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Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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das .

lese .

buch .

= n a r r a t i v e l y =

so könnte es gewesen sein  

 

10

 

 

Dies hier ist also keine rekonstruierte Erna-Geschichte - dies ist viel mehr eine der Antworten auf die anfangs auf dieser Website gestellte Frage

 

  • worum geht es >>>
  • & was hat das heutzutage mit uns zu tun...  >>>  
  • denn diese "Z | ze.tt" spoken-word-performance über das erinnern allgemein & zu den morden in hanau & anderswo - erschließt fast zeile für zeile das geschehen um erna kronshage mit: diese morde in hanau am                  19. februar [2020] - & die ermordung erna kronshages am     20. februar [1944] - also - es passt schon:
  • "du musst in einem februar frieren..."

 

... und deshalb ist diese Performance auch Teil meines Website-Titels

 

 

***

 

 

Tanasgol Sabbagh hat ein Gedicht über Hanau geschrieben. Eine Spoken-Words-Performance, begleitet von Drummerin Linda-Philomène Tsoungui.

 

 

Neun Menschen starben in der Nacht vom 19. Februar 2020 in Hanau:

 

  • Ferhat Unvar
  • Gökhan Gültekin
  • Hamza Kurtović
  • Said Nesar Hashemi
  • Mercedes Kierpacz
  • Sedat Gürbüz
  • Kaloyan Velkov
  • Vili Viorel Păun und
  • Fatih Saraçoğlu.

 

Der rechtsextreme Täter erschoss sie in und vor Bars, auf einem Parkplatz und in einem Kiosk. Später tötete er seine Mutter und anschließend sich selbst.

 

Dieser Anschlag reiht sich ein in die Geschichte rechtsextremer und rassistischer Gewalt in der Bundesrepublik. Der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, der rechtsextreme, antisemitische Anschlag in Halle, die Mordserie des NSU oder die Morddrohungen des sogenannten NSU 2.0 sind Beispiele der jüngeren deutschen Geschichte.

 

Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau hat die Lyrikerin Tanasgol Sabbagh ein Gedicht geschrieben. Für ZEIT ONLINE performt sie den Text im Video mit Linda-Philomène Tsoungui.

 

 

Hier gibt es den gesamten Text zum Nachlesen:

 

 

***

Du musst in einem Februar frieren

 

Die Nacht, die Namen

 

Du sprichst es Erinnern aus
als würdest du Entrinnen meinen
ist mir aufgefallen.
Du sagst: Erinnern und schon fließt es aus dem Kopf und durch die Finger

 

Stimmt es: Ein Jahr muss vergangen sein

 

Was lag in der Nacht
was nahm sich die Nacht heraus

 

Stimmt es: Du musst in einem Februar frieren

 

Lange sagten sie: Integration, wenn sie an den Tüchern zerrten und an der Sprache
lange sagten sie: Multikulti, wenn wir für sie singen durften und tanzen
lange sagten sie: Allen Menschen steht alles offen – wenn sie denn nur wollen –

 

Doch wir kennen die Grenzen, die sich durch Viertel, durch Schul- und Arbeitswege,
durch die Architektur der Wohnsiedlungen ziehen
wir kennen die Statistik
vielleicht nicht ihre genaue Zahl, aber wir kennen ihre Wahrheit

 

Wir zählen die Städte seit den Neunzigern
in den neuen Bundesländern und den alten
zählen Einzelfall nach Einzelfall nach Einzelfall

 

Du sprichst Erinnern aus.
Du sagst: Errrinern und schon fließt es aus dem (Kopf)

 

Du kannst es kaum fassen:

 

Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht

 

Wir sagen: Das Problem liegt im System
wir buchstabieren i n s t i t u t i o n e l l
und warten geduldig, bis unser Antrag bearbeitet wird

 

Uns überraschen keine Talkshows
wir kennen sie alle
wir wissen, wie sie konzipiert sind,
worauf sie abzielen
wir kennen den Preis der Einschaltquoten
wir wissen, wer ihn bezahlt
wir kleben an unseren Handys und sprechen seit einem Jahr von einer Nacht und neun Namen –
wir kennen auch die anderen
wir kennen die davor. Und die danach
wir vergessen nicht

 

wir erkennen uns an dem Maß, das voll ist
an dem Gras, das nicht mehr wachsen wird
über diese Vergangenheit,
die uns noch immer in die Augen starrt in der Bahn
oder im Park
dort, wo wir durch Haut und Haar auffallen,
erkennen wir sie an ihrem Atem
wir müssen nicht erst nach der Farbe der Schnürsenkel suchen

 

Wir kennen alle Namen.
Die, die sie uns geben,
so gut
wie die, die sie uns nehmen

 

Neun Namen,
wir denken an sie und ihre Familien
wir stellen ihre ungelösten Fragen
hier: Wo die Geschichte schon zu vielen Nächten einen Namen gab
hier: Kein Errrrinnern, kein Entrinnen mehr.
W i r  e r i n n e r n.


***

 

 

 

_______________________________________________________

 

 

 

Marktplatz in Hanau vor dem Denkmal der Gebrüder Grimm . Foto: Christine Schultze


 

RASSISMUS

 

Gewalt, verpackt in Buchstaben

 

Ein halbes Jahr ist seit dem rassistischen Anschlag in Hanau vergangen. Gedanken über das Gedenken an die Opfer rechter Gewalt

 

Von Mesut Bayraktar, taz-blog stil-bruch v. 25.08.2020

 

Ich erinnere mich sehr gut an den 19. Februar 2020. Neun Jugendliche mit Migrationshintergrund wurden durch einen rechtsterroristischen Anschlag ermordet. Kurz davor brüllte der Attentäter: „Ausländer raus!“, zwei Wörter, die ich, meine Familie und Jugendliche aus dem Viertel in Wuppertal, wo ich aufgewachsen bin, früher gehört haben als von den Märchen der Gebrüder Grimm.

 

Der Attentäter zückte eine Waffe. Dann fielen menschliche Körper zu Boden wie Kleidungsstücke, die der Wind von den Kleiderbügeln reißt, weil die Fenster offen stehen oder zerschlagen sind. Was ich an jenem Tag getan habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass sich eine kalte Wut in mir zu einer Faust ballte, so, als würde die Natur in mir zu einem Schlag ausholen. Diese Wut drückte mein Herz ins Gehirn und bewies mir, dass das Wort »Gerechtigkeit« einen Sinn hat. An jenem Tag suchte ich nach einem vernünftigen Grund, warum nicht ich in Hanau in einer Shisha-Bar saß, wie damals, als ich achtzehn war. Ich fand keinen, bis heute nicht. Hanau, das nehme ich persönlich.

 

An den folgenden Tagen sprachen viele von Mitgefühl. Die meisten Zeitungen verurteilten jede Art von Hass. Die Bürgerlichen sagten, dass sie die Guten sind und die Intellektuellen legten nach, dass sie sich die Normalität nicht nehmen ließen. Binnen einer Woche ließen sich Politiker vor Ort in Hanau blicken und nachdem sie von den Fernsehteams abgelichtet wurden, verschwanden sie mit blumigen Worten, die an folgenden Tagen wieder bedeutungslos waren und sich in Waffen sozialer Klassengewalt verwandelten. Anschließend überschattete die Krise des Gesundheitssystems den rechten Mordanschlag. Die Vergessenen und Geschlagenen wurden wieder vergessen und geschlagen. Die Boulevard-Soziologen, die im Namen der Opfer Essays verfassten, ohne das Leben in Armut und Diskriminierung zu kennen, verfassten nun Essays über die Vorzüge der Einsamkeit im Lockdown, ganz nach dem Drehbuch schuldbewusster Heuchelei. Es gibt keine Guten, genauso wenig gibt es Böse. Es gibt Herrschaftsverhältnisse.

