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HANAU AUF DEN GRUND GEHEN - 

AKTUELLE RECHTE GEWALT

 

 

 

INHALT:

 

 

1. Die Trauerrede von Kemal Kocak, Hanau

2. Zur gefährlichen Rhetorik der AfD

3. Das Terrornetz des Einzeltäters

4. Die Zutaten zum "point of no return"

5. Klaus Theweleit: Männerphantasien" - Neuauflage - Zur Aktualität des 40 Jahre alten      Buches

6. Die Basis ist längst gelegt: Sie sind wieder da - sie waren nie weg...

7. "Auffällig ist ihre gekränkte Männlichkeit" - Interview mit einem Terrorismusforscher

 

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Gedenken in Hanau

 

 

 

"Ich habe Angst gehabt in meiner eigenen Wohnung"
 
Die Rede von Kemal Kocak, der viele der Ermordeten persönlich kannte.

Zur gefährlichen Rhetorik der AfD 

„Gaulands Sprache ist der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern“

Von Armin Lehmann | Tagesspiegel


Immer wieder wird der AfD, Vertretern wie Anhängern, vorgeworfen, dass sie durch ihre Rhetorik Hass schüren und Menschen indirekt animieren, verbale oder körperliche Grenzen zu überschreiten. Ohne die AfD zu nennen, hatte Bundeskanzlerin Merkel nach den Morden in Hanau gesagt: "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift." Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende und Arbeitsminister Hubertus Heil hatte die AfD als geistige Brandstifter bezeichnet.

Einer, der sich intensiv mit der Sprache der AfD beschäftigt hat, ist der Sprach- und Literaturwissenschaftler Heinrich Detering. 2019 schrieb er das Reclam-Büchlein "Was heißt hier 'wir'? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten."

Wir dokumentieren an dieser Stelle einige Auszüge, um zu zeigen, wie rhetorisch taktisch und bewusst viele prominente Protagonisten der Partei reden und Sprache öffentlich für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Die AfD versucht, den politischen Diskurs zu verhexen

In der Einleitung begründet Detering zunächst allgemein, was bestimmte Begriffe erreichen sollen und schreibt: "'Vogelschiss', 'Entsorgung' und 'Messermänner' sind Beispiele für eine Verhexung des politischen Diskurses durch Wörter, genauer: durch Schlagwörter und Kampfvokabeln, kalkulierte provozierende Verstöße gegen Höflichkeitsregeln und Taktempfinden, die sich die Verstoßenen als Trophäen ihres vorgeblichen Kampfes gegen Denkschablonen und Sprechverbote einer allgegenwärtigen political correctness ans Revers heften." Ziel ist für Detering nichts anderes, als das "Abstecken von claims", "um den Ehrgeiz, mit Reizvokabeln die Grenzen des Sagbaren auszuweiten, um die Steuerung der öffentlichen Aufmerksamkeit."

"Überschwemmung" ist ein Wort, das unter anderen die Co-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag Alice Weidel benutzte, beispielsweise in einer privaten Mail, die sie allerdings hinterher zur Fälschung erklären ließ. Damals, 2013, beklagte sie, dass wir "von kulturfremden Völkern... überschwemmt werden". Detering schreibt: "Sie meint das, was man im klassischen Griechenland 'die Barbaren' nannte, und sie beschreibt es wie eine Naturkatastrophe: als Überschwemmung. In dieser Konfrontation erscheint tödliche Gewalt unausweichlich."

Detering nimmt sich dann eine Rede von Alice Weidel vom 16. Mai 2018 vor, in der sie in einem Satz im Bundestag die Begriffe "Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse" benutzte. Detering analysiert wie folgt: "Diese Kombination unterstellt.... vielerlei: erstens, dass für einen muslimischen Mann das Messer dieselbe Bedeutung habe wie für eine muslimische Frau das Kopftuch; zweitens, dass das eine so gewaltaffin sei wie das andere; drittens, dass die so interpretierten Attribute Messer und Kopftuch bei Muslimen als die jeweils maßgebliche soziale Geschlechtermarkierung dienten; und viertens, dass beide Attribute ihre Trägerinnen und Träger ohne weiteres, als sei das von selber evident, als 'Taugenichts' verrieten."

Ergo, führt Detering aus: "Wer diese Fremden "alimentiert", wie es der von Frau Weidel namentlich attackierte Grünen-Abgeordnete Hofreiter fordert, der finanziert in dieser Logik das Verbrechen..."

Es wird behauptet, nie begründet

Heinrich Detering nimmt sich auch die Rede vom jetzigen AfD-Fraktionschef und früheren Parteivorsitzenden Alexander Gauland vom 2. Juni 2016 in Elsterwerda anlässlich einer "Demonstration für unsere Heimat" vor, in der Gauland "Versuche" anprangerte, "das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung". Detering fragt, wer aber genau dies tun wolle, wer wolle wen ersetzen? Gauland sagt es nicht, sondern, findet der Sprach-Professor: "Ohne es auszusprechen (und sich damit einer argumentativen Begründungspflicht zu stellen), bezieht sich Gauland auf die rassistische Verschwörungstheorie von der angeblichen 'Umvolkung" oder dem 'großen Austausch', wie sie von der Identitären Bewegung, in Deutschland von dem Publizisten Götz Kubitschek und von Ungarn bis in die USA von rechtsradikalen Ideologen vertreten und mit Vorliebe vermeintlichen jüdischen Weltverschwörern wie George Soros zugeschrieben wird."

In der Rede benutze Gauland auch eine von Björn Höcke eingeführte Formulierung und sagt, "dass die 'Kanzler-Diktatur' das deutsche "Volk völlig umkrempelt und viele fremde Menschen uns aufpfropft und uns zwingt, die als Eigenes anzuerkennen."

Die Aussagen sind oft rassistischer gemeint als formuliert

Detering führt dazu aus: "Gaulands gärtnerische Metapher verschiebt den Konflikt auffällig und darum wirkungsvoll von der Kultur in die Biologie. 'Wir' sind hier verwurzelt, naturwüchsig, ein Volk wie ein Baum; die Volks-Fremden werden uns aufgepfropft als biologisch fremde Triebe. Die Metapher ist in ihrem Kern rassistischer, als man es ihr ansieht."

Nach der Gewalt in Chemnitz, die nach dem Tod eines deutschen Dresdners von rechtsradikalen Deutschen gegenüber Ausländern verübt worden ist, sagte Alexsander Gauland in einer der folgenden Bundestagsdebatten einen Satz, der, wie es Detering vorausschickt, "mir für diese manipulative Rhetorik des Behauptens und Ausweichens besonders charakteristisch ist."

Er lautet: "'Hass ist... keine Straftat." Dieser Satz folge der Regel der AfD, Behauptungen zu widersprechen, "die niemand aufgestellt hat". Niemand habe im Bundestag behauptet, dass Hass ein Straftatbestand sei, sondern vielmehr wurde darauf hingewiesen, "dass aus Hass Taten hervorgehen können, die einen Straftatbestand erfüllen."

Gauland suggeriert, Taten aus Hass heraus müssten straffrei bleiben

Detering findet: "Gaulands Satz spricht mit dem Pathos der Lakonie eine Banalität aus, suggeriert aber, dass auch die aus Hass hervorgegangenen Taten straffrei sein sollten - und zwar dann, wenn der Hass berechtigt sei. Der ganze Satz Gaulands lautet nämlich: "Hass ist erstens keine Straftat und hat zweitens in der Regel Gründe."

Die AfD bestimmt, wer aus ihrer Sicht "das Volk" ist und nimmt für sich in Anspruch, nur die eigene Partei repräsentiere es. Björn Höcke sprach auf seiner Dresdener Rede 2017 den folgenden Satz: "Unser liebes Volk ist im Inneren tief gespalten und durch den Geburtenrückgang sowie die Masseneinwanderung erstmals in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht..." Deshalb, versprach Höcke, werden "wir uns unser Deutschland Stück für Stück zurückholen". Oder, wie es Gauland am Abend der Bundestagswahl 2017 formulierte: "Wir werden sie jagen...", womit er die Bundeskanzlerin meinte, um dann Höckes Satz in die Fernsehkameras zu sagen, nämlich erneut: "Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen."

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was uns Gaulands "Vogelschiss" wirklich sagt

Auf dem Bundeskongress der Jungen Alternativen am 2. Juni 2018 erklärt Gauland: "Wir haben eine ruhmreiche Geschichte... Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber... Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte."

Detering schreibt, dass sich hier erneut überdeutlich die Wirkungsmacht der Provokation zeige - natürlich durch das Wort "Vogelschiss". Detering schreibt: "Was immer es ist, das die tausendjährige deutsche zu einer Erfolgs-Geschichte macht, die Nazis und ihre zwölf Jahre kommen darin nicht vor; sie sind kein Teil davon, sondern bleiben außerhalb der Zählung..., wer von seiner geschichtlichen Verantwortung so spricht, der hat sie... damit abgestreift."

Über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, die aufgezählt hatte, wie vielfältig deutsche Kultur ist und sein kann, sagte Gauland vor AfD-Anhängern im Eichsfeld: "Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Dann kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können."

Detering fragt sich: "Welches Spezifikum der spezifisch deutschen Kultur, von der Gauland spricht, "sollte hier Frau Özuguz vermittelt werden. Welcher Art solle diese Vermittlung denn sein, wenn "die Adressatin anschließend 'entsorgt' werden muss"?. Detering hat auch eine Antwort darauf, sie lautet: "Es sind die Vertreter... jener spezifisch deutschen Kultur. Sie gleichen zum Verwechseln Bandenmitgliedern, die es ihren Opfern erst mal so richtig zeigen, sie dann erledigen und schließlich entsorgen. Nein, Gaulands Sprache ist auch hier wahrhaftig nicht die Sprache Goethes und Fontanes. Sie ist bloß der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern."

