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Sophie Scholl & Erna Kronshage sind fast gleichalt

Konfliktgeneration "1920 ff"

 

Sophie & Erna

 

Ich will mit dieser Seite nicht etwa unkritisch in den vielstimmigen Hype um Sophie Scholl zur 100. Wiederkehr ihres Geburtstages vom 9. Mai 1921 einstimmen.

 

Mir geht es hier vor allem, die verschiedenen Ambivalenzen und Kanten und Ecken dieser Generation von damals aufzuzeigen, die in die "Goldenen Zwanziger" anfang 1920 ff. hineingeboren wurde - (Terra X nennt sein aktuelles Sophie-Scholl-Video z.B. bezeichnenderweise: "Die 5 Gesichter [!] der Sophie Scholl" - s.u.) -

eine Generation, die trotz allem in natürlicher Aufmüpfigkeit versucht hat, zur Ablösung vom Elternhaus und gleichzeitig den offensichtlichen Verirrungen des NS-Zeitgeistes zu einer eigenständigen persönlichen Selbstständigkeit mit diesem verdammten Krieg und diesem Unrechts-Regime heranzuwachsen , und darin "groß" und flügge zu werden, sich freizuschwimmen...

 

 

 

 

als sehr abweisend, frech & schnippisch

 

wird Erna Kronshage in der Erbgesundheitsakte vom behandelnden Arzt beschrieben

 

 

 

Sophie Scholl (1921-1943)

Erna Kronshage ( 1922-1944) ist nämlich nur eineinhalb Jahre jünger als Sophie Scholl (1921-1943), von der jetzt zum 100.Geburtstag und dem 80. Todestag die Mutmaßungen zu Leben und Schicksal und Charakter mal wieder ungebremst - lins und rechts - ins Kraut schießen.

 

Und Erna gehört damit eben dieser gleichen Generation "1920 ff" an - wenn auch in einem unterschiedlichen sozial prägendem Umfeld aufgewachsen -

  • diese jungen Frauen, die in die "Goldenen Zwanziger" nach dem Ende des Ersten Krieges nun in die Inflation hineingeboren werden - bald mit jazzigem Boogie-Woogie oder Be-Bop aus dem Volksempfänger-Radio oder von der Grammophon-Schallplatte - aber dann auch mit dem stakkatoähnlichen Sound knallharter Hitler-Reden: "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl"... - und mit den Fotos vielleicht von Josephine Baker in der alten ausgefransten zigmal durchblätterten Illustrierten Zeitung - und den Aufmarsch-Propagandafotos vom Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP -
  • diese jungen Frauen, die vielleicht zwischen BDM-Dienstpflichten - oder bei Erna eben der ersatzweisen "Haustochter"-Pflicht-Dienstanstellung im elterlichen Bauernhof - und bei Sophie einem humanistischen Abitur und anschließend als Überbrückung vor den NS-Dienstverpflichtungen dem absolvierten Kindergärtnerinnenseminar - all diese vorgesetzten und verpflichtenden ns-gesteuerten "Friss-oder-Stirb"-Bausteine zwischen Ideologie und Knochenarbeit und dem Suchen nach einem eigenen Orientierungspunkt - diese Generation
  • diese Frauengeneration, die jetzt vielleicht zum ersten Mal mit einer gewissen persönlich geprägten "emanzipatorischen Selbstbewusstheit" ausgestattet ein ureigenes Leben gestalten und selbstständig in die Hand nehmen will.
Erna Kronshage (1922-1944)

 

 

Erna ist natürlich gegenüber Sophie in gewisser Weise nur ein akademisch völlig unterbelichteter "Bauerntrampel" in der Provinz - eben "von's Land".

 

Und mir fällt im Vergleich der beiden Biographien zueinander spontan diese Äsop-Fabel von der Unterschiedlichkeit zwischen "Stadt- und Landmaus" ein. Denn während Sophie sich bereits über philosophische Zeitfragen im Studium den Kopf zerbricht und mit dem Vater über Politik diskutiert, muss Erna als "Haustochter" mit dem Waschbrett hinterm Bauernhaus die grobe Leinenwäsche am Ziehbrunnen scheuern und durchwwalken und wringen, um sie so mühsam zu säubern - denn im Haus gibt es keinen Wasserkran - und kein Badezimmer - sondern da war nur die Schwengelpumpe hinten auf der Deele - und die Waschschüssel mit Kernseife und das Abtrocklaken - und doch wird sie auch auf westfälisch Platt mit den Geschwistern und den Eltern und den Besuchern auf dem Hof je nach "Großwetterlage" über Krieg und Nazis diskutiert haben - und ihrem Wunsch, "etwas zu erleben"...

 

Ich nehme an, dass bei diesen beiden Frauen, Sophie und auch Erna, eine gewisse hypersensible und suchende Selbstreflexion mit jeweils wechselnden Bewertungen und Grübeleien besonders ausgeprägt scheint - jede "nach ihrer eigenen Fasson"...

