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Wie verschwand Adolf Haas?

Im Jahr 1950 wurde der Kommandant von Bergen-Belsen für tot erklärt. Dabei wollen ihn mehrere Zeugen danach noch gesehen haben. Vor Gericht stand er nie - jetzt rollt ein Historiker den Fall neu auf.

Von Frank Bachner | Tagesspiegel

Der offene Jeep rollte langsam durch die Straßen, vorbei an den meterhohen Trümmern zusammengefallener Häuser, Spuren eines Luftangriffs kurz vor Kriegsende. Die Bomben, die amerikanische Boeing B 17 sechs Wochen zuvor, am 15. März 1945, ausgeklinkt hatten, trafen nicht nur V 2-Raketen der deutschen Wehrmacht, sie explodierten auch in dem nahe gelegenen Städtchen Hachenburg im Westerwald.

Ein britischer Soldat steuerte den Jeep, in seinem Rücken hockten vier ausgemergelte Gestalten in identischen gestreiften Klamotten, die sie kurz zuvor noch als KZ-Häftlinge hatten tragen müssen. Die vier hatten ein Transparent dabei, breit wie eine Tür und vollgeschrieben mit einer brutalen Botschaft: „Haas, Haas, wir suchen dich! Haas, Haas, wir finden dich! Haas, Haas, wir schneiden dich in Riemen.“ So schildert es der Historiker Jakob Saß in seinem Buch „Gewalt, Gier und Gnade“.

Sechs Wochen früher hätten sie Adolf Haas noch in Hachenburg, seiner Heimatstadt, angetroffen. Da erklärte er in SS-Uniform vor den rauchenden Trümmern, unter denen noch einige der 18 Opfer des Luftangriffs verschüttet lagen: „Das wird alles von uns nach dem Endsieg wiederaufgebaut.“

Doch jetzt war der 51-Jährige verschwunden, natürlich. Zwei Wochen nach seinem großspurigen Auftritt waren US-Truppen kampflos in die Stadt eingerückt. Der Sturmbannführer Haas, Kommandant der Konzentrationslager Niederhagen/Wewelsburg und Bergen-Belsen, verantwortlich für mindestens 3026 Tote, wusste, was ihn erwarten würde, wenn man ihn erwischte.

 

Vom Kleinbürger zum Kriegsverbrecher.
Der Holocaust wurde nicht nur von ein paar
verrückten Einzeltätern geplant, sondern
auch von Durchschnittsdeutschen wie
Adolf Haas, sagt der Historiker Jakob Saß.
Foto: Kreismuseum Wewelsburg

Doch Adolf Haas, Bäcker und Massenmörder, stand nie vor einem Gericht.

Warum? Das ist der mysteriöse Teil der Geschichte des Mannes mit den groben Gesichtszügen und dem Hitlerbärtchen. Der Fall Haas ist ein Rätsel mit vielen offenen Fragen. Wurde er in den letzten Kriegstagen doch noch getötet? Tauchte er mit falschen Papieren unter? Besuchte er, Jahre nach dem Krieg, heimlich seine Heimatstadt?

Offiziell starb Adolf Haas, geboren 1893 in Siegen, am 31. März 1945. So hat es das Amtsgericht Hachenburg 1950 festgelegt, auf Antrag seiner Ehefrau Lina. Doch an diesem Tag, das steht fest, war er noch am Leben.

Die Geschichte von Adolf Haas ist auch ein Beispiel für die vielen Naziverbrecher, die plötzlich vom Schirm der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Alliierten verschwanden. Sie verschwanden wegen Ermittlungspannen oder weil man sie bewusst nicht verfolgen wollte. Bei Adolf Haas traf wohl beides zu. Und er profitierte davon, dass er im Schatten der bekannten SS-Massenmörder stand: von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, Josef Mengele, dem Lagerarzt von Auschwitz, Heinrich Himmler, dem SS-Chef, oder Adolf Eichmann, dem Organisator der Judentransporte. Adolf Haas? Kein großer Begriff.

