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Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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GG Art. 3,3: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Diskriminierungsverbot. Artikel 3 der Verfassung regelt, dass alle Menschen vom Staat gleich behandelt werden müssen. Foto: imago images/Reiner Zensen - tagesspiegel

 

Große Worte, kleine Taten


Den „Rasse“-Begriff aus dem Grundgesetz streichen: Im Sommer war das eine populäre Forderung. Dann flaute die Debatte ab - und die Arbeit begann

 

Von A. Dernbach, C. Eubel und P. Starzmann
Dienstag, 13.10.2020, Tagesspiegel / Politik

 

Eigentlich klang es wie ein klarer Fall: „Es ist Zeit, dass wir Rassismus verlernen. Allesamt“, schrieben Aminata Touré und Robert Habeck Anfang Juni in einem gemeinsamen Zeitungsbeitrag. Ein starkes Zeichen wäre es, den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu streichen, forderten die Vizepräsidentin des Landtags Schleswig-Holstein und der Grünen-Chef. In Artikel 3 des Grundgesetzes heißt es, niemand dürfe wegen seiner „Rasse“ benachteiligt werden. Menschliche „Rassen“ gibt es allerdings nicht. Deshalb habe das Wort auch nichts in der Verfassung verloren, argumentierten Touré und Habeck.

 

Tatsächlich schien im Sommer die Zeit reif für die Diskussion: Wenige Tage zuvor war in den USA der Afroamerikaner George Floyd bei einer Polizeikontrolle getötet worden. Die Rassismusdebatte schwappte nach Deutschland. Und während die Grünen kurz zuvor, nach dem rechtsextremen Anschlag in Hanau, keinen Resonanzboden für ihre Forderung nach einer Grundgesetzänderung gefunden hatten, war es nun so weit.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ über ihren Regierungssprecher ausrichten, zu dieser Frage gebe es „nachdenkenswerte Argumente“. Innenminister Horst Seehofer (CSU) zeigte sich gesprächsbereit.

 

Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte, der Begriff „Rasse“ habe bei Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 seine Berechtigung gehabt, aber heute sei man „in einer anderen Zeit“. Wenn sich alle dem Kampf gegen Rassismus verpflichtet fühlten, „kann das sehr schnell gehen“.

 

Doch was ist vier Monate später aus der Initiative geworden? Schnell, das zeigt sich inzwischen, wird es wohl nicht gehen mit der Verfassungsänderung - obwohl ja nur ein einziges Wort aus dem Grundgesetz verschwinden soll. Der Fall ist ein politisches Lehrbeispiel: wie aus einer einfachen Forderung eine kontroverse Frage wird, sobald die öffentliche Aufmerksamkeit abflaut und die Idee ihren Weg durch die politischen Verästelungen nimmt.

 

Nach der ersten Zustimmung zu der Grünen-Forderung folgte im Juni die Phase der Diplomatie. Die positiven Signale aus dem Regierungslager führten dazu, dass die beiden Fraktionschefs der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, ihren Amtskollegen bei Union, SPD, FDP und Linken in einem Brief anboten, „interfraktionell“ ins Gespräch zu kommen. Einen ersten Formulierungsvorschlag schickten sie gleich mit: Das Wort „Rasse“ solle gestrichen werden - und stattdessen im Grundgesetz klargemacht werden, dass niemand „rassistisch“ diskriminiert werden dürfe.

Bis heute haben die Grünen, ebenso wie Linke und FDP, ihren eigenen Antrag im Bundestag allerdings nicht auf die Tagesordnung setzen lassen, um eine gemeinsame Lösung nicht unmöglich zu machen. Offizielle Gespräche gab es zwischen den Fraktionen noch nicht. Alle Beteiligten wissen, wie schwer es werden wird, die erforderlichen Zwei-Drittel- Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat hinzubekommen.

 

Nach der Sommerpause hat deshalb die Phase der Zwischentöne begonnen. So wirft Marco Buschmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, CDU und CSU eine Blockadehaltung vor. „Leider machen Gespräche keinen Sinn, solange sich die Union gegen jede Änderung sperrt“, sagt er. „Die CDU scheint mir in der Frage gespalten“, sagt die Grünen-Politikerin Filiz Polat. Ihre Partei sowie Linke, SPD und FDP seien sich hingegen einig, „dass der Grundgesetztext so nicht bleiben kann“.

 

Tatsächlich ist man in der Union skeptisch. Es sei zwar richtig, das Grundgesetz zu modernisieren, „wo es nicht mehr zeitgemäß ist“, sagt Unionsfraktionsvize Thorsten Frei. Auch sei der Kampf gegen Rassismus wichtig. „Zweifel habe ich aber, ob uns eine Änderung des Gleichheitsgrundsatzes in Artikel 3 Grundgesetz bei der Verwirklichung dieses Ziels wirklich voranbringen würde.“

 

Die SPD will nun innerhalb der Groko Druck machen - und das Thema bei der nächsten Sitzung des Kabinettsausschusses Rechtsextremismus am 21. Oktober auf die Tagesordnung setzen. „Die Wortwahl des Grundgesetzes von 1949 ist heute mehr als missverständlich“, sagt SPD-Vizechefin Serpil Midyatli. „Der falsche und sehr negativ besetzte Begriff der ,Rasse muss deshalb durch eine geeignete Formulierung ersetzt werden, um die Intention des Grundrechts im Wortlaut unmissverständlich wiederzugeben.“

 