 

Und Erna ahnt und erspürt wahrscheinlich etwas von dieser "anderen Welt" da "hinterm Horizont", parallel - nur einen relativ kleinen aber zur Zeit unüberwindbaren Milieusprung entfernt - nur auf der anderen Seite dieser gleichen Lebensmedaille.

 

Da will sie hin - daran möchte sie teilhaben und dafür lässt sie sich von ihrer "großen Schwester" zurechtschminken und abpudern für das teure Porträt im "Atelier" beim Photographen mit der Plattenkamera in der Kreisgemeinde - wohin sie sich neun Kilometer weit mit dem Fahrrad auf den Weg macht: in der Ahnung, dass ihr tägliches Einerlei in der elterlichen Landwirtschaft doch nicht "das ganze Leben" in seiner Fülle sein kann - "da muss es doch noch etwas geben" ...

 

Erna's Porträt-Photographie von 1941/42

Erna will aus ihrer "Gefangenschaft" und Befangenheit ausbrechen, will mehr, "will unter intelligenten Menschen sein", wie sie das mal späterlaut Aktenzitat in der Heilanstalt formuliert hat - und ist dazu auf dem Sprung ...

 

Ausweislich ihres überlieferten Schul-Abschlusszeugnisses mit 14 Jahren ist Erna insgesamt eine gute bis sehr gute Schülerin gewesen - mit einem Notenschnitt von 1,73 - der damals aber keine weitere Beachtung findet oder Bedeutung hatte.

 

Sie erhält als "Haustochter" ihre Anstellung im Elternhaus auf dem Bauernhof - ein damals recht gewöhnlicher Werdegang - auch für die meisten ihrer Schwestern in der Familie - als Überbrückung und Einübung für die spätere Heirat, Hausfrauen- und Mutterrolle - wie damals, auch vom NS-Regime befürwortet, die "volks"tümliche Rolle der Frau in der Gesellschaft definiert und erwartet wurde.

 

Allmählich verändert sich auch diese Großfamilie, in der Erna immer das Nesthäkchen bis dato war: die älteren Schwestern heiraten nach und nach und ziehen aus dem Haus - und die Brüder müssen zum Arbeitsdienst oder werden dann auch zur "Wehrmacht" eingezogen - und werden Kampfsoldaten an der Ostfront.

 

Erna bleibt allein mit ihren fast 40 Jahre älteren und auch kränklichen Eltern auf dem Hof zurück - und fühlt sich sicherlich durch die schwere land- und hauswirtschaftliche Arbeit überfordert - und auf der anderen Seite intellektuell im täglichen Einerlei wahrscheinlich unterfordert - und gesellschaftlich wenig "eingeübt" und vieloleicht sogar etwas "unterbelichtet".

 

- Und so fällt sie dann auch - direkt nach dem von ihr mitgewählten "Start" in die Eigenständigkeit - gegen den Entscheid ihrer immer noch "sorgeberechtigten" Eltern (Erna ist noch nicht volljährig... = damals mit 21 Jahren) - abrupt recht tief nach unten durch ... und da ganz unten - schlägt sie ohne jeden Halt dann ganz hart auf ...

 

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Das recht gut und geradezu minutiös erforschte und dennoch unterschiedlich interpretierte Leben  von Sophie Scholl (s. instagram-Langzeit-Tagebuchserie                "# ichbinsophiescholl") ist so vielleicht zumindest auch ein zarter Hinweisgeber auf das ganz andere und doch in sich ähnliche Sosein Erna Kronshages in dieser Zeit ...

 

Jetzt zum 100. von Sophie Scholl gibt es eine Menge Literatur & Stellungnahmen:

hier ist ein für mich auch in Bezug auf die Ambivalenzen in und um Erna Kronshage  erhellender Ausschnitt aus einer Rezension des Buches von  Dr. Robert M. Zoske: "Sophie Scholl: Es reut mich nichts: Porträt einer Widerständigen" aus dem Propyläen Verlag: 

 

"Sophie Scholl ist mit zunehmender historischer Distanz zu einer glattgebügelten Figur geworden, von verschiedenen Seiten vereinnahmt. Der Theologe Robert M. Zoske hat nun eine Biografie über sie verfasst, in der er mit der Mystifizierung bricht. „Sophie Scholl: Es reut mich nichts“, heißt dieses Porträt, in dem er sie als spannende, aber auch widersprüchliche, junge Frau charakterisiert. Zoske räumt zunächst mit der Annahme auf, Scholl sei bloß bis Mitte der 1930er-Jahre beim Bund deutscher Mädel (BDM), einer Teilorganisation der Hitlerjugend, aktiv gewesen – und das auch nur aus Pflichtgefühl. Stattdessen hätte sich Scholl bereits 1939, am Ende der regulären Dienstzeit problemlos vom BDM verabschieden können. Tat sie aber nicht. Aus ihren Korrespondenzen geht hervor, dass sie sich bis 1941 nicht grundsätzlich vom Nationalsozialismus abgewandt hatte.

