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"Monumentale" Erinnerungskultur

Interview
Historikerin zu Kolonial-Denkmälern 
"Debattieren, nicht stürzen"

Die Bielefelder Historikerin Christina Morina hält nichts davon, zweifelhafte Denkmäler einfach zu stürzen. Sie plädiert dafür, diese mit Informationen zu umrahmen.

Von Stefan Brams | NW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch das Otto-von-Bismarck-Denkmal in Hamburg wurde beschmiert. Bismarck wird rassistische Kolonialpolitik vorgeworfen. | © Jonas Klüter | NW 

 



Frau Morina, in den USA, in Großbritannien und Belgien wurden in den Tagen nach der Ermordung von George Floyd immer wieder Denkmäler von Persönlichkeiten aus der Kolonialzeit gestürzt oder beschmutzt. Hat Sie diese Entwicklung überrascht?

Christina Morina: Bewegungen, die eine nachhaltige, fast schon revolutionäre Kraft entfalten wie jetzt in den USA, greifen oft gerade Symbole des alten Systems an, um durch deren Zerstörung den Umsturz auch bildlich sichtbar zu machen. Das können wir in vielen Epochen beobachten, daher ist das, was wir in den USA und auch in anderen Ländern gerade erleben, historisch gesehen nichts Überraschendes.

Wie bewerten Sie diese Aktionen?

Morina: Als Phänomen finde ich sie absolut nachvollziehbar. Als politischen Akt halte ich diese Aktionen für nicht wirklich sinnvoll, denn mit dem Verschwinden der Denkmäler verschwindet ja das Problem nicht – in diesem Fall der Rassismus. Ich halte es für angemessener, zweifelhafte Denkmäler im sprichwörtlichen und buchstäblichen Sinne von ihren Sockeln zu holen, sie neben diese zu stellen, neu einzurahmen und zu kommentieren. Und wenn es um heute von Menschen als offen verletzend wahrgenommene Objekte geht, dann gehören sie ins Museum, um dort ihren Kontext umfassender aufklären zu können. Aber ich halte nichts davon, die Denkmäler einfach zu zerstören.

Die Initiative „Berlin Postkolonial" spricht sich wie Sie gegen den Denkmalsturz aus und regt stattdessen an, Künstler die Denkmale verfremden oder durch die Kunst brechen zu lassen. Auch ein Ansatz für Sie?

Morina: Künstlerinnen und Künstler einzubeziehen, ist sicherlich ein zusätzlicher Ansatz, wobei die Kunst die nötige inhaltliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung freilich nicht ersetzen, sondern diese spiegeln und ergänzen kann. Solche Debatten müssen umfassend und multiperspektivisch geführt werden – politisch, historisch, institutionell und gesellschaftlich.

Oft ist die Geschichte, die sich hinter einem Denkmal verbirgt, sehr komplex. Wollen Sie alle zweifelhaften Werke ins Museum bringen, um umfassend aufklären zu können?

Morina: Nein, es reicht oft schon, wenn man im Umfeld des Denkmals darüber aufklärt, dass sich hinter dieser Ehrung individuelles und staatliches Unrecht verbirgt, das nun hinterfragt und als solches anerkannt wird. So wird sichtbar, dass der Umgang mit der Vergangenheit ein lebendiger, wandelbarer Prozess ist, der die Gesellschaft immer wieder neu herausfordert.

Wann kann denn ein Denkmal auf keinen Fall stehen bleiben?

Morina: Generelle Grenzen zu ziehen, ist schwer. Wenn aber ein Symbol gegen das Grundgesetz und die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstößt, dann hat es im öffentlichen Raum nichts zu suchen und gehört höchstens ins Museum. Aber es gibt eben auch Grauzonen wie das Karl-Marx-Denkmal in Trier, das die chinesische Regierung gestiftet hat, oder das jetzt gerade von der MLPD in Gelsenkirchen aufgestellte Lenin-Denkmal. Auch über diese gehen die Meinungen weit auseinander. Umfassend zu thematisieren, wofür diese Denkmäler stehen, warum sie an einem bestimmten Ort stehen und wer sie gestiftet hat, sind Voraussetzungen dafür, dass sie Akzeptanz finden. Eine Gesellschaft sollte in jedem einzelnen Fall transparent aushandeln, warum ein Denkmal aufgestellt und wem eines gewidmet wird.

