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Dr. Hans Asperger & der "Spiegelgrund"

 
hier eine kleine dokumentation in wort und bild zum "fall" hans asperger, der namenspatron für eine bestimmte form des "autismus" - und - mit dem "fall" verbunden - gleichzeitig auch eine schilderung der kinder-"euthanasie"-tötungsanstalt "am spiegelgrund" in wien ... 
 
asperger war in seiner hauptwirkungszeit in wien als kinderpsychiater wohl doch näher mit der kinder-nazi-"euthanasie"-tötung verstrickt, als man das im allgemeinen bisher kolportierte.
 
und dabei hatte asperger viel getan, um seinen "ruf" nicht zu gefährden - wie viele seiner kollegen ebenfalls, denn nach dem krieg ging die "karriere" ja weiter - und da hieß es, sich mit guter "selbstvermarktung" über wasser zu halten und sich einen namen zu machen...
 
überhaupt schien/scheint es viele ärzte zu geben, die nach dem motto: "wes brot ich ess, des lied ich sing" agieren - damals im eugenischen sinne der "auslese" nach der ns-erblehre - und heute ja oft auch noch nach den bonus-zahlungen der pharma-industrie und den daraus resultierenden norm-festlegungen von höchst- und mindestgrenzen bei einigen laboruntersuchungen - nach natürlich ganz "unabhängigen" - fünffach nachverifizierten massenerhebungen - weltweit und mit einem querschnitt aller alters- und geschlechtsgruppen... - ob das immer auf exakte und vor allem neutrale oder allparteiliche "wissenschaft" fußt, sei mal dahingestellt ...
 
von daher sind die erst in diesem jahr abgeschlossenen studien über aspergers ns-verstrickungen im april veröffentlicht worden - und haben ein geteiltes echo in der fachwelt hervorgerufen - besonders aber auch bei den patienten, deren krankheitsbild mit seinem namen verbunden sind ... S! 
 
 
Hans Asperger um 1940. Der Kinderarzt prägte die Heilpädagogik in Österreich über Jahrzehnte, seine Rolle im Nationalsozialismus blieb lange unterbelichtet. (der Standard.de)

Autismus

Dr. Hans Asperger soll an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sein


Hans Asperger galt als Nazigegner, doch nun sind Akten aus der NS-Zeit aufgetaucht. Demnach schickte der Namensgeber einer Autismus-Form behinderte Kinder in den Tod.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, rav


Der österreichische Mediziner Hans Asperger war laut einer Studie an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt. So soll er behinderte Kinder in eine Tötungsanstalt überwiesen haben. Zu diesem Ergebnis kommt der Historiker Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien nach der Auswertung von bisher unbekanntem Archivmaterial. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Fachjournal Molecular Autism veröffentlicht (Czech, 2018).

Hans Asperger hatte seit den 1930er Jahren als Kinderarzt in Wien gearbeitet, auch nachdem 1938 Österreich an Nazi-Deutschland angeschlossen wurde. Nach ihm ist eine bestimmte Form des Autismus, das Asperger-Syndrom, benannt (siehe Kasten). Er starb im Jahr 1980.

Bisher waren Historiker davon ausgegangen, dass Asperger in Gegnerschaft zu den NS-Herrschern stand. Doch das ist möglicherweise eine Legende, die in erster Linie von Asperger selbst gestammt haben könnte. Zu diesem Schluss kommt zumindest der Historiker Czech. "Es geht darum, dass jemand, der in den letzten Jahren fast als Widerstandskämpfer gefeiert wurde, einer Prüfung anhand der Quellen nicht standhält", sagte Czech.

Inszenierte sich Asperger als Nazigegner?

In seiner Studie kam der Wissenschaftler zu dem Schluss, dass der Mediziner Asperger vielmehr am NS-Programm zur systematischen Ermordung von Behinderten und kranken beteiligt gewesen sei. Die Nazis sprachen beschönigend von "Euthanasie", also dem Gnadentod.

