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Zwei Erziehungs-Bestseller von Johanna Haarer aus den 40er Jahren

 

 

FOLGENREICHE BESTSELLER AUS DER NAZIZEIT

1934 veröffentlichte die Ärztin Johanna Haarer ihren Ratgeber: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Das Buch verkaufte sich 1,2 Millionen Mal und wurde zur NS-Zeit eine Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen sowie für die Reichsmütterschulungen.

 

 

NS-Geschichte


Warum Hitler bis heute die Erziehung von Kindern beeinflusst

 

Für eine Generation aus Mitläufern forderten die Nazis von Müttern, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu ignorieren. An den zerrütteten Beziehungen leiden noch die Enkel.

 

Eine Analyse von Anne Kratzer

 

Sie wolle ihre Kinder ja lieben – doch irgendwie schaffe sie es einfach nicht. Renate Flens kommt mit einer Depression in die Praxis der Psychotherapeutin Katharina Weiß. Die Expertin vermutet schon bald, dass hinter den Problemen ihrer Patientin im Grunde die Frustration steckt, Menschen nicht nah an sich heranlassen zu können.


Nach einer ausgiebigen Spurensuche in Flens' Vergangenheit glauben die beiden Frauen schließlich, eine Schuldige dafür gefunden zu haben: die Ärztin Johanna Haarer, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Ratgebern erklärte, wie man Kinder für den Führer erzieht. Dabei ist Renate Flens, die in Wirklichkeit anders heißt, gerade einmal in den 1960ern – also erst nach dem Krieg geboren worden. Doch Haarers Bücher waren Bestseller. Auch im Deutschland der Nachkriegszeit fanden sich noch in fast jedem Haushalt Exemplare ihrer Werke. Von der Therapeutin darauf angesprochen, erinnerte sich auch Flens daran, ein Buch von Haarer im Regal ihrer Eltern gesehen zu haben.

 

Und ein besonders perfider Aspekt von Haarers Erziehungsphilosophie könnte sogar von Generation zu Generation weitergegeben worden sein: Um sie zu guten Soldaten und Mitläufern zu machen, forderte das NS-Regime Mütter dazu auf, die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren. Sie sollten emotions- und bindungsarm werden. Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?

 

"Unter Analytikern und Bindungsforschern ist das schon lange ein Thema – in der Öffentlichkeit wird es ignoriert", sagt Klaus Grossmann, der zuletzt an der Universität Regensburg forschte und bereits in den 1970er-Jahren Studien zu Mutter-Kind-Bindungen durchführte. Dabei konnte er im Labor immer wieder Szenen wie diese beobachten: Ein Baby weinte. Die Mutter ging auf das Kleine zu, doch kurz bevor sie bei ihm war, stoppte sie. Obwohl nur wenige Meter weiter ihr Kind schrie, machte sie keine Anstalten, es hochzuheben oder zu trösten. "Wenn wir die Mütter fragten, warum sie das taten, sagten sie: Sie dürften das Kind ja nicht verwöhnen."


Sätze wie dieser und Sprichwörter wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" sind bis heute verbreitet. Selbst der Bestseller Jedes Kind kann schlafen lernen von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth deutet in eine ähnliche Richtung. Das Buch rät, Kinder mit Ein- oder Durchschlafproblemen allein in ein Zimmer zu legen und in immer länger werdenden Abständen zwar nach ihnen zu sehen und mit ihnen zu sprechen, sie aber nicht hochzuheben – selbst, wenn sie weinen.

 

"Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann alleine bleibt", schrieb auch Johanna Haarer in ihrem 1934 veröffentlichten Ratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Beginnt das Kind zu schreien oder zu weinen, solle man es ignorieren: "Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!"

 

Das Baby als ein Quälgeist, dessen Wille es zu brechen gilt – so sah Johanna Haarer Kinder. Die Folgen dieser Sichtweise könnten auch heute noch spürbar sein. Ob es um die geringe Geburtenrate geht, die vielen Menschen, die geschieden sind oder allein leben, die starke Verbreitung von Burn-out, Depressionen oder psychischen Erkrankungen im Allgemeinen – manche Forscherinnen, Ärzte oder Psychologen spekulieren darüber, dass eine ganze Reihe von Phänomenen mit der antrainierten Bindungs- und Gefühlslosigkeit in Verbindung stehen könnte.

 

Nüchtern betrachtet sind die Gründe für diese gesellschaftlichen Umstände allerdings sicher vielfältig. Nachverfolgen lässt sich der Einfluss Haarers höchstens am klinischen Einzelfall, wie bei der Patientin von Katharina Weiß. "Meistens stehen in solchen Therapien ganz andere Themen im Vordergrund. Aber nach einiger Zeit hört man dann Hinweise auf Haarer: Ekel vor dem eigenen Körper, strenge Essensregeln oder Beziehungsunfähigkeit", sagt die Psychoanalytikerin.


Auch der Psychiater und Psychotherapeut Hartmut Radebold erzählt von einem Patienten, der mit schweren Beziehungs- und Identitätsschwierigkeiten zu ihm kam. Eines Tages fand dieser ein dickes Buch daheim, in dem seine Mutter unzählige Informationen über sein erstes Lebensjahr notiert hatte: Gewicht, Größe oder die Häufigkeit des Stuhlgangs – aber kein einziges Wort über Gefühle.

 

Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen.

Johanna Haarer in "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (Elternratgeber von 1934)

 

 

"Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen", riet damals Johanna Haarer. Sie schilderte detailreich körperliche Aspekte, ignorierte aber alles Psychische – und warnte geradezu vor "äffischer" Zuneigung: "Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen." Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer "läppisch-verballhornten Kindersprache" solle die Mutter ausschließlich in "vernünftigem Deutsch" mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.


Körperkontakt vermeiden


Haarers Ratschläge hatten einen modernen und wissenschaftlichen Anstrich, aber sie waren – was größtenteils schon damals bekannt war – falsch und darüber hinaus sogar schädlich. Kinder brauchen Körperkontakt, doch Haarer empfahl, diesen sogar beim Tragen möglichst gering zu halten. Sie riet zu einer unnatürlichen Haltung, die auf Bildern illustriert ist: Die Mütter halten ihre Kinder so, dass sie sie möglichst wenig berühren, und sie sehen sie an, blicken ihnen jedoch nicht in die Augen.

