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Timo Steppat: Für Elise - F.A.S.  - eine NS-Euthanasie-Opfer-Recherche ...

 

In der Sonntagszeitung der FRANKFURTER ALLGEMEINEN (F.A.S.) vom 29.11.2020 fand ich diese eindrückliche und in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche Spurensuche zu einem Familiengeheimnis:

 

 

Wirkt ihr Blick verletzlich? Welche Hoffnungen und Träume hatte sie wohl? Ururgroßmutter Elise mit ihren Töchtern zu einer Zeit, als ihre Welt noch weitgehend in Ordnung war. (c) Reproduktion F.A.S.

 

 

Für Elise


Über seine Ururgroßmutter wurde nie gesprochen: In der Psychiatrie war sie wohl, in der Nazizeit. Hat man sie ermordet? Und warum ist das Verbrechen zum Familiengeheimnis geworden?

 

Eine Spurensuche von Timo Steppat

 

F.A.S. - Rubrik: Leben, S. 11 u. 12 - Sonntag, 29.11.2020 (click)

 

 

 


„Manch­mal frage ich mich, ob der Wahn­sinn in unse­rer Fami­lie steckt“, sagt Oma.

 

Unser Tele­fo­nat begann wie immer. Oma wollte wissen, was ich mache, wie es mir geht, erzähl­te dann von sich und der Fami­lie. So kam sie auf Monika. Seit ein paar Wochen verhal­te sich ihre Cousi­ne selt­sam. Sie lasse den Herd an und erzäh­le später, Außer­ir­di­sche hätten ihn ange­schal­tet. Monika höre Stim­men von Unbe­kann­ten, die ihr Befeh­le einge­ben würden. Oma sagt, sie habe doch etwas tun müssen. Also habe sie beim Sozi­al­dienst der Stadt ange­ru­fen und um Hilfe gebe­ten. Monika ist Mitte 70 und lebt allein, seit ihr körper­lich behin­der­ter Sohn vor eini­gen Mona­ten in eine Pfle­ge­ein­rich­tung gezo­gen ist. Das Amt schick­te einen Psycho­lo­gen vorbei, dem Monika bereit­wil­lig von den Außer­ir­di­schen erzähl­te. Eine Gefähr­dung erkann­te der Mann nicht, ging aber davon aus, dass Monika schi­zo­phre­ne Schübe hat.

 

Oma sagt, seit sie von diesem Verdacht weiß, denkt sie häufig an ihre eigene Großmut­ter. Die soll schi­zo­phren gewe­sen sein, kam in die Psych­ia­trie und tauch­te nie wieder auf. Oma fragt sich, wer sie wohl war und was genau mit ihr gesche­hen ist. Und ist der Wahn­sinn, wie man es früher sagte, wirk­lich erblich? Ich halte das für Quatsch, aber wer weiß. Als wir aufge­legt haben, suche ich im Inter­net, was schi­zo­phre­ne Schübe bedeu­ten: einen Zustand zwischen Hallu­zi­na­ti­on und Wahn. Man flüch­tet in eine eigene Welt.

 

Als wir das nächs­te Mal tele­fo­nie­ren, frage ich Oma, was sie eigent­lich über ihre Großmut­ter weiß. Viel ist es nicht. Elisa­beth Wester­mann, genannt Elise, lebte mit ihrem Mann Wilhelm und den Töch­tern Irmgard und Elisa­beth in Ober­hau­sen im Ruhr­ge­biet, bis sie Anfang der drei­ßi­ger Jahre in die Psych­ia­trie kam, nach Bedburg-Hau an der nieder­län­di­schen Grenze. Dort starb sie einige Jahre später. Oma, 1939 gebo­ren, hat Elise nie kennen­ge­lernt und auch jahre­lang nicht erfah­ren, dass es sie gab. Ihr Großva­ter Wilhelm hatte die Haus­häl­te­rin gehei­ra­tet, die Oma auch Oma nannte. Elise wurde nie erwähnt. Erst als Oma fast erwach­sen war, mit 16 oder 17, erfuhr sie von der verschwun­de­nen Frau, ihrer wahren Großmut­ter. Ende der drei­ßi­ger Jahre in einer Psych­ia­trie gestor­ben – mir fallen da direkt Nazis ein, die psychisch Kranke ermor­den. „Das hab ich auch immer gedacht“, sagt Oma. Ich kenne meine Fami­lie, die Geschich­ten, auch jene, die meine Oma erzählt hat. Wieso kam darin nie Elise Wester­mann vor? Es ist, als hätte man sie aus der Erin­ne­rung gelöscht.

