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Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

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ns-euthanasie

gestern wird sein . was morgen gewesen ist

 

was hat das heute mit uns zu tun ?

 

  • die heutige debatte wird kaum mehr unter dem begriff 'euthanasie' geführt. die verbrechen in der ns-zeit beeinflussen jedoch – insbesondere in deutschland – bis heute die diskussion.

click zu wikipedia: geschichte der euthanasie
  • wissenschaftler*innen haben inzwischen empirisch ermittelt, das mindestens jeder 8. erwachsene, dessen ursprungs- und/oder angeheiratete familie im krieg in deutschland lebte, verwandt sein müsste mit einer person, die direkt oder indirekt in das ns-euthanasie- und zwangssterilisationsgeschehen auf der opfer- oder täterseite oder im bereich der helfer und helfershelfer in irgendeiner weise aktiv mit eingebunden war (grob überschlagen betrifft das heutzutage ca. 5 mio. menschen).
  • durch das aussterben der authentischen zeitzeugen, aber auch durch den herrschenden zeitgeist tritt das thema der ns-krankenmorde in den familien und im schul-, bildungs- und forschungssektor immer weiter in den hintergrund, obwohl noch längst nicht alle einzelheiten dazu hinreichend bekannt sind.
  • auch institutionen, die "von amts wegen" mit dem thema 'verhaftet' sind (staatliche [rechts-]nachfolge-organisationen in den alten ns-mordpsychiatrie-einrichtungen und kliniken oder gedenkstätten und archive u.ä.) zeigen eine gewisse müdigkeit in ihren aktionen und inzwischen routinemäßig ritualisierten gedenkveranstaltungen - auch nach dem motto: "der gedenkstein ist gelegt - nu kann es aber auch mal gut sein" ...
  • es werden schülersprecher zitiert mit dem spruch: "nicht schon wieder 'drittes reich' oder holocaust oder ns-euthanasie-opfer" ... bei schüler-exkursionsfahrten auf den spuren der ns-geschichte fließt meistens eher mehr energie in die planung der abschluss-fete als in die dokumentation und mediale nach- und aufbereitung der fahrteindrücke.
  • von den rund 300.000 mordopfern der verschiedenen ns-euthanasie-vernichtungsaktionen sind bis heute vielleicht rund 500 einzelbiografien umfassend erforscht und ggf. veröffentlicht. in den meisten betroffenen familien wird das thema zumeist weiterhin verdrängt und gerät mit der generationen-abfolge immer weiter ins hintertreffen. wobei auch wichtiges bild- und urkundenmaterial unbeachtet verschwindet und vernichtet wird. 
  • "das vergessen der vernichtung ist teil der vernichtung selbst" - so hat es der sozialpsychologe harald welzer in anlehnung an den philosophen jean baudrillard in unseren tagen formuliert: das vergessen des grauens ist also von den tätern implizit mitgedacht und haargenau  einkalkuliert worden - und war quasi der sinn der vernichtungsaktionen: die vollständige und totale "ausmerze unwerten lebens" - diese faschistischen ziele schließen eine solche endgültige "tilgung" mit ein...
  • nach 80 jahren fällt immer noch und in den letzten jahren sogar vermehrt ein aktiver austausch in rechtsradikalen verschwörungstheorien in den sozialen medien des internets auf - eine rechtspopulistische partei wird in den bundestag gewählt -
  • gleichzeitig kommt es zu vielfältigen rechtsradikalen morden und mordserien: gemeinsame recherchen der frankfurter rundschau, des tagesspiegels und der zeit bestätigten bis 30. september 2020 eine mindestzahl von 187 rechtsextremen morden in deutschland seit 1990. darin sind die nsu-mordserie, der mordfall walter lübcke, der anschlag in halle 2019 und der anschlag in hanau 2020 enthalten (click here).
  • immer mehr menschen plädieren für eine aktive sterbehilfe (>>>: v. schirachs stück: "gott"), weil sie vorgeblich große angst vor schmerzen, hilflosigkeit und quälender medizinischer überversorgung am ende ihres lebens haben oder über die dauer ihres lebens selbstbestimmen wollen.
  • so wird gleichzeitig gefordert, die wirksamste medizinische hilfe in form einer guten schmerztherapie und palliativmedizin zu erforschen. auch wird eine lockerung der gesetzgebung zur präimplantationsdiagnostik (PID), embryonalen stammzellforschung und eine missbräuchliche aktive sterbehilfe befürchtet. dabei spielen oft auch die sich in der gesellschaft rasch verändernden religiösen argumente eine rolle.
  • die erhöhten fallzahlen unter der pandemie auf den intensivstationen und der strikte shutdown in vielen seniorenheimen sowie die dort oft fehlende ausreichende betreuung im akut-stadium und die damit verbundenen hohen sterbequoten in diesen bereichen haben weltweit auch die diskussionen um "triage"-maßnahmen in der versorgung neu befeuert.

EUTHANASIE . DOKUS . MEDIATHEK

EINE AUSWAHL ZUR ORIENTIERUNG

 

mediathek . themen.abschnitt zu den grundthemen

zwangssterilisation & ns.euthanasie              

 

das auf diesen seiten in erster linie rekonstruierte einzelschicksal

meiner tante erna kronshage steht für

ca. 450.000 unfreiwillige 'unfruchtbarmachungen' & ca. 300.000 krankenmorde

- hier findest du dazu weitergehende überblicksdarstellungen, neue forschungsergebnisse, berichte von zeitzeugen & von neuen formen der memorial-kultur

  • >>> click  zum grundlegenden video der gedenkstunde des bundestages am 27.01.2017 für die opfer der ns-euthanasie  -
  •  &/oder zu den ausgewählten allgemeinen themenbeiträgen ab hier:

"mord an kranken"

ein neues 15-min. kompakt-info-video aus der lehr-, lern- & wissens-werkstatt   MrWissen2go . Geschichte
 

& siehe zum thema: bundeszentrale für politische bildung "bpb":  "euthanasie"-infos

"ohne gnade"

themenabend des br-fernshen zur ns-euthanasie & der ethischen bedeutung im hier & jetzt -
40-min. doku  anhand von 3 konkreten opfer-biografien und  30-min. diskussion - auch zur ethik der pandemie-triage-entscheidungen

>>> click >

 

NDR .  Doku-Audio-Seite: "Euthanasie-Rassenhygiene im Nationalsozialismus"

"ich wäre so gerne heimgekommen"

 ein 30-min. video von sr-autor mirko tomic.

 
er hat letzte zeitzeugen und angehörige aufgesucht und historiker und autoren wie dr. gisela tascher, dr. götz aly und dr. christoph braß befragt.