 

Dann begann das Schweigen. Gerade dieses Schweigen ist es, wodurch Rassismus spricht, schikaniert, spaltet, tötet, mordet, plündert – schikanieren, spalten, töten, morden, plündern muss. Dabei lehrt die Geschichte doch: Eine Ideologie des Menschenhasses verschont keinen Menschen. Solche Ideologien verschafft sich der Kapitalismus permanent, um von seinen Verbrechen abzulenken. Rassismus – das bedeutet auch vorzeitiger Tod zugunsten jener, die daraus Extraprofite schlagen.

 

Hanau war nicht der Anfang. Ich denke an die NSU-Mordserie, in die dieser Staat verstrickt ist. Ich denke an das Schweigen der Bürgerlichen, der Behörden, der Justiz, der Künstler, der Gelehrten und der Politik, als wäre das Schweigen die Kriegsmusik aller gegen alle. Warum erhebt ihr nicht eure Stimme? Wo wart ihr, als Akten verschlossen und vernichtet wurden, in denen die Namen der Mörder stehen, und was ist die Kultur bereit zu riskieren, wenn sie einen Absatzeinbruch fürchten muss? Habt ihr Einspruch erhoben, als ein Mob in Claußnitz einen Bus mit verängstigten Kindern, wehrlosen Müttern und gebrochenen Männern anhielt und sich dabei stark fühlte, weil die Polizei ihn tatenlos gewähren ließ? Als Flüchtlingsheime brannten, Halle an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ermahnte und in Kassel ein Tapferer euresgleichen das Leben verlor, warum habe ich euch nicht auf der Straße gesehen, nicht einen einzigen Christdemokraten? Manchmal macht mich euer Hass gegen Arme und arbeitende Menschen sprachlos. Bis heute wagt ihr nicht, das Offensichtliche in Chemnitz beim Namen zu nennen, die Hetzjagd auf Menschen, und der Mord in einer Polizeizelle in Dessau, an Oury Jalloh, durch Polizisten juckt euch nicht. Noch heute denke ich an Rostock-Lichtenhagen, an dieses rauchende Hochhaus, das Herzenskälte und Ignoranz symbolisiert. Damals war ich zwei Jahre alt, und als ich drei war, starb ein Teil der Familie Genç bei einem Brandanschlag in Solingen, dem Nachbarort meiner Geburtsstadt. Und dann: Hanau.

 

Was haben die zuständigen Behörden seit dem Anschlag getan, was haben sie im Vorfeld des Anschlags getan? Kein Rassist wurde bisher entwaffnet. Kein Beamter wurde bisher zur Rechenschaft gezogen. Kein Politiker und Intellektueller hat Verantwortung übernommen. Die Strukturen bleiben dieselben. Charakteristisch für die Haltung der Herrschenden ist, was der hessische CDU-Landtagsabgeordnete, Heiko Kasseckert, im »Hanauer Anzeiger« am 1. August forderte: „Die Erinnerung an diesen schrecklichen Tag mit Bildern, Aufklebern, Blumen und Kerzen im Hanauer Stadtbild dauerhaft aufrecht erhalten zu wollen, ist nicht gut. (…) wir sollten die Orte der Geschichte, die Hanau ebenfalls hat, wie am Marktplatz das Denkmal ihrer wohl bekanntesten Söhne, der Brüder Grimm, von dieser dunklen Umklammerung befreien. Zur Bewältigung von Trauer gehört auch das Loslassen.“ Mit solchen Worten spricht er aus, was die Bürgerlichen in Bezug auf die Aufklärungsarbeit der Initiative und der Betroffenen wirklich denken: Verzieht euch in eure Viertel und verunreinigt nicht die Trophäen bürgerlicher Hochkultur. Im Grunde genommen plädiert Kasseckert für Verdrängung, eine Kunst, womit sich die bürgerliche Gesellschaft geschichtlich vor jeder anderen auszeichnet. Seine Worte sind Gewalt, verpackt in Buchstaben, nichts Neues, gewohnter Spott im Alltag. Die Sprache der Mächtigen ist raffiniert. Sie will Besiegten das Wort verbieten.

 

Fast alles, was wir aber heute über rechtsradikale Anschläge und rassistische Strukturen wissen, haben wir dem unermüdlichen Einsatz und dem Druck der Betroffenen, der Unterdrückten, den Antifaschisten und der Solidarität der Leidenden zu verdanken, nämlich uns, unserer Klasse. Es ist mehr als eine Schande, wie skrupellos rassistische Vorfälle abgewickelt und die soziale Wahrheit der Getretenen liquidiert wird. Es zeigt nur einmal mehr, dass uns niemand helfen kann, außer wir selbst, ob migrantisch oder deutsch, für mich gehört beides zusammen. Deswegen muss man Gedenken, weil Gedenken das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl weckt und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein zum Handeln gegen jede Erniedrigung und Entwürdigung auffordert.

 

Leuten wie Heiko Kasseckert möchte ich antworten: Wir lassen nicht los, weder von unserer Trauer noch von unserer Wut. Wir umklammern die Gebrüder Grimm so lange, wie wir es für nötig halten und Auswege aus eurer Gewalt finden. Wir wollen nicht eure Normalität, wir schaffen unsere eigene. Wir bleiben auf dem Marktplatz in Hanau, dem Opernplatz in Frankfurt, dem Stübenplatz in Hamburg, dem Schlossplatz in Stuttgart und auf vielen weiteren Orten und Plätzen, um Rassismus den Platz zu nehmen.

Denn wir wollen atmen. Wir vergessen die Namen der Ermordeten nicht. Das hieße, uns selbst und unsere Geschichte vergessen.

 

ich wollte diesen blog-beitrag der betroffenheit eines jungen menschen aus dem "nd" bzw. aus der "taz" hier noch hinzufügen - besonders auch unter der fragestellung: "was hat das heutzutage mit uns zu tun ???"...

das gedenken, die erinnerung, sucht immer zu den jeweiligen anlässen eigene und persönlich angemessene ausdrucksformen - vor 70/80 jahren war das schon genauso. und während sich die familie um erna kronshage für das eiserne verschweigen des gewaltsamen euthanasie-mordes entschied, um aber heimlich laienhaft die rücküberführte leiche zu inspizieren und nach verletzungen oder kanülen-einstiche zu forschen, finden heute junge leute ihren weg, ihre trauer und ihre erinnerung mit den namen der pfer auszudrücken - und diese betroffenheit öffentlich zu machen.

 

und natürlich treten dann die leute auf den plan, die eine solche öffentliche trauer verhindern wollen - und dasdann als ihr hehre tat verkaufen wollen, die dann davon faseln: "zur trauer gehört auch das loslassenkönnen" - also eben dieses eingeübte vergessen auf kommando: "aus den augen - aus dem sinn" - besonders wenn es sich um gewalttaten von rechts handelt ...: diese taten will man dann zum "vogelschiss in der deutschen geschichte" herunterschrauben, (gauland) um sie endgültig im sand plattzutreten...

 

aber wir haben es ja mit gewissheit gesungen: "unter dem pflaster, da liegt der strand" ... (click here)

 

"das vergessen der vernichtung ist teil der vernichtung selbst"

so hat es der psychosoziologe harald welzer in anlehnung an jean baudrillard formuliert: das vergessen des grauens ist also von den tätern immer implizit mitgedacht und haargenau mit eingeplant und einkalkuliert... damals & auch heute - und diesen plan gilt es zu durchkreuzen! si

 

Packwaggon                                                     9

Es klingt mitten in all den Kriegswirren fast unwahrscheinlich und wie ein Wunder - und ist trotzdem Fakt: 

Nach ihrer Ermordung im Zuge der dezentralen "Euthanasie"-Phase am 20. Februar 1944 in der Vernichtungsanstalt "Tiegenhof" in Gnesen (heute: Gniezno/Polen) wurde auf Antrag und auf Kosten der Eltern der Sarg mit Erna's Leichnam in einem Reichsbahn-Packwaggon über 600 Bahnkilometer nach Senne II zum Bahnhof Kracks rücküberführt - und dort auf ein Abstellgleis rangiert, direkt vor das Hofareal der Kronshageschen Landwirtschaft - in die unmittelbare Nähe zur angrenzenden Schreinerwerkstatt vom Vater Adolf Kronshage...