 

 

 

 

 

unter jedem "amtlichen" redemanuskript, das zur veröffentlichung an die medien weitergegeben wird, steht der satz: "es gilt das gesprochene wort". 

also nicht das im manuskript vorgesehene wort, sondern die tatsächlich gesprochene formulierung ist das, was "gilt".

und da sind es dann nicht mehr die aneianderreihung der worte, sondern auch die art & weise des vortrags, die mimik, die lautstärke, die schärfe, die "quintessenz" der aussagen - das alles macht dann "sprache" mit aus.

da ist es nur gut, wenn man dazu auch haargenaue mitschriften und ton- und bildaufnahmen hat dieser von der afd vorgetragenen texte, die der literaturprofessor detering in einem kleinen reclam-büchlein mal auseinandergefriemelt hat - und den zersetzenden background dieser sprache aufs feinste dabei seziert - und mal unter die so unschuldig daherkommende oberhaut schielt..

ja - seziert ist wohl das richtige wort. denn sprache kann ja bekanntlich zu einer scharfen waffe, zu einem schwert werden. das wort kann mord und totschlag auslösen und kriege vom zaun brechen.

und nicht umsonst lautet ja ein englisches sprichwort: 

«ein scharfes schwert schneidet sehr, 
eine scharfe zunge noch viel mehr.»

und bei deterings textanalyse hat man schon den eindruck, als folgten auch die scheinbar lapidar mal so "hingeworfenen" metaphern aus den reihen der afd durchaus einer größeren und propagandamäßig abgezirkelten und vielleicht sogar algorithmus-gesteuerten regieanweisung aus dem off, um mit klebrigem dreck zu schmeißen und unruhe zu stiften, mit dem ziel umstürze einzuleiten.

okay - man kann nun wahrscheinlich nicht sagen, die rhetorik der afd habe automatisch die mordtaten von tobias rathjen in hanau ausgelöst - aber sie haben dafür die wege mit ausgelatscht und geebnet, haben diesen hass mit befeuert, zumindest waren sie ihm kein hemmnis und und haben sein krudes und verworrenes weltbild eher gefördert statt gestoppt. 

und da gibt es fast jeden 5. erwachsenen menschen, der hier dabei mitzieht und der das toll findet.

aber zu was das führt und was damit ausgelöst wird und welche brunnen vergiftet werden, das konnten wir ja in den letzten 8 monaten 3 mal erleben: in kassel, in halle und jetzt in hanau. und diese "kontinuität" des mordens hat ja auch erschreckend viele vorläufer, z.b die nsu-morde mit dem eigentümlichen "bekenner"-trickfilm-video - und breiviks tat in oslo und seine anschließende selbstzinszenierung. und diese abgesetzten bekenner-briefe und -videos mit ihrem oft kruden und manchmal wahnhaften weltverschwörungs-geschwafel.

ich hatte neulich schon mal diese bild-metapher vor augen: von einer auf dem herd kochenden griespuddingmilchmasse: diese außen sichtbare "globale" obere umspannende haut ist schon erkaltet - und bedeckt eine brodelnde masse unter sich zu, die kocht und schäumt in blase an blase: die von der globalität zugedeckten einzelblasen der einzel-menschen und gesellschaftsteile: ein jeder in seiner eigentümlichen blase gefangen, in seiner realität, getrennt von seinen nächsten und allernächsten nachbarn: und laufend platzen abtrennungshäutchen der brodelnd schäumende bläschen zu neuen verbünden, um jetzt aufzuschäumen und gleich wieder spurlos zu vergehen: ein ewiges aufquellen und in sich wieder zusammenfallen - im steten abrupten wechsel.

 

so kommt mir das vor, in diesem "christlichen abendland" unter dem "schirm" einer globalen "marktgerechten demokratie", wie frau merkel das ja mal bezeichnet hat.

aber vorsichtig, bei einer solch vor sich hin köchelnden masse kann rasch etwas anbrennen - und das erleben wir ja zur zeit, und dann wird der pudding ungenießbar - und der globale marktgerechte erkaltete hautüberzug bekommt tiefe risse und furchen und platzt auf...

es hilft nur, wenn wir am herd die hitze herunterdrehen - und es kommt beim kochen auf die zutaten an - aber bedenke auch: viele köche verderben den brei ...

Demonstranten am in Hanau Nicolas Armer/ dpa
 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rechtsterrorismus

Das Terrornetz des Einzeltäters

Ein Gastbeitrag von Volker Weiß im SPIEGEL

Die Vernichtungsfantasien, wie man sie auf der Pegida-Bühne hören und im Netz lesen konnte, haben Nachhall gefunden: Der neue Typus von Attentäter kopiert sich sein Manifest zusammen - und tötet.

Die Rede war unmissverständlich. Am 7. Oktober 2019 präsentierte Lutz Bachmann den Pegida-Spaziergängern in Dresden von der Rednertribüne herab seine Sicht auf das Land. Getrennt durch einen tiefen Graben stünden auf der einen Seite diejenigen, die er als das große "Wir" adressierte: die Produktiven, die Steuerzahler, die den Wohlstand erwirtschafteten. Auf der "entarteten" Seite hingegen sammelten sich die "Schädlinge", die "Parasiten" und "miesen Maden", die sich "vom Erwirtschafteten der guten Seite, also von uns, ernähren und sich durch den Speck fressen". Die Aufgabe bestünde nun darin, "die auf der guten Seite" vor denen auf der bösen zu schützen. Diese würden "ohnehin nie einen Nutzen für diese Gesellschaft bringen."

So weit die Lagebestimmung, aber wie jeder Agitator musste auch Bachmann seiner Gefolgschaft noch den Weg aus der Krise weisen: "Und all die Unterstützer dieser Volksfeinde und die, welche die schlechte Seite des Grabens mit ihrer Indoktrination weiter vergiften, die sollen rein in den Graben. Damit können wir den Graben füllen! Wir werfen sie in den Graben. Dann schütten wir diesen Graben zu." Bachmann versprach für diesen Fall eine strahlende Zukunft für die Kinder, das Publikum johlte. Vernichtungsfantasien, vorgetragen auf deutschen Rednerbühnen heute, sind eine gesellschaftliche Realität.

Eine solche Rhetorik berauscht nicht nur, sie weckt Erwartungen, die kaum einzulösen sind. Die Umsetzung verspricht der thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke, der kürzlich bei der 200. Pegida-Versammlung in Dresden auf der Bühne stand. Er kündigte an, seine Partei würde eben jene "Zivilgesellschaft trockenlegen", die Bachmann wenige Wochen zuvor so drastisch beschrieben hatte. Beim Pegida-Jubiläum anwesend waren auch Höckes Duz-Freund Götz Kubitschek, ein Kleinverleger extrem rechter Literatur, und Martin Sellner, das bekannteste Gesicht der "Identitären". Die Forderungen nach einer "Reconquista" Europas und Parolen wie "Hol dir dein Land zurück" sind ihr Geschäft. Es lief gut für Kubitschek in den vergangenen Jahren. Auch bei der AfD ist er gefragt, in seinem privatem "Institut für Staatspolitik" machten neben Höcke schon Jörg Meuthen, Alexander Gauland und Alice Weidel ihre Aufwartung.

Kubitscheks Ennui

Dennoch beschreibt Kubitschek in seinem Blog die Pegida-Kundgebung mit einem Anflug von Resignation. Beim Blick über die Menge mitsamt der Gegendemonstranten ist ihm klar geworden, wie ritualisiert die nationale Erhebung geworden sei. Dem stets zur entscheidenden "Tat" drängenden Agitator ist das eigene Milieu nicht mehr heroisch genug, geradezu langweilig sei es geworden: "Dieser Abend konnte schlechterdings nicht in einer Katastrophe enden, niemand würde überrannt werden, niemand angegriffen. Jeder hatte seine Rolle gefunden und konnte seinen Text. Es gab weder für die noch für uns die Möglichkeit des Geländegewinns. Erstarrte Front." Die Zeilen machen stutzig. Wenn schon Kader wie er vom Ennui befallen sind, wie groß muss die Wahrscheinlichkeit sein, dass sich andere berufen fühlen, diese Erstarrung aufzubrechen.

Zwei Tage später endete ein Abend in Hanau in einer Katastrophe. Ein Rechtsterrorist erschoss neun Menschen aus rassistischen Motiven, ermordete seine Mutter und nahm sich anschließend selbst das Leben. Er hinterließ ein Pamphlet, das die Welt in produktive und unproduktive Menschengruppen einteilt. Seine Konsequenz ist, dass, ganze "Völker komplett vernichtet werden müssen". Die Aufzählung umfasst alles, was er als nicht "weiß" empfindet: den ganzen Nahen und Mittleren Osten mitsamt Israel, Afrikaner, Asiaten, Lateinamerika, eine "Feinsäuberung" solle auch in Deutschland die Bevölkerung halbieren. "Wenn ein Knopf zur Verfügung steht, dies Wirklichkeit werden zu lassen, würde ich diesen sofort drücken." Einen Knopf gab es nicht, aber eine Pistole, und mit den Shishabars Orte, an denen er Opfer finden konnte. In den Appellen nach dem Anschlag wird nun nach jener Zivilgesellschaft gerufen, der Höcke gerade den Kampf angesagt hatte.