Doch wie könnte eine solche Formulierung aussehen? Eine klare Antwort haben die Sozialdemokraten nicht. Der „Tatbestand des Rassismus“ müsse im Grundgesetz nach wie vor auftauchen, aber ohne das Wort „Rasse“, sagt der SPD-Innenpolitiker Helge Lindh. „Wir müssen es mit einer Formulierung ersetzen, die jedoch nicht nur zum Schein unverfänglich, nur zum Schein diskursiv neutral sein darf.“ FDP-Mann Buschmann bevorzugt den Ausdruck „ethnische Herkunft“, zeigt sich aber offen für andere Vorschläge. Wissenschaftlich ist der Begriff „Ethnie“ nur vage definiert. Lindh hält ihn für problematisch, „da dies ebenfalls den falschen Anschein eines naturgegebenen Konzepts erwecken kann“ - ähnlich wie beim Begriff „Rasse“.

 

Und wenn man das Wort ersatzlos streichen würde? Für den Juristen Hendrik Cremer vom Deutschen Institut für Menschenrechte (DIMR) kommt das nicht infrage. Das würde das Diskriminierungsverbot aushöhlen, argumentiert er. Er schlägt als Formulierung vor: „Niemand darf rassistisch oder wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

 

Damit Rassismus überwunden werden könne, sei es „gerade notwendig, dass die Verfassung diesen beim Namen nennt und sich klar davon distanziert“, schreibt Cremer in einer Analyse für das DIMR. Bis heute werde der Rassebegriff in den Kommentaren zum Grundgesetz „weitgehend in einem biologistischen Sinne verstanden, indem auf wirklich oder vermeintlich vererbbare Eigenschaften abgestellt wird“. Der aktuelle Stand der Naturwissenschaften (siehe Kasten) werde „beinahe durchgängig ausgespart“, auch in der Ausbildung von Juristinnen und Juristen. Außerdem sei es für Opfer von Rassismus ein Problem, sobald sie vor Gericht gingen: Nach dem gegenwärtigen Wortlaut müssten Betroffene im Falle rassistischer Diskriminierung geltend machen, aufgrund ihrer „Rasse“ diskriminiert worden zu sein; sie seien damit gezwungen, „rassistische Terminologie zu verwenden“.

 

Der Jurist Cengiz Barskanmaz vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle will das nicht gelten lassen. „Es gibt kein besseres Wort für Rasse, um Rassismus antidiskriminierungsrechtlich zu bekämpfen“, sagt er. „Rasse“ sei ein „globaler Menschenrechtsbegriff, der im Völkerrecht allgegenwärtig ist“. Das Wort bilde den Grundpfeiler der UN-Antirassismuskonvention und der europäischen Antirassismusrichtlinie. Zwar hätten die Urheber des Grundgesetzes „Rasse“ tatsächlich im biologistischen Sinne verstanden - also als natürlichen Fakt. Aber: „Inzwischen ist juristisch, wissenschaftlich und auch gesellschaftlich klar, dass Rasse eine soziale Konstruktion ist.“

 

Die Verfassungsänderung hält Barskanmaz für „gut gemeinte Symbolpolitik und parteipolitische Profilierung“. Jede alternative Formulierung würde außerdem neue rechtliche Probleme schaffen. „Man sollte das Wort Rasse im Grundgesetz behalten, denkbar könnte aber eine Ergänzung mit dem Merkmal der Ethnizität sein, wie in der Antirassismuskonvention und -richtlinie.“

Ob die Bundestagsparteien bald eine Alternative zum Rassebegriff finden, ist indes fraglich. In Berlin versuchte man das Wort bereits 2014 aus der Landesverfassung zu streichen, in Hessen 2018 - beides scheiterte, weil man sich auf keine geeignete Neuformulierung einigen konnte. Es blieb beim Rassebegriff. Das zeigt, wie schwierig es werden dürfte, Artikel 3 im Grundgesetz zu ändern. Das wissen auch die Beteiligten im Bundestag. SPD-Mann Lindh sagt: „Wenn die künftige Formulierung im Grundgesetz schlecht gewählt ist, geht die notwendige Diskussion in ein paar Jahren schon wieder von vorne los.“

 
 

 

„I can’t breathe“: Blumen stehen von dem Graffiti des Künstlers Gonz, das den getöteten George Floyd zeigt. - Foto: © Dieter Leder | mannheimer morgen
 

 

 

 

 

Mein Name ist Mensch

 

Ich habe viele Väter
Und ich habe viele Mütter
Ich habe viele Schwestern
Und ich habe viele Brüder
Meine Väter sind schwarz
Und meine Mütter sind gelb
Meine Brüder sind rot
Und meine Schwestern sind hell

 

Ich bin über zehntausend Jahre alt
Und mein Name ist Mensch ...

 

Songtext von Ton Steine Scherben (1971)

 

 geklaut von https://www.sigrid-falkenstein.de/genealogie/urmutter.htm

 
 
 
 
All co­lors are be­au­ti­ful? So sieht es die Ber­li­ner Ma­le­rin Co­co Berg­holm in ih­rem Werk »Co­lor Bomb«
© Co­co Berg­holm, »Co­lor Bomb«, 100x140 cm, Acryl auf Lein­wand 

Blut und Boden - Nazi-Wissenschaft - "Arte Doku"

 

Der Film beschreibt das mörderische Vorgehen der NS-Organisation „Das Ahnenerbe“. Diese Forschungsgemeinschaft legitimierte mit unerbittlicher Härte die NS-Rassenhygiene, die Germanisierung der Gebiete und die ideologische Herrschaft des Regimes. Um seine Forschungen glaubhaft zu machen, umgab sich „Das Ahnenerbe“ mit mit Forschern und Ärzten, die Verrat am Erbe der Aufklärung begingen: Sie entwickelten abstruse Thesen, durch die das NS-Regime seine Tötungsmaschinerie pseudowissenschaftlich untermauern konnte.