 

Viele der heute noch präsenten Erinnerungen an Sophie und ihren Bruder Hans wurden nach Kriegsende von ihrer Schwester Inge Aicher-Scholl geprägt. Sie publizierte 1952 das Buch „Die Weiße Rose“, in dem Sophie Scholl die Rolle der selbstbewussten, emanzipierten Frau zuteil wurde, an der nichts unvorteilhaft, anstößig oder widersprüchlich war. Dabei hatte die vier Jahre ältere Aicher-Scholl laut Zoske viele Erinnerungen an ihre geliebte Schwester überzeichnet und „teils regelrecht verfälschend“ dargestellt.

 

Es gibt zum Beispiel keine Indizien dafür, dass Sophie Scholl während der letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung tapfer gelächelt habe und mit aufrechtem Gang zum Schafott schritt, „ohne mit der Wimper zu zucken und noch einen Gruß an den unmittelbar folgenden Bruder auf den Lippen“, wie Inge Aicher-Scholl es behauptete. Es gibt auch keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Scholl schon als Kind durch besondere Intelligenz, „feine Eigenwilligkeit“ und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aufgefallen war. Stattdessen, so beschreibt es Zoske, war Scholl ein ganz normales, lebensfrohes Mädchen, das eine große Begabung für Kunst und eine enge Bindung zu Gott hatte. Die Schule verabscheute sie. In ihrer Jugend eiferte Scholl keinen weiblichen Klischees hinterher, nahm sich eher unkonventionelle Frauen zum Vorbild. Sie trug einen jungenhaften Kurzhaarschnitt mit langer Strähne, die sie auf die linke Seite flippte. Sie bewunderte die Malerin Paula Modersohn-Becker, vielleicht auch, weil ihr deren Lebensstil „zwischen einer familiären Bodenständigkeit in Worpswede und dem avantgardistischen Aufbruch in Paris“ imponierte. Trotz dieses Freiheitsdrangs beschreibt Zoske Sophie Scholl auch als in sich gekehrte, in depressiven Stimmungen verweilende, junge Frau.

 

Scholls tiefer Glaube und die damit einhergehende christliche Sexualmoral stürzten sie immer wieder in Konflikte. Für Sophie Scholl kam das körperliche Verlangen einer Sünde gleich. In zahlreichen Briefen an ihren Freund rang sie mit der gegenseitigen Begierde und verbot sich, dieser nachzugeben. Trotzdem hatte Sophie Scholl Sex mit Fritz Hartnagel. Sie besorgten billige Ringe und quartierten sich in einem Hotel ein. Scholl rauchte, trank Wein und fuhr Auto. Sie lebte wild und asketisch, progressiv und bieder zugleich. Von Unsicherheiten und Bedenken zerrissen, gleichzeitig mit Renitenz erfüllt. Diese Widersprüche machen sie modern und nahbar – weil man sich eben nicht mit Anfang 20 schon vornimmt, sein Leben im Widerstand zu opfern." (aus: Joana Nietfeld: Widersprüche im Widerstand . Tagesspiegel / Kultur . Sonntag, 09.05.2021)

 

>>> Streit um das politische Erbe Sophie Scholl's = click here

 

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Joseph Beuys (1921-1986)

Ganz am Rande sei noch vermerkt, dass der später berühmt werdende aber ebenso doch recht heftig umstrittene Allround-Künstler Joseph Beuys (1921-1986 - zwei Tage jünger als Sophie Scholl) ebenfalls ein Spross dieser gleichen gemeinsamen Generation "1920 ff" ist.

 

An seinen Biographiebrüchen und seinen kaum einzuordnenden Kunstwerken und den Diskussionen um seine Ideologien, seine offensichtlichen Lebenslügen und Be-Deutungen, lassen sich vielleicht exemplarisch die Vielschichtigkeiten, die in dieser Generation "1920 ff" allem Anschein nach vorhanden sind, mit auf- und nachspüren und mitempfinden.

 

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eine neue instagram-serie zeigt ein virtuelles tagebuch unter @ichbinsophiescholl - um sophie kennenzulernen und in ihr leben einzutauchen - und gleichzeitig zu erleben, wie diese generation tickt, der ja auch erna kronshage angehört ... >>> click

 

Die 5 Gesichter der Sophie Scholl . Terra X

 

Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Für ihren mutigen Widerstand gegen das Hitler-Regime musste sie mit nur 21 Jahren sterben. Sophie Scholl war Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Zwischen Juni 1942 und Februar 1943 verteilte die Gruppe Tausende von Flugblättern, in denen sie zum Widerstand gegen den NS-Staat aufriefen. Sophie Scholl ist ein Symbol für beispielhafte Zivilcourage und Widerstand gegen die Hitler-Diktatur. Aber wer war Sophie Scholl überhaupt?

 

00:00​ Intro
00:20​ Die BDM-Führerin
03:00​ Die Freundin
06:53​ Die Schwester
10:28​ Die Widerständlerin
13:26​ Die Heldin

 

Autorin: Anja Greulich
Cutterin: Sabrina Degenhardt

 

Dieses Video ist eine Produktion des ZDF. 


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