Czech kommt zu dem Ergebnis, dass Asperger zwei schwer behinderte Kinder direkt an die Wiener Tötungsanstalt Am Spiegelgrund überwiesen hat. In dieser Klinik wurden etwa 800 Mädchen und Jungen ermordet. Zudem saß der Kinderarzt in einer Kommission, in der selektiert wurde, ob Kinder in Sonderschulen oder zum "Spiegelgrund" gebracht wurden.

Asperger habe nach Einschätzung Czechs zwar keine große Rolle in dem eigentlichen Euthanasieprogramm der Nazis gespielt. Aber er sei ein Opportunist gewesen. "Es ist eine kollektive und geteilte Verantwortung, wie so oft bei NS-Verbrechen."

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Diagnose Asperger Infobox
NAMENSGEBER HANS ASPERGER 
Das Asperger-Syndrom ist eine milde Form des Autismus. Die Ursache ist eine Hirnentwicklungsstörung, die Defizite bei emotionalen und sozialen Fähigkeiten hervorruft. Manche Betroffene sind hochintelligent oder verfügen über Inselbegabungen wie außergewöhnliche Gedächtnisleistung oder Rechenfertigkeit.
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Hans Asperger

Ein guter Nazi?

Mitten in der NS-Zeit erforschte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger den Autismus. Heute wird darüber diskutiert, ob er für den Tod vieler seiner Patienten mitverantwortlich war.

Von Niko Wahl | ZEIT Österreich Nr. 17/2018
 

Der Kinderarzt Hans Asperger in den dreißiger Jahren in der Wiener Kinderklinik © DZ



Sie nennen sich mitunter liebevoll "Aspies". Sie leiden an einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, dem sogenannten Asperger-Syndrom. Bei dieser Variante des Autismus sind vor allem soziale Interaktion und Kommunikation eingeschränkt. Gleichzeitig treten bei den Patienten häufig Hoch- oder Inselbegabungen auf. Vielfach wird ihnen ein Mangel an Empathie attestiert.

Doch in den Foren, in denen sich Betroffene austauschen, wird seit Kurzem auch leidenschaftlich diskutiert. "Ich will das Asperger-Syndrom nicht aufgeben!", bekannte unlängst eine Amerikanerin im Internet. Sie antwortet damit auf die immer intensiver werdende Diskussion über die NS-Vergangenheit des namensgebenden Wiener Arztes Hans Asperger.

Einige Beiträge in den Asperger-Foren verteufeln den Kinderarzt, andere sehen ihn als Person mit Stärken und Schwächen in einer schwierigen historischen Situation. Und wieder andere, vor allem jene, die sich inzwischen mit dem Begriff Asperger-Syndrom wohlfühlen, beschuldigen jene Medizinhistoriker, die sich mit der Biografie des Kinderarztes beschäftigen, für eine späte Schmutzkübelkampagne verantwortlich zu sein.

Einer der derart Kritisierten ist Herwig Czech, Historiker an der Wiener Medizinischen Universität, dessen langjährige Beschäftigung mit den Medizinverbrechen der Nationalsozialisten ihn zu Hans Asperger führte. Seine Forschung bringt neue Fakten und neuen Diskussionsbedarf – auch für die Community.

Der Kinderarzt sollte im NS-Regime für "erbgesunden" Nachwuchs sorgen

Hans Asperger wurde 1906 in eine kleinbürgerliche Wiener Familie geboren und wurde im katholischen Bund Neuland sozialisiert. Ab 1935 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik. 1938 verwendete er erstmals die Bezeichnung "autistische Psychopathen" für bestimmte seiner kindlichen Patienten, 1944 folgte in seiner Habilitationsschrift eine umfassende Beschreibung jenes Syndroms, das später seinen Namen als weltweit verwendetes Eponym berühmt machen sollte.