 

Doch was ist diese punktgenaue präzise "deutsche" zweiwöchige Logistikleistung, wahrscheinlich der Gekrat, bestimmt aber der Deutschen Reichsbahn, unter diesen verheerenden Kriegsumständen, bei Luftangriffen und dem damals gebotenen Deckungnehmen der Güterzüge in bewaldeten und verschneiten Fluren mit diesem auf verschiedenen Teilstrecken jeweils angehängten Leichenwaggon - bei all den vertuschten Massenmorden dahinter - was sollte mit dieser Logistik und Präzision dargestellt werden - was sollte das sein ?: War dieses Verstecken und Vertuschen und Verschwindenlassen des der Leiche im Transportsarg im Packwaggon zugrundeliegenden perfiden Masssenmordes nur ein vordergründig zelebriertes kalkuliertes Den-Schein-Wahren und ein Sand-in-die-Augen-Streuen als auch ein Kopf-in-den-Sand-Stecken aller aktiv oder passiv Beteiligten - bis zuletzt??? War das Ganze nichts weiter als ein ganz markantes und unbestreitbar "deutsches" Spezifikum dieses Vernichtungssystems - eben nur eine wohlgeplante vordergründige präzise und exakt punktgenaue Ablenkunsleistung und Heimführ-Performance als heimtückische Verschleierung des im Hintergrund durchkalkulierten und ebenso punktgenau geplanten und eiskalt durchgeführten Tötens?:

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", dichtete Paul Celan.

 

Der erst kürzlich verstorbene Zeitzeuge Herr Bruno F. hatte mir schon vor einiger Zeit berichtet, wie er als 11-/12-jähriger Nachbarsjunge der Kronshages - von schräg gegenüber - seinerzeit den Reichsbahn-Packwaggon auf dem Abstellgleis des Bahnhofes Kracks hat stehen sehen.

 

Gleich hinter dem Schreiner-Werkstattschuppen von Vater Kronshage, wo der immer bastelte und hantierte und reparierte, lief dieses Gleis auf dem direkt angrenzenden Bahnhofsgelände entlang. Da hatte man den Rangier-Lokführer gebeten, den Packwagen so abzustellen, dass man den Sarg daraus leicht bergen konnte.

 

Für den Jungen Bruno war das eine gruselige Vorstellung, dass Erna Kronshage als Leiche dort im Sarg liegen sollte - die Erna, die ihm als Nachbarin - so mit 6-/8-Jahren - beim Schreibenlernen behilflich war - und mit ihm das Diktat- und Schönschreiben in der Schule emsig geübt hatte.

 

Und das hatten sich die Erwachsenen zugeraunt: dass Erna im letzten Jahr ganz plötzlich abgeholt worden sei - und wohl in eine Anstalt gebracht worden wäre - mit Polizei und der "Braunen Schwester", dieser NS-Gemeindeschwester in braunfarbener Schwesterntracht. Bruno konnte sich da wenig drunter vorstellen - aber Erna sei wohl überarbeitet und überdreht gewesen - wollte morgens nicht pünktlich mittun und hätte plötzlich ihre Mitarbeit verweigert - und sie wäre sehr frech zu ihrer Mutter geworden...

 

Heutzutage wüsste er ja - so ungefähr erläuterte mir Bruno F. die Situation von damals, 66 Jahre später - dass Erna wohl dort "im elterlichen Betrieb" als "Haustochter" regelrecht angestellt gewesen sei. Und als landwirtschaftlicher Betrieb wurde der Hof damals nämlich als "kriegswichtig zur Ernährung des Deutschen Volkes" mit geführt - und stand wohl deshalb wie die gesamte Landwirtschaft im "Deutschen Reich" unter besonderer Beobachtung und Effizienzerwartung. Bummeleien konnte man sich nicht leisten, um den dringend benötigten Nahrungsertrag zur Versorgung der Zivilbevölkerung und "der kämpfenden Truppe an der Front" nicht zu gefährden - und jeder Ausfall an Arbeitskraft wurde auf Antrag sofort mit zugewiesenen Zwangsarbeitern aus dem Osten aufgefüllt. Die Landwirtschaft war ja noch nicht so durchmotorisiert wie heutzutage - es gab keine Trecker oder Mäh- bzw. Melkmaschinen.

Erna war als mittlerweile einzige Angestellte eines solch "kriegswichtigen Betriebes" befreit von den damaligen sonst üblichen Zwangsdienstverpflichtungen beim BDM oder Arbeitsdienst. Und da es den heute üblichen "Gelben Schein" als ärztliche Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung noch gar nicht gab, musste die Bummelei von Mutter Anna der NS-Gemeindefürsorgerin gemeldet werden, die das dann an den Amtsärztlichen Dienst der Kreisgemeinde weitergab, und der dann nach einer Untersuchung über eine tatsächliche Arbeitsunfähigkeit befand.

Und über diesen Weg hat dann Erna ja auch ihre nach eigenem Befinden benötigte "Auszeit" mit Hilfe der NS-Gemeindeschwester mit einer polizeilichen Einweisung in die Provinzialheilanstalt Gütersloh durchgesetzt - gegen den erklärten Willen der sorgeberechtigten Eltern - und - wie wir heute wissen -"von da an ging's steil berab" ...

 

Und obwohl er fast täglich rüber ging zum Spielen und Buddeln und Bolzen oder Mitanpacken zu den Kronshages auf den weitläufigen Hof, hatte er an Erna selbst zuvor keine Veränderungen irgendwelcher Art wahrgenommen. Sie war freundlich und schnippisch wie eh und je.

 

Sie übten zuletzt kein Schönschreiben mehr, wie sie das früher oft miteinander auf der Schiefertafel mit Griffel und Schwamm gemacht hatten, denn Bruno tat sich schwer mit dieser alten Sütterlinschrift, wo doch alle - auch sein Vater im Krämerladen - längst die runde "Lateinschrift" als flott hingeklirrte Handschrift bevorzugten.

 

Und doch legte der Lehrer Bröker in der Gemeindeschule noch immer großen Wert auf eine exakte Sütterlin-Krakelschrift mit Lang-s und Schluss-s - und allem drum und dran.

 

Und keine Flecken und Tintenkleckse ins Schönschreibheft - ja - das konnte Erna ganz penibel und prima ihm vormachen - und sie war sehr geduldig beim Kringel- und Hakenmalen und beim Auf- und Abschwung.

 

Und nun lag sie als Leiche da bei Eiseskälte tot im Packwaggon - und war wohl über Hunderte von Kilometern hierhin zurück transportiert und überführt worden. Die Erwachsenen in Vaters Laden hatten erzählt, wie wohl Ernas Bruder Heinrich und Vater Kronshage den Sarg aus dem Waggon gehievt hatten - bei Nacht & Nebel und Schnee - und in den Werkstattschuppen zunächst gebracht hatten. Und das war ja wohl verboten, den amtlich versiegelten Sarg dann einfach zu öffnen, um zu nachzuschauen, ob "ihr Ernchen" sich auch tatsächlich darin befand.

 

Da haben sie wohl die Leiche begutachtet, denn ob sie als 21-jährige junge gesunde Frau da in der Anstalt so fern von Zuhause so plötzlich ohne schwere Erkrankung einfach verstirbt - an "Lungenentzündung", raunten sie hier und da - aber sie sei nur noch "Haut & Knochen" gewesen, habe Mutter Anna gesagt - und im Totenschein stände ja wohl auch, sie sei an "Erschöpfung" gestorben - sie hätte nicht genug zu essen bekommen - und man habe ja - so wurde gemunkelt - mit einschläfernden Medikamenten nachgeholfen - denn Einstiche von Spritzen haben sie bei der laienhaften Leichenschau da im Schreinerschuppen nicht ausmachen können.