Die Zivilgesellschaft ist also gefragt?

Morina: Ja, aber nicht nur sie. Auch Politik, Behörden, Bürgerschaft einer Stadt, Unternehmen, Schulen und Universitäten sollten einbezogen sein. Denkmäler sollten Orte lebendiger Auseinandersetzung sein.

In vielen deutschen Städten stehen Bismarck-Denkmäler so auch in Bielefeld. Hier hat die Antifa gefordert, es zu beseitigen, weil Bismarck für die blutige deutsche Kolonialpolitik stehe. Andere verweisen dagegen auf seine Verdienste zum Beispiel in der Sozialgesetzgebung und der Einigung des Deutschen Reiches. Was tun mit zwiespältigen Persönlichkeiten wie ihm?

Morina: Das ist ein wichtiger Punkt. Geehrte sind oft zwiespältige Persönlichkeiten. Und den ihnen gewidmeten Denkmälern ist stets das Denken der Zeit eingeschrieben, in der sie jeweils entstanden. Wir sollten die Vielschichtigkeit der Personen und Denkmäler offen diskutieren und nicht das Denkmal ersatzlos entfernen, denn das beendet ja die Debatte in gewisser Weise. Dass diese nun auch in Bezug auf den deutschen Kolonialismus öffentlich noch stärker in Gang kommt, ist nur zu begrüßen, denn sie war hierzulande viel zu lange viel zu wenig geführt worden.

Warum ist die Debatte über den deutschen Kolonialismus bisher viel weniger intensiv betrieben worden als die über unsere NS-Vergangenheit? Auch damals wurden vom Deutschen Reich bereits Völkermorde begangen.

Morina: Ich denke, dass die NS-Verbrechen teilweise sicher die Verbrechen der Kolonialgeschichte so sehr überlagert haben, dass sie dadurch lange im Hintergrund blieben. Es ist dennoch denk- und kritikwürdig, dass die Folgen der deutschen Kolonialpolitik bei uns viel länger unbeachtet blieben als in anderen Ländern. Aber die Chance zur stärkeren öffentlichen Auseinandersetzung, zur Intensivierung und vor allem auch Wahrnehmung der wissenschaftlichen Forschung ist jetzt da.

Debattiert wird nicht nur über den Umgang mit Denkmälern, sondern auch, wie man mit Denkern wie zum Beispiel Immanuel Kant umgehen sollte, der ja auch einige rassistische Schriften verfasst hat wie „Von den verschiedenen Rassen der Menschen", „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse" oder „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht". Gehört er auch vom Sockel gestürzt?

Morina: Diese Seite Kants wird ja schon länger thematisiert. Er ist eben nicht nur der große Moralphilosoph, sondern auch einer der Wegbereiter moderner Rassentheorien. Ich halte aber nichts davon, ihn deshalb einfach aus dem Aufklärungskanon zu werfen. Eher müssen wir zu einem Perspektivenwechsel bereit sein und uns viel stärker zum Beispiel der Frage stellen, was es mit Menschen damals und seither machte, die in seinen Schriften einer vermeintlich minderwertigen „Rasse" zugeordnet wurden, und wie sie darauf reagierten. Wir müssen die eurozentrische und diesem rassistischen Denken immer noch stark verbundene Perspektive auf unseren Kanon aufgeben. Da stehen wir noch ganz am Anfang.

Brauchen wir überhaupt noch Denkmäler?

Morina: Ja, denn auch über Denkmäler vergewissern sich Gesellschaften ihrer selbst, sie sagen viel darüber aus, wie sie verfasst sind und wahrgenommen werden wollen. Oft sind Debatten über Denkmäler in einer freien Gesellschaft ungeheuer spannend. Manchmal ist sogar die Debatte das eigentliche Denkmal.

