40 jahre diakonische arbeit: das diakonen-kreuz
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hinsehen! - was wir von bombenentschärfungen lernen können für's leben

 

 
Ausschnitte aus einem "bento"-Artikel von Susan Barth
(Original: click here)




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als wir in den Bunker kommen, scheint mir Kunstlicht ins Gesicht. Es regnet schon den ganzen Tag

hier in Berlin. Drinnen ist die Luft kühl und trocken, zwei Mitarbeiterinnen unterhalten sich leise hinter der Kasse. Eine Freundin und ich besuchen heute eine Dauerausstellung im Story-Bunker Berlin. Alles, was wir heute sehen werden, steht unter einer einzigen Frage: Wie konnte das geschehen? "Das" ist Hitler. Der Nationalsozialismus. Der zweite Weltkrieg. Der Holocaust. Zerstörte Städte. Zerstörte Familien. 55 Millionen Tote.

Wir zahlen 13,50 Euro für ein Kombiticket inklusive Audioguide und schließen unsere feuchten Rucksäcke in einem Schließfach ein.

Ich weiß, dass ich in dieser Ausstellung keinen Spaß haben werde.

Stattdessen wird sie mich aufwühlen. Ich werde gleich immer stummer werden. Ich werde fassungslos sein. Ich werde auf einer der Bänke sitzen und nicht bemerken, dass ich weine.

Warum besuche ich die Ausstellung trotzdem?

Weil ich das Gefühl habe, dass ich es muss. Weil ich glaube, dass Museen, Dokumentationszentren und Ausstellungen nicht nur für Schulklassen gemacht sind. Und dass jeder von uns sie regelmäßig besuchen sollte.

Weil man sich regelmäßig daran erinnern sollte, was vor achtzig Jahren passiert ist. Überall in Deutschland, in Europa, auf der Welt. Auch nach der Schule. Auch, wenn es niemand mehr für einen organisiert.

Nach der Schule war da niemand mehr, der darauf Wert legte, dass ich Dokumentationszentren oder Lesungen Holocaust-Überlebender besuchte. Niemand zwingt mich heute dazu, mich weiter mit diesem Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen.

Dennoch versuche ich, mir das Grauen regelmäßig vor Augen zu rufen. 

Ich sehe den Film "Das Leben ist schön" oder lese Paul Celans "Todesfuge". Ich besuche Ausstellungen wie die im Story-Bunker, Mahnmale, Denkmäler und jüdische Friedhöfe in deutschen Städten. Alles, was in mir ein Gefühl zu all dem auslöst, was geschehen ist.

Ich mache das nicht, weil ich es spannend finde oder meine eigenen Grenzen austesten will. Sondern weil ich glaube, dass uns nichts anderes dieses Kapitel der Geschichte irgendwie näherbringen kann. Dass nur, wer fühlt, auch verstehen kann, dass so etwas nie wieder passieren darf. Dass das viel mehr bildet und berührt als alle Fakten.

Ich kann hunderte Male hören, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden in Deutschland ermordet wurden. Diese Zahl sagt mir wenig, sie ist zu abstrakt.

Aber in der Ausstellung sehe ich, was mit den Menschen passiert ist, die diese Zahl sind.

Das kann kein Geschichtsbuch. Gefühle lassen sich nicht erzwingen, aber man kann bereit dazu sein, sie zuzulassen. 

Manchmal frage ich mich, ob es moralisch in Ordnung ist, diese Menschen, ihre Bilder und ihre Schicksale zu betrachten, um zu versuchen, das, was passiert ist zu verstehen. Aber so funktioniert die menschliche Psyche. Das, was wir fühlen und erleben, hinterlässt einen intensiveren Eindruck als das, was wir uns einfach nur rational erfahren.

"Haben wir nicht langsam mal genug darüber gesprochen?", höre ich manchmal Menschen genervt sagen, wenn es um den Holocaust geht. Nein, das haben wir nicht. Seht es euch noch einmal an. Alles. Und dann muss es doch offensichtlich sein, dass wir über Unaussprechliches niemals aufhören können zu sprechen. 

Was vergangenen Mittwoch in Halle passiert ist, zeigt das auf eine furchtbare Weise ganz deutlich.