 

Also Bruno konnte damit nicht viel anfangen: an "Erschöpfung" stirbt man doch nicht - und überhaupt - warum war Erna über ein ganzes Jahr plötzlich weg und nicht mehr da .... ???

 

Brunos Eltern hatten ihm verboten, rüberzugehen und vielleicht auch einen Blick auf die nun tote Erna zu werfen - so quasi zum Abschied.

 

Und es war ja auch mitten im Krieg - und Tote und Gefallene gab es fast in jeder Familie in der Ortschaft und in Vaters Ladenkundschaft - und in der Nachbarschaft war ja der Gutshof von den Westerwinters vor drei Jahren bombardiert worden von den "Tommys" mit einem Kampfflieger - einfach furchtbar.

 

Bruno durfte auch nicht mit zur Beerdigung ein paar Tage später, als ein kleiner Tross ganz in Schwarz gekleideter Menschen aus Familie und Nachbarschaft hinter dem Wagen hergingen, mit dem der Sarg auf den Friedhof gefahren wurde, der fast einen Kilometer entfernt lag. Zuvor hatten sie wohl die inzwischen zurechtgemachte Erna-Leiche auf der Deele bei Kerzenschein im Bauernhaus zum Abschiednehmen aufgebahrt. 

 

Da hatte Bruno heimlich auch mal durch die Deelentür gespäht, aber konnte vor weißen Laken und Kissen vom weiten im Sarg nichts erkennen.

 

Und so hat er sich "seine Erna" als geduldige aber oft fröhlich lachende und doch auch gestrenge "Nachhilfe-Lehrerin" fürs Schön- und Richtigschreiben in Erinnerung behalten - egal was die Leute redeten - auch hinterher - dann all die Jahre ...

 
Das Familiengrab Kronshage auf dem "Alten Friedhof" in Senne II (heute Bielefeld-Sennestadt) - Grabstättenbezeichnung: A 03 - ist inzwischen nach Ablauf der Liegezeit zugunsten einer Grünanlage aufgelöst und eingeebnet worden = Es ist also im wahrsten Sinne des Wortes,"Gras über die 'Sache' gewachsen" 
 

__________________________________________

 

 

 
 
 
Übersetzung des o.a. Dokuments:
 
Kommission für die Untersuchung von NS-Verbrechen im Institut des Polnischen Nationalen Gedenkens, Warschau
13.11.1986 - I.dz.Zh.IV/4631/381/86
 
Als Antwort auf Ihr Schreiben vom 12.02.1986 informieren wir höflichst, dass wir als Ergebnis unserer durchgeführten Suche festgestellt haben, dass im Institut für Nervlich und Psychisch Kranke "Dziekanka" in Gniezno ein Hauptbuch in Verwahrung war aus den Jahren 1942 - 1948, aus dem zu ersehen ist, dass Ihre Tante Erna Kron[s]hage, Patientin dieses Betriebes, dort verstorben ist am 20.02.1944 um 09.30 Uhr, eingeschrieben unter der Position 15134/7161. Weitere Akten der Patientin, die Krankengeschichte etc., kamen angeblich zur Vernichtung als Folge des verbrecherischen Kriegsgeschehens. Die Todesurkunde von Erna Kron[s]hage wurde eingetragen im Standesamt in Gniezno unter der Nr. 99/1944/2.    
 
Unterschrift: Stellvertretender Direktor Assoc. Dr. Mieczyslaw Motas
 

 

8

 

In der Nacht zum Sonntag, dem 2.Juni 1940, geschieht in der allernächsten Nachbarschaft etwas Furchtbares und wiederum auch Eigenartiges. Ein offenbar verirrter britischer Einzel-Kampfflieger klingt über dem Gehöft Westerwinter - auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegen, vielleicht 100 Meter Luftlinie vom Kronshagschen Hof entfernt - mehrere Bomben aus und wirft sie bei seinem urplötzlichen Angriff am späten Abend ab. Sie treffen das große nachbarliche Gutshaus mit mehreren Nebengebäuden und führen dort zu Feuer und Zerstörung. Durch eine einstürzende Verandadecke wird die dort ansässige Nachbarin Ida G. im Alter von erst zweiundzwanzig Jahren getötet und ihr Freund August K. schwer verletzt.

 

Der Krieg selbst findet bis zu diesem Datum von Erna und der Landgemeinde Senne II eigentlich weit weg im Irgendwo statt - und wird von Erna höchstenfalls durch die spärlichen Feldpostbrief-Berichte ihrer Brüder von der Ostfront wahrgenommen, doch eben fernab von der Heimat geführt – und das bringt schon genug Sorge und Angst und Anspannungen mit schlaflosen Nächten mit sich.

 

Und ansonsten findet dieser Krieg, 9 Monate nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen, bisher eigentlich nur in der Zeitung und im Radio statt.

 

 















 
 
 
 
 
 
 
 
 
Und nun dieses Desaster - wie aus heiterem Himmel - unmittelbar vor der eigenen Deelentür. Es ist der erste Bombenabwurf in ganz Ostwestfalen-Lippe. Wie leicht hätte es den Mühlenkamp treffen können, denn der Kampfflieger wollte ja vielleicht den Bahnhof Kracks oder die Bahnlinie ganz in der Nähe treffen, denn ansonsten gibt es zu dem Zeitpunkt ja weit und breit keine kriegswichtigen Ziele.
 
Die Bahnlinie vielleicht, um die Bahntransporte von militärischen Nachschubgütern aus der Firma Benteler in Schloss Neuhaus bzw. die Versorgungslinie zum Truppenübungsplatz Senne zu unterbinden.
 
Vielleicht hat aber auch ein in schlingernden Schwierigkeiten geratener alleiniger Bomberpilot Ballast abwerfen müssen - und es sind tatsächlich zufällige und ungeplante Treffer. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Am makabersten ist dann jedoch am Wochenende darauf ein regelrechter Bomben- und Katastrophentourismus zu Fuß und mit Fahrrad, Bus und Bahn und Pferd und Wagen und PKW aus Bielefeld und Verl und Schloß Holte und aus Gütersloh und Paderborn. Alle wollen die Gebäudetrümmer und die frischen Bombentrichter auf dem Westerwinterschen Hof und daneben sehen. 
 
Die gesamte allmählich schon installierte Luftschutzabwehr hat jedoch kläglich versagt. Es hat keinerlei Sirenengeheul gegeben, auch kein Flakabwehrfeuer, wie Erna das späterhin noch einige Male zu Genüge miterleben wird. Es gab keine Warnungen.
 
Erna schreckt kurz nach dem Einschlafen auf, hört den Lärm, das Dröhnen und Aufheulen des Kampfflugzeugmotors beim Ansetzen zum Tiefflug, um seine tödliche Last abzusetzen, hört das Krachen und sieht die Blitze. Und erst die Feuerwehrsirenen einige Zeit später sind ein tatsächlicher Hinweis auf diese Katastrophe, die sich da gerade vor der Deelentür abgespielt hat.
 
 

Mit dieser Katastrophe direkt in unmittelbarer Nähe zum Nachbar-Gutshof sitzt für die 17-jährige Erna der Schock tief - und tritt nun zusätzlich abrupt zu den diffusen Ängsten um die Fronteinsätze ihrer Brüder - die Welt scheint geradezu stehenzubleiben.