Aber einer der vielen Kleinbürger, die im Nazireich zu Mördern wurden. „Der Bäcker Adolf Haas war ein ganz normaler Mann, aber auch einer der normalen Täter, sowohl im Sinne seiner Sozialisation als auch seiner Karriere. Er war schlichtweg Durchschnitt, so sahen es auch seine Vorgesetzten“, sagt der Historiker Jakob Saß vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Er hat den Fall Haas in seinem Buch „Gewalt, Gier und Gnade“ bis ins Detail analysiert.

Saß ist ein schmaler Mann mit einem Seitenscheitel, der fast an seinem linken Ohr beginnt, gerade mal 29 Jahre alt, aber schon ein beeindruckender Experte. Er wühlte sich durch diverse Archive, studierte unzählige Dokumente, kontaktierte Zeitzeugen. Saß will stellvertretend mit der Biografie des SS-Sturmbannführers Adolf Haas eine Lücke schließen. „Die Geschichte über die weltweit bekannten Täter der NS-Zeit vermittelt das falsche Bild, dass der Holocaust von wenigen verrückten Einzeltätern geplant wurde“, sagt Saß. „Man bekommt den Eindruck, dass der Rest lediglich Mittäter waren mit wenig Handlungsbefugnissen.“

Im Fall von Adolf Haas warf Josef Kramer diesen enorm großen Schatten. Kramer war der letzte Kommandant von Bergen-Belsen, er übergab das Lager kampflos den Engländern. Die starrten entsetzt auf mehr als 13 000 Leichen und 60 000 abgemagerte Überlebende, die ihren Befreiern aus tiefen Augenhöhlen entgegenblickten. „Kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes hinreichend wiedergeben“, meldete der britische Militärarzt Glyn Hughes. KZ-Kommandant Kramer erhielt in den Medien die Bezeichnung „Das Monster von Belsen“. Doch niemand, sagt Saß, habe darüber nachgedacht, „dass jemand für Kramer die Voraussetzungen geschaffen hatte“.

Dieser Jemand war Adolf Haas.

Haas war einer jener früheren Soldaten, die 1919 nach Krieg und Gefangenschaft orientierungslos ins soziale Elend des besiegten Deutschlands strömten und jeden Job annahmen, den sie bekommen konnten. Erst 1929 konnte Haas, der gelernte Konditor, zumindest wieder als Bäcker arbeiten. Jahrelang sympathisierte er mit dem Kommunismus, 1930 aber wollte Adolf Haas endlich zu den Siegern gehören. Hitlers Partei feierte erstmals einen großen Wahlerfolg, Adolf Haas begeisterte sich von nun an für die NSDAP.

Der Bäcker trat in die Allgemeine SS ein, verprügelte 1933 bei einer Razzia Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands, überwachte 1934 beim reichsweiten „Aprilboykott“, dass an diesem Tag in Hachenburg niemand in jüdischen Geschäften einkaufte, und zertrümmerte in der Reichspogromnacht die Inneneinrichtungen mehrerer Synagogen.

Haas, grobschlächtig, mäßig intelligent, unsportlich, von Vorgesetzten wegen mangelnder Ausdrucksfähigkeiten verspottet, war fast schon eine Karikatur jener Elite, als die sich die SS sah. Trotzdem kommandierte ihn das SS-Personalamt 1940 zur Ausbildung zum Zweiten Schutzhaftlager-Führer ins KZ Sachsenhausen. Es herrschte schlicht Personalmangel. Wenige Monate später übernahm Haas das Kommando im KZ Niederhagen/Wewelsburg.

SS-Führer Heinrich Himmler ließ das Renaissanceschloss Wewelsburg bei Paderborn zum zentralen Versammlungsort der SS-Spitze ausbauen. Die extrem anstrengende Arbeit erledigten KZ-Häftlinge. Ihre Baracken lagen 800 Meter vom Schloss entfernt.