 

Eine Erziehung, die gefühlskalte Soldaten hervorbringen soll

 

Solche Erfahrungen können traumatisieren. Zwischen 2009 und 2013 untersuchten die Psychologin Ilka Quindeau und ihre Kollegen von der Frankfurt University of Applied Sciences im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die Generation der Kriegskinder. Eigentlich sollte sich ihre Studie um die Spätfolgen von Bombenangriffen und Flucht drehen. Doch nach den ersten Interviews mussten die Forscherinnen ihr Studiendesign abändern: In den Gesprächen kamen derart häufig Erfahrungen in der Familie zur Sprache, dass sie sich dazu entschieden, ein zusätzliches, mehrstündiges Interview zu diesem Thema anzuschließen. Am Ende halten die Wissenschaftlerinnen fest: "Diese Leute zeigten ein Muster auffällig starker Loyalität mit den Eltern. Dass in den Schilderungen überhaupt keine Konflikte angesprochen wurden, ist Zeichen einer Beziehungsstörung." Zudem weist Quindeau darauf hin, dass nirgendwo sonst in Europa ein so ausführlicher Kriegskinderdiskurs stattfinde wie in Deutschland – obwohl es auch in anderen Ländern Zerstörung und Bombenangriffe gegeben habe.

 

Die österreichisch-britische Psychoanalytikerin Anna Freud hatte 1949 entdeckt, dass Kinder, die eine gute Bindung zu ihren Eltern aufwiesen, den Krieg als weniger schlimm empfanden als jene, die keine gute Bindung hatten. Nähme man diese Erkenntnisse zusammen, stecke hinter den Gesprächen der Kriegskinder über Bombenangriffe und Vertreibung eigentlich eher Trauer über die Familienerfahrungen, glaubt Quindeau. Nur seien diese Erfahrungen so verletzend, dass sie unaussprechlich geworden seien.

 

Unfähig zu fühlen

 

Diese Interpretation ist allerdings schwierig zu belegen. Randomisiert-kontrollierte Studien, die den Einfluss von Haarers Erziehungsratschlägen experimentell untersuchen, sind aus ethischen Gründen nicht durchführbar. Doch auch Forschungsarbeiten, die sich nicht expliziert mit der Erziehung im Dritten Reich befassen, lieferten wertvolle Hinweise, meint Grossmann. "Alle Daten, die wir haben, deuten auf Folgendes hin: Wenn man einem Kind in den ersten ein oder zwei Lebensjahren eine feinfühlige Ansprache vorenthalten würde – so wie Johanna Haarer es propagiert hat –, bekäme man die eingeschränkten, emotions- und reflexionsunfähigen Kinder, die wir aus der Forschung kennen."


Der Bindungsforscher weist unter anderem auf eine Langzeitstudie hin, die ein Team um die Psychiaterin Mary Margaret Gleason von der Tulane University in New Orleans, Louisiana, 2014 in der Fachzeitschrift Pediatrics veröffentlichte. Gleason und ihre Kollegen hatten 136 rumänische Waisenkinder im Alter von einem halben Jahr bis zu vier Jahren in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Hälfte von ihnen blieb im Heim, die anderen wurden hingegen in Pflegefamilien gegeben. Als Kontrollgruppe fungierten Kinder aus der Region, die bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen. Dabei stießen sie unter anderem sowohl bei den Heim- als auch bei den Pflegekindern auf Probleme im Hinblick auf Sprache und Bindungsverhalten. Kam zum Beispiel während eines Experiments mit 89 der Probanden ein Fremder zur Tür herein und bat die Jungen und Mädchen anlasslos mitzukommen, folgten ihm von den Kindern aus der Kontrollgruppe 3,5 Prozent, bei den Kindern aus Pflegefamilien waren es 24,1 Prozent und bei den Heimkindern sogar 44,9 Prozent.

 

"Solche Kinder, die verführbar sind, nicht denken und nicht fühlen, sind praktisch für eine Kriegernation", sagt Karl-Heinz Brisch, Psychiater und Psychotherapeut am Dr.-von-Haunerschen-Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auch im antiken Sparta seien die Kinder mit diesem Ziel erzogen worden. "Das Wesentliche bei Johanna Haarer ist, dass man dem Kind keine Zuwendung gibt, wenn dieses danach ruft. Doch jede Verweigerung bedeutet eine Zurückweisung", erklärt Grossmann. Einem Neugeborenen blieben als Kommunikationsmöglichkeit nur Mimik und Gestik. Folge darauf keine Reaktion, lerne es, dass seine Äußerungen nichts wert seien. Zudem erlebten Kleinkinder Todesangst, wenn sie Hunger oder Einsamkeit verspürten und dann nicht von ihrer Bezugsperson beruhigt werden. Im schlimmsten Fall könnten solche Erfahrungen dann zu einem Bindungstrauma führen, das es den Betroffenen auch im weiteren Leben schwer macht, Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen.

 

Erziehungstipps von der Lungenfachärztin

 

Haarer, die als Lungenfachärztin weder eine pädagogische noch eine pädiatrische Ausbildung hatte, wurde von den Nationalsozialisten gezielt gefördert. Die Ratschläge aus ihrem Werk Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind wurden in den sogenannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Die Kurse sollten allen deutschen Frauen einheitliche Regeln zur Säuglingspflege vermitteln. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil. Darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.

 

In ihrem Werk empfiehlt Haarer Müttern, ihre Kinder möglichst bindungsarm aufwachsen zu lassen. Weine das Kind, solle man es schreien lassen. Übermäßige Zärtlichkeiten seien in jedem Fall zu vermeiden.

 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fürchten, dass dies bei betroffenen Kindern zu einer Bindungsstörung geführt hat, die diese seitdem von Generation zu Generation weitergeben. Randomisiert-kontrollierte Studien, die den Einfluss von Haarers Erziehungsphilosophie untersuchen, gibt es jedoch nicht.