 

Oma findet meine Idee erst abwe­gig: „Jung, was soll das denn brin­gen?“, fragt sie. Dann beschlie­ßen wir trotz­dem, gemein­sam nach­zu­for­schen. In Bedburg-Hau steht noch heute eine Psych­ia­trie, ich rufe an. Ein paar Tage später erfah­re ich per E-Mail, dass in den Akten eine Frau zu finden ist, die unter dem Namen ihres Mannes geführt wurde, Wilhelm Wester­mann. Am 21.7.1932 aufge­nom­men, 1939 nach Groß­schweidnitz in Sach­sen verlegt, 1941 gestor­ben.

Mit ihrem Opel Meriva holt mich Oma vom Bahn­hof in Moers ab. Ich setze mich ans Steuer. Eine drei­vier­tel Stunde Fahrt ist es nach Bedburg-Hau.

 

„Oma, warst du schon mal in einer Psych­ia­trie?“

„Nee, wieso? Du?“

„Nee.“

 

Oma erzählt, dass ihr beim Duschen einfiel, wie sie sich als Kinder gehän­selt haben. Sie riefen: „Bedburg, mach die Tore auf, Lies­chen kommt im Dauer­lauf.“ Oder dass Leute gesagt haben, wenn sich jemand selt­sam verhielt: „Der gehört nach Bedburg.“

 

Auf dem Weg werden die Felder weiter. Bedburg-Hau war in den sech­zi­ger Jahren die größte Psych­ia­trie Euro­pas. Ein gutes Stück vom Rand des Ruhr­ge­biets entfernt hat man sie 1912 ins länd­li­che Nichts gesetzt. Als wären die Irren anste­ckend.

 

Hohe Plata­nen und Eichen wölben sich über das Gelän­de, die meis­ten sind so alt wie die Anstalt selbst. Die Psych­ia­trie ist ange­ord­net wie ein Dorf mit über­durch­schnitt­lich schö­nen Häusern. Es gibt zwei Cafés, einige Verwal­tungs­ge­bäu­de, eine Kirche, die eigent­li­chen Klini­ken sowie einen Gebäu­de­kom­plex, um den Zäune und Stachel­draht stehen. Das ist die Foren­sik, sagt man uns später. Wenn über Bedburg-Hau berich­tet wird, geht es meist um die straf­fäl­lig gewor­de­nen Pati­en­ten, denen ein Ausbruch gelun­gen ist. Der Rest der Psych­ia­trie ist offen gestal­tet. Die Schran­ke des Pfört­ner­häus­chens – lange abmon­tiert.

 

In einem etwas unschein­ba­ren Gebäu­de befin­det sich das Museum. Uwe Horschig empfängt uns. Er hat das Museum vor 25 Jahren aufge­baut, weil er die Psych­ia­trie nach außen öffnen und eine Ausein­an­der­set­zung mit der Vergan­gen­heit fördern wollte. Bis zu seiner Pensio­nie­rung vor weni­gen Mona­ten hat er Schul­klas­sen die Ausstel­lung gezeigt. In den Muse­ums­räu­men, in denen früher psychisch Kranke unter­ge­bracht waren, stehen alte Betten mit hohen Gittern, die ausse­hen wie kleine Gefäng­nis­se. Schau­fens­ter­pup­pen tragen Schwes­tern­uni­for­men. Eine Zwangs­ja­cke hängt an der Wand. Es wirkt wie in „Einer flog übers Kuckucks­nest“. Gleich rollt jemand Jack Nichol­son vorbei, denke ich, bei dem eine Lobo­to­mie gemacht werden soll.

 

Oma ist still. Wir schau­en uns Pati­en­ten­ak­ten aus den drei­ßi­ger Jahren an. Von den Pass­fo­tos blicken uns norma­le Leute mit norma­ler Klei­dung und ziem­lich norma­lem Blick an. Na ja, denke ich, wie sollen sie denn sonst ausse­hen. Gebo­ren in Duis­burg, Emme­rich, Köln oder Dins­la­ken. In den Unter­la­gen eines Mannes, einge­lie­fert 1929, hat der Arzt hand­schrift­lich immer wieder das Glei­che notiert: „Krank­heits­zu­stand unver­än­dert“. Über zehn Jahre hinweg.

