Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

  • Kontakt
  • Kritik
  • Diskussion
  • Danksagungen
  • und Ermunterungen: 

info[ɛt]eddywieand (minus)sinedi.de

CLICK HERE TO WIKIPEDIA
CLICK
40 jahre diakonische arbeit: das kronenkreuz
click
das große (z)erbrechen: mach kaputt was dich kaputtmacht
click
CLICK HERE TO "SINEDI.MACH.@RT.GALLERY"

STERBE'HILFE' ?

 

Die derzeitige "moderne" oft "schleichende" Euthanasie - 

 

& die weltweit vielen Corona-Hotspots in Alten- & Behindertenheimen mit den dortigen Todesraten ...

 

Texte zur Diskussion

 

_________________________________

 

 

 

 

"Euthanasie" kommt heutzutage als irgendwie gelenkte "Sterbe'hilfe'" oft ganz subtil in vielfältigen Formen daher: erwünscht oder unerwünscht -  aufgepfropft - herbeigesehnt als "Erlösung" - oder heimlich oder unbewusst als bevölkerungspolitischer Ausleseprozess - bewusst oder aus Versehen - vorsätzlich oder fahrlässig - aktiv betrieben oder "billigend in Kauf genommen"...

 

Hitlers "Euthanasie"-Geschwafel als massenhafter "Gnadentod" behinderter Menschen und als Beitrag für das Erbgut (s)eines "gesunden Volkskörpers" waren da nur die "Spitze des Eisbergs", worunter sich auch heute noch viele auch zeitgenössische Erklärungs- und Rechtfertigungsmuster verbergen und verstecken...

  • "Euthanasie" heißt wörtlich übersetzt: "Schöner Tod". Wenn man der Witwe Aldous Huxleys, Laura, Glauben schenken will, hat Aldous am 22. November 1963 einen solchen "Schönen Tod" an der Schwelle erfahren - bis ins "Helle", ins "Nirwana" der Ewigkeit...

Der friedliche Tod von Aldous Huxley Foto: CBS Photo Archive/ Getty Images Fotostrecke - 9 Bilder (click on the picture)

 

Auf LSD in den Tod

 

Aldous Huxleys letzter Trip

 

"Brave New World"-Autor Aldous Huxley war leidenschaftlicher Fürsprecher bewusstseinserweiternder Drogen - bis zu seinem Ende. Seine Frau half ihm mit LSD auf den letzten Weg und sagte: Es war der schönste Tod.

 

Von Florian Kugel SPIEGEL.de

 

Der 22. November 1963 geht in die US-Geschichte ein. Es ist der Tag, an dem laut offizieller Schilderung Lee Harvey Oswald um 12.30 Uhr im Texas School Book Depository in Dallas mit seinem Repetiergewehr anlegt und wenige Augenblicke später John F. Kennedy in seiner offenen Limousine auf der Dealey Plaza erschießt.

 

Das zweite denkwürdige Ereignis, das sich fast zur gleichen Zeit in Los Angeles ereignet, wird dadurch zur Randnotiz. Still und leise stirbt dort der Schriftsteller Aldous Huxley. Kurz nachdem die Schüsse auf Kennedy verklungen sind, setzt Laura Huxley ihrem sterbenden Ehemann, der nichts mehr von dem Mord in Dallas erfährt, ebenfalls zwei Schüsse, zwei ausgesprochen leise Schüsse: intramuskulär verabreichtes LSD.

 

In einem bewegenden Brief schildert Laura Huxley kurz darauf die letzten Tage ihres Mannes und ihren gemeinsamen Weg an die Pforte des Todes. Sie ist überzeugt, dass Aldous' Ende nicht nur für sie von Bedeutung ist; es sei Beleg für die Richtigkeit der in seinem letzten Roman "Island" entworfenen Vision menschlichen Zusammenlebens - und für die heilsame Wirkung zielgerichtet eingesetzter Psychedelika. Laura will die Todesumstände daher öffentlich machen, obwohl ihr die Folgen bewusst sind. An Huxleys älteren Bruder schreibt sie: "Es wird Menschen geben, die sagen werden, er sei sein ganzes Leben lang ein Drogensüchtiger gewesen und sei auch als solcher geendet, aber die Geschichte bezeugt, dass Huxleys Ignoranz stoppen, bevor Ignoranz Huxleys stoppen kann." Die mutige Frau, die sich über Tabus und Vorurteile ihrer Zeit hinwegsetzt, wird mit ihrem Mann zu einer Pionierin des Einsatzes psychedelischer Substanzen in der Sterbebegleitung.

 

Der Dichter und seine Drogen

 

Der Tod auf LSD war nur auf den ersten Blick eine spontane Entscheidung. Aldous und Laura Huxley hatten in den Monaten zuvor oft darüber gesprochen. Aldous litt an Kehlkopfkrebs. Er hatte starke Schmerzen, nahm Medikamente mit extremen Nebenwirkungen. Trotzdem plante er bereits seinen nächsten Trip. Es musste ihm nur ein bisschen besser gehen. Er wollte es genießen können.

 

Gemeinsam mit Laura las er vorbereitend "The Psychedelic Experience", die gerade erschienenen Anweisungen zur Durchführung einer psychedelischen Reise basierend auf dem tibetischen Totenbuch, verfasst von dem frisch aus Harvard entlassenen Psychologen Timothy Leary und dessen Kollegen Richard Alpert und Ralph Metzner.

 

Das tibetische Totenbuch wird traditionell Sterbenden und Toten vorgelesen, um deren Seelen auf ihren Reisen durch das Jenseits zu leiten. Wie das echte Totenbuch sollen die psychedelischen Anweisungen dem Berauschten vorgelesen werden, um ihn heil durch die Gefilde des Unbewussten zu führen. Huxley bat seine Frau, sie solle ihn bei Gelegenheit erinnern, dass diese Interpretation des Totenbuches ausschließlich darauf ausgelegt sei, Menschen von einem Trip zurück in die Alltagswelt zu bringen, nicht Sterbende hin zum ewigen Licht. Nicht, dass er während des Trips irgendwas verwechsle. Von seinem nahenden Tod wollte er nichts wissen.

 

Halluzinogene Substanzen hatten das Leben und Wirken des Schriftstellers in den Jahren vor seiner Krankheit gehörig durcheinandergewirbelt. Sie hatten den Autor des dystopischen "Brave New World" in den Verfasser des utopischen "Island" verwandelt.

 

1953 nahm Aldous unter Aufsicht des Psychiaters Humphry Osmond zum ersten Mal Meskalin, später auch LSD. Gemeinsam prägten sie den Begriff "psychedelisch" - die Seele offenbarend. Seine Erfahrungen fanden sich unter anderem in den Essays "The Doors of Perception" und "Heaven and Hell". Im Zentrum seines letzten Romans "Island" steht die psychedelische Moksha-Medizin. Moksha ist ein Begriff aus dem Hinduismus, der die Erlösung bezeichnet. In dem Roman geht es zentral auch um den Tod. Und um psychedelische Sterbebegleitung, von deren Nutzen Huxley aus ganzem Herzen überzeugt war. Nicht nur sein eigenes Ende, auch Studien auf dem Gebiet scheinen ihm recht zu geben.

 

In ihrem Buch "Die Begegnung mit dem Tod" aus dem Jahr 1977 geben der Psychiater Stanislav Grof und die Anthropologin Joan Halifax folgende Liste möglicher positiver Effekte der psychedelischen Therapie bei Sterbenskranken: "Die ausgeprägtesten therapeutischen Veränderungen wurden in den Bereichen Depression, Angst und Schmerz beobachtet, dicht gefolgt von den mit der Angst vor dem Tod zusammenhängenden Symptomen." Allerdings wirkt die psychedelische Sterbebegleitung nicht auf jeden Menschen so beglückend wie auf Aldous Huxley. Mögliche Kontraindikationen sind laut Grof und Halifax vor allem schwere Herz- und Gefäßprobleme, ernsthafte Erkrankungen des Gehirns, drastische psychische Probleme sowie Epilepsie.