 

Schon bevor sie ihre Erziehungsbibel veröffentlichte, schrieb Johanna Haarer in Zeitungen über Säuglingspflege. Später erschienen weitere Bücher von ihr, unter anderem Mutter, erzähl von Adolf Hitler, eine Art Märchen, das kindgerecht Antisemitismus und Antikommunismus propagierte, sowie Unsere kleinen Kinder, ein weiterer Erziehungsratgeber. Nach der NS-Zeit wurde die Münchnerin anderthalb Jahre lang interniert. Begeisterte Nationalsozialistin blieb sie den Aussagen zweier ihrer Töchter zufolge bis zu ihrem Tod 1988. Und nicht nur ihre persönliche Einstellung überdauerte das Dritte Reich – auch ihr Hauptwerk Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind blieb noch lange verbreitet. Bis Kriegsende erreichte es, durch NS-Propaganda beworben, eine Auflage von 690.000 Stück. Aber auch nach dem Krieg wurde es – vom gröbsten Nazijargon bereinigt – bis 1987 noch einmal von fast genauso vielen Deutschen gekauft: am Ende insgesamt 1,2 Millionen Mal.

 

Von Generation zu Generation

 

Diese Zahlen zeigen, wie viel Anklang Haarers Weltanschauung auch in der Nachkriegszeit noch fand. Doch warum setzten Mütter ein solch kontraintuitives Vorgehen überhaupt um? "Das kam nicht bei allen gut an", sagt Hartmut Radebold.

 

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Buchautor hat sich in seinen Forschungen intensiv mit der Generation der Kriegskinder auseinandergesetzt. Er geht davon aus, dass Haarers Erziehungsratgeber vor allem auf zwei Gruppen einen Einfluss hatte: auf Eltern, die sich besonders stark mit dem NS-Regime identifizierten, sowie auf junge Frauen, die – oft bedingt durch den Ersten Weltkrieg – selbst aus zerrütteten Familien kamen und deshalb gar nicht wussten, wie sich eine gute Beziehung anfühlt. Kämpften ihre Ehemänner zudem selbst an der Front und ließen sie allein, überfordert und verunsichert zurück, sei es durchaus vorstellbar, dass sie besonders anfällig für Haarers Erziehungspropaganda waren.

 

Zudem sei eine strenge Erziehung bereits vor 1934 in Preußen gang und gäbe gewesen. Nur eine Kultur, die ohnehin eine gewisse Neigung zu solchen Ideen von Härte und Drill besaß, habe so etwas umsetzen können, glaubt Grossmann. Dazu würden auch die Befunde von Studien aus den 1970er-Jahren passen, die beispielsweise darauf hindeuten, dass in Bielefeld damals etwa jedes zweite Kind ein unsicheres Bindungsverhalten aufwies, im süddeutschen Regensburg, das nie zum preußischen Einflussgebiet gehört hat, hingegen nicht einmal jedes dritte.

 

Um zu beurteilen, wie sicher die Bindung zwischen Mutter oder Vater und Kind ist, nutzen Grossmann und andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufig den Fremde-Situations-Test der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth. Dabei betritt beispielsweise eine Mutter mit ihrem Kleinkind einen Raum und setzt es bei einem Spielzeug ab. Nach 30 Sekunden nimmt sie auf einem Stuhl Platz und liest eine Zeitschrift. Nach spätestens zwei Minuten erklingt ein Signal, das die Mutter daran erinnern soll, ihr Kind zum Spielen zu ermuntern, falls es dies noch nicht tut. In weiteren Abständen von ein bis drei Minuten spielen sich dann folgende Szenen ab: Eine fremde Frau erscheint in dem Raum und schweigt, die beiden Frauen sprechen miteinander, die Fremde beschäftigt sich mit dem Kind, die Mutter lässt ihre Handtasche auf dem Stuhl liegen und verlässt den Raum. Nach kurzer Zeit kehrt die Mutter wieder in den Raum zurück und die fremde Person geht. Wenig später geht auch die Mutter, das Kind bleibt allein zurück. Nach wenigen Minuten kehrt zuerst die fremde Frau in den Raum zurück und beschäftigt sich mit dem Kind, dann die Mutter.

 

Bindungsforscher beobachten dabei ganz genau, wie das Kind sich verhält. Ist es in der Trennungssituation kurz irritiert und weint, beruhigt sich jedoch bald wieder, wird es als sicher gebunden betrachtet. Jungen und Mädchen, die sich nicht mehr beruhigen – oder erst gar nicht auf das Verschwinden ihrer Bezugsperson reagieren –, gelten hingegen als unsicher gebunden. Grossmann hat den Test in verschiedenen Kulturen gemacht. Dabei entdeckte der Wissenschaftler, dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern besonders viele Erwachsene positiv beeindruckt wären, wenn Kinder vom Verschwinden der Bezugsperson unbeeindruckt seien. Die Eltern nähmen das als "unabhängig" wahr.

 

Wie die Eltern, so die Kinder

 

Zudem deuten seine Befunde darauf hin, dass Kinder, wenn sie erwachsen werden und selbst Nachwuchs bekommen, ihr Bindungsverhalten an die nächste Generation weitergeben. Im Rahmen einer ihrer Untersuchungen erfassten Grossmann und seine Kollegen vier bis fünf Jahre nach dem Fremde-Situations-Test mit Hilfe von Interviews auch den Bindungsstil der Eltern ihrer Probanden in deren Kindheit. In ihre Auswertung bezogen die Wissenschaftler nicht nur den Inhalt der Antworten mit ein, sondern auch die Emotionen der Erwachsenen während der Befragung. So betrachteten die Forscher zum Beispiel, ob die Versuchspersonen häufig das Thema wechselten, nur einsilbige Antworten gaben oder übergeneralisierte Lobreden auf ihre eigenen Eltern hielten, ohne konkrete Situationen zu schildern. Das Ergebnis der Veröffentlichung aus dem Jahr 1988: Bei den 65 untersuchten Eltern und Kindern entsprach das Bindungsverhalten der Kinder in 80 Prozent der Fälle dem der Eltern. Eine 2016 veröffentlichte Metaanalyse von Forschern um Marije Verhage von der Universität Amsterdam, die die Daten von 4.819 Personen auswerteten, konnte den Effekt der Weitergabe von Bindungsverhalten über Generationen hinweg bestätigen.

 

Wie genau Eltern negative Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit gemacht haben, an ihre eigenen Kinder weitergeben, ist bislang noch Gegenstand verschiedener Theorien. Mittlerweile mehren sich allerdings die Hinweise darauf, dass dabei auch biologische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Dahlia Ben-Dat Fisher von der Concordia University in Montreal und ihre Kollegen entdeckten 2007 zum Beispiel, dass der Nachwuchs von Müttern, die in ihrer Kindheit vernachlässigt worden waren, morgens regelmäßig einen niedrigeren Spiegel des Stresshormons Kortisol aufwies. Die Forscher werteten das als ein Zeichen für eine unnormale Stressverarbeitung.

