Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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Erinnern . Vergessen . Verdrängen

°  er-innern, so sagt es das wort, geht an unser inneres sosein - salopp sagt man: es geht an's 'eingemachte'... / 

die mit-teilens-werten erinnerungen werden als geschichten nach- und weiterzählt, um so das in uns aufgeschichtete 'eingemachte' aufzudecken & mit-zu-teilen / um vielleicht sogar ein familien-geheimnis zu verraten: denn:"einer trage des andern last ..." (galater 6,2) - oder: [mit-]geteilte last ist halbe last -  oder aber vorkommnisse aus jener zeit bewusst geheimzuhalten und zu verschweigen - vielleicht aus scham oder fehlender zivilcourage.

 

°  mit meinem geburtsjahrgang 1947 gehöre ich der nachkriegsgeneration an, die seit "68" all das grauen um holocaust- & euthanasie zur ent-lastung zur sprache bringt / um aus dem verschweigen im geheimen in den familien endlich auszubrechen & mit gesicherten quellen die daten, die taten, die täter & die opfer zu benennen & als solche zu bezeichnen / 

 

Das öffentliche und das private Gedenken unterscheiden sich stark, sagt Samuel Salzborn. FOTO: REUTERS
 

 


Antisemitismus und Erinnerungskultur

Die größte Lüge der Bundesrepublik

Die deutsche Erinnerungspolitik hält sich für vorbildlich. Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn erklärt die gelungene Aufarbeitung der NS-Verbrechen zum Mythos. 

VON CHRISTOPH DAVID PIORKOWSKI | TAGESSPIEGEL

Die Überzeugung, erinnerungspolitischer Weltmeister zu sein, ist ein zentrales Motiv der gegenwartsdeutschen Selbsterzählung. Zuweilen scheint es, als sei die einstige Wahnvorstellung rassischer Überlegenheit dem Glauben an eine moralische Überlegenheit gewichen. Die vermeintlich vorbildliche Vergangenheitsbewältigung legen sich Teile der deutschen Gesellschaft als Zeugnis kultureller Fortschrittlichkeit aus. 

Wie zuletzt der Essayist Max Czollek gezeigt hat, ist es dabei zur gängigen Praxis geworden, sich auf der vielbespielten Bühne des Erinnerungstheaters am Ritus kollektiver Läuterung zu laben.

Dass es mit dem Mythos einer schonungslosen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen nicht so weit her ist, wie es die einschlägigen Debatten nahelegen, unterstreicht der Berliner Politikwissenschaftler Samuel Salzborn nun mit seinem neuen Werk „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“. 

Öffentliche vs. private Erinnerung

In einem pointierten Essay bündelt Salzborn zentrale Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen und historischen Antisemitismusforschung. Ausgangsthese des Werks ist, dass sich der erinnerungspolitische Diskurs der Deutschen (und der Österreicher) durch eine einschneidende Kluft definiert: Hier das Gedenken im öffentlichen Raum, dort die Leugnung im Privaten.

Das Narrativ einer tatsächlichen Aufarbeitung des Holocaust sei nicht weniger als „die größte Lüge der Bundesrepublik“. Salzborn zufolge glaubt eine kleine, linksliberale Elite, ihr intellektueller Erinnerungsdiskurs durchdringe die Gesellschaft im Ganzen.

Tatsächlich aber bestimmten Schuldabwehr und oftmals latenter Antisemitismus den psychischen Haushalt des Tätervolks. Die Metastasen von verdrängter Schuld und verdrängtem Antisemitismus manifestieren sich in einer unversöhnlichen „Israelkritik“, die durch die aus der Antisemitismusforschung bekannten drei D’s – Dämonisierung, Delegitimierung und doppelte Standards – geprägt ist.

Verkappte Antisemiten aller politischen Richtungen und gesellschaftlichen Milieus könnten ihr verschwiemeltes Ressentiment so ins schmückende Gewand der Solidarität mit den Palästinensern kleiden.

