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Das faschistische Männerbild: Ein gestählter Körper. Foto: picture alliance / dpa / TAGESSPIEGEL


 

 

 

 

Neuauflage von „Männerphantasien“

Von der Maskulinität zum Massenmord

Vor über 40 Jahren erschienen Klaus Theweleits „Männerphantasien“. Nun gibt es eine Neuauflage, die weitsichtige Erklärungsmuster für neurechte Gewalt bietet.

VON HANNES SOLTAU | TAGESSPIEGEL

Es ist ein holpriges Englisch, mit dem Stephan Balliet vor laufender Kamera zu rechtfertigen versucht, warum er Augenblicke später Menschen töten wird. Neben scheinbar auswendig gelernten antisemitischen und rassistischen Tiraden fällt im Video des Attentäters von Halle dabei auch dieser Satz: „Feminismus ist Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist.“ Während Balliet mordend durch die Stadt zieht, bezeichnet er sich in seinem Livestream wiederholt als „Loser“.

Erbarmungslose Gewalt und demonstratives Selbstmitleid stehen nebeneinander. Musikalisch untermalt ist die halbstündige Aufnahme, die das Morden dokumentiert, zeitweise mit einem Lied, dessen Text die Taten von Alek Minassian verherrlicht: „Nutten lutschen meinen Schwanz, während ich Fußgänger überfahre.“ Minassian hatte bei einer Amokfahrt 2018 aus Frauenhass 10 Menschen in Toronto getötet.

Nur wenige Wochen nach dem Attentat in Halle erscheint die Neuauflage von Klaus Theweleits epochalem Werk „Männerphantasien“ (Matthes & Seitz, Berlin 2019. 1278 S., 42 €). 

 

 

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original-cover - 77/78

Eine furiose Theoriecollage, die nach der Veröffentlichung 1977 innerhalb kürzester Zeit zu einem Klassiker der Faschismus-, Gewalt- und Männerforschung avancierte. Rudolf Augstein bezeichnete sie damals in einer achtseitigen Rezension im Spiegel als „aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“.

Faschismus als Ergebnis eines männlichen Körperzustands
Aber gilt das heute noch? Die Frage der Aktualität wird nach dem Erscheinen der Neuauflage von „Männerphantasien“ hierzulande diskutiert. Inwieweit können 40 Jahre alte Analysen, die sich zudem auf hundert Jahre zurückliegende Ereignisse beziehen, zum Verständnis der Gegenwart beitragen?

Denn Theweleit hat sein Werk nicht aktualisiert, lediglich um ein Nachwort ergänzt. Noch immer ist es ein Kaleidoskop von biografischen Fragmenten, Briefen und Tagebucheinträgen, in dem der heute 77-Jährige Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Freikorps der Zwischenkriegsjahre in Deutschland untersucht. Dabei destilliert er einen Archetyp des „soldatischen Mannes“ heraus, der den Nationalsozialismus den Weg bereitete.

Auf 1174 Seiten versucht Theweleit nachzuweisen, dass faschistische Gewalt als Resultat eines gestörten männlichen Körperzustands gewertet werden könne. Viele NS-Täter hätten demnach im Laufe ihrer Sozialisation Prügel und militärischem Drill erlitten und dadurch lediglich einen „Fragmentkörper“ entwickelt, dessen gehemmte Emotionalität dazu führe, dass sie eine übersteigerte Angst vor der Ich-Auflösung entwickeln. Permanent fürchte die fragile Männlichkeit von der Außenwelt überwältigt, verletzt oder überflutet zu werden.

Herrschaft über das Weibliche

Der daraus resultierende faschistische Mann versuche Herrschaft über die vermeintlich unkontrollierbaren „weiblichen“ Anteile in sich zurückzuerlangen, das Weiche, Leidenschaftliche und Lebendige zu unterjochen. Diese gewaltsame emotionale Verstümmelung ziele letztlich auf die Erzeugung von Übersichtlichkeit und Ordnung, münde aber in einer enormen inneren Spannung.

In einen Zwang zur Gewalt drohe sich diese zu entladen, versuche „innere Zustände in riesige äußere Monumente“ zu verwandeln. Der Hass auf das fremde eigene Innere wird zum Hass auf das Fremde im Außen. Dessen Zerstörung zu einer imaginierten Notwehr.