Bomben
aus "heiterem
Himmel"
 
Das ist also dieser „heldenhafte Krieg“, von dem früher schon in der Schule die Rede war, und der jetzt - nach "Blitzsieg" zu "Blitzsieg" - überall auf Schritt und Tritt voller Enthusiasmus und Gloria gefeiert wird. Von einer todbringenden und zerstörerischen Gegenwehr des Feindes, von eigenen Verlusten und Katastrophen in der Heimat in einem solchen Krieg ist zuvor nie die Rede gewesen.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Dieser Schock geht Erna durch und durch. Erna leidet - und es stehen keine Katastrophenhelfer bereit, diesen Schock angemessen aufzuarbeiten. Die alltägliche Arbeit in der Landwirtschaft als "Haustochter im elterlichen Betrieb" zwingen sie, rasch zu verdrängen und einfach weiter zu machen.
 
Doch Erna Kronshage ist durch ihre Intelligenz auch äußerst sensibel - und dann trifft ein solches unmittelbares Geschehen besonders hart. Das steckt man als 17-jährige, die als jüngstes "Nesthäkchen" in der großen Geschwisterreihe bisher besonders behütet aufwächst, nicht einfach so weg - diese plötzliche existenzielle Bedrohung - aus "heiterem Himmel"  - diese panische Angst vor der eigenen Zukunft ...
 
 

  7

die rekonstruktion eines arztgespäches bei aufnahme in die anstalt

 

also - ich erhebe hier eure familienanamnese - so heißt das - wie sich deine familie auf der sippentafel in der ahnenreihe abbilden lässt - und ob es vererbbare erkrankungsprobleme in früheren generationen gegeben hat, die du heute in dir tragen könntest.

in unseren unterlagen steht, das im frühjahr 1939 schon einmal deine schwester frieda bei uns eingewiesen wurde - nachdem sie in ihrer arbeitsstelle in brackwede einen zornesausbruch erlitten hatte, nach einem streit mit einer arbeitskollegin - ich denke, du weißt davon ???

 

ja - natürlich - frieda hat mir ja auch gesagt, ich solle mich auch mal hierhin einweisen lassen. hier könnte ich mich in null-komma-nix wieder erholen von meiner erschöpfung. ja - erschöpfung ist das wohl, was ich habe - und was mich so schlapp macht, weshalb ich nichts geregelt bekomme - und plötzlich nicht mehr weiß, was ich als nächstes machen soll - und was ich schon gemacht habe.

 

ach so - verstehe ich das also richtig: deine schwester frieda hat dir empfohlen, dich hierher bringen zu lassen - und du willst dich hier also

erholen, dich ausspannen ...??? also erna - daraus wird hier nichts. wir müssen alle unsere arbeit machen - und wir sind im krieg - mädchen - da kommt es auf alle helfenden hände an. und du bist ja zur arbeit - zur arbeit! - auf dem hof deiner eltern angestellt - und deshalb von den bdm-verpflichtungen und vom arbeitsdienst usw. freigestellt, hat mir die nsv-schwester erzählt, die dich bei deiner einweisung begleitet hat. du bist in einem arbeitsverhältnis - und in einem landwirtschaftlichen betrieb arbeitest du an vorderster front für volk und vaterland - wie wir alle - und das gilt auch für dich.

aber zurück zu deiner schwester frieda: was hat dir die denn erzählt von uns, dass sie dich hierhergeschickt hat???

 

na ja - sie war hier ja im frühjahr vor 3 oder 4 jahren für vier wochen - wohl zu einer art "heilkur", so hat sie das wohl empfunden. sie war ja in ihrer arbeit bei einem streit sehr wütend geworden, so dass man sie direkt von der arbeit hier nach gütersloh gebracht hat. und hier hat sie die meiste zeit im bett gelegen - und sich mal so richtig ausgeschlafen, hat sie erzählt. und die schwestern hätten sie auch in ruhe gelassen. nach ein paar tagen aber musste sie dann mit an die frische luft in die arbeitskolonne für den garten, da musste sie mit schnee fegen - und wege harken - und wenn es draußen nichts zu tun gab, musste sie mitmachen beim kartoffelschälen in der schälküche, das hat ihr spaß gemacht gegenüber der eintönigen schraubarbeit in der firma. und viele der anderen frauen - hat sie erzählt - wären hier etwas überkandidelt gewesen und hätten geschrien - und hätten sie ein "faultier" genannt. und hätten sie oft in ihrer vom arzt verordneten ruhezeit gestört. ja - der arzt wäre nur eimal bei ihr gewesen. der hätte wohl viel anderes zu tun gehabt - und sie sei ja nur ein "leichter fall" gewesen.

 

aha - "leichter fall" - das musst du uns studierten ärzten schon überlassen, wie wir das jeweils beurteilen. wir brauchten damals betten für schwerere fälle - und haben deine schwester dann recht hals über kopf entlassen, weil wir ihr hier sowieso nicht recht helfen konnten. sie sei halt schnell wütend und aufbrausend, und dafür gibt es keine heilanstalten - das muss sie schon selber mit sich und ihrer umgebung und ihrem mann ausmachen. 

aber wenn du hier jetzt auch auftauchst mit so fadenscheinigen allgemeinzuständen - wo doch jede hand heutzutage draußen im feld gebraucht wird - da müssen wir uns mal etwas näher mit eurem "faulen fieber" in der familie und euren "ausnahmezuständen" befassen. da scheint ja etwas ganz anderes in euch zu rumoren, in eurer sippe - in eurer familie.

und glaub nicht, dass du auch hier erstmal im bett liegen kannst: schon morgen gehst du mit zum kartoffelschälen, das kennst du ja von zuhause - und dann kommst du nicht auf dumme gedanken - und dann werden wir dir schon die flausen hier austreiben ...

 

 

S.51/52 des 114-seitigen XXL-yumpu-magazins - click

 

6

"... bitte ich Sie  inständig, mir  

meinen Wunsch schon als  Mensch  zu erfüllen ..."

 
Der besorgte Vater Adolf Kronshage
bettelt im Juni 1943 beim
"Erbgesundheitsobergericht Hamm" 
auf Herausgabe
seiner noch minderjährigen Tochter Erna Kronshage,
um sie vor der Zwangssterilisation
zu schützen ...
 
  • Der Bettelbrief ist ein beschämendes Zeugnis auf dem Weg zur dann auf Beschluss erfolgten Zwangssterilisation am 4. August 1943 - und dann zur Euthanasie-Ermordung in der NS-Vernichtungsanstalt "Tiegenhof" im okkupierten Polen am 20.Februar 1944 ...

Original-Reproduktionen aus dem Studienblog ERNA KRONSHAGE, Abschnitt 15 - click dazu auch auf die Kopie-Abb.

>> Zur Original-Arbeitskopie der gesamten Erbgesunheitsgerichtsakte Erna Kronshage >> click hier

 

erna

ist auf dem familienfoto

von ca. 1930

die zweite von links /

 

die stolze großfamilie kronshage um 1930 - erna ist die zweite von links, die jüngste / das nesthäkchen ... - erna's vater ist der 5. von rechts

erna's vater - also mein großvater mütterlicherseits -  hat um seine tochter trotz eigener gesundheitlicher einschränkungen vehement gekämpft: als elterlich sorgeberechtigter bzw. "gesetzlicher vertreter" (erna erreichte erst 2 monate vor ihrem tod die  volljährigkeit! - damals mit 21 jahren) hat er, der damit ja auch das "aufenthalts-bestimmungsrecht" für seine tochter wahrnehmen konnte, immer wieder mit der "heilanstalt" korrespondiert wegen einer baldigen entlassung, da er die diagnose "schizophrenie" sowieso anzweifelte - und erna zu hause in der land-wirtschaft als einzig übriggebliebene mitarbeiterin dringend benötigt wurde -

 

der landwirtschaftliche nebenerwerbshof der kronshages unterstand in diesen ns-herrschafts- und kriegszeiten zwangsweise den ns-"reichsnährstand"-auflagen und wurde damit auch zu einem "kriegswichtigen" betrieb erklärt, wodurch auch der mitarbeiter-einsatz zentral reglementiert wurde, ggf. auch zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um keine ertragseinbußen hinnehmen zu müssen. 

