40 jahre diakonische arbeit: das diakonen-kreuz
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EUTHANASIE . SHOAH . PSYCHIATRIE . NEWS

m e i n e   s u b j e k t i v e   a n s c h l a g s s ä u l e

dorothea buck - vor 5 wochen im 103. lebensjahr verstorben

 

 

 

sie war die kämpferin für eine humanere psychiatrie - denn sie war selbst überlebende als patiententin in verschiedenen nazi-anstalten - die allen einschlägig interessierten eine fülle von insider-informationen und aufschlüsse mit ihrem wachen geist bis zum schluss aus der zeit hinterlassen hat - die als betroffene den "bund der 'euthanasie'-geschädigten und zwangssterilisierten" mit begründet hat - und mit dem hamburger psychologen thomas bock sogenannte "trialogische psychoseseminare" entwickelte, bei denen betroffene, angehörige und profis zusammenkommen.

ich habe gestern erfahren, dass dorothea buck am 09.oktober 2019 im 103. lebensjahr verstorben ist.

zunächst lesen sie hier einen "nachruf" in der "taz" - und dann einen original-beitrag hier im blog kurz vor ihrem 102. geburtstag

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Nachruf auf Dorothea Buck

Den Schmerz verwandeln

Dorothea Buck wurde unter den Nazis zwangssterilisiert. Ihre Erfahrungen ließen sie zur Mitbegründerin einer menschlicheren Psychiatrie werden.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dorothea Buck im Gespräch
Das Gespräch als Lebensnotwendigkeit: Dorothea Buck 2014 - sinedi-graphic nach einem Foto von Miguel Ferraz


HAMBURG taz | Man ging beschwingt aus den Treffen mit Dorothea Buck, es war, als gäbe sie einem ein kleines Stück ihrer Heiterkeit mit, ihrer Neugier und ihrer erstaunlichen Energie. Da war sie bereits über 90 Jahre alt und die Ikone einer Bewegung für eine menschlichere Psychia­trie: eine, in der Betroffene und Behandelnde auf Augenhöhe sind.

Sie selbst kam unter den Nationalsozialisten als junges Mädchen in die Psychiatrie, wo man sie zwangssterilisierte. Statt mit ihr zu sprechen, steckte man sie stundenlang in kalte Bäder. Diese Erfahrung, die für sie eine Demütigung war, hat sie nie vergessen. Sie hat sie zu einer leidenschaftlichen Kämpferin für eine Behandlung gemacht, in der erst einmal die Betroffenen die ExpertInnen sind. Sie sprechen – und die anderen hören zu.

Dorothea Buck war 19 Jahre alt, als sie den ersten von insgesamt fünf schizophrenen Schüben erlebte. Es war beim Wäschewaschen auf der Insel Wange­rooge, wo sie als viertes von fünf Kindern einer Pastorenfamilie aufwuchs.

Sie beschrieb das Erlebnis als eine dreifache Gewissheit: dass es Krieg geben werde, dass sie einmal etwas zu sagen haben würde und dass sie Braut Christi sei. Sie lachte, als sie es erzählte: „Braut Christi, das haben ja viele Betroffene, viele Verrückte haben religiöse Erfahrungen“. Und bei einem anderen Gespräch beschrieb sie ausführlich, wie sie sich danach aufs Bett legte und sich ausmalte, was das wohl konkret bedeuten könnte: sie, die ohnehin Kindergärtnerin werden wollte, würde sich um die Kinder kümmern und Jesus, dem sie eine gewisse Humorlosigkeit attestierte, um die Erwachsenen.

Ein koboldhafter Charme

Wenn Dorothea Buck erzählte, tat sie das mit einer erstaunlichen Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und bodenständiger Sachlichkeit. In einer Sprache, die gleichermaßen anschaulich und formvollendet war. Sie hatte etwas von einem alterslosen Kind an sich, den Mut, sich nicht um das Erwartete zu scheren, den freien Blick und einen koboldhaften Charme.

Nach dem ersten Schub bringen ihre Eltern Dorothea auf Anraten des Hausarztes in die von Bodelschwingh’schen Anstalten nach Bethel. Dass sie mit ihrer Tochter nicht über deren Erfahrung sprachen, zumindest nicht eingehend, ist nach dem Empfinden einer Freundin, der Filmemacherin Alexandra Pohlmeier, „das einzige, womit sie sich nicht hat aussöhnen können“. Und vielleicht eine der Antriebskräfte für Bucks unbedingten Willen zum Gespräch.

Die Anstalten werden von einem Theologen geleitet; das gibt den Eltern Zutrauen. Tatsächlich sind den PatientInnen Gespräche untereinander verboten, es dauert ein Dreivierteljahr, bis die Ärzte mit Dorothea Buck sprechen. Von der Wahl, vor die ihre Eltern gestellt werden, eine Wahl, die den Namen nicht verdient, erfährt die Tochter nichts: Entweder soll sie sterilisiert werden oder bis zu ihrem 45. Lebensjahr in der Anstalt bleiben – danach gilt sie als nicht mehr gebärfähig. Der Vater bittet um Aufschub der Operation. Vergeblich. Bei dem Eingriff geben die Ärzte vor, dass es um eine Blinddarmbehandlung geht – dass sie sterilisiert wurde, erfährt Dorothea Buck später zufällig von einer Mitpatientin.

Die Sterilisation macht alles, was sie sich zuvor erträumt hatte, zunichte: den Beruf als Kindergärtnerin, eine Ehe, eigene Kinder. Unter den Nationalsozialisten durften Zwangssterilisierte keine sozialen Berufe ausüben und es war ihnen verboten, Nicht­sterilisierte zu ­heiraten.

Dorothea Buck ist es gelungen, das Grauenhafte, das ihr widerfuhr, in etwas Produktives zu verwandeln. Sie beschrieb es so: „Erst als mir der Gedanke des Selbstmords kam, konnte ich wieder Grund unter die Füße bekommen.“

In der Praxis sah es so aus, dass sie sich erst ein Jahr, dann zwei, dann fünf gibt, um ein neues Leben aufzubauen. Sie besucht eine private Kunstschule – und verschweigt dabei Psychiatrieaufenthalt und Sterilisierung – wird Bildhauerin und Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg.

Es ist schwierig, ihre Mutter-Kind-Skulpturen zu sehen, ohne an ihre eigene Geschichte zu denken. Eine solche Arbeit hat Dorothea Buck der Berliner Charité gestiftet. Im Begleitbrief schrieb sie, dass die Plastik die Beziehung zwischen zwei Menschen ausdrücke und dass eben jene Beziehung in der gegenwärtigen Psychiatrie fehle. Weil dort nicht genügend gesprochen werde.

In den 80er-Jahren geht Dorothea Buck mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Sie besucht ein Seminar des Leiters der psychiatrischen Ambulanz der Uniklinik Hamburg, Thomas Bock. Der wird sie seine „ wichtigste Lehrerin“ nennen und erinnert sich daran, wie selbstbewusst sie dort auftrat, ungewöhnlich selbstbewusst für eine Psychiatrie, die Menschen mit Psychosen nahelegt, defizitär zu sein. Gemeinsam entwickeln sie das Konzept trialogischer Psychose-Seminare: einen gleichberechtigten Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und den professionell in der Psychiatrie Tätigen. Das Modell macht bundesweit Schule.

Sich selbst, die eigene Erkrankung, begreift Dorothea Buck als Forschungsobjekt. Die Psychose erlebt sie früh als Möglichkeit, aus Impulsen heraus zu leben – und ist sich dabei bewusst, dass für andere Schizophrene der Kontrollverlust bedrohlich wirken kann. Sie beschreibt die Schübe als „verändertes Welterleben, man spürt überall Sinnzusammenhänge, ohne sie näher benennen zu können“. Aber erst nach dem letzten Schub Ende der 1950er-Jahre erkennt sie, dass er aus ihrem eigenen Unbewussten kommt. Psychosen deutet sie als Folge von Lebenskrisen, die gelöst werden wollen, es wäre für Buck fatal, sie mit Medikamenten zu unterdrücken.

Biografie unter Pseudonym

1990 veröffentlicht sie ihre Biografie „Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung“, zunächst noch unter dem Pseudonym Sophie Zerchin, einem Anagramm des Wortes Schizophrenie. Das Buch erscheint im Verlag ihrer Schwester und vielleicht kann man das als nachgeholtes Gespräch in der Familie deuten. Es wird ein Erfolg, man lädt sie zu Vorträgen ein, schließlich erscheint es unter ihrem eigentlichen Namen.

Die Psychiatrie der 90er-Jahre ist reif für eine Veränderung: 1992 begründet Buck den Bundesverband Psychatrieerfahrener mit, sie gründet eine eigene Stiftung, die Psychiatrieerfahrene zu GenesungsbegleiterInnen ausbildet. Es ist eine Zeit der Selbstermächtigung und Dorothea Buck, damals bereits über 70 Jahre alt, wird zu einer Ikone dieser Bewegung.

Gespräche statt Medikamente

Dorothea Buck sah die Fortschritte, sie warnte aber auch vor den PsychiaterInnen, die noch immer nur auf Medikamente setzen statt auf Gespräch. Und sie ließ nicht locker: Vor gut zwei Jahren, da war Dorothea Buck 99 Jahre alt, kam die Hamburger Gesundheitssenatorin zu ihr, um ihr die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes zu verleihen. Buck freute sich über die Medaille. Zugleich freute sie sich über die Möglichkeit, eine Klinik anzuprangern, in der die PatientInnen besonders lange fixiert wurden.

Sie hat ihre letzten Jahre im Albertinen-Haus in Hamburg verbracht, wo sie früher einmal als grüne Dame die Kranken besucht hat. Sie wolle das Lesen „nachholen und ausruhen“, so hat sie ihr Leben dort beschrieben. Zu Ehren ihres 100-jährigen Geburtstags widmete man ihr ein Symposium mit 600 Gästen: „Auf der Spur des Morgensterns. Menschenwürde + Menschenrechte in der Psychiatrie“. Per Skype wurde sie selbst aus dem Albertinen-Haus dazugeschaltet.

Aber die Menschen kamen auch zu ihr, sie kamen so zahlreich, dass eine Freundin den Besucherstrom abstimmen musste. In Dorothea Bucks Zimmer hingen Briefe von PsychatriepatientInnen, die ihr dankten. Ihre Heiterkeit blieb unangefochten von ihrer körperlichen Hinfälligkeit. Sie kannte die Namen aller Pflegenden, sie fragte sie nach ihrem Leben und sie merkte sich, was sie ihr erzählten.

Als sie am 9. Oktober stirbt, „heulen die PflegerInnen Rotz und Wasser“, erzählt Alexandra Pohlmeier. Am 1. November wird Dorothea Bucks mit einer Trauerfeier in der Niendorfer Marktkirche gedacht.

 

 

 

Lebt heute in Hamburg: Dorothea Buck (fast 102), Überlebende der Nazi-Euthanasie -
S!|graphic nach einem Foto von Andrea Döring | NW

 


Kämpferin mit fast 102 Jahren

Porträt: Dorothea Buck wurde in Bethel zwangssterilisiert. Die Bundesverdienstkreuzträgerin stärkt
Patienten und entwickelt neue Psychiatriekonzepte

Von Andrea Döring

Bielefeld/Hamburg. Dorothea Buck, fast 102, Überlebende der Nazi-Psychiatrie, freut sich. Hellwach verfolgt sie das Tagesgeschehen. Die Tageszeitung liegt aufgeschlagen auf der Decke ihres Bettes in einem Hamburger Pflegeheim, das sie nur noch selten verlassen kann. Sie kann aber immer noch mitreden.

Beispielsweise über die Erste-Hilfe-Kurse für die Seele, die das Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Zukunft anbieten will. Wie die Erste-Hilfe-Kurse für den Körper, die fast jeder mindestens einmal im Leben absolviert, soll das Angebot bewirken, dass Menschen ihren Angehörigen, Freunden oder Kollegen mit seelischen Problemen nicht mehr hilflos gegenüberstehen.

Die neue Idee findet Buck gut. „Wichtig ist es aber, in diesen Kursen auf die Psychose-Seminare hinzuweisen“, meint sie. In Psychose-Seminaren können drei Gruppen von Menschen in sogenannten trialogischen Gesprächen auf Augenhöhe voneinander lernen, die Erkrankten, Angehörigen von Kranken sowie Fachkräfte aus der Psychiatrie oder aus anderen sozialen Berufen.

Zusammen mit dem Hamburger Psychologie-Professor Thomas Bock hat Buck den Trialog und die Psychose-Seminare erfunden, die mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet sind.

Die aktuellen Behandlungskonzepte sind weit von dem entfernt, was Buck in verschiedenen geschlossenen Anstalten zur Zeit des Nationalsozialismus erlebte. Mit Dauerbädern, nassen Packungen, Fesselungen und Insulinspritzen versuchte man damals die Symptome zu kurieren, die man als rein körperlich verstand, berichtet Buck. Bei der großen Wäsche überfiel sie eine Eingebung: „Ein ungeheuerlicher Krieg wird kommen, ich bin die Braut Christi und ich werde einmal etwas zu sagen haben, die Worte kommen ganzvon selbst“, schildert sie das Geschehen, das sie in die Psychiatrie bringt.