 

 

 

Wissen: Das Ende aller menschlicher "Rassen"

 

 

 

 

 


Gleicher geht’s nicht!

Von Andreas Sentker | DIE ZEIT

In Jena, dem Geburtsort der NS-Rassenideologie, treffen sich in dieser Woche die deutschen Zoologen. Ihre Botschaft: Rassen gibt es nicht

Jena, 15. November 1930. Hans F. K. Günther hält seine Antrittsvorlesung. Für den nicht habilitierten Publizisten, Hauptwerk: Rassenkunde des deutschen Volkes, ist gegen den Willen der Universität ein Lehrstuhl für Sozialanthropologie eingerichtet worden. In der überfüllten Aula erscheinen Adolf Hitler, Hermann Göring und Rudolf Heß. Es ist das erste Mal, dass Hitler eine Universität betritt, und es ist das letzte Mal. Ein deutliches Signal an die verhasste akademische Elite.

Jena, 10. September 2019. Martin Fischer spricht auf der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft. Er stellt die Jenaer Erklärung vor. Monatelang haben vier Professoren an den dreieinhalb Seiten gearbeitet: die Zoologen Martin Fischer und Stefan Richter, der Genetiker Johannes Krause und der Wissenschaftshistoriker Uwe Hoßfeld. Ihre Erklärung sollte so kurz wie möglich sein und doch vollständig in ihrer Argumentation. Die Botschaft: Rassen gibt es nicht. Oder, so die Überschrift des Papiers: »Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung«.

Die Begründung ist streng biologisch: »Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt. Es gibt – um es explizit zu sagen – somit nicht nur kein einziges Gen, welches ›rassische‹ Unterschiede begründet, sondern noch nicht mal ein einziges Basenpaar.« Die Erklärung, so genau sie wissenschaftlich argumentiert, ist vor allem ein politisches Zeichen: ein Signal an eine Gesellschaft, in der rassistisches Gedankengut in den vergangenen Jahren immer weiter in die Mitte gerückt ist.

Jena, 1865. Ernst Haeckel erhält eine ordentliche Professur für Zoologie. Der studierte Mediziner ist glühender Verehrer von Charles Darwin. Doch den »deutschen Darwin« unterscheidet etwas vom britischen Original: »Darwin will Diversität verstehen«, sagt Martin Fischer, »sein Schlüsselbegriff ist Variabilität. Haeckel denkt dagegen kategorial. Variabilität stört da nur.« Diese Frage sorgt in der Biologie bis heute für Streit: Sind die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten der Organismen wichtiger?

Haeckel ist blind für Zwischenformen und Übergänge. Er will eine quasi göttliche Ordnung schaffen, Arten entdecken und einsortieren.

Viele Jahre beschäftigt sich Haeckel mit der Evolutionstheorie. Stammesgeschichte, Phylogenese, nennt er die Entwicklung des Lebens. Und diese Entwicklung kennt nur eine Richtung: Fortschritt. Folgerichtig präsentiert er 1874 einen Stammbaum in Form einer knorrigen Eiche. Oben, auf der Spitze der gewaltigen Krone, thront der Mensch.

Haeckels Ordnungssinn treibt ihn weiter. So wie er Strahlentierchen sortiert oder Quallen, so beginnt er auch die Menschen einzuteilen. Er unterscheidet die Wollhaarigen von den Schlichthaarigen, die Schiefzähnigen von den Gradzähnigen.

Zwölf lebende Menschenarten identifiziert der Zoologe. Und wie der Mensch über viele Entwicklungsschritte – über Würmer und Lurchfische – schließlich eine höchste Stufe der Entwicklung erklommen haben soll, macht Haeckel auch unter Menschenarten Abstufungen. Ganz unten stehen die Papua aus Neuguinea und die »Hottentotten« aus dem südlichen Afrika. »Hottentotten gab es nie«, sagt Martin Fischer. »Das war von Anfang an ein diskriminierender Begriff für ethnisch sehr unterschiedliche Menschen im südlichen Afrika.«

Haeckels Ordnungsprinzip macht ihn zum Wegbereiter der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. »Nationalsozialismus ist nichts anderes als angewandte Biologie«, hat Rudolf Heß 1934 gesagt. Haeckel ist der erste Wissenschaftler, der Menschenrassen konsequent in einen Stammbaum einfügt. Die »Neger« und »Kaffern« ganz unten. Die »Mittelländer« mit den Indogermanen und Kaukasiern ganz oben.

»Ernst Haeckel merkte gar nicht, dass er längst eine Grenze überschritten hatte, dass er nicht Schnecken sortierte oder Quallen, sondern Menschen«, sagt Zoologe Martin Fischer. »Dabei überschreitet er eine Grenze, die keine biologische ist: Es ist die zwischen Wissenschaft und Ideologie.«

Diese Ideologie wird vor allem in Jena sehr erfolgreich werden. Hier wird eine nationalsozialistische Eliteuniversität entstehen, mit gleich vier Professuren für menschliche Rassenkunde. Hans Günther, genannt »Rasse-Günther«, gilt als einer der Urheber der nationalsozialistischen Ideologie.