Wie können Ermittlungsbehörden nach so einem antisemitischen, antimuslimischen, einem rassistischen Gewaltakt noch von Einzeltätern sprechen, wenn Rechtsextremismus überall in Deutschland und im Internet immer präsenter wird? Wie kann man so tun, als würde es den ganzen Rest nichts angehen?

Was in Halle passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin traurig. Ich bin sprachlos. Ich bin wütend.

Es geht uns alle an. Deswegen wünsche ich mir, dass wir uns immer wieder dem Grauen stellen. 
Der Bildungsauftrag an uns selbst darf nach der Schule nicht vorbei sein. 
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ich bin susan barth für ihren bento-aufruf außerordentlich dankbar - gerade auch, weil aus ihm eine echte betroffenheit erkennbar mitschwingt - und so vielleicht unseren zunächst ohnmächtigen gefühlen bei solchen ereignissen wie dort in halle aktive möglichkeiten eröffnet werden, damit im hier & jetzt auch angemessen umzugehen.

wir müssen nicht den ganzen tag in sack & asche gehen und vor selbstvorwürfen und dauertrauer eine depressive krise heraufbeschwören. wir sollten die vergangenheit dennoch an uns persönlich heranlassen und sie integrieren in unser heutiges sosein - und wir müssen mit anderen das "unsagbare" miteinander besprechen lernen. 

das geht eben nicht nur mit gesten des bedauerns an den großen gedenktagen und feierstunden - so wichtig auch die für die seelenhygiene unserer gesellschaft regelmäßig sind. aber das darf nicht zum "pflicht"ritual veröden: wir müssen unsere eigene gedenk- und erinnerungskultur ausbilden, ein(e) jede(r) nach ihrer/seiner facon - und in den familien und im lebensumfeld sind die spuren und hinterlassenschaften von damals auch tatsächlich aufzuspüren. und erst mit dem "erspüren" wird das geschehen "fassbar" und "begreifbar" gemacht für unsere ganz individuelle wahrnehmung.

allerorten liest und hört und sieht man ja zur zeit von den späten bergungen und "entschärfungen" der bomben-blindgänger, die tief verschüttet mancherorts im erdreich geschlummert haben - und zu deren entschärfung oft ganze stadtteile mit tausenden von menschen in sammelunterkünften oft für stunden ausharren müssen.


 
die bombenentschärfung als passende metapher für die persönliche aufarbeitung der nazi-zeit bis in die 3. und 4. generation danach
 
 
ein solches aufspüren, bergen und entschärfen ist geradezu symbolhafte gestaltwerdung dessen, was eine angemessene aufarbeitung mit dieser zeit ganz individuell meint: denn da sind in dieser gesellschaft, in den orten und familien überall noch "blindgänger" zu bergen - oder man sagt ja auch: "leichen im keller" - und die gilt es, in der auseinandersetzung damit endlich schritt für schritt zu "entschärfen". 

 

sich das damalige grauen immer wieder vor augen zu führen ist dazu eben auch eine der adäquaten möglichkeiten, diese phase unserer (familien)geschichte nicht einfach abzuspalten und/oder zu verschweigen und beiseite zu wischen - oder wie der afd-vorsitzende gauland, diese zeit einfach als "vogelschiss" der geschichte zu bezeichnen und damit ins lächerliche zu ziehen.

 

 
mit solchen inneren gesellschaftlichen verflüchtigungen und verleugnungen macht man sich auch an den millionenfachen opfern insgesamt von holocaust und ns-euthanasie mitschuldig - und diese unentschärften "blindgänger" können im laufe der zeit in jedem konflikt mit uns "hochgehen" - damüssen wir uns schützen.
 
derartige verdrängungen zeitigen dann ereignisse wie jetzt in halle und anderswo, wo verirrte und maßlos verrohte menschen versuchen, mit vorsätzlichen und durchgeplanten mörderischen nachahmungs-taten aus verqueren motivationen heraus in diesen wahnsinn von vor 80 jahren einzutauchen, um ihn mit den heutigen mitteln fortzusetzen, anscheinend auch aus einer völlig verkorksten geltungssucht heraus.
 