Mit der Diagnose Schizophrenie, die als unheilbar galt, kam sie 1936 in die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld.
„Niemand sagte uns, wozu wir hier waren, und warum man uns gefangen hielt. Wir waren zur Untätigkeit gezwungen und ins Bett verbannt, obwohl wir körperlich gesund waren. Das löste die wildesten Ängste und Fantasien in mir aus“, schildert sie die Zeit in Bethel.



„Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht kennen, nimmt man nicht als Menschen wahr. Die kann man töten“, analysiert sie scharfsinnig die Psychiatrie der Nazi-Zeit. Der Euthanasie entkommt sie, nicht jedoch der Zwangssterilisation. Nach dem Krieg arbeitet sie als Bildhauerin und Lehrerin für Kunst und Werken. Doch die Erfahrungen in der Psychiatrie, die auch später nur langsam überwunden werden, lässt sie nicht los, erzählt Bock in ihrem Arbeitszimmer voller Bücher.

 

An der Wand hängt ein Bild von einer Pusteblume. Auf ihrem Nachttisch steht ein Wasserglas mit zwei Löwenzahn-Blüten. Sie sind Buck wichtig. „Ist es nicht unglaublich? Hier im Glas entwickelt sich eine Pusteblume“, staunt sie über die Kraft der kleinen Pflanze, sich auszusäen. Ein gutes Bild auch dafür, wie Bucks Wirken die Psychiatrie verändert hat: „Das Wichtigste ist, dass man freundlich
miteinander redet, gerade mit den Menschen am Rande der Gesellschaft, den Psychose-Erfahrenen“, sagt Buck. „Man muss sie verstehen wollen. Sie haben etwas erfahren, was andere Menschen sich nicht einmal ausmalen können.“

 

 

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Bethels dunkle Geschichte

 

  • Die damals 19-jährige Dorothea Buck kam 1936 in eine geschlossene Abteilung Bethels. Sie wurde dort zwangssterilisiert.
  • So erging es auch mehr als 1.000 andere Patienten zwischen 1934 und 1945, die alle Opfer des Euthanasieprogramms der Nazizeit wurden.
  • Heute lebt Buck in Hamburg. Sie ist Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener, einer deutschen Selbsthilfeorganisation.
  • 1997 erhielt sie für ihr Engagement für psychiatrieerfahrene Menschen das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.


aus: NEUE WESTFÄLISCHE, Freitag 8.02.2019, Zwischen Weser und Rhein, S.5

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„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

 

 

 

 

am 27. januar 2017 wurde im bundestag an die opfer von „euthanasie“ und zwangssterilisation im ns-staat erinnert. in ihrer rede dazu sprach die autorin und "euthanasie"-forscherin sigrid falkenstein von dorothea buck und wiederholte das o.a. zitat.

 

 

dorothea buck ist mir in meiner erinnerungs-forschungsarbeit zum opferporträt meiner tante erna kronshage immer weiter anstoß und anschub, hat sie doch, sogar 5 jahre älter als erna, zwar nicht gleichzeitig aber nacheinander die gleichen schicksalsstationen durchlaufen, aber eben wie durch ein wunder die "euthanasie"-phasen überlebt mit selbstdisziplin, kreativität und power - und "glück" ...

 

 
dorothea bucks psychotische störungen äußerten sich in verschieden intensiven "schüben" - wo sie zwischendurch auch dank der obacht und aufsicht der sich kümmernden eltern (dorothea buck war das 4. von 5 kindern einer pfarrersfamilie) immer wieder entlassen werden konnte, eben weil sich ihr zustand jeweils wieder vollständig aufgeklart hatte.
 
aber so lernte sie 1946 bei einer erneuten psychose sogar die in ganz europa bekannte vielgerühmte von direktor dr. hermann simon entwickelte "arbeitstherapie" in der heilanstalt gütersloh kennen, in der ja auch erna von herbst 1942 bis herbst 1943 mit gartenarbeit und kartoffelschälen "betreut" wurde, und ehe sie von dort dann in den deportationszug ende 1943 - in den tod 100 tage später - aussortiert wurde...

frau buck fühlte sich in der arbeitstherapie wohler, weil der tag verging durch leichte aufgabenstellungen im haus oder in feld und flur. die in bethel hauptsächlich verordnete bettruhe und die behandlung als "kranke" behagte ihr überhaupt nicht - ihr kreativer geist suchte betätigung und anregung.
 
dorothea buck kam dank ihrer schubweisen psychotischen zustände an diesen auswahlverfahren zur deportation in den unweigerlichen gewaltsamen tod in einer der speziell ausgestatteten tötungsanstalten vorbei - doch nach ihrer vollständigen genesung engagiert sie sich nach dem krieg lebenslang für all die "euthanasie"-opfer, und beteiligt sich an der aufklärung dieser ca. 300.000-fachen massenmorde als authentische zeitzeugin der heute zweifelhaften behandlungsmethoden in der damaligen ns-psychiatrie.
 
diese lebensleistung bis heute insgesamt sowie ihre detaillierten einblicke als insiderin in die abläufe und oft abfälligen und unmenschlichen behandlungsmethoden in den psychiatrien jener zeit sind für die erforschung von einzelschicksalen von unschätzbarem wert.
 
was dorothea buck an von insulin-injektionen ausgelösten epileptischen schockanfällen als "therapie" der schizophrenie durchmachen musste, und was sie dazu erinnert, ist ja zeitgleich vom "therapeutischen nutzen" her übertragbar auf die damals schon etwas "moderneren" von "cardiazol"-injektionen [einem synthetisch hergestelltenen kampfer-medikament] ausgelösten krampfanfalls-serien, die an erna kronshage "zur beruhigung" angewandt wurden.
 
dorothea buck konnte darauf hinweisen, dass hier zumeist keine wissenschaftlichen erkenntnisse eine solche schockbehandlung anzeigten - man nahm ja "wissenschaftlich" nur an, dass ein "innerer spannungsabbau", als reaktion auf die schocks, sich gut und entlastend auf die akuten "schizophrenie-'zustände'" auswirkten - sondern dass es sich meist dabei ganz simpel um disziplinarische, oft von genervten stationsschwestern dem arzt vorgeschlagene maßnahmen handelte, um so auch den letzten individuell persönlichen selbstbehauptungs- und widerstandskern vollends zu brechen ...
 
während der epileptischen krämpfe erlebten die "behandelten", zumeist gegen ihren willen angeschnallt auf ihrer anfallsliege, unvorstellbare todesängste und traumatische erlebnisse und lichtblitze und andere nervliche "sensationen", die so gravierend waren, dass man sich rasch einer solchen "folter" entziehen wollte - oder unbedingt zu meiden suchte ...
 
ein damaliger sationsarzt brachte das auf den punkt: "wenn sie [die patienten] bockten, mussten wir schocken" ...
 
all diese erkenntnisse verdanken wir dorothea buck, die das alles ja mit wachem geist durchlebt und durchlitten hat und heute noch zum glück als betroffene mit fast 102 jahren erinnern und reproduzieren - und auch zu protokoll geben kann !!! - so tiefgreifend waren diese lebenseinschnitte ...
 
ich möchte dafür ganz schlicht "danke" sagen ...

 

 

 

Der Film "Küchenpsychologie - über das Verrücken"

Hier: Eine subjektive und emotionale Einordnung und Bewertung 



Film „Küchenpsychologie“

Paddeln mit den Dämonen

Die Künstlerin Marie Weil hat einen Film über die Bewältigung ihrer Psychose gedreht. Er läuft auf den Hofer Filmtagen.

Von Barbara Dribbusch | taz - Soziales & Gesellschaft - Inland (click)

Vielleicht ist am Ende doch alles gut – wenn die Freundinnen und Freunde durch den Wald gehen, im Gänsemarsch, jeder trägt eine Schüssel oder einen Teller mit Salat, Früchten, Gemüse, Kuchen. Die Gruppe singt im Kanon ein Kinderlied: „Finster, finster, finster, finster, nur der Glühwurm glüht im Ginster, und der Uhu ruft im Grunde. Geisterstunde.“

Man könnte eine Psychose als Geisterstunde bezeichnen, als ein Hineingeworfensein in einen vor- und frühsprachlichen Raum, wenn Dinge, Bilder, Personen, Stimmen mit neuen Bedeutungen, Verbindungen aufgeladen werden, die andere Menschen nicht nachvollziehen können. Die Berliner Künstlerin Marie Johanna Weil hat solche Phasen durchlebt und über ihren Selbstheilungsversuch einen Film gedreht, der auf den Hofer Filmtagen am vergangenen Mittwoch Premiere hatte und dort auch am Samstag und Sonntag zu sehen ist.

Der Film „Küchenpsychologie – über das Verrücken“ arbeitet mit der Spannung zwischen Bildern, Erzählerinstimme und Experteninterviews. Aus dem Off berichtet die 42-jährige Autorin in ruhigem Ton von ihrer Einweisung in die Psychia­trie. Ihre Hände basteln derweil aus einem Schuhkarton eine Art Puppenhaus und stellen Betten aus Pappe hinein. Bunte Bonbons werden hineingekippt, das sind die Psychopharmaka. Die Psychia­trie ist nicht das durchgängig Böse, aber eben auch nicht besonders hilfreich. Eindeutige Schuldzuweisungen an die Psychia­trie, die Familie, die Gesellschaft, die Biochemie gibt es in dem Film nicht, insofern unterscheidet sich der Film von anderen Dokumentationen über die Psychiatrie und Psychosekranke.


Verrückte Urgroßmutter

Als sie aus der Klinik heraus ist, beginnen die Heilungsversuche. Weil, die an der Universität der Künste in Berlin bildende Kunst studiert hat, baut aus Ton große, klobige Tonfiguren mit groben Gesichtern, einige mit Haaren, andere ohne. Die Figuren sollen Alter Egos von ihr sein und Verwandte. Die eine, die größte, stellt die Urgroßmutter dar. Die Urgroßmutter trug einmal frisch gekochtes Essen nicht zu Tisch, sondern kippte es direkt ins Klo mit der Aussage, da würde es später ohnehin landen. Fortan galt sie als verrückt.

Ist das Genetik, das mit dem Verrücktwerden? Es gibt etwas erhöhte Risiken, wenn in der Verwandtschaft schon Leute betroffen sind, sagt Stephan Ripke, Genetiker und einer der im Film interviewten Experten. Aber: „Die meisten Sachen sind unklar.“

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
DER FILM
„Küchenpsychologie – über das Verrücken“. 
Regie: Marie Johanna Weil. Deutschland 2019, 50 Minuten.
 

Hilfreicher als unbewiesene Theorien ist eine gewisse Akzeptanz. Weil ordnet die Tonfiguren immer ein wenig anders an, fährt sie in der Schubkarre herum, legt sie auf den Komposthaufen, begießt sie, nimmt sie auseinander und füllt ihre Hohlräume mit Erde, in die sie Pflanzen setzt. Eine Tonfigur steht im Bug des Kanus, als sie durch ein Fließ paddelt. Es ist besser, die Dämonen ein bisschen herumzuschippern, als sie verjagen zu wollen.

Von ihren konkreten Wahn­inhalten in der Krise spricht Weil nicht, um keinen Voyeurismus zu bedienen, wie sie später im Interview sagt. Aber von dem Gefühl, neben sich zu stehen, nicht im Körper zu sein, die Seinsgewissheit, die „ontologische Sicherheit“ nicht zu haben, davon erzählt sie. Die ­Vernichtungsangst, wenn ­außen und innen ineinanderstürzen, die können vielleicht auch Nichtbetroffene ahnen. „Es ging mir darum, Verbindung herzustellen, Gemeinsames zu zeigen“, sagt Weil.

Sich erden in der Krise

Die Natur, das Ländliche, die Nahrung, das Essen, FreundInnen, die dableiben, auch wenn es mal schwierig wird – das ist die heilende Bildsprache im Film. Da werden Tomaten gepflanzt, Kartoffeln ausgegraben, Möhren geschält, es wird Teig angerührt. Weils FreundInnen sind in einer großen Landküche mit der Vorbereitung eines Festmahls zugange.

Weil erzählt unterdessen aus dem Off von Existenzängsten der Vorfahren, dem Weltbild der Aufklärung, das die Mystik ausschloss, dem Wunsch, zwei Identitäten haben zu können, eine, die beobachtet, distanziert und absichert, und eine, die sich mitten hineinbegibt in eine eigene, mystische Welterfahrung. Die Küchenszene signalisiert: Man kann sich auch im „Verrücken“ erden, sich vergemeinschaften.

Nachdem der Kanon von der Finsternis gesungen ist, sitzt die Gruppe auf einer Wiese unter freiem Himmel um einen Tisch und verspeist das Selbstgekochte. Eine Psychoanalytikerin ist dabei, ein selbst ernannter Schamane, der Genetiker. Sie alle hatten im Film etwas zum „Verrücken“ gesagt, aus ihren unterschiedlichen Perspektiven, von denen keine den Anspruch erhebt, die einzig wahre zu sein. „Die Wahrheit weiß keiner“, hatte Ripke erklärt. Vielleicht könnten im Umgang mit dem Wahn diese Vielfalt der Sichtweisen, die Akzeptanz des Rätsels und ein gewisser Pragmatismus ein Fortschritt sein, der wirklich hilfreich ist.

