"EUTHANASIE" . SHOAH . ERNA KRONSHAGE . NEWS

Jahrestag: 103 jüdische Menschen besteigen am 10. Juli 1942 am Hauptbahnhof einen Zug, angeblich in Richtung Warschau. Eine von ihnen ist die Bielefelderin Thekla Lieber. Ihre Postkarten sind ein letztes Lebenszeichen. Sie bringen Jahrzehnte später eine schreckliche Wahrheit ans Licht...


Erste Deportation nach Auschwitz
begann in Bielefeld

Von Christine Panhorst | NW

Es ist ein Freitag, heute vor 77 Jahren. Am 10. Juli 1942 startet ein Zug vom Bielefelder Bahnhof. In den Waggons: 103 Menschen Jüdinnen und Juden aus dem Gestapobezirk Bielefeld sowie aus Münster, Dortmund und Osnabrück. Das Ziel ist Warschau, so macht man sie glauben. Die Gestapo gestattet ihnen, unterwegs Postkarten zu schreiben. Es sind letzte Lebenszeichen, die Jahrzehnte später eine Spurensuche ermöglichen. An ihrem Ende steht eine schreckliche Gewissheit: Ankunftsort ist damals nicht Warschau, sondern das neue „Zentrum der Massenvernichtung“.

Der Deportationszug aus Bielefeld, das legen jüngste Forschungen nahe, ist der erste
große Transport im Deutschen Reich, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
anfährt. Mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden werden aus ihren Familien gerissen und
nach Stopps in Hamburg, Ludwigslust, Berlin und Magdeburg verschleppt. Zugleich ist
es die einzige Deportation vom Startbahnhof Bielefeld, bei der es später keine
Überlebenden geben wird.

Diese Postkarte beginnt Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 „kurz vor Berlin“:

 

 

Foto:
Sammlung Kai-Uwe von Hollen


„12 – kurz vor Berlin. Meine Lieben! Sicher habt Ihr meine diversen Karten erhalten.
Bisher geht es uns gut, sind sehr betreut. Fahre mit Frau Jakobs aus Sögel mit Tochter
Frau de Vries und Kind. Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man sich
gewöhnt, ist gut, dass man viel schläft und die Zeit wenigstens nicht nachdenkt. (. . .)
Wir halten und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen. Montag werden wird, wenn’s
gut geht, am Ziel sein.
Braucht Euch nicht zu betrüben, so Gott will, wird’s schon werden. Seid nochmals
herzlich gegrüßt und geküßt von Eurer Mutter“

. . . schreibt die Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 aus dem Deportationszug
bei Berlin.

Jener Freitag im Juli 1942 ist ein Auftakt zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und Bielefelder Stadtgeschichte. Davon erzählen eindrücklich in Zeilen voller Angst und Hoffnung, Sorge und Liebe die Nachrichten der Deportierten – wie die der Bielefelderin Thekla Lieber.

An der Ritterstraße (heute Ecke Notpfortenstraße) hat die Geschäftsfrau ursprünglich
einen Handel mit Öfen, Eisen- und Haushaltswaren betrieben, der in der
Reichspogromnacht zerstört wird. „Macht euch keinen Kummer um mich, bleibt Ihr
nur gesund“, schreibt die 60-Jährige zwei Tage vor Abfahrt des Zuges auf einer
Postkarte an Tochter und Schwiegersohn in Brüssel. Den Bescheid zur Deportation hat
sie kurz zuvor plötzlich erhalten.