 

erna's "blaumachen" im herbst 1942, mit der das ganze prozedere ja losgetreten wurde, war also keineswegs nur eine familieninterne angelegenheit...

 

click zur komplett-kopie der erbgesundheitsgerichtsakte

 

... sondern musste "von amts wegen" in einem kriegswichtigen "reichsnähr-stand-betrieb" angezeigt und gemeldet werden, denn erna war als "haustochter im elterlichen betrieb" ja als land-/hauswirtschaftliche arbeiterin dort offiziell berufstätig angestellt. 

 

damit war sie gänzlich freigestellt von den damals üblichen zwangsdiensteinsätzen der jugendlichen wie "pflichtjahr", "landjahr" oder "reichsarbeitsdienst". und deshalb schickte die zunächst angesprochene ns-gemeinde-fürsorgerin erna zum amts-   ärztlichen dienst der kreisgemeinde, der die ursache der plötzlichen verstimmung und arbeitsverweigerung untersuchen und beurteilen sollte -

 

denn es gab damals nicht etwa einen "gelben schein" vom hausarzt, wie das heute üblich ist bei einer arbeitsunfähigkeit als mitarbeiter

 

hausärzte waren rar, und es musste im weiteren sinne der "betriebs"-vertrauensarzt konsultiert werden: die arbeiterschaft in der zwangsreglementierten landwirtschaft war eher "militärisch" straff durchorganisiert - auch im hinblick auf die etwaigen ost- und zwangsarbeiter vielleicht in der nachbarschaft.

 

und der vater wollte natürlich auch die jetzt drohende zwangssterilisation verhindern, die auf antrag des anstaltsdirektors durchgeführt werden sollte, eben wegen dieser anzuzweifelnden chronischen "erb-erkrankung"... 

Das ist hier gar keine "Szenarien-Rekonstruktion" sondern die Gedächtnis-Zusammenfassung der Befragung einer Klassenkameradin Erna Kronshages als direkte Zeitzeugin - ca. Ende der 80-er Jahre - also 50 Jahre danach...

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
5
Frau Alma R.’s Situationsbeschreibung als Zeitzeugin:

 

„Also unmittelbar, bevor  diese Situation im Mühlenkamp um Erna eskalierte, soll sie ja verstärkt ihre Freundin von nebenan, die Helga K., besucht haben.  Nee, ihre Mutter fand das gar nicht gut. Aber was fand die Mama Anna schon gut von dem, was die Erna in ihrer allzu knappen Freizeit machte.

 

Die Erna ist da so hineingeschlittert, als letztes Kind ihrer Eltern ebenso wie als Kind ihrer Zeit. Ihr Schicksal war es, in immer stärkere Zerrissenheit zu gelangen, sich nicht eindeutig entscheiden zu können, eben auch zwischen den Fronten zu stehen. Der äußere Krieg wurde auch gleichzeitig in ihr zu einem inneren Krieg.
 
Für Erna war das eine zunehmend ausweglose Situation. Wir alle, ihre ehemaligen Schulkameradinnen, kamen im Nachhinein besehen insgesamt besser dabei weg, trotz aller massiven Nachstellungen durch den politischen Gegner und dem furchtbaren Schicksal unserer Eltern hier und da. Mein Vater wurde ja als früherer SPD-Bürgermeister von Senne II sogar ins Gefängnis gesteckt wegen "Hochverrat", weil er etwas Kritisches zum NS-Staat gesagt hatte. Unsere Eltern hatten ja schon vor Jahren selbst in der Stadt oder in ihren Betrieben nach Lehrstellen für uns gefragt oder nach Arbeitsmöglichkeiten. Bei Erna stand von Anfang an fest, dass sie auf dem Hof erst einmal zu bleiben habe und den Eltern zur Hand gehen müsse. Und das war in ihrer Familie scheinbar völlig normal. Da war man selbst seines Glückes Schmied, und die Eltern hielten Erna nur unnötig fest, eigentlich aus egoistischen Motiven, denn man konnte damals doch längst einen polnischen oder russischen Zwangsarbeiter für den Hof anfordern. Das haben alle gemacht - und da hatte auch niemand moralische Bedenken. Gerade auch, wenn man Söhne an der Front hatte - und Papa Adolf hatte ja das Asthma und Mama Anna hatte ja das Mutterkreuz in Gold.
Die hätten bestimmt einen "Fremdarbeiter" bekommen - und Erna hätte eine Ausbildung anfangen können - oder wenigstens auch in einer Firma arbeiten, damit sie mal rauskam.
 

Also, wenn Sie mich fragen, es musste zu einem Eklat kommen. Das war eigentlich abzusehen. Das war deutlich wahrzunehmen. Damals haben wir das so deutlich nicht gesehen. Wir waren noch viel zu jung, noch viel zu unreif, um dafür bereits Antennen entwickelt zu haben. Heutzutage weiß ich, dass es erkennbar war, was dann auch passiert ist.

Das fing damit an, dass Ernas Arbeitskittelkleider morgens immer verschmutzter wirkten, etwas weniger oft gewechselt, und auch ihre Haare schienen weniger gepflegt. Sie selbst schien plötzlich insgesamt weniger gepflegt zu sein. Zuvor erschien sie trotz ihrer schweren Arbeit und der entsprechenden Arbeitskleidung immer noch frisch und adrett. Es war alles sauber, es passten die Farben zueinander, die Holzschuhe waren gereinigt. Und das hörte schlagartig auf, das wurde dann alles etwas schludriger. Ich war ihr ja eine ganz gute Kameradin und Freundin, ich hätte sie auch darauf angesprochen, aber ...

 

Ja – und dann kamen die Tage, das war dann so im Herbst 1942, an denen wir morgens Erna nicht zu Gesicht bekamen, wenn wir die Fahrräder abstellten auf dem Mühlenkamp-Hof. Wenn wir dann Mutter Anna fragten, wo die Erna sei, ob sie krank sei, dann hat Mutter Anna geantwortet, ja, die sei wohl krank, die habe wohl das „faule Fieber“. Faules Fieber. Ja, wer abends bis in die Puppen drüben bei der Freundin zum Quatschen säße und nur noch Flausen im Kopf habe, käme eben frühmorgens nicht aus dem Bett. Und Mutter Anna sagte auch, sie habe schon mit der "Braunen Schwester" gesprochen vom NSV, die ab und zu vorbei käme, weil Erna so "widersetzlich" wäre.

 

Vereinsamung in einer Großfamilie 

 

 

Heutzutage denke ich, wir hätten uns vielleicht mehr kümmern sollen. Denn ihr Zustand hatte sicherlich auch damit zu tun, dass sie auf dem Hof regelrecht "vereinsamt" war, als Jüngste in der Geschwisterkette. Die Schwestern verheiratet oder aus dem Haus - und die Brüder im Krieg an der Front. Und Erna blieb zurück und hatte niemanden mehr zum Reden. Wir hätten mit ihr reden müssen. Da mache ich mir richtig Vorwürfe manchmal. Damals hätte uns die Erna gebraucht, als Freundinnen, als Gesprächspartnerinnen. Aber irgendwie war uns Ernas Leben auch damals schon zu fremd geworden. Ihre Realität hatte mit unserer Realität ja wenig gemein. Und dieser etwas "einfältige" Alltag bei all ihren Begabungen führte dann sicherlich zu dieser eigenartigen "Einweisung" in die Heilanstalt, an der sie ja selbst mit beteiligt war.

 

Ob das mit dem Bombenabwurf gegenüber dem Mühlenkamp bei Westerwinter im Zusammenhang gestanden hat - das weiß ich nicht. Den hat Erna ja auch wieder ganz anders erlebt als wir, die wir weiter entfernt wohnten und keine Nachbarn von Ida G. waren.

Wir hätten damals mehr mit Erna reden sollen ...“

4

 

"Herr Doktor - ich muss mich mal dringend erholen" ....