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wenn etwas aus der balance gerät - aus dem ruder läuft - plötzlich einen neuen standort hat oder plötzlich ein standpunkt verleugnet wird - wenn die arithmetik der alltäglichkeit massive brüche bekommt: dann ist etwas ver-rückt (ge)worden... dann löst sich der gedankenknoten, an dem man spinnt, plötzlich nicht mehr auf und man findet das pack-ende nicht mehr... und das innere eingebaute navi muss zurückgesetzt und ganz neu aufgespielt und kalibriert werden mit neuer software.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
in meiner beruflichen tätigkeit bis vor 10 jahren bin ich immer wieder menschen begegnet, die unter einer solchen momentanen oder längerfristigen unpässlichkeit, einer verrückung im inneren wie im äußeren litten oder gelitten hatten oder auch nicht litten und sich "eingerichtet" hatten, aber danach immer noch begleitung und halt suchten.
 
studierte ärzte verschrieben und verschreiben dann zumeist aus lauter zeitnot und überforderung heraus irgendwelche psychopharmaka zu ihrer selbst- und der patienten fremdberuhigung und stellen bandwurm-diagnosen oder benennen allerwelts-pseudo-zustände mit festgelegten icd-verschlüsselungen für die ad-hoc-krankenkassen-abrechnung, die innerhalb von 24 stunden nach der einweisung eine diagnose verlangt, und die ab dann den patienten für immer abstempelt und einordnet - und sie zelebrieren manchmal hochnäsigkeit und überlegenheit und pseudo-wissen - denn die einen sagen so und die anderen sagen so...
 
das amerikanische psychiatrie-manual zur benennung der diagnosen (z.b. das dsm-5) erweitert sich jedes jahr um viele neu hinzudifferenzierte bezeichnungen und diagnosen: ungeahnte wortschöpfungen ohne jeden belang.
 
in wirklichkeit gibt es so viele innere ordnungssysteme und deren ganz individuelle "ver-rückungen" wie es menschen gibt - das wenigstens ist meine quintessenz aus meinen direkten begegnungen und meiner begleitung mit den zeitweise verirrten und irrenden menschen, die froh waren, wenn sie einen "scout" fanden und anschluss fanden, womit sie dann gemeinsam ihr navi neu programmieren lernten.
 
dabei wusste auch der ausgebildete "scout" nicht immer, wo es langging: das war ein gegenseitiges voneinander lernen und verwerfen und annehmen und ringen und akzeptieren.
 
verrückte tante ?
 
durch die inzwischen jahrelange beschäftigung und recherche zum leidensporträt meiner tante erna kronshage und ihrer freiwilligen selbsteinweisung in die provinzialheilanstalt gütersloh 1942 habe ich oft versucht, mich in sie und in ihr umfeld hineinzuversetzen - wie sie versuchte, ihren "burn-out" und die kriegstraumatas in den griff zu bekommen, wie sie ihre körperlichen überforderungen und ihre intellektuellen unterforderungen versucht hat zu kompensieren, einhergehend mit der versuchten allmählichen loslösung von ihren eltern, und als junge frau "vom lande" doch tatsächlich geglaubt hatte, in einer so genannten "heil"anstalt und von studierten menschen könne man auch seelisch-körperliche "heilung" erfahren, um ihren inneren kompass wieder einzunorden.
verheddert
 
aber dabei geriet sie gesellschaftlich auf einen äußerst unguten, ja tödlichen zeitstrahl, der rutschig und seifig steil nach unten führte.

und auf dieser schiefen ebene kam dann in 484 tagen eins zum anderen - und es gab dann keinen halt mehr - und das so oft in dieser zeit deklamierte "heil" blieb für sie aus und ohne jeden widerhall. sie hatte sich ebenso wie das "deutsche volk" verrannt und verzockt.

sie wurde dann nach ihrer zwangssterilisation (august 1943) am 20. februar 1944 in einer vernichtungsanstalt vom dortigen "pflegepersonal" arbeitsteilig bis aufs letzte logistisch durchorganisiert - ganz allmählich in 100 tagen ermordet... - mit einem eigens dazu vom medizinprofessor nitsche entwickelten genau abgestimmten in kleinen dosen verabreichten gift- und nahrungsentzugs-cocktail. 
 
wenn - ja wenn ihre landwirtschaftliche betätigung zuhause und dann auch als "arbeitstherapie" und "schizophrenie"-behandlung in gütersloh mit etwas mehr phantasie und langmut und kreativität und auch sicherlich heilsamen und "spinnerten" beschwörungsritualen, wie sie da im film von marie johanna weil - wenigstens im trailer - angedeutet werden, und ohne jeden äußeren drill, damit sich so vielleicht ein pharma- und schocktherapiefreier müßiggang eingestellt hätte - mit dem von erna tatsächlich sicherlich gesuchten und erwarteten "erholungseffekt" - dann - ja dann hätte sie das alles vielleicht auch ohne schaden überwinden können. 

hätte - hätte ...

erna kronshage ist meine tante - die schwester meiner mutter - und damit wird diese vermeintliche psychiatrische "verrückung" und entgleisung auch direkt unserer familie wenigstens teilweise im nachhinein mit vor die füße geworfen und hier auch nach allgemeiner tiefsitzender und überkommener und inzwischen neu belebter "volkes"meinung mit dem prädikat "risikobehaftet" verortet, mit all dem eugenisch-psychiatrischen gelalle und gestammel jahrzehntelanger genetischer und medizinischer "wissenschaftlichkeit".
 
und ich schreibe hier von daher sicherlich auch wütend aber auch um mich zu schützen - aber ich schreibe zum glück auch "heutzutage" - im hier & jetzt.

vor 80 jahren stand dieses land und alle menschen, die hier lebten - unsere direkten nächsten vorfahren und ahnen eingeschlossen - in einem aus einem kollektiv nationalistischen erbgesundheits-wahn entfachten mehrfronten-krieg - in einem krieg nach innen und nach außen - und damals hat dann diese völlig missverstandene genetik-lehre erna wahrscheinlich falsch einsortiert und so ihr - damals "nach bestem wissen und gewissen" - endgültig den rest geben müssen... - und noch heute wispern ja aus allen ecken dazu irgendwelche selbstzweifler und üben vertuschung und sehnen sich zurück - von wegen: "vogelschiss", herr gauland...
 
vorm winter muss ich nochmal erna's stolperstein blankputzen mit sidol...

neuerscheinung: graphic novel zur wannsee-konferenz

 

 

Einzelbilder aus der Graphic-Novel - JLT ® - ligne claire - click

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neuerscheinung

Mörderisches Kammerspiel

Ein Comic begibt sich auf die Spuren der Wannseekonferenz, bei der hochrangige Nazis die industrielle Vernichtung der europäischen Juden planten.

Von  Oliver Seifert

 

 

 

Die Lage: mondän, die Kulisse: eindrucksvoll, der Wein: exquisit, die Speisen: üppig, die Zimmer: fein herausgeputzt, nur etwas sehr kalt ist es an diesem 20. Januar 1942. In der herrschaftlichen Villa am Berliner Wannsee ist alles bestens vorbereitet für die Besprechung. Während ein Großteil der geladenen Gäste bereits angeregt plaudert, schneit der Konferenzleiter gerade noch rechtzeitig herein. Er kommt mit Flugzeug aus Prag.

 

 

Der französische Comiczeichner
und -autor Fabrice Le Hénanff
schaut bei seiner „Wannsee"-Version genau hin. -
Abbildungen: © Fabrice Le Hénanff/Knesebeck

Was an der auserwählten Männerrunde irritiert, sind anfangs vielleicht die Uniformen, dann die Inhalte der lockeren Gespräche, die vor derben Scherzen nicht halt machen. Als plötzlich die „Endlösung der Judenfrage" ins Spiel kommt, fast beiläufig anfangs, ist klar, dass dieses Treffen eine fatale Dimension besitzt. Es gilt absolute Verschwiegenheit! Die Konferenz hat niemals stattgefunden! Die Bänder des Stenografen sowie die Sitzungsprotokolle sind zu vernichten!

Anderthalb Stunden für die geplante industrielle Vernichtung von elf Millionen Menschen
Der Grund: Fünfzehn hochrangige Nationalsozialisten unter ihnen Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann und Rudolf Freisler besprechen die Organisation und Koordination des Genozids an den Juden. Anderthalb Stunden. Mehr Zeit ist nicht für elf Millionen Menschen und deren industrielle Vernichtung.

Ein mörderisches Kammerspiel mit peniblen Technokraten als Hauptdarstellern, die sich an ihrem logistischen Meisterstück versuchen. Auf die sogenannte Wannseekonferenz folgen zwei weitere Konferenzen im März und Oktober für offen gebliebene Fragen. Was Adolf Hitler in seiner Reichstagsrede 1939 das erste Mal ankündigte, „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa", wird nun eifrig und führerhörig vollendet.

Es sind erschreckend harmlos wirkende, rotbäckige Massenmörder

Der französische Comiczeichner und -autor Fabrice Le Hénanff schaut bei seiner „Wannsee"-Version genau hin in detaillierten Darstellungen und matten, dunklen Farben. Seine Protagonisten tragen fast freundliche, sympathische Gesichtszüge. Es sind erschreckend harmlos wirkende, rotbäckige Massenmörder, die bei ihrem nie dagewesenen verbrecherischen Großprojekt mit eiskalter, bürokratischer Sachlichkeit in Inhalt und Sprache darüber befinden, wer alles Jude ist, wer davon noch zum Arbeitsdienst taugt, welche zahlenmäßigen Erfolge neue Tötungsmethoden (Vergasung!) bringen oder wo überhaupt zuerst „aufgeräumt" und „gesäubert" werden soll.

Stellt etwa der New Yorker Art Spiegelman in seinem „Maus"-Comic die Opfer ins Zentrum (am Beispiel seines Vaters), so wagt sich Le Hénanff an die Perspektive der Täter. Der Holocaust ist bei ihm, Anfang 1942, noch megalomaner Plan, die Leichenberge vom Massaker in Babi Jar einige Monate zuvor mit mehr als 3.0000 Erschossenen sind Vorboten und Gegenstand einer Besprechungspause.

Der„Wannsee"-Comic setzt auf einen dokumentarischen Stil
 

Alliierte Kunst: Wenn der französische Zeichner die tödliche Jagd einer Katze auf eine Maus (bei ihm fast eine Ratte) im vertikalen Raster hineinmontiert, als gerade die Nazi-Elite voll widerlicher Vorfreude den teuflischen Pakt beschließt, ist es gleichzeitig ein Verweis auf den US-amerikanischen Kollegen, in dessen Werk (als Fabel) die Juden als Mäuse und die Deutschen als Katzen dargestellt sind.

Statt maximaler Verfremdung setzt der„Wannsee"-Comic auf einen dokumentarischen Stil, der in düsterer Kolorierung eine apokalyptische Stimmung erzeugt. Wie auf alten Fotos wechselt die Qualität der Abbildungen, mal besser, mal deutlich unscharf, schemenhaft und ziemlich verblasst.

Im trüben Licht sind schablonenhafte, sehr austauschbare Nazi-Granden zu sehen
Der ungenaue Blick auf eine nicht bis ins letzte Detail rekonstruierbare Veranstaltung (nur ein originales Besprechungsprotokoll ist erhalten) wird durch gelblich-grünstichiges, fleckiges Aquarellieren und flächiges, vertikales Schraffieren erzeugt. Im trüben Licht sind so manchmal schablonenhafte, kaum unterscheidbare und damit sehr austauschbare Nazi-Granden zu sehen.

Im ästhetischen Bezug auf den Film „Conspiracy" von 2001 (auf Deutsch „Die Wannseekonferenz"), im Nachwort hingewiesen, als Quelle angegeben, wird allerdings auch inhaltlich eine kritische Haltung des Konferenzteilnehmers Friedrich Wilhelm Kritzinger übernommen, die bis heute unbelegt bleibt. Wie im Film sind auch im Comic die Dialoge rekonstruiert, denn es gibt einfach keine Dokumente über die wortwörtlichen Aussagen der geladenen Schreibtischtäter. Manch aufgegriffene Sachverhalt des Treffens bleibt Spekulation.

