Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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° geschichte.leben. 

J  E     G  E  S  T  E  R  N   .   D  E  S  T  O    H  E  U  T  E   .   U  M  S  O     M  O  R  G  E  N

 

 

 

ich stelle mir das mal so vor...

ein szenarien-lesebuch: so könnte es gewesen sein 

Das ist hier gar keine "Szenarien-Rekonstruktion" sondern die Gedächtnis-Zusammenfassung einer Situations-Erinnerung einer Klassenkameradin Erna Kronshages aus ca. Ende der 80-er Jahre - also 50 Jahre danach...

 

 
 
 
 
 
 
 
 
Frau Alma R.’s Situationsbeschreibung als Zeitzeugin:

 

„Also unmittelbar, bevor  diese Situation im Mühlenkamp um Erna eskalierte, soll sie ja verstärkt ihre Freundin von nebenan, die Helga K., besucht haben.  Nee, ihre Mutter fand das gar nicht gut. Aber was fand die Mama Anna schon gut von dem, was die Erna in ihrer allzu knappen Freizeit machte.

 

Die Erna ist da so hineingeschlittert, als letztes Kind ihrer Eltern ebenso wie als Kind ihrer Zeit. Ihr Schicksal war es, in immer stärkere Zerrissenheit zu gelangen, sich nicht eindeutig entscheiden zu können, eben auch zwischen den Fronten zu stehen. Der äußere Krieg wurde auch gleichzeitig in ihr zu einem inneren Krieg.
 
Für Erna war das eine zunehmend ausweglose Situation. Wir alle, ihre ehemaligen Schulkameradinnen, kamen im Nachhinein besehen insgesamt besser dabei weg, trotz aller massiven Nachstellungen durch den politischen Gegner und dem furchtbaren Schicksal unserer Eltern hier und da. Mein Vater wurde ja als früherer SPD-Bürgermeister von Senne II sogar ins Gefängnis gesteckt wegen "Hochverrat", weil er etwas Kritisches zum NS-Staat gesagt hatte. Unsere Eltern hatten ja schon vor Jahren selbst in der Stadt oder in ihren Betrieben nach Lehrstellen für uns gefragt oder nach Arbeitsmöglichkeiten. Bei Erna stand von Anfang an fest, dass sie auf dem Hof erst einmal zu bleiben habe und den Eltern zur Hand gehen müsse. Und das war in ihrer Familie scheinbar völlig normal. Da war man selbst seines Glückes Schmied, und die Eltern hielten Erna nur unnötig fest, eigentlich aus egoistischen Motiven, denn man konnte damals doch längst einen polnischen oder russischen Zwangsarbeiter für den Hof anfordern. Das haben alle gemacht - und da hatte auch niemand moralische Bedenken. Gerade auch, wenn man Söhne an der Front hatte - und Papa Adolf hatte ja das Asthma und Mama Anna hatte ja das Mutterkreuz in Gold.
Die hätten bestimmt einen "Fremdarbeiter" bekommen - und Erna hätte eine Ausbildung anfangen können - oder wenigstens auch in einer Firma arbeiten, damit sie mal rauskam.
 

Also, wenn Sie mich fragen, es musste zu einem Eklat kommen. Das war eigentlich abzusehen. Das war deutlich wahrzunehmen. Damals haben wir das so deutlich nicht gesehen. Wir waren noch viel zu jung, noch viel zu unreif, um dafür bereits Antennen entwickelt zu haben. Heutzutage weiß ich, dass es erkennbar war, was dann auch passiert ist.

Das fing damit an, dass Ernas Arbeitskittelkleider morgens immer verschmutzter wirkten, etwas weniger oft gewechselt, und auch ihre Haare schienen weniger gepflegt. Sie selbst schien plötzlich insgesamt weniger gepflegt zu sein. Zuvor erschien sie trotz ihrer schweren Arbeit und der entsprechenden Arbeitskleidung immer noch frisch und adrett. Es war alles sauber, es passten die Farben zueinander, die Holzschuhe waren gereinigt. Und das hörte schlagartig auf, das wurde dann alles etwas schludriger. Ich war ihr ja eine ganz gute Kameradin und Freundin, ich hätte sie auch darauf angesprochen, aber ...