Die Schuld der Vorfahren wird verdrängt

Das große Problem ist Salzborn zufolge, dass man in Deutschland zwar gemeinhin die Verbrechen der Nazis anerkennt, die eigenen Verwandten und die „gewöhnlichen Deutschen“ jedoch oftmals amnestiert werden. Diese Unschuldsvermutung aber offenbare sich aufgrund „der antisemitischen Täterschaft in so gut wie allen Familiengeschichten der Bundesrepublik“ bei näherer Betrachtung als Lügengespinst. 

So hat die Geschichtswissenschaft die tiefe Verstrickung weitester Teile der deutschen Gesellschaft in den Komplex der Enteignung, Entrechtung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden schon lange umfänglich belegt.

Das Verdrängen familiärer Schuldhaftigkeit macht Salzborn dabei an diversen sozialwissenschaftlichen Studien aus Gegenwart und jüngerer Vergangenheit fest. Schon 2002 zeigte die familienbiografische Studie „Opa war kein Nazi“ von Harald Walzer, Sabine Müller und Karoline Tschungnall wie zahlreiche Deutsche ihre Tätervorfahren in Opfer oder Widerstandskämpfer umdefinieren.

Selbstviktimisierung

Den gängigen Schätzungen zufolge liegt der Anteil derjenigen, die potenziellen NS-Opfern geholfen haben bei 0,3 Prozent, was etwa 200 000 Menschen entspricht. Die Memo-Studie 2019 des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft zeigt jedoch, dass etwa 28,7 Prozent der Deutschen ihren Vorfahren eine Helfer-Vita andichten. 69,8 Prozent glauben, ihre Vorfahren seien nicht unter den Tätern gewesen. Und 35,9 Prozent erklären ihre Angehörigen gar zu Opfern.

Der psychische Abwehrmechanismus der „Selbstviktimisierung“, den Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 in ihrem bahnbrechenden Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“ sezierten, setzte Salzborn zufolge in beiden deutschen Teilstaaten unmittelbar nach ihrer Gründung ein. 

In den oft jeden historischen Kontext verleugnenden Debatten um deutsche Flüchtlinge oder Bombenopfer in Dresden und in Filmen wie „Die Gustloff“ und „Der Untergang“ sieht Salzborn den Opfermythos nach wie vor am Werk. Dass etwa die späteren Flüchtlinge an der völkischen Germanisierungspolitik einen gehörigen Anteil hatten, und demnach nicht von ungefähr vertrieben wurden, werde häufig verleugnet. Die Shoah erscheine dabei im postmodernen Nebel einer allgemeinen Gewaltkritik als eine Katastrophe unter vielen.

Täter-Opfer-Umkehr

Juden wiederum wird vorgeworfen, den Finger konstant in die Wunde zu legen. Anstatt sich mit den konkreten Taten der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zu befassen, werden die Opfer und ihre Nachfahren dafür gescholten, die Schuld-Erinnerung wachzuhalten. 

Nach einer Studie der Anti-Defamation League von 2019 waren 42 Prozent der Deutschen der Meinung, Juden würden zu viel über den Holocaust sprechen. Solche Zahlen und die darin anklingenden Schlussstrichforderungen, zeigen wie wichtig dieses Sprechen doch ist. Folgt man Salborns Analyse, sind die revisionistischen Forderungen vieler AfD-Politiker und anderer Neo-Faschisten schließlich im Schoß einer Gesellschaft gewachsen, die sich ihre kollektive Unschuld erschwindelt.

 

 

 

  • Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld: Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Hentrich und Hentrich Verlag Berlin 2020, 136 Seiten, 15 Euro.

 

 

_______________________________
 
Der sicherlich umstrittene Historiker Götz Aly hat schon 2013 in einem SPIEGEL-Gespräch aber sicherlich zutreffend errechnet, dass ungefähr jeder achte erwachsene Deutsche direkt mit Jemanden verwandt sei, der in die NS-Krankenmorde, der "Euthanasie", in irgendeinerweise verstrickt sei.