 

sz-besprechung dazu

>> hier

gemeingefährlich ns-psychiatrie 

eine frau wird wegen einer psychischen erkrankung aus der "volksgemeinschaft" ausgeschlossen und später im rahmen der "euthanasie" getötet.

heute erinnert ein stolperstein in halle (saale) an sie.

 

ein 10-min.-video-abriss.   

 

click zur Verlags-Werbe-Seite

 

 

 

 

 

NS-Euthanasie und internationale Öffentlichkeit

Die Rezeption der deutschen Behinderten- und Krankenmorde im Zweiten Weltkrieg


von Thorsten Noack.

 

campus 2017

 

 

 

 

click zur Verlags-Leseprobe - S. 1-22

Tatorte: Busse der "Gemeinnützigen Krankentransport GmbH" vor der hessischen Anstalt Eichberg. In den Bussen dieser Firma, einer Tarnfirma der Berliner Euthanasie-Zentrale, wurden die Kranken unter dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten mithilfe

 

 

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2021, Nr. 176, S. 7


Der Krankenmord


Das Wissen um die systematische Ermordung Kranker und Behinderter während des Zweiten Weltkriegs war in der deutschen Bevölkerung seit der Predigt des Münsteraner Bischofs Graf von Galen am 3. August 1941 weit verbreitet. Dennoch betrieben oft sogar die engsten Angehörigen die Einweisung von Menschen in die psychiatrischen Anstalten. Wie ist das zu erklären?

 

Von Dr. Stefanie Coché

 

Im Juli 1941 entschloss sich Herbert M., seine Tante Ina M. aus der Landesheilanstalt Marburg nach Hause zu holen. Die 76 Jahre alte Frau war einige Wochen zuvor nach einem Selbstmordversuch zur Behandlung von depressiven Zuständen in die Anstalt aufgenommen worden. Als ihr Neffe begann, auf eine schnelle Entlassung seiner Tante zu drängen, rieten die behandelnden Ärzte ihm davon ab, sie zu sich nach Hause zu holen: Das sei der Genesung der Patientin nicht förderlich. Trotz dieser eindeutigen Stellungnahme der Anstaltsärzte beharrte Herbert M. auf der Entlassung seiner Tante. Der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte lautete, sie sei gegen den ärztlichen Rat entlassen worden.

 

In der Krankenakte Ina M.s ist kein Grund dafür vermerkt, warum ihr Neffe so entschlossen war, sie möglichst schnell aus der Anstalt zu holen. Doch kursierten im Sommer 1941 in der Bevölkerung schon hartnäckige Gerüchte über die Ermordung psychisch Kranker. Sie versetzten manche Angehörige stationär aufgenommener Psychiatriepatienten in berechtigte Sorge. Tatsächlich hatte die Ermordung von Psychiatriepatienten bereits bei Kriegsbeginn im Jahr 1939 begonnen. Zunächst waren Patienten in den vom Deutschen Reich annektierten Gebieten Polens, in den sogenannten neuen Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland, ermordet worden. Das diente auch dazu, temporäre Unterkünfte für "volksdeutsche Umsiedler" etwa aus dem Baltikum zu schaffen, die im Zuge der völkischen Neuordnungspläne der Nationalsozialisten "heim ins Reich" kamen. Ebenfalls kurz nach Kriegsbeginn begann Ende 1939 in den Anstalten des "Altreichs" der Mord an beeinträchtigten Kindern.

 

Die "Aktion T4", der staatlich organisierte Mord an erwachsenen Psychiatriepatienten, setzte um die Jahreswende 1939/1940 ein und wurde offiziell am 23. August 1941 eingestellt. Die Gründe für diesen Abbruch sind bis heute nicht geklärt, aber die Annahme scheint plausibel, dass auch die öffentlichen Proteste ein Faktor waren. Eine Schlüsselfigur war der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, der ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaftspraxis hatte und zum Beispiel den deutschen Überfall auf die Sowjetunion emphatisch unterstützte. Doch die Ermordung körperlich und geistig behinderter Bürger des Deutschen Reiches lehnte er entschieden ab. Im Sommer 1941 hielt von Galen drei Predigten, in denen er Gewalt des Regimes gegen "Volksgenossen" anprangerte (ohne freilich die Verfolgung der Juden auch nur zu erwähnen). Diese Predigten erzielten eine außerordentliche Reichweite, da sie vom Londoner Rundfunk gesendet wurden und schriftliche Ausfertigungen sowohl von alliierten Flugzeugen abgeworfen wurden als auch von Deutschen vervielfältigt und im ganzen Land verteilt wurden. In seiner Predigt am 3. August 1941 prangerte von Galen die Ermordung behinderter Menschen an und verband das mit einer Warnung an seine "Volksgenossen": Die Stigmatisierung, Verfolgung und Ermordung "unproduktiver" Mitglieder der Gesellschaft führe dazu, dass potentiell jeder Deutsche hiervon betroffen sein konnte.