Fünf Millionen Juden kostete der Holocaust das Leben. Was aus den daran beteiligten fünfzehn Nazis wurde, zeigen die Kurzbiografien am Ende des Comics. Als Kriegsverbrecher wurden drei hingerichtet. Wegen der Teilnahme an der streng geheimen Wannseekonferenz kam es zu keiner Verurteilung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fabice Le Hénanff am Bildtisch - Foto: liguedefensejuive.com - ldj

 

Fabrice Le Hénanff: 
Wannsee, 88 S., 
Knesebeck Verlag,
München 2019, 24 Euro
Text: NEUE WESTFÄLISCHE click here






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ich finde, die bezeichnung "wannsee-comic" für dieses werk geradezu despektierlich. hierfür würde ich die einordnung als "graphic-novel" mal einmal nicht zu sperrig und durchaus angemessen empfinden.
 
denn fabrice le hénanff hat ja neben den 15 wannsee-konferenz-teilnehmern, von denen es nicht immer authentische bildvorlagen gab, auch noch das "protokoll", den wortlaut und den ablauf dieser streng geheimen sitzung mitrekonstruieren müssen.
 
und er hat gerade diesen verschwiegenen düsteren charakter der mörderischen performance in seinem grafik-stil versucht einzufangen: mit düsteren sepia-halbtönen und schattenrissen im schummrigen gegenlicht.
 
das hat le hénanff nun aber nicht überzeichnet ins unwirkliche, ins unrealistisch traumhafte, sondern es hat unsere kollektive vorstellung von dem, was damals wohl abging, gut getroffen.
 
es war ja eine geheime konferenz, von der nichts nach außen dringen sollte: der beschluss, die europäischen juden gänzlich "niederzuführen" und "auszurotten", und dazu die industriell organisierten arbeitsteiligen ausführungs-abläufe der vergasung und vergiftung auch so stickum zu installieren, dass noch jahrzehnte später zeitzeugen allen ernstes behaupten konnten, davon hätten sie nichts geahnt und nichts gewusst.
 
und doch hatte man ja bereits von 1939-1941 die vernichtung von "unbrauchbaren" behinderten menschen im zuge des "gnadentod-erlasses", also der sogenannten "euthanasie", über 70.000 mal in 6 eigens dafür eingerichteten vernichtungsanstalten im reichsgebiet hinter sich und entsprechende erfahrungen gesammelt und festgehalten und ausgetauscht, und man wusste durch diesen "probelauf" ja bereits, wie man arbeitsteilig kleinteilig fragmentiert - step by step - und doch rasch und massenhaft im kollektiv ohne späteren einzeltäter-nachweis töten kann.
 
und die ns-euthanasie-morde gingen nach ihrer "vom führer" befohlenen "offiziellen" schein-einstellung auf lokaler ebene dezentral organisiert, aber mit dem alten zentral-know-how aus berlin, munter weiter: ebenso stickum - und deshalb zumeist in mordanstalten auf okkupierten gebieten z.b. in polen, abseits vom main-stream, so dass es nur noch gerüchteweise als ein "horror-vertelleken" weitergetragen werden konnte.
 
diese "öffentlich geahnte geheimhaltung" hat le hénanff mit seinem mehrfach überarbeiten illustrations-stil in seiner "wannsee-konferenz", die 1942 stattfand, gut getroffen - und mangels authentischerem bildmaterial nach fast 80 jahren auch gut "in szene" gesetzt.
 
man sollte für den geschichts-unterricht in schulen "klassensätze" dieser "graphic-novel" anschaffen, um den schülern heutzutage diese verlogene und verhuschte mörderische zeit in ihrer verschwiegenheit und in ihrer ungeheuerlichkeit ganz nahe zu bringen - besonders auch in ihrer mörderischen umsetzung.
 
sie müssen darin nicht besonders geschont werden - denn durch die "baller-spiele" auf ihrem smartphone sind sie ja bereits einiges "gewohnt"... - sie müssen nur "be-greifen" lernen, dass das was da in der "wannsee-konferenz" beschlossen wurde, kein spiel war, sondern dass es damals um's echte leben und um den echten massenmord ging - auch vielleicht der nachbarn ihrer urgroßeltern von nebenan oder von verwandten als opfer - oder aber auch den befehlszwängen, unter denen uropa oder uroma vor 80 jahren die wannsee-beschlüsse umsetzen mussten - und sich hinterher so merkwürdig ausschwiegen zu dieser zeit...
 
 

Die Nacherzählung - und ihre Tücken

 

ganz zufällig fand ich in der google-suche einen hinweis auf dieses neu erschienene e-book von bernd mollenhauer: "die peitsche", wo er auf den abschnitten/seiten 339 - 341 dankenswerter weise auch von meiner tante erna kronshage berichtet.

 

 
aber - anders als andere autoren, die textpassagen oder anregungen von "erna's story" verwenden und veröffentlichen, hatte sich bernd mollenhauer nicht mit mir in irgendeiner weise zur abfassung seines textes in verbindung gesetzt.
 
und heraus kommt dann dabei folgende "erna-version", die ich hier mal ungekürzt wiedergeben möchte:

 

 

 
mollenhauer hat sich wohl nicht meiner original-texte bedient, die ja leicht im internet unter dem stichwort "erna kronshage" zu finden wären, sondern er gibt als seine quellen in der fußnote 248 die definition der begriffe "t4" und "euthanasie" bzw. die deutsche ns-mordanstalt "tiegenhof" (heute dziekanka) bei gniezno in polen an, wo erna ermordet wurde.
 
okay - im großen und ganzen hat mollenhauer das martyrium meiner tante in seiner tragik sicherlich erfasst und textlich zusammengefasst.
 
doch wurde eigentlich ohne jeden grund eine damalige 13-köpfige landfamilie mit elf  kindern mal einfach als "streng katholisch" umgetauft, weil mollenhauer wohl den hier in der ravensberger senne die der lutherischen erweckungsbewegung geschuldeten evangelischen familien eine solche große kinderzahl nicht zumutete. die gegend hier war glaubensmäßig lutherisch-protestantisch fest verankert - und so auch familie kronshage. 
 
 
erna's vater kronshage
mit seiner lieblingskuh
jedoch wurde erna als letztes der elf kinder ja 1922 geboren, wo es mit den verhütungsmethoden noch nicht so weit her war - und die kinderanzahl sich damals immer noch auch als die umfassende qualität einer "lebensversicherung" für die alten darstellte, damit sie als senioren noch umfassende hilfe und betreuung hatten (altersheime und siechenhäuser waren noch rar) - kinderreichtum galt auch als äußerlicher "reichtum" - eben nicht als "prekaritär" konnotiert wie heutzutage - und nur die "studierten" hatten wenige kinder...

jedoch war das alles in diesem falle eine "milchmädchen-rechnung", denn da die jungen 1939 zur wehrmacht an die front eingezogen wurden - und die älteren schwestern bereits dem elternhaus entwachsen waren, blieb die minderjährige erna mit ihren über 40 jahre älteren und kränklichen eltern allein mit ihnen mit der last der hofbewirtschaftung zurück. 

 

diesen umstand hat der (also evangelische!) vater in seinen protestbriefen zum zwangsanstaltsaufenthalt in gütersloh und zur zwangssterilisation mehrfach als grund für die entlassungsforderung seiner tochter erna vehement und mehrfach genannt (sie sind alle im memorial blog reproduziert).und auch die von mollenhauer völlig aus der luft gegriffene unterstellte "verehrung" vater kronshages für den "führer" - sogar als "guter nationalsozialist" (und "katholik") ist hiermit auf's schärfste zurückzuweisen. das hat sich mollenhauer einfach aus den fingern gesaugt.                

 

                    
vater kronshage, also mein opa und ernas und meiner mutter vater, ließ seine eingaben und proteste gegen die behandlung, die zwangssterilisation und die internierung in der anstalt gütersloh wohl vom nachbarn, einem von der nsdap suspendierten spd-gemeindemitarbeiter formulieren und heimlich mit der schreibmaschine tippen, denn solche abfassungen und eine solche schreibhilfe, wie sie im memorial-blog abgebildet sind, war im kotten der kronshages nicht vorhanden und es gab auch keine mittel, um gar einen rechtsbeistand zu bezahlen.
 
vater kronshage hatte bis zum 12.12.1943 - also bis zum 21. geburtstag - bis rund 2 monate vor der ermordung ernas in dziekanka/"tiegenhof" - das volle sorgerecht und das umfasste auch das aufenthaltsbestimmungsrecht für seine tochter.

 

insofern war das festhalten in gütersloh besonders nach der erfolgten sterilisation im august 1943 reine schikane und vielleicht eine retourkutsche zu den protestbriefen - und weil der landeshauptmann vom provinzialverband den anstalten die anweisung gegeben hatte, das ehemalige "insassen" auch auf antrag nicht zu entlassen und ggf. festzuhalten seien, da diese "anbrüchigen" (sic!) personen sonst mit ihrem verhalten womöglich in den luftschutzkellern panik auslösen könnten ... 

 

 
stattdessen entledigte man sich ihrer dann mit deportation in die mordanstalten, besonders auch im okkupierten ausland.
 
wer also unbeschadet das ns-euthanasie-tötungs-protokoll in seinen nicht unwichtigen exakten verschiedenen ansprüchen genügenden varianten und nuancen studieren möchte, dem sei diese umfassende multimediale link-sammlung empfohlen wo frau & man sich per click  informieren kann
 
click here
 
Also lese und sehe - und erzähle es weiter ... - damit aus diesen Nacherzählungen zwar Deine - aber "richtige" - Nacherzählungen werden können... 

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inzwischen schrieb mir bernd mollenhauer folgende mail:
 
Sehr geehrter Herr Wieand!  
Besten Dank für Ihre Mail. Ich bin immer froh und dankbar, wenn aufmerksame Leser mich auf unrichtige Darstellungen aufmerksam machen. Und für das falsch wiedergegebene Glaubensbekenntnis der Erna Kronshage kann ich mich nur in aller Form entschuldigen. Die Korrektur werde ich sofort in die Druckvorlage einpflegen. Bitte haben Sie aber etwas Geduld, bis die Korrektur wirksam wird. Aufgrund der technischen Vorgaben seitens der Druckerei, die auch das E-Book hergestellt hat, kann dieser Vorgang einige Tage in Anspruch nehmen. Sollten Sie also noch weitere sachliche Mängel in Bezug auf Erna Kronshage feststellen, bitte ich darum, mir dies umgehend mitzuteilen. 
Mit den besten Grüßen 
Bernd Mollenhauer
 
 

- und hier noch der Link zum dann in Kürze überarbeiteten Buch 
 

NS-Euthanasie

Zum 1.09.2019: Sie wollen den Opfern ihre Würde zurückgeben


Hunderte Menschen aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Biberach sind zwischen Januar und Dezember 1940 von den Nazis in die damalige Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert und dort vergast; so die Schätzung von Johannes Angele, dem Leiter der Interessengemeinschaft (IG) Heimatforschung im Landkreis Biberach.

In einem neuen Projekt will die IG nicht nur eine möglichst vollständige Namensliste aller Opfer aus dem Kreisgebiet erstellen, sondern auch die Biografien dieser Menschen nacherzählen. Dabei hofft die IG auch auf Unterstützung der Bürger.

Bei den Menschen handelte es sich um Patienten, die bis 1940 in den Heil- und Pflegeanstalten in Schussenried, Zwiefalten, Heggbach oder Ingerkingen wegen ihrer zum Teil mehrfachen körperlichen oder psychischen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gepflegt wurden.

 

 

Geheuchelte Anteilnahme: In Briefen wie dem abgebildeten, der an eine Familie in Laupheim ging, wurde den Angehörigen der Deportierten deren Tod in einer der sogenannten Pflegeanstalt mitgeteilt. Die Todesursachen entsprachen dabei nicht der Realität, in Wirklichkeit wurden die Menschen von den Nazis vergast. (Foto: Repro: Johannes Angele/SZ)


1940 ordneten die Nazis die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen an. Diese im Zusammenhang mit den NS-Erbgesundheitsgesetzen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wurde später auch als „Aktion T4“ bekannt, die auf die dafür zuständige Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 Bezug nimmt.

Die Umkehrung des griechischen Begriffs „Euthanasie“ im Sinne von Sterbehilfe stellt mit Blick auf das systematische Töten der Nazis einen Euphemismus dar. Er wird erst in Folge der Strafprozesse nach 1945 in diesem Zusammenhang verwendet.

Um ihre Pläne im Südwesten in die Tat umzusetzen, beschlagnahmten die Nazis im Oktober 1939 – also vor genau 80 Jahren – Schloss Grafeneck und machten daraus in der Folge die erste Tötungsanstalt in Deutschland.

Mehr als 10 600 Menschen kamen dort im Jahr 1940 in der in einer als Garage getarnten Gaskammer zu Tode. Ein Zweck der Tötungen sei gewesen, dadurch ausreichend freie Lazarettplätze für die Folgen des Frankreichfeldzugs zu schaffen, sagt Angele.

Mit Postbussen abgeholt

„Die Menschen wurden mit Reichspost-Bussen aus den Pflegeanstalten abgeholt und nach Grafeneck gebracht“, schildert Bodo Rüdenburg von der IG Heimatforschung.

Er hat als Mitarbeiter der Bibliothek des damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK) Zwiefalten bereits ab den 1980er-Jahren Forschungen über die „Euthanasie“ in Zwiefalten und Schussenried betrieben und publiziert.

Dass in den Erinnerungen von Zeitzeugen immer wieder von „grauen oder grünen Bussen“ die Rede sei, obwohl die Busse der Reichspost eigentlich rot lackiert waren, führt Rüdenburg auf die Zeitumstände zurück.

Zum einen habe man die Busse in Kriegszeiten aus Gründen der Tarnung umlackiert. Des Weiteren seien später die Scheiben geweißelt worden, damit man nicht mehr ins Innere blicken konnte.

 

 

Sogenannte graue Busse brachten die Opfer nach Grafeneck. Dieses Bild aus dem Jahr 1940 wurde heimlich aufgenommen. (Foto: Kreisarchiv Biberach)


Die Tötungen blieben nicht völlig verborgen, inder Bevölkerung kursierten schon bald Gerüchte. Der evangelische Pfarrer Leube aus Schussenried sprach sich in einem Brief an das Reichsinnenministerium gegen die Tötungen aus, erhielt aber nie eine Antwort. In Schussenried erfuhr man erst nach dem Krieg von Leubes Brief.