 

Information
Zur Person

Christina Morina ist Professorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld.
Sie forscht und lehrt zur Geschichte des 19., 20. und 21. Jahrhunderts, insbesondere zu Krieg, Nachkrieg, Erinnerungskulturen und Demokratisierungsprozessen in Deutschland und Europa.
Jüngst veröffentlichte sie (gemeinsam mit N. Frei, F. Maubach und M. Tändler) das Buch „Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus". Das Buch ist 2019 im Ullstein Verlag erschienen.

 


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tja - das ganze interview hätte man genauso - mit den gleichen antworten - auch mit mir führen können: es spiegelt haarklein meine meinung dazu... 

am besten gefällt mir der letzte satz: "manchmal ist sogar die debatte das eigentliche denkmal!"... denn in der debatte, in dem für und wider, bleibt die historie im direkten gespräch, sei es nun eine figur oder ein ereignis.

wenn irgendwo irgendwozu eine gedenkveranstaltung stattfindet, dann geschieht das in deutschland zumeist nach ganz bestimmten ritualen - zumeist entlehnt den beerdigungsfeierlichkeiten der konfessionen: zu beginn ein ernstes musikstück: meistens irgendwie "tragend", dann gibt es eins - zwei grußworte - dann eine längere wohlgestelzte rede zum erinnerungsanlass - dann eine kranzniederlegung oder die platzierung eines überdimensionalen teuren blumenstraußes mit schärpe, zumeist zu den klängen erneuter ernster klassischer musik, und dann das schlusswort irgendeines zufälligen amtsinhabers - und das alles unter den blitzlichtfotos der herbeibeorderten presseleute, und manche zaungäste nehmen das ganze mit ihren smartphones auf, um es irgendwo in einem sozialen netz hochzuladen und online zu stellen - und wenn das interesse vermeintlich über die lokalen grenzen hinausgeht, läuft auch noch vielleicht die video-kamera eines tv-senders für die "aktuelle stunde" oder die "lokalzeit" mit - und mit verhaltener wispernder stimme raunt ein reporter das jeweils wahrgenommene ins mikro, oder liest es von der "presseerklärung" des veranstalters ab - und zur tatsächlichen sendung wird das ganze dann zu einem beitrag von 1:30 min. zusammengestöpselt - un gutt is...

aber dann ist es das auch gewesen - und wenn man am nächsten tag einen bekannten fragt: "hast du gestern den beitrag zu ...'dingens da'... gesehen", sagt der, "nee - ich war da wohl just mit dem hund raus..."

eine ritualisierte variante dieser art von erinnern ist es auch, bei solchen gelegenheiten jeweils die vielen dutzend opfernamen mit brüchiger stimme von mehreren abwechselnden lesern vorzulesen: "arndfried appelt, alfred beierlein, gertrud brzinski, gottfried bullkötter usw. - bis xyz"... - aber am ende der 8-minütigen namensverlesung - direkt hinter "walter zimmermann", kann sich niemand mehr an "arndfried appelt" vom anfang der verlesung erinnern - denn namen sind "wie schall & rauch", sie verwehen im windhauch... - aber: "gut, dass wir mal drüber gesprochen haben" ...

und schon deshalb ist eine auch meinetwegen handfeste diskussion zum für und wider einer historischen person oder eines historischen ereignisses im hier & jetzt - oder eine diskussionsrunde im klassenraum der schule oder im unterricht per videokonferenz - in jedem falle wesentlich eindrücklicher - und vielleicht bleibt ein fitzelchen in den ventrikeln der teilnehmer haften oder brennt sich gar ein ...