Huxleys Fall ist insofern eine Ausnahme, dass er tatsächlich während der Wirkung der Substanz starb. In der Regel geht die psychedelische Sterbebegleitung mit intensiver psychologischer Betreuung einher und vollzieht sich in den Tagen und Wochen vor dem Tod.

 

Aldous wollte sein nahendes Ende nicht wahrhaben. Er arbeitete weiter an neuen Ideen, diktierte seine Träume. Unausgesprochen war der Tod beständig anwesend. An seinem Todestag wollte er immer wieder bewegt werden, mit keiner Lage, keiner Ausrichtung des Bettes war er zufrieden, deutliche Zeichen innerer Unruhe, womöglich sogar Angst. Er spürte: Es geht zu Ende.

Er überreichte seiner Frau einen Zettel: Versuch LSD 100 (Mikrogramm) intramuskulär. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Er wollte seine Moksha-Medizin. Eine andere Gelegenheit würde es nicht mehr geben.

 

Der schönste Tod

 

Laura wusste, was zu tun war. Zwar hatte ihr Mann zuvor nie den Gedanken geäußert, auf LSD sterben zu wollen, doch sie kannte seinen Glauben an das Potenzial der Substanz im Angesicht des Todes. Sie hatte es geahnt und bereits sicherheitshalber einen befreundeten Psychiater gefragt, ob er je LSD einem Menschen in Aldous' Zustand verabreicht habe. Es war mehr eine rhetorische Frage, wie sie später schreibt - sie hätte es so oder so getan, unabhängig vom Urteil welcher Autorität auch immer.

 

Laura Huxley setzte ihrem Mann persönlich die Spritze.

 

Nach einer halben Stunde glaubte sie, Veränderungen wahrzunehmen. Aldous, der so schwach war, dass er sich kaum äußern konnte, signalisierte, nichts zu spüren. Sie spritzte ihm weitere 100 Mikrogramm. Kurz darauf weiteten sich seine Pupillen. Er lächelte schwach. Es war nicht der von Ekstase und Liebe überflutete Gesichtsausdruck, den sie von früher kannte, aber doch etwas in diese Richtung, jedenfalls definitiv anders als noch vor zwei Stunden.

Laura saß bei ihm, rezitierte stoisch wie eine Gebetsmühle die an das tibetische Totenbuch angelehnten Geleitworte, wie sie es vereinbart hatten: "Leicht und frei, geh, lass los, Liebling. Du gehst vorwärts und aufwärts; du gehst zum Licht. Willentlich und bewusst, du gehst willentlich und bewusst und du machst das wundervoll - du gehst zum Licht. Es ist so leicht; es ist so schön. Du machst das so wundervoll."

 

Sie fragte Aldous, ob er sie höre. Er drückte zärtlich ihre Hand. Sie fuhr fort.

"Du gehst der wunderbarsten, größten Liebe entgegen, und es ist leicht, es ist so leicht, und du machst das so wundervoll."

 

Sie geleitete ihren Mann in den Tod. Nicht nur er ging "willentlich und bewusst", sie ging in vollstem Bewusstsein mit ihm, voller Liebe begleitete sie ihn zur letzten Schwelle.

 

Irgendwann folgte auf ihre Frage, ob er sie höre, keine Reaktion mehr. Sie machte trotzdem weiter: "Leicht, leicht, und du machst es willentlich und bewusst und wundervoll - geh vorwärts und aufwärts, leicht und frei, vorwärts und aufwärts zum Licht, ins Licht, in die vollkommene Liebe."

Jetzt atmete er immer langsamer. Es gab nicht das leiseste Zeichen von Widerwillen oder Widerstand. Laura beschreibt es so: "Es war nur der Atem, der langsamer wurde - und langsamer - und langsamer, und um 17.20 Uhr hörte das Atmen auf." 

 

In Laura Huxleys Version sind sich alle Anwesenden einig, dass sie nie einen schöneren Tod bezeugt haben. "Das Nachlassen des Atmens war kein Drama; es geschah so langsam, so sanft, wie ein Stück Musik, das in einem sempre piu piano dolcemente endet. Ich hatte das Gefühl, dass die letzte Stunde des Atmens nur mehr auf konditionierte Reflexe des Körpers hin geschah, der es gewöhnt war, all das über 69 Jahre ohne Unterlass millionenfach zu tun. Es gab nicht das Gefühl, dass mit dem letzten Atemzug der Geist ihn verließ. Er ist während der letzten vier Stunden ganz sanft gegangen."

 

Laura war von den positiven Effekten des LSD bei diesem Sterbeprozess überzeugt. Nur wenige Tage später nannte sie Huxleys Ableben "the most beautiful death" - "den schönsten Tod". Das Urteil der Anwesenden bestärkte sie in ihrem Glauben. "Beide Ärzte und Krankenschwestern sagten, dass sie niemals eine Person in ähnlichem physischem Zustand so absolut frei von Schmerzen und Kampf haben gehen sehen."

 

Der 22. November 1963 ist einer dieser Tage, an denen im Großen offenbar wird, wie nah der absolute Schrecken und der tiefste Frieden beieinander liegen. Dallas und Los Angeles. Die Hölle und das Nirwana. Vielleicht haben John F. Kennedy und Aldous Huxley sich ja in irgendeiner Warteschlange vor dem Paradies getroffen. Dieser high wie die Sterne, jener mit der Erinnerung an ein Stück Blei im Kopf. Und vielleicht haben sie genickt und gelächelt, frisch Erlöste, jeder auf seine Weise diesem durch die Ewigkeit kreiselnden Zirkus entkommen. 

Luchterhand 2020 click

 

In dem neuen Theaterstück "GOTT" von Ferdinand von Schirach wird das Theaterpublikum gebeten, nach bestem Wissen & Gewissen über eine zu gewährende oder zu verweigernde arztbegleitende "Sterbe'hilfe'" abzustimmen - in einer fiktiven Sitzung eines "Ethikrates" - in einem ganz konkreten Fall:

"Halten Sie es für richtig, dass Herr G. Pentobarbital bekommt, um sich töten zu können?"

 

Der Begriff "Sterbe'hilfe'" ist in Deutschland immer in der synonymen Nähe von "NS-Euthanasie"- und so nimmt von Schirach in dem Stück auch Bezug zu diesen ca. 300.000-fachen Massenmorden vor ca. 80 Jahren in Deutschland und im damals okkupierten Ausland.

 

Die Vertreter der "Sterbe'hilfe'"-Befürworter legen in der Regel großen Wert darauf, nicht mit der kriminellen Praxis der Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht zu werden. Dieser Zusammenhang aber ist nicht zu leugnen. Er wurde auch sehr früh bemerkt.

 

Im Gefolge der Prozesse gegen die Euthanasieärzte des Dritten Reiches schrieb 1949 der amerikanische Arzt Leo Alexander:

 

"daß allen, die mit der Frage nach dem Ursprung dieser Verbrechen zu tun hatten, klar wurde, daß sie aus kleinen Anfängen wuchsen. Am Anfang standen zunächst feine Akzentverschiebungen in der Grundhaltung. Es begann mit der Auffassung, die für die Euthanasiebewegung grundlegend ist, daß es Zustände gibt, die als nicht mehr lebenswert zu betrachten sind. In ihrem Frühstadium betraf diese Haltung nur die schwer und chronisch Kranken. Nach und nach wurde der Bereich jener, die unter diese Kategorie fielen, erweitert und auch die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten dazugerechnet. Entscheidend ist jedoch zu erkennen, daß die Haltung gegenüber den unheilbar Kranken der winzige Auslöser war, der diesen totalen Gesinnungswandel zur Folge hatte."

  • Merke also: Auf einer ethisch und moralisch immer schiefer werdenden Bahn gibt es ab irgendwann keinen Halt mehr - das gilt heute genauso wie gestern ...​​

Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, 
und der platte Menschenverstand sagt uns, 
dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt 
zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.«
Vladimir Nabokov

 

Diese Zeilen von Nabokov seien vorangestellt, denn ansonsten wird in dem "GOTT"-Stück von Schirach auch immer wieder auf das persönliche von wem auch immer verliehene "Selbstbestimmungsrecht" eines jeden Menschen hingewiesen - in der Frage, ob er "im freien Willen" für sich selbst den Zeitpunkt bestimmen darf, wann & wie er konkret zu sterben gedenkt... 