Karl Astel, Sportarzt mit, wie Nazis ihn beschrieben, »tierzüchterischen Neigungen und Erfahrungen«, wird zunächst Präsident des Thüringischen Landesamtes für Rassewesen in Weimar und dann 1934 Professor für menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung in Jena. Titel seiner Antrittsvorlesung: »Rassendämmerung und ihre Meisterung durch Geist und Tat als Schicksalsfrage der weißen Völker«. Nach Protesten von Professorenkollegen, die sich am Begriff der Menschenzüchtung stoßen, wird der Lehrstuhl umbenannt in eine Professur für »menschliche Erbforschung und Rassenpolitik«.

1938 wird der SS-Hauptsturmführer Gerhard Heberer in Jena Professor für »Allgemeine Biologie und Anthropogenie«. Heinrich Himmler hat sich zuvor persönlich für ihn eingesetzt. Schon seit 1919 lehrt Victor Julius Franz in Jena, zunächst als Inhaber der Ritter-Professur für Phylogenie, ab 1936 als Professor für Zoologie, er sieht sich als legitimen Erben Haeckels.

Vier Professuren für 2000 bis 2500 Studenten – der Wissenschaftshistoriker Uwe Hoßfeld spricht von einer Rassen-Quadriga. Er hat als wissenschaftlicher Assistent in einer Senatskommission der Universität die Geschichte von Jena aufgearbeitet. »Biologische Anthropologie zwischen Politik, Ideologie und Wissenschaft, 1861–1945 unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen an der Jenaer Universität« ist seine Habilitation überschrieben. »In Jena gab es mehr als 80 Jahre Kontinuität im Rassedenken. Das gab es nur hier.«

Dieses historisch kontaminierte Erbe macht die Jenaer Erklärung so besonders. Sie ist nicht nur eine wissenschaftliche und wissenschaftshistorische Selbstvergewisserung, sie hat eine höchst aktuelle politische Botschaft: »Ernst Haeckel (...) hat in fataler Weise zu einem angeblich wissenschaftlich begründeten Rassismus beigetragen«, lautet ihr historisches Fazit. »Die Einteilung der Menschen in Rassen war und ist zuerst eine gesellschaftliche und politische Typenbildung, gefolgt und unterstützt durch eine anthropologische Konstruktion auf der Grundlage willkürlich gewählter Eigenschaften wie Haar- und Hautfarbe.«

Aber bleiben bei so viel Klarheit nicht doch offene Fragen? »Die Negerrasse ist eine Menschenart, die sich von der unseren so unterscheidet wie die Rasse der Spaniels von der der Windhunde«, hatte Voltaire schon 1763 in seinem Essay über die Weltgeschichte geschrieben. Noch 2002 war der große Biologe Ernst Mayr mit Verweis auf die »taxonomischen Unterschiede« überzeugt, Menschenrassen seien ein biologisches Faktum.

Dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt, leugnen auch die Jenaer Autoren nicht. Aber wie groß müssen sie sein, um Rassen zu definieren? Egal, welches Merkmal Biologen untersuchen, sie sehen ein Kontinuum von Ausprägungen. Festzulegen, wie viel Unterschiedlichkeit ausreichend wäre, um Rassen zu unterscheiden, »sei rein willkürlich«, schreiben die Autoren. Das mache das Konzept von Rassen »zu einem reinen Konstrukt des menschlichen Geistes«.

Aber dieser Gedankengang reicht noch nicht aus, das Konzept endgültig zu widerlegen. »Erst durch die wissenschaftliche Erforschung der genetischen Vielfalt der Menschen wurden die Rassenkonzepte endgültig als typologische Konstrukte entlarvt«, schreiben die Autoren. Zur Auflösung der Begriffe Art und Rasse tragen gegenwärtig vor allem Genetiker wie Johannes Krause bei. Deren Forschungen zeigen, dass sich ein Thüringer genetisch mehr von einem anderen Thüringer unterscheiden kann als von einem nordafrikanischen Migranten. Und die Arbeiten von Johannes Krause am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena halten noch eine wichtige Botschaft bereit: In unserer Geschichte ist Migration die Regel, nicht die Ausnahme.

Walter Rosenthal, amtierender Präsident der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, verbindet mit der Erklärung große Hoffnungen: »In Jena hat die unheilvolle biologische Begründung von Rassen ihren Anfang genommen, und in Jena wird sie nun enden«, sagt er.

Aber Rosenthal bleibt auch Realist. »Wir sind uns dessen bewusst, dass eine bloße Streichung des Wortes ›Rasse‹ aus dem Sprachgebrauch Rassismus nicht verhindern kann.«

Der Wissenschaftshistoriker Uwe Hoßfeld aber findet dennoch, dass der Begriff Rasse aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwinden sollte. Finnland, Schweden und Österreich haben den Begriff der Rasse aus ihren Verfassungen gestrichen, die französische Nationalversammlung tat dies am 12. Juli 2018.

 

 

 

  • In Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes aber, zwischen Abstammung und Sprache, steht das Wort noch immer.