 

Ein Team um Tobias Hecker von der Universität Zürich verglich 2016 in Tansania Kinder, die nach eigenen Angaben viel körperliche und seelische Gewalt erlebt hatten, mit solchen, die nur von wenigen Misshandlungen berichteten. Dabei stießen sie bei der ersten Gruppe nicht nur vermehrt auf medizinische Probleme, sondern auch auf eine abweichende Methylierung des Gens, das für das Protein Proopiomelanocortin kodiert. Dieses ist der Vorläufer für eine ganze Reihe von Hormonen, unter anderem für das Stresshormon Adrenocorticotropin, das in der Hirnanhangsdrüse gebildet wird. Veränderte DNA-Methylierungsmuster können die Aktivität eines Gens beeinflussen – und aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls von Generation zu Generation weitergegeben werden. In Tierversuchen konnten Wissenschaftler dieses Phänomen bereits ausführlich beobachten, beim Menschen ist das Bild bislang noch weniger klar.

 

Auf der Verhaltensebene könne man nur das weitergeben, was man selbst an Erfahrungen kennt, erklärt Grossmann. Zwar können Eltern sich bewusst mit ihrer eigenen Bindungserfahrung auseinandersetzen und versuchen, ihre eigenen Kinder anders zu erziehen. "In stressigen Momenten verfällt man jedoch oft wieder in die gelernten, unbewussten Muster", meint Grossmann. Vielleicht wollte Gertrud Haarer, die jüngste von Johanna Haarers Töchtern, deshalb nie selbst Kinder haben. Sie hat sich öffentlich kritisch mit ihrer Mutter auseinandergesetzt und nach einer schweren Depression ein Buch über deren Leben und Vorstellungen verfasst. Lange sei sie selbst unnahbar gewesen, sagt sie, und an ihre Kindheit habe sie keine Erinnerung. "Offenbar hat mich das so traumatisiert, dass ich dachte, ich könnte nie Kinder erziehen", erklärte sie in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

 

Weitere Quellen: www.spektrum.de/artikel/1549585


ANNE KRATZER
arbeitet als Psychologin und Journalistin in Heidelberg. Als sie ihrer Mutter von der Recherche erzählte, stieg diese auf den Dachboden und präsentierte ihr einen von Haarers Ratgebern – von denen sie allerdings nie viel gehalten hatte.

 

Quelle des Artikels : www. zeit.de

 

 

 

Foto: sinedi

 

 

Wie der zweite Weltkrieg über Generationen wirkt


Sie verstand: Ich bin Kriegsenkelin

 

Text: Hanna Lucassen 25.11.20 chrismon Dezember

 

 

Heike Pfingsten-Kleefeld:

 

Früher träumte ich jede Nacht vom Krieg: Ich muss fliehen, werde verfolgt, finde mein Zuhause nicht mehr. Morgens wachte ich erschöpft auf. Ich konnte mir die Träume nie erklären. Ich bin 1961 geboren, zu Friedenszeiten. Mein Vater war gestorben, als ich fünf war. Aber meine Schwester und ich hatten einen zweiten Vater, den neuen Mann meiner Mutter. Ich war ein eher scheues, vorsichtiges Mädchen, rebelliert habe ich nie. Meine Eltern hatten es schwer genug, mit Haus, Arbeit, Garten, das sah ich ja.

 

Es ging recht distanziert zu bei uns. Ich zweifelte nicht daran, dass meine Eltern mich liebten, aber viel wollten sie von meinem Leben nicht wissen. Bei Tisch redeten wir über Nachbarn, Verwandte, bloß nichts, was in die Tiefe ging. Als ich Anfang 20 war, wurde ein Leserbrief von mir in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlicht. Ich war so stolz! Mein Vater sagte: "Na ja, die hatten wohl nicht genug Zuschriften."

 

Ich hatte immer mit Ängsten zu kämpfen

 

Ich hatte immer mit Ängsten zu kämpfen. Auch meine Kinder erzog ich mit den Sätzen, die ich kannte: Pass auf! Freu dich bloß nicht zu früh! Bis ich 2011 auf den Verein Kriegsenkel stieß, da war ich fünfzig. Ich begann, meine Eltern besser zu verstehen – und mich. Sie wurden 1936 und 1937 geboren und wuchsen im Zweiten Weltkrieg auf. Kriegskinder wie sie mussten lernen, sich zusammen­zureißen, wegzuducken, wachsam zu sein. Trödeln oder träumen, das konnte tödlich sein. Mein Stiefvater schaffte es als Grundschüler bei einem Fliegeralarm nicht rechtzeitig nach Hause und war allein auf weiter Flur, als die Jagdbomber kamen. Bei meiner Mutter standen zu Kriegsende amerikanische Soldaten mit Maschinengewehren an der Tür und sagten: In einer Stunde seid ihr hier raus, wir brauchen das Haus. Sie war damals acht Jahre alt.

 

Sie gaben ihre Traumata an uns weiter

 

Viel erzählen meine Eltern nicht aus der Zeit, aber wenn ich diese Geschichten höre, verstehe ich ein ­bisschen, ­warum sie unsere Zahnschmerzen oder unseren Liebeskummer nicht so ernst nahmen. Und dass sie verinner­licht hatten: Gefühle dürfen nicht raus. Ihre Traumata, ihre Glaubenssätze gaben sie an uns weiter.

 

Erst mal war es wie eine Befreiung. Ich wusste, woher meine Ängste kamen, und konnte daran arbeiten. Auch meine Kriegsträume hörten mit Hilfe einer Therapeutin langsam auf. Vor zwei Jahren veröffentlichte ich ein Buch über Kriegsenkel. Seitdem mache ich Lesungen. Sage meine Meinung, weiche Konflikten nicht mehr aus. Und wenn ich meinen Sohn am Auto verabschiede, sage ich nicht mehr: Fahr vorsichtig! Sondern: Gute Fahrt!

 

Den Kontakt zu den Eltern abbrechen?

 

Ja, ich habe mich ziemlich verändert. Aber wenn ich zu meinen Eltern fuhr, fiel das alles in sich zusammen. Vor ein paar Monaten war ich wieder da. Eine Zeitung wollte einen großen Artikel über mich schreiben. Ich war aufgeregt. Ich erzählte es beim Frühstück. Mein Vater hörte sich das schweigend an.