 

Dabei wird meines Erachtens zu wenig bedacht, dass der Eintritt in dieses Leben, also  die Geburt, vom Individuum nicht "selbst-bestimmbar" ist - das heranreifende Leben und seine individuelle wie auch immer gestaltete Alltagsbewältigung bis ins Alter ist also tatsächlich in erster Linie ein "zufälliges" Geschenk, eine Gabe, ein Erwachen von begrenzter und individuell geformter Vitalität - von wem oder was auch immer in Szene gesetzt ("GOTT"??? - "Natur"???) -

 

Insofern scheint vielleicht statt hybrider "Selbstbestimmung" eher "Demut" und  Dankbarkeit angesagt:

 

... "nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels"... - aus dem heraus auch die imaginäre Tür für diesen Lichtspalt "Leben" auf- und letztenendes auch wieder zugemacht wird - denn alles hat seine Zeit ...

 

Ob der  Titel des Stücks - "GOTT"- von Ferdinand von Schirach nun passend gewählt wurde, ist Gechmacks- und Glaubenssache: Buchhandlungen jedenfalls sortieren die Buchexemplare auch glattweg in das Regalfach mit der Beschriftung "Religion" ein, gleich neben Bibel, Luther-Biografie, Dalai Lama und Papst Ratzinger - was nach meinem Dafürhalten schon ziemlich grenzwertig daherkommt - und den in jeder Hinsicht "Suchenden" erst einmal auf die falsche Fährte lockt...

 

Sterbehilfe

 

Tod wider Willen

 

Sollte sie dement werden, will eine Frau in den Niederlanden Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Obwohl sie ihre Meinung ändert, wird sie getötet. Wie urteilt das Gericht?

 

Von Martina Keller

 

aus: DIE ZEIT 25/2020

 

Sterbehilfe: Wenn der Kopf leerer und leerer wird und alles vergessen wird: Ist das noch ein Leben?

Wenn der Kopf leerer und leerer wird und alles vergessen wird: Ist das noch ein Leben? © Daniel Stolle für DIE ZEIT

 

Die 74-Jährige will nicht sterben. Jedenfalls noch nicht jetzt. So steht es in ihrer Krankenakte. Dort dokumentiert die Geriaterin eines niederländischen Pflegeheims am 8. März 2016 ihren Dialog mit der Frau. Ob sie wisse, dass sie an Demenz erkrankt sei? Ob sie so weiterleben wolle? "Ja, das will sie wohl. Sie will nicht sterben", notiert die Ärztin. Das habe die Patientin mehrmals beteuert. Zwei Tage später eine weitere Gesprächsnotiz. Ob ihr die Demenz etwas ausmache, fragt die Ärztin. Die alte Frau versteht das Wort Demenz nicht. Die Ärztin umschreibt es: Ob sie unter ihrem schlechten Gedächtnis leide? Ja, aber es sei schon wieder besser. Ob sie lieber tot wäre? "Ja, wenn ich krank werde. Aber noch nicht jetzt!"

 

Am 22. April 2016 ist die Frau tot. Die Geriaterin hat die Euthanasie im Beisein von Ehemann und Tochter der Frau durchgeführt. Der in Deutschland belastete Begriff Euthanasie ist in den Niederlanden gebräuchlich und bezeichnet die Lebensbeendigung auf Wunsch eines Betroffenen. Weil die Ärztin annimmt, die Patientin könnte sich während der Prozedur aufregen, mischt sie ihr 15 Milligramm Dormicum in den Kaffee. Das Schlafmittel wirkt nicht richtig, sodass weitere zehn Milligramm gespritzt werden müssen. Als die Patientin zu schlafen scheint, legt ihr die Ärztin einen Zugang für den Todescocktail. Sobald sie aber das Medikament injiziert, 2.000 Milligramm Thiopental, die die alte Frau ins Koma versetzen sollen, wacht diese überraschend auf. Die Ärztin bittet die Angehörigen, die sich Wehrende festzuhalten und spritzt ihr das atmungslähmende Mittel, 150 Milligramm Rocuronium.

 

Das Vorgehen dieser Ärztin war rechtens, entschied nun das höchste Gericht der Niederlande. Es stützt sein Urteil insbesondere auf eine schriftliche Erklärung, die die Patientin 2012 verfasste, als sie bereits unter Vergesslichkeit litt und die Diagnose Demenz erhielt, jedoch noch entscheidungsfähig war. Die Frau formulierte ihre Wünsche für den Fall, dass die Krankheit fortschreite. Sie wolle das Recht auf Sterbehilfe in Anspruch nehmen, wenn sie nicht mehr in der Lage sei, bei ihrem Mann zu leben. Auf keinen Fall wolle sie wie ihre verstorbene Mutter in einem Heim für Menschen mit Demenz enden. Auf Basis einer solchen schriftlichen Willensäußerung, so die Richter, dürfe ein Arzt grundsätzlich auch einem Patienten mit fortgeschrittener Demenz Euthanasie gewähren, vorausgesetzt, alle gesetzlichen Bedingungen seien erfüllt, wozu unerträgliches Leid ohne Aussicht auf Besserung zählen.

 

In den Niederlanden werden inzwischen auch psychisch Kranke auf deren Wunsch getötet

 

Das Urteil des höchsten Gerichts ist eine Premiere für die Niederlande. Die einen feiern es als Sieg der Selbstbestimmung. Die anderen sehen es als Beweis für die abschüssige Bahn, auf die sich das Land begeben hat, als es 2002 als erster Staat der Welt die Euthanasie legalisierte. Ärzte machen sich seither bei der Tötung auf Wunsch nicht strafbar, falls sie gesetzlich definierte Sorgfaltskriterien einhalten. Euthanasiekommissionen wachen darüber. Sie prüfen jeden Fall und melden Verstöße an die Gesundheitsinspektion und die Staatsanwaltschaft. Doch nur selten leiten die Inspektionen einen Fall an ein ärztliches Disziplinargericht weiter. Und noch nie befasste sich ein Strafgericht mit einem Verstoß. Bis zu jenem Fall 2016-85 aus dem Jahresbericht 2016 der Euthanasiekommissionen, jener Tötung der 74-jährigen Frau mit fortgeschrittener Demenz. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage, unter anderem wegen Mordes.

 

Die Euthanasiekommission hatte zuvor mehrere Verstöße der Ärztin erkannt. So sei die schriftliche Willenserklärung der Patientin keineswegs eindeutig gewesen: Schon in ihrer ersten Verfügung hatte die Frau formuliert, sie wolle um Sterbehilfe bitten, "wenn sie noch ein bisschen willensfähig sei". Ein Jahr vor ihrem Tod hatte sie die Erklärung erneuert und leicht verändert. Nun finden sich Formulierungen wie, "wenn ich selbst die Zeit für gekommen halte" und "auf meinen Wunsch". Nach Einschätzung der Kommission sei die Patientin davon ausgegangen, "zu gegebener Zeit noch selbst um Sterbehilfe bitten zu können". Weil sie es nicht tat, habe die Ärztin nicht davon ausgehen können, dass die Bitte um Beendigung des Lebens freiwillig und wohlüberlegt war – eines der Sorgfaltskriterien, die das Gesetz formuliert.

 

Bei der Durchführung der Euthanasie habe die Ärztin zudem eine Grenze überschritten. Sie habe der Frau das Schlafmittel unbemerkt in den Kaffee gemischt, um zu verhindern, dass diese sich gegen die Kanüle und die Sterbemedikamente wehrt. Als die Patientin trotzdem reagierte, habe die Ärztin nicht in Betracht gezogen, dass dies ein Zeichen der Ablehnung sein könne. Auch wenn es schwierig gewesen sei, das Verhalten der Frau richtig zu deuten, hätte die Ärztin nicht fortfahren dürfen. Die Kommission weist darauf hin, "dass es bei der Durchführung der Lebensbeendigung auf gar keinen Fall zu Zwang, nicht einmal zu einem Anschein von Zwang, kommen darf".