„Ihre Aktion“, schreibt Theweleit, „richtet sich auf die Herstellung einer Weltordnung, wie sie sie für notwendig erachten. Notwendig für sie selbst – zur Herstellung ihres eigenen körperlichen Gleichgewichts – und für die sie umgebende ‚Kultur’ (Rasse, Religion et cetera)“.

Die Historikerin Birte Förster kritisierte unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“, dass die von Theweleit untersuchten Beispiele nicht repräsentativ seien, er keinerlei Quellenkritik betreibe. Zudem ignoriere er die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe der Weimarer Republik, reduziere Frauen auf ihre Opferrolle und übergehe gar NS-Täterinnen.

„Ein Krieg gegen Frauen“

Auch eine kohärente Erklärung des Faschismus, die sich als umfassende Gesellschaftstheorie auf moderne Erscheinungsformen beziehen lässt, stellt der Text in den Augen vieler Rezensenten nicht dar. So merkt der Publizist Uli Krug an, dass Theweleit die Frage unbeantwortet ließ, „warum der ,soldatische Mann’ deutscher Bauart Konzentrationslager baute, sein alliiertes Pendant sie aber befreite“.

Doch aller methodischer und inhaltlicher Einwände zum Trotz: Theweleits Thesen sind für eine Analyse des Selbstverständnisses und der Beweggründe neurechter Gewalttäter durchaus fruchtbar. Unbestreitbar ist der Hass auf das Weibliche ein verbindendes Element in deren Gedankenwelt.

Sowohl Alek Minassian als auch Elliot Rodger, der Amokläufer von Isla Vista, trieb ein offen artikulierter Frauenhass an. Rodger sprach gar von einem „Krieg gegen Frauen“, fantasierte in seinem Manifest, dass er sie in Konzentrationslagern verhungern lassen würde.

Für Massenmörder wie den Norweger Anders Breivik, Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant oder Stephen Balliet ist es der Feminismus, der die Reproduktion der „weißen Rasse“ bedrohe. Das Aufbegehren der Frauen öffne die Tore für die „Flüchtlingsströme“ und somit den Untergang der christlich-abendländischen Welt.

Gegen solche Drohbilder stilisieren sich die Mörder als gestählte Soldaten, zelebrieren in Bildern und Videos ihre Maskulinität, demonstrieren ein heroisierendes Beschützerverhalten, das Frauen zu Objekten degradiert.

Kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit

Die vermeintlichen Protektoren der Nation sehen den Massenmord als letztes Mittel gegen die „Gender-Ideologie“, „Verweichlichung“, „Feminisierung“, „Sexualisierung“ und die vermeintliche Unterdrückung des Mannes.

Ihre Manifeste und Aussagen zeugen von einer zutiefst gekränkten und bedrohten Männlichkeit, für die Gewalt als legitimes Mittel erscheint, um eine fantasierte natürliche Ordnung wiederherzustellen.

Über Jahre angestaute negative Emotionen und ein offensichtlich quälendes Selbstwertdefizit kulminieren schließlich in Gewalttaten. So ließe sich mit Theweleit durchaus argumentieren, dass Taten dieser Männer kathartische Gewaltakte enthemmter Grausamkeit darstellen, ein somit geradezu „ersehnter Ausnahmezustand“.

In seinem 2015 veröffentlichten Werk „Das Lachen der Täter“, das zugleich als Aktualisierung der „Männerphantasien“ gelesen werden kann, beschreibt Theweleit das Töten als „Jubel des Terrors zur eigenen Körperstabilisierung“.

Der „anti-weibliche Komplex“ ist dabei nicht nur auf rechtsextremistische Massenmörder begrenzt, sondern ebenso in den Gräueltaten von IS–Terroristen zu beobachten. Ein Typ wie Breivik sei demnach „strukturell patriarchaler Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann“.

Und auch jenseits eines blutigen Ausagierens mittels Gewalteruptionen ist dieser Tage nicht zu bezweifeln, dass eine soldatische Männlichkeit weiterhin in höchsten politischen Ämtern anzutreffen ist. Da tönt AfD-Politiker Björn Höcke: „Nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.“ US-Präsident Donald Trump breitet obszöne Verfügungsfantasien gegenüber Frauen aus: „Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen.“

Und der brasilianische Präsident Bolsonaro wies eine Abgeordnete im Parlament mit den Worten zurecht: „Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist.“ Sie alle eint ein Männertypus, der nur dann ein positives Selbstbild generieren kann, wenn Frauen herabgesetzt werden. Dessen Kampf der Auflösung vertrauter Konturen ins Uneindeutige und Unkontrollierbare gilt.