nur wenn wir alle, jede(r) einzelne von uns, sich dieser realen epoche unserer region, unserer eltern, großeltern, nachbarn und verwandten ganz bewusst immer wieder neu stellen, können wir sie vielleicht im laufe der zeit angemessen verarbeiten und damit "gesund" umzugehen lernen, sie "entschärfen" - denn nachschwingen und herumspuken werden diese dunklen seiten und "blindgänger" in den familienbiografien und in den winkeln des (un)bewussten ja tatsächlich wohl "bis in die dritte und vierte generation", wie es schon in der bibel steht - und wie es die wissenschaftlichen erforschungen zur "transgenerationalen traumata-weitergabe" zweifelsfrei bestätigen - natürlich in ganz individuellen auswirkungen - jede(r) auf ihre/seine art.
 
ich habe zu diesem gesamt-komplex ja das ns-euthanasie-mordprotokoll meiner tante erna kronshage ganz kosten- und barrierefrei hier im netz veröffentlicht mit verschieden umfangreichen zugangsmedien, wo man sich dann ganz direkt mit diesem einzelschicksal - vielleicht dann eben auch in der eigenen familie, gemeinde, verwandtschaft - beschäftigen kann.

 

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NS-EUTHANASIE-GEDENKEN

 

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ERINNERUNG AN ERNA KRONSHAGE

 

Schon 1948: Eine Gedenktafel für die ca. 3.500-5.000 NS-"Euthanasie"-Opfer in der NS-Mordanstalt TIEGENHOF/GNESEN DZIEKANKA/GNIEZNO-PL

ERNA KRONSHAGE wurde hier am 20.04.1944 ermordet



Deutscher Text der Gedenktafel in Dziekanka - Gniezno:

 

Zu Ehren der Gefallenen und ermordeten 
Mitarbeiter und Patienten von der Abteilung 
für Psychiatrie - Dziekanka - 
in den Jahren der Besatzung, 1939-1945 - 
Mitarbeiter der Abteilung, August 1948

 

 

Früher: Ein Grab und das Mahnmal auf dem Alten Friedhof Bielefeld-Sennestadt ...

..

Diese Grabstätte Kronshage (Bezeichnung "A 3" auf dem Alten Friedhof Sennestadt) ist inzwischen eingeebnet worden, der Stein wurde entfernt. Jetzt "wächst Gras über diese Sache" - im wahrsten Sinne des Wortes: der Alte Friedhof wird vorzugsweise in einen Grünzug umgestaltet und nicht mehr belegt. Im Hintergrund dieses Fotos aus 2011 das "Ehrenmal" - das auch inzwischen "in die Jahre" gekommen war - und deshalb abgebaut wurde - die Inschriften und Opfer-Namenstafeln wurden an einem anderen Kreuz auf dem Friedhof wiederverwendet ... 2016 gibt es an der hier abgebildeten Stelle also weder Stein noch Denkmal - was in einem solchen Moment auch wie ein Aspekt zur Gedenk- und Erinnerungskultur in diesem Stadtbezirk wirkt ...

 

Über die Gestaltung des "Alten Friedhofes" in Sennestadt aber macht man sich erneut in Gremien und Arbeitsgruppen Gedanken. Nachdem die Kronshagesche Grabstelle 2013 aufgelöst und "fachgerecht" nach den schriftlich ausgehändigten Bestimmungen geräumt und eingeebnet wurde, gestattet man nach entsprechendem Beschluss der Stadtbezirksvertretung allerdings bereits seit 2012 wieder, Grabmalsteine auch stehen zu lassen, die einen irgendwie "historischen Wert" an sich haben ... - und man bietet wohl hier und da Patenschaften für einzelne Grabstätten an ... 

 

Als die Nutzungszeit für das Familiengrab Kronshage also zum 01.05.2013 abgelaufen war, wurden diese inzwischen getroffenen entsprechenden Beschlüsse nicht frist-, sach- und fachgerecht im Rahmen der Friedhofsverwaltung in Sennestadt weitergegeben - so dass es zur beschriebenen Beseitigung auch des Familiengrabsteins kam ....

 

Doch da greift jetzt anscheinend sowieso eine neue Form der Gedenk- und Erinnerungskultur auch in neuen und anderen gesamthistorisch-kulturellen Zusammenhängen ... Schade - für die Grabstätte der Familie Adolf Kronshage und somit für die letzte Ruhestätte des Leichnams von Erna Kronshage kommt dieses neue Ansinnen einfach zu spät: der Stein ist unwiederbringlich geschreddert - und "es ist Gras über die Sache gewachsen" ... - ... "knapp vorbei ist auch daneben ..."