Aspergers Karriere an Universitäts-Kinderklinik profitierte in der NS-Zeit stark von der Diskriminierung jüdischer Kollegen, die bereits lang vor der NS-Zeit begann. Die Klinik unterstand seit 1930 Aspergers Mentor Franz Hamburger, einem Vertreter des deutschnationalen Lagers, der sich früh zum Nationalsozialismus bekannte. Mit Ausnahme Aspergers waren alle habilitierten Assistenten Hamburgers nach 1938 Mitglieder der NSDAP oder SS. Die Kinderheilkunde spielte auch ideologisch eine wichtige Rolle: Ihr fiel die Pflege eines "erbgesunden" und "rassisch einwandfreien" Nachwuchses zu. Die als "minderwertig" betrachteten Kinder hingegen sollten ausgesondert oder gar ermordet werden. In seinem Lehrbuch für Kinderheilkunde sprach sich Hamburger 1940 sehr eindeutig gegen das Lebensrecht behinderter Kinder aus.

Den ersten Gipfel seiner Karriere erlebte Asperger also im Wien der Nazi-Zeit, in einem stark ideologisierten Umfeld. Zu einem Zeitpunkt, als zunehmend gewaltsame medizinische Maßnahmen beschlossen und Medizinverbrechen begangen wurden – Zwangssterilisationen sowie die gezielte Ermordung von Menschen, die als "minderwertig" diffamiert wurden, unter anderem in der Wiener Anstalt Am Spiegelgrund.

Lange Jahre verlief die Diskussion über Aspergers Verbindungen zu den in seinem unmittelbaren Umfeld stattfindenden Medizinverbrechen ergebnislos. Während sein Name in der deutschsprachigen Forschung nicht zuletzt durch die Arbeit von Czech mehr und mehr im Zusammenhang mit Medizinverbrechen genannt wird, galt er unter englischsprachigen Forschern vorwiegend als Nazi-Gegner. Mit der Zeit war aus Asperger, dem potenziellen Nationalsozialisten, Asperger, der potenzielle Widerständler, geworden.

Er überwies eine Reihe von Patienten an die Tötungsanstalt

Plausibler klingt nach den von Herwig Czech publizierten Quellen, dass Asperger sich rasch dem neuen Regime anpasste und im Rahmen des exterminatorischen Medizinbetriebes der Nazis funktionierte. Sein heilpädagogischer Ansatz führte zu intensiver Arbeit mit Kindern, von denen er erwartete, dass sie bei richtiger Behandlung ihr Entwicklungspotenzial ausschöpfen würden. Für diese Kinder machte er sich gelegentlich auch stark. In seiner berühmten Publikation von 1944 über Die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter schreibt er, dass auch Menschen mit einer derartigen Kondition "ihren Platz in dem Organismus der sozialen Gemeinschaft haben [...] Gerade bei solchen Charakteren zeigt sich, wie entwicklungs- und anpassungsfähig auch abartige Persönlichkeiten sein können." Damit war er ganz in die eugenische Ideologie der Nationalsozialisten eingebettet, für die Bildungsfähigkeit beziehungsweise -unfähigkeit das Schlüsselkriterium für die "Kinder-Euthanasie" war.

Im März 1942 diagnostizierte Asperger bei der fünfjährigen Elisabeth Schreiber "erethische Imbezillität, wahrscheinlich auf postencephalitischer Grundlage", und ließ sie in die berüchtigte Anstalt Am Spiegelgrund überstellen. Der dortige Leiter, Erwin Jekelius, war ein ehemaliger Kollege von Asperger an der Kinderklinik. Am Spiegelgrund wurden in den Jahren 1940 bis 1945 fast 800 kranke, behinderte und als nicht bildungsfähig eingestufte Kinder ermordet. Eine Krankenschwester der Anstalt beschrieb die kleine Patientin nach ihrer Ankunft noch sehr positiv: "Sie hat ein freundliches Wesen, ist a. d. Pflegepersonen sehr anhänglich und schmeichelhaft". Sechs Monate später starb sie wie so viele andere Kinder der Anstalt an einer wohl künstlich herbeigeführten Lungenentzündung.