Gewaltgeschichte in männlichen Körpern

 

 

 


Beinahe verstörend ist, dass Theweleit in seiner psychologischen Analyse die Grenzen politischer Konzepte gegen die gefestigte Struktur des Soldatischen aufzeigt. Bessere Argumente allein kämen gegen den „Körperpanzer“ des rechten Gedankengutes nicht an. Sein beinahe banal klingender Ansatz: der Fokus auf die möglichst frühe Stärkung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ob das im Umgang mit antiliberalen Kräften der letzte Schluss ist, darüber darf getrost diskutiert werden. Als Warnung vor einer über Jahrtausende sedimentierten Kultur der Gewaltgeschichte in männlichen Körpern, die bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form, gesellschaftlich reproduziert wird, bleiben Theweleits „Männerphantasien“ hochaktuell. Und als Mahnung dafür, dass das Geschlechterverhältnis als ein zentraler Schlüssel für den zivilisatorischen Fortschritt betrachtet werden muss.

 

 

 

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für mich war das schon vor 40 jahren ein standardwerk zur psychologie des männlichen faschismus - und mit dem oft zitierten theweleit-guru wilhelm reich, dem psychoanalytiker, der gerade uns kinder des faschismus soviel zu sagen hatte über die psyche unserer väter und deren generationen, die so schnurstracks in diese konservativ nationalistisch-faschistische massenmörder-falle tappten.

und dazu gehörten ja immer zwei: einmal etwas, was diese fallen aufstellte und scharfstellte - und dann diejenigen, die trotz allem eigentlichen besserwissen und trotz moral & glauben mit augen-zu-und-durch hineintappten, und die dann nach dem krieg als duckmäuser und schweiger das versuchten wieder aufzurichten, was sie in grauer uniform, "im deutschen ehrenkleid", so gänzlich und millionenfach verbockt hatten.

viele beteiligte wussten hinterher selbst nicht, wie ihnen geschehen war - und die meisten sagten "ich doch nicht" - aber ein großteil ihres schweigens war die scham vor dem persönlichen versagen gewesen.

wir 68-er, die dieses "standarwerk" geradezu verschlungen haben, wollten ja nun endlich wissen, warum unsere väter und großväter so getickt hatten - und einige ja noch immer - auch wieder neu und heutzutage - weiter im gleichschritt hinterdreintapern: offenen auges in den untergang - fast ein kollektiver nachbarschaftssuizid...

verblendet und trunken und mit raffiniert angelegter propaganda - und neuerdings die hetze aus den sozialen netzwerken - was den adrenalinspiegel bis an den schlag vollpumpt: "heute gehört und deutschland - und morgen die ganze welt"...

das war eigentlich unglaublich, wenn man dann nach dem krieg all diese "tapferen kämpfer & helden" im ganz banalen schützenverein sah, wie sie den schützenkönig auskungelten untereinander - und kleine deals und geschäfte verabredeten a la "klüngel" - und sich posten und pöstchen zuschusterten.

und die tatsächlichen täter und mörder, die überlebt hatten, wurden von sich rasch ausbreitenden "netzwerken" geschützt und versteckt - auf alle fälle nicht verraten - denn das ging gegen die "ehre" eines wehrmachtsoldaten oder eines mitkämpfers in der ss, in der "schwarzen uniform"...

und warum das so und nicht anders war, und welche falschen weichenstellungen im kopf dem alle zugrundeliegen, das hat uns theweleit mit wilhelm reich nahebringen wollen.

und heute können die afd und die populistischen bestrebungen mit ihren gallionsgfiguren in aller welt auf der einen seite - aber auch die #me too-bewegung auf der anderen seite - diesen wieder aktuellen text ganz neu durcharbeiten - damit man allseits versteht, wie und warum man soooo tickt und nicht anders - und wie die "spiegelneuronen" die angedeuteten gefühlsregungen z.b. der eltern auf ihre kinder, oder der "männer" in bezug auf die "frauen, im geist schon virtuell vollenden und durchleben, was dann schnell wieder zur "tat" allerorten ausarten und führen kann ... - ein jahrhundertwerk - gewiss ... auch wieder in dieser neuen gerade bgonnenden dekade.

 

 

 

 


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