 

 

 

Eine für das 19. Jahrhundert typische systematische Einteilung der Menschen in Rassen (nach Karl Ernst von Baer, 1862) - schon im Negativ-Abzug sind sie sich ziemlich ähnlich ... - WIKIPEDIA - neg. von sinedi
 

 


Ausgewählte Quellen und Links zu diesem Thema finden Sie unter zeit.de/wq/2019-38

Text aus: DIE ZEIT - 38/2019 - S. 33/34 - WISSEN - Link

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ja - hitler und konsorten und mit ihnen die gesamte "wissenschaftliche" erbsenzähler-welt der eugeniklehre gingen ja noch weiter: sie wollten ja auch innerhalb der "rasse" noch unterschiede aussortieren: wer ist wirtschaftlich brauchbar und kriegsverwendungsfähig - und wer ist ein "typischer" "minderwertiger", ein "faulenzer", ein "unnützer esser" und "lau-malocher". 
 
und wer vielleicht sogar einen entsprechend "belasteten" familien-stammbaum hatte, wurde zur zwangssterilisation auserkoren - mit einem hoppla-hopp-"stammbaum", der ja wohl von allen menschen zumindest bei der heirat oder der einbürgerung oder bei bestimmten erkrankungen erhoben wurde.
 
so wollte man in einem art "erb-kataster" des "deutschen volkes" die "guten" von den "schlechten" unterscheiden - und so die "minderwertigen" ausmerzen und "niederführen", nach dem damaligen sprachgebrauch und damaligem wissenschaftlich abgedeckten gutdünken.
 
ja - man bestimmt mit den jüdischen mitbürgern sogar ein vererbbares menschliches "erbgut" sogar für unterschiedliche glaubenüberzeugungen und meinte, ein solcher bestimmter glaube an gott sei rassistisch geprägt und würde genetisch weitergetragen: denn auch wer als protestant beispielsweise zum judentum konvertiert war, war ja nun plötzlich gefährdet und bedroht... - und wenn juden um christlichen glauben konvertierten wurden sie trotzdem weiter verfolgt...
 
ein völlig verrückter - ja geradezu "erblehremäßig" und "rassistisch" überdrehter zeitgeist hatte sich etabliert und galt damals seit fast einem dreiviertel jahrhundert bereits als wissenschaftlich opportun - und das auch mit dem schriftgut des gelehrten haeckel und später mit den einschlägigen untermauerungsschriften auf allen gebieten der soziologie und des strafrechts usw. usf.: wie eine unaufhaltsame seuche eroberte diese irrtümliche absurde denke weite teile des gesellschaftlichen lebens und des alltags.
 
und das alles wurde goutiert von den professoren und ärzten der psychiatrie, die das kritiklos so in ihrem studium aufgesogen hatten - und nun dabeigingen, in absprache mit den nazis, einen "gesunden teutschen volkskörper" zu "züchten": genauso wie man ja leider immer noch traurigerweise auch hunderassen züchtet mit ganz bestimmten "süßen" oder auch aggressiven oder besonders schmusigen merkmalen und bestimmten fellfarben...
 
und auch heutzutage in bezug auf menschen ist diese denke noch nicht verschwunden. sie scheint sich durch direkte und indirekte erziehungs- und mentalitätsmaßnahmen und -bemerkungen und -erfahrungen fortzusetzen von generation zu generation in unterschiedlichen ausprägungen.
 
zur zeit jedenfalls sind immer noch - ich schätze mal - 20 % unserer gesellschaft in diesen "überzeugungen" mehr oder weniger gefangen und leben in einer entsprechenden "blase", die diese denke weiterhin befördert und befruchtet.
 
deshalb dürfen wir mit aller inbrunst beten: 
 
  • o herr - lass bitte hirn vom himmel regnen ... - und lass uns nicht in diesem verkorksten rest-rassismus verdorren. bitte ...

 

Cover-Illustration eines Nachdrucks des Original-Buches - in einigen Bibliotheken steht das Buch in deutscher Übersetzung, wie es Hitler wohl gelesen hat (bei Interesse: googeln)

 


Hitlers Bibel

In den Vereinigten Staaten wurde die Idee populär, eine überlegene weiße Rasse zu züchten. Später arbeiteten amerikanische Eugeniker eng mit Nazi-Wissenschaftlern zusammen.

Von Markus Günther | FAS

Nachdem der 36-Jährige das Buch gelesen hatte, kannte seine Begeisterung keine Grenzen. Er zitierte unentwegt wichtige Passagen und schrieb dem amerikanischen Autor einen enthusiastischen Brief, in dem er bekannte, für ihn sei die Lektüre eine Offenbarung gewesen und das Buch viel mehr als nur ein Text: "Es ist meine Bibel." Madison Grant, der Autor, hatte den Namen seines Fans zu diesem Zeitpunkt gewiss schon einmal gehört, doch konnte er 1925 noch nicht ahnen, welche Rolle der begeisterte Leser bald in Deutschland und der Welt spielen sollte. Er schickte dem Bewunderer als Dank für die Fanpost ein Exemplar mit persönlicher Widmung, das heute in der Library of Congress in Washington steht und die verhängnisvolle Verbindung zwischen amerikanischer Erblehre und deutscher Rassenpolitik andeutet. "Der Untergang der großen Rasse" heißt das Buch von Madison Grant; sein begeisterter Leser war Adolf Hitler.