Das Thema NS-Euthanasie gelte auch heute vielfach noch als Tabu, sagt Angele. Verschämt sei nach dem Krieg darüber gesprochen worden, „dass dieser oder jener in Grafeneck durch den Kamin geschickt“ worden sei.

Seine Hoffnung sei, so Angele, dass durch die zeitliche Distanz zum Geschehen inzwischen ein offenerer Umgang damit möglich sein müsse.

Aufgrund einer perfiden deutschen Gründlichkeit gebe es namentliche Transportlisten der Deportierten. Nach der Wende seien in einem Stasi-Archiv in Berlin auch die Krankenakten vieler der Getöteten entdeckt worden, sagt Rüdenburg. „Die sind zwischenzeitlich restauriert und enthalten Krankengeschichten, aber zum teil auch Fotos und Briefe. Das ist für uns sehr hilfreich.“

Möglichst viele Lebensläufe

Die IG Heimatforschung möchte die Biografien der Getöteten aber über die Akten hinaus nachzeichnen und hofft deshalb auf die Mithilfe von Angehörigen oder anderen Menschen, die etwas über die Opfer wissen.

Ziel ist, so Angele, bis Ende des Jahres eine vollständige Namensliste aller Getöteten aus dem Kreis Biberach, geordnet nach Kommunen, zu haben und in danach möglichst viele ihrer Lebensläufe zu rekonstruieren.

Hier baut er auch auf Unterstützung der Gedenkstätte Grafeneck. Auch die Kreisarchive der Region befassten sich mit dem Thema NS-Euthanasie, sagt Angele. „Wir wollen nicht, dass die Erinnerung an diese Menschen einfach verschwindet, sondern wollen ihnen ihre Würde zurückgeben.“

Veröffentlicht werden sollen die Forschungsergebnisse am Ende in einem Buch. „Wir werden dafür Sorge tragen, dass das in würdiger Form und Sprache geschieht“, verspricht Angele. Denn die Sprache in den Krankenakten sei menschenverachtend.

aus: schwäbische.de (click)

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heute vor 80 jahren erklärte adolf hitler dem nachbarland polen den krieg. das war aber nur die eine seite - die kriegserklärung nach außen. 

 

 

 
sogen. "gnadentod-erlass"
aber später - im nachhinein datiert auf das gleiche datum - erklärte er den krieg nach innen, in dem er den von ihm so bezeichneten "gnadentod"-erlass unterzeichnete bzw. nur mit seinem namenskürzel paraphierte.
 
rein formal-juristisch war dieser mord-erlass nur ein stück papier, aber vor 80 jahren erlangte ein solcher zettel geradezu "gesetzes"-und eine unbedingte befehls-kraft. inzwischen haben einige gerichte und auch internationale gutachter in der nachkriegszeit festgestellt, dass dieser erlass dem reichsgesetzbuch widersprach - und nie und nimmer menschen zum morden hätte bringen und binden dürfen.
 
aber nicht nur der krieg nach außen setzte das "normale" leben außer kraft, sondern auch dieser krieg nach innen setzte all diesen rassenwahn-irrsinn größtenteils ohne jeden widerspruch durch. 
 
hitler hatte eigentlich 1941 - nach 18 monaten - diesen "erlass" wieder zurückgenommen, nach protesten der kirchen und einzelner angehöriger gegen dieses morden in den sechs eigens dafür errichteten vernichtungsanstalten im reichsgebiet. 

in der sogenannten "aktion t 4" wurden dafür zentral in berlin über 71.000 per fragebogen ausgewählte "unbrauchbare" personen ein solch makaberer "gnadentod gewährt". und doch: ab beginn 1942 wurden diese massenmord-aktionen nun dezentral völlig unkontrolliert und stickum weitergeführt in der sogenannten "wilden euthanasie" und im ablauf der "aktion brandt". 
 
denn in dieser "aktion brandt" wurde ad-hoc organisiert, die kriegsversehrten menschen aus dem bombenkrieg und von der front in pflegebetten der psychiatrischen heilanstalten zu behandeln. dafür mussten aber die "angestammten" psychiatrischen langzeit-patienten per anordnung platz machen - und wurden in neue eigens dafür umgewidmete vernichtungsanstalten in die okkupierten gebiete besonders im osten deportiert - wo die deutsche zivilbevölkerung dieses vernichten mit barbituraten und durch verhungern nicht mehr so direkt mitbekommen sollte.
 
in wirklichkeit ging es aber bei all diesen massenmorden um (volks-)wirtschaftliche belange, denn der krieg verschlang ja auf dauer milliarden reichsmark. deshalb wurde immer die "wirtschaftliche verwendbarkeit" all der infrage kommenden patienten geprüft - und wer aufgrund seiner behinderung oder erkrankung keine "leistung" mehr erbrachte, wurde zum "unnützen esser" abgestempelt - und mit seiner ermordung ersparte sich der staat die unterbringungskosten und die sozialabgaben.
 
menschenleben wurden in diesem krieg ja zu reinen zahlen und kostenfaktoren degradiert und hin und her verschoben mit dem rechenschieber - und jede ehrfurcht vor göttlichem leben kam abhanden und wurde rassen-ideologisch passend verbrämt und rein wirtschaftlich bewertet.
 
heute morgen sagte ein nachrichten-sprecher im autoradio, vor 80 jahren habe "nazi-deutschland" dem nachbarland den krieg erklärt und damit den zweiten weltkrieg ausgelöst.
 
ich finde diese begrifflichkeit "nazi-deutschland" in diesem zusammenhang etwas abspaltend und vielleicht gewissermaßen entlastend: aber ein "nazi-deutschland" hat es meines erachtens nie gegeben, sondern eine mehrheitlich und mit überwiegend hurra gewählte reichsregierung unter der führung der "nsdap" - für mich ist es deshalb der krieg, den deutschland gegen die welt außen und gegen die willkürlich ausgewählten nicht leistungsfähigen oder rassistisch aussortierten menschen nach innen geführt hat.
 
und so ganz können auch wir "nachgeborenen" nun nicht die verantwortung aller deutschen, unserer elten und großeltern, einfach an der kasse abgeben - und schwamm drüber - und wird schon wieder ... - und vor allen dingen: das alles war kein "vogelschiss" der geschichte.

Weiter Weg ins Gedächtnis der Gesellschaft

Vor 80 Jahren begann mit dem „Euthanasie“-Programm das erste große Vernichtungsprojekt des NS-Staats

Text von Christoph-David Piorkowski | Tagesspiegel, Donnerstag 29. August 2019, Nr. 23929, S. 25 Wissen & Forschen

 

 

 

Elisabeth Willkomm - Foto aus: www.gedenkort-t4.eu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Die Brandenburgerin Elisabeth Willkomm leidet seit Beginn der 1930er Jahre an wiederkehrenden Depressionen. Aufgrund einer heftigen Episode wird die 29-Jährige im Oktober 1942 nach kurzem Aufenthalt im Krankenhaus in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ überwiesen. Vier Tage später ist sie tot. Die Ärzte erklären eine Herzmuskelschwäche zum Grund ihres plötzlichen Versterbens.

 

Stolperstein für Elisabeth Willkomm

In Wahrheit ist Elisabeth Willkomm eine von zahllosen Patienten und Patientinnen, die im Zuge der
sogenannten „wilden Euthanasie“ in den Krankenhäusern Nazideutschlands umgebracht wurden. Denn auch nach dem vermeintlichen „Euthanasie-Stopp“ vom August 1941 wurde die groß angelegte Ermordung von körperlich, geistig und seelisch beeinträchtigten Menschen still und leise weitergeführt.

Bis Kriegsende haben Ärzte und Pflegepersonal mittels Nahrungsentzug und der Überdosierung von Medikamenten Leben, die sie „lebensunwert“ fanden, nach eigenem Ermessen beendet. In Polen und in der Sowjetunion mordeten die Schergen der SS zahllose Heime und Krankenhäuser leer. Die „nationalsozialistischen Krankenmorde“ reichen also bei Weitem über die etwa 70 000 Menschen hinaus, die unter der Ägide der Zentraldienststelle „T4“ in der Berliner Tiergartenstraße in sechs eigens eingerichteten Tötungsfabriken vergast wurden. Nach aktuellen Expertenmeinungen sind im Reichsgebiet und in Osteuropa mehr als 300 000 Personen Opfer der „Euthanasie“ geworden.

In diesen Tagen liegt der Auftakt des Verbrechens 80 Jahre zurück. 

In einem auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginns, zurückdatierten Schreiben verfügte Hitler die unter dem Euphemismus des Gnadentods firmierende „Vernichtung unwerten Lebens“. Historiker gehen heute davon aus, dass die Krankenmorde stärker ökonomisch als „rassehygienisch“ motiviert waren.

  • „Das maßgebliche Kriterium, das über Leben und Tod entschied, war die Arbeitsfähigkeit“, sagt der Münchner Psychiater und Euthanasie-Forscher Michael von Cranach. 

So wollte man sich die Versorgungskosten für jene Menschen sparen, die man zur Last für den „Volkskörper“ erklärte.

Mit der „Aktion T 4“, der zentral organisierten Ermordung von Kranken mit Kohlenmonoxid, verfolgten die Nazis aber noch andere Ziele. So gilt die Aktion als Testphase für die sich daran anschließende Judenvernichtung. Doch nicht nur die Durchführung der zentralen „Euthanasie“, auch ihr jähes Ende im August 1941, hat unmittelbar mit der Shoah zu tun. Von Cranach sagt, der sogenannte „Euthanasie-Stopp“ sei nur zum Teil mit der Empörung zu erklären, die in Teilen von Kirche und Gesellschaft bestand. Nicht zuletzt sei „T4“ auch deshalb gestoppt worden, weil man das in Organisation und Durchführung von massenhaften Tötungen nunmehr geschulte Personal für den aufwendigeren Holocaust brauchte.
 

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Am 1. September 2019 jährt sich nicht nur das erste groß angelegte Vernichtungsprojekt der Nationalsozialisten, sondern auch das zentrale Gedenken an die Opfer.

  • Seit fünf Jahren gibt es in der Tiergartenstraße 4 in Berlin-Mitte, am Ort der einstigen Schaltstelle des Verbrechens, den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. 

Hinterbliebene und überlebende Opfer haben auf einen zentralen Gedenkort lange warten müssen. Auch deshalb begeht der Förderkreis Gedenkort T4 am morgigen Freitag gemeinsam mit verschiedenen Stiftungen und Verbänden das kleine Jubiläum mit einem Festakt ab 10 Uhr.

Das späte Gedenken an die Euthanasie „hängt sicher auch damit zusammen, dass psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft keinen leichten Stand haben“, sagt von Cranach. Der Psychiater hat viel zur Aufarbeitung der NS-Krankenmorde beigetragen. Gemeinsam mit anderen Sozialpsychiatern und Medizinhistorikern sorgte er in den 80er-Jahren dafür, dass die deutsche Psychiatrie sich der Vergangenheit stellt. Denn nach 1945 gab es keine Zäsur. Der Großteil des „Euthanasie“-Personals wurde unbehelligt von jedweder Bestrafung weiter in den Kliniken beschäftigt.

  • Von Cranach erklärt, dass nicht nur zentrale Akteure, sondern auch die Narrative der NS-Psychiatrie noch lange unvermindert fortwirkten. Weit stärker als in den USA oder in England habe in den „Anstalten“ bis mindestens Ende der 70er-Jahre ein autoritärer und menschenverachtender Geist geherrscht.

Die katastrophalen Zustände einer entsozialisierenden „Verwaltungspsychiatrie“ verbesserten sich in den 80er-Jahren im Zuge der Psychiatriereform. Man dürfe sich aber nicht darauf ausruhen, sagt Michael von Cranach.

  • Aufgrund ihrer Verstrickung ins Verbrechen müsse die Institution der Psychiatrie ganz besonders für die Würde des Einzelnen einstehen. Und nicht nur die Behandlung, auch das Gedenken müsse auf den einzelnen Menschen zugeschnitten sein. 

Am Berliner Gedenkort in direkter Nachbarschaft der Philharmonie werden die Opfer nicht als abstrakte Gruppe repräsentiert. Sie werden als jene Individuen erinnert, als die sie aus dem Leben gerissen wurden. Nur so finden Menschen wie Elisabeth Willkomm einen Weg ins Gedächtnis der Gesellschaft.

Verbrechen und Aufarbeitung 
Nach der Besetzung des Elsass wird 1941 die „Reichsuniversität Straßburg“ gegründet, als geistiges Grenzbollwerk der NS-Ideologie. Dort führen Ärzte menschenverachtende Experimente durch, um die vermeintliche Über­legenheit der „arischen Rasse“ zu beweisen und als kriegswichtig eingestufte medizinische Forschung voranzutreiben, finanziell unterstützt durch Himmlers SS-Forschungseinrichtung „Ahnenerbe“. 1944 wird Straßburg befreit: Im Keller des anatomischen Instituts werden die Leichen von 86 jüdischen Häftlingen gefunden, die der Straßburger Professor für Anatomie, August Hirt, 1943 aus dem KZ Auschwitz ins elsässische KZ Natzweiler-Struthof hatte bringen lassen, wo sie ermordet wurden. Die Leichname sollten einer Skelettsammlung dienen. 1945 nimmt Hirt sich das Leben. 2015 entdeckt der Forscher Raphaël Toledano drei noch bestehende Humanpräparate der 86 Hirt-Opfer in einer Sammlung der Straßburger Rechtsmedizin. Die sterblichen Überreste werden kurz ­darauf beigesetzt. 2016 wird eine internationale unabhängige historische Kommission für eine Laufzeit von vier Jahren etabliert.