Und wenn man die angeheirateten Verwandten dazunehme, würde fast jeder in seiner Familie in den Generationen zurück jemand Beteiligten ausfindig machen können - seitens der Täter oder Opfer.

In den meisten Familien aber würde bis heute nicht darüber gesprochen - auch wenn immer mehr öffentliche Gedenkstätten und Erinnerunsorte und Stolpersteine zugänglich sind und offizielle Gedenkveranstaltungen dazu abgehalten werden.

Die Ermordeten sind in den Familien selbst oft schlichtweg vergessen - und ob jemand aktiv in die Krankenmorde mit involviert war, wird ausgeblendet und verdrängt und abgespalten.

(Das SPIEGEL-Gespräch mit Aly fand am 22.04.2013 statt.)

Diese Überlegungen zeigen, dass die oben im Artikel beschriebenen Verdrängungsmechanismen zur "Shoah" und zum "Holocaust" auch 1:1 übertragbar sind für auf die Aufarbeitung der NS-"Euthanasie"-Mordschicksale.

Solche Vorkommnisse in der eigenen Familie, sowohl bei (Mit-)Tätern und Opfern, werden verleugnet, ausgeblendet und immer noch - auch 80 Jahre danach - verdrängt, oder sind tatsächlich inzwischen "vergessen" und aus der Familien-"Gene" getilgt.

Und das war ja auch das Ziel der Rassenpolitik und all dieser darauf fußenden konzertierten Mord-Aktionen der allermeisten involvierten deutschen Nazis (9 Millionen waren aktive Mitglieder der NSDAP) und deren verblendete weit verbreitete Mitläufer in den Jahren 1933-1945:

"Das Vergessen der Vernichtung
 ist Teil 
 der Vernichtung selbst"

so hat es Harald Welzer in Anlehnung an Jean Baudrillard allerdings erst in unseren Tagen formuliert: Das Vergessen des Grauens ist von den Ideologen und Tätern im damaligen faschistischen System zumindest implizit mitgedacht und haargenau kalkuliert mit geplant und einkalkuliert worden - das war quasi Sinn der Vernichtungsaktionen: Vollständige und totale "Ausmerze" und konsequentes restloses "Niederführen" - diese faschistischen Unworte schließen ja eine endgültige "Tilgung" mit ein - zur erbbiologischen "Gesundung" des "deutschen Volkskörpers"...

 

"Lessons and Legacies of the Holocaust"


Eine neue Gesellschaftsgeschichte der Schoah

 

Der größte internationale Kongress zur Holocaustforschung tagt erstmals in Deutschland. In München soll es auch um neue Bilder von Tätern und Opfern gehen. 

 

VON CHRISTOPH DAVID PIORKOWSKI | TAGESSPIEGEL

 

Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre war das Jahrhundertverbrechen der Schoah in der Geschichtswissenschaft eher ein Nischenthema. Erst vor drei Jahrzehnten entwickelte sich eine breit angelegte und international vernetzte Holocaustforschung. Heute gehört die von Nazideutschland ausgehende Vernichtung der europäischen Juden zu den am meisten beforschten Geschehnissen der Menschheitsgeschichte. Und doch gibt es nach wie vor Desiderate, dunkle Bereiche, die es auszuleuchten gelte, sagt Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocauststudien am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit Sitz in München und Berlin.

Ausgelotet werden sie traditionell auf dem seit 1989 in den USA veranstalteten Fachkongress „Lessons and Legacies of the Holocaust“, auf dem die internationale Forschungsszene zusammenkommt. In diesem Jahr findet die Veranstaltungsreihe zu den Lehren und Vermächtnissen der Judenvernichtung erstmals in Europa statt. Vom 4. bis zum 7. November treffen sich in München, organisiert vom IfZ, rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um in 36 Panels und elf Workshops Erkenntnisse zu teilen und Probleme zu erörtern. Dem bisher größten Fachkongress, der je zur Schoah in Europa stattgefunden hat, komme dabei eine Brückenfunktion im internationalen Forschungsdreieck Nordamerika–Europa–Israel zu, sagt Mitorganisator Bajohr.