 

Welche Rolle auch immer diese wortgewaltigen Predigten bei der Entscheidung gespielt haben mögen, die Morde einzustellen - lange hielt sie ohnehin nicht. Schon im August 1942 wurden die Morde an behinderten Menschen wieder aufgenommen. In zwei Punkten unterschied sich die Neuauflage jedoch von der ersten Phase: Zum einen verliefen die Krankenmorde nun ohne zentrale Steuerung aus der Berliner Tiergartenstraße 4, der die Aktion T4 ihren Namen verdankte; zum anderen wussten breite Bevölkerungskreise spätestens seit der Veröffentlichung von Bischof von Galens Predigt um die Ermordung von Psychiatriepatienten.

 

Die Heil- und Pflegeanstalten funktionierten die ganze Zeit ohne Unterbrechung. Regelmäßig nahmen sie neue Patienten auf. Immer wieder gab es Fälle, in denen Verwandte nach der Einweisung so wie Herbert M. auf eine schnelle Entlassung drängten. In vielen Fällen hatten die Angehörigen Einfluss auf das Schicksal ihrer Verwandten in der Psychiatrie. Herbert M. konnte darüber entscheiden, ob seine alte Tante in der Heilanstalt verbleiben sollte oder nicht. Diese Entscheidung lag nicht bei den Anstaltspsychiatern oder den einweisenden Ärzten und auch nicht bei der Polizei, weil es sich im Fall von Ida M. nicht um eine Zwangseinweisung handelte.

 

In der Landesheilanstalt Marburg traf dies für die meisten Patienten zu, die in der Zeit der Krankenmorde aufgenommen wurden. Dies hing auch mit der Ausrichtung der Einrichtung zusammen, die auf kürzere Aufenthalte der Patienten ausgelegt war. In vielen Heil- und Pflegeanstalten, die auf längere Aufenthalte ausgerichtet waren, gab es mehr Zwangseinweisungen. In der zur Zeit der Krankenmorde berüchtigten Anstalt Eglfing-Haar bei München etwa handelte es sich in einigen Kriegsjahren bei mehr als 50 Prozent der Aufnahmen um polizeiliche Einweisungen "auf Grund von Gefahr".

Patienten, die zwangseingewiesen worden waren, konnten nur mit der Zustimmung des Amtsarztes wieder entlassen werden. Für Zwangseinweisungen waren in der NS-Zeit in den meisten Fällen Polizei und Gesundheitsamt zuständig. Lediglich forensische Einweisungen mussten richterlich angeordnet werden. Und diese machten nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Zwangseinweisungen aus.

 

Bei allen anderen Formen psychiatrischer Einweisung spielte das soziale Umfeld des Patienten sehr häufig eine wichtige Rolle, und zwar selbst bei den Zwangseinweisungen, die formal durch das Gesundheitsamt vorgenommen wurden. Das soziale Umfeld eines Patienten, oft die Familie oder die Nachbarn, nahm maßgeblichen Einfluss darauf, ob und wenn ja, in welche Art von psychiatrischer Einrichtung jemand während der Zeit der Krankenmorde eingewiesen wurde. Immer wieder sind in den Krankenakten aus dieser Zeit Fälle dokumentiert, in denen Angehörige versuchten, ihren Verwandten die Aufnahme in mutmaßlich "sichere" Anstalten zu ermöglichen. Es hielt sich das Gerücht, dass Patienten kirchlich getragener Anstalten weniger gefährdet seien, Opfer der Krankenmorde zu werden.

 

In Wirklichkeit traf das keinesfalls immer zu. Die katholische Pflegeanstalt Schönbrunn bei München etwa kooperierte im Zuge der Krankenmorde mit dem nationalsozialistischen Regime. Im Unwissen hierüber versuchten manche Angehörige, zunächst einen Platz in Schönbrunn zu erlangen, bevor sie einer Aufnahme in Eglfing-Haar zustimmten. Auch die Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, in evangelischer Trägerschaft, erhielten Anfragen, in denen Angehörige darum baten, ihre Verwandten bevorzugt aufzunehmen. Oft versuchten die Familien, einen Platz zu erlangen, indem sie darauf verwiesen, wie verbunden die Familie Bethel sei, und dass sich der Patient selbst für die Stiftung engagiert habe. Die Ehefrau des 64 Jahre alten Dieter M. etwa verwies darauf, dass die Familie jahrelang für die Betheler "Ährenlese" Spenden gesammelt habe. Während Freunde des Patienten sich an die Anstalt wandten, um eine Entlassung Dieter M.s aus der Anstalt zu erwirken, zog seine Ehefrau es nicht in Erwägung, ihren Ehemann zu Hause zu behalten. Sie gab an, sie wolle zwar, dass er sicher in Bethel untergebracht werde, allerdings könne er nicht nach Hause, da er in seinen Wahnvorstellungen sie und die Kinder schlage.

 

An diesem Beispiel wird deutlich, wie schwierig die Lage in der Zeit der Krankenmorde auch für Angehörige war, die ihre Familienmitglieder schützen wollten. So wie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Unterbringung gewalttätiger Ehemänner und Väter auch während des Krieges mitunter die einzige Alternative zu einem Zustand anhaltender häuslicher Gewalt - die in der Regel von Vätern, Söhnen oder Brüdern ausging, in selteneren Fällen auch von Frauen.