Sie reise über Hamburg, weiß Lieber schon früh. Das Ziel sei Warschau, notiert sie auf
einer ihrer Karten, die sie im Sammellager Kyffhäuser am Kesselbrink schreibt (heute
Standort der Restetruhe). „Ich hoffe, dass, so Gott will, mir die Seelenkräfte verbleiben,
alles zu überwinden.“

 

 

 

 

Letzte Lebenszeichen: Die Bielefelderin Thekla Lieber, geb. Heine, (*1882)
führte mit ihrem Mann ursprünglich ein Geschäftshaus an der Ritterstraße. Aus
dem Deportationszug darf sie noch Postkarten an Tochter und Schwiegersohn
schreiben, die nach Brüssel flohen.                            Foto: Sammlung Brigitte Decker

Sechs ihrer Postkarten wird ihre geflohene Tochter durch den Krieg retten. Eine davon
schreibt ihr die Mutter aus dem Zug bei Hamburg. Das Kartenschreiben ist den
Deportierten – das ist ungewöhnlich – offenbar gestattet. In ihren Karten berichten sie
zudem von „warmem Essen“ und „allerlei Verpflegung“ unterwegs. Immer heißt es:
Warschau.

Unterdessen führt die Fahrt weiter über Berlin und Magdeburg, an jedem Stopp
steigen Hunderte Menschen zu. Die Witwe Lieber aus Bielefeld schwankt am 12. Juli
zwischen Hoffen und Bangen: „Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man
sich gewöhnt. (. . .) Wir halten, und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen
unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen.“ Es ist ihre letzte
Karte.

Das letzte dokumentierte Lebenszeichen der Deportierten des Bielefelder Zuges
stammt von den Schwestern Clara Lorch (60) und Meta Meyer (53) aus Bad
Lippspringe. Ihre Karte ist in Oppeln abgestempelt – gut 140 Kilometer vor Auschwitz.
Der Rest sind Indizien einer bewussten Täuschung: Mal taucht das Ziel „Warschau“,
mal das Ziel „Auschwitz“ in offiziellen Unterlagen zu diesem Transport auf. Ein Koffer,
der in Auschwitz-Birkenau in einer Ausstellung zu sehen ist, gehört einem in Hamburg
Zugestiegenen. Angehörige senden schon 1942 auf Verdacht Briefe nach Auschwitz
oder erhalten auf Nachfragen hin den Hinweis „Auschwitz/Krakau“.

 

 

 

Abfahrtsort ins Ungewisse: Vorherige Depotationen aus
Bielefeld hatten Warschau oder Riga zum Ziel, wie auch der
Transport am 23.Dezember 1941, der fotografisch dokumentiert
ist. Foto: Stadtarchiv Bielefeld 


Die letzte Gewissheit fehlt. Zu viele Dokumente wurden kurz vor Kriegsende in
Bielefeld vernichtet.

Was bekannt ist: dass sich SS-Reichsführer Heinrich Himmler eine Woche nach Abfahrt
des Bielefelder Zuges das neue Vernichtungslager vorführen lässt.

 

 

 

Postkarten sind Puzzleteile der Vergangenheit: Die Bielefelder Forscher können anhand abgestempelter Postkarten belegen, dass der Zug über Hamburg, Ludwigslust, Berlin, Magdeburg und Breslau bis nach Oppeln in Polen fuhr. Hier verliert sich seine Spur - 140 Kilometer vor Auschwitz.                                                                      Grafik: Schultheiss - Daten: von Hollen, Decker, Freier


 
  • Der Text ist entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Martin Decker sowie unter Verwendung von Materialien der Holocaustforscher Martin Decker, Kai-Uwe von Hollen und Thomas Freier.
 
 
Quelle: Neue Westfälische, 10.7.2019, Lokales S. 17

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„das vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“, hat christa wolf einen ursprünglichen satz von william faulkner weitergeführt. 
 
und ein bundestagsabgeordneter, der 2019 im deutschen bundestag sitzt, hat ja die gesamte ns-zeit mit all ihrem morden und leiden einfach mal zu einem "vogelschiss" abqualifiziert und heruntergespielt, den wir endlich bitteschön mal vergessen und verdrängen sollen.
 