 

Ende des 19. Jahr­hun­derts entstan­den viele psych­ia­tri­sche Heil­an­stal­ten, meist auf dem Land, um den vermeint­lich schäd­li­chen Einfluss der Zivi­li­sa­ti­on auf die Psyche zu begren­zen. Kranke, die vorher bei ihren Fami­li­en lebten oder in kirch­li­chen Einrich­tun­gen verwahrt wurden, schick­te man nun hier­her.

 

Bedburg-Hau galt als Reform­an­stalt. Die Psych­ia­ter, die sich wenige Jahre zuvor selbst noch Irren­ärz­te nann­ten, setz­ten bei der Behand­lung von Krank­hei­ten wie Schi­zo­phre­nie auf Schock­the­ra­pie; wirk­sa­me Medi­ka­men­te soll­ten erst in den sech­zi­ger Jahren erfun­den werden. „Fast alle beka­men warme Bäder“, sagt der ehema­li­ge Muse­ums­lei­ter Horschig. Er zeigt uns Wannen mit Deckeln, aus denen nur der Kopf raus­schau­en konnte. Auch Elise Wester­mann lag wohl in so einer. Oft wickel­ten die Pfle­ger die Pati­en­ten danach in nasse Tücher. Wie kleine Pharao­nen ließ man sie trock­nen, bis sich der Stoff so zusam­men­zog, dass die Enge schmerz­te. Erzwun­ge­ne Ruhe.

 

Im letz­ten Raum der Ausstel­lung sind Blumen und Kerzen aufge­stellt, dort liegt ein Akten­ord­ner mit lami­nier­ten Seiten auf einem Steh­pult. Aufge­lis­tet sind die Namen der Menschen, die während des Natio­nal­so­zia­lis­mus von Bedburg-Hau aus in den Tod gefah­ren sind. Fast die Hälfte der Pati­en­ten wurde um das Jahr 1939 herum aus Bedburg-Hau ins ganze Land verlegt. Als Vorbe­rei­tung auf den Angriffs­krieg soll­ten Teile der Psych­ia­trie an der nieder­län­di­schen Grenze in ein Laza­rett umge­wan­delt werden. Oma und ich stehen vor dem Buch, ich blät­te­re bis W.

Ehefrau Wilh. Wester­mann. Gestor­ben 1941, steht da.

 

Wenn Elise sich in dem Ordner findet, heißt das, sie ist ermor­det worden?

Der pensio­nier­te Muse­ums­füh­rer nickt. Oma hält den Ordner fest, sie schluckt. „Mit 81 Jahren erfah­re ich, dass die Nazis meine Oma wirk­lich ermor­det haben“, wird sie später sagen.

 

Als wir wieder im Auto sitzen, stelle ich mir vor, wie es wohl für Elise war, aus ihrer Fami­lie geris­sen zu werden, allein in der Psych­ia­trie zu sein und irgend­wann abtrans­por­tiert zu werden – und keiner tut etwas dage­gen. Warum wurde in der Fami­lie nicht über Elise gespro­chen? Oma sagt: „Das war eine schwie­ri­ge Zeit damals.“ Sie fängt an, von ihrer Kind­heit zu erzäh­len. Von der Flucht. Während des Krie­ges, als auf das Ruhr­ge­biet Bomben fielen, kamen meine sechs Jahre alte Oma, ihr einein­halb Jahre alter Bruder und ihre Mutter Irmgard nach Ostpreu­ßen, wo es vermeint­lich siche­rer sein sollte. 1945, Deutsch­land hatte verlo­ren, woll­ten sie zurück nach Ober­hau­sen, ins Ruhr­ge­biet. Eine Szene ist Oma in Erin­ne­rung geblie­ben: Die drei waren in einem Flücht­lings­treck, irgend­wo in Sach­sen oder Thürin­gen, als die Mutter in den Fluss sprang, weil sie am ande­ren Ufer eine Verwand­te sah. Da dort aber der ameri­ka­ni­sche Sektor begann, schoss ein russi­scher Soldat ins Wasser. „Ich dachte, Mutti stirbt“, sagt Oma. Der Soldat traf nicht, kurze Zeit später war die Mutter zurück. Aber es blieb dieses Gefühl: Jeder kann jeder­zeit weg sein, ster­ben. Oma sagt: „Viele Menschen waren nach dem Krieg nicht mehr da.“


