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Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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°   prolog

 

 

Tante Erna & ich -

 

Aktion & Re-aktionen

 

Ich lebe in Ostwestfalen-Lippe, in der Senne. Bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2009 war ich fast 40 Jahre in der heilpädagogischen Arbeit tätig - hier in zwei Stiftungseinrichtungen der Diakonie.

 

Bereits 1986 begann ich, zum NS-Euthanasie-Mord meiner Tante Erna Kronshage (1922-1944) zu recherchieren: In der Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ für Westfalen stieß ich auf eine Notiz vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Genauer gesagt war es ein Aufruf an Angehörige vermeintlicher NS-Euthanasie-Opfer oder solchen, die einen Fall von NS-Euthanasie in ihrer Familie vermuteten. Ich hatte, was meine Tante Erna anging, einen solchen Verdacht – und ein LWL-Historiker bestätigte dann diese Vermutung.

 

Mittlerweile versuche ich über diese Lese- und Doku-Website und mit Verlinkungen auf meine ergänzend gestalteten Memorialblogs mit jeweils unterschiedlich ausführlichen Informationsschwerpunkten einen Beitrag zur Gedenk- und Bedenkarbeit zu den NS-Euthanasie-Ermordungen zu leisten.

 

Es ist mir wichtig, das Einzelschicksal meiner Tante bekanntzumachen, denn es reiht sich ein in insgesamt

ca. 400.000 unfreiwillige 'Unfruchtbarmachungen', wie die Zwangssterilisationen genannt wurden, und ca. 300.000 Krankenmorde durch Giftinjektionen, in Gaskammern, mit schleichenden Vergiftungen durch genau ausgeklügelte leichte Überdosierungen von Barbituraten und durch die gezielte gleichzeitige Gabe von fettloser Kost und Verhungernlassen.

 

 

Ernst Klee

Ich nahm Kontakt mit dem Fachautor Ernst Klee (1942-2013) auf, der ja einige bedeutende Schriften zum Thema NS-Euthanasie verfasst hatte. Ich las seine Bücher und suchte insbesondere nach Informationen über die Anstalt in Tiegenhof/Gnesen bzw. Dziekanka/Gniezno im heutigen Polen, wo meine Tante nach 488 Tagen Martyrium im Jahr 1944 schließlich ermordet wurde. Auch vertiefte ich mich in Publikationen von Götz Aly und Michael Wunder („Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr“). Letztlich suchte ich wegen der „Erbgesundheits-Gerichtsakte“ meiner Tante das Stadtarchiv Bielefeld auf.

 

Ich konnte – ohne Auffinden der diesbezüglichen Patientenakte bis jetzt – ihr Schicksal ziemlich genau rekonstruieren und umreißen. Außerdem hatte ich glücklicherweise relativ viele Fotos im Familienbesitz zur Verfügung.

 

Die Reaktionen in der Familie, den Verwandten und den Bekannten auf meine Recherchen waren sehr unterschiedlich. Die einen waren angerührt und interessiert, die anderen reagierten abweisend oder uninteressiert. Familie und Verwandte schämten sich vielleicht auch, wohl wegen des eigenen Beschweigens und Ausblendens in den über 42 Jahren: von 1944 bis zu meinen Suchanfragen ab 1986! Meine Brüder und Cousins und Cousinen waren auf eine gewisse Art und Weise interessiert – oder ihnen war die Geschichte von Erna Kronshage eher „peinlich“.

 

Da ich früher selbst im Bereich der Sozialen Arbeit in Heimen für behinderte Menschen tätig war, war ich schon von Berufs wegen interessiert an der Thematik und erschrocken über die Taten und Involvierungen der altvorderen „Kollegen“ bei den Euthanasie-Morden und den "Betreuungs“hilfen bei den "mörderischen" Schockbehandlungen und Zwangssterilisationen. Gleichzeitig warnte ich als Heimleiter vor diesen in der Betreuungspraxis immer wiederkehrenden „Fragebögen“ zur Leistungsfähigkeit und zur "nützlichen Verwendbarkeit" etc., die ja im Bereich der Behindertenhilfe immer wieder abgefragt werden, heutzutage wahrscheinlich um Personalkosten einzudämmen und um kostengünstige Förder- und Entwicklungsmöglichkeiten des betreffenden Klientels abzustimmen.