 

Der Generalstaatsanwalt brachte den Fall vor das höchste Gericht, damit Ärzte in Zukunft mehr Klarheit haben. Den Grundkonflikt hatte der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin bereits 1993 in einem Gedankenexperiment vorweggenommen: Dworkin diskutiert hier den Fall einer 55-jährigen Patientin namens Margo, die schwer dement ist – und doch in diesem Zustand glücklich zu sein scheint. Sie genießt es, immer wieder das gleiche Lied zu hören, Erdnussbutterbrote mit Gelee zu essen und in einem Krimi zu lesen, wobei sie willkürlich zwischen den Seiten herumspringt. Dworkin nimmt nun an, Margo hätte zu einer Zeit, da sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte war, eine Patientenverfügung verfasst: Im Falle einer Alzheimer-Erkrankung wolle sie, falls eine weitere schwere Krankheit hinzukomme, nicht mehr behandelt oder schmerzfrei getötet werden. Nun bekäme Margo eine Lungenentzündung, die durch Antibiotika wohl zu kurieren wäre. Soll man sie behandeln oder lieber sterben lassen oder sogar töten? Zählt der Wille der früheren, geistig wachen Margo, die ein Bild von sich und ihren Werten entwarf, das nun durch die Alzheimer-Erkrankung infrage gestellt wird? Oder kommt es auf die neue, demente, aber vergnügte und zufriedene Margo an? Ronald Dworkin plädiert dafür, Margos früherem Willen zu folgen, auch wenn es moralisch unverzeihlich erscheinen mag, sie nicht zu retten oder sie gar zu töten. "Precedent autonomy" nennt er diese Art der Selbstbestimmung, was man mit "vorausgreifende Autonomie" übersetzen könnte.

 

"Jetzt noch nicht, es ist nicht so schlimm"

 

Anders als Margo scheint die 74-Jährige aus den Niederlanden nicht glücklich in ihrer Demenz gewesen zu sein. Ein Jahr vor ihrem Tod verschlechtert sich ihr Zustand. Ende Januar 2016 sucht der Ehemann deshalb mit ihr den Hausarzt auf. Ob sie wisse, was Euthanasie sei, fragt der Arzt und erklärt es ihr. Das gehe zu weit, sagt die Patientin. Als der Arzt ihr eröffnet, dass sie bei einer weiteren Verschlechterung ihres Zustands wohl ins Heim müsse, sagt sie. "Okay, vielleicht dann."

 

Einen Monat später, am 3. März 2016, wird die Frau im Heim aufgenommen. Dort hat sie durchaus gute Momente, freut sich sichtlich, wenn ihr Mann sie besucht. Umso verzweifelter ist sie, wenn er wieder geht. Sie weint viel, trommelt gegen Türen und Scheiben, legt sich mit Heimbewohnern an, erkennt ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr. Die Geriaterin, bereits mit der Frage konfrontiert, ob die Voraussetzungen für eine Euthanasie gegeben seien, nimmt die Frau mit Einverständnis der Angehörigen auf Video auf, um sich mit Kollegen zu besprechen. Die Bilder werden später vor Gericht gezeigt. Bis zu zwanzig Mal am Tag sagt sie, sie wolle sterben. Um dann wieder zu erklären: "Jetzt noch nicht, es ist nicht so schlimm." Hat die Patientin ihre Meinung geändert? Zählt die wegen ihrer Demenz überhaupt noch? Wie relevant ist ihre frühere Willenserklärung?

 

Das höchste Gericht hat nun ein Urteil gefällt, das Ronald Dworkin vermutlich gefallen hätte. Es bestätigt, was schon die Vorinstanz entschied: Die 74-jährige Patientin sei zutiefst dement gewesen. Sie habe kein Bewusstsein ihrer Krankheit mehr gehabt, sie habe nicht mehr verstanden, was Euthanasie bedeutet. Zwar konnte sie noch Wörter formen, aber da sie die Bedeutung der Worte nicht mehr versteht, sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, einen Willen auszudrücken. Wenn eine nicht mehr entscheidungsfähige Person ihre früher geäußerte, gesetzlich wirksame Bitte um Euthanasie widerrufen könne, widerspreche dies dem Geist des Sterbehilfegesetzes. Die Ärztin habe überdies sorgfältig gehandelt. Wie in derartigen Fällen empfohlen, habe sie zwei unabhängige Ärzte gebeten, den Euthanasiewunsch der Frau zu prüfen. Die Ärztin sei von allen Vorwürfen freizusprechen.

 

Der Groninger Ethikprofessor Theo Boer findet diese Entscheidung katastrophal. "Das Urteil öffnet den Weg zur Tötung von Patienten, die nicht mehr wissen, dass die Tötung stattfindet." Der 60-Jährige ist kein prinzipieller Gegner der Sterbehilfe. Fast zehn Jahre lang war er Mitglied einer Euthanasiekommission, begutachtete fast 4000 Fälle. Er beobachtet jedoch eine besorgniserregende Tendenz: "Jede Grenze wird in den Niederlanden früher oder später infrage gestellt." Anfangs seien fast nur Patienten im Endstadium ihrer Erkrankung auf eigenen Wunsch getötet worden. Dann auch Menschen mit chronischen, aber keineswegs lebensbedrohlichen Krankheiten wie Blindheit, Rheuma oder Tinnitus. Dann psychiatrische Patienten: Menschen mit Depressionen, Schizophrenie, Zwangsstörungen.

 

Und nun Menschen mit Demenz. Erst seit 2007 wird von Fällen aus dieser Patientengruppe berichtet. Nicht etwa weil das Sterbehilfegesetz eine Euthanasie bei Demenz grundsätzlich ausschließt, sondern weil Entscheidungen in diesem Kontext ethisch und rechtlich sehr schwierig erschienen. Bis heute bitten meist Patienten im frühen Stadium der Erkrankung um Lebensbeendigung. 160 waren es 2019. Sie erkennen noch, worunter sie leiden, was die Symptome sind und wohin die Krankheit führt. Die Fälle von Euthanasie bei fortgeschrittener Demenz pro Jahr hingegen lassen sich bislang an einer Hand abzählen – 2019 waren es zwei. Als die Tötung der 74-jährigen Patientin bekannt wurde, schalteten 400 Ärzte eine Zeitungsanzeige, um dagegen zu protestieren – in den Niederlanden ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Die Lebensbeendigung auf Wunsch ist in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert.

 

Theo Boer fürchtet, nach dem Urteil des höchsten Gerichts könnten Demenzpatienten nun vermehrt getötet werden. Sorge bereitet ihm vor allem, dass die Angehörigen nun den letzten Anstoß geben. Im Fall der getöteten alten Frau etwa hatte der Ehemann die Bitte um Euthanasie vorgebracht. "Die Tatsache, dass andere die Initiative ergreifen, finde ich prinzipiell gefährlich, weil es hier auch Eigeninteressen geben kann", sagt Boer. Etwa wenn eine Familie durch die Betreuung eines Demenzkranken an ihre Grenzen gerate. Auch finanzielle Motive könnten eine Rolle spielen. Ärzte müssten sich nun auf zunehmenden Druck von Familienmitgliedern vorbereiten.

 

Besonders fatal findet Boer, dass das höchste Gericht der alten Willenserklärung der Frau Vorrang vor aktuellen Willensbekundungen einräumt. "Der heutige Patient wird entmündigt zugunsten seines früheren Ichs." Für Boer ist das eine Frage des Menschenbilds. Auf dieses beruft sich auch der Deutsche Ethikrat, der sich 2012 mit dem Thema Demenz und Selbstbestimmung befasst hat: Werde der Mensch mit seiner geistigen Leistung gleichgesetzt, heißt es in der Stellungnahme, dann müsse Demenz als Zerstörung des Menschen erscheinen. Wenn er aber auch als empfindendes und soziales Wesen verstanden werde, richte sich der Blick auf noch vorhandene Ressourcen. Auch nicht perfekte Selbstbestimmung oder Reste von Selbstbestimmung, so der Rat, seien rechtlich schutzwürdig und schutzbedürftig.