mit denkmälern ist es also ganz ähnlich: nicht das daran vorbei- und vorübergehen bleibt haften, ein abbauen und umstürzen löst erst recht keine bleibende eindrückliche "auseinandersetzung" aus, sondern immer nur die authentische "wahrnehmung" - und dieses antike (nach-)"bewegen im herzen" ["... aber behielt alle diese worte und bewegte sie in ihrem herzen" (lk 2, 19)...] - und all diese komplizierten geschichten dazu kommunizieren - sich auf die google-recherche machen in wort & bild - und gar die eltern und (ur-)großeltern dazu befragen - und dieses "warum haben die da jetzt bei dem 'bismarck-denkmal' noch diese 'info-tafel' angebracht, die wir für die nächste geschichts-stunde abschreiben - 'und anschließend erörtern' sollen" ...: - aber genau das ist für mich gedenken & erinnern - und vielleicht die frage, ob man nicht zum nächsten ortsfest etc. vielleicht ein "theaterstück" zu dieser lokalen thematik miteinstudieren sollte ... - natürlich auch mit all den benötigen hintergrundinformationen dazu ...

ERINNERUNGSKULTUR
 
Warum Bilderstürmerei nie zu Aufklärung führt
 
 
Von Dankwart Guratzsch | WELT
 
 
Berlins ehemaliger Stadtentwicklungssenator Peter Strieder will das Olympiastadion entnazifizieren. Der Denkmalsturzwahn pseudoreligiöser Eiferer trifft damit auch die Architektur. Erreichen werden sie nichts.
 
Für Peter Strieder, den einstigen Stadtentwicklungssenator von Berlin, gibt es kein Wenn und Aber. Über das Berliner Olympiastadion sagt er: „Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert, künftig sollten sie beispielsweise nach Opfern der jüngsten rechtsterroristischen Gewalttaten benannt werden.“
 
Ja, so einfach ist es. Aber so einfach ist es nicht.
 
Es trifft ja zu, dass die NS-Propaganda exakt auf die überwältigende ideologische Wirkung der von den Brüdern March zwischen 1932 und 1936 errichteten Olympiabauten spekulierte. Aber 75 Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur sollte man davor nicht mehr in die Knie gehen und zwischen Architektur und Politik unterscheiden können.
 
Architektur ist gut oder schlecht, aber jenseits von Propaganda und Gegenpropaganda erst einmal unpolitisch. Dass sie politisch instrumentalisiert werden kann, steht auf einem anderen Blatt.
 
Über das Berliner Olympiagelände sagt der Hamburger Architekt Volkwin Marg: „Olympiapark, Olympiastadion, Schwimmstadion, Sporthochschule, Maifeld, Langemarckhalle und Waldbühne sind Teile eines stadtlandschaftlichen Ensembles, das als Gesamtkunstwerk bewundert wurde. Es erhielt vom Olympischen Komitee 1936 die Goldmedaille für Architektur.“
 
Damit nicht genug, zur Architektur, so Marg, „gehörten nebenbei die bildenden und darstellenden Künste, wie Skulpturen, Reliefs, Malerei, steinerne Texte, die erste Inszenierung des Olympischen Fackellaufs, der gewaltige Lichtdom der Scheinwerfer zur Abschlussveranstaltung, die weltweit erste Telefunken-Fernsehübertragung für das Public Viewing sowie danach Leni Riefenstahls Filmopus ‚Olympia‘“.
 
Bilderstürmerei führt nie zur Aufklärung
 
Marg plädiert für die Erhaltung der Bautengruppe und ein Dokumentationszentrum vor Ort. Mit seinem Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat er dem Stadion ein transluzentes Dach hinzugefügt und unter der „Führerloge“ eine ökumenische Andachtskapelle eingebaut, die innen mit dem Vaterunser in allen Sprachen und außen mit dem Luther-Text aus dem Matthäusevangelium beschriftet ist: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“
 
Tut man Peter Strieder Unrecht, wenn man darauf hinweist, dass Exorzismus gegen Kunstwerke eine Praxis von Diktatoren ist? Bilderstürmerei, die gerade wieder in Mode kommt, hat ja tatsächlich noch nie zur Aufklärung beigetragen.
 