 

Letztlich wurde mir auch bei einer Tagung zur Namensnennung von „Euthanasie“-Opfern, die Ende Juni 2016 in der "Topographie des Terrors" in Berlin stattfand, noch einmal das diffizil Ambivalente all dieser Aspekte bewusst. Nämlich, dass es zwei Gruppen von Angehörigen gibt: solche, die die Namensnennung vorantreiben möchten, auch der Opfer zuliebe, und solche, die vor diesem Schritt (immer noch) aus welchen persönlichen Gründen auch immer Angst haben.

 

Für mich als genuiner „Alt-68er“ war es sicherlich zunächst einmal eine notwendige politische Konsequenz gegenüber der Elterngeneration, um dieses Verschweigen und Vertuschen zu durchbrechen und diese Morde und Zwangssterilisationen "im Herzen des Volkes" unter Beteiligung vieler Helfer und Helfershelfer auch endlich angemessen zur Sprache zu bringen. Heutzutage ist es mir wichtig, das Einzelschicksal meiner Tante bekanntzumachen, denn es steht ja für insgesamt ungeheuerliche ca. 400.000 unfreiwillige 'Unfruchtbarmachungen', wie die Zwangssterilisationen ja genannt wurden, und ca. 300.000 Krankenmorde durch Giftinjektionen, in Gaskammern, mit schleichenden Vergiftungen durch genau ausgeklügelte leichte Überdosierungen von Barbituraten und durch die gezielte gleichzeitige Gabe von fettloser Kost und Verhungernlassen.

 

Es ist mir wichtig, gegen rückwärtsgewandte Entwicklungen in der Gesellschaft Stellung zu beziehen oder eventuelle „Wiederholungen“ (wie zum Beispiel die Gefahr der Verwendung „chemischer Zwangsjacken“ und "Ruhigstellungen" in der Psychiatrie) zu verhindern.

 

Hier möchte ich besonders junge Menschen ansprechen, die sich vielleicht mit Erna identifizieren können. Schließlich ist sie mit gerade einmal 21 Jahren "von Amts wegen" ermordet worden.

 

Ich berichte seit ca. 12 Jahren sporadisch in Schulen oder in historisch interessierten Gruppen auf Einladung jeweils in ca. 90 Minuten über den Leidensweg meiner Tante. Dazu verwende ich meistens authentisches oder symbolisches Powerpoint-Bildmaterial, die das gesprochene Wort illustrieren - "ein Bild sagt mehr als 1000 Worte".

 

Ich habe bis heute ca. 12-15 Einladungen insgesamt bekommen. Und ich lege Wert darauf, jeweils zu re-agieren - den Einladungen von außen zu folgen. Ich halte es nicht für angemessen, mich mit dem Leidensweg meiner Tante per Flyer etc. regelrecht anzubiedern. Und von der Gruppe, die mich anspricht, erwarte ich auch das nötige Maß an Interesse und (An)teilnahme an diesem viel zu kurzen Lebensweg Erna's und ihrem langen Sterben.

 

Die Reaktionen der beteiligten Gruppen sind ähnlich der Reaktionen im Familien- und Verwandtenkreis: Die einen sind "cool" und "stehen darüber" oder sind sogar gelangweilt und lenken sich mit ihren Smartphones vom Vortrag ab - die meist kleinere Gruppe unter diesen Interessierten war angerührt und interessiert - und wieder anderen scheint das Thema einfach "egal" zu sein.

 

Leider platzieren manche Lehrer die Einladung an mich auch in die unterrichtsmäßige "Saure-Gurken-Zeit", wo ohne jede Vorbereitung meist kurz vorm Beginn von Ferien plötzlich aus heiterem Himmel über "Euthanasie" und Zwangssterilisation berichtet werden soll.

 

Natürlich wehren die Einzelnen eine eventuelle Verstrickung und Mitbeteiligung ihrer Familien und Verwandten in das doch ziemlich flächendeckende Geschehen damals ab – mit Helfern und Helfershelfern und Denunzianten etc. bei den kleinteilig industriemäßig organisierten NS-Euthanasie-Morden und den "Unfruchtbarmachungen" vor ca. 80 Jahren – und lassen zumeist eine solche Möglichkeit auch gar nicht an sich herankommen.