 

Mal sehen, ob eines Tages auf diesem Friedhofs- bzw. Grünareal wohl wieder ein Zeichen des Gedenkens und der Mahnung an das Opferschicksal Erna Kronshages erinnert ...

 

Zu entsprechenden Presse-Infos und Leserbriefen etc. dazu:

hier clicken 

 

 

Fast die gleiche Fotografier-Stelle wie oben - heutzutage: kein Familiengrabstein mehr - kein Mahnmal im Hintergrund: was dann auch wie ein Aspekt zur Gedenkkultur in diesem Stadtbezirk und auf diesem Friedhof daherkommt ....

"Zum Gedenken an die Opfer ... der Gewaltherrschaft"

Diese Inschrift vom alten "Ehrenmal" wurde nun neu an ein Kreuz auf der Mitte des Friedhofes platziert ....
Video-Still aus dem Beitrag von der WDR-Lokalzeit OWL v. 09.10.2014: Blumen am eingeebneten Familiengrab KRONSHAGE - der letzten Ruhestätte Ernas ... (Video: auf das Bild clicken ...- und die Lautstärke einstellen ...)

Heute: Der Stolperstein zum Gedenken an Erna Kronshage

Am 06.12.2012 wurde in BI-Sennestadt ein sogenannter "Stolperstein" zum Gedenken an Erna Kronshage vom Künstler Gunter Demnig gelegt. 

 

 

Bielefeld-Sennestadt - 
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße - 
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus - 
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der neue zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde in Berlin - 02.09.2014

Der neue zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde in Berlin, Tiergartenstraße 4

Genau 75 Jahre nach Hitlers "Euthanasie"-Befehl mahnt nun an der Tiergartenstraße in Berlin - wo sich die NS-Vernichtungszentrale der Tarn-Organisation "Aktion T4" befand - eine 24 m lange blaue transparente aber auch spiegelnde Wand mit einem Dokumentations- und Informationspult die oft brutalen Schicksale all der Opfer willkürlicher Ausgrenzung, "Ausmerze" und Gewalt an - gestern und heute ... | Foto: DPA -

 

ERNA KRONSHAGE - nun einer von 1.017 leuchtenden NS-"Euthanasie"-Opfernamen im LWL Klinikum Gütersloh

Im "Raum der Namen" in der düsteren Klinikkapelle in der LWL-Klinik Gütersloh werden aus der Zahl der 1.017 Opfer wieder Individuen.
 
Jedes dieser 1.017 "Euthanasie"-Opfer ist auf er- und be-leuchtenden, die Wände des inneren Kirchenschiffs umlaufenden Paneelen verzeichnet. 

 

Die Nennung der Namen - darunter auch ERNA KRONSHAGE - machen uns klar, dass wir eben nicht vor einer anonymen, unvorstellbar großen Menge stehen, sondern dass es Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung waren, die vernichtet wurden. Dieses Bewusstsein können nur lokale Orte des Gedenkens schaffen. 

 

1.017 Patienten allein aus Gütersloh wurden Opfer dieser sogenannten "Euthanasie"-Velegungen. Ein Großteil wurde in der Gaskammer von Hadamar, der zentralen Tötungsanstalt für die westfälischen Patienten, oder zum Beispiel in den Tötungsanstalten im besetzten Polen in Meseritz-Obrawalde oder Tiegenhof/Gnesen ermordet. Diese Menschen starben gezielt und planvoll durch Überdosen an Medikamenten, durch Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse in den Durchgangs- und Zielanstalten. 

 

Neben diesem beeindruckenden Leucht- und Namensband - graphisch gestaltet vom Bielefelder Designer Mario Haase - komplettieren ein "Rundgang zur Klinikgeschichte" auf dem Klinikfriedhof und ein "Stein des Gedenkens" mit der Inschrift auf einer Bodenplatte diese Verortungen des "Erinnerns und Gedenkens" - nun endlich - nach 70 Jahren des würdelosen vornehmlichen Verschweigens ...

Zur feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte in Gütersloh wurden verschiedene für die historische Einordnung und Forschung bedeutsame Reden gehalten - die ich wegen dieser Wichtigkeit hier als pdf eingestellt habe ...

 

>>> Hier geht s zu den Reden ... 