Da habe man nicht so viel darüber nach­ge­dacht, wo die Großmut­ter abge­blie­ben sei. „Mit Mutti habe ich als Erwach­se­ne viel­leicht zwei- oder drei­mal über Elise gespro­chen. Sie wollte das nicht, es war ihr immer sehr unan­ge­nehm.“ Oma schaut kurz aus dem Fens­ter. „Viel­leicht hat sie sich geschämt, dass sie nichts unter­nom­men hat“, sagt sie. Und: „Auch nach dem Krieg war keiner stolz, jeman­den in der Psych­ia­trie gehabt zu haben.“

 

Was passier­te also mit Elise Wester­mann, als sie Bedburg-Hau verließ? Im Zentral­ar­chiv der Psych­ia­tri­en im Rhein­land gibt es keine Akte von ihr. Muse­ums­füh­rer Horschig wusste nur, dass sie 1939 nach Groß­schweidnitz in Sach­sen kam. Das liegt in der Nähe von Dres­den, das ist Oma zu weit. Ich rufe dort an.

Nach ein paar Versu­chen habe ich die Pres­se­spre­che­rin am Tele­fon, die sagt, man sei heute ein norma­les Kran­ken­haus, man wollte sich nicht „immer mit dieser Zeit beschäf­ti­gen“, hätte das „Kapi­tel vor länge­rem geschlos­sen“.

 

Ich bin über­rascht. Auch die Tante des Malers Gerhard Rich­ter wurde hier ermor­det. Er hat ein Bild von ihr gemalt, leicht verschwom­men, wie viele Bilder von ihm. Woan­ders erfah­re ich, dass die Akten von damals, wenn es sie noch gibt, im Säch­si­schen Staats­ar­chiv lagern könn­ten. Ein paar Tage verge­hen, bis ich aus Dres­den eine gescann­te Kartei­kar­te per Mail erhal­te.

 

Da steht: Am 7.4.1883 wurde Elise Wester­mann als Elisa­beth Grot­loh im Ober­hau­se­ner Stadt­teil Alsta­den gebo­ren, ihr Mann ist Johann Wilhelm Wester­mann, von Beruf Kauf­mann. Diagno­se: Schi­zo­phre­nie. „Aus der Kran­ken­ge­schich­te“, ist mit Schreib­ma­schi­ne auf die Rück­sei­te getippt. „Miss­trau­isch-ableh­nend; kein Konnex. Plötz­lich auftre­ten­de Erre­gun­gen, schimpft und droht, die schnell wieder abklin­gen.“ Es ist das erste Mal, dass ich etwas über Elises Krank­heits­bild lese.

 

Die Medi­zin­his­to­ri­ke­rin Maike Rotzoll, mit der ich darüber spre­che, wundert sich über das Alltags­vo­ka­bu­lar in der Beschrei­bung. Um eine echte Diagno­se hande­le es sich nicht. Schi­zo­phre­nie wurde damals sehr vielen Pati­en­ten attes­tiert, erst von den sech­zi­ger, sieb­zi­ger Jahren an habe man präzi­ser klas­si­fi­ziert.

 

Auf der Kartei­kar­te steht auch, dass Elise von Bedburg-Hau nicht direkt nach Groß­schweidnitz, sondern zunächst ins nieder­säch­si­sche Göttin­gen kam: in eine ganz norma­le Psych­ia­trie.

 

Im Septem­ber 1939 begann das, was Histo­ri­ker heute als „T4-Aktion“ bezeich­nen. Adolf Hitler hatte einen Erlass unter­zeich­net, in dem es heißt, „die Befug­nis­se nament­lich zu bestim­men­der Ärzte“ soll­ten so erwei­tert werden, dass nach mensch­li­chem Ermes­sen unheil­bar Kran­ken bei kriti­scher Beur­tei­lung ihres Krank­heits­zu­stan­des der „Gnaden­tod“ gewährt werden könne. Das war in der NS-Führung nicht unum­strit­ten, anders als bei Juden oder Roma, die in der Rassen­ideo­lo­gie als „para­si­tä­res Unge­zie­fer“ galten. Auch der Leiter der Anstalt in Göttin­gen hatte bei einem inter­nen Tref­fen die geplan­te Ermor­dung psychisch Kran­ker kriti­siert.