Für Fachleute kam die Entwicklung nicht überraschend. Kurz vor den Schüssen hatte der Potsdamer Politologe Gideon Botsch in einem Interview noch auf ein "besonders hohes Risiko" eines rechtsterroristischen Anschlags hingewiesen. Angesichts der abflauenden Dynamik rechter Bewegungen wie Pegida auf der Straße wachse die Wahrscheinlichkeit, dass manche einen solchen Weg suchten. Ein möglicher Täter könne allein agieren und dennoch von einer "Vergemeinschaftung und Vernetzung" seiner Tat durch das Internet ausgehen. Wenige Stunden später hatte dieser "neue Typus von Täter", den Botsch skizzierte, in Hanau zugeschlagen.

Die Rechtsextremismusforschung weiß, dass rassistischer Terror nicht mehr zwangsläufig organisierter Strukturen bedarf. Längst gibt es Beispiele, wie den Angriff auf eine schwarze Kirchengemeinde 2015 im US-amerikanischen Charleston. Beseelt vom Glauben an die Überlegenheit der Weißen wollte der Täter "minderwertige" Afroamerikaner vernichten. Auch er hatte sich jenseits der Öffentlichkeit im Netz radikalisiert. Das galt auch für den Massenmörder, der im neuseeländischen Christchurch 2019 Massaker in zwei Moscheen anrichtete. Sein Manifest trug im Titel die Formel vom "Großen Austausch", eine Referenz an ein gleichnamiges Traktat des französischen Autors Renaud Camus, das mittlerweile international zur Bibel des imaginierten weißen Abwehrkampfes wurde. In Deutschland wurde es von Götz Kubitschek verlegt, der "Identitären"-Führer Martin Sellner schrieb das Nachwort. Im Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass der Mörder von Christchurch Sellners Organisation eine größere Geldsumme gespendet hatte. Ähnliche Inhalte verbreitete auch der Mann, der 2019 zu Jom Kippur in Halle eine Synagoge stürmen wollte und dann auf offener Straße zwei Menschen erschoss. Auch er war unauffällig und hatte sich seine Weltanschauung online erschlossen.

Die Auswahl der Opfer 
folgt einer eigenen, 
rassistischen Rationalität

Dieser Tätertyp muss nur ausführen, was bereits formuliert ist. Er findet das "Wissen", die Atmosphäre, die Weltanschauung, die er braucht, bereits vor. Sogar die Tatmanifeste sind längst geschrieben, die kriminalistische Authentifizierung des Bekennerschreibens, zu Zeiten der RAF-Fahndung einstmals schon fast ein ritueller Akt, ist fast überflüssig geworden. Bereits der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik musste sich nur mit Copy&Paste durchs Internet pflügen, um sein Tatmanifest anzufertigen. Ob in Christchurch oder Halle, die Schreiben ähneln sich, die Täter sind besessen vom "großen Austausch", hinter dem sie sinistre "Eliten" wittern, sie hassen Muslime und fürchten Juden, machen Feminismus und "Kulturmarxismus" für ihr persönliches Elend verantwortlich und wollen endlich ein blutiges Fanal setzen.

Mittlerweile ist das Gedankengut derart verbreitet, dass Akteure auch unabhängig voneinander handeln können. Fast ist zu befürchten, dass die Nachricht von Waffen- und Sprengstofffunden bei Neonazis kurz zuvor dem Täter von Hanau den Anstoß gegeben haben könnte. Seine Tat glich bemerkenswert dem Szenario, auf das sich die mittlerweile unter dem Namen "Gruppe S." bekannte Struktur nach Einschätzung der Behörden wohl vorbereitete. Sie planten, mit einem rassistischen Blutbad Chaos zu stiften, Gegenreaktionen hervorzurufen und endlich den ersehnten "Endkampf" einzuleiten.

Der neue Rechtsterrorismus weiß, dass sich in einer offenen modernen Gesellschaft mit wenigem Aufwand viel Schaden anrichten lässt. Die Täter nehmen in Kauf, selbst nicht mehr zurückzukommen. Die Botschaft an potenzielle Nachahmer ist wichtiger als das eigene Leben. Sie sehen sich als Märtyrer ihres Volkes und wähnen sich in seiner vordersten Verteidigungslinie. Ihr ethnozentristischer Sozialdarwinismus ermächtigt sie, die "Minderwertigen" auszumerzen.

Offensichtliche Züge von Wahnsinn, wie sie aus ihren Pamphleten sprechen, können nicht alles erklären, denn die Auswahl der Opfer folgt einer eigenen, rassistischen Rationalität. Sie teilen die Welt in "produktive" und "destruktive" Teile. Alle, die dem heroischen Imago vom deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, sollen zur Vernichtung freigegeben werden. Das ist exakt der Hass, wie ihn die Rede Bachmanns offenbarte. Im Rechtsterrorismus schreitet er zur Tat.

Zum Autor:

  • Volker Weiß, Jahrgang 1972, ist Historiker und freier Publizist. Sein Buch "Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes" (Klett-Cotta) war 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert. 

 

kennst du noch diese gedichtzeilen des amerikanischen lyrikers robert frost:

 
es waldes dunkel zieht mich an,
doch muss zu meinem wort ich stehn
muss meilen gehen, bevor ich schlafen kann./.:
                  - und meilen gehen, bevor ich schlafen kann.
 

selbst ich kann diese zeilen immer noch nachsprechen, die 1977 in dem amerikanischen agententhriller-film "telefon" des regisseurs don siegel eine schlüsselstellung einnehmen: wenn diese bestimmten zeilen eines tages - und seien es jahre oder jahrzehnte nach ihrer tiefenpsychologischen suggestiven "implantation" - urplötzlich durchs telefon gesprochen werden - so die filmhandlung - geht der damit aufgeweckte und aktivierte "schläfer" wie in trance los - wie ein willenloser zombi ferngesteuert - und begeht gewalttaten, zu deren tatausübung er ohne diese suggestion oder hypnose wohl gar nicht in der lage wäre...

so kompliziert und sensibel komponierte don siegel diese hochspannende filmhandlung, die ich also rund 40 jahre nach der filmsendung im deutschen fernsehen wie aus der westentasche nachplappern kann: "und meilen gehen, bevor ich schlafen kann" ...

aber so geheimnisvoll tiefenpsychologisch müssen heutzutage die sogenannten "schläfer" des rechtsradikalismus, die einzeltäter, gar nicht erst von einer imaginären "zentrale" aus geweckt werden.
heute setzt sich ein individueller weckruf einfach zusammen durch entsprechende "copy & paste"-surfs durch diese einschlägige internet-blase.

und wenn dann noch selbst der rechtsradikale kleinverleger kubitschek - sozusagen das maßgebliche rechts-intellektuell derzeitige ideologienhirn aus dem "off" - auf seinem blog moniert, dass "die bewegung" in sich etwas zu sehr erstarrt sei, motiviert er schon mit diesen paar worten ein paar "schläfer" sich nun aber aufzumunitionieren und "aktiv" zu werden - und ernstzumachen mit der forderung "hol dir dein land zurück" - und die "schmarotzer" in jenen imaginären volksfront-graben zu "werfen" - und "dann schütten wir diesen graben zu"... wie der pegida-bachmann das am 7.10.2019 in dresden als szenario vorgegeben hat.

und wie mit dem "muss meilen gehen", aktiviert so etwas dann ein paar labile und beeinflussbare "halbschläfer", die sich im darknet dann die benötigten waffen beschaffen oder sich die nach bauanleitung zusammenpuzzlen, um loszuballern - oder sich einfach ein auto schnappen und versuchen, die ausgesuchten und angepeilten opfer in den "bachmann-graben" zu befördern.

und diese aufgestachelten und angepieksten konsequenten quasi auf befehl handelnden mordakteure sind bis zur halskrause vollgefüllt mit diesen lügen, diesen tatsächlichen fake news und verschwörungstheorien, die da einfach durch hörensagen nachgebetet werden - und leben in ihrer verschrobenen realitätsblase mit dem hochgepushten benötigten adrenalinpegel - und sind für die tatsächliche reale welt kaum noch zu erreichen.

die taten selbst sind dann immer wie bei den muslimischen attentätern eigentlich "erweiterte suizide", denn mit den mordtaten wird der eigene tod zumindest billigend in kauf genommen - in der ebenfalls eingepflanzten "gewissheit", so "für's vaterland gefallen" zu sein, für ein "völkisch sauberes" deutschland ...

welche wissenschafts-disziplin will da die überlebenden täter hinterher noch läutern und therapieren - oder gar sozial wiedereingliedern...

 

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Projektil in Hanau - Foto: Michael Probst/ AP


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zutaten zum "point of no return"

Es gibt Täter wie Stephan Balliet aus Halle oder mutmaßlich Tobias Rathjen aus Hanau, die als sogenannte einsame Wölfe ihren tödlichen Plan aushecken, ohne ein Netzwerk Verbündeter. Die sich aus Verschwörungstheorien und rechten Parolen ihre Gedankenwelt zusammenbauen und irgendwann glauben, handeln zu müssen, da es kein anderer tue.

Da gibt es aber auch Gruppen wie die "Revolution Chemnitz" oder die "Gruppe S.", von deren mutmaßlichen Mitgliedern und Helfern seit vergangener Woche zwölf in Untersuchungshaft sitzen, weil sie Waffen gehortet, einen Bürgerkrieg herbeigesehnt haben und angeblich Muslime töten wollten. Sie tauschen sich im Netz aus, schaukeln sich in ihrem Hass auf alles Fremde hoch und bereiten sich gemeinsam auf den Tag X vor, an dem es in der Bundesrepublik einen Umsturz geben soll. Auch in ihren Schilderungen scheinen Wahn und Wirklichkeit oft nah beieinanderzuliegen.