 

Dann schaute er suchend über den Tisch und fragte: "Gibt es den Joghurt auch noch in ­anderen Geschmackssorten?" Als ich nach Hause fuhr, dachte ich: Das tue ich mir nicht noch mal an. Dieses ­Desinteresse verletzt mich zu sehr. Ich habe Bekannte, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben. Auf ­dieser Autofahrt dachte ich das erste Mal auch darüber nach.

 

Ich ging einen anderen Weg. Zwei Wochen später fuhr ich wieder hin, klopfenden Herzens. Ich sagte meinem Vater, dass ich es unmöglich fand, dass er gar nicht reagiert hatte. So etwas hatte ich noch nie gemacht. Weil ich mein ganzes Leben das Gefühl hatte, sie schonen zu müssen. Das ist auch typisch für Kriegsenkel. Aber trotzdem, wir konnten doch nicht ein Leben lang immer an der Oberfläche bleiben. Und siehe da: Mein Vater entschuldigte sich. Er habe das mit dem Zeitungsartikel gar nicht mitgekriegt. Wir redeten nicht lange darüber, natürlich nicht. Aber es war für uns beide ein wichtiger Moment.

 

Ja, meine Eltern sind über 80 Jahre, aber...

 

Ja, meine Eltern sind schon über 80 Jahre. Lass sie, ­sagen manche, sie ändern sich sowieso nicht mehr. Aber darum geht es nicht. Sie müssen nicht an sich arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber ich habe mich verändert, und ich traue ihnen zu, damit umzugehen. Auch noch in ihrem Alter. Ja, es wird vielleicht anstrengender zwischen uns, aber auch weicher. Neulich sagte meine Mutter zu mir: "Ich bin traurig." So etwas hatte ich nie von ihr gehört.

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Taschenbuch, 210 Seiten, Worte & Leben; 3. Edition (20. Januar 2020)

 

Amazon-Begleittext:

 

”Dir geht es doch gut. Wir hatten es schwer!“ - Diese Sätze hörten viele Kriegsenkel als Antwort auf ihre Sorgen und Nöte. Das mangelnde Einfühlungsvermögen der Eltern hatte einen Grund – sie haben in ihrer Kindheit den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten. Später gaben diese Kriegskinder nicht nur die Gene an ihre Kinder weiter, sondern oft auch ihren Umgang mit Gefühlen, ihre Ängste und ihre Herangehensweise an die Welt.


31 Kriegsenkel zeigen, wie subtil und gleichzeitig mächtig die Kriegs- und Fluchterfahrungen der Eltern auch heute noch in ihnen nachwirken – und dass es möglich ist, diesen Einfluss zu beenden.


In diesem Buch setzen sie sich mit ihrem besonderen Familienerbe auseinander. Die Kinder der Kriegskinder sind auf die Suche gegangen nach familiären Mustern und Glaubenssätzen, die sie in ihrem Leben hemmen und belasten. Ihre Erfahrungen haben sie zu abwechslungsreichen Texten verarbeitet. Mit kurzen thematischen Einführungen schafft die Herausgeberin einen Rahmen für die geschilderten Gefühle und Erlebnisse der Kriegsenkel.


Mit einem Vorwort von Ingrid Meyer-Legrand, Autorin des Buches ”Die Kraft der Kriegsenkel“

Maya & Anita Lasker-Wallfisch - fotobearbeitung nach jmberlin.de
 

 

 

 


Maya Lasker-Wallfisch über ihre „Briefe nach Breslau“

Ein „Ort der Ewigkeit“ für die ermordeten Großeltern

Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit Frank Meyer| DLF Kultur

Wie Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden, wurde zu Maya Lasker-Wallfischs Lebensthema − ihre Mutter hatte Auschwitz überlebt. Durch die „Briefe nach Breslau“ an ihre Großeltern habe sie sich selbst gefunden, sagt sie.

Maya Lasker-Wallfisch: Als ich 14 war, war für mich bereits jede Form von normaler Schulbildung vorbei, das gehörte der Vergangenheit an. Ich war bereits schon zwei Mal höflich gebeten worden, Schulen zu verlassen. Eine von den Schulen habe ich noch nicht mal besucht, da stand da nur „Wir haben Maya Lasker-Wallfisch hier nicht gesehen“. Was dann folgte, war, dass ich zu so einer Art Nachholschule geschickt wurde, wo man dann eigentlich den Stoff, den man aufgrund von Schwänzen oder sonstiger Fehlzeiten verpasst hat, gebündelt lernen sollte.

Eigentlich habe ich da sehr viel gelernt, aber nichts wirklich Akademisches. Das heißt also, ich war schon in sehr jungen Jahren sehr weit weg von jeglicher Form der Normalität, habe dann angefangen, so eine Art sogenannten alternativen Lebensstil zu leben und entpuppte mich dann relativ früh schon als eine Art Anführerin bei allen möglichen illegalen oder halblegalen Aktivitäten. Also man kann schon sagen, dass ich schon damals ein böses Mädchen war.

Weg von den Drogen

Frank Meyer: Ja, Sie beschreiben das auch ganz offen, was Sie Kriminelles getan haben, wie viel Sie mit Drogen zu tun hatten und diese Karriere, wenn man es so nennen will, als bad girl. Das führt dann zu einem Tiefpunkt Ihres Lebens, da sind Sie Anfang 30, sind in Kingston gelandet, also in Jamaika, verheiratet mit einem cracksüchtigen Mann. Sie selbst sind auch wieder drogenabhängig geworden, haben kein Geld mehr, sind wirklich ganz, ganz unten. Was hat Sie gerettet damals in dieser Situation?

Lasker-Wallfisch: Das ist eine wichtige Frage, aber da gibt es vielleicht auch mehrere Antworten, denn was heißt es denn, dass man gerettet wird, dass man sein Leben wieder auf die Reihe bekommt? Da gibt es ja auch viele verschiedene Möglichkeiten, wie so was ablaufen kann. Ich würde sagen, was ein erster Schritt war, mich da rauszuholen, war wirklich so eine Art Rehabilitationsklinik, Entzugsklinik und so weiter. Da bin ich nicht wirklich geheilt worden, aber es hat mir zumindest beigebracht, dass ich keine Drogen mehr nehmen sollte. Das habe ich da gelernt.