 

In den Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten im ganzen Land, auch in Göttin­gen, muss­ten die Ärzte von 1940 an einen einsei­ti­gen Bogen über jeden ihrer Pati­en­ten ausfül­len. Darin gaben sie das Alter und die Diagno­se an; sie kreuz­ten an, ob ein Pati­ent auffäl­lig war. Ohne zumin­dest offi­zi­ell das Ziel der Befra­gung zu kennen, sende­ten die Ärzte in den Psych­ia­tri­en die Formu­la­re nach Berlin. In einer spät­klas­si­zis­ti­schen Villa an der Tier­gar­ten­stra­ße 4 – daher „T4“ – hatte die „Gemein­nüt­zi­ge Stif­tung für Anstalts­pfle­ge“ ihren Sitz. Jeder Melde­bo­gen wurde an der Tier­gar­ten­stra­ße verviel­fäl­tigt und an jeweils drei der 80 Gutach­ter geschickt. Zeich­ne­ten mindes­tens zwei von ihnen rote Kreuze auf die Seite, wurde einem Pati­en­ten das „Lebens­recht“ abge­spro­chen.

 

Bei der 57 Jahre alten Elise entschie­den die Ärzte, ohne sie je gese­hen zu haben: Sie soll ster­ben.

 

Elise Wester­mann wurde darauf­hin mit einem Sammel­trans­port von Göttin­gen nach Groß­schweidnitz verlegt. In ihre Pati­en­ten­kar­tei­kar­te gestem­pelt war ein rotes „D“: Durch­gangs­pa­ti­ent. Elise wurde deshalb vermut­lich weder unter­sucht noch mit Klei­dung ausge­stat­tet. Groß­schweidnitz war nur ein Zwischen­stopp, weiter ging es in die „Heil- und Pfle­ge­an­stalt Pirna-Sonnen­stein“.

 

Es gibt keine Akten von der 60-köpfi­gen Gruppe aus Göttin­gen. Aber das Vorge­hen war stan­dar­di­siert, in vielen ande­ren Fällen ist es gut doku­men­tiert. 1947 wurde Ärzten und Pfle­ge­kräf­ten, die an der Ermor­dung betei­ligt waren, in Dres­den der Prozess gemacht. Was heute bekannt ist, speist sich zum Groß­teil aus den Aussa­gen der Kran­ken­schwes­tern, Pfle­ger und Schreib­kräf­te von damals. In Pirna-Sonnen­stein gibt es heute eine Gedenk­stät­te. Während mir der Histo­ri­ker Hagen Mark­wardt die Räume zeigt, kann ich mir ausma­len, was meiner Urur­gro­ßmut­ter wider­fah­ren ist.

 

Keine zwei Wochen nach der Ankunft in Groß­schweidnitz halten vor der Psych­ia­trie zwei Busse. Die gesam­te Gruppe aus Göttin­gen, mit der Elise gekom­men ist, soll einstei­gen. Die Fens­ter sind ange­stri­chen, kein Blick raus, kein Blick hinein. Zwei bis drei Stun­den dauert die Fahrt. Auf dem Sonnen­stein, einem Berg ober­halb des säch­si­schen Pirna, wo die Anstalt unter­ge­bracht war, empfängt man die Pati­en­ten. Die Odys­see solle nun vorbei sein, signa­li­siert man ihnen. Die Neuan­kömm­lin­ge dürfen sich ausru­hen, zur Toilet­te gehen. In klei­nen Grup­pen bringt man sie zu den Duschen. Sie werden durch mehre­re Räume im Erdge­schoss von Schloss Sonnen­stein geführt, bis sie bei einer Treppe ankom­men.