 

Ja – und dann kamen die Tage, das war dann so im Herbst 1942, an denen wir morgens Erna nicht zu Gesicht bekamen, wenn wir die Fahrräder abstellten auf dem Mühlenkamp-Hof. Wenn wir dann Mutter Anna fragten, wo die Erna sei, ob sie krank sei, dann hat Mutter Anna geantwortet, ja, die sei wohl krank, die habe wohl das „faule Fieber“. Faules Fieber. Ja, wer abends bis in die Puppen drüben bei der Freundin zum Quatschen säße und nur noch Flausen im Kopf habe, käme eben frühmorgens nicht aus dem Bett. Und Mutter Anna sagte auch, sie habe schon mit der "Braunen Schwester" gesprochen vom NSV, die ab und zu vorbei käme, weil Erna so "widersetzlich" wäre.

 

Vereinsamung in einer Großfamilie 

 

 

Heutzutage denke ich, wir hätten uns vielleicht mehr kümmern sollen. Denn ihr Zustand hatte sicherlich auch damit zu tun, dass sie auf dem Hof regelrecht "vereinsamt" war, als Jüngste in der Geschwisterkette. Die Schwestern verheiratet oder aus dem Haus - und die Brüder im Krieg an der Front. Und Erna blieb zurück und hatte niemanden mehr zum Reden. Wir hätten mit ihr reden müssen. Da mache ich mir richtig Vorwürfe manchmal. Damals hätte uns die Erna gebraucht, als Freundinnen, als Gesprächspartnerinnen. Aber irgendwie war uns Ernas Leben auch damals schon zu fremd geworden. Ihre Realität hatte mit unserer Realität ja wenig gemein. Und dieser etwas "einfältige" Alltag bei all ihren Begabungen führte dann sicherlich zu dieser eigenartigen "Einweisung" in die Heilanstalt, an der sie ja selbst mit beteiligt war.

 

Ob das mit dem Bombenabwurf gegenüber dem Mühlenkamp bei Westerwinter im Zusammenhang gestanden hat - das weiß ich nicht. Den hat Erna ja auch wieder ganz anders erlebt als wir, die wir weiter entfernt wohnten und keine Nachbarn von Ida G. waren.

Wir hätten damals mehr mit Erna reden sollen ...“

"Herr Doktor - ich muss mich mal dringend erholen" ....

 

Bildtafel 29 aus dem XXL-Album

 

 

Da gibt es die überlieferte Geschichte, wie Erna, begleitet von ihrer Schwester Lina, aus Brackwede mit dem Fahrrad heimkehrt nach Hause, nach Senne II in den Mühlenkamp, nachdem sie bei der amtsärztlichen Untersuchung war und ihrem Vater die Überweisung zeigt: "Hier - ich soll nach Gütersloh in die Heilanstalt - und soll mich da erholen... - und ich will das auch - so wie damals Frieda - der hat das auch gutgetan...".

"Kind - ich glaub's dir wohl - wir brauchen dich doch hier auf dem Hof - du kannst doch in diesen Zeiten nicht herumflanieren - und dich 'erholen'. Das sind doch wieder Flausen im Kopf - solange du noch nicht volljährig bist - und hier als 'Haustochter' arbeitest, sind wir für dich verantwortlich - da kannst du nicht machen was du willst. Deine Brüder sind im Feld - und mein Asthma - und Mama wird auch immer älter ... - Kind - wir brauchen dich doch!" 


"Herr Doktor", soll sie dort beim Amtsarzt - allen Mut zusammenfassend - gesagt haben: "Ich möchte in die Heilanstalt nach Gütersloh - wissen Sie - da wo meine Schwester Frieda neulich mal gewesen ist. Die hat sich dort nach einem sehr nervigen Streit auf ihrer Arbeit wieder ganz prächtig da erholt. Statt in der stickigen Fabrik zu sitzen ist sie dort in die Gartenkolonne gekommen - und hat im Sonnenschein Unkraut gezupft - und konnte mit den anderen Frauen quatschen. Also - sie meinte - das wäre auch etwas für mich, damit ich wieder zu Kräften käme - und mal unter die Leute - und mal was anderes sehe. Ich bin nämlich regelrecht fertig und ausgepumpt zu Hause.