Seitdem ist mein Leben in verschiedenen Kapiteln abgelaufen. Eigentlich habe ich sehr viele verschiedene Lebensformen, Lebensstile in der Zeit ausprobiert, und erst in den letzten zwei bis drei Jahren bin ich wirklich in der Lage, authentisch zu sagen: Das bin ich, so denke ich und das weiß ich.

Landschaft eines unsichtbaren Todes

Meyer: Und jetzt ist ja die große Frage in Ihrem Buch, der Sie nachgehen – wie werden Traumata weitergegeben von einer Generation zur anderen. Sie fragen sich: All das, was ich da erlebt habe in meiner Zeit als Kind, als Jugendliche, als junge Erwachsene, all diese Abstürze, diese Drogengeschichten, was hat das zu tun mit dem Schicksal meiner Mutter, eben der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch, was hat das auch zu tun mit dem Tod Ihrer jüdischen Großeltern, die Eltern Ihrer Mutter sind 1942 in einem deutschen Durchgangslager ermordet worden? Wenn Sie von heute aus darauf zurückschauen, was Ihre Mutter erlebt hat, was Ihren Großeltern passiert ist, wie hat Sie das als Kind schon geprägt?

Lasker-Wallfisch: Ich wurde in eine ungewöhnliche Familie innerhalb Londons geboren in den späten 50er-Jahren, und ich hatte schon ganz früh das Gefühl, dass irgendetwas grundlegend falsch läuft. Ich konnte mir aber nicht erklären, was das war. Es herrschte so eine Atmosphäre von etwas permanent Unausgesprochenem in der Familie vor. Meine Eltern sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand, und es wurde uns, mir und meinem Bruder, auch vermittelt, dass diese Sprache, Deutsch, nicht für ihn und mich bestimmt war. Dabei ist es doch so, dass Kinder eigentlich Sprachen aufsaugen wie Schwämme, und jetzt merke ich, wie schwierig es für mich ist, Deutsch zu lernen, weil das einfach so weit weg war, auch schon damals.

Die Eltern sprachen also Deutsch – und die Sprache der Musik, von der ich ebenfalls ausgeschlossen war, weil ich kein musikalisches Kind war. Ganz anders als in allen anderen Familien ist es bei uns abgelaufen, das fiel mir früh auf. Also wir hatten nichts in der Wohnung, was andere Familien damals hatten. Und das ist für ein Kind durchaus verstörend, weil Kinder ja immer sein wollen wie alle anderen. Unsere Wohnung war komplett anders als die der normalen englischen Haushalte.

Und das war sehr schwer, im jungen Alter damit klarzukommen. Und natürlich wurde mir nicht erklärt, noch war es irgendjemandem bewusst, dass meine Schwierigkeiten vielleicht mit ererbten Traumata zu tun haben könnten. Das ist ja auch ein relativ neu entdecktes psychologisches Phänomen oder auch überhaupt genetisches Phänomen, dass es so etwas gibt. Was ich aber gespürt habe, war das Leben in einer Landschaft eines unsichtbaren Todes.

Niemand sprach über die Vergangenheit

Meyer: Ja, wenn Sie sagen, dass Sie in so einer Landschaft des unsichtbaren Todes aufgewachsen sind, hat denn Ihre Mutter oder sonst jemand je mit Ihnen gesprochen, während Sie jung waren, über die Erfahrungen, die Ihre Mutter gemacht hat in Auschwitz oder in Bergen-Belsen, oder haben Sie auf andere Weise davon erfahren?

Lasker-Wallfisch: Nein, darüber wurde nie etwas gesagt. Es wurde uns nicht gesagt, wo unsere Mutter oder unsere Tante Renate gewesen waren während des Krieges oder was mit dem Rest der Familie passiert war, das war verboten, darüber wurde nicht gesprochen. Aber es gab Zeichen dafür, dass etwas passiert war. Meine Mutter war ja regelrecht gebrandmarkt durch die Tätowierung, die eintätowierte Nummer, die Häftlingsnummer. Ich wurde zum Beispiel von anderen Kindern gefragt, warum denn meine Mutter ihre Telefonnummer auf dem Arm tragen würde.

Also sie war die Einzige, die so etwas hatte in meinem gesamten Umfeld. Das Einzige, woran ich mich erinnere, was sie gesagt hat, wenn wir Fragen gestellt haben, war: Ich erzähle dir das, wenn du älter bist. Also sie hat wirklich versucht, uns zu schützen. Sie wollte ihre Kinder nicht traumatisieren mit diesem Wissen, sie wollte uns nicht sagen, ihr habt deshalb keine Großeltern, weil sie irgendwo in einem Massengrab in Polen liegen. Meine Mutter hat versucht, ihr Leben aufzuteilen in eine Vergangenheit und Gegenwart. Sie wollte die Vergangenheit komplett hinter sich lassen. Das geht natürlich nicht, aber es war ein Versuch, das war ihre Motivation. Und da ist auch viel Bewundernswertes dabei. Aber es hat eben auch Folgen gehabt.

Briefe an die verstorbenen Großeltern

Meyer: Und jetzt haben Sie für Ihr Buch eine ganz besondere Form gefunden, Ihre eigene Geschichte und die Ihrer Familie wieder anzueignen. Also Sie erzählen Ihre eigene Lebensgeschichte, darüber haben wir zum Teil gesprochen, und Sie haben elf Briefe geschrieben an Ihre Großeltern, also an die Großeltern, die 1942 von Deutschen ermordet wurden. Diese Briefe an die Großeltern – warum war das für Sie die richtige Form, die Geschichte Ihrer Familie zu erzählen?

Lasker-Wallfisch: Es so zu machen, war die einzig mögliche Art. Goethe hat mal gesagt, Briefe gehören zu den wichtigsten Dingen, die Leute hinterlassen können, und er hat Recht damit. Denn meine Großeltern kenne ich wirklich nur durch diese Briefe, und so habe ich einen Zugang zu ihnen gefunden, den ich sonst nie gehabt hätte, dazu, wer sie waren, was sie für Persönlichkeiten, was für Menschen Sie waren. Und das war für mich auch eine Art Erleuchtung.