da ist es schon ungeheuer wichtig, dass eine zeitung zum jahrestag der abfahrt des ersten durchgehenden deportationszuges nach auschwitz aus bielefeld vor 77 jahren eine ganze lokalseite zur dokumentation dieses vorganges nutzt - und am mahnmal vor dem bielefelder hauptbahnhof heute die namen von 103 deportierten aus bielefeld verlesen werden - es gab keine überlebenden. und vorgelesen werden auch die postkarten-texte dieser menschen, die sie während dieser fahrt in die ungewissheit und letztendlich in den tod an ihre lieben schrieben - erstmals beteiligt sich auch an dieser gedenkveranstaltung ein muslimischer verein, die "kreuzberger initiative gegen antisemitismus und islamfeindlichkeit" bielefeld (kgia).
 
das können dann hoffentlich auch viele schüler mitnehmen in den ferienstart in ein paar tagen - und vielleicht selbst mittels smart- oder i-phone oder tablet recherchieren, was mindestens genauso spannend und lehrreich ist als irgendein buntes 3-d-spiel, das auf dem display rauf und runter blinkt.
 
nein, wir dürfen uns nicht "fremd" stellen, wie christa wolf das ausgedrückt hat, wir dürfen uns nicht davon "abtrennen" oder es gar vergessen. wir sind es den opfern und ihrer würde auch nach 77 jahren immer noch und weiter bis in die zukunft schuldig, diese verirrungen eines ganzen volkes an sich herankommen zu lassen und zu durchleben: diese fast 18 stündige bahnfahrt zwischen hoffen und bangen  und dann der todesgewissheit für 1604 kilometer schienenstrecke, mit all den stationen und zusteige-halts: "wieder besteigen hunderte gefährten diesen unendlich langen zug", wie frau lieber das auf ihrer postkarte schreibt: "der menschheit ganzer jammer ist zu sehen" ... - das noch von wegen "vogelsch...".
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update:
 



















Gegen das Vergessen: Rund 80 Bielefelder erinnerten vor dem Hauptbahnhof an die Deportierten vom 10. Juli 1942. Martin Decker (Friedensgruppe) steht hier am Rednerpult. Foto: Mike-Dennis Müller | NW

 

 

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zu meinem kommentar dieser vorwürfe an bethel: click here

click here  oder in "Spiegel" Nr. 23/2019, S. 112 ff. lesen ... - und dazu meinen kommentar im sinedi-blog

 

 
click to sinedi-blog
click here
am 5.04.2019 zeigte der wdr in der lokalzeit owl einen 4,5-min. beitrag zum 100-jährigen bestehen des lwl-klinikums gütersloh, das 1919 - nach dem 1. weltkrieg - schließlich voll in betrieb genommen wurde.
 
die bildsequenzen belegen, welchen stellenwert die "industrielle" massen-psychiatrie bis in die 70er/80er jahre hatte, ehe dann mit der psychiatrie-enquete 1975 eine gewisse wende hin zur "sozialen psychiatrie" - einhergehend mit einer auflösung der groß-psychiatrien, einer differenzierteren ambulanteren diagnostik und behandlung mit kürzeren einzelfall-verweildauern eingeleitet wurde - so wie sie wohl auch erna kronshage bereits für sich als hilfe zur genesung erwartet hatte ... 
 
  • aber "wikipedia" schreibt lapidar über gütersloh zu der zeit: 
"während der zeit des nationalsozialismus wurde ab 1936 die fürsorge für psychisch kranke und geistig behinderte auf die nationalsozialistische rassenhygiene ausgerichtet. in den jahren 1940 bis 1943 wurden 1.017 patienten als 'gänzlich gemeinschafts- und arbeitsunfähig' eingestuft und in tötungsanstalten deportiert. im jahr 2014 wurde eine gedenkstätte für die opfer eingeweiht."