 

Historiker haben empirisch ermittelt, dass mindestens jeder 8. erwachsene Mensch, dessen Ursprungs- und/oder angeheiratete Familie im letzten Krieg in Deutschland zuhause war, wahrscheinlich verwandt ist mit einer Person, die direkt oder indirekt in das NS-Euthanasie- und Zwangssterilisations-Geschehen auf der Opfer- oder Täterseite oder im Bereich der Helfer und Helfershelfer in irgendeiner Weise aktiv mit eingebunden war. Grob überschlagen betrifft das heutzutage ca. 5 mio. Menschen.  

 

 

Ein besonderes Highlight meiner Arbeit erfuhr ich bei einer Aufführungs-einstudierung des Jugendvolxtheaters Bethel, wo man mitdem 1-Std.-Stück "Ich will leben..." sich dem Leidensschicksal Erna Kronshages explizit annäherte. Die dortigen jungen Laien-Darsteller:innen und das Einstudierungs- und Regie-Ensemble werden sicherlich Erna Kronshage namentlich nicht mehr vergessen, und sie agierten ja im Rollenspiel körperlich und seelisch durch die Aspekte und Verwicklungen.

 

Ein weiteres positives Erleben war dann der Besuch in einer Förderschule unter der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Auf Einladung der Klassenlehrerin, besuchte ich eine Abschlussklasse dort, die sie mit einer weiteren Lehrkraft und zwei Unterrichtshelfern betreut: eine Klassengemeinschaft, bestehend aus 11 jungen Männern und einer jungen Frau im Alter von 17-18 Jahren mit unterschiedlichen multiplen kognitiven Handicaps oder auch Mehrfachbehinderungen.

 

Ich habe mich auf diesen Besuch besonders vorbereitet, denn ich sollte ausgerechnet dort vom NS-Euthanasie-Schicksal meiner Tante Erna Kronshage berichten, wobei mir die Lehrerin schon in der Einladung mitgeteilt hatte: "Das Thema 'Euthanasie' stellt für diese Schülergruppe natürlich eine besondere Herausforderung dar, da sie in der NS-Zeit ebenfalls davon betroffen gewesen wären."

 

Es war also schon eine echte Herausforderung, für alle Beteiligten - aber es ist wichtig, dass gerade im Zeitgeist der "Inklusion" - der gleichberechtigten Hereinnahme und Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Prozess mit individuell unterschiedlich Nuancen und Äußerungsmöglichkeiten - dass dieser Personenkreis aus den notwendigen und gerade sie betreffenden geschichtlichen Informationen nicht ausgeklammert oder aus einer falschen Rücksichtnahme "geschont" werden darf.

 

Ich hatte dazu also meine bisherige "Routine"-PowerPoint-Präsentation einige Male entsprechend überarbeiten müssen und in den gezeigten Bildexponaten auch reduziert und vereinfacht - besonders eben auch die Sprache in den Erläuterungstexten - und habe aber trotzdem versucht, die immanente Komplexität des damaligen endgültigen "Euthanasie"-Geschehens um Erna Kronshage in seinen diffizilen Gegebenheiten angemessen modifiziert aber nicht geschönt mitzuteilen und "rüberzubringen".

 

Nach verschiedenen Auslesen blieb dann ein Kern von 23 Bildimpressionen mit überarbeiteten einfachen Texten dazu übrig.

 

Ich traf in dieser Schule dann auf eine sehr gut vorbereitete Klassengemeinschaft, die als Einstimmungs-Aufgabe den Ablauf von Ernas Schicksal bereits in erarbeiteten Abschnitts-"Schlagzeilen" auf ein Plakat in die richtige Reihenfolge untereinander geklebt hatte, anhand der Vor-Informationen aus den einschlägigen Internet- und Memorial-Blogs.

 

Und meine größte Sorge, vielleicht sprachlich nicht richtig "rüberkommen" zu können, verflog eigentlich rasch beim Anblick der Fragen, die die Schüler und die Schülerin formuliert und aufgeschrieben hatten:

 

Ein Schüler z.B. interessierte sich da selbstständig - wörtlich - :

"Auf welcher Basis wurde die Diagnose (Schizophrenie) gestellt?"

 

- und das war ja nun mal reine und gar nicht behinderte "Inklusions-Hochprache" und zeugte von Neugier und Interesse, die ich selbst bei manchen meiner Treffen zu dem Thema mit Schülern im Hochschulbereich kaum angetroffen habe.

 

Überhaupt überraschte mich die Lebendigkeit und die jeweils total angemessene Aufnahme- und Reaktionsfähigkeit zu diesem gerade auch für diese Gruppe heiklen Thema - und eben auch das emotionale Mitgehen und Dranbleiben - bis zur bitteren Neige: nämlich Ernas gewaltsamer Tod nach einem 488 Tage andauernden Martyrium ...

