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Gedenkinitiative NS-"Euthanasie"-Aufarbeitung . >>> HARTHEIM-DEKLARATION

ZUR WEBSITE DER GEDENKINITIATIVE                  >>> CLICK HERE

 

 

 

 

DIE HARTHEIM DEKLARATION

 

Hartheim-Deklaration der Münchner Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer

 

Gedenkstätte Schloss Hartheim, 28. Juni 2019

 

 

Etwa 300.000 Menschen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus von Psychiatern als »lebensunwertes Leben« und »Ballastexistenzen« selektiert und durch Kohlenmonoxid, überdosierte Medikamente, Vernachlässigung oder gezielten Nahrungsentzug ermordet. Nie wieder dürfen Arbeitsfähigkeit und Nützlichkeit über das Recht auf Leben entscheiden.

 

Im Rahmen der Arbeiten für das Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde* gründete sich 2015 die Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, die sich regelmäßig im NS-Dokumentationszentrum München trifft. In ihr engagieren sich nicht nur Angehörige von Opfern, um die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, sondern auch interessierte Bürgerinnen und Bürger. Es ist uns ein Anliegen, die Öffentlichkeit zu informieren und ein würdiges Gedenken an die Opfer in Familie und Gesellschaft zu fördern. In den letzten Jahren haben wir verschiedene Informations- und Gedenkveranstaltungen initiiert. Höhepunkt war die Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert zur Gedenkveranstaltung des Bundestages am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2017.

 

Dank der großzügigen Unterstützung durch die Gruber-Stiftung im Jahr 2018 sowie durch private Spenden konnten wir uns konsolidieren und für 2019/2020 weitere Aktivitäten planen. Seit 2017 kooperieren wir mit dem Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.

 

Am 28. Juni 2019 hat die Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer Vertreterinnen und Vertreter der Münchner Stadtgesellschaft zu einer Gedenkreise nach Schloss Hartheim in Österreich eingeladen, wo mehr als 1000 Münchner Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden. Wir haben dort eine Erinnerungstafel angebracht.

 

Bei der Vorbereitung dieser Gedenkreise entstand das Bedürfnis, aus unserer Erfahrung heraus Wünsche und Forderungen an die Gesellschaft zu äußern, in welcher Form die vergessenen Opfer dieser Verbrechen gewürdigt und in das familiäre und gesellschaftliche Gedächtnis zurückgebracht werden können. So entstand die Hartheim-Deklaration, die wir in der Gedenkstätte Hartheim diskutiert und dann unterzeichnet haben.

 

Die Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer fordert:

 

- Das Gedenken an die Opfer der »Euthanasie«-Morde hat spät begonnen und ist nur sporadisch verwirklicht worden. Wir fordern einen bundesweiten Gedenktag an die »Euthanasie«-Opfer am 18. Januar. 1940 fand an diesem Datum die reichsweit erste Deportation der Gasmordaktion »T4« von der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München in eine Tötungsanstalt statt.

 

- Viele Heil- und Pflegeanstalten und Behinderteneinrichtungen waren an den Verbrechen beteiligt. Die meisten dieser Institutionen dienen auch heute der Behandlung und Begleitung von Menschen. In diesen Einrichtungen müssen die ehemaligen Tatorte würdig behandelt und dort passende Formen des Gedenkens gefunden werden.

 

- Die Namen der Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde müssen in einer angemessenen Form bundesweit sowie in lokalem Zusammenhang veröffentlicht werden. Die Gesellschaft ist verpflichtet, die dazu nötigen Mittel für Erhebungen und Publikationen zur Verfügung zu stellen. Opferbiographien sind ohne medizinische Diagnosen und entwürdigende Beschreibungen zu verfassen, sofern diese nicht sorgsam eingeordnet werden.

 

______

* Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde, hrsg. durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann für das NS-Dokumentationszentrum München und für den Bezirk Oberbayern, Göttingen 2018.

 

- Die ärztlichen Direktionen der Einrichtungen, in denen zwischen 1933 und 1945 Verbrechen stattgefunden haben, sind für die Information der Öffentlichkeit und für die individuelle Betreuung der Angehörigen verantwortlich. Es reicht nicht, den Angehörigen eine archivierte Krankenakte zu übergeben. Sie brauchen vielmehr Hilfe zum Verständnis der historischen Zusammenhänge, der fachlichen Begriffe, ihrer zeitgeschichtlichen Einordnung sowie – und das ist uns ganz wichtig – eine emotionale Begleitung in der Konfrontation mit dem konkreten Schicksal und der damaligen familiären Situation. Diese Einrichtungen sollen auf ihrer Website einen Kontakt für Angehörige angeben.

 

- Bis heute wissen viele Angehörige nichts von den Recherchemöglichkeiten. Es wäre wünschenswert, wenn Einrichtungen zur Geschichte des Nationalsozialismus sowie lokale Initiativen, die von Angehörigen, interessierten Gruppen oder von Verantwortlichen für die psychiatrische Versorgung unterstützt werden, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit Angehörige auf Recherchemöglichkeiten hinweisen und sie ermutigen.