 

Bildtafel 29 aus dem XXL-Album

 

 

Da gibt es die überlieferte Geschichte, wie Erna, begleitet von ihrer Schwester Lina, aus Brackwede mit dem Fahrrad heimkehrt nach Hause, nach Senne II in den Mühlenkamp, nachdem sie bei der amtsärztlichen Untersuchung war und ihrem Vater die Überweisung zeigt: "Hier - ich soll nach Gütersloh in die Heilanstalt - und soll mich da erholen... - und ich will das auch - so wie damals Frieda - der hat das auch gutgetan...".

"Kind - ich glaub's dir wohl - wir brauchen dich doch hier auf dem Hof - du kannst doch in diesen Zeiten nicht herumflanieren - und dich 'erholen'. Das sind doch wieder Flausen im Kopf - solange du noch nicht volljährig bist - und hier als 'Haustochter' arbeitest, sind wir für dich verantwortlich - da kannst du nicht machen was du willst. Deine Brüder sind im Feld - und mein Asthma - und Mama wird auch immer älter ... - Kind - wir brauchen dich doch!" 


"Herr Doktor", soll sie dort beim Amtsarzt - allen Mut zusammenfassend - gesagt haben: "Ich möchte in die Heilanstalt nach Gütersloh - wissen Sie - da wo meine Schwester Frieda neulich mal gewesen ist. Die hat sich dort nach einem sehr nervigen Streit auf ihrer Arbeit wieder ganz prächtig da erholt. Statt in der stickigen Fabrik zu sitzen ist sie dort in die Gartenkolonne gekommen - und hat im Sonnenschein Unkraut gezupft - und konnte mit den anderen Frauen quatschen. Also - sie meinte - das wäre auch etwas für mich, damit ich wieder zu Kräften käme - und mal unter die Leute - und mal was anderes sehe. Ich bin nämlich regelrecht fertig und ausgepumpt zu Hause.


Da muss ich morgens andauernd so früh raus - auch wenn ich mal drüben bei Helga, der Nachbarin, war - und wenn deren kleines Kind schreit, dann quatschen wir halt etwas länger und schauen Illustrierten an und hören Radio - und schminken uns gegenseitig - manchmal die halbe Nacht. Ihr Mann - der junge Vater - ist ja auch an der Front wie auch alle meine Brüder - wir stören keinen - und der Kleine schläft dann meisten gegen 1 - halb 2, wieder ein, wenn er nochmal an der Brust war - und trotzdem muss ich dann ja morgens auch wieder so früh ran auf dem Hof - und hab einfach keine Lust mehr - diese ewige Maloche. Ich will auch mal raus und was erleben - aber hier ist ja nichts los - außer vor 2 Jahren der Fliegerangriff vom Tommy auf den Hof gegenüber - aber das war ja auch eher schecklich und traurig. 


Ansonsten huschen morgens die Zugpendler über den Hof und stellen ihre Fahrräder an die Eichen um dann vom gegenüberliegenden Bahnsteig mit dem Zug zu fahren - und Mama und ich sortieren die dann, damit sie abends wieder schnell zum Wiederlosfahren gefunden werden beim Abholen. Das ist aber immer der gleiche Trott - besonders seitdem meine Brüder weg sind an der Front. Früher - ja - da hat Willi mal Schifferklavier gespielt - und ich durfte mal an der Zigarette ziehen, die Ewald sich angesteckt hatte.
Aber jetzt habe ich nur noch meine Nachbarin Helga mit ihrem Kind - und da bin ich ganz vernarrt in den Kleinen - und wir wickeln und wir pudern zusammen - und da hab ich schon viel gelernt - Herr Doktor. 
Aber ich muss mal raus aus dem Trott. Schicken Sie mich also ruhig nach Gütersloh - da komm ich mal unter die Leute - und komme wieder zu mir.


Aber sagen Sie nichts meinen Eltern davon, was ich hier gesagt hab. Schreiben Sie vielleicht am besten einfach eine Einweisung nach Gütersloh, damit ich mich wieder ein wenig erhole ...

 

 

Erna wurde älter - und sehnte sich nach einem "ganz normalen" Familienleben - so wie bei der Nachbarin Helga, mit ihrem Kleinkind. Da war der Mann und junge Vater zwar auch im Krieg - aber der war ja auch irgendwann mal zu Ende... Und Erna hatte ja bis da

3

 

ich habe überlegt, wo diese "anmerkung", diese assoziation, diese andacht hier auf den seiten dieser website unbedingt ihren platz einnehmen könnte - und habe mich dann hierfür entschieden:

dieses jahr hat es ja an historisch hehren erinnerungen in sich: 75 jahre nach kriegsende - 75 jahre befreiung auschwitz - 75 jahre nach den ns-euthanasie-krankenmorden:

 

da steigen manchmal bilder auf - und verknüpfen sich dann mit den texten, auf die ich "zufällig" stoße - und die mir anstoß sind - und manchmal auch "anstößig":

 

da blicke ich auf das stelenfeld in berlin - und da lese ich von den 75.000 stolpersteinen, die der künstler gunter demnig inzwischen gelegt hat - in europa - diese messingplaketten mit

eingraviertem namen, jeweils vor dem letzten "freien wohnsitz" des benannten ns-opfers. und da sind sie jeweiligen paten, die dafür gesorgt haben, dass überhaupt ein stolperstein gelegt wird - und da sind die kämpfe von interessengruppen, damit so ein projekt wie das stelenfeld in berlin zum gedenken an die opfer des holocausts überhaupt angeschoben und dann letztlich auch millionenschwer umgesetzt wird: mitten in berlin - in bester lage: in nähe vom brandenburger tor und vom reichstagsgebäude ...

 

und dann denke ich an die anerkennung aus dem ausland über die gedenk- und erinnerungskultur hier in deutschland zu allem, was da zwischen 1939 und 1945 geschehen ist - ja und ich denke auch an den "vogelschiss" des bundestagsabgeordneten gauland, wie er diese ns-epoche tituliert und bezeichnet hat.

 

 

und just in diesen überlegungen - und in diesen gefühlverwirrungen von innerer trauer über all das leid, das damals geschehen ist - in allen familien - mehr oder weniger - aber auch dem stolz, wie hier in deutschland diese zeit aufgearbeitet wird - und wie ihr gedacht und wie erinnert wird

 

- und über diese ewig gestrigen, die diese zeit wegradieren wollen - aus den augen aus dem sinn... - und just in diese überlegungen stolpere ich über diesen text aus 

 

matthäus 23, in den versen 27-32:

 

"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!

 

Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, inwendig aber voll von Totengebeinen und aller Unreinheit sind. 

 

So scheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, von innen aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit. 

 

Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! 

 

Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten 

und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir uns nicht an dem Blut der Propheten schuldig gemacht haben.

 

So gebt ihr euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben. Und ihr, macht nur das Maß eurer Väter voll! ..."

 

 

dieser text sagt viel zu unserem eingebildeten "reinen" nachkriegs-generationsgewissen: "da habe ich doch nichts mehr mit zu tun - das waren die "nazis" - und in unserer familie war keiner "nazi" - gab es keine "nazis" ...

 

dabei wird oft verkannt, dass die nsadap damals bis zu 9 millionen freiwillig eingetretene "parteigenossen" hatte: 9 millionen bei einer gesamtbevölkerung von rund 80 millionen menschen, wovon wohl ca. 60 millionen volljährig waren: also jeder 6. bis 7. erwachsene reichsbürger war mitglied der nsdap ...

 

ich will nun auch nicht moralisch werden - und ich habe etwas gegen "sippenhaft" - das klingt mir zu sehr nach "erbbiologischen" überlegungen. aber man darf nicht verkennen, dass die allermeisten deutschen familien dem zeitgeist damals positiv gegenüberstanden - und passiv bzw. aktiv "mitmachten" - oder denen das - wie alles - "egal" war - aber "egal" ist keine meinung! 