Man betrachte den Furor der Selbstgerechtigkeit, mit dem sich die Revolutionäre von 1789 wie in Selbsthypnose gegenseitig aufs Schafott befördert haben. Über Geschichte wächst kein Gras. Wer sich mit dem Brecheisen an ihr zu schaffen macht, rührt sie auf.
 
Auch der Tugendterror der Französischen Revolution hat nichts beendet, keinen Frieden gestiftet, keine Erinnerung beerdigt. Die Magie des leeren Ortes besagt, dass Architektur auch dort ist, wo keine ist. Auch das Nicht-Denkmal, das gestürzte Denkmal, das gesprengte Denkmal gestaltet Raum – indem es Blickbeziehungen eröffnet, in die Korrespondenz von Bauwerken eingreift, als Landschaftswunde schwärt.
 
Sind die Denkmäler von Kolonialherren, Rassisten, Generälen erst mal beseitigt, ist eine andere Öffentlichkeit, ein anderer öffentlicher Raum, ein anderer Bewegungsraum des Menschen hergestellt. Aber die Lücke gibt keine Ruhe. Man braucht sich nur bewusst zu machen, in welchem großem zeitlichem Abstand immer neue Wiederaufbauprojekte entstehen und von den Menschen wie ein Lebensrecht eingefordert werden.
 
Die Einrede und Widerrede von Gegnern feuert sie nur an. In seiner hygienisch sterilen, geradlinigen, rechteckigen, geschichtsleeren Behausung giert der entwurzelte Weltbürger nach nichts so sehr wie nach Bindung, Relevanz, Aufklärung über sich selbst.
 
Das abgeschaltete Denkmal redet weiter
 
Es gibt einen Rückstoßeffekt, der jeden Bildersturm konterkariert. Das liegt an der Sprachfähigkeit der Monumente, die sich durch Eingriffe nicht verkürzen, nicht auf leise stellen, nicht unterdrücken lässt. Das abgeschaltete, minimierte Denkmal redet weiter, doch es gibt die Botschaft der Geschichte verharmlosend wieder, zoomt nicht nur das Große, sondern auch das Böse auf ein Normalmaß herunter.
 
So schafft man Bilder eines glücklichen Gestern, dessen Stigma man gerade abtöten wollte. Auch die Totalrevision, die Ausmerzung und Nivellierung löscht nichts aus, markiert aber die Handlung. Niemals konnte das Feuer der Bücherverbrennung ausgetreten, nie die „entartete Kunst“ zum Schweigen gebracht werden.
 
Die Bücher und die Kunstwerke leben ein zweites, unauslöschliches Leben. Bloßgestellt und gezeichnet für alle Zeiten sind die Brandstifter und Scharfrichter, die es ersticken wollten.
 
Es ist das Paradox, dass das heroische Manichäertum, dessen Zeuge wir gerade sind, zur Farce macht. Die pseudoreligiösen Eiferer, die Dichter wie Ernst Moritz Arndt und Eugen Gomringer, Philosophen wie Immanuel Kant, Maler wie Emil Nolde, Eroberer und Entdecker wie Christoph Columbus, Politiker wie Winston Churchill als Rassisten vom Sockel stürzen, tappen in die Falle der Selbstkarikierung.
 
Was sie betreiben, ist vergleichbar dem Abschlagen der Nasen von antiken Skulpturen, mit dem die frühen Christen die Magie der alten Götter zu brechen suchten.
 
Die wirksamste, dauerhafteste Korrektur der Überlieferung leistet die Geschichte selbst. Während die stehen gebliebenen Monumente in ihrem Heroismus und martialischen Gestus immer komischere, zeitfremdere Züge annehmen, bleiben die beseitigten wie Untote lebendig.
 
Kein Bauwerk der Antike redet noch von den Schrecken und Blutopfern, unter denen und für die es errichtet worden ist. Die Pyramiden stellen sich wie Himmelszeichen dar, die den Enthusiasmus glaubensseliger Völker durch die Jahrtausende tragen. Ihr finsteres Gottkönigtum bringen sie nicht zurück.
 