 

Als man die Idee zu einem derartigen Kongress in Deutschland vor einigen Jahren ventiliert habe, sei die beklemmende Aktualität, die dem Thema durch das Grassieren antisemitischer und geschichtsklitternder Positionen derzeit zukomme, noch nicht so augenfällig gewesen wie heute. Umso bedeutender sei es, dass das in Teilen auch öffentliche Programm von „Lessons and Legacies“ nun in München, und damit in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, stattfinde, erklärt der Historiker. So soll es auf dem Kongress neben klassischen Forschungsfragen auch um den Bereich der pädagogischen Vermittlung gehen. Vor dem Hintergrund revisionistischer „Vogelschiss“-Zitate und falscher Forderungen nach erinnerungspolitischen 180-Grad-Wenden müssten sich die Expertinnen und Experten auch stärker dem Transfer ihres Wissens widmen.

 

Aktuelle Forschung zu ungeplanten Aktionen der Judenvernichtung

 

Nicht zuletzt sind einige Fakten über den Holocaust im kollektiven Bewusstsein nämlich nach wie vor unterrepräsentiert. Zum Beispiel ist Auschwitz die vornehmliche Chiffre der Schoah, der Holocaust wird in der Regel mit den Konzentrationslagern assoziiert. Tatsächlich aber reichte das Mordgeschehen der Nazis und ihrer Helfershelfer weit darüber hinaus. „In der Öffentlichkeit kursiert zumeist das Bild eines bürokratisch perfektionierten Systems. Die Mehrheit der Holocaust-Opfer aber hat nie ein KZ von innen gesehen“, sagt Bajohr.

 

Die jüngere Forschung fokussiere dagegen deutlich die wilden Elemente der Judenvernichtung und verweise auf Willkür, Brutalität und den Willen zur Improvisation, den zahlreiche Täter bei den Massakern und Massenerschießungen in Osteuropa unter Beweis gestellt hätten. Keineswegs war das Böse nur banal, die hartnäckige Erzählung von der Dominanz des Schreibtischtäters ist heute so nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Auch der Kreis von den in die Vernichtungspraxis involvierten Personen ist im Fortgang der Forschung zunehmend größer angesetzt worden. „Der deutschen Nachkriegsjustiz galten bloß Hitler, Himmler und Heydrich als Täter“, sagt Bajohr. Mittlerweile gehe die Forschung von 200.000 bis 250.000 allein deutschen und österreichischen Tätern aus, deren Biografien und Handlungsweisen man genauer unter die Lupe genommen habe. Dazu komme eine unüberschaubare Menge von Profiteuren, Unterstützerinnen, Mitmachern und Wegsehenden, die mit dem in der Forschung früher gebräuchlichen Begriff des „Bystanders“ nicht hinreichend charakterisiert seien.

 

Der Holocaustforscher Raul Hilberg, Autor des Standardwerks „The Destruction of the European Jews“ von 1961, hat die klassische Trias „Täter–Opfer–Zuschauer“ geprägt. Diese Typologie gilt heute als überholt, taten die vermeintlichen Zuschauer doch häufig weit mehr, als bloß zuzuschauen. Dieser riesigen Gruppe an impliziten Mittätern müsse sich die Forschung in den kommenden Jahren im Rahmen einer „Gesellschaftsgeschichte des Holocaust“ weit umfänglicher annehmen als bisher, sagt Bajohr.