„Meine Forschung ist auch politische Arbeit“

Wie man im Elsass mit den NS-Verbrechen an der „Reichsuniversität Straßburg“ umgeht und welche Bedeutung historische Erkenntnis für unser Gegenwart hat – das erklärt die Ärztin und Historikerin Lea Münch im Gespräch


INTERVIEW NICHOLAS POTTER | TAZ

 

 

August Hirt, Arzt und 
Naziverbrecher - Foto: Archiv

taz: Frau Münch, spätestens seit dem Nürnberger Ärzteprozess war bekannt, dass der NS-Anatom August Hirt im Elsass 86 jüdische Häftlinge ermorden ließ, um die Leichname für eine Skelettsammlung zu missbrauchen. Die meisten von ihnen konnten nach Kriegsende bestattet werden. 2015 wurden dann aber drei noch bestehende Humanpräparate der Hirt-Opfer in einer Sammlung der Straßburger Rechtsmedizin gefunden. Wie konnten die dort so lange unentdeckt bleiben?

 

 

 

Studium an der
„Reichsuniversität Straßburg“ –
Propagandabild, NS-Zeitschrift
„Das Reich“, 1941 Foto: Rene Fosshag/Ullstein Bild

 


Lea Münch: Jede medizinische Fakultät hat mehr oder minder umfangreiche Sammlungen. Es finden sich Knochen, Organe und auch Gewebeschnitte für mikroskopische Untersuchungen. Diese können grundsätzlich noch aus dem Deutschen Kaiserreich stammen, aus der NS-Zeit oder aber auch nach 1945 erst angefertigt worden sein. Zwischen 1945 und 1954 wurden in erster Linie nur juristisch auffällige, kriminell verdächtige Versuche und Präparate in Militärprozessen untersucht – bei Weitem nicht alle medizinischen Forschungen und Sammlungen. Ab 1955 verschwand das Thema, besonders im Elsass. Weder Deutschland noch Frankreich fühlten und fühlen sich bis heute wirklich zuständig für die Aufarbeitung und die Verantwortung der NS-Universität Straßburg; Die französische Universität wurde nach Clermont-Ferrand verlagert und die unrechtmäßige „Reichsuniversität Straßburg“ hatte keine Nachfolge. Erst die Identifizierung der drei Präparate 2015 belegte faktisch, dass eine weiterreichende Untersuchung notwendig ist.

Nach dem Fund 2015 wurde eine unabhängige historische Kommission an der Universität Straßburg gebildet, in deren Rahmen Sie promovieren. Was untersuchen Sie genau?

Für den gesamten Zeitraum des Bestehens der „Reichsuniversität Straßburg“ sind die Krankenakten der Psychiatrischen Universitätsklinik erhalten geblieben: Das sind circa 2.500 Krankenakten von 1941 bis 1944 – für Historiker*innen eine umfangreiche Quellenbasis. In den stichprobenartig ausgewerteten Akten konnte ich bisher keine Hinweise auf unnatürliche Todesfälle finden. Sowohl die Aktion „T4“ – also die Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit psychiatrischen Krankheiten und Behinderungen – und die anschließende sogenannte dezentrale „Euthanasie“ fand aber üblicherweise auch nicht an Universitätskliniken statt, sondern in den Heil- und Pflegeanstalten, in denen Menschen mit chronischen Diagnosen untergebracht waren.

Deuten die Akten darauf hin, dass es anderswo im Elsass Euthanasie gab?

Nicht direkt – aus der Psychiatrischen Universitätsklinik wurden aber Menschen mit langwierigen Krankheitsverläufen in die zuständige Heil- und Pflegeanstalt verlegt. Im Januar 1944 gab es einen Transport von 100 Männern aus den elsässischen Anstalten Hoerdt und Stephansfeld in die NS-Tötungsanstalt Hadamar, wo diese Menschen ermordet wurden. In beiden Anstalten findet sich außerdem während des Krieges eine deutliche Übersterblichkeit, die auf Versorgungsengpässe zurückzuführen ist. Ob es auch dort dezentrale Euthanasieformen gab, werde ich erst nach der Auswertung der dortigen Krankenakten sagen können.

Wie wird in der Region mit der NS-Zeit umgegangen?

Das Elsass war schon immer ein Spielball zwischen Frankreich und Deutschland: Die heutige Generation verfügt aber nur noch bedingt über eine spezifische elsässische Identität, sie wurde in Frankreich sozialisiert. Insgesamt berief man sich im öffentlichen Diskurs gerne auf die wenigen Widerstandskämpfer*innen und auf die Opferrolle des Elsass, die sogenannten zwangsverpflichteten „malgré nous“, und marginalisierte die Fragen nach Kollaboration und Täterschaft auf französischer Seite. Daher war es auch nicht einfach, unser Forschungsvorhaben zu realisieren. Mit der aktuellen Generation wird das aber leichter – das zeigt unter anderem die Bildung der Kommission.

Haben elsässische Ärzt*innen mit den Nazis kollaboriert?

Darauf lässt sich keine pauschale Antwort geben, die meisten Fälle sind weder schwarz noch weiß. Vor dem Überfall Nazideutschlands auf Frankreich wurde eine bestimmte Zone in der Nähe der Grenze komplett evakuiert – inklusive der Université de Strasbourg. Viele elsässische Ärzt*innen sind mit in den unbesetzten Teil im Süden Frankreichs gegangen. Das erklärt, warum es an der Straßburger Universität unter den Ärzt*innen keinen größeren Widerstand gab – die in der Résistance tätigen Mediziner*innen waren nicht ins Elsass zurückgekehrt. Ein gewisser Teil der Ärzt*innen ist aber aus den verschiedensten Gründen in das nun unter deutscher Verwaltung stehende und de facto annektierte Elsass zurückgekehrt, was auch von der NS-Verwaltung deutlich gefordert wurde.

Haben die ins Elsass Zurückgekehrten also mit den Nazis zusammengearbeitet?

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Biografie des Chirurgen Adolphe Jung, der zunächst eine der von den Nazis standardmäßig eingeforderten Loyalitätserklärungen unterschrieb, in welcher er sich zu den Grundsätzen des nationalsozialistischen Reichs bekannte. Letztendlich entschied er sich vor der offiziellen Eröffnung der „Reichsuniversität“ aber anders, wurde sozusagen in kleinere badische Orte „zwangsversetzt“ und arbeitete schließlich unter dem berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch an der Berliner Charité. Nach Kriegsende kehrte er nach Straßburg zurück und arbeitete wieder, nicht ohne Schwierigkeiten, an der dortigen Universität. Sein Tagebuch wurde vor Kurzem veröffentlicht. Es bietet einen aufschlussreichen Einblick und zeigt, dass die Entscheidung zwischen Kollaboration und Widerstand nicht immer geradlinig verlaufen ist und es bei jeder Biografie einer historisch differenzierten Betrachtung bedarf.

Mit der „Reichsuniversität Straßburg“ wollten die Nazis ihre Ideologie „wissenschaftlich“ verfestigen. Inwiefern wurde die Wissenschaft ins­tru­mentalisiert?

Der Begriff der Instrumentalisierung ist in diesem Zusammenhang nur bedingt zutreffend, weil dieser eine einseitige Sicht auf die Geschichte impliziert. Wissenschaft ist nie wertfrei zu verstehen und die Nationalsozialisten haben den Wissenschaftsbetrieb nicht einfach unter Zwang für ihre Zwecke vereinnahmt, sondern manche der menschenverachtenden Humanexperimente sind auch auf Eigeninitiative der Ärzt*innen zurückzuführen. Hinzu kommt, dass diese Berufsgruppe in außerordentlich hohem Maß in der ­NSDAP und anderen NS-Organisationen vertreten war. Daher lässt sich das Verhältnis von Wissenschaft und NS-Regime vielmehr als komplexes Wechselspiel beschreiben, von dem beide Seiten auf unterschiedlichen Ebenen profitiert haben.

Was hat Sie motiviert, in diesem Themenbereich zu forschen?

Es ist unerlässlich, die historischen Bedingungen zu verstehen, die zu einer menschenverachtenden Medizin geführt haben. Außerdem hat sich die historische Forschung lange hauptsächlich auf die Täter fokussiert, aber mit dem Schicksal der Opfer hat sich fast niemand beschäftigt. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die physische Vernichtung sowie die Auslöschung der Erinnerung an Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten, war erklärtes Ziel der Nazis. 

Das Einzige, was wir heute noch tun können, ist, zu versuchen den Opfern ein Stück ihrer Identität und Persönlichkeit zurückzugeben. Daher verstehe ich meine Forschung auch als eine Form von politischer Arbeit. Trotz der Schlussstrichrhetorik der AfD und anderen Rechten ist das Thema noch nicht abgeschlossen.

 

 

Lea Münch -
Foto: Nicholas Potter

 

 

 

Lea Münch, 28, ist Ärztin und Medizinhistorikerin. Sie studierte an der Berliner Charité. Aktuell promoviert sie im Rahmen der historischen Kommis­sion an der Université de Strasbourg.
Text & Bilder: TAZ, Freitag, 23.08.2019, taz zwei, S.13

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gerade wenn die anzahl "zeitzeugen" der shoah und der ns-euthanasie allmählich altersbedingt immer weniger wird, ist es gut zu wissen, dass eine solche relativ junge ärztin und medizinhistorikerin wie lea münch nun mit dabei ist, das dunkle kapitel der ns-medizin mit akribie aufzurollen. diesmal ist also das elsass der schauplatz, was wieder ein beweis dafür ist, dass sich über das gesamte reichsgebiet und vor allen dingen auch über die okkupierten (rand)gebiete ein netz von vernichtungsstätten und  "forschungs"-anstalten spannte, auch gern etwas außerhalb der zentren und ballungsräume, damit die "zivil"bevölkerung nicht zuviel davon mitbekommen sollte.
 
und auch hier in diesen forschungsarbeiten von lea münch zeigt sich wieder, dass nicht nur die nazis in sachen menschenversuche und euthanasie-tod initiativ waren, sondern dass es eine hand-in-hand zusammenarbeit mit der medizinforschung insgesamt gab.
 
die eugenik, also die erblehre, war der ideologische motor des ganzen unternehmens, und bereits seit den 20er jahren waren diese dafür einschlägigen paradigmen maßgebend für die gesamte wissenschaftlich-medizinische denke und forchung - und nicht nur in deutschland, sondern das waren die "modernen" erkenntnisse der zeit: weltweit.
 
jedes "volk" wollte sich von allem "unrat" säubern - und der makellose übermensch sollte im wahrsten sinne des wortes als nationale rasse gezüchtet werden, um so auch den anderen national"völkern" überlegen zu sein - und "minderwertiges" auszurotten und in zukunft zu verhindern - und "minderwertige völker" zu unterwerfen und zu kolonialisieren. und neben diesen (inter-)nationalen rassen-bestrebungen ging es aber auch sozialpolitisch um pure knete: um kriege zu führen und finanzieren zu können sollten die allgemeinen sozialausgaben z.b. für dauererkrankte behinderte menschen gesenkt werden oder gar wegfallen - und das ging nur durch eine gnadenlose tödliche selektion aller menschen mit "abweichungen" - und diese abweichungen galt es wissenschaftlich zu erfassen: und genau diese "abweichungen" mussten ja nun irgendwie durch eine art eugenisch formulierte "ethik-norm" fixiert werden - und dafür schufen sich ns-partei, sozialpolitik und die naturwissenschaftlich-medizinische forschung ihre unverbrüchlichen rigorosen auslese-kriterien - wenn auch hier und da mit einigen wenigen lokalen "abweichlern".
 
und das fatale ist: im großen & ganzen muckte dagegen das "volk" kaum auf. bis auf ein paar "märtyrer" in den kirchen und in einigen wenigen betroffenenen familien - alle anderen wussten oder ahnten zumindest, was da ablief - aber das persönliche leid, das der gleichzeitig tobende krieg nun mit in jede familie brachte, war den einzelnen ja viel näher in ihrer trauer und betroffenheit - und die 300.000 euthanasie-opfer wurden größtenteils erfolgreich kollektiv innerpsychisch "abgespalten" und "verdrängt"...
 
aber hoffentlich gibt es immer wieder neu solche forscher*innen wie lea münch, die dem allen wissenschaftlich nachspüren und nach fast 80 jahren aufarbeiten. danke.
 

Jahrestag: 103 jüdische Menschen besteigen am 10. Juli 1942 am Hauptbahnhof einen Zug, angeblich in Richtung Warschau. Eine von ihnen ist die Bielefelderin Thekla Lieber. Ihre Postkarten sind ein letztes Lebenszeichen. Sie bringen Jahrzehnte später eine schreckliche Wahrheit ans Licht...


