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andersartig gedenken - on stage -                Jugend- und Schultheater                                   zum Thema NS-Euthanasie

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Spurensuche -

3. Preis andersartig gedenken on stage 2016

 

andersartig gedenken on stage

 

Farina Simbeck und Thomas Ritter entwickelten mit den Schülerinnen und Schülern des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule Haar ein dokumentarisches und interaktives Theaterstück, das die Geschichte des Ortes Haar thematisiert.  Die Zuschauer werden ins Geschehen direkt mit hineingezogen und  erleben, wie es sich anfühlt ettiketiert zu werden. Die Geschichte des Ortes wird mit gesamtdeutschen historischen Ereignissen verknüpft. Den Zeitfluss stellen die Schülerinnen und Schüler durch die Dynamik der Inzenierung her. Spotartig werden Schicksale einzelner "Euthanasie"-Opfer eingeflochten.

 

 

 


Kulturausschuss des Bezirks Oberbayern
Die Spurensuche geht weiter
Bezirk unterstützt Theaterprojekt Haarer Schulen zu NS-Verbrechen
 
Die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in ihrer Gemeinde ist für Schüler der Mittelschule und des Ernst-Mach-Gymnasiums in Haar zu einem festen Bestandteil der gemeinsamen Theaterarbeit geworden. Das Projekt "Spurensuche", in dem Schüler der Ermordung von Psychiatrie-Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar nachforschen und grundlegende Fragen des Menschseins erörtern, wird fortgesetzt. 80 Aufführungen gab es mittlerweile im In- und auch im Ausland. Allein an die zehn Mal zeigten die Schüler ihr Stück im Gesellschaftshaus des heutigen Isar-Amper-Klinikums in Haar.

 

Der Kulturausschuss des Bezirks Oberbayern hat in seiner Sitzung am Mittwoch 5500 Euro freigemacht, damit Lehrer Thomas Ritter vom Gymnasium mit neuen Schülern das Stück wieder erarbeiten und aufführen kann. Die bisherigen Protagonisten haben ihre Abschlüsse gemacht und die Schulen verlassen. Jetzt werde man wieder an die Recherche gehen, sagt Ritter. Die Schüler werden also wieder Zeitzeugen der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen treffen, nach Ansatzpunkten in ihren Familien forschen und nach Hartheim nahe Linz fahren, wo in der Tötungsanstalt Patienten aus Eglfing-Haar den Tod fanden. Und die Schüler werden in Haar Tatorte erleben. Besonders bewegend, sagt Theaterchef Ritter, seien immer die Auftritte im Gesellschaftshaus der Klinik, wo man auch wieder vor Patienten spielen werde. Mit Hilfe der Bürgerstiftung Haar und des Bezirks Oberbayern ist das möglich. Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) unterstrich am Mittwoch die Bedeutung der Aufarbeitung der Verbrechen. Der Bezirk ist als Träger des Isar-Amper-Klinikums Rechtsnachfolger der Anstalt. Mederer: "Damit stehen wir in der Verantwortung."

 

© SZ vom 03.07.2020 / belo

 

Bei nasskaltem Wetter hat das Reutlinger Theater „Die Tonne“ mit seinem inklusiven Straßentheaterprojekt an die massenweise Vergasung von geistig Behinderten während der Zeit des Nationalsozialismus im Schloss Grafeneck erinnert. (Foto: Josef Schneider)

 

 

Starke Bilder für das Grauen
von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 05.10.2020

 
Premiere − Das inklusive Ensemble des Reutlinger Tonne-Theaters bringt eindringlich die Geschichte der Nazimorde von Grafeneck auf die Marktplätze

An 25 süddeutschen Orten spielt das inklusive Ensemble des Reutlinger Tonne-Theaters, finanziert von der EU, Bundeskulturstiftung und Landkreis, unter dem Titel  »Hierbleiben« seine Spurensuche nach Grafeneck. Am Freitag war die Reutlinger Premiere auf dem Marktplatz, unterm Riesenrad ist es eng geworden.

 

Wie berichtet, musste Intendant und Regisseur Enrico Urbanek wegen Corona umplanen und das vorgesehene interaktive Straßentheater in Aufführungen mit Sitzplätzen abändern. Dennoch haben auch viele Leute hinter den Absperrbändern stehend zugeschaut. Die 14 Darsteller/innen stecken in roten Overalls. Eingangs erzählen drei Rollstuhlfahrer/innen, wie sie auf einer Fahrt ins Samariterstift die Erinnerung an die Nazimorde vor 80 Jahren erlebt haben.