 

 
das leidensporträt meiner tante erna kronshage (* 1922 - + 1944) ist mit gütersloh eng verstrickt:

 

  • 1942 ließ sie sich dorthin  in die "heil"anstalt einweisen, um eine persönliche überforderungs- und verstimmungssituation rasch zu überwinden,
  • hier verpasste man ihr jedoch rasch die zweifelhafte "erbkrankheits"-diagnose: "schizophrenie", 
  • die dann 1943 auf antrag des dortigen anstaltsleiters dr. werner hartwich nach zwei verhandlungen zur zwangssterilisation führte - 
  • im herbst 1943 wurde sie dann schließlich von dort "als gemeinschafts- deportiert zur tötungsanstalt tiegenhof bei gnesen (heute dziekanka/gniezno in polen), wo sie mit weiteren ca. 5000 psychiatriepatienten am 20.02.1944 ermordet wurde.

 

 

das martyrium von der einweisung bis zur ermordung erstreckte sich insgesamt über einen zeitraum von gerade einmal 484 tagen (!) ...

 

 
die autorin dieses wdr-beitrages, bärbel wegener, schrieb mir dazu u.a.: "erna kronshages geschichte ist immer noch am besten dokumentiert, ich würde sie zu diesem anlass gerne nochmal aufgreifen.*)" -
 
hier also eine kopie dieses beitrages zum 100-jährigen ... 

 

click here

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*) frau wegener hatte 2014 einen beitrag zu erna kronshage (click) gemacht ...

click to wikiwand: erna kronshage
WESTFALENPOST WARSTEIN 25.11.2018 - show more - click on the picture
11. Oktober 2018: Eindrückliches Feature der DLF-Redakteurin Johanna Herzing, die selbst Angehörige eines NS-"Euthanasie"-Opfers ist, über das innerfamiliäre Verschweigen. Die Aufnahmen zum Feature wurden auf der Angehörigentagung in der Gedenkstätte Hada
Dieses Gedenk-Triptychon in Kaufbeuren-Irsee ist nach 20 Jahren plötzlich umstritten - und entspricht scheinbar nicht (mehr) den Kriterien einer "zeitgemäßen Gedenkkultur" zur "Euthanasie" - CLICK ON THE PICTURE

dieser neue film von florian henckel von donnersmarck hangelt sich entfernt an der biografie vom deutschen ausnahmekünstler gerhard richter entlang: besonders hervorstechend bei diesem 3-std. epos ist die tatsächliche verstrickung des nazi-"euthanasie"-schicksals einer tante gerhard richters mit einem onkel, der gleichzeitig ns-"euthanasie"-arzt in dresden war - und der die todesurteile auf den fragebogen zum leistungsvermögen der infragekommenden klientel mit anzukreuzen hatte: opfer und täter also in einer familie ...

der film läuft am 03. oktober 2018 in den deutschen kinos an und ist der deutsche beitrag für die oscar-verleihung im frühjahr 2019.

 

click here & on the picture für einen zdf "aspekte"-beitrag dazu!

click zum gesamten blogbeitrag zur filmankündigung "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" hier ...

 

und hier meine stellungnahme zu diesem film, dessen besprechung in der "welt" auch mir neue aspekte gebracht hat:

 

so wie sich die akteure und schauspieler des "jugendvolxtheaters bethel" neulich das nazi-'euthanasie'-leidensporträt meiner tante erna kronshage in ihr neuestes theaterstück "ich will leben - besonders|anders" "angeeignet" und integriert haben und es in beziehung gesetzt haben zu ihren eigenen begabungen und stärken und gleichzeitig zu ihren (ich sag mal ganz despektierlich vielleicht "pubertären") macken und gewohnheiten und tics - so stelle ich mir auch den oben im interview genannten begriff der "an-archive" und der "an-archäologie" vor, den der medientheoretiker prof. siegfried zielinski da formuliert - und der einen so großen stilistischen eindruck ausgeübt hat auf den film: "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" von alexa karolinski.