Bauhaus-Architektur in Tel Aviv, errichtet von zum größten Teil deutschstämmige Juden, die nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 aus Deutschland "ausgewandert" waren. (Archiv)

 

 

Wer zu ergründen sucht, woraus sich die neue Mordlust am Alten herleitet, stößt auf ein weiteres Paradox. Hinter ihr steht kein gefestigtes kulturelles Selbstbewusstsein, keine gesättigte, weitgespannte historische Erfahrung, sondern das Gegenteil: tiefe Zukunftsangst, Versagensangst vor Entwicklung, Wandel, Werden, das die armseligen Errungenschaften einer sang- und klanglosen Gegenwart infrage stellen, überholen oder relativieren könnte.

 
Das Bemühen, die Sprache zu säubern, den eigenen Standpunkt als „wissenschaftlich“ und „alternativlos“ darzustellen, das für „wahr“ Erkannte als ewig, unteilbar, unanfechtbar zum Gesetz zu machen, will nichts als einen eigenen, neuen Denkmalkult etablieren. Der Denkmalsturz soll Bildern und Denkmälern Platz machen, die keinen Widerspruch mehr dulden.
 
Der Philosoph Hermann Lübbe hat die Zeit, die wir durchleben, eine Zeit der „Gegenwartsschrumpfung“ genannt, in der sich das Neue selbst überholt und das Alte immer jünger wird. Wir erleben den Umschlag der Gegenwartsschrumpfung in Gegenwartsverewigung, ein Lebensgefühl, das der Vergangenheit seine Überzeugungen, seine Urteile und seine Wahrheit überzustülpen, das seine Gesetze zum Muster für alle Völker und Kulturen zu machen versucht.
 
In der manifestesten aller Künste, der Architektur, hat diese Vorstellung in den Werken der Revolutionsarchitekten monumentalen Ausdruck gefunden, Werken, die das Ewiggültige gefeiert und als unantastbar dargestellt haben. In der Gestalt der Kugel und der Pyramide, gesteigert zu übermenschlicher Größe und unfassbarer Monumentalität, suchten diese Werke die Politik und den Einsturz aller irdischen Ordnungen als Vollstreckung der ehernen Gesetze des Kosmos auf Erden unverrückbar zu verankern.
 
Der Totalitarismus der elementaren Form
 
Die reine Geometrie als das schlechthin Unüberbietbare, Unbezweifelbare, die Berufung auf Newton, die Wissenschaft, den „mechanischen Ursprung“ des Alls, die Feier der vergöttlichten Vernunft sollten eine Moral des Bauens und Gestaltens exekutieren, die nichts neben sich duldete und alles je Erschaffene nur noch als unvollkommen, wertlos und marginal gegenüber dem selbsterschaffenen Einzigwahren, Höchstvollkommenen und Ewiggültigen erscheinen ließ.
 
Es war der Totalitarismus der reinen elementaren Form. Und an ihm haben sich die Diktatoren des 20. Jahrhunderts orientiert.
 
Der Chauvinismus gegenüber dem Alten, der sich in den Wiederaufbaujahren in Deutschland Bahn gebrochen hat, dem unzählige unersetzbare Städtebilder und Monumente zum Opfer gefallen sind, war von sehr ähnlicher Qualität. Auch wenn er nicht mit fantastischen Konstrukten wie die Revolutionsarchitekten hervorgetreten ist, bediente doch auch er sich der elementaren Grundform als Waffe, um sein neues Ordnungsschema der Welt als ewig zu deklarieren.
 
Mit dem Rückgriff auf den alten lateinischen Lehrsatz: „simplex sigillum veri“, das Einfache ist das Siegel des Wahren, bemächtigte sich eine ernüchterte, bilderarme Gegenwart des schönen Alten, um es unter der Verdächtigung, es sei nichts anderes als des „Schrecklichen Anfang“ gewesen, klanglos zu entsorgen.
 