 

- Humanpräparate, die sich noch in wissenschaftlichen Einrichtungen befinden, sind würdevoll zu bestatten – wo möglich unter Einbeziehung der Angehörigen.

 

- Bis heute werden Täter der NS-»Euthanasie«-Verbrechen durch Ehrenmitgliedschaften, Bundesverdienstkreuze oder Straßennamen gewürdigt. Wir fordern eine öffentliche Ächtung der Täter durch Aberkennung dieser Ehrungen.

 

Die Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer wünscht sich:

 

- eine öffentliche Diskussion darüber, ob es ethisch und therapeutisch vertretbar ist, heute in den Räumen, in denen so viele Menschen in grausamer Weise ermordet wurden, weiterhin Patienten zu behandeln und betreuen.

 

Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner

 

Dr. Barbara Baum, Angehörige, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Andreas Bohl, 1971/72 Zivi im Bezirkskrankenhaus Haar, München • Prof. Dr. Andreas Burmester, Angehöriger, München • Dr. Claudia Busch, Fachärztin für Neurologie, Angehörige, München • Dipl. Psych. Katharina von Cranach, Co-Autorin der Ausstellung »In Memoriam«, Grub • Prof. Dr. Michael von Cranach, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, Grub • Dr. h.c. Barbara Distel, ehem. Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, München • Ruth Dobias, Lehrerin am Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn, München • Robert Domes, Journalist und Autor (»Nebel im August«), Irsee • Dr. med. Albrecht Egetmeyer, Vorstand der Gruber-Stiftung • Bethel Fath, Fotografin, München • Michael und Babette Fleischmann, Angehörige, München • Margareta Flygt, Angehörige, Malmö • Ulrike Hagen, Journalistin, München • Lorenz Hahn, Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., München • Josef Held, Angehöriger • Prof. Dr. Gerrit Hohendorf, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München • Helga Hügenell, Bezirksrätin, Sprecherin der SPD-Bezirkstagsfraktion, München • Prof. Dr. Dr. med. Martin Keck, ärztl. Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Vorstandsvorsitzender des Münchner Bündnisses gegen Depression, München • Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern • Helga Magdalena Knöbl, Psychotherapeutin, München • Stefanie Krüger, Geschäftsführendes Präsidialmitglied, Bayerischer Bezirketag • Barbara Kuhn, Bezirksrätin und Kulturreferentin für Oberbayern, CSU, München • Helga und Kurt Lainer, Angehörige, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, Kirchheim • Dr. Britta Leise, Leiterin des Historischen Archivs, Max-Planck-Institut für Psychiatrie • Ilse Macek, Sprecherin der RAG München von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., Haar • Dr. Susanne May, Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule • Christiane Mudra, Regisseurin (»Kein Kläger«) und Autorin, München • Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrum München, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München • Dipl. Psych. Andrea OpitzGerz, Psychotherapeutin, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Renate Otto, Angehörige, München • Prof. Dr. med. Oliver Pogarell, Geschäftsführender Oberarzt, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München • Dr. med. Michael Rentrop, Chefarzt am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn • Dr. Dirk Riedel, München • Peter Schmidt, Zeitzeuge und Sohn des Psychiaters Gerhard Schmidt (»Selektion in der Heilanstalt 1939-1945«), Hamburg • Dr. Heidrun Schröter-Morasch, Angehörige, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Monika Shah, ehem. Studienrätin Luisengymnasium München • Sr. Benigna Sirl, Generaloberin der Franziskanerinnen von Schönbrunn • Silvie Sperlich, Angehörige, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Dipl. Psych. Amélie Ströhl, Psychotherapeutin, München • Dr. Sibylle von Tiedemann, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Petra Tuttas, Bezirksrätin, stellv. Fraktionssprecherin Bündnis 90/Die Grünen, München • Patricia Ubrich, Nürnberg • Silas Ubrich, Angehöriger, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, Nürnberg • Ulrich Unseld, München • Dr. Hans-Jochen Vogel, Münchner Alt-Oberbürgermeister, Bundesminister a.D., Gründungsvorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., München • Anton Wanninger, Angehöriger, München • Lisa Wanninger, Angehörige, Gedenkinitiative für die »Euthanasie«-Opfer, München • Barbara Wenzl, Angehörige, Gröbenzell • Georg Wiesmaier, Geschichtswerkstatt Dorfen • Dieter Winklhofer, Leiter des SpDi München-West, München • Sandra Zerbin • Edgar M. Zimmer, Vorstand der Münchner Psychiatrie-Erfahrenen e. V., München

 

Unterstützen Sie unser Anliegen und zeichnen Sie mit!

 

Dr. Sibylle von Tiedemann, Hans-Mielich-Str. 10, 81543 München

E-Mail: sibylle.tiedemann@ns-euthanasie-aufarbeitung.de;

Mobil: +49 163 1900 208

 

www.ns-euthanasie-aufarbeitung.de/hartheim-deklaration


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