Die dortigen Verbrechen waren weit über die Anstaltsmauern hinaus bekannt. Mediziner der Kinderklinik überwiesen junge Patienten an das Spital, um nach deren erwartetem baldigen Ableben pathologische Untersuchungen durchführen zu lassen. Der Transport von Tausenden Patienten in die Vernichtungsanstalt Hartheim bei Linz führte sogar zu öffentlichen Protesten von Angehörigen vor der Anstalt. 1941 warf die Royal Air Force Flugblätter über Wien ab, in denen diese Verbrechen thematisiert wurden. Es ist also anzunehmen, dass Asperger genaue Kenntnis davon hatte, welche Folgen die kleine Elisabeth Schreiber zu erwarten hatte, nachdem er sie zur "dauerhaften Unterbringung" überwiesen hatte.

Elisabeth Schreiber ist nicht der einzige derartige Fall. Asperger überwies eine Reihe von Patienten an die Tötungsanstalt. Entgegen der immer wieder vorgebrachten Vermutung, Asperger habe seine Patienten schützen wollen, finden sich in den von Czech untersuchten Akten zahlreiche Dokumente, die klar negative Beurteilungen des Arztes enthielten und die Patienten somit unmittelbar gefährdeten. Einige seiner Einschätzungen wurden sogar in späteren Untersuchungen von den klar als Nationalsozialisten positionierten Ärzten Am Spiegelgrund revidiert. Czech dokumentiert auch, dass sich Aspergers Patientenbeschreibungen nahtlos mit der antisemitischen NS-Doktrin vermengten. Über die elfjährige Marie Klein notiert er Ende 1939, dass ihre Art zu sprechen "nicht zu ihrem recht jüdisch wirkenden Wesen" passe. Im Akt steht weiters, sie sei "normal entwickelt, leicht untergewichtig aber von jüdischer Erscheinung". In diesem Fall geht Asperger nicht darauf ein, dass die Probleme des Mädchens als unmittelbare Folge ihrer Delogierung im Zug der antisemitischen Maßnahmen des Regimes auftraten. Maries Berichte über die Misshandlungen, die sie hatte erdulden müssen, wurden ihr von dem Kinderarzt Asperger als Unehrlichkeit ausgelegt. Marie Klein wurde in die Nähe von Sobibor deportiert und wahrscheinlich im Sommer 1942 ermordet.

Während Asperger mit dem weiteren Schicksal von Marie Klein nicht in direkter Verbindung steht, so ist dies im Fall von über 200 Patienten der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien anders. Sie wurden 1942 im Hinblick auf ihre "Bildungsfähigkeit" untersucht und viele von ihnen infolge der negativen Beurteilung durch eine Kommission, der auch Asperger angehörte, in der Klinik Am Spiegelgrund ermordet.

Asperger wird aber immer wieder auch als Arzt beschrieben, der sich intensiv um seine Patienten kümmerte. In einem Fall soll Asperger einen Patienten durch eine günstige Beurteilung vor einer Zwangskastration gerettet haben. Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die als Kind in der Nachkriegszeit seine Patientin war, erinnert sich daran, dass er immer anwesend war und den Kindern vorlas.

Die Angst des jüdischen Buben wird als "schwer psychopathisch" diagnostiziert
Im Großen und Ganzen ergibt sich aus den von Czech erschlossenen Quellen jedoch das Bild eines Arztes, der sich, soweit es seiner Karriere diente, dem NS-Regime nicht verweigerte. Empathie für jene Patienten, in denen er kein Entwicklungspotenzial sah, lässt sich jedenfalls aus den Akten nicht erkennen.