Das Prügeln und Töten überließ Haas seinen SS-Leuten oder den Kapos. Und die wüteten, von Haas toleriert und angefeuert, grausam. SS-Männer spritzten im Winter so lange kaltes Wasser auf die Brustkörbe von Häftlingen, bis die tot zusammenbrachen. Hunger, Kälte, Krankheiten, Gewalt, das waren die Konstanten im KZ Niederhagen/Wewelsburg. Der Kommandant Haas war hier für mindestens 1281 Tote verantwortlich. Talentierte Häftlinge, die für ihn Ölgemälde, Kommoden oder ein kunstvoll verziertes Kästchen herstellten, ließ er am Leben.

1943 übernahm Haas das Kommando des neu aufgebauten Konzentrationslagers Bergen-Belsen bei Lüneburg. Auch dort erlebten Häftlinge den Alltag als Hölle auf Erden. Ein Lagerschreiber notierte 177 bis 188 Tote im Monat. Ein Häftling beobachtete, „wie Kapos jede Nacht Häftlinge mit Brettern aus den Pritschen erschlugen“. Gleichzeitig stand Haas Modell für Ölporträts, die ein jüdischer Häftling malen musste.

Im Dezember 1944 wurde Haas abgelöst, warum, ist nicht ganz klar. Er sollte mit einer SS-Panzergrenadier-Division die sogenannte Festung Breslau verteidigen. Doch dort war er nie. Stattdessen verkündete er in Hachenburg Durchhalteparolen und tauchte am 14. April 1945 im KZ Neuengamme auf, abkommandiert als Beisitzer in einem Prozess gegen drei SS-Männer wegen „Wehrkraftzersetzung“. Das Gericht sprach Todesurteile.

Es ist das letzte nachgewiesene Auftauchen von Adolf Haas.

Ein überlebender Häftling aus Bergen-Belsen hatte zwei Tage nach der Befreiung des Lagers durch die Briten seine Erfahrungen detailliert aufgeschrieben. Natürlich kam auch der Name Haas vor, deshalb fuhr der Jeep mit den Häftlingen durch Hachenburg. Auf einer Fahndungsliste von Nazi-Kriegsverbrechern stand Haas als Nummer 139 791, allerdings mit dürftigen Angaben. Die US-Army hatte das KZ Niederhagen/Wewelsburg befreit, Haas wurde nun wegen der Folter von Häftlingen in diesem KZ gesucht. Aber nicht wegen Mordes. Warum, ist unklar.

Auch ein deutscher Oberstaatsanwalt in Koblenz suchte bald nach Kriegsende nach Adolf Haas. Allerdings nur wegen der Zerstörung einer Synagoge, nicht wegen Mordes. Am 20. Juni 1948 tippte ein Wachtmeister in Hachenburg in seinen Ermittlungsbericht: „Haas soll seit 1945 Hachenburg verlassen haben. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt.“ Erst 1949 erließ der Koblenzer Oberstaatsanwalt einen Haftbefehl wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“. Nur zwei Monate später stellte er die Ermittlungen wieder ein, vorläufig. Haas war nicht aufzufinden.

Im Januar 1950 beantragte Lina Haas beim Amtsgericht Hachenburg, ihren Mann für tot zu erklären, sie habe ihn letztmals im März 1945 lebend gesehen. Der Name Adolf Haas kam auf eine Verschollenenliste. Jeder, der etwas über ihn wusste, sollte sich bis 1. August 1950 melden. Niemand meldete sich.

Die erste große Panne bei der Suche nach Haas.

Hamburger Staatsanwälte und Polizisten wussten ganz genau, dass Haas noch im April 1945 lebte. Sie ermittelten wegen des Todesurteils im KZ Neuengamme, an dem der SS-Sturmbannführer beteiligt war. Doch von dem Aufruf des Amtsgerichts erfuhren sie nichts. Beim „Zentral-Justizamt bei der britischen Zone“, das die Verschollenenliste herausgab, hatte es ein Informationsdefizit gegeben.