 

Die vielen selbständigen und unverblümten Bewertungen seitens der Schüler dazu und ihre folgerichtigen Zusammenfassungen zu den Bildinformationen und Schicksalsdetails haben mich tief beeindruckt. Eine hier zu diesem "Euthanasie"-Thema motivierte und hochinteressierte Schülergruppe, deren körperliche oder auch geistige Beeinträchtigungen für mich in Vergessenheit gerieten - und die sich trotz aller Handicaps und sicherlich auch schon erlebter Diskriminierungen im gelebten Alltag einen ausgezeichneten "gesunden Menschenverstand" bewahrt haben.

 

Da war bedeutend mehr Informationshunger und Geschehens-Teilnahme als bisher bei "gehobeneren" Präsentationen in Schülergruppen oder Fachgruppen oder auch in "Senioren-Cafés", die ich bisher in den Jahren zuvor mit diesem Thema besucht hatte.

 

Die betreffenden Rückmeldungen am Ende lauteten zum Beispiel:

"Wie können Ärzte nur so etwas tun - Erna suchte ja Hilfe - und stattdessen wurde sie umgebracht ..." -

 

"Die Erna hat bis zu ihrem Tod viel Schreckliches erlebt. Wir wollen jetzt aber auch noch den 'Stolperstein' für sie besuchen und ihr Geburtshaus sehen ..." -

 

"Wie schrecklich wäre das - wenn wir alle zwangssterilisiert würden. Das war ein Verbrechen..."

 

"Die Erna muss ja schrecklich sauer gewesen sein auf ihre Schwester, weil die ihr ja solche Dinge aus Gütersloh gar nicht erzählt hat" ... –

Ich: Nee - die Frieda hatte das aber auch ganz anders - ohne Probleme oder Einschränkungen hinterher überstanden ... -                                  

"Ach, weil damals die Nazis noch nicht so weit waren ?" -                                

Ich: Nee - Frieda war ja 1939 dort, als die NS-Psychiatrie eigentlich schon voll im Gange war - aber sie hatte eben neben ihrer reaktiven Aufarbeitung einer Erregungssituation am Arbeitsplatz überhaupt keine auffällige Erkrankung - sondern ging nach 4 Wochen 'Erholung' und Erlebnisbewältigung wiederhergestellt nach Hause ...

 

"Wenn wir damals gelebt hätten, wären wir heute nicht am Leben."

 

"... und man kennt das ja - wenn einer zu lange trauert - ist er 'depressiv' ..."

 

Diese Schülergruppe beschäftigte sich gleichzeitig in Unterrichtseinheiten mit den "Menschenrechten" - und dieses Thema "Euthanasie" war dazu eine gute Ergänzung - aber man spürte dazu auch ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein jedes Einzelnen dazu.

 

Da ich selbst 40 Jahre in verschiedenen Professionen mit und bei behinderten Menschen gearbeitet habe, bin ich über die angetroffene für mich so überraschend "neue" selbstbewusste und selbständige Entwicklung und das emotional angemessene Mitgehen bei all den Geschehnissen immer noch ganz begeistert ...

Und tatsächlich: Die Klasse hat ein paar Tage später den "Stolperstein" Erna Kronshages und das Geburtshaus dort ganz in der Nähe in Sennestadt in der Nähe des Bahnhofes mit dem Bulli besucht, um dem tatsächlichen persönlichen Miterleben den nötigen Raum zu geben.

 

 

 

 

NS-Vergangenheit

 

Warum fragen wir nicht, was Opa getan hat?

 

Die Aufarbeitung des Holocaust endet oft, wenn es um Eltern und Großeltern geht: Sie waren doch lieb. Dieses Schweigen ist gefährlich, sagt Sozialpsychologe Jonas Rees.

 

ZEIT-Interview: Simone Gaul

 

In Klassenzimmern werden die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zwar ausführlich besprochen, aber in der eigenen Familie? Herrscht oft Schweigen. Der Sozialpsychologe Jonas Rees erforscht an der Universität Bielefeld, wie Menschen sich an ihre Vorfahren zur NS-Zeit erinnern. Das Ergebnis: All die Stolpersteine und Gedenkstätten schaffen es nicht, uns davor zu bewahren, unsere eigenen Familiengeschichten zu verzerren. Darin liegt eine Gefahr für die Gegenwart, sagt Rees. Dieses Interview ist Teil unseres Schwerpunkts "Schuld ist, was man daraus macht".