 

im artikel zum film heißt es nämlich: "alexas film ist anders als viele dokumentationen über die schoah – er spürt im hier und jetzt, im gespräch mit freunden und freundinnen, mit familie und zufallsbekanntschaften, assoziativ und offen dem horror der geschichte nach." - und das geschieht ja im theaterstück auch: ernas horror wird nachgespürt mit eigenen erarbeiteten szenen und assoziationen und mit der musik und mit dem gebrüll-sound adolf hitlers ("flink wie windhunde - hart wie kruppstahl") von damals unterlegt: aber auch in dynamisch tänzerischen und in sehr nachdenklichen fast zärtlichen sequenzen - authentisch mit heranwachsenden von heute - von jetzt ...


und mir, der sich ja seit ein paar jahrzehnten mittlerweile mit den rekonstruktionen und "archäologischen" freilegungen der ereignisse in erzählformen um meine tante erna kronshage beschäftigt, kommt erstmals die eigentliche schwellensituation da in der gemeinde senne II auf dem geburtsbauernhaus "mühlenkamp" in den sinn: die abrupte auslösung und löschung quasi vorindustrieller produktions- und alltäglicher machtverhältnisse (der dreschflegel, die wasserpumpe, das wäschewaschen am brunnen, das plumpsklo, die wohnung ohne fließendes wasser, die handwerkliche herstellung der alltagsgebrauchsgegenstände - alles unter einem dach mit einer kleinen werkstatt im schuppen nebenan - das miet- und tauschverhältnis mit dem "gutsbauern" und gehöftbesitzer auf der anderen straßenseite, der noch so etwas wie den "zehnten" bekam vom korn, von der milch, von der fleischproduktion usw.) durch das hereinbrechen des "fortschritts", der "utopie", der "moderne" - (damals in gestalt von braunen uniformen, nationalsozialistischen erb- und blut- und bodenparolen und der verachtung alles unproduktiven und "kranken" als "unnütze esser") - ein für damalige verhältnisse ungeheurer werteschock in form der abrupten umwertung quasi in das paradoxe aller bisherigen "guten alten" alltäglichkeiten ... - und damit verbunden entfaltete sich eine subkutan alle lebensbereiche durchdringende wirkung: eine de-regulierung der bisherigen empfindungswelten und sichtweisen des menschen ... - 

 

und das war nach meinem dafürhalten auch die "erkrankung", das "grund"leiden meiner tante erna kronshage ... als ihr quasi von heute auf morgen der boden unter den füßen ihrer bisherigen "identität" weggezogen wird ... - kann sie nur noch verwirrt auf die nase fallen ...


und in diesen umwälzungsprozessen außen stand ja eben erna kronshage in ihrer körperlichen entwicklung auch innerlich: das reifen zur frau, die alltäglich zermürbende handarbeit "im gestern", das abgehängtwerden und die vereinsamung und vereinzelung gegenüber ihren altergenoss*innen und deren leben "im morgen" - auch in bezug zu den erlebnis-katalogen ihrer brüder draußen im feld an der ostfront - denn wie oft sagten früher heimgekehrte überlebende frontsoldaten hinterher: "aber wir haben wenigstens 'die welt' gesehen" ... 


und einer ihrer brüder war anscheinend vom frontdienst freigestellt, um mit seinen tüfteleien als möbeltischler an einer der berüchtigten "wunderwaffen" mitzuarbeiten - einer weiterentwicklung des legendären luft-lastenseglers zu angriffszwecken - so die legende - und so auch hier: utopie traf direkt auf historie - zukünftiges auf vergangenes - die moderne trifft  auf den antiken historismus ...

 

und es geschieht ja auch jetzt beim zuschauen und mitgehen in dem stück beides als eigentlich ambivalentes nebeneinander her: auf der einen seite wird das gefühl der "ferne", der 70-80 jahre zurückliegenden ereignisse aufgerufen als er-innerung  - und gleichzeitig wird eindrücklich die erschreckende aktualität und die eigentliche zeitlosigkeit und alltäglichkeit dieses horrors in die gegenwart projiziert ...

 

und ob es angebracht ist oder besser nicht: ein wenig scheint für mich ja in dem ansatz von alexa karolinski auch der kürzlich verstorbene claude lanzmann mit seinem berühmten "shoah"-film wieder durch: seine langsamen stummen minutenlangen kamerafahrten über das gras auf den massengräbern und seine insistierenden interviews mit den zeitzeugen von damals - und seine überlange oft unterbrochene produktionszeit ...