 

Unten, im ersten Keller­raum, sollen sie sich auszie­hen, ihre Iden­ti­tät wird über­prüft, alle bekom­men Nummern. Elise und neun andere betre­ten einen klei­nen Raum mit pech­schwar­zen Wänden und einem gepflas­ter­ten Boden. An der Decke sind Dusch­köp­fe montiert, aus denen aber kein Wasser kommen kann, es sind Attrap­pen. Die Luft­schutz­tür schlie­ßt sich. Ein Arzt blickt durch die Glas­schei­be hinein, dreht die Gasfla­sche mit Kohlen­mon­oxid auf, das aus klei­nen Löchern in den Rohren strömt. Manche Pati­en­ten klop­fen an die Tür, stre­ben zum vergit­ter­ten, geschlos­se­nen Fens­ter, wie später ein Pfle­ger in den Dres­de­ner Ärzte­pro­zes­sen aussagt. Sobald alle auf dem Boden liegen, nach fünf bis zehn Minu­ten, dreht der Arzt das Gas ab. Eine halbe Stunde lang zieht das Gas durch das Fens­ter ab, dann kommen die „Bren­ner“, SS-Leute. Sie tragen die Leichen durch die Luft­schutz­tür auf der ande­ren Seite des Raumes, schla­gen die Gold­zäh­ne aus und werfen sie in ein Gurken­glas; was nicht wert­voll ist, landet im Müll.

 

Den Ofen heizen die Männer mit Koks vor. Bis ein Krema­to­ri­um heiß genug ist, um mensch­li­che Körper zu verbren­nen, braucht es seine Zeit, erklärt mir Histo­ri­ker Mark­wardt. Zwei, maxi­mal drei Körper kommen in den Ofen. Wenn, wie im Fall von Elise, 60 Menschen an einem Tag getö­tet wurden, rauch­te die ganze Nacht der Schorn­stein über Pirna. Indus­trie gab es in der Klein­stadt nicht, auf dem Berg oben lag nur die Psych­ia­trie. Wie späte­re Befra­gun­gen zeig­ten, wuss­ten die Bürger der Stadt, was das für Asche war, die sich jede Nacht auf ihre Dächer und Fens­ter­bret­ter legte. Sie wuss­ten, wovon es so süßlich-eklig roch.

 

Am 10. Mai 1941 ist Elise Wester­mann tot.

 

Der wahre Ort ihres Todes wird in der Ster­be­ur­kun­de, die an ihren Mann in Ober­hau­sen gesen­det worden sein muss, nicht genannt. Die Nazis haben syste­ma­tisch verschlei­ert, wie viele Menschen in Pirna und den ande­ren fünf Tötungs­an­stal­ten für Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen und körper­li­chen Behin­de­run­gen star­ben. Eine erfun­de­ne Todes­ur­sa­che hatte ein Arzt bereits vor der Ermor­dung fest­ge­legt. Mit Hilfe von Steck­na­deln auf einer Deutsch­land-Karte wies man den Toten Ster­be­or­te zu, möglichst gleich­mä­ßig über das Land verteilt. Hunder­te Briefe wurden aufge­setzt, das Todes­da­tum in der Regel zehn Tage nach hinten datiert; in dieser Zeit bekam die „T4“-Orga­ni­sa­ti­on in Berlin noch die Verpfle­gungs­kos­ten für die Pati­en­ten erstat­tet.

 

Als Mark­wardt und ich wieder auf dem Vorplatz der Gedenk­stät­te stehen, kommt ein klei­ner, etwas älte­rer Mann mit selt­sam ange­win­kel­ten Armen auf uns zuge­lau­fen. Mark­wardt begrü­ßt ihn, der Mann sagt hallo und will uns an den Haaren ziehen. „Nee, lass das mal bitte“, sagt Mark­wardt. Der Mann zieht von dannen. Er hat gerade Mittags­pau­se. Heute ist in Pirna-Sonnen­stein eine Behin­der­ten­werk­statt der Awo unter­ge­bracht. Anfangs, sagt Mark­wardt, fand man es schon selt­sam, dass gerade hier, wo 13000 behin­der­te und psychisch kranke Menschen getö­tet wurden, jetzt Behin­der­te und psychisch Kranke arbei­ten und leben. „Ande­rer­seits ist es aber auch ein Zeichen: Gerade hier behan­delt man körper­lich und geis­tig Einge­schränk­te menschen­wür­dig.“

 