 

Nicht immer jedoch bemühten sich Angehörige, ihre Verwandten möglichst sicher unterzubringen. Regelmäßig veranlassten Familienmitglieder trotz der Krankenmorde und der Zustände in den Einrichtungen - etwa Unterversorgung - Einweisungen. Sie legten dabei teilweise erhebliche Eigeninitiative an den Tag, teils auch aus Gründen, die selbst der Amtsarzt nicht als Einweisungsgrund anerkannte. Hans A. etwa wurde im März 1944 mit der Einwilligung seines Sohnes in Eglfing-Haar aufgenommen. Zuerst hatte der Sohn versucht, eine Zwangseinweisung "auf Grund von Gefahr" (entsprechend Artikel 80/II des bayerischen Polizeistrafgesetzbuchs) zu veranlassen. Der Amtsarzt sah dies im Falle des 72 Jahre alten Mannes aber als nicht notwendig an und verweigerte eine Zwangseinweisung. Trotzdem verlegte die Universitäts- und Nervenklinik in München, in die die Familie den Patienten gebracht hatte, Hans A. mit Einverständnis seines Sohnes in die Heil- und Pflegeanstalt. Einweisungen gegen den Willen des Betroffenen mussten eigentlich von Polizei oder Amtsarzt bescheinigt werden. Dies ließ sich offiziell nur bei unmündigen Patienten umgehen. Es kam aber immer wieder bei mündigen Patienten zu Aufnahmen allein mit dem Einverständnis der Angehörigen.

 

Die Angehörigen von Hans A. hatten die Einweisung forciert, indem sie gegenüber den aufnehmenden Ärzten eine Lage zeichneten, in der es nicht möglich sei, den Patienten zu Hause zu behalten. Sie erklärten, der bettlägerige Patient müsse bei Bombenalarm in den nächsten Luftschutzkeller getragen werden. Nach der Aufnahme stellten die Ärzte im Gegensatz zu den Schilderungen der Familie fest, dass Hans A. lediglich etwas hinkte - er hatte jahrzehntelang als Vertreter gearbeitet. Psychische Auffälligkeiten konnten sie keine finden. Trotzdem verblieb Hans A. in Eglfing-Haar, wenn auch nicht sehr lange: Bereits zwei Monate nach Eintritt in die Anstalt findet sich in der Krankenakte der Todeseintrag. Aufgrund der schlechten Versorgungslage starben alte Menschen in den Jahren 1941 bis 1945 in den Einrichtungen oft sehr bald, auch wenn sie bei Einlieferung in die Psychiatrie als rüstig sowie zeitlich und örtlich gut orientiert beschrieben wurden.

 

Manche dieser älteren Menschen verstarben, während sie auf einen Platz im Altersheim warteten. Ihre Familien wollten sie dort lediglich zwischenzeitlich unterbringen, um ihren Kriegsalltag schneller entlasten zu können. Denn ein Bett im Altersheim war sehr viel schwieriger zu bekommen als eines in einer Heil- und Pflegeanstalt. Hans A. war in diesem Sinne kein Einzelfall.

 

In vielen Fällen setzen Familienangehörige oder das soziale Umfeld Einweisungen allerdings im Einverständnis und in direkter Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern um. Gerade bei älteren Menschen, aber nicht nur bei diesen, wurde regelmäßig angeführt, dass die Kriegssituation ein sofortiges Eingreifen gegenüber allen Mitbürgern mit leichten Anzeichen von Schusseligkeit oder Demenz gebiete. Es wurden insbesondere zwei Punkte immer wieder angeführt: das Missachten der Verdunklungsvorschriften und der Verfall von Lebensmittelkarten.

 

Die Anstalten wurden genutzt, um Probleme im alltäglichen Zusammenleben mit erkrankten - mitunter auch nur störenden - Familienmitgliedern zu "lösen". Dies war in gewissem Sinne ein durchaus normaler Vorgang, der nicht allein für die Zeit des Nationalsozialismus typisch war. Allerdings herrschte während des Krieges im sozialen Mikrokosmus eine besonders hohe Erwartungshaltung an konformes Verhalten und eine problemlose Einreihung in den Kriegsalltag. Zugleich zirkulierten gerade über die Tötung älterer Menschen viele Gerüchte - auch Bischof von Galen hatte sie in seiner Predigt ausdrücklich genannt.

 

Dass die Möglichkeit der Krankenmorde akzeptiert wurde, ohne daraus Konsequenzen für das eigene Verhalten abzuleiten, ist als Zeichen der Radikalisierung innerhalb der nationalsozialistischen Gesellschaft zu lesen. Manche Familien bemühten sich noch, Einweisungen zu vermeiden oder in ihren Augen sichere Anstalten auszuwählen, für andere war die Nutzung der Anstalten jedoch trotz deren Pervertierung ein normales Vorgehen. Radikalisierung bedeutet in diesem Sinne, dass Entscheidungen und Handlungen gerechtfertigt werden konnten und damit in den Bereich "normalen" Verhaltens fielen, die potentiell zum Tod von Menschen führten.

 

Auch wenn viele Einweisungen von Angehörigen oder dem sozialen Umfeld initiiert oder mitgetragen wurden, so traf dies nicht für alle zu. Insbesondere bei der Einweisung von Frauen, die im Verdacht standen, Geschlechtskrankheiten zu haben, legten Polizei und Gesundheitsämter eine beachtliche Motivation an den Tag. Schon vor der Zeit des Nationalsozialismus war es üblich, Frauen zur stationären Behandlung venerischer Erkrankungen zu zwingen. Dies entsprach dem etablierten Deutungsmuster, nach dem ausschließlich Frauen als Überträgerinnen von Geschlechtskrankheiten galten. Die in der Zeit des Nationalsozialismus übliche Einweisung in psychiatrische Anstalten ging über die in der Weimarer Republik etablierte Zwangsbehandlung in einer Hautklinik hinaus: Denn die Lösung des Problems bestand nun nicht mehr in der Behandlung der Krankheit, sondern in der Verwahrung der Krankheitsträgerin - und zwar auf unbestimmte Zeit.

 

Während des Zweiten Weltkriegs war dies vor dem Hintergrund der Krankenmorde zudem eine potentiell tödliche Maßnahme. Die Einweisungsdiagnose lautete in diesen Fällen pauschal "debile, asoziale Psychopathin". Diese Diagnose verweist auf schichtspezifische Unterschiede in der Einweisungspraxis, die keineswegs neu waren. Bereits im Kaiserreich bildeten "Arbeitsscheue", Sexualität und Geschlechtskrankheiten einen Themenkomplex, der Teil des sogenannten "Psychopathenproblems" war.

Ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie die Themen Sicherheit, Arbeit und Geschlechtskrankheiten in behördlich initiierten Zwangseinweisungen verknüpft wurden, ist der Fall der 24 Jahre alten Frederike W., die in die Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch bei Chemnitz eingewiesen wurde. Die Polizei nahm Frederike W. erstmals während einer Hotelrevision fest und ließ in einer Hautklinik feststellen, ob sie geschlechtskrank war. Da sie nicht erkrankt war, schickte man sie zunächst in ein Heim für katholische Mädchen. Nachdem sie von dort aus einige Tage nicht zur Arbeit erschienen war - ihrer eigenen Aussage nach weil sie unter Kopfschmerzen litt -, wies sie das Gesundheitsamt bei einer Folgekontrolle gegen ihren Willen nach Untergöltzsch ein. Obwohl sich der Verdacht auf Geschlechtskrankheiten nicht einmal bestätigt hatte, blieb die einmal ins Visier geratene Frau ohne festes soziales Umfeld im Fokus der Gesundheitspolizei.

 

Ganz anders hingegen konnte es sich bei Frauen aus der Mittelschicht verhalten. So wurde zum Beispiel 1944 die 33 Jahre alte Katharina L., Mutter von vier Kindern, deren Mann als Reichsangestellter arbeitete, in die Psychiatrische und Nervenklinik zu Greifswald aufgenommen. Die Diagnose lautete auf "progressive Paralyse", also eine Erkrankung, die durch die Verschleppung der Geschlechtskrankheit Syphilis entsteht. Anders als in dem vorherigen Beispiel basierte die Einweisung trotzdem nicht auf Zwang. Als die Klinikärzte Katharina L. zu Geschlechtskrankheiten befragten, bejahte sie selbst eine Infektion. Sie habe die Behandlung aber abgebrochen. Das Pflichtjahrmädchen der Familie berichtete zudem, dass Katharina L. in keiner Weise mehr in der Lage sei, ihren Haushalt zu führen oder die Kinder zu beaufsichtigen - diese waren mittlerweile bei Verwandten untergebracht worden. Der Ehemann der Patientin intervenierte in diesem Fall schriftlich von der Front aus. Dies führte dazu, dass Katharina L. nicht in eine Heil- und Pflegeanstalt aufgenommen, geschweige denn dort zwangseingewiesen wurde. Stattdessen empfahlen die Ärzte, Katharina L. als Frau eines Reichsangestellten und Mutter von vier Kindern einen Erholungsaufenthalt im Kurort Leba zu genehmigen.

 

Der Handlungsspielraum von Patienten und ihren Familien gegenüber den Ärzten hing insgesamt sowohl von ihrer gesellschaftlichen Stellung als auch von ihrem Geschlecht und ihrem Alter ab. Die Einweisungen verliefen also nicht entlang von Kriterien, die für einen Anspruch auf Objektivität standen - etwa der Diagnose bestimmter venerischer oder psychiatrischer Erkrankungen.

 

Nicht die Argumentation mit den Faktoren Alter, Sexualität und Geschlecht war dabei charakteristisch für die Kriegszeit, sondern die Radikalisierung im Umgang damit. So waren psychiatrische Alterserkrankungen wie Demenz oder Alzheimer ein klassisches Tätigkeitsfeld für Psychiater und Neurologen. Auch die Fokussierung auf Frauen bei der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten war in keiner Weise nur für die Kriegszeit typisch. Die konkrete Handhabung hatte sich jedoch radikalisiert: von Zwangsbehandlungen in Hautkliniken in der Weimarer Republik über die Möglichkeit der Zwangseinweisung in Psychiatrien hin zur Verfolgung als "Prostituierte" deklarierter Frauen während der Kriegszeit.

 

Auch die Verbindung von "Arbeitsunfähigkeit" und Sexualität war nicht neu. Sie war in Diskursen über "die Unterschicht" und sogenannte "Asoziale" bereits etabliert. Spezifisch für die Einweisungspraxis im Zweiten Weltkrieg waren also nicht bestimmte Themen, sondern dass die bekannten "Problembereiche" ausgeweitet wurden und der Ausschluss aus der Gesellschaft radikalisiert wurde. Hier zeigt sich, dass nicht nur die Polizei und medizinische Institutionen zu immer drastischeren Maßnahmen bereit waren, sondern dass diese Schritte ganz eindeutig auch aus der Bevölkerung heraus gefordert und mitgetragen wurden.

 

Wie ist das zu erklären? Im "Dritten Reich" intensivierten verschiedene Gruppen ihr Gefühl von Zugehörigkeit und erlangten so auch materielle Vorteile. Das geschah auf Kosten des Ausschlusses anderer, indem zum Teil an etablierte Traditionen der Ausgrenzung angeknüpft wurde. Neben dem von Beginn an zentralen Ausschlusskriterium "Rasse" wurden zunehmend die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft für die "Gemeinschaft" als Kriterium für Zugehörigkeit etabliert und akzeptiert. Im Krieg zog der Staat diese Kriterien enger, etwa durch die Internierung sogenannter "Asozialer" oder durch die Ausrichtung des medizinischen Apparates auf die arbeitende Bevölkerung.

 

Wer sich die psychiatrischen Krankenakten aus der Zeit des Nationalsozialismus anschaut, der sieht, dass auch der Kriegsalltag vieler einfacher "Volksgenossen" darauf ausgerichtet war, den Anforderungen des Krieges an der "Heimatfront" gerecht zu werden. Familien und das soziale Umfeld von Psychiatriepatienten trugen auf diese Weise zur Stabilität des Regimes bei, indem sie diejenigen ausgrenzten, die hierzu vor allem aus Krankheits- und Altersgründen nicht in der Lage waren. Für viele Verwandte war dies keine einfache Sache, sondern häufig eine schmerzhafte und ambivalente Angelegenheit.