Deshalb erklärte das Amtsgericht Hachenburg im August 1950 den Massenmörder Adolf Haas für tot. Offizieller Zeitpunkt des Versterbens: 31. März 1945. Erst 16 Jahre später erfuhren die Hamburger Staatsanwälte von diesem Datum. Ein Fehler, teilten sie den Verantwortlichen sofort mit. Es nützte nichts. Aus juristischen Gründen war eine Änderung der Eintragung nicht möglich. Adolf Haas ist bis zum heutigen Tag offiziell tot.

Einen Toten aber muss man nicht suchen. Deshalb sahen auch mehrere Staatsanwaltschaften und Ermittler keinen Grund mehr, nach Haas zu fahnden. Eine bequeme Lösung, sie passte ins damalige gesellschaftliche Bild. Der kalte Krieg begann, das Jagdfieber in der Justiz konzentrierte sich nun auf Kommunisten und andere „Verfassungsfeinde“. Die Bedeutung von NS-Verbrechen verblasste, wenig verwunderlich bei der personellen Situation von Ermittlern und Staatsanwälten. Noch 1958 waren 33 von 47 leitenden Beamten des Bundeskriminalamts ehemalige SS-Angehörige. 1949 hatte die Zahl der jährlichen Verfahren gegen NS-Verbrechen bei 3000 gelegen. 1954 schrumpfte die Zahl auf 162.

Lebte Haas da auch noch?

Jens Mayer ist heute 79 Jahre alt, seinen richtigen Namen will er nicht nennen, aber am Telefon erzählt er von seinen damaligen Erlebnissen, als hätten sie erst gestern stattgefunden. Als ein naher Verwandter seiner Familie 1953 atemlos und aufgewühlt in der Wohnung seiner Mutter in Hachenburg auftauchte, war Mayer 13. Der Jugendliche starrte ebenso verblüfft wie seine Mutter zu dem aufgeregten Gast, dann lauschte er folgendem Dialog:

„Was glaubst du, wen ich gerade im Bus gesehen habe? Den Adolf Haas.“

„Bist du dir sicher?“

„Also hör mal, ich kenne doch den Adolf Haas.“

„Habt ihr miteinander gesprochen?“

„Nein, der wollte nicht erkannt werden.“

So erzählt es Mayer heute. Aber war sich der Verwandte wirklich sicher? Ja, sagt Mayer 66 Jahre später, „sie waren beide bei der SS, sie haben sich gut gekannt“. Der Verwandte lebte in einem Dorf in der Nähe von Hachenburg, „dort war der Haas eine Größe“.

Eine verhasste Größe. Es gab genügend Menschen, die nicht vergessen hatten, wie er Kommunisten verprügelt und Juden drangsaliert hatte. Wenn er wirklich in Hachenburg gewesen wäre, hätte er viele Gründe gehabt, nur anonym aufzutreten. Lina Haas behauptete bis zu ihrem Tod, sie habe ihren Mann seit März 1945 nie mehr gesehen.

Möglich ist es, aber im November 2019 traf der Historiker Saß bei einer Lesung in Hachenburg einen Mann. Seine Mutter, erzählte er Saß, habe wiederholt erklärt, sie habe Haas mehrfach nach dem Krieg in Hachenburg gesehen.

 

 

„Was glaubst du, wen ich gerade im Bus gesehen habe? Den Adolf Haas.“„Bist du dir sicher?“„Also hör mal, ich kenne doch den Adolf Haas.“„Habt ihr miteinander gesprochen?“„Nein, der wollte nicht erkannt werden.“


Andererseits gibt es Volker Schmidt, geboren 1947. Schmidt hatte einen Großteil seiner Kindheit im Hause Haas verbracht, wo Lina und ihre Schwester Emmy zusammenwohnten. Schmidts Vater war eng mit Emmy Haas befreundet. „Emmy“, sagt Schmidt am Telefon, „hat mir mal erzählt, dass Adolf Haas von befreiten Häftlingen erschlagen worden sei. Ein ehemaliger Kamerad von Haas habe es aus seinem Versteck beobachtet und ihr so berichtet.“ Eine gezielt gestreute Lüge, um den lebenden Haas zu schützen? Aber Schmidt war damals fast noch ein Kind, instrumentalisiert man einen Zehnjährigen bei so einem Thema? „Ich hatte nie den Eindruck, dass Emmy bewusst gelogen hatte“, sagt Schmidt.