Das Buch, das amerikanische Soldaten 1945 in der Bibliothek Hitlers im ersten Stock des "Berghofes" fanden, hatte Hitler nicht nur auf die Liste jener Bücher gesetzt, "die jeder Nationalsozialist gelesen haben sollte", er zitierte auch in "Mein Kampf" und in vielen Reden aus Grants Buch. Manches kommt Plagiaten nahe, so unmittelbar übernahm Hitler die Argumente Grants für die Unterdrückung "minderwertigen" Erbmaterials und den Schutz der weißen Rasse. In dem Machwerk, das 1916 in den Vereinigten Staaten erschien, schnell ein Bestseller wurde und bald eine Millionenauflage erreichte, heißt es: "Wir haben fünfzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass die englische Sprache und ordentliche Kleidung, Schulbesuch und Kirchgang aus einem Neger noch keinen Weißen machen." In Hitlers "Mein Kampf" heißt es: "Es ist ein Denkfehler anzunehmen, dass aus einem Neger oder Chinesen ein Deutscher wird, wenn er nur Deutsch lernt und bereit ist, die deutsche Sprache zu sprechen." Mit Bewunderung und Neid blickt Hitler in "Mein Kampf" auf die in seinen Augen "fortschrittlichen" amerikanischen Gesetze, mit denen der Staat die Fortpflanzung "minderwertiger" Menschen verhindern konnte.

Kalifornien übernahm eine unrühmliche Sonder- und Führungsrolle innerhalb der "eugenischen Bewegung", die Ende des 19. Jahrhunderts aus Großbritannien nach Amerika gekommen war. Dass die neuen Theorien dort besonders populär waren, ist kein Zufall. In kaum einem anderen Bundesstaat zeigte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine solche Mischung der Sprachen, Hautfarben und Physiognomien. Schwarze, Indianer, Asiaten und Hispanics beflügelten die Ängste von Grant und anderen, die meinten, die weiße Rasse müsse vor der Vermischung mit anderen geschützt werden, notfalls mit staatlichen Zwangsmaßnahmen. Alles andere, so Grant, laufe auf den "Selbstmord der weißen Rasse" hinaus - ein Schlagwort, das bis heute, hundert Jahre später, in rechtsextremen Kreisen überall auf der Welt geläufig ist. Was bei Grant die "nordische Rasse" oder auch die "großartige Rasse" war, wurde in Hitlers Rhetorik mit nur minimaler Akzentverschiebung die "arische Rasse". Während Grant von den "neuen biologischen Möglichkeiten" schwärmte, spitzte Rudolf Hess den Gedanken später weiter zu: "Nationalsozialismus ist angewandte Biologie."

Der deutsche Rassenwahn hat also amerikanische Wurzeln? Hier ist Vorsicht geboten. Im Blick auf die amerikanischen Vorläufer der deutschen Rassenpolitik und Euthanasie liegt eine apologetische Versuchung. Schon die Nazis selbst wussten um diese relativierende Wirkung und starteten 1936 eine Plakatkampagne in deutschen Städten, bei der unter der Überschrift "Wir stehen nicht allein" die deutschen Rassengesetze mit denen anderer Länder verglichen wurden. An erster Stelle standen die Vereinigten Staaten, aber mit einigem Recht konnte man auch auf Japan, England, die Schweiz und die skandinavischen Länder hinweisen, in denen zur Ausmerzung unliebsamer Erbanlagen zum Beispiel Zwangssterilisierungen vorgenommen wurden.

Doch letztlich hinkt der Vergleich. Kein Land hat seine "Rassenpolitik" mit einem solchen Organisationsgrad und so monströser Gewalt in die Tat umgesetzt wie die Deutschen. Und auch die Zielrichtung der nationalsozialistischen Politik war nicht dieselbe, wie der amerikanische Forscher Edwin Black in seinem bahnbrechenden Werk über die amerikanischen "Eugenics" nachgewiesen hat: "Amerikanische Eugeniker hatten die Vorstellung, Rassen zu erhalten und zu schützen. Erst die Deutschen hatten die Idee, andere Rassen vollständig zu vernichten, zu unterwerfen oder sie in Zukunft als Arbeitssklaven zu nutzen." Zwischen den Ideen, Experimenten, Übergriffen und gedanklichen Verirrungen, die es auch anderswo gab, und den monströsen Massenmorden der Nazis liegen Welten.

Dennoch ist es frappierend, welche gedanklichen, praktischen und nicht zuletzt finanziellen Verbindungen zwischen der etwa seit 1900 in Amerika wachsenden Szene der Eugeniker und den Vordenkern der nationalsozialistischen Rassenpolitik bestand. Theodore Roosevelt, Henry Ford, Alexander Graham Bell und John D. Rockefeller gehörten zu den prominenten Anhängern. In wenigen Jahren entstand eine Szene, in der sich wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Ziele zum Schutz des weißen Amerikas verbanden. Sie war inspiriert von den damals populären wissenschaftlichen Theorien von Gregor Mendel und Charles Darwin, die die Bedeutung von Erbanlagen verständlicher machten, und stand zugleich unter dem Eindruck der Masseneinwanderung fremder und fremd aussehender Menschen. Fach- und Publikumszeitschriften, Kongresse und Informationskampagnen machten die "Eugenics" überall in Amerika populär. Mehrere Staaten richteten "Eugenische Ämter" ein, die vor allem erbrelevante Daten über die regionale Bevölkerung und die Einwanderer erheben sollten.