 

"Patientenverfügungen sollten eine große Verbindlichkeit entfalten können"

 

Oliver Tolmein, Fachanwalt für Medizinrecht in Hamburg, verweist auf Artikel 12 der UN-Behindertenrechtskonvention. Demnach habe jeder Mensch, unabhängig von Art und Ausmaß seiner Behinderung, einen rechtlich relevanten Willen. Den zu ermitteln sei nicht einfach, so Tolmein: "Es gibt kein operationelles System, wie man das umsetzen soll." Doch es dürfe keine Hierarchisierung von Lebensäußerungen geben. Die niederländische Patientin habe gesagt, ihr Leben solle beendet werden, wenn sie die Zeit für gekommen halte. Immer wieder habe sie aber festgestellt, es sei noch nicht so weit. Da müsse man prüfen, wie mit der Vorausverfügung zu verfahren ist. "Eine Widerrufsmöglichkeit muss stets gegeben sein."

 

Walter Jens befürwortete die Sterbehilfe – bis er selbst krank wurde

 

Der Medizinjurist Jochen Taupitz, lange Mitglied im Ethikrat, sieht das anders: "Wenn der Gesetzgeber verfügt hat, dass eine Patientenverfügung nur verbindlich ist, wenn ein Mensch einwilligungsfähig ist, dann kann ein Einwilligungsunfähiger seinen Willen nicht ändern." Er verstehe, dass man das moralisch anders bewerten kann, juristisch zähle aber nur, ob dem Verfasser einer Patientenverfügung klar war, was es bedeutet, schwer demenzkrank zu sein, und ob er um die Möglichkeit eines Widerrufs wusste. Wenn beides der Fall war, gelte die Entscheidung. "Patientenverfügungen sollten eine große Verbindlichkeit entfalten können", findet auch die Medizinethikerin Claudia Wiesemann. Sie zu widerrufen bedürfe einer gewissen Kompetenzschwelle. "Das zeigt, dass die Last, die man beim Verfassen einer Verfügung schultert, sehr groß ist." Eine missbräuchliche Auslegung, etwa durch Angehörige, sei nie auszuschließen. Dies sei aber der Preis, den liberale Gesellschaften für die Freiheit zahlten, dass ein Individuum über seine Zukunft entscheiden könne.

 

In Deutschland illustriert ein berühmtes Beispiel, welche Unwägbarkeiten eine derartige Entscheidung haben kann. Der wortmächtige Rhetorikprofessor Walter Jens hatte sich stets für einen selbstbestimmten Tod und die Entkriminalisierung der Sterbehilfe ausgesprochen. Zudem hatte er 2006, als er bereits an Demenz erkrankt war, gemeinsam mit seiner Frau Inge eine Patientenverfügung verfasst: Wenn er geistig so verwirrt sei, dass er nicht mehr wisse, wer er sei, Familie und Freunde nicht mehr erkenne, dann verlange er, dass alle medizinische Maßnahmen unterblieben, die ihn am Sterben hinderten. Die Krankheit hatte bei Jens im Jahr 2004 begonnen und war rasch fortgeschritten. Da ihm selbstbestimmtes Sterben stets ein Anliegen war, sprach seine Frau Inge das Thema an. Sie erklärte ihm, dass man das Ende mit Medikamenten beschleunigen könne.

 

Walter Jens reagierte anders, als er das zu gesunden Zeiten wohl von sich erwartet hätte. "Er hat sich das angehört … und dann beherzt nach dem nächsten Stück Kuchen gegriffen. Eine eindeutige Erklärung, jenseits des Verbalen." Inge Jens schloss aus dieser und anderen Situationen, dass ihr Mann seinen Willen geändert hatte. Zu seinen Lebzeiten sagte sie einmal: "Genauso sicher, wie wir uns damals waren, dass wir beide so nicht leben wollten, weiß ich heute, dass mein Mann nicht sterben möchte." Sie fand eine Pflegerin, die den Professor häufig auf ihren Bauernhof mitnahm. Er, der Tiere früher schrecklich fand, kraulte mit Vergnügen Hundewelpen und fütterte Kaninchen. 2013 starb Walter Jens eines natürlichen Tods.

 

Am Fall Walter Jens zeigt sich ein Grundproblem von Vorausverfügungen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Vorstellung, wie etwas sein wird, und der tatsächlichen Erfahrung, wenn es so weit ist. Für den Demenzforscher Hans Förstl, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Technischen Universität München, ist die Kluft kaum überbrückbar. "Ich halte nicht viel von unserer Fähigkeit, uns in zukünftige Situationen hineinzuversetzen." Der Mensch komme mit neuen Situationen im Allgemeinen zurecht, sagt er, "wir können uns anpassen". Das gelte auch bei Demenz. Zwar gebe es mitunter schwer zu beruhigende Patienten, die auch ihr Umfeld zur Verzweiflung trieben. Vielen anderen gehe es aber sichtlich gut.

 

"Von außen betrachtet, handelt es sich um einen reduzierten Zustand, von innen um alles, was es gibt. Und da kommt es auf andere Genüsse an – Wärme, Licht, Kakao und nicht die Lektüre der ZEIT." Ein Lebensereignis oder eine Krankheit könnten einen Menschen verändern. Das mache die Autonomie des Individuums so schwierig. "Nach schriftlicher Beratung verfüge ich über einen Menschen gleichen Namens für einen Fall, der in einigen Jahren eintreten wird. In einigen Jahren ist man aber ein anderer mit einem neuen Recht auf Autonomie." Die Wünsche eines Menschen mit Demenz zu respektieren ist für Förstl selbstverständlich. Falls dieser sich verbal nicht mehr verständigen könne, gelte es eben, den natürlichen Willen zu ermitteln. Der ist dem Verhalten eines Menschen oft durchaus zu entnehmen, auch wenn er nicht mehr explizit formulieren kann.

AUF DIESER IMMER SCHIEFER WERDENDEN BAHN GIBT ES KEINEN HALT MEHR...

 

 

 

Erst die Marktwirtschaft, dann der Schutz der Hochrisikogruppen? Menschenschlange in einem israelischen Ikea-Markt, der letzte Woche wiedereröffnet hat. Bearbeitetes Foto von REUTERS
 

Lockerungen in der Corona-Krise 


Vor steilen Abhängen

Von Shimon Stein und Moshe Zimmermann. tagesspiegel


Die Debatte um die Lockerung der Pandemie-Maßnahmen: Werden Risikogruppen im Unterbewusstsein von vielen schon wieder zu „Ballastexistenzen“?

Die Schwachstelle der Corona-Pandemie war früh zu identifizieren, in Italien, in Spanien und nun in Israel – die Altersgruppe Ü65. Diese Gruppe trifft die Pandemie am tödlichsten, und die Kapazitäten der Krankenhäuser sind vor allem wegen dieser Schwachstelle überfordert. Was in den Altersheimen vieler Länder passierte, führte zum Protest.

Wieso reichten die Kapazitäten nicht aus? Wieso versagen die Gesundheitssysteme? Doch es gibt immer mehr Befürworter einer entgegengesetzten Kritik: Kritik am Staat, der, um die Kurve abzuflachen, also vor allem um ältere Leute vor einer Infektion zu schützen, die Mehrheit der Gesellschaft fatal trifft. Wenn es um die Verteilung und Knappheit der Ressourcen, um das Entweder-Oder geht, meinen diese Kritiker, darf man von der Rücksicht auf die Hochrisikogruppe zurückrudern.

Beim Versuch, mit diesem Dilemma zu hadern, fällt einem geschichtsbewussten Israeli auch der Vergleich mit der schlimmsten Katastrophe ein. Absurd, aber wahr: Der Nationalsozialismus scheint, gleichsam als Negativkompass, meist relevant zu sein.

Die NS-Zeit bietet sich für Analogien an, egal ob es um Rassismus, Rechtsextremismus, Hyper-Nationalismus, Menschenrechte geht. Zwar wird der allzu häufige Griff zu derart Vergleichen mit Recht kritisiert – aber oft kann er als Denkanstoß konstruktiv sein.


Wird in Fragen von Leben und Tod jetzt ausgewählt?

Solche Vergleiche gibt es, in Israel allemal. Ein Vergleich mit dem Teufel, der automatisch als Provokation gedacht oder bewertet wird, ist außerordentlich effektiv. Auch in der gegenwärtigen Debatte um die Regierungs- und Verfassungskrise in Israel wird dieser Vergleich häufig bemüht, beim Thema Demokratie, Gewaltenteilung oder Notverordnungen.