1956 dann übernahm der legendäre Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit seinen Mitarbeitern die Fahndung nach dem KZ-Kommandanten Haas. Das offizielle Todesdatum ignorierte der Jurist, der durch seine Hartnäckigkeit die Auschwitzprozesse ermöglicht hatte. Teil der intensiven Ermittlungen war die Kontrolle von Lina Haas Post. Auch sie selbst wurde überwacht. Doch von Adolf Haas, gesucht wegen Mordes, keine Spur.

Nur zwei Monate später stellte der Frankfurter Staatsanwalt, der Lina Haas hatte überwachen lassen, die Ermittlungen abrupt ein. Seine Begründung: Haas sei tot.

Ebenso abrupt nahm Monate später ein anderer Frankfurter Staatsanwalt die Suche nach Adolf Haas wieder auf. Diesmal wurden die Töchter von Adolf Haas überwacht, allerdings so dilettantisch, dass nichts dabei herauskam. Als 1962 auch noch die Staatsanwaltschaft Köln Ermittlungen gegen Haas aufnahm, hofften die Juristen, dass Historiker wichtige Erkenntnisse liefern würden. Vergeblich, die deutschen Geschichtsforscher interessierten sich zu dieser Zeit kaum für NS-Täter. Zudem gingen auch hier Kriminalbeamte so amateurhaft vor, dass nichts Verwertbares herauskam.

Adolf Haas blieb verschwunden.

aus: DER TAGESSPIEGEL v. 19.01.2020 - SONNTAG - S. S5

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..."wie oft hat man sie schon totgesagt - doch
hier im innern des landes da leben sie noch"...

diese zeilen sang "väterchen franz", der liedermacher franz-josef degenhardt, ende der 60er jahre, als man adolf haas vielleicht noch hätte habhaft werden können.

ich schrieb ja neulich schon in einem beitrag hier "zu spät - zu spät" , weil jetzt 80 jahre danach auch plötzlich wohl die "kleinen" und tatsächlich auch die "frauen", wie hier z.b. die sekretärin von eichmann in den fokus von forschungen rückt, die man in der nachkriegszeit zwar verhört hat, aber immer nur halbherzig und "am rande".

und mit dieser "unlust" wurde allgemein in den 50-/60-/70er jahren die "deutsche vergangenheit" in ns-deutschland nur sehr bedingt und marginal "aufgeklärt".

man drückte sich - wohl auch "politisch" - diesen komplex tatsächlich anzugehen - und gab sich eigentlich mit den anklagen der alliierten bei den kriegstribunalen in nürnberg und anderswo  zufrieden: auch nach der devise: "eine krähe hackt der anderen ..."

die allerschlimmsten nazitäter waren abgeurteilt worden - und nun ging es ans endgültige vergessen und abspalten, denn die "kleinen" und "kleineren" lebten ja zum teil noch mitten unter uns und genossen ihren lebensabend mit voller rente, oder waren wieder zu rang und (neuen) namen gekommen, waren in die "richtigen" parteien eingetreten oder z.b. aber in den örtlichen schützen- oder karnevalsverein, bauten sich ihr klein-häuschen und hätschelten ihre familien oder zogen ihre kinder mit "starker hand" groß - je nachdem ...

in diesen jahren hat man die historische chance vertan, als nachkriegs-gesellschaft auch innerhalb der familien und ortschaften und regionen mal "reinen tisch" zu machen, stattdessen schwieg man sich aus, ließ die akribisch geführten akten in den archiven, soweit noch vorhanden, einfach vergammeln und z.t. verschimmeln, wie z.b. die rund 30.000 krankenakten von in der ersten, sogenannten "t4"-phase ermordeten opfer des systematischen medizinischen massenmordes (ns-euthanasie), die 1990 im ehemaligen “ns-archiv” in einem unfrequentierten nebenraum des ministeriums für staatssicherheit der ddr gefunden wurden, wo sie wohl für anstehende denunziations- und erpressungszwecke abgelegt wurden.