 

ZEIT ONLINE: Herr Rees, viele deutsche Familien wissen nicht, wie sich ihre Vorfahren an NS-Verbrechen beteiligt haben. Sie sprechen von einer "systematisch verzerrten Erinnerung". Was meinen Sie damit?

 

Jonas Rees: Seit 2017 befragen wir jedes Jahr in repräsentativen Studien 1.000 Menschen telefonisch zu ihrer Erinnerung an die NS-Zeit. Nur knapp 20 Prozent der Befragten geben an, dass unter ihren Vorfahren Täterinnen oder Täter gewesen seien. Dafür berichtet ein gutes Drittel von NS-Opfern unter ihren Vorfahren. Und 29 Prozent geben an, dass ihre Vorfahren potentiellen Opfern geholfen hätten.

 

ZEIT ONLINE: Und, stimmt das?

 

Rees: Nein, diese Zahlen können nicht stimmen. Historikerinnen und Historiker schätzen zum Beispiel, dass damals maximal zwei Prozent der Bevölkerung zu den Helfenden gehörten. Dennoch ist das ein typisches Muster, das wir in unseren Befragungen immer wieder sehen: Erzählungen über Opfer und Helfer werden in den Familien weitergegeben, ob sie nun stimmen oder nicht. Solche von Täterschaft verschwinden.

 

ZEIT ONLINE: Weil unsere Vorfahren ihre Taten verheimlichten?

Rees: Nicht unbedingt. Häufig sind es auch die Kinder und Enkelkinder, die nicht richtig nachfragen. Oder die Berichte von Täterschaft oder Involviertheit systematisch überhören.

 

ZEIT ONLINE: Wieso?

 

Rees: Das ist wie bei den Kippfiguren. Das sind diese Bilder, auf denen zwei Motive zu sehen sind, zum Beispiel eine Vase und zwei sich zugewandte Gesichter. Wir können immer nur eins davon wahrnehmen, entweder oder. Genauso schwer fällt es uns, an Menschen einerseits die liebevolle Seite zu sehen, die wir kennen, und andererseits die Seite, dass sie an Gräueltaten beteiligt gewesen sein könnten oder diese möglicherweise stumm toleriert haben. Wenn wir uns entscheiden müssen, wählen wir eher die liebevolle Seite. Deswegen ist es manchmal leichter, gar nicht erst nachzufragen.

Ungefähr die Hälfte unserer Befragten geben an, dass in ihrer Familie selten oder nie über die NS-Zeit gesprochen wird.

 

Aber genau das müssen wir ja verstehen: Dass es ganz normale Menschen waren, die das NS-System und den Holocaust ermöglicht haben. Dass auch sie zu Tätern oder Mitläuferinnen geworden sind.

 

ZEIT ONLINE: Was macht es so schwer, zu fragen? 

 

Rees: Wir schützen uns selbst und wir schützen die Familie. Einige Familien wären vermutlich zerbrochen, wenn über alle Taten detailliert gesprochen worden wäre. Wir Menschen wünschen uns positiv bewertete Identitäten und das schließt unsere Familien in aller Regel mit ein. Diesen Begriff Täter, den möchten wir nicht haben in unseren Familien.

 

Die Schuld einer abstrakten deutschen Bevölkerung, also nicht des eigenen Opas, sondern zum Beispiel der damaligen Nachbarinnen und Nachbarn, die können wir eher ertragen. Das sehen wir auch in unseren Studien. Die Teilnehmenden sollten schätzen, wie viele Menschen in der Gesamtbevölkerung Täter und wie viele Helfer waren. Bei den Tätern schätzten sie den Anteil größer ein als bei den eigenen Vorfahren, bei den Helfenden ist es umgekehrt.

 

Hat unsere Erinnerungskultur in den Familien versagt?


ZEIT ONLINE: Wie kann das sein, dass Selbstbild und Wirklichkeit so extrem voneinander abweichen?  