Es kann also nicht überraschen, dass die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie Assoziationen mit der NS-Zeit wecken. Umso mehr beim israelischen Beobachter, bei dem das Thema Katastrophe die pawlowsche Reaktion hervorruft, nämlich die Erinnerung an den Holocaust.

Die Welt, mit wenigen Ausnahmen, entschied sich in der jetzigen Krise für die soziale Distanzierung, um die Pandemie zu bekämpfen und die Infizierten-Kurve abzuflachen. Diese Entscheidung verfolgt im Endeffekt zwei praktische Ziele: der Überbelastung der Krankenhäuser zuvorzukommen und den Massentod in der Hochrisiko-Gruppe zu verhindern.

Es ist die Kontroverse um eben diese Ziele und Maßnahmen, die eine NS-relevante Assoziation zulässt, ja, provoziert: Menschenleben retten um jeden Preis? Oder in Zeiten der Not bei Fragen von Leben und Tod eine Auswahl treffen?

Damals ging es vor allem um den Krieg als Herausforderung. Die Antwort im Namen der sogenannten Volksgemeinschaft hieß: Um diese Gemeinschaft in Zeiten der Not und Knappheit zu ernähren, dürfen Menschen, die nicht zu ihr gehören, ausgestoßen werden. Im Hintergrund stand die Erfahrung der Not des Ersten Weltkrieges.

Das NS-System entschied sich entsprechend für die „Euthanasie“ und die Ausrottung von „Ballastexistenzen“. Mit Hilfe der Eugenik und der Rassenlehre gab es eine angeblich sozioökonomisch wie auch ethisch fundierte Rechtfertigung für diese Politik. Klar: ein Extremfall mit spartanischen Wurzeln.

Der soziale Darwinismus kommt in Fahrt

Aber dieser Extremfall ist mutatis mutandis als Trigger für die Beobachtung der gesellschaftlichen Reaktion auf das neue Virus im Prinzip nicht von der Hand zu weisen. In dem Moment, in dem die Gesellschaft bei der Entscheidung über die (auch vermeintliche) Rettung von Menschenleben eine Selektion vornimmt, befindet sie sich auf Glatteis.

Nicht allen, die an der Diskussion um die Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beteiligt sind, ist bewusst, dass sie sich auf einem rutschigen Abhang bewegen. Doch im Unterbewusstsein eines Teils der Bevölkerung zeichnet sich eine Sichtweise ab, die die Angehörigen der Risikogruppe im Endeffekt als „Ballastexistenzen“ wahrnimmt.

Auch das Wort Risikogruppe durchläuft eine Mutation: Gemeint ist weniger das Risiko für diese Gruppe, sondern eher das Risiko, das von dieser Gruppe für die Gesellschaft ausgeht. Darf der Preis für den Schutz dieser Gruppe Massenarbeitslosigkeit, eine schwere Wirtschaftskrise und die Gefährdung der Lebensqualität der Mehrheit sein?

Ja, nach der Phase der Solidarität kommt vielerorts der soziale Darwinismus in Fahrt, der Wunsch nach dem Prinzip des Überleben des Stärkeren. Vor allem dort, wo die nichtsoziale, neoliberale Marktwirtschaft herrscht, in Amerika, England, Israel.

Um zu verstehen, wohin diese Denkweise führen könnte, ist der Extremfall als Denkanstoß nützlich: Das NS-System war bereit, „unwertes Leben“ zu beseitigen, bei Deutschen die so genannte Euthanasie durchzuführen, Millionen Menschen in Osteuropa absichtlich verhungern zu lassen und ein ganzes Volk von „Schädlingen“, nämlich die Juden, auszurotten, um den angeblich wertvollen Ariern das Leben zu garantieren. Für die, die vor solchen Assoziationen zurückschrecken gilt die Warnung: „Wehret den Anfängen“.

Bereits vor 32 Jahren, als das israelische Obergericht darüber entscheiden sollte, ob der Wunsch von Eltern eines kranken zweijährigen Kindes nachgegangen werden darf, dem Kind den Gnadentod zu ermöglichen, brachte der Oberrichter Menachem Alon das Beispiel der NS-Euthanasie als Warnung: „Unsere Generation weiß Bescheid, wie steil dieser Abhang ist“. Heute nimmt man nicht nur die nicht endende Isolierung der Hochrisikogruppe in Kauf, sondern auch den Tod einer großen Zahl der Personen aus dieser Gruppe, falls Einschränkungen für die gesamte Gesellschaft massiv ausfallen sollten.

An der "Front" steht jetzt die Hochrisikogruppe

Einer der populärsten Psychologen Israels posaunte seine Botschaft unter der Überschrift „Lass mein Volk ziehen, aus der Corona-Quarantäne“ heraus: Da bislang die Corona-Toten im Durchschnitt 81 Jahre alt waren und das durchschnittliche Sterbealter im Lande bei 82 liegt, wäre es sinnvoll, so der Psychologe, das Risiko einzugehen und die Restriktionen fallen zu lassen.

Derartige Argumente kommen gut an, wie den vielen TV- Panels zu entnehmen ist. Weil die Millionen von Menschen, die wegen der Maßnahmen ihre Jobs verloren haben, darin die Lösung sehen, nicht zuletzt weil der Sozialstaat in den letzten Jahren durch den kapitalistischen Minimalstaat und seiner Ideologie ersetzt wurde.

Dass der bekannte Schriftsteller Abraham B. Jehoshua seine Bereitschaft verkündete, am Virus an Stelle einer jungen Person zu sterben, hilft, das schlechte Gewissen zu besänftigen. Regierungschef Netanyahu konnte zum Holocaust-Gedenktag heuchlerisch sein Bedauern über den Corona-Tod von Holocaust-Überlebenden aussprechen, während sein Sohn die Chuzpe hatte, die Teilnehmer einer Anti-Bibi-Demo per Tweet zu beschimpfen: „Hoffentlich kommen die alten Toten aus Ihren Reihen“.

Kein Vergleich mit dem Extremfall NS. Richtig. Und doch: Hinter dieser Strategie der Lockerung, wie der Diskurs in den USA, England und nun auch in Israel zeigt, steht eine politische Ideologie.

Es geht um die neoliberale, einen Minimalstaat befürwortende Denkweise, die auch in normalen Zeiten im Gesundheitsbereich eine darwinistische Selektion ermöglicht, deren Opfer die schwächeren in der Gesellschaft sind – und die nun nicht davor zurückschreckt, die Hochrisikogruppe zu opfern.

Früher, auch im Zweiten Weltkrieg, reichte die Tatsache, dass es im Krieg vor allem junge Leute sind, die „für das Vaterland fallen“, um die Ausmerzung der „Ballastexistenzen“ zu legitimieren. In der jetzigen Katastrophe, anders als im Krieg, muss die junge Generation nicht zum Schlachtfeld. Jetzt steht an der Front die wenig brauchbare Hochrisikogruppe.

Die Versuchung, diese „Lösung“ systemisch zu praktizieren, ist besonders groß. Wenn sogar in Israel, wo die Erinnerung an die Shoah so stark ist, dieser Abgrund sich öffnet, kann es weltweit überall, wo der darwinistische Neo-Liberalismus wegweisend ist, auch passieren. Daher gilt es, den liberalen Sozialstaat als Bollwerk zu verteidigen.

  • Shimon Stein war Israels Botschafter in Deutschland (2001-2007) und ist zur Zeit Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheit Studien (INSS) an der Tel Aviv Universität.


_____________________________________________

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Intensivstation eines Krankenhauses in Paris - bearbeitet nach © Lucas Varioulet/​AFP/​Getty Images


Was hat Frankreich mit den Alten gemacht?

Sediert statt gerettet: In Frankreich mehren sich die Indizien dafür, dass Patienten auf dem Höhepunkt der Pandemie nach Alter selektiert wurden.