Als ich das Buch schrieb, da war ich gerade in Deutschland und habe gemerkt, dass ich im Kopf Gespräche mit meinen verstorbenen Großeltern geführt habe, und da war es für mich klar, da war die Idee da, diese Briefe an sie zu schreiben. Und dadurch konnte ich auch in gewisser Weise die Beziehung, die ich zu ihnen ja nie hatte, die mir ja gestohlen worden war, wieder herstellen oder zurückerhalten. Das war insofern ein Privileg, mit ihnen zu sprechen.

Und wir haben uns dann ja auch in der Familie getroffen und die Briefe der verstorbenen Familienmitglieder wurden von anderen Familienmitgliedern gelesen – so sind die Laskers aus Breslau wieder zusammengekommen und waren alle wieder vereint. Ich wollte eben diese drei Generationen wieder zusammenbringen, wollte meinen Großeltern auch einen Ort der Ewigkeit geben, der Erinnerung, dessen sie zuvor beraubt worden waren. Und mein Ziel hat sich erfüllt damit, diese drei Generationen wieder zusammenzubringen.

Eintauchen in ein wundervolles Leben

Meyer: Ich dachte auch beim Lesen, dass Sie … Sie erzählen ja auch die Geschichte vor der Zeit der Verfolgung, wie Ihre Großeltern gelebt haben in den 20er-, 30er-Jahren, wie Ihre Mutter, Ihre Tanten gelebt haben als junge Menschen. Also Sie beschwören diese Welt wieder herauf, die Welt ist wieder da auf bewegende Weise. Das muss für Sie auch wichtig gewesen sein, diese Welt, ja, auf diese Weise zu retten, oder?

Lasker-Wallfisch: Ja, ich hoffe, das war es. Ich glaube, beim Schreiben, denn es ist ja ganz anders, Briefe zu schreiben, als eine lineare Geschichte zu erzählen, beim Schreiben hatte ich das Gefühl oder den Wunsch, in ihr Leben einzutauchen, in so ein wundervolles Leben. Wir haben ja auch wirklich tolle Fotos aus dieser Zeit, aus diesem Leben. Und ich wollte eine Möglichkeit finden, damit in Verbindung zu treten.

Was mich antrieb und diese Erkenntnis, diese Eingebung – das Wort benutze ich nicht so leichtfertig –, ich wusste wirklich plötzlich, ich muss das schreiben, ich muss das erzählen, ich muss das ihnen erzählen. Ja, sie sind tot, das ist klar, das soll jetzt auch nicht merkwürdig klingen, aber für mich sind sie eben nicht tot, und es war meine Absicht, diese Einzelteile zusammenzufügen. Alles war ja so weit auseinandergesprengt. Und ich wollte hier wieder eine Verbindung herstellen.

Und ich fühle irgendwie, dass sie das wissen, dass sie das verstehen. Und in diese Zeit, in diese Welt einzutauchen brachte mich dahin zurück und setzte mich viel mehr mit ihnen in Verbindung als dieses, ja, beklemmende Verlustgefühl, was ich zuvor empfunden hatte. Erst jetzt konnte ich etwas betrauern, mit dem ich vollkommen in Verbindung getreten war, so wie das eben menschlich möglich war.

Ich habe mich selbst gefunden

Meyer: Und Ihr Buch, das hat so viele verschiedene Ebenen, also einerseits retten Sie Ihre Familie in einem gewissen Sinne, indem Sie von ihr erzählen, aber ich hatte auch den Eindruck, dass Sie auch sich selbst – ich weiß nicht, ob ich das so sagen kann –, sich selbst retten auch vor diesen Jahren, über die wir am Anfang gesprochen haben, diesen sehr chaotischen, sehr gefährlichen, schmerzhaften ersten Jahren oder sogar Jahrzehnten Ihres Lebens, dass für Sie, dieses Buch zu schreiben, ja, auch eine Rettung Ihres eigenen Lebens war. Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann?

Lasker-Wallfisch: Ja, fast, ich würde das Wort „finden“ allerdings benutzen anstelle des Wortes „retten“. Also ich habe mich gefunden und nicht gerettet dadurch, durch das Schreiben. Ich habe mich davor schon viele Male gerettet, aber durch das Buch bin ich nicht gerettet, sondern gefunden worden. Ich habe mich dadurch selbst gefunden.

Meyer: Ihre Mutter Anita Lasker-Wallfisch, die ist jetzt sehr alt geworden und sie hat Ihr Buch gelesen. Sie haben öfter auch erzählt, dass Ihre Mutter schon sehr, sehr streng war Ihnen gegenüber in vielen Situationen Ihres Lebens. Was hat Ihre Mutter denn zu diesem Buch jetzt gesagt?

Lasker-Wallfisch: Das ist ein Prozess. Als das Manuskript fertig war, musste ich es ihr erst zeigen und sie wollte es gar nicht lesen. Dann hat sie es aber doch gelesen und hat gesagt, dass sie es sehr gut fand. Natürlich haben einige Teile des Buches, wo Teile meiner Geschichte erzählt werden, die so schwierig sind, sie auch sehr unangenehm berührt, weil die sind nicht nur für mich schwierig gewesen, sondern auch für sie als Mutter.

Aber als dann aus der Öffentlichkeit so eine positive Reaktion auf das Buch kam, war sie doch sehr beeindruckt, also sowohl meine Tante Renate als auch meine Mutter waren beide aufgrund eben dieser Reaktionen sehr stolz auf mich. Erst hatten sie nämlich Angst gehabt, was vielleicht die Leute dazu sagen, denn ich bin ja wirklich sehr offen in diesem Buch, und da hatte man dann vielleicht das Gefühl, oh, ob das so gut ankommt, aber das ist jetzt komplett weg.

Und auch bei ihnen hat sich das Gefühl eingestellt: Es war nötig, dieses Buch zu schreiben, es war gut, das zu schreiben. Und ich erhalte jetzt auch jede Menge Respekt dafür, dass ich das getan habe. Und, ja, wie so viele Kinder ist das auch in meinem Leben so, dass ich irgendwie immer noch die Bestätigung meiner Mutter suche. Das verschwindet traurigerweise nicht.

„Berlin ist der Ort, wo ich sein soll“

Meyer: In Ihrem Buch findet man auch so gegen Ende hin eine sehr schöne, ich würde mal sagen, eine Wohnungsanzeige für Berlin, Sie schreiben nämlich, dass Sie am liebsten nach Berlin ziehen würden, eine Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg könnten Sie sich vorstellen. Ich sage das mal so deutlich, vielleicht hat jemand gerade so eine Wohnung übrig. Warum wollen Sie denn von London nach Berlin ziehen?