Gefährlich an dieser Situation ist, dass auch Menschen zu Tätern werden, die keine erkennbare Vorgeschichte in der rechtsextremen Szene haben. Die nach außen vielleicht als schwierige Persönlichkeiten gelten, deren tödliche Gedankenwelt aber höchstens im Netz zu finden ist. Und bei denen Wahn und Ideologie, Verschwörungsdenken und Rassenhass kaum noch zu unterscheiden sind. Es ist deshalb schwer zu sagen, ob Tobias Rathjen irre gefährlich oder gefährlich irre war.

Rathjens Gedankenwelt speist sich aus Verschwörungsforen im Netz, er habe dort Informationen gefunden, "mit Wissen, das uns vorsätzlich vorenthalten wird". Vor allem in rechten US-Foren dürfte sich Rathjen aufgehalten haben, darauf zumindest lassen sein Vokabular und sein Weltbild schließen.

So kursiert unter dem Kürzel "D.u.m.bs" im Netz seit Längerem eine Verschwörungstheorie, wonach die US-Armee unterirdische Städte baue, die alle mit einem Tunnelsystem verbunden seien. Rathjen erwähnt angebliche heimliche Militärbasen in den USA. Seine Behauptung, dort würden Kinder missbraucht, gefoltert und in großer Zahl ermordet, erinnern an "Pizzagate", jene Falschnachricht, wonach ein elitärer satanischer Zirkel im Hinterzimmer einer Washingtoner Pizzeria Kinder vergewaltige. Im Dezember 2016 kam ein Mann aus North Carolina mit Gewehr und Revolver bewaffnet in das Lokal und schoss einmal, "um die Sache aufzuklären". Zu Schaden kam niemand.

In der Folge griff eine Bewegung namens QAnon die Theorie auf und spann sie fort. Deren Anhänger glauben, dass Donald Trump gegen einen mächtigen "tiefen Staat" kämpft, dessen Vertreter einen Kinderhändlerring betreiben. Die irren Ideen diffundieren aus abgeschiedenen Netzforen zunehmend in die reale Welt. Auf Trumps Wahlkampfveranstaltungen tragen immer wieder Besucher QAnon-Shirts.

"Der Täter von Hanau argumentiert klar rassistisch, dazu finden sich esoterische Elemente und Fragmente der QAnon-Bewegung", sagt Miro Dittrich von der Amadeu Antonio Stiftung, der sich dort um rechtsextreme Onlinephänomene kümmert. "Diese Vorstellung eines geheimen satanischen Netzwerkes, das die Welt beherrscht, teilte der Täter."

Rathjen greift auch Motive der "Incel"-Subkultur auf. Hier tauschen sich Männer aus, die unfreiwillig ohne Sex leben, weil sie keine Frauen finden. Ihrem Hass auf alles Weibliche lassen sie dabei freien Lauf.

Der Attentäter von Halle, Stephan Balliet, der am 9. Oktober vergangenen Jahres beim vergeblichen Versuch, die Synagoge zu stürmen, zwei Menschen tötete, stand solchem Gedankengut ebenfalls nahe. Er sah seine Chancen, eine Frau zu finden, vor allem deshalb als gering an, weil so viele Männer als Migranten nach Deutschland gekommen seien. Es ist ein klassisches Argument der Ultrarechten.

Unklar ist, ob sich Tobias Rathjen direkt auf andere Attentäter bezog. Es gibt aber Parallelen zu Anders Breivik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete. Wie bei Breivik dürfte es sich bei Rathjen um eine narzisstische Persönlichkeit gehandelt haben, die es als ihre Mission ansah, einen Teil der Welt auszulöschen, um das Ganze zu retten.

Bei beiden handelt es sich um den Typus des einsamen Wolfes, der den Entschluss zur Tat allein fasst und diese dann umfassend vorbereitet, mitsamt einer "PR-Strategie". Tobias Rathjen hat seine Selbsterklärungen als PDF-Dateien auf der eigenen Website hinterlegt. Er versah sie ordentlich mit einem Impressum und einer Kurzbiografie. Die Adresse seiner Website wurde in der Nähe eines Tatorts mit schwarzer Farbe an eine Hauswand gesprüht.

Seine Schriften richtete er "an das gesamte deutsche Volk", sein englischsprachiges Video an die US-Bürger. Er wollte offenkundig ein möglichst großes Publikum erreichen. Und wie viele seiner Vorgänger sendete er Appelle an mögliche Nachahmer. "Wacht auf und kämpft jetzt", heißt es in einem der Videos.

Im extrem rechten Milieu stieß Rathjens Tat sogar auf gewisses Verständnis. "Dank Merkels Politik liegen bei etlichen Menschen im Lande die Nerven blank", twitterte Daniel Rödding, ein AfD-Mitglied aus Berlin, der im Bundesfachausschuss Digitalisierung sitzt. "Dass da gelegentlich dann mal jemand richtig ausrastet, verwundert irgendwie nicht wirklich."

"Hanau ist Teil eines transnationalen Phänomens, das in den letzten Jahren stärker geworden ist, nicht nur in Deutschland, sondern global", sagt der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College. Der Killer von Hanau stehe "in einer Reihe mit El Paso, Christchurch, Halle. Es sind immer sozial isolierte Männer, die sich hauptsächlich im Internet radikalisieren und dann ihre Ideologien auf eigene Faust zusammenbasteln". Im Fall von Rathjen bestehe diese Ideologie aus "einer unglaublichen Gemengelage von vor allem rechtsextremen Ideen, Verschwörungstheorien und Frauenhass".

Die Frage, warum ein Mann, der solche Ideen und Wahnvorstellungen in sich trägt, legal Waffen besitzen konnte, wird die Politik und die zuständigen Behörden noch beschäftigen.

Textausschnitt aus der SPIEGEL-Titelstory (spiegel +) "Irre gefährlich"  vom 21.02.2020 -

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da haben sich ein paar typen aus dem internet ihre denk- und wahrnehmungs"blase" angelesen und jegliche eigenkritik dazu verloren und verantwortung ausgeschaltet. ihre gedankenwelt ist in ihrer jeweiligen zusammensetzung sicherlich individuell gefärbt und setzt sich aus verschiedenen intensitätsdosen jeweils hochexplosiv zusammen. sie sind aber aus der metaebene betrachtet nicht nur einmalig "einsame streunende wölfe", sondern über das netz kommunizieren sie mit ähnlich gesinnten und finden ja in ihrer "lektüre" auch immer wieder andockpunkte, die ihnen persönlich "recht"geben und sie bestärken.

und die sprache im rechten milieu und was da an anstachelungen und befeuerungen von afd- und pegida-funktionären kommt, ergibt dann das initialzündungsmoment: den endgültigen entschluss - jetzt muss ich - ich ganz allein - handeln - es tut ja sonst niemand etwas - und es wird jetzt höchste zeit, endlich ein fanal zu setzen.

und dieser moment bringt dann den verseuchten inhalt im "fass" zum überlaufen: dann gibt es kein zurück mehr (man will ja nicht "feige" sein - sondern ein held), man schließt mit sich ab (macht also die tür nach "draußen" ins real-life zu) und geht und fährt mit tunnelblick-fokussierung im hochgradigen adrenalin-rausch den weg zu den opfern, die man im visier hat.

und wenn stephan balliet dann an der eingangstür von der synagoge in halle scheitert, ist er aber innerlich so aufgepusht und in rage, dass er sein vorhaben nicht mehr abbrechen kann und vor wut eben ein paar zufällig vorbeikommende opfer sucht - aus rache für das eigene versagen.

solche situationen sind ja immer im graubereich von wahn und psychiatrischem ausnahmezustand und verschrobener "logik" angesiedelt - und in solchen momenten funktioniert nur noch der "zombi"-apparatschik im menschen. man hört nichts, ist konzentriert auf kimme und korn und ziel, und alles läuft fast automatisch aus dem unbewussten ab - eckig und ohne reflexion - einfach so... - wie eine sturmwelle, die sich schäumend hochhebt und aufbäumt um dann auf dem zenit in sich zusammenzufallen, um auszulaufen und auszustrudeln - und nichts hält diesem wellendruck im augenblick des höhepunkts stand oder im zaum.

da sind elternhaus und schule und biografie einfach ausgeblendet, und man ist nur noch besessen von der eigenen "tat" ...: the point of no return...

aber diesem punkt ist man nicht tatenlos und unwillkürlich quasi automatisch ausgeliefert, sondern den hat man sich ja "erarbeitet" und anggeignet, auf den hat man ganz zielgerichtet hingearbeitet und seine schalter entsprechend umgelegt. 

wie jede scharfe waffe vor ihrem tatsächlichen gebrauch aktiv entsichert werden muss, so muss sich auch der mensch aktiv und in vollem bewusstsein "entsichern", um dann seine taten zu vollstrecken um diesen punkt zu erreichen, an dem es kein zurück mehr gibt.

da die zutaten zu solch einer (selbst-)(er)mordenden handlung immer bekannter werden, die mischung der komponenten, die dann zur "zündung" gelangen, ist auch eine "prophylaxe" gegeben, um gar nicht erst in diese selbstgefährdende zone einzudringen.

selbst diese sogenannten "erwachten einsamen wölfe" haben sich voll verantwortlich dieses fatale konglomerat der sozialen isolation und der radikalisierung mit den entsprechenden internetforen auf eigene faust zusammengebastelt. und diese selbstverantwortlichkeit kann man nicht einfach beiseite schieben, für die vermeintliche  "große sache", an der "man dran ist".

auch ein "einsamer wolf" hat immer viele "mittäter" und handelt nicht allein - da müssen schon ein paar zahnräder ineinander greifen.