Dieser Geist ist wieder auferstanden. Wir erleben gerade am Beispiel des Kreuzes auf der Kuppel des Humboldtforums und am Streit über die Potsdamer Garnisonkirche, am Säuberungsfeldzug gegen das Berliner Olympiastadion und gegen alte und neue vermeintlich rechte Räume, an der Korrektur von Straßennamen und an der Absolutsetzung eines gendergerechten Sprachgebrauchs, am Ausmisten von Filmarchiven und Bibliotheken, an der Verstümmelung und Retusche von Biografien und Ehrentiteln, welche Blüten die Bereinigungsraserei treibt.
 
In ihr liegt eine seltsame, unfreiwillige, paradoxe Logik, die uns erst die neue Physik sehen gelehrt hat: Je weiter wir in dem sich immer schneller ausdehnenden Universum blicken, desto tiefer sehen wir in die Vergangenheit, je weniger wir von dieser Kenntnis nehmen, desto beschränkter unser Horizont.
 
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also - auch für mich ist es quatsch, den "negerhäuptling" aus pippi langstrumpf in einen "südseehäuptling" political correct umzubiegen. oder etwa kirchenglocken mit einem eingegossenen hakenkreuz einschmelzen zu müssen - oder mit der flex daran handanlegen zu wollen.

solche relikte aus der nazi-zeit sind nun nicht besonders erhaltenswert - quasi zum "neuwert" zu restaurieren etwa.

nein - ein hinweisschild - eine erklärung - eine schriftliche distanzierung - reicht völlig aus. ansonsten muss man ja gerade die allmählich zu bruch gehende gigantomanie des "dritten reiches" vor augen führen und als irrtum gebrandmarkt festhalten.

nur weil einige "privatgelehrte" und spinner irgendetwas in die externsteine hineingeheimnissen wollen, darf man dieses naturdenkmal doch nicht in gänze in frage stellen.

oder stonehenge - ja- und auch die pyramiden.

die bilderstürmerei der protestanten nach der reformation verhindert heute immer noch ein unbelastetes ökumenisches aufeinander zugehen und zeitigte den verlust unschätzbarer kunstwerke.

und die jeweilige bedeutung "politisch" wechselhaft interpretierbarer bauwerke und archäologie-fundstücke kann man in israel erkunden: wo man alte mauerreste als "herodianisch" oder "muslimisch" oder "römisch" oder "ur-christlich" oder "kanaanitisch" oder "ägyptisch" usw. einordnet, um es morgen vielleicht doch auch anders zu interpretieren, je nach gusto der jeweiligen regierungen und der jeweiligen "deutungshoheiten" - aber niemand würde wohl auf die idee kommen, diese artefakte gänzlich zu zerstören.

das machten der totalitäre islamische "is" und die taliban mit alten götterstatuen aus der vormuslimischen zeit - und es gab völlig zu recht einen weltweiten aufschrei der empörung...

kunstwerke und kultur-artefakte vernichtet haben zumeist nur pur totalitäre ideologie-regime: die nazis und all ihre deutschen helfershelfer haben synagogen angesteckt und bücher verbrannt - sie sollten in keinster weise irgendwie ein vorbild sein in ihrem völkischen wahn.

ach so - auch das original-wort "rassismus" sollte unserem grundgesetz auch aus nostalgischen gründen in artikel 3 erhalten bleiben, als reines wort - nicht als sinn ...

und heute morgen hörte ich den rest eines gottesdienstes im autoradio, als der zelebrant dazu aufrief, den glauben "mit den worten unserer väter" zu bekennen...: ich kritisiere ja immer, dass das apostolische christliche glaubensbekenntnis nur sehr knappe angaben zur biografie jesu beinhaltet - und nichts von seiner botschaft, seiner message, nichts von seinem frieden, seiner demut, seiner bergpredigt ... - aber "mit den worten unserer väter" konnte ich es sogar wieder innerlich mitsprechen.

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