Lasker-Wallfisch: Ja, ich möchte wirklich nach Berlin ziehen, denn das ist der Ort, wo ich sein soll, da wäre ich gewesen, wenn es diese Vertreibung nicht gegeben hätte, wenn es die Morde nicht gegeben hätte. Aber ich finde, dass Sie es sehr schön formuliert haben mit der Wohnungsanzeige, denn es war wirklich so: Ich hatte eigentlich wirklich schon eine Wohnung gefunden, dann leider nicht bekommen, weil es ja sehr schwierig ist, in Berlin eine Wohnung zu finden, und ich hätte in der Tat sehr gerne eine schöne Wohnung in Berlin-Charlottenburg – also sollte das jetzt jemand hören: Ja.

Also es hat ja wirklich 75 Jahre gedauert, bis einige Prozesse begonnen haben, Prozesse, die noch nicht vollständig sind, die wahrscheinlich nie vollständig sein werden und immer weitergehen. Es gibt ja immer noch Rassismus und Antisemitismus. Aber ich weiß auch, was mein Beitrag ist und wo er nicht nur willkommen ist, sondern auch wirklich gebraucht wird, nämlich in Deutschland.

Es ist nicht diesbezüglich bemerkenswert, weil ich ja wirklich da sein sollte, und ich bin ja auch nicht die Erste, die jetzt in Berlin eine Wohnung sucht, aber es gibt einige lustige Geschichten in diesem Zusammenhang, was die Wohnungssuche betrifft. Es gab ja so viel deutsche Schuld und Verstörung und Angst und Traumata und so weiter, mit denen auch die Kinder und Enkel der Täter zu leben haben, die sie mit sich rumtragen, obwohl es nicht ihre eigene Schuld ist, und auch meine Mutter hat schon immer gesagt, damit muss man sich auch mal befassen, das ist ein interessantes Thema.

Wohnungssuche in Berlin

Aber es ist interessant und es wäre auch vielleicht eine Herausforderung für Deutschland, warum man für Rückkehrer wie mich oder auch andere Leute eigentlich nichts vorgesehen hat. Also man beschäftigt sich sehr viel mit dem Thema Schuld und Erinnerung und so weiter, da fließt jede Menge Energie rein, aber wirklich etwas wieder gutzumachen oder etwas Produktives, in die Zukunft gerichtetes zu machen, wie es hier möglich wäre, das passiert nicht wirklich. Aber ich denke, man sollte solche Leute auf jeden Fall unterstützen.

Ich hatte tatsächlich eigentlich meine Traumwohnung gefunden, konnte aber da nicht reingehen und da stand ein türkischer Mann vor der Tür, der mir in gebrochenem Deutsch erklärte, dass man ja mal an den Briefkästen gucken könnte, welche Wohnungen noch nicht vermietet seien. Das haben wir dann gesehen. Und dann sind wir in den Hof gegangen, dann war da gerade ein polnischer Handwerker, dem der Türke dann erklärt hat, ja, die Frau möchte gerne eine Wohnung sehen, und da sagt er, ja, kein Problem, ich arbeite da, ich zeige Ihnen die Wohnung, und so kam es dann, dass ich mit diesem polnischen Handwerker und dem türkischen Nachbarn hoch in diese Wohnung ging und mich sofort in diese Wohnung verliebt habe.

Bin dann direkt zum Maklerbüro und habe gesagt, bitte, bitte, ich brauche diese Wohnung. Die haben mir gesagt, ich muss erst was von der Schufa vorweisen, bevor ich kommen kann. Und, ja, dann habe ich in London alle möglichen Sachen zusammengesammelt für eine Bewerbung, auch noch einen Artikel, in dem ich geschrieben habe, ich habe meinen Platz gefunden, da dachte ich, das passt doch perfekt für diese Wohnung, das habe ich dann gleich mitgeschickt in die Bewerbung, aber leider hat es nicht geklappt. Also das ist nicht leicht. Aber ich denke, es gibt da diese Lücke zwischen dem Schrecken der Vergangenheit und der Feststellung, dass doch einige dieser Energie auch für Veränderung verwendet werden könnte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Maya Lasker-Wallfisch: „Briefe nach Breslau: meine Geschichte über drei Generationen“
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Insel Verlag, Berlin 2020
254 Seiten, 24 Euro

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sich selbst zu finden in der aufarbeitung der familiären geschichte - ein aufräumen unter den noch lebenden und mit den toten: das ist das credo von maya lasker-wallfisch zur eigenen seelischen gesundung.

während also der ältere bruder die musikalischen talente der eltern miterbte, fühlte maya von kleinauf etwas unstetes in sich.

erst über mehrere "leben" beziehungsweise phasen ihres lebens fand sie dann nach vielen therapiesitzungen zur eigenanalyse zu einer psychotherapeutischen ausbildung, mit der sie sich innerlich stabilisieren und neu verorten konnte - und entdeckte das schreiben in briefen an imaginäre verwandte, denen sie nun mitteilen konnte, was ihr auf der seele brannte.

durch dieses schreiben fand sie zu sich selbst, und konnte auch die in ihr überkommenen traumata ihrer mutter endlich in den bann schlagen, die sonst ungezügelt herumgeisterten, und denen sie sich zur wehr setzen musste - zunächst mit weniger tauglichen mitteln, wie drogenkonsum und kriminalität.

aber wie sollte sich auch ihr aufgewühltes inneres "bürgerlich" einzuordnen  lernen, wenn sie die tiefliegenden gründe für diese aufwühlungen gar nicht kannte.

erst das exakte wissen um die holocaust-ermordung ihrer großeltern 1942 und die überlebensstrategie der mutter als cellistin in auschwitz im mädchenorchester und dann auch noch unter den furchtbaren zuständen in bergen-belsen, wo ja auch anne frank den tod fand, ordneten allmählich ihre innere zerrissenheit.

wenn man also "aus erster hand" erfahren will, was dieser neue psychoanalytische begriff der "transgenerationalen traumaweitergabe" aussagen will - und wie er "bis ins 3. und 4. generationsglied" (bibel) nach dem trauma weiterwirkt, findet hier sicherlich antworten und ausblicke.

Deutscher Bundestag:                Transgenerationale Traumatisierung

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