 

  • zwischen 1933 bis 1945 gab es für die massenmordaktionen rechter gewalt weniger den typus "einsamer aufgestachelter wolf", sondern gerade die uniformierte propagandistisch hysterisierte masse bot den "schutz"rahmen für die morde - in dieser masse konnte sich der eigentliche täter verflüchtigen und sich selbst verleugnen - und konnte seine eigene persönlich menschliche verantwortung für sein tun quasi "an der garderobe ablegen": unters koppelschloss oder unter dem arztkittel oder unter der schwesternhaube verstecken: "haben doch alle gemacht" - "wir mussten den befehl ausführen" - "haben nur auf anweisung und nach damaligen recht & gesetz gehandelt" - "wir wussten nichts davon" ... die einzelperson verschwand - und auf fragen der ankläger antwortete immer ein chor ...
Das faschistische Männerbild: Ein gestählter Körper. Foto: picture alliance / dpa / TAGESSPIEGEL


Neuauflage von „Männerphantasien“

Von der Maskulinität zum Massenmord

Vor über 40 Jahren erschienen Klaus Theweleits „Männerphantasien“. Nun gibt es eine Neuauflage, die weitsichtige Erklärungsmuster für neurechte Gewalt bietet.

VON HANNES SOLTAU | TAGESSPIEGEL

Es ist ein holpriges Englisch, mit dem Stephan Balliet vor laufender Kamera zu rechtfertigen versucht, warum er Augenblicke später Menschen töten wird. Neben scheinbar auswendig gelernten antisemitischen und rassistischen Tiraden fällt im Video des Attentäters von Halle dabei auch dieser Satz: „Feminismus ist Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist.“ Während Balliet mordend durch die Stadt zieht, bezeichnet er sich in seinem Livestream wiederholt als „Loser“.

Erbarmungslose Gewalt und demonstratives Selbstmitleid stehen nebeneinander. Musikalisch untermalt ist die halbstündige Aufnahme, die das Morden dokumentiert, zeitweise mit einem Lied, dessen Text die Taten von Alek Minassian verherrlicht: „Nutten lutschen meinen Schwanz, während ich Fußgänger überfahre.“ Minassian hatte bei einer Amokfahrt 2018 aus Frauenhass 10 Menschen in Toronto getötet.

Nur wenige Wochen nach dem Attentat in Halle erscheint die Neuauflage von Klaus Theweleits epochalem Werk „Männerphantasien“ (Matthes & Seitz, Berlin 2019. 1278 S., 42 €). 

 

 

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Eine furiose Theoriecollage, die nach der Veröffentlichung 1977 innerhalb kürzester Zeit zu einem Klassiker der Faschismus-, Gewalt- und Männerforschung avancierte. Rudolf Augstein bezeichnete sie damals in einer achtseitigen Rezension im Spiegel als „aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“.

Faschismus als Ergebnis eines männlichen Körperzustands
Aber gilt das heute noch? Die Frage der Aktualität wird nach dem Erscheinen der Neuauflage von „Männerphantasien“ hierzulande diskutiert. Inwieweit können 40 Jahre alte Analysen, die sich zudem auf hundert Jahre zurückliegende Ereignisse beziehen, zum Verständnis der Gegenwart beitragen?

Denn Theweleit hat sein Werk nicht aktualisiert, lediglich um ein Nachwort ergänzt. Noch immer ist es ein Kaleidoskop von biografischen Fragmenten, Briefen und Tagebucheinträgen, in dem der heute 77-Jährige Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Freikorps der Zwischenkriegsjahre in Deutschland untersucht. Dabei destilliert er einen Archetyp des „soldatischen Mannes“ heraus, der den Nationalsozialismus den Weg bereitete.

Auf 1174 Seiten versucht Theweleit nachzuweisen, dass faschistische Gewalt als Resultat eines gestörten männlichen Körperzustands gewertet werden könne. Viele NS-Täter hätten demnach im Laufe ihrer Sozialisation Prügel und militärischem Drill erlitten und dadurch lediglich einen „Fragmentkörper“ entwickelt, dessen gehemmte Emotionalität dazu führe, dass sie eine übersteigerte Angst vor der Ich-Auflösung entwickeln. Permanent fürchte die fragile Männlichkeit von der Außenwelt überwältigt, verletzt oder überflutet zu werden.

Herrschaft über das Weibliche

Der daraus resultierende faschistische Mann versuche Herrschaft über die vermeintlich unkontrollierbaren „weiblichen“ Anteile in sich zurückzuerlangen, das Weiche, Leidenschaftliche und Lebendige zu unterjochen. Diese gewaltsame emotionale Verstümmelung ziele letztlich auf die Erzeugung von Übersichtlichkeit und Ordnung, münde aber in einer enormen inneren Spannung.

In einen Zwang zur Gewalt drohe sich diese zu entladen, versuche „innere Zustände in riesige äußere Monumente“ zu verwandeln. Der Hass auf das fremde eigene Innere wird zum Hass auf das Fremde im Außen. Dessen Zerstörung zu einer imaginierten Notwehr.

„Ihre Aktion“, schreibt Theweleit, „richtet sich auf die Herstellung einer Weltordnung, wie sie sie für notwendig erachten. Notwendig für sie selbst – zur Herstellung ihres eigenen körperlichen Gleichgewichts – und für die sie umgebende ‚Kultur’ (Rasse, Religion et cetera)“.

Die Historikerin Birte Förster kritisierte unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“, dass die von Theweleit untersuchten Beispiele nicht repräsentativ seien, er keinerlei Quellenkritik betreibe. Zudem ignoriere er die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe der Weimarer Republik, reduziere Frauen auf ihre Opferrolle und übergehe gar NS-Täterinnen.

„Ein Krieg gegen Frauen“

Auch eine kohärente Erklärung des Faschismus, die sich als umfassende Gesellschaftstheorie auf moderne Erscheinungsformen beziehen lässt, stellt der Text in den Augen vieler Rezensenten nicht dar. So merkt der Publizist Uli Krug an, dass Theweleit die Frage unbeantwortet ließ, „warum der ,soldatische Mann’ deutscher Bauart Konzentrationslager baute, sein alliiertes Pendant sie aber befreite“.

Doch aller methodischer und inhaltlicher Einwände zum Trotz: Theweleits Thesen sind für eine Analyse des Selbstverständnisses und der Beweggründe neurechter Gewalttäter durchaus fruchtbar. Unbestreitbar ist der Hass auf das Weibliche ein verbindendes Element in deren Gedankenwelt.

Sowohl Alek Minassian als auch Elliot Rodger, der Amokläufer von Isla Vista, trieb ein offen artikulierter Frauenhass an. Rodger sprach gar von einem „Krieg gegen Frauen“, fantasierte in seinem Manifest, dass er sie in Konzentrationslagern verhungern lassen würde.

Für Massenmörder wie den Norweger Anders Breivik, Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant oder Stephen Balliet ist es der Feminismus, der die Reproduktion der „weißen Rasse“ bedrohe. Das Aufbegehren der Frauen öffne die Tore für die „Flüchtlingsströme“ und somit den Untergang der christlich-abendländischen Welt.

Gegen solche Drohbilder stilisieren sich die Mörder als gestählte Soldaten, zelebrieren in Bildern und Videos ihre Maskulinität, demonstrieren ein heroisierendes Beschützerverhalten, das Frauen zu Objekten degradiert.

Kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit

Die vermeintlichen Protektoren der Nation sehen den Massenmord als letztes Mittel gegen die „Gender-Ideologie“, „Verweichlichung“, „Feminisierung“, „Sexualisierung“ und die vermeintliche Unterdrückung des Mannes.

Ihre Manifeste und Aussagen zeugen von einer zutiefst gekränkten und bedrohten Männlichkeit, für die Gewalt als legitimes Mittel erscheint, um eine fantasierte natürliche Ordnung wiederherzustellen.

Über Jahre angestaute negative Emotionen und ein offensichtlich quälendes Selbstwertdefizit kulminieren schließlich in Gewalttaten. So ließe sich mit Theweleit durchaus argumentieren, dass Taten dieser Männer kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit darstellen, ein somit geradezu „ersehnter Ausnahmezustand“.

In seinem 2015 veröffentlichten Werk „Das Lachen der Täter“, das zugleich als Aktualisierung der „Männerphantasien“ gelesen werden kann, beschreibt Theweleit das Töten als „Jubel des Terrors zur eigenen Körperstabilisierung“.

Der „anti-weibliche Komplex“ ist dabei nicht nur auf rechtsextremistische Massenmörder begrenzt, sondern ebenso in den Gräueltaten von IS–Terroristen zu beobachten. Ein Typ wie Breivik sei demnach „strukturell patriarchaler Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann“.

Und auch jenseits eines blutigen Ausagierens mittels Gewalteruptionen ist dieser Tage nicht zu bezweifeln, dass eine soldatische Männlichkeit weiterhin in höchsten politischen Ämtern anzutreffen ist. Da tönt AfD-Politiker Björn Höcke: „Nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.“ US-Präsident Donald Trump breitet obszöne Verfügungsfantasien gegenüber Frauen aus: „Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen.“

Und der brasilianische Präsident Bolsonaro wies eine Abgeordnete im Parlament mit den Worten zurecht: „Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist.“ Sie alle eint ein Männertypus, der nur dann ein positives Selbstbild generieren kann, wenn Frauen herabgesetzt werden. Dessen Kampf der Auflösung vertrauter Konturen ins Uneindeutige und Unkontrollierbare gilt.