Mir fallen die Worte eines Bischofs ein, die ich auf der Zugfahrt nach Pirna gele­sen habe. Clemens August Graf von Galen war während des Drit­ten Reichs Bischof von Müns­ter und erstat­te­te Anzei­ge gegen die Kran­ken­mor­de der Nazis. Anfang August 1941 sagte er in einer Predigt: „Nie, unter keinen Umstän­den darf der Mensch außer­halb des Krie­ges und der gerech­ten Notwehr einen Unschul­di­gen töten.“ Und: „Wenn man die unpro­duk­ti­ven Mitmen­schen gewalt­sam besei­ti­gen darf, dann wehe unse­ren braven Solda­ten, die als Schwer­kriegs­ver­letz­te, als Krüp­pel, als Inva­li­den in die Heimat zurück­keh­ren.“ Von Galen war Natio­na­list, den Krieg gegen die Sowjet­uni­on hielt er für rich­tig. Aber mit seiner Predigt, die sich über das ganze Land verbrei­te­te, brach­te er die Morde aus den Tötungs­an­stal­ten in die Kirchen. Er zeigte, dass jeder unbrauch­bar werden konnte, dass jeder in den Gaskam­mern enden könnte. Hitler fürch­te­te einen Stim­mungs­um­schwung in der Bevöl­ke­rung und beschloss am 24. August 1941, die „T4“-Aktion vorerst einzu­stel­len. Für meine Urur­gro­ßmut­ter Elise kam das vier Monate zu spät.

 

Als ich den Berg hinun­ter­lau­fe, rufe ich Oma an. Ich erzäh­le ihr vom Keller, von der Gaskam­mer, die wie das Krema­to­ri­um 1943 demon­tiert wurde, von den erfun­de­nen Brie­fen, dem Rauch über der Stadt. Davon, dass es zwar heute nicht mehr viel zu sehen gibt, aber die Schil­de­rung der Mord­ma­schi­ne mir den Magen zuschnür­te. Oma schweigt lange. „Die haben sie vergast“, sagt sie schlie­ß­lich.

 

Als ich nach Hause komme, liegt ein gelbes DHL-Paket im Flur. Absen­der ist ein Verwand­ter, dessen verstor­be­ner Vater Fotos, Urkun­den und Unter­la­gen der Fami­lie sammel­te. Oma hatte ihm von unse­rer Recher­che erzählt. Die meis­ten Bilder in den Alben sind aus der Zeit nach dem Krieg. Fami­li­en­fei­ern, Weih­nach­ten, Skifah­ren. Nur wenige Bilder sind älter. Eines ist im Foto­ate­lier August Breuer in Ober­hau­sen aufge­nom­men worden. Eine junge Frau sitzt mit zwei klei­nen Mädchen auf einer Bank, es sind Elise und ihre Töch­ter Irmgard und Elisa­beth. Alle drei tragen weiß leuch­ten­de Klei­der. Die Kinder dürf­ten zwei Jahre und sechs Jahre alt gewe­sen sein, sie selbst Mitte 20. Elise hat weiche, volle Wangen. Ich bin mir nicht ganz sicher, meine aber, dass ihr Blick verletz­lich wirkt. Es ist das erste Mal, dass ich ihr Gesicht sehe. Bislang war Elise Wester­mann vor allem ein Name. Eine fast verges­se­ne Verwand­te. Eine Frau, die von den Nazis ermor­det wurde. Jetzt sehe ich eine junge Mutter mit Hoff­nun­gen und Träu­men.

 

Ihr Mann Wilhelm war zehn Jahre älter. Auf den frühen Bildern hat er einen Ober­lip­pen­bart, ein rundes Gesicht, einen Wohl­stands­bauch; in einem 1943 ausge­stell­ten Ausweis ist er schmal, beina­he ausge­zehrt. Bart, Haare und Bauch sind verschwun­den. Der Beamte notier­te im Feld für „unver­än­der­li­che Kenn­zei­chen“: fehlen. Wilhelm war Kauf­mann mit klei­nem Handels­un­ter­neh­men. In einer großen Wohnung in der Innen­stadt, ein paar Stra­ßen vom Ober­hau­se­ner Bahn­hof entfernt, lebten Wilhelm und Elise mit den zwei Töch­tern. Sie waren nicht reich, aber es ging ihnen ganz gut.