Erste Deportation nach Auschwitz
begann in Bielefeld

Von Christine Panhorst | NW

Es ist ein Freitag, heute vor 77 Jahren. Am 10. Juli 1942 startet ein Zug vom Bielefelder Bahnhof. In den Waggons: 103 Menschen Jüdinnen und Juden aus dem Gestapobezirk Bielefeld sowie aus Münster, Dortmund und Osnabrück. Das Ziel ist Warschau, so macht man sie glauben. Die Gestapo gestattet ihnen, unterwegs Postkarten zu schreiben. Es sind letzte Lebenszeichen, die Jahrzehnte später eine Spurensuche ermöglichen. An ihrem Ende steht eine schreckliche Gewissheit: Ankunftsort ist damals nicht Warschau, sondern das neue „Zentrum der Massenvernichtung“.

Der Deportationszug aus Bielefeld, das legen jüngste Forschungen nahe, ist der erste
große Transport im Deutschen Reich, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
anfährt. Mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden werden aus ihren Familien gerissen und
nach Stopps in Hamburg, Ludwigslust, Berlin und Magdeburg verschleppt. Zugleich ist
es die einzige Deportation vom Startbahnhof Bielefeld, bei der es später keine
Überlebenden geben wird.

Diese Postkarte beginnt Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 „kurz vor Berlin“:

 

 

Foto:
Sammlung Kai-Uwe von Hollen


„12 – kurz vor Berlin. Meine Lieben! Sicher habt Ihr meine diversen Karten erhalten.
Bisher geht es uns gut, sind sehr betreut. Fahre mit Frau Jakobs aus Sögel mit Tochter
Frau de Vries und Kind. Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man sich
gewöhnt, ist gut, dass man viel schläft und die Zeit wenigstens nicht nachdenkt. (. . .)
Wir halten und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen. Montag werden wird, wenn’s
gut geht, am Ziel sein.
Braucht Euch nicht zu betrüben, so Gott will, wird’s schon werden. Seid nochmals
herzlich gegrüßt und geküßt von Eurer Mutter“

. . . schreibt die Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 aus dem Deportationszug
bei Berlin.

Jener Freitag im Juli 1942 ist ein Auftakt zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und Bielefelder Stadtgeschichte. Davon erzählen eindrücklich in Zeilen voller Angst und Hoffnung, Sorge und Liebe die Nachrichten der Deportierten – wie die der Bielefelderin Thekla Lieber.

An der Ritterstraße (heute Ecke Notpfortenstraße) hat die Geschäftsfrau ursprünglich
einen Handel mit Öfen, Eisen- und Haushaltswaren betrieben, der in der
Reichspogromnacht zerstört wird. „Macht euch keinen Kummer um mich, bleibt Ihr
nur gesund“, schreibt die 60-Jährige zwei Tage vor Abfahrt des Zuges auf einer
Postkarte an Tochter und Schwiegersohn in Brüssel. Den Bescheid zur Deportation hat
sie kurz zuvor plötzlich erhalten.

Sie reise über Hamburg, weiß Lieber schon früh. Das Ziel sei Warschau, notiert sie auf
einer ihrer Karten, die sie im Sammellager Kyffhäuser am Kesselbrink schreibt (heute
Standort der Restetruhe). „Ich hoffe, dass, so Gott will, mir die Seelenkräfte verbleiben,
alles zu überwinden.“

 

 

 

 

Letzte Lebenszeichen: Die Bielefelderin Thekla Lieber, geb. Heine, (*1882)
führte mit ihrem Mann ursprünglich ein Geschäftshaus an der Ritterstraße. Aus
dem Deportationszug darf sie noch Postkarten an Tochter und Schwiegersohn
schreiben, die nach Brüssel flohen.                            Foto: Sammlung Brigitte Decker

Sechs ihrer Postkarten wird ihre geflohene Tochter durch den Krieg retten. Eine davon
schreibt ihr die Mutter aus dem Zug bei Hamburg. Das Kartenschreiben ist den
Deportierten – das ist ungewöhnlich – offenbar gestattet. In ihren Karten berichten sie
zudem von „warmem Essen“ und „allerlei Verpflegung“ unterwegs. Immer heißt es:
Warschau.

Unterdessen führt die Fahrt weiter über Berlin und Magdeburg, an jedem Stopp
steigen Hunderte Menschen zu. Die Witwe Lieber aus Bielefeld schwankt am 12. Juli
zwischen Hoffen und Bangen: „Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man
sich gewöhnt. (. . .) Wir halten, und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen
unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen.“ Es ist ihre letzte
Karte.

Das letzte dokumentierte Lebenszeichen der Deportierten des Bielefelder Zuges
stammt von den Schwestern Clara Lorch (60) und Meta Meyer (53) aus Bad
Lippspringe. Ihre Karte ist in Oppeln abgestempelt – gut 140 Kilometer vor Auschwitz.
Der Rest sind Indizien einer bewussten Täuschung: Mal taucht das Ziel „Warschau“,
mal das Ziel „Auschwitz“ in offiziellen Unterlagen zu diesem Transport auf. Ein Koffer,
der in Auschwitz-Birkenau in einer Ausstellung zu sehen ist, gehört einem in Hamburg
Zugestiegenen. Angehörige senden schon 1942 auf Verdacht Briefe nach Auschwitz
oder erhalten auf Nachfragen hin den Hinweis „Auschwitz/Krakau“.

 

 

 

Abfahrtsort ins Ungewisse: Vorherige Depotationen aus
Bielefeld hatten Warschau oder Riga zum Ziel, wie auch der
Transport am 23.Dezember 1941, der fotografisch dokumentiert
ist. Foto: Stadtarchiv Bielefeld 


Die letzte Gewissheit fehlt. Zu viele Dokumente wurden kurz vor Kriegsende in
Bielefeld vernichtet.

Was bekannt ist: dass sich SS-Reichsführer Heinrich Himmler eine Woche nach Abfahrt
des Bielefelder Zuges das neue Vernichtungslager vorführen lässt.

 

 

 

Postkarten sind Puzzleteile der Vergangenheit: Die Bielefelder Forscher können anhand abgestempelter Postkarten belegen, dass der Zug über Hamburg, Ludwigslust, Berlin, Magdeburg und Breslau bis nach Oppeln in Polen fuhr. Hier verliert sich seine Spur - 140 Kilometer vor Auschwitz.                                                                      Grafik: Schultheiss - Daten: von Hollen, Decker, Freier


 
  • Der Text ist entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Martin Decker sowie unter Verwendung von Materialien der Holocaustforscher Martin Decker, Kai-Uwe von Hollen und Thomas Freier.
 
 
Quelle: Neue Westfälische, 10.7.2019, Lokales S. 17

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„das vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“, hat christa wolf einen ursprünglichen satz von william faulkner weitergeführt. 
 
und ein bundestagsabgeordneter, der 2019 im deutschen bundestag sitzt, hat ja die gesamte ns-zeit mit all ihrem morden und leiden einfach mal zu einem "vogelschiss" abqualifiziert und heruntergespielt, den wir endlich bitteschön mal vergessen und verdrängen sollen.
 
da ist es schon ungeheuer wichtig, dass eine zeitung zum jahrestag der abfahrt des ersten durchgehenden deportationszuges nach auschwitz aus bielefeld vor 77 jahren eine ganze lokalseite zur dokumentation dieses vorganges nutzt - und am mahnmal vor dem bielefelder hauptbahnhof heute die namen von 103 deportierten aus bielefeld verlesen werden - es gab keine überlebenden. und vorgelesen werden auch die postkarten-texte dieser menschen, die sie während dieser fahrt in die ungewissheit und letztendlich in den tod an ihre lieben schrieben - erstmals beteiligt sich auch an dieser gedenkveranstaltung ein muslimischer verein, die "kreuzberger initiative gegen antisemitismus und islamfeindlichkeit" bielefeld (kgia).
 
das können dann hoffentlich auch viele schüler mitnehmen in den ferienstart in ein paar tagen - und vielleicht selbst mittels smart- oder i-phone oder tablet recherchieren, was mindestens genauso spannend und lehrreich ist als irgendein buntes 3-d-spiel, das auf dem display rauf und runter blinkt.
 
nein, wir dürfen uns nicht "fremd" stellen, wie christa wolf das ausgedrückt hat, wir dürfen uns nicht davon "abtrennen" oder es gar vergessen. wir sind es den opfern und ihrer würde auch nach 77 jahren immer noch und weiter bis in die zukunft schuldig, diese verirrungen eines ganzen volkes an sich herankommen zu lassen und zu durchleben: diese fast 18 stündige bahnfahrt zwischen hoffen und bangen  und dann der todesgewissheit für 1604 kilometer schienenstrecke, mit all den stationen und zusteige-halts: "wieder besteigen hunderte gefährten diesen unendlich langen zug", wie frau lieber das auf ihrer postkarte schreibt: "der menschheit ganzer jammer ist zu sehen" ... - das noch von wegen "vogelsch...".
__________________________________________________

update:
 



















Gegen das Vergessen: Rund 80 Bielefelder erinnerten vor dem Hauptbahnhof an die Deportierten vom 10. Juli 1942. Martin Decker (Friedensgruppe) steht hier am Rednerpult. Foto: Mike-Dennis Müller | NW

 

 

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zu meinem kommentar dieser vorwürfe an bethel: click here

click here  oder in "Spiegel" Nr. 23/2019, S. 112 ff. lesen ... - und dazu meinen kommentar im sinedi-blog

 

 
click to sinedi-blog
click here
am 5.04.2019 zeigte der wdr in der lokalzeit owl einen 4,5-min. beitrag zum 100-jährigen bestehen des lwl-klinikums gütersloh, das 1919 - nach dem 1. weltkrieg - schließlich voll in betrieb genommen wurde.
 
die bildsequenzen belegen, welchen stellenwert die "industrielle" massen-psychiatrie bis in die 70er/80er jahre hatte, ehe dann mit der psychiatrie-enquete 1975 eine gewisse wende hin zur "sozialen psychiatrie" - einhergehend mit einer auflösung der groß-psychiatrien, einer differenzierteren ambulanteren diagnostik und behandlung mit kürzeren einzelfall-verweildauern eingeleitet wurde - so wie sie wohl auch erna kronshage bereits für sich als hilfe zur genesung erwartet hatte ... 
 
  • aber "wikipedia" schreibt lapidar über gütersloh zu der zeit: 
"während der zeit des nationalsozialismus wurde ab 1936 die fürsorge für psychisch kranke und geistig behinderte auf die nationalsozialistische rassenhygiene ausgerichtet. in den jahren 1940 bis 1943 wurden 1.017 patienten als 'gänzlich gemeinschafts- und arbeitsunfähig' eingestuft und in tötungsanstalten deportiert. im jahr 2014 wurde eine gedenkstätte für die opfer eingeweiht."

 

 
das leidensporträt meiner tante erna kronshage (* 1922 - + 1944) ist mit gütersloh eng verstrickt:

 

  • 1942 ließ sie sich dorthin  in die "heil"anstalt einweisen, um eine persönliche überforderungs- und verstimmungssituation rasch zu überwinden,
  • hier verpasste man ihr jedoch rasch die zweifelhafte "erbkrankheits"-diagnose: "schizophrenie", 
  • die dann 1943 auf antrag des dortigen anstaltsleiters dr. werner hartwich nach zwei verhandlungen zur zwangssterilisation führte - 
  • im herbst 1943 wurde sie dann schließlich von dort "als gemeinschafts- deportiert zur tötungsanstalt tiegenhof bei gnesen (heute dziekanka/gniezno in polen), wo sie mit weiteren ca. 5000 psychiatriepatienten am 20.02.1944 ermordet wurde.

 

 

das martyrium von der einweisung bis zur ermordung erstreckte sich insgesamt über einen zeitraum von gerade einmal 484 tagen (!) ...

 

 
die autorin dieses wdr-beitrages, bärbel wegener, schrieb mir dazu u.a.: "erna kronshages geschichte ist immer noch am besten dokumentiert, ich würde sie zu diesem anlass gerne nochmal aufgreifen.*)" -
 
hier also eine kopie dieses beitrages zum 100-jährigen ... 

 

click here

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*) frau wegener hatte 2014 einen beitrag zu erna kronshage (click) gemacht ...

click to wikiwand: erna kronshage
WESTFALENPOST WARSTEIN 25.11.2018 - show more - click on the picture
11. Oktober 2018: Eindrückliches Feature der DLF-Redakteurin Johanna Herzing, die selbst Angehörige eines NS-"Euthanasie"-Opfers ist, über das innerfamiliäre Verschweigen. Die Aufnahmen zum Feature wurden auf der Angehörigentagung in der Gedenkstätte Hada
Dieses Gedenk-Triptychon in Kaufbeuren-Irsee ist nach 20 Jahren plötzlich umstritten - und entspricht scheinbar nicht (mehr) den Kriterien einer "zeitgemäßen Gedenkkultur" zur "Euthanasie" - CLICK ON THE PICTURE

dieser neue film von florian henckel von donnersmarck hangelt sich entfernt an der biografie vom deutschen ausnahmekünstler gerhard richter entlang: besonders hervorstechend bei diesem 3-std. epos ist die tatsächliche verstrickung des nazi-"euthanasie"-schicksals einer tante gerhard richters mit einem onkel, der gleichzeitig ns-"euthanasie"-arzt in dresden war - und der die todesurteile auf den fragebogen zum leistungsvermögen der infragekommenden klientel mit anzukreuzen hatte: opfer und täter also in einer familie ...

der film läuft am 03. oktober 2018 in den deutschen kinos an und ist der deutsche beitrag für die oscar-verleihung im frühjahr 2019.