 

Das spiegelt sich etwa in Briefen jener Angehörigen an die Anstalten, die zwar zunächst Familienmitglieder auf eigene Initiative und nicht selten gegen den Willen der Ärzte eingewiesen hatten, nach der Aufnahme aber darum baten, ihre Verwandten möglichst "gut" zu behandeln. Trotzdem wurden Entscheidungen getroffen, die den Schutz immer kleinerer Gruppen - etwa Teile der Familien - priorisierten. Die Praxis der Einweisung in psychiatrische Einrichtungen lässt so den Zusammenhang erkennen, der zwischen dem Auseinanderfallen und letztlich Zerfallen der Gesellschaft in immer kleinere Gruppen einerseits und dem Anspruch und Glauben andererseits bestand, eine nationalsozialistische "Gemeinschaft" aufzubauen, zu verteidigen und auszuweiten.

 

Herrschaft und soziale Praxis im Alltag gingen meist Hand in Hand und entwickelten in ihrem Zusammenspiel gerade im Krieg oft tödliche Dynamiken des Ausschlusses, die als Normalität gelebt und akzeptiert und als unausweichlich gerechtfertigt wurden.

Konkurrenz und Zerfall betrafen alle Ebenen der Gesellschaft. Die Krankenmorde liefen nach Beendigung der "Aktion T4" dezentral ab, begünstigt durch von oben initiierte Verlegungsmaßnahmen im Rahmen der "Aktion Brandt". So entschieden Anstaltsleiter über Leben und Tod ihrer Patienten. Zugleich hatten sie jedoch kaum Kontrolle über den Zugang zu den Anstalten. Krankenhäuser, Altersheime, Polizei und Anstalten standen während des Krieges, insbesondere in den Jahren 1944 und 1945, zunehmend in negativer Konkurrenz um ihre Klientel. Insbesondere alte Menschen und Frauen, die im Verdacht standen, venerische Krankheiten zu haben, wurden von diesen Institutionen über die Gesundheitsämter eingewiesen. Die zur Aufnahme verpflichteten Anstalten versuchten dies immer wieder aus Eigeninteresse zu verhindern: Sie wiesen darauf hin, dass es sich nicht um psychiatrische "Fälle" handelte, um die Professionalität ihrer Einrichtung zu schützen - sie wollten nicht als Verwahranstalten, sondern als ernst zu nehmende medizinische Einrichtungen wahrgenommen werden.

 

Da die Gesundheitsämter meist von den Familien und vom sozialen Umfeld, etwa den Nachbarn, in der Einweisung unterstützt wurden, scheiterte dies jedoch gewöhnlich. Diese Radikalisierung aus allen Richtungen mittels des im Prinzip unendlich ausdehnbaren Gefahrenmoments in der Einweisungspraxis passt zu hypothetischen Überlegungen der Hamburger Zeithistorikerin Birthe Kundrus, die die These vertreten hat, dass eine auf Dauer gestellte, potentiell immer weiter ausgreifende Exklusionspraxis im Krieg ohne dessen Ende zu einer Selbstzerstörung der "Volksgemeinschaft" geführt hätte - oder in den Worten Bischofs von Galen: "Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ,unproduktiven' Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden."

 

* * *

 

Die Verfasserin ist Akademische Rätin am Institut für Neuere Geschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen.
 

 

vergrößern = click . © Institut für Zeitgeschichte, München - Berlin 2008 / Hersteller: Kartographie Peckmann, Ramsau . https://www.obersalzberg.de/dauerausstellung/rassische-verfolgung/euthanasie/aktionen-ns-euthanasie0/
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Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein: Portraits von „Euthanasie“-Opfern, die hier ermordet wurdenFoto: Daniel Schäfer/imago

 

 

Aufarbeitung der NS-Zeit


„Euthanasie“-Opfer anerkennen


Die Grünen stellen einen Antrag zur Anerkennung der Verbrechen während der NS-Zeit. Beteiligten Ärz­t:in­nen drohten kaum Konsequenzen.

 

Von JULIA HUBERNAGEL

Autorin - taz (click)

 

 

Ungefähr 300.000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen wurden während der NS-Zeit ermordet. Zu diesen „Euthanasie“-Opfern kommen noch 400.000 Menschen hinzu, die in Krankenhäusern oder Psychiatrien zwangssterilisiert wurden. Zur Tötung ausgewählte Pa­ti­en­t:in­nen wurden meist vergast, mittels Hungerkost langsam ausgezehrt oder erhielten überdosierte Medikamente.

 

Wirklich anerkannt sind diese Opfer auch heute noch nicht, das Bundesentschädigungsgesetz von 1956 schließt die Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation weiter aus. Die Grüne Bundestagsfraktion will das nun ändern und hat einen entsprechenden Antrag im Bundestag gestellt und das Thema bei einem Online-Fachgespräch erläutert.

 

Die Anerkennung käme nun 76 Jahre nach Kriegsende reichlich spät. 2019 starb etwa mit Dorothea Buck eine selbst zwangssterilisierte Psychiatrie-Aktivistin im Alter von 102 Jahren. Doch die jüngsten Entwicklungen stimmen optimistisch: Im letzten Jahr wurden die von den Nazis als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten als Opfer des NS-Regimes offiziell anerkannt.

 

Ein Gesetz, das die Euthanasie von Behinderten und psychisch Kranken zur Pflicht machte, gab es übrigens nicht. Die Ärz­t:in­nen bewegten sich weitgehend im rechtsfreien Raum, konnten sich jedoch auf das 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ berufen. „Erst 2007 wurde es vom Deutschen Bundestag geächtet, für nichtig erklärt wurde es aber bis heute nicht“, sagt Erhard Grundl, Bundestagsabgeordneter und kulturpolitischer Sprecher der Grünen.