 

 

 

 

Madison Grant - Wikipedia

1907 war Indiana der erste Staat, der Zwangssterilisierungen von "Schwachsinnigen" legalisierte, 32 Bundesstaaten folgten dem Beispiel, darunter 1909 Kalifornien, wo im Laufe der folgenden Jahre Zehntausende sterilisiert wurden. Die gesetzlich festgeschriebene Indikation wurde in vielen Staaten frei interpretiert: Entweder wurde die "Schwachsinnigkeit" ohne Tests willkürlich festgestellt - oft schon bei Säuglingen und Kleinkindern -, oder Gründe wie "unmoralisches Verhalten, Prostitution, übermäßiger Sexualtrieb, Neigung zum Lügen" wurden als Legitimation für die Zwangssterilisierung herangezogen. So wurde etwa die "Virginia Colony", ein Haus für Epileptiker und psychisch Kranke, zu einer Anstalt ausgebaut, in der praktisch alle Patienten ungeachtet der Diagnose sterilisiert wurden.

Erheblichen Einfluss hatten die Eugeniker auch auf die Einwanderungsgesetzgebung Amerikas, die ab 1907 schrittweise immer restriktiver wurde und die Einwanderung von Südosteuropäern, später auch von Arabern und Asiaten verhindern sollte. Auch der Zuzug von Juden wurde ausdrücklich verboten, was in den 1930er Jahren die Einwanderung von aus Europa geflüchteten Juden erschwerte und in vielen Fällen unmöglich machte. Nicht zuletzt fand die eugenische Bewegung in den Verboten von "Mischehen" zwischen Schwarzen und Weißen ihren Niederschlag, die einige Bundesstaaten erließen. Dass es bei all diesen Gesetzen um einen Schutz der weißen Rasse ging, wurde in den Debatten im Kongress unumwunden so ausgesprochen. Erst 1967 wurde das letzte Verbot einer "Mischehe" aufgehoben.

Neben der "negativen Eugenik", also den Versuchen, die Reproduktion als minderwertig erachteter Menschen zu unterdrücken, gab es auch erhebliche Bestrebungen, in einer "positiven Eugenik" das beste Erbmaterial zu finden und die Fortpflanzung zu fördern. Zum Volkssport entwickelten sich ab 1920 die "Better Baby Contests", bei denen in einem öffentlichen Spektakel das Baby mit dem besten Erbmaterial von einer Fachjury aus Ärzten und Psychiatern ausgesucht wurde. Wettbewerbe, in denen ganze Familien nach Aussehen, Wuchs, Haar- und Hautfarbe, Muskelaufbau, Haltung, Blutdruck und Intelligenz untersucht wurden, waren zwar pseudowissenschaftliche Jahrmarktattraktionen, wurden aber von den Eugenikern gefördert, weil man so das beste Erbmaterial für weitergehende Forschungen identifizieren wollte.

Ihre besten Verbündeten sahen die amerikanischen Eugeniker in den deutschen Wissenschaftlern, die allerdings nach dem Ersten Weltkrieg unter der zerstörten Infrastruktur und der finanziellen Not der Weimarer Jahre litten. Hilfe kam in dieser Lage aus den Vereinigten Staaten. Edwin Black hat den Geldzufluss genau erforscht und Erstaunliches zutage gefördert: Die eugenische Forschung in Deutschland, die wenig später Hitler zu Diensten war, wurde ab 1926 maßgeblich von amerikanischen Geldgebern finanziert. 410 000 (nach heutigem Wert etwa vier Millionen) Dollar stiftete Rockefeller 1926, um die eugenische Forschung des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin zu fördern. Einer der Empfänger war Ernst Rüdin, der später in die NSDAP eintrat und für Hitler das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ausarbeitete. Ebenfalls in den Genuss der amerikanischen Förderung kam Otmar von Verschuer, der unter Hitler zum führenden deutschen Rassenforscher wurde und seinen Doktoranden Josef Mengele mit medizinischen Experimenten in Konzentrationslagern beauftragte. 1929 half eine weitere Geldspritze aus den Vereinigten Staaten, das Institut für menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin zu gründen. Rockefeller und die amerikanischen Eugeniker hofften, später von den deutschen Forschungsergebnissen zu profitieren.

Nach der Machtergreifung setzte sich die enge transatlantische Zusammenarbeit noch über Jahre fort. Waren die Amerikaner den Deutschen früher in der politischen und praktischen Umsetzung der Eugenik voraus gewesen, bewunderten nun die Amerikaner das forsche Vorgehen der Deutschen unter Hitler. In den "Eugenical News" wurde 1934 ein umfassender Bericht von Hitlers Innenminister Wilhelm Frick über die neue Rassenpolitik veröffentlicht. Charles Goethe, Gründer der Eugenischen Gesellschaft in Kalifornien, bereiste in demselben Jahr Deutschland, um sich ein Bild von den massenhaften Zwangssterilisierungen zu machen. Nach der Rückkehr berichtete er stolz, die amerikanische Vorarbeit habe "die Einstellung der führenden Köpfe, die hinter Hitler stehen, geprägt. Der Einfluss des amerikanischen Denkens ist überall deutlich." Noch 1940 bereiste Tage Ellinger Deutschland, um sich über die Fortschritte der eugenischen Forschung zu vergewissern. Nach der Rückkehr veröffentlichte er einen begeisterten Artikel in der Fachzeitschrift "Journal of Heredity".

Die amerikanische Begeisterung für die "Eugenics" löste sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasch in Luft auf. Im Lichte der deutschen Rassen- und Vernichtungspolitik, dem Mord an Millionen Juden und Zehntausenden von Kranken, gab es keine Rechtfertigung mehr für eine Erblehre, die mit Zwangsmaßnahmen die Reinheit der nordischen Rasse verteidigen will. Dass sich führende NS-Ärzte in den Nürnberger Prozessen auf ihre amerikanischen Vorbilder und Forschungspartner beriefen, wurde mit Scham zur Kenntnis genommen. Die Zwangssterilisierungen von Behinderten und Geisteskranken endeten in manchen US-Bundesstaaten aber erst Jahrzehnte später. In Kalifornien wurde das entsprechende Gesetz 1951 abgeschafft, doch zu illegalen Sterilisierungen von Psychiatrieinsassen und Häftlingen kam es noch bis zum Jahr 2010. Erst vor drei Jahren beschloss der Kongress in Washington schließlich, Opfer der Zwangssterilisierungen zu entschädigen.