 

ich habe keine ahnung, ob ich das richtig verstanden habe: aber das alles sind für mich beispiele für das, was ich mit meinen empfindungen wohl unter den für mich erst einmal abstrakten begriffen von "anarchaeologie" und "anarchive" verstehen könnte ... - 

 

und wer also noch einmal selbst diesen gedankengängen folgen möchte: hier der link zum theaterstück und zu erläuterungen der szenenfolge, wie ich sie als zuschauer gedeutet habe.

 

ich habe übrigens einem gewissen wohl 13-köpfigen "inner-circle" von "einschlägigen" verwandten und bekannten diesen theaterstück-link schon vor wochen zukommen lassen - doch ich habe dazu nur eine einzige reaktion und rückmeldung erhalten ... - aber auch das muss wohl so als zeitgemäßes scham-verhalten oder ignorieren so hingenommen werden: augen zu - und durch ...

 

Video der Premiere-Vorstellung vom 02.06.2018 - click here
WESTFALEN-BLATT, Bielefeld, Dienstag 5. Juni 2018, S. 13 - PDF/XXL click here
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Probe: Carlotta Drescher (v.l.), Felicia Frey, Kim Tabert und Linnea Koch gehen die Szenen noch einmal durch. Bis zur Premiere liegt noch viel Arbeit vor den Jugendlichen. Foto: Sylvia Tetmeyer

- Zur Premiere eines Theaterstücks des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt in Bethel findet immer ein Vorab-Pressetermin statt. 
Hier nun die Berichte der beiden Bielefelder Tageszeitungen.  
In dem Stück werden ja auch Momente aus dem viel zu kurzen Leben von Erna Kronshage nachempfunden. Ich bin sehr gespannt auf die Premiere am 02.06.

 

Bewegendes Theaterstück


Jugendvolxtheater: Am Anfang stand Erna Kronshage, die 1944 in Polen ermordet wurde. Die Geschichte bildete den Hintergrund für die 12- bis 15-Jährigen

Gadderbaum (syl). Sie haben sich kein leichtes Thema ausgesucht, die acht Spieler und Spielerinnen des Jugendvolx?theaters. Das Schicksal der ermordeten Erna Kronshage nahmen die 12- bis 15-Jährigen zum Anlass, über das Anderssein, Intoleranz und Gleichschaltung nachzudenken. Herausgekommen ist eine szenische Collage, die berührt. Am 2. Juni ist Premiere des Stückes "Besonders anders - ich will Leben". 

 

"Wir haben Edward Wieand, den Neffen von Erna Kronshage, eingeladen", erzählt Lotti Kluczewitz, die gemeinsam mit Canip Gündogdu die Regie übernommen hat. Die Jugendlichen haben dabei viel über die NS-Verfolgte, die im Sennestadt aufgewachsen ist, erfahren. Außerdem haben sich auf diese Weise Welten aus vergangenen Zeiten eröffnet, die den Spielern vorher nicht bekannt waren. Die Schülerinnen und Schüler entdeckten auch Parallelen zwischen den Geschichten. Kennengelernt haben sich die jungen Frauen und Männer erst im vergangenen Jahr. 

 

"Ich habe schon immer Theater gemacht und wollte früher Schauspielerin werden", sagt Felicia (15). Am Anfang seien verschiedene Themen aufgeschrieben worden. Dann sei die Handlung Stück für Stück entstanden. "Wir haben über unsere Besonderheiten geredet", berichtet Kim Tabert. Bei der Spurensuche sei aufgefallen, dass es sehr schwer sei, "sein eigenes Ding zu machen". Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders. Wer anders sei und aus der Reihe tanze, laufe jedoch Gefahr gemobbt zu werden. "Wie viel soll man sich anpassen, ohne sich selber zu verlieren?" Diese Frage hat sich Felicia gestellt. "Wie vernichtend kann Intoleranz und Engstirnigkeit sein?" "Wohin kann Gleichschaltung und Ausgrenzung führen?" Das sind weitere Fragen, denen die Jugendlichen nachgegangen sind.