 

Die vielfältigen Biografien der Opfer

 

Auch die sogenannte Opferforschung arbeitet heute differenzierter als noch vor einigen Jahren. Früher als homogene Masse apostrophiert, die sich angeblich widerstandslos zu den Schlachtbänken ihrer Henker hat führen lassen, werden heute vor allem die vielfältigen Biografien, Schicksale und Reaktionsweisen der handelnden Personen beleuchtet. Ein großes Desiderat der Forschung ist die transnationale Verflechtung des Mordens. So gelte es zum Beispiel zu untersuchen, wie Öffentlichkeit, Medien und Regierungen in den europäischen Ländern auf den eliminatorischen Antisemitismus und die antijüdische Politik der Deutschen reagiert haben, sagt Bajohr.

 

Weil die wenigsten Historiker in allen Sprachen bewandert sind, die in den jeweiligen Ländern gesprochen werden, sind vergleichende Perspektiven oft schwierig. Auch deshalb sei ein internationaler Kongress wie „Lessons and Legacies“ so wichtig.

 

Diskussion um den Holocaust in der Genozidforschung

 

Worüber heute weitgehender Konsens herrscht, sind Details und Entwicklung des Völkermords, sowohl was die Organisation vom Zentrum aus als auch was die Durchführung vor Ort anbelangt. Auch die sogenannte „Singularitätsfrage“ ist kaum mehr umstritten. Zwar wird weiterhin kontrovers diskutiert, in welchen breiteren analytischen Rahmen der Holocaust einzuordnen ist. Ob man ihn zum Beispiel innerhalb der vergleichenden Genozidforschung diskutieren sollte oder wie er sich in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts fügt.

Dass die Judenvernichtung aber ein einmaliges Menschheitsverbrechen war, ist mittlerweile überwiegend anerkannt. So ist der Versuch, eine als minderwertig markierte Bevölkerungsgruppe über ein begrenztes Territorium hinaus mit allen Männern, Frauen und Kindern restlos auszurotten, wo immer man ihrer habhaft wurde, in der bekannten Geschichte beispiellos.

 

Das gesellschaftlich zu bearbeiten, ist ein vielfach anerkannter kategorischer Imperativ der Erinnerungspolitik, insbesondere in Deutschland, dem Ursprungsland des Zivilisationsbruchs.

 

Quer dazu steht allerdings das derzeitige Lehrangebot an deutschen Universitäten. Nach einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin findet an der Hälfte aller Hochschulen nie eine Lehrveranstaltung zum Holocaust statt. Die Holocaustforschung habe an deutschen Universitäten keinen leichten Stand, sagt Stephan Lehnstaedt vom Touro-College Berlin. Der Professor für Holocaust-Studien beklagt, diese seien in Deutschland nicht hinreichend institutionalisiert. Wer hier an der Uni Karriere machen wolle, müsse meistens „Generalist“ sein.

 

Wissenschaftlicher Nachwuchs wandert ins Ausland ab

 

„Die Holocaustforschung ist oft reine empirische Detailforschung und gilt als zu spezialisiert. Abstrakte Theorien kommen hier eher selten vor“, sagt Lehnstaedt. Das passe nicht zu den derzeitigen historiografischen Trends. Zwar gebe es jede Menge deutsche Akademiker, die brillante Dissertationen zum Holocaust schrieben. Da es an den deutschen Universitäten jedoch keine Perspektive gebe, wanderten sie meistens ins Ausland ab. Ein Missstand, meint der Berliner Historiker. Bundesweit müssten deutlich mehr Professuren für Holocaustforschung geschaffen werden.

 

Auch Frank Bajohr beklagt die Lücken im Lehrangebot der Hochschulen. Allerdings geht es ihm weniger um neue Professuren. Vor allem solle man sich verstärkt auf eine gute Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und Mitarbeitern von Gedenkstätten konzentrieren. „Ich denke hier an Fortbildungen und interaktive Online-Seminare, an denen auch Studierende teilnehmen können, die an ihrer Universität kein entsprechendes Lehrangebot finden“, sagt Bajohr. Vor dem Hintergrund des aktuellen Rechtsrucks sei es jedenfalls dringend geboten, ein breites Wissen zum Holocaust auch über Expertenkreise hinaus zu vermitteln.


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