 

Rees: In der Sozialpsychologie nennen wir das den fundamentalen Attributionsfehler: Wenn ich selbst zu spät komme, habe ich eine ganze Reihe von Entschuldigungen im Angebot. Es kam ein wichtiger Anruf dazwischen oder der Bus war zu spät. Wenn aber jemand anderes zu spät kommt, sind wir in der Regel nicht so nachsichtig. Dann ist diese Person grundsätzlich unpünktlich und unzuverlässig. Unser eigenes Fehlverhalten schieben wir also gern auf externe Faktoren, bei anderen begründen wir es eher mit deren Persönlichkeit. Das führt dazu, dass wir die Macht der Situation unterschätzen. Und uns selbst für widerständiger gegen sozialen Druck halten als wir tatsächlich sind.

 

Das bezieht sich auch auf Menschen, die uns nahestehen. Mit ihnen sind wir nachsichtiger. Und das gilt ebenfalls für die NS-Zeit. Wir sagen: Großvater konnte ja nicht anders, weil alle Nachbarinnen und Nachbarn ja auch mitgemacht haben. Aber diese anderen würden wir vermutlich etwas weniger in Schutz nehmen.

 

ZEIT ONLINE: Interessant ist auch, dass Menschen, die damals Täterinnen oder Täter waren, ihre Taten oft weniger schlimm bewerten, als wir es heute tun. Den nachgeborenen Angehörigen ist dann unangenehm, was Opa und Oma getan haben.

 

Rees: Das ist das Gefühlspaar aus Schuld und Scham. Angehörige schämen sich für die Schuld ihrer Verwandten. Und diejenigen, die diese Taten begingen, fühlen sich nicht unbedingt schuldig, das stimmt. Denn als Menschen suchen wir immer eine Erklärung für das, was wir tun. Wir haben ja in der Regel das Bild von uns, dass wir gute Menschen sind. 

 

In seiner Studie Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden analysiert der Sozialpsychologe Harald Welzer Aufzeichnungen von Mitgliedern von Erschießungskommandos. Einer sagte: Ich habe kleine Kinder erschossen. Aber das war richtig, denn andere hatten bereits deren Eltern getötet. Ich habe sie also erlöst, sie hätten sonst keine Eltern mehr gehabt. Uns mag das heute vollkommen abstoßend und wahnwitzig vorkommen – für diese Menschen aber waren solche Gedanken damals tatsächlich schlüssige Rechtfertigungen. Das gilt auch für weniger grausame Taten.

 

ZEIT ONLINE: Hat unsere Erinnerungskultur in Bezug auf die Familiengeschichten versagt?

 

Rees: An vielen Stellen haben sich viele schlaue und kreative Menschen Gedanken gemacht, wie wir an die Verbrechen erinnern. Und wir haben viel erreicht, beispielsweise in Gedenkstätten, an Gedenkorten, in Projekten oder im Schulunterricht. Aber wir haben oftmals eben auch eine recht unpersönliche und ritualisierte Erinnerungskultur um uns herum aufgebaut. 

 

ZEIT ONLINE: Kann man einer heute 20-Jährigen vorwerfen, wenn sie sagt, ich habe keine Lust, mich damit zu befassen, was meine Urgroßeltern möglicherweise getan haben?

 

Rees: Ich glaube, Erinnerung hört nie auf. Wenn wir aufhören, uns damit auseinanderzusetzen, was in unserer Geschichte passiert ist, dann verlieren wir auch den Bezug dazu, wer wir heute sind. Man kann dann vieles nicht verstehen. Man lernt das Grundgesetz nicht zu schätzen, oder Europa als Institution.

 

Und uns ginge doch auch der Hintergrund verloren, warum wir in Deutschland Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit so entschieden entgegentreten müssen. Dass der Holocaust nicht irgendwo passiert ist, sondern hier in Deutschland seinen Anfang nahm, und eben auch in unseren Familien, das sollte nicht aufhören, uns zu beschäftigen. Die Zahlen antisemitischer Übergriffe steigen wieder – was für ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Wir dürfen rechten Terror oder antisemitische Anfeindungen nicht hinnehmen. Oder dass sich Menschen auf sogenannten Corona-Protesten hinstellen und sagen, sie fühlten sich wie Anne Frank.

 

 

Ich glaube, Erinnerung hört nie auf.

Wenn wir aufhören, uns damit auseinanderzusetzen,

was in unserer Geschichte passiert ist,

dann verlieren wir auch den Bezug dazu,

wer wir heute sind.

Man kann dann vieles nicht verstehen.

 

 

Ein Viertel der Befragten bezweifelt die Darstellung des Holocaust

 

ZEIT ONLINE: Wie können wir das Interesse der eben erwähnten 20-Jährigen wecken?