 

Betroffenen wurde nicht geglaubt

 

Medizin und Psychiatrie hätten nach dem Krieg die Deutungshoheit darüber behalten, was während der Nazi-Jahre in ihren Kliniken passiert ist. Obwohl hunderte von Betroffenen von ihren Erlebnissen in den Psychiatrien erzählten, sei ihnen oft nicht geglaubt worden, sagt Ulrika Mientus, die an der Philipps-Universität Marburg über die Handlungsmacht der Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten promoviert.

 

Nachdem Betroffene ihre aus der Behandlung resultierenden Folgeleiden schilderten, seien von ihren früheren Ärz­t:in­nen mitunter Gutachten erstellt worden, die die beschriebenen Leiden als unwahrscheinlich darstellten.

 

Zwangssterilisation von geistig Behinderten galt lange nicht als NS-Verbrechen, vielen Ju­ris­t:in­nen und Ärz­t:in­nen sei der Schritt in den 1930er und 1940er Jahren rechtens vorgekommen. Für Me­di­zi­ne­r:in­nen habe die Mitwirkung an der „Euthanasie“ in der Nachkriegszeit kein Karrierehindernis dargestellt, sagt Winfried Süß, Leiter der Abteilung „Regime des Sozialen“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung.

Dabei markiere die „Euthanasie“ einen Umschlagpunkt zwischen der Verfolgung und der Vernichtung von unerwünschten Personengruppen. Oft sind noch nicht mal die Gräber der Opfer bekannt und Krankenakten schon während der Nazijahre spurlos verschwunden.

 

Belastende Akten noch in den 90ern vernichtet

 

Dass das Vernichten von Akten auch noch viele Jahre später Methode hatte, erläutert Gerhard Schneider. Schneider ist Krankenhausdirektor des Bezirksklinikums Mainkofen und hat die mehr als hundertjährige Geschichte des Krankenhauses gründlich erforscht. Bereits 1945 habe man angefangen, die Krankenakten zu bereinigen. Meistens wurden die Gewichtstabellen entfernt, um zu vertuschen, dass hier Pa­ti­en­t:in­nen systematisch verhungern lassen wurden, sagt Schneider.

 

1982 erst wurde schließlich die Vernichtung aller Akten, die Sterilisationsverfahren bezeugen, beschlossen. Angehörigen und auch dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv sagte man schon damals, dass keine Akten mehr vorhanden seien. Ab ca. 1990 sei die Vernichtung aller Krankenakten von 1869 und 1945 geplant worden, ein großer Teil davon konnte jedoch in den Kellerräumen der Kirche, ja, versteckt werden, sagt Schneider.

 

Damit diese systematische Geschichtstilgung nicht ungestraft bleibt, setzen sich die Grünen ferner für ein Kassationsverbot ein, das die Vernichtung von Dokumenten untersagt. Damit sei es jedoch nicht getan, meint Sibylle von Tiedemann, Koordinatorin der Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer.

 

Man müsse Akten nicht nur erhalten, sondern auch kritisch hinterfragen und zu deuten wissen. Oft sei den Angehörigen nämlich mitgeteilt worden, ihre Verwandten seien an einer Lungenentzündung gestorben. Das könne auch stimmen, nur sei die Lungenentzündung eben durch überdosierte Medikamente künstlich herbeigeführt worden.

 

 

 

 

Gedenkstätte Hadamar


Judith Sucher, Pädagogische Leitung der Gedenkstätte Hadamar, gibt in der Führung über das Gedenkstättengelände und durch die Ausstellung eine Übersicht über die Geschichte der NS-"Euthanasie" in Hadamar .


Der Rundgang fand am 22. Januar 2021 als Facebook-Live Veranstaltung statt.

 

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Die nationalsozialistischen „Euthanasie”-Morde.

Die Ausstellung des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 in Berlin

 

Eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, betreut durch die Stiftung Topographie des Terrors

 

Seit September 2014 gibt es in Berlin in der Tiergartenstraße 4 einen Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie”-Morde. Hier wurde die Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen geplant und organisiert. Damit wird, über eine seit 1989 bestehende Gedenkplatte hinaus, am historischen Ort der Täter über die „Euthanasie”- Verbrechen informiert und an die Opfer erinnert.

 

Die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie’-Morde” ist eine mobile und barrierearme Präsentation der Inhalte, die am Gedenk- und Informationsort Tiergartenstraße 4 in Berlin gezeigt werden. Die Ausstellung zeigt in zehn Kapiteln die Vorgeschichte, die Voraussetzungen und Durchführung der Patientenmorde. Sie beschreibt die besondere Bedeutung der Organisationszentrale in der Tiergartenstraße 4 und erläutert weitere Mordaktionen gegen psychisch kranke und geistig behinderte Männer, Frauen und Kinder in Deutschland und Europa ab 1939. Sie zeigt die Verbindungslinien der „Euthanasie”-Aktion zur Ermordung der europäischen Juden auf und beleuchtet das Verdrängen und Verschweigen der Morde nach 1945. Zehn lebensgeschichtliche Skizzen von Opfern der Patientenmorde verbinden die Themenkapitel und verdeutlichen die individuelle Dimension dieser Verbrechen. Ergänzend wird die Entwicklung des Gedenkens an die „Euthanasie”-Morde in Europa dargestellt.

 

Die Ausstellungstexte stehen durchgängig in Deutsch und Leichter Sprache zur Verfügung. Textanordnung und Ausstellungsaufbau orientieren sich an den Anforderungen von Rollstuhlnutzern. Zwei optional ausleihbare Medienstationen bieten zusätzliche Erläuterungen und Inhalte für Ausstellungsbesucher mit und ohne Beeinträchtigungen des Hörens und des Sehens. Sie bieten zusätzliche Informationen zur Geschichte der Villa Tiergartenstraße 4, zum Selektionsverfahren der „Aktion T4” und zu den Orten der Patientenmorde.