Da muss ich morgens andauernd so früh raus - auch wenn ich mal drüben bei Helga, der Nachbarin, war - und wenn deren kleines Kind schreit, dann quatschen wir halt etwas länger und schauen Illustrierten an und hören Radio - und schminken uns gegenseitig - manchmal die halbe Nacht. Ihr Mann - der junge Vater - ist ja auch an der Front wie auch alle meine Brüder - wir stören keinen - und der Kleine schläft dann meisten gegen 1 - halb 2, wieder ein, wenn er nochmal an der Brust war - und trotzdem muss ich dann ja morgens auch wieder so früh ran auf dem Hof - und hab einfach keine Lust mehr - diese ewige Maloche. Ich will auch mal raus und was erleben - aber hier ist ja nichts los - außer vor 2 Jahren der Fliegerangriff vom Tommy auf den Hof gegenüber - aber das war ja auch eher schecklich und traurig. 


Ansonsten huschen morgens die Zugpendler über den Hof und stellen ihre Fahrräder an die Eichen um dann vom gegenüberliegenden Bahnsteig mit dem Zug zu fahren - und Mama und ich sortieren die dann, damit sie abends wieder schnell zum Wiederlosfahren gefunden werden beim Abholen. Das ist aber immer der gleiche Trott - besonders seitdem meine Brüder weg sind an der Front. Früher - ja - da hat Willi mal Schifferklavier gespielt - und ich durfte mal an der Zigarette ziehen, die Ewald sich angesteckt hatte.
Aber jetzt habe ich nur noch meine Nachbarin Helga mit ihrem Kind - und da bin ich ganz vernarrt in den Kleinen - und wir wickeln und wir pudern zusammen - und da hab ich schon viel gelernt - Herr Doktor. 
Aber ich muss mal raus aus dem Trott. Schicken Sie mich also ruhig nach Gütersloh - da komm ich mal unter die Leute - und komme wieder zu mir.


Aber sagen Sie nichts meinen Eltern davon, was ich hier gesagt hab. Schreiben Sie vielleicht am besten einfach eine Einweisung nach Gütersloh, damit ich mich wieder ein wenig erhole ...

 

 

Erna wurde älter - und sehnte sich nach einem "ganz normalen" Familienleben - so wie bei der Nachbarin Helga, mit ihrem Kleinkind. Da war der Mann und junge Vater zwar auch im Krieg - aber der war ja auch irgendwann mal zu Ende... Und Erna hatte ja bis da

ich habe überlegt, wo diese "anmerkung", diese assoziation, diese andacht hier auf den seiten dieser website unbedingt ihren platz einnehmen könnte - und habe mich dann hierfür entschieden:

dieses jahr hat es ja an historisch hehren erinnerungen in sich: 75 jahre nach kriegsende - 75 jahre befreiung auschwitz - 75 jahre nach den ns-euthanasie-krankenmorden:

 

da steigen manchmal bilder auf - und verknüpfen sich dann mit den texten, auf die ich "zufällig" stoße - und die mir anstoß sind - und manchmal auch "anstößig":

 

da blicke ich auf das stelenfeld in berlin - und da lese ich von den 75.000 stolpersteinen, die der künstler gunter demnig inzwischen gelegt hat - in europa - diese messingplaketten mit

eingraviertem namen, jeweils vor dem letzten "freien wohnsitz" des benannten ns-opfers. und da sind sie jeweiligen paten, die dafür gesorgt haben, dass überhaupt ein stolperstein gelegt wird - und da sind die kämpfe von interessengruppen, damit so ein projekt wie das stelenfeld in berlin zum gedenken an die opfer des holocausts überhaupt angeschoben und dann letztlich auch millionenschwer umgesetzt wird: mitten in berlin - in bester lage: in nähe vom brandenburger tor und vom reichstagsgebäude ...

 

und dann denke ich an die anerkennung aus dem ausland über die gedenk- und erinnerungskultur hier in deutschland zu allem, was da zwischen 1939 und 1945 geschehen ist - ja und ich denke auch an den "vogelschiss" des bundestagsabgeordneten gauland, wie er diese ns-epoche tituliert und bezeichnet hat.