 

click here & on the picture für einen zdf "aspekte"-beitrag dazu!

click zum gesamten blogbeitrag zur filmankündigung "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" hier ...

 

und hier meine stellungnahme zu diesem film, dessen besprechung in der "welt" auch mir neue aspekte gebracht hat:

 

so wie sich die akteure und schauspieler des "jugendvolxtheaters bethel" neulich das nazi-'euthanasie'-leidensporträt meiner tante erna kronshage in ihr neuestes theaterstück "ich will leben - besonders|anders" "angeeignet" und integriert haben und es in beziehung gesetzt haben zu ihren eigenen begabungen und stärken und gleichzeitig zu ihren (ich sag mal ganz despektierlich vielleicht "pubertären") macken und gewohnheiten und tics - so stelle ich mir auch den oben im interview genannten begriff der "an-archive" und der "an-archäologie" vor, den der medientheoretiker prof. siegfried zielinski da formuliert - und der einen so großen stilistischen eindruck ausgeübt hat auf den film: "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" von alexa karolinski.

 

im artikel zum film heißt es nämlich: "alexas film ist anders als viele dokumentationen über die schoah – er spürt im hier und jetzt, im gespräch mit freunden und freundinnen, mit familie und zufallsbekanntschaften, assoziativ und offen dem horror der geschichte nach." - und das geschieht ja im theaterstück auch: ernas horror wird nachgespürt mit eigenen erarbeiteten szenen und assoziationen und mit der musik und mit dem gebrüll-sound adolf hitlers ("flink wie windhunde - hart wie kruppstahl") von damals unterlegt: aber auch in dynamisch tänzerischen und in sehr nachdenklichen fast zärtlichen sequenzen - authentisch mit heranwachsenden von heute - von jetzt ...


und mir, der sich ja seit ein paar jahrzehnten mittlerweile mit den rekonstruktionen und "archäologischen" freilegungen der ereignisse in erzählformen um meine tante erna kronshage beschäftigt, kommt erstmals die eigentliche schwellensituation da in der gemeinde senne II auf dem geburtsbauernhaus "mühlenkamp" in den sinn: die abrupte auslösung und löschung quasi vorindustrieller produktions- und alltäglicher machtverhältnisse (der dreschflegel, die wasserpumpe, das wäschewaschen am brunnen, das plumpsklo, die wohnung ohne fließendes wasser, die handwerkliche herstellung der alltagsgebrauchsgegenstände - alles unter einem dach mit einer kleinen werkstatt im schuppen nebenan - das miet- und tauschverhältnis mit dem "gutsbauern" und gehöftbesitzer auf der anderen straßenseite, der noch so etwas wie den "zehnten" bekam vom korn, von der milch, von der fleischproduktion usw.) durch das hereinbrechen des "fortschritts", der "utopie", der "moderne" - (damals in gestalt von braunen uniformen, nationalsozialistischen erb- und blut- und bodenparolen und der verachtung alles unproduktiven und "kranken" als "unnütze esser") - ein für damalige verhältnisse ungeheurer werteschock in form der abrupten umwertung quasi in das paradoxe aller bisherigen "guten alten" alltäglichkeiten ... - und damit verbunden entfaltete sich eine subkutan alle lebensbereiche durchdringende wirkung: eine de-regulierung der bisherigen empfindungswelten und sichtweisen des menschen ... - 

 

und das war nach meinem dafürhalten auch die "erkrankung", das "grund"leiden meiner tante erna kronshage ... als ihr quasi von heute auf morgen der boden unter den füßen ihrer bisherigen "identität" weggezogen wird ... - kann sie nur noch verwirrt auf die nase fallen ...


und in diesen umwälzungsprozessen außen stand ja eben erna kronshage in ihrer körperlichen entwicklung auch innerlich: das reifen zur frau, die alltäglich zermürbende handarbeit "im gestern", das abgehängtwerden und die vereinsamung und vereinzelung gegenüber ihren altergenoss*innen und deren leben "im morgen" - auch in bezug zu den erlebnis-katalogen ihrer brüder draußen im feld an der ostfront - denn wie oft sagten früher heimgekehrte überlebende frontsoldaten hinterher: "aber wir haben wenigstens 'die welt' gesehen" ... 


und einer ihrer brüder war anscheinend vom frontdienst freigestellt, um mit seinen tüfteleien als möbeltischler an einer der berüchtigten "wunderwaffen" mitzuarbeiten - einer weiterentwicklung des legendären luft-lastenseglers zu angriffszwecken - so die legende - und so auch hier: utopie traf direkt auf historie - zukünftiges auf vergangenes - die moderne trifft  auf den antiken historismus ...

 

und es geschieht ja auch jetzt beim zuschauen und mitgehen in dem stück beides als eigentlich ambivalentes nebeneinander her: auf der einen seite wird das gefühl der "ferne", der 70-80 jahre zurückliegenden ereignisse aufgerufen als er-innerung  - und gleichzeitig wird eindrücklich die erschreckende aktualität und die eigentliche zeitlosigkeit und alltäglichkeit dieses horrors in die gegenwart projiziert ...

 

und ob es angebracht ist oder besser nicht: ein wenig scheint für mich ja in dem ansatz von alexa karolinski auch der kürzlich verstorbene claude lanzmann mit seinem berühmten "shoah"-film wieder durch: seine langsamen stummen minutenlangen kamerafahrten über das gras auf den massengräbern und seine insistierenden interviews mit den zeitzeugen von damals - und seine überlange oft unterbrochene produktionszeit ...

 

ich habe keine ahnung, ob ich das richtig verstanden habe: aber das alles sind für mich beispiele für das, was ich mit meinen empfindungen wohl unter den für mich erst einmal abstrakten begriffen von "anarchaeologie" und "anarchive" verstehen könnte ... - 

 

und wer also noch einmal selbst diesen gedankengängen folgen möchte: hier der link zum theaterstück und zu erläuterungen der szenenfolge, wie ich sie als zuschauer gedeutet habe.

 

ich habe übrigens einem gewissen wohl 13-köpfigen "inner-circle" von "einschlägigen" verwandten und bekannten diesen theaterstück-link schon vor wochen zukommen lassen - doch ich habe dazu nur eine einzige reaktion und rückmeldung erhalten ... - aber auch das muss wohl so als zeitgemäßes scham-verhalten oder ignorieren so hingenommen werden: augen zu - und durch ...

 

Video der Premiere-Vorstellung vom 02.06.2018 - click here
WESTFALEN-BLATT, Bielefeld, Dienstag 5. Juni 2018, S. 13 - PDF/XXL click here
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Probe: Carlotta Drescher (v.l.), Felicia Frey, Kim Tabert und Linnea Koch gehen die Szenen noch einmal durch. Bis zur Premiere liegt noch viel Arbeit vor den Jugendlichen. Foto: Sylvia Tetmeyer

- Zur Premiere eines Theaterstücks des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt in Bethel findet immer ein Vorab-Pressetermin statt. 
Hier nun die Berichte der beiden Bielefelder Tageszeitungen.  
In dem Stück werden ja auch Momente aus dem viel zu kurzen Leben von Erna Kronshage nachempfunden. Ich bin sehr gespannt auf die Premiere am 02.06.

 

Bewegendes Theaterstück


Jugendvolxtheater: Am Anfang stand Erna Kronshage, die 1944 in Polen ermordet wurde. Die Geschichte bildete den Hintergrund für die 12- bis 15-Jährigen

Gadderbaum (syl). Sie haben sich kein leichtes Thema ausgesucht, die acht Spieler und Spielerinnen des Jugendvolx?theaters. Das Schicksal der ermordeten Erna Kronshage nahmen die 12- bis 15-Jährigen zum Anlass, über das Anderssein, Intoleranz und Gleichschaltung nachzudenken. Herausgekommen ist eine szenische Collage, die berührt. Am 2. Juni ist Premiere des Stückes "Besonders anders - ich will Leben". 

 

"Wir haben Edward Wieand, den Neffen von Erna Kronshage, eingeladen", erzählt Lotti Kluczewitz, die gemeinsam mit Canip Gündogdu die Regie übernommen hat. Die Jugendlichen haben dabei viel über die NS-Verfolgte, die im Sennestadt aufgewachsen ist, erfahren. Außerdem haben sich auf diese Weise Welten aus vergangenen Zeiten eröffnet, die den Spielern vorher nicht bekannt waren. Die Schülerinnen und Schüler entdeckten auch Parallelen zwischen den Geschichten. Kennengelernt haben sich die jungen Frauen und Männer erst im vergangenen Jahr. 

 

"Ich habe schon immer Theater gemacht und wollte früher Schauspielerin werden", sagt Felicia (15). Am Anfang seien verschiedene Themen aufgeschrieben worden. Dann sei die Handlung Stück für Stück entstanden. "Wir haben über unsere Besonderheiten geredet", berichtet Kim Tabert. Bei der Spurensuche sei aufgefallen, dass es sehr schwer sei, "sein eigenes Ding zu machen". Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders. Wer anders sei und aus der Reihe tanze, laufe jedoch Gefahr gemobbt zu werden. "Wie viel soll man sich anpassen, ohne sich selber zu verlieren?" Diese Frage hat sich Felicia gestellt. "Wie vernichtend kann Intoleranz und Engstirnigkeit sein?" "Wohin kann Gleichschaltung und Ausgrenzung führen?" Das sind weitere Fragen, denen die Jugendlichen nachgegangen sind.

 

"Die meisten Szenen haben sich organisch entwickelt", sagt Kluczewitz. Es gebe wenig Bühnenbildteile. Außerdem seien während des gesamten Stückes immer alle acht Mitspieler auf der Bühne. "Jeder hat seinen Part. Wenn einer spricht, bleiben die anderen am Rand sitzen - oder mischen sich ein", erläutert die Regisseurin. Sie bezeichnet die Darbietung als "szenische Collage mit Bewegungschoreografie". Am Stück wirken mit: Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Freitag 18. Mai 2018

 

"Ich will Leben" heißt das neue Stück des Jugendvolxtheaters. Die Akteure befinden sich in den Endproben vor der Premiere am 2.Juni in der Theaterwerkstatt. Foto: Thomas F. Starke | WB

Spurensuche auch nach dem Ich

 

Jugendvolxtheater zeigt neues Stück »Ich will Leben«

 

Bielefeld (bp). Es ist die inzwischen neunte Produktion des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt Bethel: »Ich will Leben – besonders anders« hat am 2. Juni Premiere.

 

Ein Jahr lang wird ein Stück erarbeitet: Material gesammelt, Dialoge geschrieben, Choreografien erdacht. Unter der Regie von Lotti Kluczewitz und Canip Gündogdu entstand ein Stück, an dessen Anfang eine Spurensuche stand. Zunächst haben sich die acht Akteure mit der Geschichte von Erna Kronshage beschäftigt, 1922 in Senne II geboren, 1944 in Polen ermordet.

 

Die Szenen zeigen Parallelen zwischen den jungen Spielern von heute und der Lebensgeschichte von Erna Kronshage auf. Der Titel »Ich will Leben« habe für die Jugendlichen auch die Bedeutung von »Ich will dabei sein, dazu gehören, teilhaben, Freunde haben, so sein«, sagt Lotti Kluczewitz. Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders zu sein. Das Stück wolle zeigen, dass Menschen mehr sind als Bodymaße, Geschlecht, Fähigkeiten oder Träume. Ignoranz, Engstirnigkeit, Ausgrenzung – auch das wird zum Thema gemacht.

 

Im Jugendvolxtheater treffen junge Menschen mit und ohne Einschränkungen aufeinander: Sie besuchen unterschiedliche Schulen oder arbeiten bereits, wohnen in unterschiedlichen Stadtteilen. Die Theaterstücke seien stets geprägt durch die persönlichen Erfahrungen der Akteure. Es spielen mit Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

Aufführungen sind am 2. Juni um 19 Uhr, am 3. Juni um 15 Uhr und am 4. Juni um 19 Uhr in der Theaterwerkstatt an der Handwerkerstraße 5. Kartenreservierung unter Telefon 0521/144-30 40 oder online unter theaterwerkstatt@bethel.de

 

WESTFALEN-BLATT - Freitag 18.05.2018, S. 13

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Der Stolperstein für ERNA KRONSHAGE wurde kürzlich erneuert ...

Hier die Standort-Map des Stolpersteins in BI-Sennestadt mit der eingezeichneten Sichtline des Bildes unten ...

 

Bielefeld-Sennestadt -
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße -
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus -
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der Stein wurde erst kürzlich
wegen eines fehlerhaften Eintrags
neu gelegt!

Bericht über meinen Besuch in der Albatros-Schule in BI-Senne - in einer Abschlussklasse für junge Menschen mit besonderen Förderbedarfen ...

Bericht zu Erna Kronshage in der Albatros-Schule (Förderschule) in BI-Senne - CLICK ON THE PICTURE
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