Von Tassilo Hummel, Paris | ZEIT.de

Am Vormittag des 15. April erhielt Gabriel Weisser einen Anruf. Ein Arzt teilte ihm mit, dass seine Mutter am Coronavirus erkrankt sei. "Er sagte, er sei gegen 5.30 Uhr morgens bei ihr im Altersheim gewesen", erzählt Weisser, der in Blodelsheim im Elsass wohnt. Sie habe Fieber gehabt und gehustet. "Als einzige Maßnahme hat er ihr Palliativmedikamente verordnet. Also in Wirklichkeit hat er sie gar nicht behandelt. Sie wurde zum Tode verurteilt." Gabriel Weisser schluchzt. Seine Mutter Denise wurde 83 Jahre alt.

Ihr Fieber sei am Morgen nur leicht gewesen und auch ihre Lungenkapazität habe noch bei 85 Prozent gelegen, erzählt Weisser. Trotzdem versuchte der Arzt erst gar nicht, sie zu heilen, sondern verschrieb ihr Medikamente, die ihr ein friedliches Einschlafen ohne Schmerzen ermöglichten – und das, ohne Gabriel und seine Geschwister vorher überhaupt zu sprechen. Erst fünf Stunden später rief er sie an und informierte sie über seine Entscheidung. Schon am gleichen Nachmittag fand eine Pflegerin Weissers Mutter tot im Bett.

"Sie hätten es wenigstens versuchen können", insistiert Weisser. "Dass man das den älteren Menschen antut, in einem großen Land wie Frankreich, dem Land der Menschenrechte, das ist schrecklich."

Wurde der Zugang zu Krankenhäusern erschwert?

Wurden in Frankreich in der Hochphase der Corona-Welle ältere Patienten systematisch benachteiligt? Geschichten wie die der Weissers, aber auch vieles andere, deuten darauf hin. Offiziell beteuert die Regierung, dass das Gesundheitssystem den vielen Patienten jederzeit gewachsen gewesen und es nicht zur Triage gekommen sei, dass die Krankenhäuser also nicht auswählen mussten, wen sie noch behandeln und wem sie nur den Tod erleichtern. Aber was, wenn die Krankenhäuser deshalb nicht überlastet waren, weil die Patienten dort gar nicht erst ankamen?

"Man hat dafür gesorgt, dass die Menschen aus den Altersheimen nicht mehr in die Krankenhäuser kommen", sagt Michel Parigot. Er streitet seit Mitte der Neunzigerjahre für mehr Transparenz und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Damals warnte er Frankreich vor den Risiken, die mit dem Baustoff Asbest verbunden sind, mit dem seine Pariser Uni verseucht war. Zusammen mit anderen Anti-Asbest-Aktivisten gründete er das Bündnis "Coronavictimes", Corona-Opfer. Seit Wochen wirft Parigot den Verantwortlichen in Frankreich vor, in der Corona-Krise systematisch ältere Menschen zu benachteiligen.

In anderen Ländern gibt es gar keine Zahlen

Der Aktivist, der hauptberuflich als Mathematiker beim Pariser Forschungsinstitut CNRS arbeitet, sagt, das zeige bereits ein Blick auf die Zahlen: Von den bisher etwa 20.000 Corona-Toten in Frankreich starben mehr als 8.000 in Alten- und Pflegeheimen. Die Weltgesundheitsorganisation sagte auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, bis zu 50 Prozent der Todesfälle in Europa könnten von Heimen herrühren. Allerdings legen die meisten Länder anders als Frankreich gar nicht offen, wie viele Menschen genau in Pflegeheimen am Virus gestorben sind. Vielleicht ist das Problem also in Frankreich gar nicht größer als anderswo, sondern nur besser sichtbar.

Am Mittwoch zitierten die Investigativjournalisten der Zeitung Le Canard enchaîné aus einer internen Verwaltungsvorschrift, die das Gesundheitsministerium am 19. März für die medizinischen Einrichtungen erlassen haben soll. Darin heiße es, Ärztinnen und Ärzte seien angehalten, den Zugang von gebrechlichen Patienten auf die Intensivstationen drastisch zu reduzieren. Eine Statistik der Krankenhausverwaltung in Paris, die ZEIT ONLINE vorliegt, zeigt, dass sich die Altersstruktur der Patienten in den Intensivstationen in den Tagen nach dem Erlass der Vorschrift tatsächlich merklich veränderte. Waren am 21. März noch rund 20 Prozent der Intensivpatienten über 75 Jahre alt, betrug ihr Anteil zwei Wochen später nur noch sieben Prozent. Der Canard enchaîné führt außerdem an, dass in besonders von Corona belasteten Regionen wie dem Elsass der Anteil älterer Menschen in den Krankenhäusern geringer sei als in weniger belasteten Regionen und dass jetzt, da die Krankheitswelle langsam abebbe, wieder mehr ältere Menschen intensivmedizinisch behandelt würden.

Die Beweisführung ist schwierig

Der Gesundheitsaktivist Parigot verweist auch auf ein Dekret der Regierung, das für die Dauer des Epidemie-Höhepunkts eine Palliativbehandlung mit schmerzlindernden und sedierenden Medikamenten auch außerhalb von Krankenhäusern ermöglicht. Im Internet entstand daraufhin Panik, befeuert besonders von rechtsextremen Kreisen: Will die Regierung gezielt ältere Menschen sterben lassen, um stattdessen jüngere in den Krankenhäusern zu behandeln? Die staatlichen Stellen stellten schnell klar, dass dies Falschnachrichten seien. Es ginge darum, die Schmerzen von unheilbar kranken Patienten an ihrem Lebensende auch dann lindern zu können, wenn das normalerweise dafür verantwortliche örtliche Krankenhaus aufgrund der Pandemie keine Plätze mehr habe, um einen würdevollen Tod zu ermöglichen.

Aus Trauer wird Wut

Für seinen Vorwurf, das System habe Menschen in Alten- und Pflegeheimen systematisch benachteiligt, stützt sich Michel Parigot auf die Berichte von Menschen, deren ältere Angehörige gestorben sind. Wie schwierig es wird, den Beweis zu erbringen, wo es doch im ganzen Land an Tests fehlt, weiß auch der Aktivist. "Man müsste Obduktionen machen", sagt Parigot. Ihm geht es aber vor allem um die Haltung der Regierung: Indem sie sagten, es fände keine Selektion der Corona-Infizierten nach Alterskriterien statt, hätte sie die Franzosen getäuscht. "Man hätte zugeben müssen, dass nicht mehr alle behandelt werden können und die Kriterien offenlegen müssen, nach denen Mediziner entscheiden." Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich keine medizinethischen Richtlinien, wie Patienten in Überlastungssituationen zu priorisieren sind.

Gabriel Weisser, der im Elsass um seine Mutter trauert, sagt, er leide enorm unter dieser Intransparenz. Die dreißig Tage vor ihrem Tod habe er seine Mutter wegen der Quarantänemaßnahmen im Heim schon nicht mehr sehen können. Nach ihrem plötzlichen Tod "hätte ich mir wenigstens ein Gespräch mit der Pflegerin oder dem Arzt gewünscht, um zu verstehen, nach welchen Kriterien da entschieden wurde". Doch auf ein solches Gespräch wartet er auch eine Woche später noch vergeblich.

Während Gabriel Weisser im Elsass trauert und verzweifelt, reagiert Olivia Mokiejewski mit Wut. Ihre 96-jährige Großmutter ist ebenfalls in einem Pflegeheim am Coronavirus gestorben. "Bis kurz vor dem Tod meiner Großmutter hat die Heimleitung bestritten, dass es dort überhaupt Covid-19-Fälle gab", sagt die Pariser Journalistin. "Wir wissen aber, dass Angestellte zu diesem Zeitpunkt bereits wegen starken Verdachts auf Corona krankgeschrieben waren, einige waren sogar schon im Krankenhaus."

