

Es ist eine ehrgeiziges Biografie: Studium der Medizin in Bratislava, dann zieht sie zu ihrem ersten Mann, selbst Holocaust-Überlebender nach München, in "das Land der Mörder", wie sie sagt. Sie wird Anfang der 1970er-Jahre Assistenzärztin für Pädiatrie - zu einer Zeit, in der die wenigsten Mütter einen Beruf ausüben. Ihr erster Mann stirbt bei einem Unfall. Die Ehe mit dem zweiten Mann geht in die Brüche. Umlauf wird in München heimisch, sie leitet eine Kinderarztpraxis und schließt eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin ab.


Sie blickt nicht oft zurück. Das Verdrängen der Vergangenheit war ihr gewissermaßen anerzogen worden in einer Nachkriegsgesellschaft, in der das Schweigen auf Opfer- und Täterseite perfektioniert wurde. So auch in Umlaufs Familie: "Meine Schwester und ich fragten meine Mutter wenig nach Auschwitz, denn intuitiv spürten wir, dass wir nicht fragen sollten", resümiert Umlauf.

 

Erst in ihrer dritten Schwangerschaft mit 42 Jahren holen sie die Erlebnisse als Kleinkind im Holocaust ein: In ihren Träumen sieht sie, wie Säuglinge in lodernde Feuer geworfen werden, sie leidet unter schweren Angstzuständen, fürchtet, ihr Kind zu verlieren. Als dieses dann krank zur Welt kommt und im ersten Lebensjahr teilweise beatmet werden muss, schläft sie nicht mehr. Sie habe damals oft an ihre eigene Mutter gedacht, erzählt Umlauf, die sie nach dem Überleben von Auschwitz und der Krankheiten der Tochter als übermäßig protegierend beschreibt - eine Helikoptermutter, würde man heute sagen. Erst nach einem Herzinfarkt im Jahr 2014 entscheidet sich Umlauf, ihrer "zerstörerischen Gefühlserbschaft", wie sie es nennt, nachzugehen und ein Buch zu schreiben. "Der innere Abstand zu dieser schmerzlichen Erfahrung und die persönliche Reife hatten zuvor gefehlt", sagt Umlauf. In ihrem Rechercheprozess erfährt sie endlich, wie und wo ihr Vater starb: an einer Blutvergiftung in Melk, einem Außenlager des KZ Mauthausen in Österreich.

 

Ihre Familie sei über das Thema näher zusammengekommen, sagt Eva Umlauf. Die Vergangenheit wurde für sie zur Erklärung für die Gegenwart. "Ich erkannte an, dass der Holocaust mich als kleines Kind geprägt hat und mich nicht losließ", sagt die Kinderärztin und Psychotherapeutin. Das Publikum ist sichtlich bewegt von der Erzählung. Es werden persönliche Fragen gestellt, die Zeitzeugin antwortet ausführlich und voller Energie.


Ihr Hologramm wird das stellvertretend für sie tun, wenn sie den Raum verlässt oder irgendwann nicht mehr persönlich ihre Geschichte erzählen kann. Die Idee des Forscherteams des Lehrstuhls für Didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität war, dass nachfolgende Generationen nicht nur in Büchern oder Videos von Zeitzeugen hören, sondern sich mit ihnen unterhalten können. 2019 wurden Eva Umlauf und der Shoa-Überlebende Abba Noar im berühmten Pollen Studio in London stereoskopisch gefilmt, also zweidimensional, sodass ein räumlicher Eindruck entsteht. Auch die Hologramme sitzen im roten Ohrensessel. Das Forscherteam unter Leitung von Anja Ballis und Markus Gloe hat den Überlebenden 1000 Fragen gestellt und die Antworten gefilmt. Mit Hilfe einer Spracherkennungssoftware wurden die Daten so trainiert, dass die Hologramme nun direkt auf Fragen antworten können. Die Professorin Ballis betont, dass durch die Hologramme das eigene Narrativ der Zeitzeugen sichtbar gemacht werden könne.

 

Eva Umlauf sagt, sie sei dem ganzen Projekt sehr kritisch gegenübergestanden - zu unlebendig findet sie sich auch heute als Hologramm. Trotzdem sei sie froh, dass diese moderne Technik für ihre Geschichte und das Erinnern an die Shoa genutzt werde. Abba Naor, der aufgrund der Pandemie in Israel ist, spricht von der Leinwand aus. Seiner Tochter soll er gesagt haben, dass, falls sie nach seinem Tod mal Sehnsucht nach ihm verspüren sollte, sie ja einfach mit dem Hologramm reden könne. So makaber das für diejenigen klingen mag, die noch Zeitzeugen erleben dürfen, umso wichtiger werden die Hologramme für die zukünftige Erinnerungskultur werden. Die echten Menschen aber, denen gilt es zuzuhören, solange es möglich ist. Das hat die Lesung mit Eva Umlauf eindrücklich gezeigt.

 

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faz.net/geschichte                                        „MAKING OF“ ZEITZEUGEN:                              Mit ihnen sprechen, so lange sie noch leben  

VON LORENZ HEMICKER UND KATHRIN JAKOB

 

 

Vier Zeitzeugen haben uns anlässlich des Kriegsende-Jahrestages ihr persönliches Schicksal aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Wie es dazu kam, was wir erlebt haben, sehen Sie in unserem „Making-of-Video“.

Else Baker, das Auschwitzkind, Horst Schön, der Gustloff-Überlebende, Willibald Riedl, der Kriegsgefangene und Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg, der Sippenhäftling - zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden auf FAZ.NET diese Woche vier Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten aus den letzten Wochen des Dritten Reichs vorgestellt.


Wie es zu dem Projekt kam, was die Suche nach Gesprächspartnern nach so langer Zeit bedeutete und vor welchen Herausforderungen die Arbeiten im Zeichen der Corona-Krise standen, darüber sprechen unsere Redakteure Kathrin Jakob und Lorenz Hemicker in diesem Beitrag.

 

 

Zu Begleittexten, Bildmaterialien und den Gesprächsvideos - jeweils auf das Bild clicken ...

  • ... einen kleinen aber feinen bescheidenen Beitrag in Richtung "historytelling" haben wir mit diesem Schülerinterview in Radio Bielefeld - und dessen Dokumentation per Youtube-Video hier ja 2015/2016 auch schon gemacht - 
  • immerhin: diese Sendung "STOLPERSTEINE" vom Schüler-Radio "kurzwelle" der "Hans-Ehrenberg-Schule" in Sennestadt bekam 2015 einen Anerkennungspreis beim Bürgermedienpreis der Landesanstalt für Medien NRW:


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