Gewaltgeschichte in männlichen Körpern

 

 

 


Beinahe verstörend ist, dass Theweleit in seiner psychologischen Analyse die Grenzen politischer Konzepte gegen die gefestigte Struktur des Soldatischen aufzeigt. Bessere Argumente allein kämen gegen den „Körperpanzer“ des rechten Gedankengutes nicht an. Sein beinahe banal klingender Ansatz: der Fokus auf die möglichst frühe Stärkung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ob das im Umgang mit antiliberalen Kräften der letzte Schluss ist, darüber darf getrost diskutiert werden. Als Warnung vor einer über Jahrtausende sedimentierten Kultur der Gewaltgeschichte in männlichen Körpern, die bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form, gesellschaftlich reproduziert wird, bleiben Theweleits „Männerphantasien“ hochaktuell. Und als Mahnung dafür, dass das Geschlechterverhältnis als ein zentraler Schlüssel für den zivilisatorischen Fortschritt betrachtet werden muss.

 

 

 

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für mich war das schon vor 40 jahren ein standardwerk zur psychologie des männlichen faschismus - und mit dem oft zitierten theweleit-guru wilhelm reich, dem psychoanalytiker, der gerade uns kinder des faschismus soviel zu sagen hatte über die psyche unserer väter und deren generationen, die so schnurstracks in diese konservativ nationalistisch-faschistische massenmörder-falle tappten.

und dazu gehörten ja immer zwei: einmal etwas, was diese fallen aufstellte und scharfstellte - und dann diejenigen, die trotz allem eigentlichen besserwissen und trotz moral & glauben mit augen-zu-und-durch hineintappten, und die dann nach dem krieg als duckmäuser und schweiger das versuchten wieder aufzurichten, was sie in grauer uniform, "im deutschen ehrenkleid", so gänzlich und millionenfach verbockt hatten.

viele beteiligte wussten hinterher selbst nicht, wie ihnen geschehen war - und die meisten sagten "ich doch nicht" - aber ein großteil ihres schweigens war die scham vor dem persönlichen versagen gewesen.

wir 68-er, die dieses "standarwerk" geradezu verschlungen haben, wollten ja nun endlich wissen, warum unsere väter und großväter so getickt hatten - und einige ja noch immer - auch wieder neu und heutzutage - weiter im gleichschritt hinterdreintapern: offenen auges in den untergang - fast ein kollektiver nachbarschaftssuizid...

verblendet und trunken und mit raffiniert angelegter propaganda - und neuerdings dazu die hetze aus den sozialen netzwerken - was den adrenalinspiegel bis an den schlag vollpumpt: "heute gehört uns deutschland - und morgen die ganze welt"...

das war eigentlich unglaublich, wenn man dann nach dem krieg all diese "tapferen kämpfer & helden" im ganz banalen schützenverein sah, wie sie den schützenkönig auskungelten untereinander - und kleine deals und geschäfte verabredeten a la "klüngel" - und sich posten und pöstchen zuschusterten.

und die tatsächlichen täter und mörder, die überlebt hatten, wurden von sich rasch ausbreitenden "netzwerken" geschützt und versteckt - auf alle fälle nicht verraten - denn das ging gegen die "ehre" eines wehrmachtsoldaten oder eines mitkämpfers in der ss, in der "schwarzen uniform"...

und warum das so und nicht anders war, und welche falschen weichenstellungen im kopf dem alle zugrundeliegen, das hat uns theweleit mit wilhelm reich nahebringen wollen.

und heute können die afd und die populistischen bestrebungen mit ihren gallionsgfiguren in aller welt auf der einen seite - aber auch die #me too-bewegung auf der anderen seite - diesen wieder aktuellen text ganz neu durcharbeiten - damit man allseits versteht, wie und warum man soooo tickt und nicht anders - und wie die "spiegelneuronen" die nur angedeuteten gefühlsregungen z.b. der eltern auf ihre kinder, oder der "männer" in bezug auf die "frauen", im geist schon virtuell vollenden und so durchleben, dass sie dann auch wie in trance in real life ausgelebt werden und sogar zur "tat" führen können ...

 

- ein jahrhundertwerk - gewiss ... auch wieder in dieser neuen gerade begonnenden dekade.

 

 

Rassistische Anschläge

Sie sind wieder da, sie waren nie weg

Die Historikerin Barbara Manthe erforscht die Geschichte rechtsterroristischer Gewalt in der Bundesrepublik. Ein Gespräch über Kontinuitäten und Unterschiede, über "einsame Wölfe" und Vernetzung - und über das Fehlen ausreichender Forschungsförderung auf diesem Feld.


INTERVIEW VON ALEX RÜHLE | SUEDDEUTSCHE ZEITUNG, 28.02.2020, Feuilleton


Trotz aller Mahnwachen und aller polizeilichen Maßnahmen steht zu befürchten, dass die rassistischen Anschläge in Hanau nicht die letzten in Deutschland sein werden. Vor allem aber sind sie nicht die ersten Verbrechen dieser Art. Die Düsseldorfer Historikerin Barbara Manthe forscht über rechtsterroristische Gewalt in der Bundesrepublik. Sie erkennt Kontinuitäten – aber auch Unterschiede.

SZ: Ist die These gerechtfertigt, dass der Terrorismus von rechts in der BRD in der Politik, aber auch in der Geschichtswissenschaft unterschätzt wurde?

Barbara Manthe: Ich forsche seit sechs Jahren zu dem Thema Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik. Als ich anfing, gab es zu den Siebziger- und Achtzigerjahren kaum aktuelle Forschung. Viele Gruppen waren unbekannt und sind es bis heute.

 

 

Bei einem Schusswechsel zwischen Rechtsradikalen und der Polizei kamen zwei Terroristen ums Leben: Spurensuche in München im Jahr 1981. Foto: Fritz Neuwirth/SZ Photo

 

 

Welche?

Etwa die Gruppe um Paul Otte, einen Neonazi und Rechtsterroristen aus Braunschweig, die sich ab 1977 mit Neonazis aus Hamburg, Hannover und Schleswig-Holstein vernetzt hat und zwei Anschläge auf Justizgebäude in Flensburg und Hannover verübte. Der Staat und speziell Justizbehörden waren damals häufige Angriffsziele ebenso wie Symbole oder Repräsentanten der NS-Vergangenheitsbewältigung. Es wird wenig bedacht, dass und wie stark sich die Ziele gewandelt haben.

Björn Höcke sagt offen, dass die Zivilgesellschaft und die momentane Staatsform verschwinden müssen.

Stimmt. In den ersten Jahren der BRD war das vielleicht stärkste Motiv für den Rechtsterrorismus der Antikommunismus. Es gab viele Anschläge und Übergriffe gegen Einrichtungen der DDR und der Sowjetunion, aber auch gegen vermeintliche „innere Feinde“ wie DKP-Geschäftsstellen oder Juso-Büros. Die vermeintliche Rettung der BRD vor dem Kommunismus war auch in den Originaltexten jener Zeit der Hauptmotor für die meisten Attentate.

Was sind das für „Originaltexte“?

Rechte Bekennerschreiben waren meist nur ganz knapp. Handbücher waren sehr wichtig. Es gab ja noch kein Internet oder soziale Netzwerke, in denen Wissenstransfer hätte stattfinden können. Wichtig war etwa „Werwolf – Winke für Jagdeinheiten“, ein Ausbildungsheft, das Arthur Ehrhardt erarbeitet hatte, ein Alt-Nazi und SS-Mann, der in der Neonaziszene der BRD aktiv war. Ebenfalls weit verbreitet war „Der totale Widerstand – Kleinkriegsanleitungen“, eine siebenbändige Lehrbroschüre eines Schweizer Majors, für den Fall, dass die Sowjetunion die Schweiz angreift. Für Rechtsterroristen war dies von unschätzbarem Wert, weil man lernte, wie man Sabotageakte begeht oder welche Taktiken man im Guerillakrieg anwenden muss.

Waren die Amerikaner auch Feinde?

Die Agitation gegen die alliierte „Besatzung“ Deutschlands gab es schon länger. Das Narrativ vom Widerstand gegen den amerikanischen Imperialismus führte in der rechtsterroristischen Szene jedoch erst Ende der Siebzigerjahre zu konkreten terroristischen Taten. Da ist besonders die Hepp-Kexel-Gruppe zu nennen, benannt nach den Neonazis Odfried Hepp und Walther Kexel, die den Abzug der US-Truppen erzwingen wollten. 1982 haben sie Anschläge gegen Einrichtungen der U.S. Army in der Bundesrepublik verübt. Die entsprechen am ehesten einer gängigen Vorstellung vom „Untergrund“.

Inwiefern?

Sie waren bereit, alle Verbindungen ins bürgerliche Leben zu kappen. Viele Rechtsterroristen sind aus ihrem legalen Leben heraus aktiv geworden und hatten weiterhin bürgerliche Berufe. Die rechtsterroristische Szene war sehr dynamisch. Es war eher selten so, dass feste Gruppen über einen langen Zeitraum hinweg aktiv waren.

Welche Rolle spielte Antisemitismus?