Dass die Vergangenheit dennoch nicht einfach vergangen ist, sondern weiterlebt, zeigt sich nicht nur darin, dass Madison Grants Buch noch heute in den Vereinigten Staaten verlegt und gelesen wird, dass es in der Bewegung der "White Supremacists" bis heute ein Kultbuch ist oder dass der Attentäter Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, in seinem Pamphlet Madison Grant als Kronzeugen seiner Rassentheorie zitiert.

Eugenik - das Wort selbst ist heute kaum noch zu hören, doch das Gedankengut der eugenischen Bewegung ist nicht aus der Welt verschwunden. Der Schoß, aus dem es kroch, ist fruchtbar noch. 

Das zeigt sich nicht nur unter Neonazis, sondern auch unter den begeisterten Anhängern einer neuen Gentechnologie, die eine pränatale Analyse des Erbmaterials ermöglicht, von denen die Eugeniker des frühen 20. Jahrhunderts nur träumen konnten. Das Motto, das sich die amerikanischen Eugeniker 1920 gaben, könnte wortgleich von den Vordenkern der heutigen Reproduktionsmedizin stammen: "Wir wollen die Kontrolle über die menschliche Evolution gewinnen." 

Der Historiker Edwin Black erkennt in den neuen Trends der genetischen Optimierung und Selektion erschreckende Parallelen: "Es wird in Zukunft nicht mehr um eine Selektion auf der Basis einer Hautfarbe, Rasse oder Religion gehen", sagt er beim Gespräch in Washington. "Die neue Genforschung bewertet und vernichtet menschliches Leben nach dem Nutzwert."

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2018, Nr. 40, S. 9 - Dokumentnummer:
SD1201810075520689
https://www.genios.de/document/FAS__SD1201810075520689%7CFAST__SD1201810075520689

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„I can’t breathe“: Blumen stehen von dem Graffiti des Künstlers Gonz, das den getöteten George Floyd zeigt. - Foto: © Dieter Leder | mannheimer morgen
 

 

 

 

es ist schon interessant - jetzt auf dem höhepunkt der diskussion und den unruhen nach der hinrichtung von george floyd hier auf einen der ur-väter der rassistischen ideologien aufmerksam gemacht zu werden.

rassistisch verquere ideologien waren ja dem "zeitgeist" der 20er jahre in der ganzen welt schon vor und nach dem 1. weltkrieg geschuldet - und galten eine zeitlang sogar als top-erkenntnisse der wissenschaft, der "biologie" und der "erblehre" und damit auch der medizin - und beeinflussen ja immer noch die "eugeniker", die sich heutzutage allerdings den modischeren namen "gen-techniker" zugelegt haben - wobei "...techniker" ja auch schon wieder veraltet klingt: bald heißen die sicherlich "digital-genetiker" oder so ähnlich ...

und noch immer versuchen menschen ihre nachkommenschaft in besonderem maße auf irgendeinem wege "heranzuzüchten" - oft genug mit sehr erniedrigenden momenten für die werdenwollenden mütter. oder es geht ihnen gar um die intelligenz ihrer kinder, an der sie genetische stellschrauben rechtzeitig im voraus schon justieren wollen.

aber sie befinden sich damit immer noch zumindest in einer ideologischen vettern-linie mit den rassenüberzeugungen eines adolf hitlers und der nationalsozialisten und des großteils des deutschen "volkes" von damals, was diese denke dann ja bis zur fanatischen "ausmerze" aller kränklichen und schwach erscheinenden menschen aus dem "volkskörper" forttrieb - zunächst über das "gesetz zur verhütung erbkranken nachwuchses" und den davon abgeleiteten zwangssterilisationen bestimmter menschen, die dem verblendeten theoretischen idealbild dieser "menschenzucht" einer "arischen rasse" nicht entsprechen konnten - ja bis hin zu den ca. 300.000-fachen massenmorden in den vernichtungsanstalten der "euthanasie", wie hitler dieses kleinteilig industriemäßig durchgetüftelte mordprozedere naseweis getauft hatte.

und dieser hitler und seine volksgenossen lesen dieses buch von madison grant wie ihre bibel und entwickeln daraus ihre verqueren wahnvorstellungen - allerdings flankiert von den eugenikern und psychiatrieärzten der zeit, die diese "erkenntnisse" "aus dem land der möglichkeiten" nachplapperten und dachten, das wäre große wissensachaft, durch nichts zu toppen - und adolf hitler himself schickt dazu dem autor einen begeisterten fan-brief, der bestimmt in gewissen kreisen, sollt er noch existieren, gegen höchstbietungen kopiert wird und zirkuliert und goldgerahmt irgendwo an der wand hängt... 

 

 

 
 
All co­lors are be­au­ti­ful? So sieht es die Ber­li­ner Ma­le­rin Co­co Berg­holm in ih­rem Werk »Co­lor Bomb«
© Co­co Berg­holm, »Co­lor Bomb«, 100x140 cm, Acryl auf Lein­wand 

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