Pfleger ohne Handschuhe und Mundschutz

Mokiejewski berichtet, im Heim seien zwar seit Anfang März Besuche untersagt, beim Skypen mit ihrer Großmutter Hermine habe sie aber bemerkt, dass die Pflegerinnen und Pfleger ohne Handschuhe und Masken arbeiteten. Sie konnte bei ihren täglichen Videoanrufen verfolgen, wie sich der Zustand ihrer Großmutter verschlechterte. "Ich habe sie immer müder gesehen, sie ist während des Gesprächs eingeschlafen. Ich habe sie husten gesehen", erzählt Mokiejewski. "Ich habe das der Heimleitung in mehreren E-Mails und Telefonaten mitgeteilt. Man sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie haben einfach keinen Arzt gerufen." Als eine Altenpflegerin Ende März Fieber bei ihr feststellte, sei schließlich doch ein Arzt gekommen, der auch die Enkelin beschwichtigte: Alles sei gut. Mokiejewski, mit ihrer Geduld am Ende, bat daraufhin einen befreundeten Arzt, selbst im Heim nach der Großmutter zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Großmutter bereits im Sterben. Mokiejewski spricht von einem Skandal.

Zusammen mit einem Rechtsanwalt geht sie jetzt auch juristisch gegen das Heim vor. Träger der Einrichtung ist der große Pflegekonzern Korian, in dessen frankreichweit 60 Einrichtungen offenbar bereits Dutzendende Corona-Erkrankte verstarben. "Der Konzern muss mir jetzt Rechenschaft ablegen", sagt Mokiejewski.

Korian hat in der Sache inzwischen einen Strafverteidiger beauftragt. Auf Anfrage von ZEIT ONLINE teilt er mit, das Unternehmen überlasse die Aufarbeitung des Falles nun der Justiz und wolle ihn nicht weiter kommentieren.

Anders als Mokiejewski macht Gabriel Weisser dem Altersheim im elsässischen Fessenheim, in dem seine verstorbene Mutter Denise jahrelang lebte, keinen Vorwurf. "Die sind wie wir alle auch das Opfer eines Systems, das in der Krise versagt hat." Zwar hat auch er sich mittlerweile rechtlichen Beistand gesucht, zielt juristisch dabei aber deutlich höher: Auf den französischen Gesundheitsminister Olivier Véran. Ihn will Weisser mit einer Klage vor einem Sondergericht für Regierungsmitglieder für das systemische Versagen seines Landes verantwortlich machen.

_____________________________________

Coronavirus: 31 Tote in Altersheim
Schuld daran sind vermutlich die Pflegekräfte.

 

In Seniorenheimen ist die Angst vor dem Coronavirus besonders groß. (Symbolbild)

bearbeitetes Foto: imago images / localpic
 

Das Pflegeheim in Dorval bei Montréal hat insgesamt 130 Bewohner. Die Gesundheitsbehörden fanden die Senioren in erschreckendem Zustand: Zahlreiche Personen lagen dehydriert und unterernährt in ihren Betten. Es soll in manchen Zimmern stark nach Urin gerochen haben.


Mindestens fünf der 31 verstorbenen Bewohner waren zuvor an Covid-19 erkrankt. Woran die anderen Senioren starben, prüft derzeit ein Gerichtsmediziner, berichtet der „Spiegel“.

Wie kam es zu den erschreckenden Zuständen im Heim?

Aus Angst vor einer Coronavirus-Erkrankung sind die Pfleger dem Heim fern geblieben. Francois Legault, Regierungschef von Quebec, habe Ermittlungen wegen grober Fahrlässigkeit angekündigt.

Meldung mit Bild: der westen 

-----------------

 

ich bin erschrocken. ich hätte nicht gedacht, dass mich beim thema #corona-krise dieses eine meiner grundthemen - nämlich "euthanasie", sozialdarwinismus, selektion der unbrauchbaren, "ballastexistenzen" u.a.m. so rasch über den weg laufen wird - und eigentlich, wenn auch modifiziert, mit der gleichen wucht, wie wohl vor 70-80 jahren...

 

der sozialdarwinismus, den man im laufe der zeit übersetzt mit so unschuldigen vokabeln wie "nichtsoziale, neoliberale marktwirtschaft" schlägt also bei einer weltweiten gesundheitskrise einmal mehr zu: zuerst ganz langsam - und dann mit aller wucht! 

uralte reflexe kommen zum tragen: der sieg der stärkeren über die schwachen - die ausgrenzung der nicht mehr leistungsfähigen - aber nun nicht mehr nur ihre auch schon skandalöse abschiebung in heime und asyle, sondern nun nimmt man ihnen durch selektion und auslese und nichtversorgung auch noch - wie vor 80 jahren im nationalsozialistischen deutschland ebenfalls - das recht zum (über)leben.

wenn man also liest, dass in erster linie "die alten", die "vorerkrankten" sterben bei der covid-19-ausbreitung, muss man sich nach diesen drei artikeln ja schon fragen, ob da vielleicht medizinisch bewusst oder unbewusst bei den sterblichkeitsraten in den altersklassen eine auslese zum tragen kommt: wo man also nicht mehr "beatmet" und wiederbelebt, sondern vielleicht nur noch "palliativ" begleitet, für einen sanften tod bei den alten. und nur noch die beatmungsgeräte einsetzt für diejenigen, für die es sich "noch lohnt" - die es "verdient" haben...

 

es ist klar: in überforderten kliniken muss man nach einer durchgeführten "triage" abwägen - eine einteilung und abstufung der gefährdung - eine reihenfolge der hilfeleistungen und maßnahmen, eine "to-do-list" nach prioritäten. ethisch ist das allemal sehr schwierig zu entscheiden - und mit dem "gewissen" wohl erst recht nicht.

 

aber es ist auch so bei einer brandschutzübung, wenn einem der übungsleiter klarmacht, dass man ein völlig verrauchtes treppenhaus, in dem vielleicht sogar noch menschen sind, nicht mehr als prioriät setzt, sondern andere gebäudeteile nun primär zu schützen hat vor übergriffen des feuers, auch mit dem risiko, dass man nicht allen menschen im moment gleichzeitig helfen kann.

 

ähnliche entscheidungen sind zu treffen an jedem unfallort mit mehreren verletzten... - und nur einem ersthelfer oder arzt vor ort ...

 

aber solcherart einzelfallentscheidungen dürfen nicht "global" auf ganze gesellschaftsteile und altersgruppen übertragen werden und zur "haltung" werden bei entscheidungen über aktivität und passivität der behandlungen und therapien, mit überlegungen etwa zur "wirtschaftlichkeit" - ohne kommunikation vor ort, und quasi "stickum" - sozusagen zur allgemeinen norm gemacht werden.


es muss immer um verantwortbare einzelfall-entscheidungen gehen - und um die frage, ob die betroffene person für sich eine explizite entscheidung getroffen hat für oder gegen "lebensverlängernde maßnahmen", oder diese mit den angehörigen kommuniziert hat.

 

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hält es für falsch, bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie allein dem Lebensschutz die höchste Priorität einzuräumen. "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig", sagte Schäuble in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen", erklärte er. Diese sei unantastbar, schließe aber nicht aus, "dass wir sterben müssen".  
 
Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. "Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben", sagte der 77-Jährige: "Mit allen Vorbelastungen und bei meinem Alter bin ich Hochrisikogruppe. Meine Angst ist aber begrenzt. Wir sterben alle. Und ich finde, Jüngere haben eigentlich ein viel größeres Risiko als ich. Mein natürliches Lebensende ist nämlich ein bisschen näher." ("Tagesspiegel")

 

man hört eben derzeitig überproportional viel von den "covid-19-brutstätten" in altenheimen und den "vielen opfern", die dort jeweils zu beklagen sind - aber es müsste ja auch in anderen ähnlichen wohnformen zumindest ähnlich gehäufte probleme geben (z.b. studentenwohnheime, herbergen, krankenhäuser, unterkünfte, wohngemeinschafts-anlagen usw).


und wenn donald trump vor 2 wochen auf dem weltmarkt verzweifelt beatmungsautomaten ordern wollte - und sie 2 wochen später der ganzen welt "wegen überproduktion" zum kauf anbietet - bekommt das unter dieser prämisse für mich wenigstens ein "gschmäckle"...


ich bin auch schon 73 - und bin hypertoniker und diabetiker - und da muss ich mir ja die frage stellen:

gehe ich bei einer eventuellen erkrankung auf die "intensivstation" - oder doch gleich ins "hospiz" - zur entsorgung unter humanen prämissen...???


gute nacht - ich werde wohl noch etwas wach liegen ...

 


E-Mail