 

"Die meisten Szenen haben sich organisch entwickelt", sagt Kluczewitz. Es gebe wenig Bühnenbildteile. Außerdem seien während des gesamten Stückes immer alle acht Mitspieler auf der Bühne. "Jeder hat seinen Part. Wenn einer spricht, bleiben die anderen am Rand sitzen - oder mischen sich ein", erläutert die Regisseurin. Sie bezeichnet die Darbietung als "szenische Collage mit Bewegungschoreografie". Am Stück wirken mit: Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Freitag 18. Mai 2018

 

"Ich will Leben" heißt das neue Stück des Jugendvolxtheaters. Die Akteure befinden sich in den Endproben vor der Premiere am 2.Juni in der Theaterwerkstatt. Foto: Thomas F. Starke | WB

Spurensuche auch nach dem Ich

 

Jugendvolxtheater zeigt neues Stück »Ich will Leben«

 

Bielefeld (bp). Es ist die inzwischen neunte Produktion des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt Bethel: »Ich will Leben – besonders anders« hat am 2. Juni Premiere.

 

Ein Jahr lang wird ein Stück erarbeitet: Material gesammelt, Dialoge geschrieben, Choreografien erdacht. Unter der Regie von Lotti Kluczewitz und Canip Gündogdu entstand ein Stück, an dessen Anfang eine Spurensuche stand. Zunächst haben sich die acht Akteure mit der Geschichte von Erna Kronshage beschäftigt, 1922 in Senne II geboren, 1944 in Polen ermordet.

 

Die Szenen zeigen Parallelen zwischen den jungen Spielern von heute und der Lebensgeschichte von Erna Kronshage auf. Der Titel »Ich will Leben« habe für die Jugendlichen auch die Bedeutung von »Ich will dabei sein, dazu gehören, teilhaben, Freunde haben, so sein«, sagt Lotti Kluczewitz. Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders zu sein. Das Stück wolle zeigen, dass Menschen mehr sind als Bodymaße, Geschlecht, Fähigkeiten oder Träume. Ignoranz, Engstirnigkeit, Ausgrenzung – auch das wird zum Thema gemacht.

 

Im Jugendvolxtheater treffen junge Menschen mit und ohne Einschränkungen aufeinander: Sie besuchen unterschiedliche Schulen oder arbeiten bereits, wohnen in unterschiedlichen Stadtteilen. Die Theaterstücke seien stets geprägt durch die persönlichen Erfahrungen der Akteure. Es spielen mit Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

Aufführungen sind am 2. Juni um 19 Uhr, am 3. Juni um 15 Uhr und am 4. Juni um 19 Uhr in der Theaterwerkstatt an der Handwerkerstraße 5. Kartenreservierung unter Telefon 0521/144-30 40 oder online unter theaterwerkstatt@bethel.de

 

WESTFALEN-BLATT - Freitag 18.05.2018, S. 13

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In diesem Theaterstück werden Szenen nachempfunden aus dem viel zu kurzen Leben meiner Tante
- dem NS-"Euthanasie"-Opfer
 Erna Kronshage - 
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Der Stolperstein für ERNA KRONSHAGE wurde kürzlich erneuert ...

Hier die Standort-Map des Stolpersteins in BI-Sennestadt mit der eingezeichneten Sichtline des Bildes unten ...

 

Bielefeld-Sennestadt -
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße -
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus -
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der Stein wurde erst kürzlich
wegen eines fehlerhaften Eintrags
neu gelegt!

Bericht über meinen Besuch in der Albatros-Schule in BI-Senne - in einer Abschlussklasse für junge Menschen mit besonderen Förderbedarfen ...

Bericht zu Erna Kronshage in der Albatros-Schule (Förderschule) in BI-Senne - CLICK ON THE PICTURE
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