Am 14. März 1938, einen Tag nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, wurde Walter Bruckner, 13-jähriger jüdischer Bub, in die Heilpädagogische Abteilung Aspergers an der Universitäts-Kinderklinik eingeliefert. Am 15. März, während die Patienten der Station über Hitlers Rede jubelten, wurde beobachtet, dass Walter ängstlich und aufgeregt war, sein Gesicht in seinen Händen vergrub und blass wurde, als ein Kind in frenetischen Jubel ausbrach. Asperger diagnostizierte daraufhin ein "schwer psychopathisches Bild, dessen wesentliches Symptom eine besondere Empfindlichkeit und paranoide Reizbarkeit ist". Die bedrohlichen Umstände und Erlebnisse des nun offen antisemitischen Wien wurden in der Diagnose nicht berücksichtigt und die verständliche Angst des Buben pathologisiert. Walter Brucker starb am 26. Februar 1945 in Schlesien als Zwangsarbeiter beim Projekt Riese, in dessen Rahmen ein unterirdisches Führerhauptquartier errichtet werden sollte.
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▇ Die Studie von Herwig Czech erschien unter dem Titel "Hans Asperger, National Socialism, and 'Race Hygiene' in Nazi-era Vienna" in der Fachzeitschrift "Molecular Autism"

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Die Fürsorgeanstalt »Am Spiegelgrund« hat die Aufgabe, alle psychisch auffallenden Kinder und Jugendlichen vom Säuglingsalter bis zur Erreichung der Volljährigkeit nach genauester Beobachtung und Prüfung ihrer psychischen und physischen Kenntnisse und Fähigkeiten nach erfolgter Begutachtung in die für sie entsprechende Anstalt bzw. Pflegestelle einzuweisen. Außerdem sollen die hiebei gewonnenen Erfahrungen für spätere wissenschaftliche Arbeiten gesammelt werden. Gegenwärtig führen wir 15 Gruppen mit je 30 Zöglingen und zwei Doppelgruppen mit je 60 Zöglingen. Dazu kommt noch eine eigene Säuglings- und Kleinkinderabteilung mit einem durchschnittlichen Belag von 50 Betten und zwei Gruppen mit je 30 psychopathischen Schulkindern. […] Schon bei der Überstellung in unsere Anstalt […] werden von der zuweisenden Stelle, sei es wie bisher das Jugendamt oder ein Gesundheitsamt, eingehende Darlegungen des Überstellungsgrundes und eine genaue Familiengeschichte des Kindes verlangt, wobei besonderer Wert auf die Angaben aller erblichen Belastungen und Umweltschädigungen gelegt wird. Weiter wird auch, soweit es möglich ist, ein genauer Schulbericht eingeholt, um auch in dieser Hinsicht allfällige Erziehungsmängel oder sonstige Auffälligkeiten des Kindes genau erfassen zu können. […] Gleich bei der Überstellung ist es Aufgabe des Anstaltsarztes, den status somaticus zu erstellen, Mängel in gesundheitlicher Hinsicht der entsprechenden Behandlung zuzuführen; falls eine solche schon stattgefunden hat, eine genaue Krankengeschichte einzuholen. Die Untersuchung erfolgt ganz besonders vom internistischen und neurologischen Gesichtspunkt aus. […] Weiters wird vom Anstaltsarzt bei gelegentlichen Vorsprachen der Eltern oder Angehörigen der Kinder oder nach erfolgter Vorladung mit diesen eine genaue Anamnese sowohl in erbbiologischer als auch in psychiatrischer und somatischer Hinsicht aufgenommen. Alle Zöglinge werden sofort, abgesehen davon, dass sie gemessen und gewogen werden, anthropologisch photographiert und ein kurzer anthropologischer Status aufgenommen. Späterhin, bis wir die hiezu nötigen Apparate und das erforderliche wissenschaftliche Hilfspersonal bekommen, soll dieser Status noch durch genaue anthropologische und phrenologische Messungen ergänzt und durch daktyloskopische Aufnahmen der Fuß- und Handleisten vervollständigt werden. Nach erfolgter Eingewöhnung in das Leben in unserer Anstalt wird der Zögling einer psychologischen Prüfung unterzogen, die zum Teil auch noch als eine Art Intelligenzprüfung nach den gegenwärtig gebräuchlichen Methoden nur in wesentlichen Punkten besonders erweitert und ausgebaut ist, wobei es uns aber weniger auf die Erstellung eines Intelligenzquotienten (den wir wohl aus praktischen Gründen noch beibehalten haben) als vielmehr auf die Erfassung der Gesamtpersönlichkeit und auf eine Kontrolle des Funktionierens gewisser, für die Erziehung ausschlaggebender psychischer und physischer Fähigkeiten ankommt. In Zusammenhang mit der schriftlichen Ausarbeitung von sorgfältig ausgewählten Themen, welche im besonderen Maße geeignet sind, Einblick in das Seelenleben des Kindes oder Jugendlichen zu gewähren, und nicht selten wichtige Aufschlüsse über ihre charakterliche Entwicklung geben, gelangen wir auch in den Besitz vollkommen unbewusst erstellter Schriftproben, die sehr oft das Charakterbild des Zöglings auf das trefflichste vervollständigen. Diese psychologischen Prüfungen werden von eigens hiezu ausgewählten psychologisch geschulten und erfahrenen Fachkräften unter Leitung eines in pädagogischer Hinsicht erfahrenen Fachpsychologen durchgeführt. In gemeinsamen Besprechungen und ständig überprüfenden Kontrollen der Ergebnisse wird versucht, neue, für unsere besonderen Zwecke geeignete Methoden zu finden.  
Hans Krenek: »Beitrag zur Methode der Erfassung von psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen«, aus: Archiv für Kinderheilkunde (1942)  
Selbstverständlich ist es legitim, einer Geschichte der Strafen moralische Ideen oder juristische Strukturen zugrunde zu legen. Die Frage aber ist, ob man ihr auch eine Geschichte der Körper zugrunde legen kann, da die Strafen doch nur mehr auf die geheime Seele der Straffälligen abzielen wollen. 
Michel Foucault: Überwachen und Strafen (1975) 
aus der Einleitung von: 
Steve Sem-Sandberg: 
Die Erwählten: Roman 
Klett-Cotta. Gebundene Ausgabe u. Kindle-Version. 
(Taschenbuchausgabe 2017: Goldmann-Verlag)