Die allermeisten Gruppen, die ich untersucht habe, vertraten einen offenen Antisemitismus. 1980 wurden in Erlangen der jüdische Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke ermordet. Und gerade war der 50. Jahrestag des Brandanschlags auf das jüdische Altersheim in München, bei dem sieben Menschen gestorben sind. Die Täter dieses zweiten Anschlags wurden nie gefunden.

Ab wann gab es rassistisch motivierte Attentate?

Das fing früher an, als man heute denkt. Ende der Siebzigerjahre wurde der rassistische Diskurs immer lauter, ab 1980 gab es die ersten organisierten Anschläge gegen Flüchtlinge. Die „Deutschen Aktionsgruppen“ um den Rechtsextremisten und Holocaustleugner Manfred Roeder sind 1980 ebenso wie andere in den Untergrund gegangen. Die haben erst Anschläge verübt gegen Orte, an denen NS-Vergangenheitsbewältigung betrieben wurde – so etwa ein Bombenanschlag gegen eine Auschwitz-Ausstellung. Dann folgten vier Anschläge auf Asylbewerber- und Flüchtlingsunterkünfte. Bei einem Anschlag in Hamburg am 22. August 1980 sind zwei junge Vietnamesen ums Leben gekommen.

Beziehen sich heutige Gruppen auf die damaligen Terroristen?

Manfred Roeder wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt nach seinem „Aktionsgruppen“-Terror. Als er rauskam, wurde er wieder aktiv. Als er nach einem Farbanschlag auf die Wehrmachtsausstellung in Erfurt 1996 vor Gericht kam, haben die späteren NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt und mehrere ihrer Helfer die Gerichtsverhandlung besucht. Da sieht man bildlich die Verbindung zwischen alten und neuen Rechtsterroristen.

Welche Gruppen gingen neben HeppKexel und den Deutschen Aktionsgruppen damals noch in den Untergrund?

Beispielsweise eine Gruppe um Nikolaus Uhl und Kurt Wolfgram, zwei junge hochgradig radikalisierte Männer, die 1980/81 in den Untergrund gegangen und in Frankreich abgetaucht sind. Andere Neonazis sind ihnen gefolgt. Die haben von dort aus Aktionen und Attentate geplant, einen Banküberfall durchgeführt.

Wussten die Behörden, dass sie sich nach Frankreich abgesetzt hatten?

Ja, aber es gab anscheinend nicht den Willen, aktiv nach ihnen zu fahnden. Es war ein wenig wie beim NSU, sie waren zwar zur Fahndung ausgeschrieben, aber richtig effektiv war diese Fahndung nicht. Es existiert etwa ein Fernsehinterview mit Nikolaus Uhl in Frankreich, aus einer „Monitor“-Sendung vom Oktober 1980. WDR, beste Sendezeit.

Man hätte sie finden können?

Ja. Dann gab es eine Gruppe von Rechtsterroristen, die nach dem Verbot der Wehrsportgruppe Hoffmann 1980/81 unter der Führung Hoffmanns in den Libanon gegangen sind um dort ein PLO-Camp zu besuchen. Sie nannte sich Wehrsportgruppe Ausland.

Um eine Ausbildung dort zu absolvieren?

Ja, und um dort ungestört ihre Vorstellung einer bewaffneten Kampfgruppe zu realisieren. Das waren rund ein Dutzend Leute, unter ihnen Odfried Hepp, die sollten dort trainiert werden. Das hat aber nicht wirklich geklappt. Die Campleitung der PLO hatte wenig Interesse an einem direkten Kontakt mit den Rechtsterroristen; sie wurden zwar im Camp geduldet, aber auch nicht mehr. Und die Gruppe war so zerstritten, dass sie gar nicht handlungsfähig war. Die internen Konflikte führten sogar zu einem Mord an einem deutschen Gruppenmitglied, weil er das Camp verlassen und nach Deutschland zurückkehren wollte.

Wie gut waren diese Gruppen untereinander vernetzt?

Teilweise sehr eng, Paul Otte hatte Kontakt zum Neonazifunktionär Michael Kühnen in Hamburg, der 1977/78 einer rechtsterroristischen Gruppe angehörte. Und Hoffmann kannte jeder; er hatte aber einen absoluten Führungsanspruch, mit dem die anderen nicht klarkamen. Es gab einige, die isoliert gehandelt haben, etwa ein Mann, der 1971 den damaligen Bundespräsidenten Heinemann umbringen wollte.

Waren das einsame Wölfe?

Es gab immer wieder welche, die alleine gehandelt haben. Ein Rechtsterrorist, Frank Schubert, hat 1980 an der deutsch-schweizerischen Grenze zwei Schweizer Grenzbeamte erschossen. 1982 ist der Neonazi Helmut Oxner, ähnlich wie jetzt in Hanau, in eine Nürnberger Diskothek gestürmt, die bei Afroamerikanern beliebt war, und hat dort zwei schwarze US-Bürger umgebracht und mehrere schwer verletzt. Oxner hatte nationalsozialistische Sticker in der Tasche, auf denen stand „Wir sind wieder da“, er hat während der Tat gerufen: „Es lebe der Nationalsozialismus.“ Er ist dann auf die Straße und hat Passanten gesagt, dass er ja „nur Türken“ erschießen möchte und Deutsche keine Angst zu haben brauchen. Dann hat er auch noch einen Ägypter erschossen und einen weiteren Mann verletzt.

Wurden diese Taten öffentlich als rassistische Verbrechen diskutiert oder als Einzeltat eines Irren abmoderiert?

Gerade wenn der Täter die Tat alleine ausgeführt hatte, konzentrierte sich die Öffentlichkeit auf seine Persönlichkeit, insbesondere auf vermeintlich „krankhafte“ Züge. Das hatte zur Folge, dass die Einbettung des Täters in die Neonaziszene und ihr politisches Weltbild nicht ausreichend beachtet wurden. Oxner ist ein gutes Beispiel: Er war vor seiner Tat als neonazistischer Straftäter polizeibekannt und hatte Kontakt zu extrem rechten Führungspersonen; aus seinem rassistischen und antisemitischen Weltbild machte er kein Hehl. Und obwohl auch die Ermittler damals von einem politischen Motiv ausgingen und schrieben, dass von einem Amoklauf nicht die Rede sein könne, wurde und wird Oxners Tat in der Öffentlichkeit als „Amoklauf“ gewertet. Das suggeriert, dass die Gründe für die Morde vorrangig in Oxners Persönlichkeit zu suchen seien.

Wie viele Rechtsterroristen gab es in den Siebziger- und Achtzigerjahren?

Schwer zu sagen, weil es keine verlässlichen Statistiken gibt. Und es fehlen weitgehend soziologische Untersuchungen über die Täter. Ich mache gerade eine qualitative Untersuchung über den Aufbau der Gruppen und ihre Ziele. Ich habe etwa 250 Personen identifiziert, von denen aber viele eher Sympathisanten waren. Der harte Kern, das waren in diesen zwei Jahrzehnten rund 25 Gruppen, die zwischen zwei und 20 Mitglieder hatten.

Hat sich die Forschung zu wenig mit den historischen Kontinuitäten beschäftigt?

Es gab in den Achtzigerjahren Forschungen zum Rechtsterrorismus und in den Neunzigern viele Untersuchungen zur vermeintlich plötzlich aufbrechenden rechten Gewalt und Ideologie. Da hat man vielleicht die Kontinuitäten aus dem Blick verloren. Wichtiger erscheint mir aber, dass es keine ausreichende Forschungsstruktur zur Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland gibt. Es gibt zwar engagierte Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, aber eine langfristige institutionelle Förderung fehlt.

War für die Erforschung des Linksterrorismus mehr Geld da?

Oh, da gab es sehr große und ausgesprochen produktive Forschungsverbünde. So hat beispielsweise das Münchner Institut für Zeitgeschichte in einem jahrelangen historischen Projekt den Linksterrorismus erforscht. Aber für die Erforschung des Rechtsterrorismus gibt es sehr wenige Institute und noch weniger Geld, gerade im Vergleich zur Extremismus- oder Dschihadismusforschung. Von einem großen Institut wie dem norwegischen Center for Research on Extremism: The Extreme Right, Hate Crime and Political Violence in Oslo, das nach Breiviks Anschlägen gegründet wurde, können wir hier nur träumen.