 

»Der letzte Weg - da musste ich schon schlucken, das liegt mitten im Nirgendwo«, so Santiago Österle. »Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich wahrscheinlich auch umgebracht worden«, sagt Alfhild Karle. »Mich hätte es auch erwischt - wenn ich überlege, was ich im Monat koste«, so Seyyah Inal.

DIe übrigen Akteurinnen und Akteure läuten tanzend mit Glocken. Vom Band ertönen Geräusche von Lokomotiven. Der musikalische Leiter Michael Schneider spielt getragene Synthesizer-Klänge, später Geige und Gitarre.

 

»Angst - Respekt - Kälte - Trauer«, skandiert Österle, die anderen stimmen ein.

Sie stellen sich in einer Reihe auf, rufen: »Name - Krankheit - Rasse« und nennen ihre eigenen Behinderungen. Eine gereimte Moritat erzählt von den Morden an 10.654 Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen: »Damit man niemals mehr vergisst, was damals hier geschehen ist«, so Österle. »In Bussen holte man sie weg und brachte sie nach Grafeneck«, so Karle.

 

Blaupause für die Morde der Nazis

 

Die Tötungsanstalt in den Gaskammern des Samariterstifts war zugleich die Blaupause für die millionenfachen Morde in den Vernichtungslagern der Nazis. Das wird im Stück ebenso thematisiert wie die Karriere des Mediziners Horst Schumann, der später in Auschwitz mit Menschen experimentierte. Auch eine Schreibkraft aus Grafeneck kommt zu Wort: »Ich hätte diesen Job nie angenommen, wenn ich gewusst hätte, was dort passiert«. »Euthanasie« - schöner Tod, nannten die Nazis zynisch ihre Morde. Schreibmaschinen tippen klappernd Todesnachrichten für die Angehörigen, in denen die Mörder scheinbar natürliche Ursachen amtlich machten. Dazu erklingt das Lied: »Kein schöner Land in dieser Zeit«. Ein Medizinvortrag thematisiert Kohlenmonoxid und den dadurch verursachten Erstickungstod.

 

Requisiten sind rollbare Gatter, leere Gasflaschen, auf denen sie martialisch mit Gabeln herumkratzen und mit Hämmern draufschlagen (Ausstattung: Sibylle Schulze). Eine Schulaufgabe aus dem Rechenbuch des Unmenschen: »ein Geisteskranker kostet täglich 4 Reichsmark, ein Krüppel 5,5«. Die Akteure legen ein Hakenkreuz aus Schnüren aus und demontieren es, versinnbildlichen mit Ketten und Bändern das Grauen durch Tänze (Choreografien: Yaron Shamir).

 

Ein wahrer Danse Macabre, mit Engelsflügeln am Rolli, Bildern der Opfer und gemalten Köpfen, unter denen sie »Miteinander« geschrieben haben. »Auch aus Reutlingen wurden Menschen nach Grafeneck deportiert«, berichtet Gabriele Wermeling. Die Akteure schwingen Fahnen und Schilder, auf denen in Frakturschrift »Volksschädling« steht. Eine Reise ins Ungewisse als Balanceakt auf einem Podest. »Hierbleiben«, rufen sie schließlich im Chor.

Die abschließende interaktive Kunstaktion mit Jochen Meyder wird wegen Corona auf Distanz gehalten. Auf Zuruf schaut das Ensemble in einem Buch mit den Namen der Opfer nach, ob auch Verwandte der Zuschauer in Grafeneck gestorben sind. Offenes Ende und warmer Applaus. Wie singt Österle an einer Stelle: »Grafeneck bleibt selbst im Dunkeln ein schwarzer Fleck«.

 

Unterm Strich

 

Eine berührende Inszenierung, die eindrückliche Worte, Klänge, Bilder und Tänze für das Grauen von Grafeneck findet. Zugleich eine beherzte Mahnung - gerade in Zeiten des wieder zunehmenden Rechtsextremismus.

 

quelle: https://www.theater-reutlingen.de/grafeneck-presse.html

 


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