An einem kalten Januarmorgen 1941 wird der elfjährige Adrian Ziegler, Sohn einer Wiener Arbeiterfamilie, seinem Zuhause entrissen und in die Klinik Spiegelgrund gebracht. Während der Zweite Weltkrieg tobt, sind Adrian und die anderen Kinder in der Erziehungsanstalt schutzlos der Hölle des Nazi-Systems ausgeliefert. Einzig der Anblick des Bergs vor dem Fenster weckt in ihnen die Hoffnung auf einen Schutzengel, der sie von diesem finstersten aller Orte zu retten vermag. Die Klinik wird so zum Spiegel des Nazi-Terrors – und das Überleben zur grausamen Ironie des Schicksals.
 

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »De utvalda« im Albert Bonniers Förlag, Stockholm © 2014 by Steve Sem-Sandberg Für die deutsche Ausgabe © 2015 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Umschlag: ANZINGER | WÜSCHNER | RASP, München Unter Verwendung des Fotos eines Krankenzimmers aus der NS-Jugendfürsorgeanstalt »Am Spiegelgrund«, © Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstandes, Wien Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde Printausgabe: ISBN 978-3-608-93987-3 E-Book: ISBN 978-3-608-10830-9








SPEKTRUM: Bücher

Kinder-„Euthanasie“: Endstation Spiegelgrund

Dtsch Arztebl 1999; 96(5): A-250 / B-196 / C-184
Von Heidi Niemann (pid)

Wie Ärzte in der Wiener Kinderfachabteilung willige Vollstrecker des NS-Tötungsprogramms wurden, beschreibt das hier vorgestelllte Buch.
 