 

 

und just in diesen überlegungen - und in diesen gefühlverwirrungen von innerer trauer über all das leid, das damals geschehen ist - in allen familien - mehr oder weniger - aber auch dem stolz, wie hier in deutschland diese zeit aufgearbeitet wird - und wie ihr gedacht und wie erinnert wird

 

- und über diese ewig gestrigen, die diese zeit wegradieren wollen - aus den augen aus dem sinn... - und just in diese überlegungen stolpere ich über diesen text aus 

 

matthäus 23, in den versen 27-32:

 

"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!

 

Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, inwendig aber voll von Totengebeinen und aller Unreinheit sind. 

 

So scheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, von innen aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit. 

 

Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! 

 

Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten 

und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir uns nicht an dem Blut der Propheten schuldig gemacht haben.

 

So gebt ihr euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben. Und ihr, macht nur das Maß eurer Väter voll! ..."

 

 

dieser text sagt viel zu unserem eingebildeten "reinen" nachkriegs-generationsgewissen: "da habe ich doch nichts mehr mit zu tun - das waren die "nazis" - und in unserer familie war keiner "nazi" - gab es keine "nazis" ...

 

dabei wird oft verkannt, dass die nsadap damals bis zu 9 millionen freiwillig eingetretene "parteigenossen" hatte: 9 millionen bei einer gesamtbevölkerung von rund 80 millionen menschen, wovon wohl ca. 60 millionen volljährig waren: also jeder 6. bis 7. erwachsene reichsbürger war mitglied der nsdap ...

 

ich will nun auch nicht moralisch werden - und ich habe etwas gegen "sippenhaft" - das klingt mir zu sehr nach "erbbiologischen" überlegungen. aber man darf nicht verkennen, dass die allermeisten deutschen familien dem zeitgeist damals positiv gegenüberstanden - und passiv bzw. aktiv "mitmachten" - oder denen das - wie alles - "egal" war - aber "egal" ist keine meinung! 

 

"nazis" - das war nicht eine braun- oder schwarzuniformierte extra-bande: die "nazis", das waren die deutsche gesamtgesellschaft - und diese tatsache sollte für alle nachgeborenen ein heilsamer schock sein ... ew-si

 ... und dazu fällt mir auch der saloppe spruch von "fräulein" bahlsen ein: in ihrem betrieb sei man immer immer "gut" zu den zwangs- und ostarbeiter*innen gewesen ...

 

"Mein Lachen ist Weinen"

ein foto aus besseren tagen zuvor: erna mit einem ihrer kleinen neffen ... - ca. 1940
die nabelschau vor den (be)"gut"achtern des mobilen erbgesundheitsgerichts zur zwangssterilisation: "warum lachst du, erna?"...

Am 29. März 1943 sitzen 

  • ein Amtsgerichtsrat und
  • zwei Medizinal-Oberärzte -

wahrscheinlich am langen Tisch des damaligen holzvertäfelten Sitzungs- und allmorgendlichen Arztbesprechungszimmers im Verwaltungsgebäude der Provinzial-Heilanstalt Gütersloh. 

 

Sie bilden an diesem Tag das mobile Bielefelder „ErbgesundheitsGericht“, und sie beschließen dort im 20-Minuten-Takt über die „Unfruchtbarmachung“ von insgesamt 11 Patient*innen.

 

Erna Kronshage wird dort als dritter „Fall“ laut damaliger uns vorliegender Vorab-Planung der Verwaltung von 8.40 bis 9.00 Uhr „vorgeführt“, wie es im amtsdeutsch im Sitzungsplan heißt: Ohne Anwalt - nur mit der wohl mehr schweigend mitfühlenden dabeisitzenden Schwester als die vom erkrankten Vater bevollmächtigte Beistandsperson, die gerade sechs Wochen zuvor selbst ihr erstes Kind geboren hatte - wird über diese endgültige Maßnahme der Sterilisation "gegen den Willen der Betroffenen - bzw. ihres gesetzlichen Vertreters" in erster Instanz entschieden … 

 
Und Erna selbst - sie lacht bei der Anhörung vor lauter Aufregung und Verlegenheit und Einschüchterung zwischendurch einmal ob dieser surreal anmutenden Situation auf.