und auch diese akten wurden dann nach ihrem auffinden 1990 nicht etwa unverzüglich der öffentlichkeit zu nachforschungen vielleicht auch noch zu den jeweils verantwortlichen und tätern zugänglich gemacht. nein - ausgerechnet eine israelische organisation iaapa stellte 2003 zunächst die klarnamen zu diesen 30.000 opfern nach rechtsprechung der bundesrepublik "illegal" ins internet, denn man monierte in falscher deutscher gründlichkeit datenschutz- und archivrechte. und erst seit august 2018 (also 28 jahre nach dem auffinden) kann man diese namen "offiziell" auch beim bundesarchiv online recherchieren, nachdem wohl auch noch die letzten damit im zusammenhang stehenden mitwisser und helfershelfer, also z.b. ärzte, nsv-schwestern, deportationsverantwortliche, verwaltungsbeamte usw. endlich verstorben sind.

nur eben ein paar damals 16-/17-jährige wachsoldaten von lagern und kz's wird ja jetzt noch zum guten schluss als greise, weit in die 90er lebensjahre, der prozess gemacht: vor allen dingen aus "moralischen gründen" und staatsräson einiger junger staatsanwälte, die die untätigkeit ihrer altvorderen kollegen in den staatsanwaltschaften nun mit solcher völlig unsinnigen pseudo-aktivität überdecken wollen oder sollen ...

der oben geschilderte fall des adolf haas reiht sich also nur ein in eine unübersehbare vielzahl von verdrehungen und schonzeiten und vergessen und desinteresse an diesem gesamten komplex, wie er sich nach kurzem aufflackern ab ende der 80er jahre nun wieder zurück bewegt ins abspalten und verschweigen...

durch ein paar  recherchierende investigativ-journalisten und junge historiker, die oft aus den generationen der "68-er" hervorgingen, und die dieses eiserne (ver)schweigen auch zuhause im elternhaus und in den seminaren und archiven versucht haben zu durchbrechen, fing damals die forschung und recherche an mit den ersten veröffentlichungen - aber nun: die obligatorischen "gedenkstätten" und "-ecken" sind erbaut und eingerichtet - die täter sind gestorben - und nun lehnt man sich wieder selbstzufrieden zurück - un chutt is...

aber niemand recherchiert mehr, wie es in der eigenen familie war, was (ur- ur-)opa und -oma von 1925-1945 gemacht haben, wo sie eingebunden waren.

es geht ja gar nicht mehr um eine justiziable aufarbeitung der zeit, sondern um eine gesellschaftspädagogisch-/psychologische aufarbeitung, des "volkes"...

mit den ns-krankenmorden umfasst der holocaust, die massenvernichtung insgesamt, ca. 6,5 bis 7 millionen opfer - und in dieser kleinteilig industriell organisierten tötungsmaschinerie rechnet man pro opfer ca. 30 mitwisser und täter: trotz aller überschneidungen in diesem schrecklichen tun bleiben da für die "dritte und vierte generation" noch genug spannende aufarbeitungsthemen in den familien, den schulen, den universitäten, für nachbarschafts-und vereinschroniken, den historischen seminaren und lokalredaktionen und den filmemachern.

und auch wenn herr gauland von der afd meint, das ganze sei lediglich ein "vogelschiss" in der geschichte gewesen: auch nach dem wegsterben der beteiligten tätergenerationen bleibt noch immer genug an wichtiger aufbereitung, damit abgespaltene und verdrängte und transgenerational weitergegebene fakten von damals uns nicht eines tages auch in unserer gesundheit und mentalität irgendwie und irgendwo einholen, die dann etwa in einer analyse auf der couch mühsam und heilend aufgedeckt und aufgearbeitet werden müssen ... es bleibt noch viel zu tun, packen wir's an ...

 

 


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