Peter, ein zweijähriger Junge aus Wien, wurde im März 1942 in die Kinderfachabteilung "Spiegelgrund" der psychiatrischen Klinik auf der Baumgartner Höhe in Wien aufgenommen. Die Diagnose lautete "Idiotie". Im Dezember erkrankte der Junge an Diphtherie. Die behandelnden Ärzte vermerkten, daß er weder in geistiger noch körperlicher Hinsicht Fortschritte mache. Im Januar kam eine Grippe hinzu. Trotz seiner akuten Erkrankung nahmen die Ärzte eine Enzephalographie vor, um sein Schädelinneres zu untersuchen. Wenige Tage später, nachdem die Ärzte eine "beginnende Bronchopneumonie" diagnostiziert hatten, war der Junge tot. Peter war nicht das einzige Kind in der 1940 eingerichteten Abteilung, bei dem unter Inkaufnahme eines tödlichen Ausgangs Enzephalographien eingesetzt wurden: Die Wiener Anstalt war eines der Zentren des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten.

Tod durch "gezielte" Nachhilfe

Bislang war über diese Vorgänge wenig bekannt. Der Arzt Matthias Dahl hat in seiner an der Universität Göttingen eingereichten medizinhistorischen Dissertation untersucht, nach welchen Kriterien und auf welche Weise Ärzte und Pfleger geistig und körperlich behinderte Kinder getötet haben. Die Arbeit ist kürzlich auch als Buch erschienen*. Der Göttinger Arzt hat für seine Studie unter anderem die Krankengeschichten von 312 gestorbenen Kindern, Personalblätter der Ärzte und die Prozeßakten von Volksgerichtsprozessen gegen Anstaltsmitarbeiter durchforstet. Ergebnis: Bis Kriegsende starben in der Wiener Kinderfachabteilung 772 Kinder - viele von ihnen durch gezielte "Nachhilfe". Ihnen hatte das Pflegepersonal auf Weisung der Ärzte zusammen mit dem Essen Schlafmittel verabreicht. In einigen Fällen gaben die Ärzte selbst tödlich wirkende Morphium-Injektionen.

Als Todesursache gaben die Ärzte zumeist Lungenentzündungen an. Tatsächlich seien die meisten Infektionen jedoch erst durch die verabreichten Barbiturate ausgelöst worden, berichtet Dahl. Damit sollten die - nach der NS-Ideologie - "lebensunwerten" Kinder körperlich geschwächt werden, um sie dann an scheinbar natürlichen Todesursachen wie Lungen- oder Darmentzündungen sterben zu lassen. Die detaillierten Obduktionsberichte ließen zwar keinen Zweifel daran, daß die Kinder tatsächlich an den angegebenen Todesursachen gestorben seien. Allerdings habe die Pathologin in keinem ihrer Sektionsprotokolle die Frage aufgeworfen, worauf die Entzündungen zurückzuführen sein könnten. Immerhin seien 244 Kinder an Infektionen gestorben.

Eine weitere Variante der getarnten "Todesbeschleunigungen" war vermutlich der Nahrungsentzug. Viele Kinder hätten erhebliche Gewichtsdefizite gehabt, berichtet Dahl. Bis 1943 habe die Zahl der Todesfälle stetig zugenommen, der Höchststand wurde im Juli 1943 erreicht. In diesem Monat starben 32 Kinder. Nach Ansicht Dahls läßt sich ein Zusammenhang mit den räumlichen Kapazitäten feststellen: Gab es viele Neueinweisungen, so daß die Betten nicht mehr ausreichten, wurden Kinder, für die bereits ein "positiver" Bescheid aus Berlin vorlag, mit Medikamenten getötet.

"Skrupellose Wissenschaftler"

Die entsprechenden Bescheide, in denen über "Wert" und "Unwert" des Lebens dieser Kinder entschieden wurde, kamen vom "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden", der für das Euthanasie-Programm zuständig war. Die Grundlage für diese Urteile legten jedoch die behandelnden Ärzte. Sie verfolgten das Ziel, mit Hilfe moderner Diagnostik und wissenschaftlicher Methoden entsprechend der NS-Ideologie den "Lebenswert" der Kinder zu bestimmen. Sie bewerteten deren "Nutzen für die Volksgemeinschaft" und schickten dann entsprechende Meldungen an die Euthanasie-Dienststelle. Wenn sie in ihren Gutachten einem Kind ungünstige Entwicklungschancen bescheinigten und seine Arbeitsleistung negativ beurteilten, kam alsbald die Weisung aus Berlin, das entsprechende Kind zu "behandeln" - diese euphemistische Umschreibung bedeutete das Todesurteil. In einigen Fällen, so hat Dahl festgestellt, haben die Ärzte offenbar gar nicht erst auf die Ermächtigung zum Töten gewartet.