 

Rees: Eine erzwungene Erinnerung funktioniert natürlich nicht. Die jungen Menschen müssen von sich aus Interesse an ihrer Geschichte entwickeln. Das geht aber sicherlich eher, wenn wir nicht immer nur von den abstrakten Deutschen sprechen, sondern auch in die eigenen Familien schauen. Oder wenigstens an den eigenen Wohnort.
Dazu müssen wir bedenken, dass unsere Gesellschaft sich verändert, wir sind ein Einwanderungsland. Heute leben viele Menschen in Deutschland, deren Vorfahren zur NS-Zeit noch gar nicht hier waren. Solche Geschichten und Erinnerungen müssen ebenso einen Platz in unserem kollektiven Gedächtnis haben: Rückkehr, Migration und zuletzt auch Flucht nach Deutschland. Das, was wir alles nicht erinnern, sagt ebenso viel über den Zustand unserer Gesellschaft aus, wie das, was wir erinnern. Erinnerung und die Bilder im gemeinsamen Familienalbum sind immer auch ein Konflikt um Anerkennung und Gesehenwerden. Und wer sich selbst gesehen fühlt, entwickelt auch mehr Interesse an der gemeinsamen Geschichte. 

 

ZEIT ONLINE: Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano sagte bei ihren Vorträgen vor Schülern über die NS-Verbrechen oft: "Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nicht alles über diese Zeit wissen wollt." Würden Sie ihr zustimmen?

 

Rees: Ja. Ein Grund, warum wir 2017 mit unserer Forschung angefangen haben, ist, dass wir uns gerade an einer möglichen Bruchstelle im kollektiven Gedächtnis befinden. Wir müssen entscheiden, was wir von den Erlebnissen, von denen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch erzählen konnten, ins kollektive Gedächtnis übernehmen. Und was vergessen wird. So entstehen Erinnerungslücken. Leerstellen, die dann gefüllt werden können mit relativierenden Erzählungen – sofern wir das zulassen. Wir wollen schauen, wie sich dieses Erinnern im Laufe der Zeit entwickelt. 

Eine Beobachtung, die mich sehr beschäftigt, ist die Zustimmung zu der Aussage: "Ich bezweifle, dass alles stimmt, was über das Ausmaß der Judenverfolgung berichtet wird." 2017 lag die Zustimmung unter unseren Befragten bereits bei 14 Prozent. 2020 ist dieser Wert auf 23 Prozent gestiegen. Fast ein Viertel der Befragten zweifelt an den Berichten über den Holocaust. So wird Erinnerung anfällig für Umdeutung und Revisionismus.

 

ZEIT ONLINE: Das passt ja auch dazu, dass Menschen ihre Vorfahren vor allem als Helfer und Opfer erinnern.

 

Rees: Wenn die Repräsentation von Täterschaft verschwindet, weil auch die Zeitzeugen verschwinden, dann geraten als nächstes andere Dinge ins Wanken. Wenn beispielsweise unsere Erinnerungen an Erschießungskommandos an der Ostfront systematisch verloren gehen, ist es doch eigentlich folgerichtig, dass die Leute als nächstes sagen, na ja, irgendwie passt das alles nicht so ganz.

 

Wir dürfen uns nicht auf dem Gedanken ausruhen, dass wir das in Deutschland so gut gemacht haben mit der Erinnerungskultur. Wir dürfen nicht sagen: Das ist so lange her, jetzt ist auch mal gut.

 

ZEIT ONLINE: Vielleicht ist dieser zeitliche Abstand zur NS-Zeit aber auch eine Chance. Enkel und Urenkelinnen können nun möglicherweise kritischer auf ihre Vorfahren blicken, als es deren Kinder konnten. 

 

Rees: Ja, sie entwickeln eine emotionale Distanz, die den kritischen Blick erleichtern mag. Es gibt ja einige Recherchestellen wie das Bundesarchiv, an die man sich wenden kann, um zu erfahren, wo der Großvater oder die Urgroßmutter eingesetzt war. Und einige dieser Stellen brauchen inzwischen sehr lange, um solche Anfragen zu beantworten – weil es mehr geworden sind.

 

Während in einigen Familienalben fehlende Erinnerungen nun also bleibende Leerstellen hinterlassen, füllen auch viele Menschen ihr persönliches Album Stück für Stück. Und versuchen, fehlende Bilder einzufügen.


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