 

Was führt dazu, dass Elise schi­zo­phre­ne Schübe bekommt, dass sie sogar einge­wie­sen wird? Im Zuge meiner Recher­chen habe ich gelernt: Es gibt nicht immer einen Auslö­ser. „Manche Menschen wachen eines Morgens auf, und alles ist anders“, sagt Marcel­la Riet­schel, Psych­ia­te­rin und Genfor­sche­rin an der Univer­si­tät Mann­heim, mit der ich tele­fo­nie­re. Oma erzählt, dass Elise ihren Haus­halt irgend­wann nicht mehr führen konnte. Eine Haus­häl­te­rin wurde einge­stellt. Kurz­zei­tig wurde meine Urur­gro­ßmut­ter auch in einem Frau­en­sa­na­to­ri­um in Kaisers­werth behan­delt, einem heuti­gen Stadt­teil von Düssel­dorf. Ihr Zustand muss sich so verschlech­tert haben, dass Elise nach Bedburg-Hau kam. Nur auf einem Doku­ment im Karton ist sie offi­zi­ell „verstor­ben“: als ihr Mann 1943 die Haus­häl­te­rin zur Frau nimmt.

 

Die Töch­ter, die beide Anfang der vier­zi­ger Jahre heira­ten wollen, müssen wie damals üblich ein Ehetaug­lich­keits­zeug­nis able­gen. Es war nicht einfach, die Beschei­ni­gung zu bekom­men, hat man Oma erzählt. Eigent­lich soll­ten Kinder psychisch Kran­ker nicht heira­ten und Kinder bekom­men. Freun­de kann­ten eine Ärztin beim Gesund­heits­amt, die half. Die Abtei­lung Erb- und Rassen­pfle­ge des Gesund­heits­am­tes der Stadt Düssel­dorf beschei­nig­te Elises Toch­ter Irmgard somit „keine Ehehin­der­nis­se im Sinne des Geset­zes zum Schut­ze der Erbge­sund­heit des deut­schen Volkes (...) und des Geset­zes zum Schut­ze des deut­schen Blutes und der Ehre“. Irmgard musste ihre biolo­gi­sche Mutter Elise zum Geheim­nis machen, um eine Fami­lie grün­den zu dürfen.

 

Auch als es das Gesetz zur Verhü­tung erbkran­ken Nach­wuch­ses längst nicht mehr gibt, bleibt in der Fami­lie die Sorge, dass die Krank­heit, die Elise in die Psych­ia­trie brach­te, eine Gene­ra­ti­on über­sprin­gen könnte. Dass auch Oma oder ihr klei­ner Bruder aus dem bürger­li­chen Leben geris­sen würden und in die Psych­ia­trie müss­ten. Beide sind nie wegen solcher Krank­hei­ten behan­delt worden. Aber Monika, die Cousi­ne, die diese Recher­che ins Rollen brach­te, befin­det sich fünf Monate später in einer geschlos­se­nen Psych­ia­trie. „Die Ärzte glau­ben, dass sie sich was antun könnte“, erzählt Oma.

 

Jenseits der Schat­ten der Nazi­ideo­lo­gie weiß man heute, dass der Anteil der Gene bei der Entste­hung schi­zo­phre­ner Störun­gen tatsäch­lich hoch ist. Die Psych­ia­te­rin Marcel­la Riet­schel aus Mann­heim bezif­fert ihn im Gespräch mit mir auf 80Pro­zent. Aber eine gene­ti­sche Dispo­si­ti­on bedeu­te nicht auto­ma­tisch, dass man erkran­ken müsse. „Oft stellt sich heraus, dass es in den Fami­li­en eine Form der Mythen­bil­dung gab, dass Krank­hei­ten Gene­ra­tio­nen über­sprin­gen könn­ten“, sagt Riet­schel. Das Risiko sei nied­ri­ger als gedacht.

 

Vor dem inne­ren Auge gehe ich meine Verwand­ten bei Omas letz­ter Geburts­tags­fei­er durch. In meiner Fami­lie steckt nicht der Wahn­sinn, denke ich. In meiner Fami­lie steck­te ein Geheim­nis. Wenn wir uns das nächs­te Mal sehen, werde ich ihnen von Elise erzäh­len.

 

Blick in die Akte: Mit einem Sammeltransport wurde Elise Westermann von Göttingen nach Großschweidnitz verlegt. (c) Reproduktion F.A.S.
Fragwürdige Diagnose: Elises Patientenkarteikarte enthält zudem das rote „D“, das auf die nächste Station hinwies: die Tötungsanstalt. Reproduktion F.A.S.

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