 

  • Barbara Manthe ist Historikerin und leitet am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf das DFG-Projekt „Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, 1970 – 1990“. 
__________________________


es ist doch gut, dass es historikerinnen an unis, hochschulen und instituten gibt, die auch dieses "randthema" der geschichte, des rechtsterrorismus in der bundesrepublik in ost und west, untersuchen, festhalten und auflisten.
 
ich habe ja neulich hier schon geschrieben, dass es auch schon vor pegida und afd und den anschlägen von halle und hanau eine vielzahl rechtsterroristischer übergriffe gegeben hat, aber wie frau manthe ja herausgefunden hat, haben die fahndungsbehörden anscheinend "nicht immer den notwendigen willen aufgebracht, aktiv nach ihnen zu fahnden". 
 
da verlief und verläuft fiel im sande - und man kann nach diesem historisch fundierten artikel ja zu recht behaupten, dass diese behörden insgesamt "auf dem rechten auge" recht blind zu werke gehen, während sie im linksextremen milieu dank größerer fahndungsmittel auch viel entschlossener zu werke gingen bzw. gehen mussten, weil das politische großklima das anscheinend so vorgab.

und rechtslastige soldaten und beamte und sogar ganze netzwerke hat man ja in letzter zeit einige bei bundeswehr und polizeibehörden ausfindig gemacht.  
 
vielleicht hat sich da ja nun inzwischen etwas geändert, besonders anscheinend auch nach der ermordung von walter lübcke, dem regierungspräsidenten von kassel.

denn nun traf es einen politiker und repräsentanten des staates selbst - genau wie damals bei der raf - und da erwacht man endlich aus dem dornröschenschlaf, der sich ja noch bei der "aufklärung" der nsu-morde an schlendrian und vertuschung offenbarte.

viele fahndungsakten zum nsu-komplex sollen anscheinend für 120 jahre unter verschluss bleiben - und die behörden tun so, als sei das nun und für alle zeit einfach mal unumstößliches recht, an dem niemand rühren dürfe. aber angesichts der rechtsterroristischen "hochkonjunktur" dieser wochen sollte man schleunigst diese verfügung bedenken.

das sind für mich reine staatliche willkürakte, die in einer demokratischen verfassten gesellschaft nichts zu suchen haben. hier hat die öffentlichkeit ein recht auf volle aufklärung - und auch aufklärung der fehler und falsch-entscheidungen, schlecht-leistungen und der missgriffe von den beteiligten staats"schutz"-abteilungen.

wenn man mit solchen verfügungen aber eventuelle informanten aus dem rechtsradikalen milieu auf lebenszeit schützen will (ein anderer grund fällt mir dazu nicht ein), so wäre es mit einer entsprechenden indentitätsänderungsmaßnahme getan - denn die rechten organisationen sind ja nicht dumm - sie werden ihre pappenheimer ebenso kennen - und vielleicht gibt es ja auch auf diesen ebenen ein ("il-")"legales" geben und nehmen und einige unbotmäßige zweifelhafte strafbefreiungs- und strafminderungszusagen, die dem selbstverständnis und den regeln eines "rechtsstaats" nicht ganz entsprechen - ein kuhhandel mit infos hinüber und hernüber.

dies ist alo schon der fünfte beitrag zu meiner kleinen serie: "hanau auf den grund gehen", und bildet vielleicht die basis für das tatsächliche "grund"klima in diesem unserem lande, auf dem kassel, halle und hanau gedeihen konnten und vielleicht nur die derzeitige spitze eines eisbergs sind.

hoffentlich schüttet nun der neue weltweite panik-"hype" um die corona-viren alle mühsam ausgehobenen gräben zum thema und zu den erscheinungsbildern der rechtsradikalen übergriffe und attentate nicht wieder zu, dass man danach vielleicht nicht mehr "den rechten willen" aufbringt, diese scene zu beleuchten und mit allen rechtsstaalichen mitteln auch auszuhebeln...

man kümmert sich ja meist nur um die just aktuelle "sau", die gerade durchs globale "dorf" medienmäßig gejagt wird - und blendet das was war und vielleicht "unangenehm" ist, gern aus ...

Psychologie

"Was auffällt, ist das Motiv gekränkter Männlichkeit"

 

 

 

"Es gibt eine ganze Menge Täter, die sich sozial ausgestoßen fühlen", sagt Böckler. (Foto: Ian Espinosa/Unsplash)


Der Terrorforscher Nils Böckler befasst sich mit der Psyche von Attentätern. Ein Gespräch über Frauenhass und warum gerade "schwache" Männer gefährlich werden können.

Von Constanze von Bullion | SZ

In Deutschland wurden jüngst drei schwere Anschläge verübt. Der Attentäter von Halle sagte, er habe nie eine Freundin gehabt. Der von Hanau hatte offenbar ein ungelöstes Problem mit seiner Mutter und keinerlei Intimleben. Terrorforscher Nils Böckler über Amokläufer, Antifeminismus und anfechtbare Männlichkeit.

SZ: Herr Böckler, welche Rolle spielt das männliche Selbstbild bei Anschlägen wie in Hanau oder Halle?

Nils Böckler: Eine immer größere. Die Taten in Hanau und Halle sind noch nicht erforscht. Aber es zeichnen sich dort Muster ab, die mir sehr bekannt vorkommen. Was auffällt, ist das Motiv gekränkter Männlichkeit. Bei vielen Amoktätern haben wir in Forschungsprojekten auch wahrgenommene Mobbingerfahrung festgestellt. Es gibt eine ganze Menge Täter, die sich sozial ausgestoßen fühlen. Sie wollten immer Teil der Gesellschaft sein, sagen sie. Aber sie haben das Gefühl, man lässt sie nicht.

Was hat das mit Männlichkeit zu tun?

Eine Menge. Wir haben Biografien von Amoktätern untersucht, haben ihre Tagebücher gelesen und Akten analysiert. Dabei zeigte sich immer wieder das Muster überhöhter Männlichkeit. 1999 haben zwei Schüler an der Columbine Highschool in den USA zwölf Menschen und sich selbst erschossen. Daraufhin bildeten sich im Netz Fangemeinden. Es wurden Selbstdarstellungen und Abschiedsvideos hochgeladen. Die Polizei stellte Tagebücher der Täter ins Netz. Forschungen zeigen, dass 65 Prozent der späteren Schul-Amokläufer auf Columbine und das Motiv gekränkter Männlichkeit Bezug genommen haben.

Worin bestand denn die Kränkung?

Die Täter von Columbine haben einen bestimmten Feindtypus kategorisiert. Dazu gehörten beispielsweise Jocks, also attraktive junge Männer, die alle Frauen abbekommen. Über sich selbst schrieben die Täter, sie seien immer ausgestoßen worden. Einer hatte eine Trichterbrust, unter der er sehr gelitten hat. Mit diesem Gefühl, unattraktiv und sexuell erfolglos zu sein, haben sie sich radikalisiert. Plötzlich hieß es: "Wir werden in die Geschichte eingehen. Keiner wird uns mehr auslachen."

Wie werden aus einem anfechtbaren Selbstbild Gewaltfantasien?

Bei den Amokläufern, die wir untersucht haben, hat oft die Fan-Community das Narrativ der Heroisierung aufgenommen und weitergetragen. So nach dem Motto: "Guckt mal, da sind Leute, die wurden immer ausgestoßen und haben es geschafft, mit einem Knall aus dieser Welt zu treten. Das könnte ich mir für mich auch vorstellen." Das wurde in Foren etwa als Revolution der Ausgestoßenen dargestellt.

Welches Frauenbild findet man da?

Frauen werden als oberflächlich beschrieben, so als gehe es ihnen nur um Aussehen und Status. Hier gibt es Überschneidungen mit der Incel-Bewegung, der Bewegung unfreiwilliger Zölibatäre. Sie wurde in den 1990ern als Selbsthilfeforum für Singles gegründet. Dann radikalisierte sich die Sache. 2014 tötete Eliot R. in Kalifornien bei einem Amoklauf sechs Menschen und sich selbst. In einem Video erklärte er: Ich bin eloquent, sehe gut aus, habe Geld. Trotzdem lässt mich keine Frau ran. Das liegt nicht an mir, sondern an der Oberflächlichkeit der Frauen. Incels werfen Frauen auch oft vor, Sex zu verweigern, der Männern angeblich zusteht.

Klingt eher beleidigt als gefährlich.

Es kann aber sehr gefährlich werden. Im April 2018 ist ein junger Mann mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge in der Innenstadt von Toronto gefahren. Dieser Täter hatte Selbstzeugnisse im Netz veröffentlicht, wo er sagte: Eliot R. ist unser Märtyrer. Ich bin ein Incel. Attentäter werden da zu Vorkämpfern und Märtyrern einer Bewegung.

Wie fügen sich rassistische und antisemitische Gewalttaten in dieses Bild?

Im rechtsextremistischen Bereich gibt es das Konzept der leaderless resistance, des führerlosen Widerstands. Damit ist gemeint, dass Einzelkämpfer und autonome Zellen gebraucht werden, um die Gesellschaft zu unterwandern und von innen heraus zu zerschlagen. Im rechtsextremistischen Bereich grassiert zusätzlich die Verschwörungstheorie der "Umvolkung". Demnach stirbt die weiße Rasse aus, weil es ungezügelte Einwanderung gibt. Ein Faktor, der dies verschärft, ist angeblich der Feminismus. Weil er dazu führt, dass Frauen Karriere machen, weniger Kinder bekommen und Männer nicht mehr wie früher unterstützen. Manche glauben dann: Die feministische Verschwörung soll dazu führen, dass dein Volk ausgerottet wird. Gehe jetzt nach vorn und rotte andere Völker aus, sonst werden wir niedergemacht. Da wird ein Handlungsdruck aufgebaut. Ähnliche Gedanken hat auch der Täter von Hanau hinterlassen.

Welches Selbstbild versuchen solche Täter von sich aufzubauen?

Sie glorifizieren etwa Action- und Computerhelden, was man auch an der Selbstinszenierung im Zuge ihrer Taten sieht. Männlichkeit wird da immer noch sehr stark mit Selbstdurchsetzung, Kontrolle, Gewalt assoziiert. Gerade für narzisstische Persönlichkeiten kann dies attraktiv sein, um ein gekränktes Selbst zu übersteigerter, radikalisierter Männlichkeit aufzupumpen.

Ist der schwache Mann der gefährliche?

Er kann es werden. Viele Attentäter haben auch keine Bewältigungsstrategien, um mit einer Welt voller Unklarheiten klarzukommen. Da ist Radikalisierung ein einfacher Ausweg. Da malt man sich die Welt in Schwarz-Weiß. Und wenn die Welt nicht zuhören will, zwingt man sie eben dazu.

© SZ vom 29.02.2020 - 

 

 

 


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