 

"nazis" - das war nicht eine braun- oder schwarzuniformierte extra-bande: die "nazis", das waren die deutsche gesamtgesellschaft - und diese tatsache sollte für alle nachgeborenen ein heilsamer schock sein ... ew-si

 ... und dazu fällt mir auch der saloppe spruch von "fräulein" bahlsen ein: in ihrem betrieb sei man immer immer "gut" zu den zwangs- und ostarbeiter*innen gewesen ...

 

2

"Mein Lachen ist Weinen"

allein auf weiter flur - erna's alltag ist zum heulen
die nabelschau vor den (be)"gut"achtern des mobilen erbgesundheitsgerichts zur zwangssterilisation: "warum lachst du, erna?"...

Am 29. März 1943 sitzen 

  • ein Amtsgerichtsrat und
  • zwei Medizinal-Oberärzte -

wahrscheinlich am langen Tisch des damaligen holzvertäfelten Sitzungs- und allmorgendlichen Arztbesprechungszimmers im Verwaltungsgebäude der Provinzial-Heilanstalt Gütersloh. 

 

Sie bilden an diesem Tag das mobile Bielefelder „ErbgesundheitsGericht“, und sie beschließen dort im 20-Minuten-Takt über die „Unfruchtbarmachung“ von insgesamt 11 Patient*innen.

 

Erna Kronshage wird dort als dritter „Fall“ laut damaliger uns vorliegender Vorab-Planung der Verwaltung von 8.40 bis 9.00 Uhr „vorgeführt“, wie es im amtsdeutsch im Sitzungsplan heißt: Ohne Anwalt - nur mit der wohl mehr schweigend mitfühlenden dabeisitzenden Schwester als die vom erkrankten Vater bevollmächtigte Beistandsperson, die gerade sechs Wochen zuvor selbst ihr erstes Kind geboren hatte - wird über diese endgültige Maßnahme der Sterilisation "gegen den Willen der Betroffenen - bzw. ihres gesetzlichen Vertreters" in erster Instanz entschieden … 

 
Und Erna selbst - sie lacht bei der Anhörung vor lauter Aufregung und Verlegenheit und Einschüchterung zwischendurch einmal ob dieser surreal anmutenden Situation auf.

 

Und auf die Frage der Herren, warum sie denn ausgerechnet jetzt lache, antwortet sie schlagfertig mit dem eigentlich tiefgründigen Satz : 
„Mein Lachen ist Weinen“

 

  • In der Beschluss-Fassung steht dazu der Vermerk: 

„In der mündlichen Verhandlung machte Erna Kronshage einen gespannten Eindruck und lachte ohne Grund auf. Sie äußerte, ihr Lachen sei Weinen“...

 

Und dieses Verhalten wird jetzt von den hochbesetzten Erbgesundheitsgerichts-Richtern eugenisch-psychiatrisch-pathologisch gedeutet, um die von Ernas Vater im Vorfeld der Verhandlung angezweifelte „Schizophrenie“-Diagnose des Gütersloher NS-Oberarztes Dr. Werner Norda noch einmal mit Nachdruck "fach-männisch" als Experten auf diesem Gebiet zu unterstreichen.


Doch die 20-jährige Erna lacht ja auch, um nicht losheulen zu müssen, weil sie sich ihrer Tränen vor diesen sie mit Blicken durchbohrenden Männern in dieser in jeder Hinsicht ungleichen Begegnung schämen würde, denen sie da bei einem solch heiklen und existenziell intimen Thema doch recht allein und ungeschützt ausgeliefert ist…

 

 

 

1

ich stelle mir das mal so vor: 

 

da hatte die nsv-fürsorgerin - die sogenannte "braune schwester" wegen ihrer braunfarbenen schwesterntracht - ihren routine-rundweg durch die gemeinde fast abgeschlossen. und nun - bei anna kronshage - stellte sie wie immer so gegen elf ihr dienstfahrrad unter - und fuhr dann mit dem zug weiter nach windelsbleiche oder brackwede.

 

sie hatte alles fest im blick - und sie war damals ja in erbbiologischen fragen zum gesunden volkskörper "top" ausgebildet. ja - man hatte ihr das ja "vom einsatzbüro" im gesundheitsamt mit auf den weg gegeben: "schau nach diesen 'volksschmarotzern'": gerade auf den etwas abgelegenen gehöften - denn dort werden die gerne von den eltern oder geschwistern abgeschirmt und regelrecht versteckt... - und guck auch nach den ostarbeitern, die lassen sich gern mal hängen ...

 

 achtet also auf die infragekommenden kandidaten, die von der norm abweichen, mit denen man nichts anfangen kann, mit denen "kein krieg zu gewinnen ist": unnütze esser - und die man dann über den amtsarzt einer unfruchtbarkeit zuzuführen hat mit dem  erbgesundheitsgericht - ruck zuck, sonst liegen die uns auf der tasche.

 

 die familien selber kümmern sich da nicht. die wollen sich die hände nicht schmutzig machen. ja - das müsst ihr machen - ihr jungen schwestern, denn ihr habt jetzt den richtigen blick dafür.

 

 "na, anna - wie geht's - was machen deine söhne draußen im feld?" "ach, unser ewald hat gestern noch per feldpost geschrieben aus russland - und von willi erwarten wir jeden tag post ... - aber schwester - ich brauche da mal einen rat: unsere erna steht morgens nicht mehr pünktlich zur arbeit auf - sie quängelt und widersetzt sich und hat nur noch flausen im kopf - sie will eine ausbildung machen - und meint, hier auf'm hof, das wäre auf dauer nicht das richtige für sie ... - sie will raus - sie würde ausgenutzt - und träumt - und tut nicht mehr recht ihre arbeit - und klüngelt herum: faules fieber...

 

 stellen sie sich das mal vor: als ich sie gestern mal ein wenig angetrieben habe, sie solle etwas schneller machen - da hat sie mir doch tatsächlich gedroht - und die hand gegen ihre eigene mutter gehoben, gegen ihr eigen fleisch & blut" ...

 

 

Brosche: Freie NS-Schwesternschaft

 

Hier illustrierendes Bildmaterial zur Rolle der sogenannten "Braunen NS-Schwestern" in der Krankenpflege und in der Orts-"Fürsorge":

  • Eingerahmt von zwei NS-Schwestern (links die NS-Brosche an der Schwesterntracht) die Kinderärztin Dr. Lotte Albers, die mindestens 14 behinderte Kinder tötete (!), untersucht für eine NS-Propaganda-Fotoaufnahme ein Kind in den 1940er Jahren - Foto: Andreas Babel (Sammlung Lotte Albers)

Dr. Lotte Albers (1911-1992), als Tochter eines Ostindien-Kaufmanns in Hamburg 1911 geboren, tötete damals mindestens 14 Kinder im ehemaligen Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Noch während des Krieges wechselte sie ans Krankenhaus Barmbek, wo sie noch bis mindestens 1948 tätig war. 

Nahezu 30 Jahre lang  - bis in die 1970er - arbeitete sie schließlich völlig unbehelligt als niedergelassene Kinderärztin in Harburg in ihrer Praxis am Schloßmühlendamm (!), in einem der wenigen erhaltenen, alten Gebäude des Stadtteils, über der ehemaligen Löwenapotheke. Sie war mit einigen Kinderkrankenschwestern des KKR weiterhin befreundet, am besten mit Gudrun Kasch (evtl. auch mit auf dem Foto), die dabei mithalf, die Kinder zu töten, indem sie sie festhielt, während die Ärztin die Spritze verabreichte. Kasch war nach dem Krieg als Sprechstundenhilfe für Albers tätig. Lotte Albers starb 1992 in ihrer Heimatstadt, der sie ihr Leben lang treu geblieben war. 

Sie hinterließ Fotoalben, die von ihrer Mediziner-Laufbahn zeugen. Mehr zu ihr in: "Kindermord im Krankenhaus" von Andreas Babel, ​S. 78 bis 89.

 

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