 

Und auf die Frage der Herren, warum sie denn ausgerechnet jetzt lache, antwortet sie schlagfertig mit dem eigentlich tiefgründigen Satz : 
„Mein Lachen ist Weinen“

 

  • In der Beschluss-Fassung steht dazu der Vermerk: 

„In der mündlichen Verhandlung machte Erna Kronshage einen gespannten Eindruck und lachte ohne Grund auf. Sie äußerte, ihr Lachen sei Weinen“...

 

Und dieses Verhalten wird jetzt von den hochbesetzten Erbgesundheitsgerichts-Richtern eugenisch-psychiatrisch-pathologisch gedeutet, um die von Ernas Vater im Vorfeld der Verhandlung angezweifelte „Schizophrenie“-Diagnose des Gütersloher NS-Oberarztes Dr. Werner Norda noch einmal mit Nachdruck "fach-männisch" als Experten auf diesem Gebiet zu unterstreichen.


Doch die 20-jährige Erna lacht ja auch, um nicht losheulen zu müssen, weil sie sich ihrer Tränen vor diesen sie mit Blicken durchbohrenden Männern in dieser in jeder Hinsicht ungleichen Begegnung schämen würde, denen sie da bei einem solch heiklen und existenziell intimen Thema doch recht allein und ungeschützt ausgeliefert ist…

 

 

 

ich stelle mir das mal so vor: 

 

da hatte die nsv-fürsorgerin - die sogenannte "braune schwester" wegen ihrer braunfarbenen schwesterntracht - ihren routine-rundweg durch die gemeinde fast abgeschlossen. und nun - bei anna kronshage - stellte sie wie immer so gegen elf ihr dienstfahrrad unter - und fuhr dann mit dem zug weiter nach windelsbleiche oder brackwede.

 

sie hatte alles fest im blick - und sie war damals ja in erbbiologischen fragen zum gesunden volkskörper "top" ausgebildet. ja - man hatte ihr das ja "vom einsatzbüro" im gesundheitsamt mit auf den weg gegeben: "schau nach diesen 'volksschmarotzern'": gerade auf den etwas abgelegenen gehöften - denn dort werden die gerne von den eltern oder geschwistern abgeschirmt und regelrecht versteckt... - und guck auch nach den ostarbeitern, die lassen sich gern mal hängen ...

 

 achtet also auf die infragekommenden kandidaten, die von der norm abweichen, mit denen man nichts anfangen kann, mit denen "kein krieg zu gewinnen ist": unnütze esser - und die man dann über den amtsarzt einer unfruchtbarkeit zuzuführen hat mit dem  erbgesundheitsgericht - ruck zuck, sonst liegen die uns auf der tasche.

 

 die familien selber kümmern sich da nicht. die wollen sich die hände nicht schmutzig machen. ja - das müsst ihr machen - ihr jungen schwestern, denn ihr habt jetzt den richtigen blick dafür.

 

 "na, anna - wie geht's - was machen deine söhne draußen im feld?" "ach, unser ewald hat gestern noch per feldpost geschrieben aus russland - und von willi erwarten wir jeden tag post ... - aber schwester - ich brauche da mal einen rat: unsere erna steht morgens nicht mehr pünktlich zu arbeit auf - sie quängelt und widersetzt sich und hat nur noch flausen im kopf - sie will eine ausbildung machen - und meint, hier auf'm hof, das wäre auf dauer nicht das richtige für sie ... - sie will raus - sie würde ausgenutzt - und träumt - und tut nicht mehr recht ihre arbeit - und klüngelt herum: faules fieber...

 

 stellen sie sich das mal vor: als ich sie gestern mal ein wenig angetrieben habe, sie solle etwas schneller machen - da hat sie mir doch tatsächlich gedroht - und die hand gegen ihre eigene mutter gehoben, gegen ihr eigen fleisch & blut" ...

und hilf bitte mit, dass erna's story nicht vergessen wird: erzähl sie weiter


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