Gedenken - z.B. in der Vernichtungsanstalt Mainkofen/Niederbayern

Die Täter-Seite: Datenbank-Projekt zeigt, dass Täter und Opfer manchmal Nachbarn waren ...

Quasi als "Komplementär"-Projekt zu den "Stolpersteinen" und Erinnerungseinrichtungen hat jetzt Hamburg eine Datenbank angelegt für die NS-Täter und NS-Karrieristen, die zeigt, dass manchmal Täter und Opfer in einer Straße als Nachbarn oder gar in einem Haus gelebt haben ... -

 

Hoffentlich folgen bald viele Stadtarchive diesem Beispiel - und auch Datenbanken für die Opfer sind ja noch rar gesät - und äußerst lückenhaft ...

 

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Datenbank-Projekt zeigt NS-Täter und Profiteure
Kulturjournal - Autorin: Yasemin Ergin


Wir kennen die Namen der großen NS-Verbrecher. Aber welche Profiteure gab es sonst noch im Dritten Reich? Wer bereicherte sich, wer denunzierte, wer machte Karriere auf Kosten anderer? In der bundesweit einzigartige Datenbank "Die Dabeigewesenen" kann man nun die Täter und Mitläufer im nationalsozialistischen Hamburg finden.

Die Datenbank, initiiert von der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung unter der Leitung der Historikerin Rita Bake, umfasst über 500 Profile, weitere sollen folgen. Außerdem will die Datenbank konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar machen - gegen das Vergessen. Schon jetzt zeigt sich, wie wichtig das ist: Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende gibt es beispielsweise noch immer Straßen in Hamburg, die nach NS-Profiteuren benannt wurden.

 

Antisemiten als Namensgeber


Zum Beispiel die Georg-Bonne-Straße. Georg Bonne war ein Arzt aus Nienstedten, der sich um die Hygiene der armen Bevölkerung gekümmert hat, unter anderem, dass sie guten Wohnraum bekamen - und gutes Trinkwasser. "Gleichzeitig war er seit frühester Jugend ein sehr überzeugter Antisemit", erzählt Rita Bake. "Er hat 1942 ein Pamphlet geschrieben, das 'Der ewige Jude' heißt und ganz furchtbar ist."

 

Weitere Beispiele: Der Borchlingweg ist nach einem Professor benannt, der sich früh der NS-Ideologie verschrieb. Oder der Högerdamm. Namensgeber ist Fritz Höger. Der Hamburger Architekt hat unter anderem das Hamburger Chilehaus geschaffen, war aber auch NS-Profiteur und ein großer Hitler-Fan.

 

Zwei Jahre haben Rita Bake und ihre Mitarbeiter geforscht, um "Die Dabeigewesenen" aufzubauen. Zu Fritz Höger findet man einiges an Material, das nicht zum Bild des gefeierten Star-Architekten passt. "Er ist sehr früh in die NSDAP eingetreten, im Grunde genommen kann man ihn als Karrieristen bezeichnen", so die Historikerin. "Er hat auch nette Briefe an Herrn Hitler geschrieben. Und noch nach 1945 hat er ein Traktat geschrieben, in dem er schreibt: 'Genauso ist auch das Judentum ein solcher Schmarotzer in der gesamten Menschheit, die von ihm befallen wird ...'"

 

Die Datenbank richtet den Blick nicht nur auf die offensichtlichen Täter, sondern auf all jene, die das System unterstützten. Nicht nur Personen sind erfasst,sondern auch Orte und Ereignisse. Mit "Die Dabeigewesenen" kann also jeder die Geschichte entdecken - die der Opfer UND die der Täter - ganz einfach. ...

 

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HIER GEHT ES ZUR DATENBANK

 

Die Dabeigewesenen  (hier clicken)


Das bundesweit einzigartige Datenbank-Projekt "Die Dabeigewesenen" will zeigen, wer die Täter und Karrieristen im nationalsozialistischen Hamburg waren. 

 

 

https://www.hamburg.de/ns-dabeigewesene/

das überleben der stolpersteine

 

 


Die Zeit der Steine

Die Zeit der Pflanzen
dann kam die Zeit der Tiere
dann kam die Zeit der Menschen
nun kommt die Zeit der Steine

Wer die Steine reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Wer die Menschen reden hört
weiß
es werden nur Steine bleiben

Erich Fried


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