33 der im "Spiegelgrund" untergebrachten Kinder starben infolge einer Enzephalographie. Bei diesen riskanten Untersuchungen hat nach Ansicht Dahls das Forschungsinteresse im Vordergrund gestanden. Die Ärzte hätten sich als "skrupellose Wissenschaftler" erwiesen, die die behinderten Kinder für ihre Forschungsvorhaben mißbrauchten. Es bestand auch eine Zusammenarbeit mit der Wiener Universitäts-Kinderklinik. Hierbei testeten die Ärzte ohne Zustimmung der Eltern an den Kindern einen Impfstoff gegen Tuberkulose. Dabei war der Tod ein geplanter Bestandteil des Experiments, die Obduktion die letzte Versuchsphase.

Keine Einzelfälle

Maßgeblichen Anteil an dem Tötungsprogramm hatte der aus Leipzig stammende Facharzt für Nervenheilkunde Dr. med. Ernst Illing. Der überzeugte Parteigenosse der NSDAP hatte 1942 die Leitung der Kinderfachabteilung übernommen. Unter seiner Ägide erreichte die Tötungswelle 1943 ihren Höhepunkt, als 169 Kinder in der Anstalt starben. Illing wurde nach dem Krieg vom Volksgericht zum Tod durch Erhängen verurteilt. Die Ärztin Marianne Türk, die ebenfalls an den Kindstötungen beteiligt gewesen war, erhielt eine zehnjährige Freiheitsstrafe, deren Vollzug schon 1948 vorläufig eingestellt wurde. 1952 wurde ihr die Verbüßung der Reststrafe erlassen, später erhielt sie sogar ihren akademischen Grad zurück. Eine Pflegerin wurde zu acht Jahren Kerker verurteilt.
Dahl berichtet über den ebenfalls an der Klinik tätig gewesenen Wiener Psychiater Dr. med. Heinrich Gross: Seit 1938 NSDAP-Mitglied, wurde Gross im März 1950 wegen Totschlags zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Doch schon 1951 wurde das Urteil wieder aufgehoben und das Verfahren eingestellt. Gross machte danach als Arzt und Wissenschaftler Karriere, wobei er unmittelbar an seine frühere Tätigkeit im "Spiegelgrund" anknüpfte: Nach Angaben Dahls publizierte er bis 1966 mindestens zwölf pathologisch-anatomische Arbeiten, für die er Hirne von eben jenen Kindern verwendete, die während des Krieges in der Anstalt "euthanasiert" worden waren.1962 wurde Gross leitender Arzt an seiner alten Wirkungsstätte auf der Baumgartner Höhe in Wien. Sein Habilitationsversuch scheiterte allerdings, als bekannt wurde, daß er Gehirnschnitte von Kindern aus dem Spiegelgrund verwendet hatte. Seiner weiteren Karriere tat das jedoch keinen Abbruch: 1968 wurde der Nervenarzt Leiter des "L. Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems", 1975 erhielt Gross das "Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse". Er blieb vielbeschäftigt. Noch 1997 war der 81jährige als Gerichtsgutachter tätig. Gross sei im übrigen kein Einzelfall, hat Dahl festgestellt. Auch aus den Kinderfachabteilungen in Brandenburg-Görden, Kaufbeuren, Eglfing-Haar und Eichberg wurden Gehirne von getöteten Kindern wissenschaftlich ausgewertet, zum Teil auch noch nach dem Krieg.

 
▇ Endstation Spiegelgrund 
Die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945 
von Matthias Dahl 
ERASMUS Verlag Wien, 195 Seiten 
ISBN-10: 3950062483
ISBN-13: 978-3950062489

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