 

Infos zu dieser Ausstellung >>> click here

 

 

Die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde 
 

Die Ausstellung "Die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde" wird vom vom 9. März bis zum 30. April 2021 in der Wandelhalle des Abgeordnetenhauses von Berlin gezeigt. Sie zeigt die Vorgeschichte, die Voraussetzungen sowie Durchführung der Patientenmorde und beschreibt die besondere Bedeutung der Organisationszentrale in der Tiergartenstraße 4. Weiterhin beleuchtet sie die Verbindung der »Euthanasie«-Aktion zur Ermordung der europäischen Juden und das Verschweigen dieser Morde nach 1945. Ergänzend verdeutlichen lebensgeschichtliche Skizzen von Opfern die individuelle Dimension dieser Verbrechen. Auch die Entwicklung des Gedenkens an die »Euthanasie«-Morde in Europa wird dargestellt.

 

Die Ausstellung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors konzipiert.

Aufzeichnung der Ausstellungseröffnung vom 16.03.2021 aus der Wandelhalle des Abgeordnetenhauses von Berlin:

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Als Einstieg der "Lebenshilfe" in das komplexe Thema

dieser Website in leichter Sprache

 

 

Menschen mit Behinderung
in der Nazi-Zeit

 

In diesem Text geht es um ein trauriges Thema:
In der Nazi-Zeit wurden Menschen mit Behinderung getötet.
Das war ein schreckliches Verbrechen.
Hier erklären wir, was damals passiert ist.

 

Wir haben haben hier ein Angebot in Leichter Sprache, das über die Zeit des Nationalsozialismus und Begriffe wie "Euthanasie" aufklärt:

 

 

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Doku: faz-Artikel von 2015: "Der Fall Gertrud Stockhausen" - Die Mutter des Komponisten Karl-Heinz Stockhausen wird Opfer der NS-"Euthanasie" in Hadamar - click auf das Bild - oder click hier ...

Tesch & Stabenow

Geschäfte mit dem Tod

 

Vor 80 Jahren begann die Hamburger Firma Tesch & Stabenow, das Giftgas Zyklon B nach Auschwitz zu liefern. Hinterher wollten die Chefs von nichts gewusst haben.

 

click zu einem ZEIT-Artikel

 

NDR-Dokumentation - Schrift/Audio/Video - Stand: 8/2019 - CLICK
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Planet Wissen: "EUTHANASIE" im Dritten Reich

Filme zum Thema NS-Krankenmorde - Gedenken in Bildern

Als hätte es sie nie gegeben - Neuendettelsau & Euthanasie

Als hätte es sie nie gegeben from Medienwerkstatt Franken on Vimeo.

ORF-Doku 1984: Unwertes Leben – NS-Psychiatrie in Österreich, Film von Peter Nausner - CLICK

Youtube-Playlist: 94 Filme/Videos Krankenmorde/"EUTHANASIE"

Video - WDR Planet Wissen: Grafeneck - T4 - u.a. | Gespräche mit Thomas Stöckle und Sigrid Falkenstein | click here

Aktion T4 - Das Euthanasie-Programm der Nazis
Video von Catherine Bernstein

 

Kurzbeschreibung


Das Euthanasie Programm der Nazis, Aktion T4 genannt, ermordete zehntausende von körperlich und geistig Behinderten, die als “nutzlose und asoziale Schädlinge für die Volksgesundheit” betrachtet wurden. Zwischen 1939 und 1945 wurden mindestens 200.000 Menschen ermordet. Dabei wurden erstmals Vergasungstechniken erprobt, in speziell ausgewählten Orten wie Grafeneck, Brandenburg, Hadamar, Pirna, Bernburg, Hartheim. 

 

Der geheime Führerbefehl vom Frühjahr 1939: 'Reichsleiter Bouhler und Dr. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann. Gezeichnet: Adolf Hitler.’ 

Doktor Julius Hallervorden (1882 – 1965) wurde in den 1930er Jahren Leiter der neuropathologischen Abteilung des Klinikums Berlin-Buch. Hier bezog er hunderte von Gehirnen von ermordeten Behinderten zur Untersuchung. Er wies die ermordenden Ärzte ein, interessante Pathologien ausfindig zu machen und die Gehirne unbeschadet zu entnehmen. Möglicherweise nahm er selbst Patientenselektionen vor. Bis 1945 erhielt Dr Hallervorden insgesamt 5174 Gehirne. Nach 1945 wurde er – als einfacher Mitläufer eingestuft – Professor am Max-Planck-Institut, mit zahlreichen Auszeichnungen und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, aber nie angeklagt.

Die Unwertigen - Jugendliche als Opfer der NS-Rassenhygiene und den Folgen bis heute

 

Video von Renate Günther-Greene


Kurzbeschreibung


Die Nazis sortierten Jugendliche nach ihrem Wertesystem der Rassenhygiene und Eugenik. Die "wertigen" Kinder wurden gefördert, die "unwertigen" aussortiert und ausgemerzt: Waltrauts Mutter kommt ins Konzentrationslager, sie und ihre Geschwister ins Heim. Günter muss ins Jugendkonzentrationslager, weil er die verbotene Swing-Musik hört. Elfriede erlebt im Kinderheim, wie Kinder Opfer der Euthanasie werden. Richard wird als uneheliches Kind seiner Mutter für immer entrissen und leistet mit 4 Jahren schon Zwangsarbeit. Der Film erzählt aber auch von der gesellschaftlichen Verdrängung nach 1945 und den Auswirkungen für die Betroffenen bis heute. Unfassbar: Elfriede bleibt bis 1970 eingesperrt im Heim. Richard leistet selbst nach dem Krieg als Jugendlicher weiter Zwangsarbeit.

auch mit Infos aus der Tötungsanstalt "Tiegenhof" bei Gnezen - Dziekanka/Gnieznow - click

Hexenverfolgung  - Massenmord am Anderssein oder Andersdenken

 


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