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"EUTHANASIE" . SHOAH . ERNA KRONSHAGE . NEWS

Die Nacherzählung - und ihre Tücken

 

ganz zufällig fand ich in der google-suche einen hinweis auf dieses neu erschienene e-book von bernd mollenhauer: "die peitsche", wo er auf den abschnitten/seiten 339 - 341 dankenswerter weise auch von meiner tante erna kronshage berichtet.

 

 
aber - anders als andere autoren, die textpassagen oder anregungen von "erna's story" verwenden und veröffentlichen, hatte sich bernd mollenhauer nicht mit mir in irgendeiner weise zur abfassung seines textes in verbindung gesetzt.
 
und heraus kommt dann dabei folgende "erna-version", die ich hier mal ungekürzt wiedergeben möchte:

 

 

 
mollenhauer hat sich wohl nicht meiner original-texte bedient, die ja leicht im internet unter dem stichwort "erna kronshage" zu finden wären, sondern er gibt als seine quellen in der fußnote 248 die definition der begriffe "t4" und "euthanasie" bzw. die deutsche ns-mordanstalt "tiegenhof" (heute dziekanka) bei gniezno in polen an, wo erna ermordet wurde.
 
okay - im großen und ganzen hat mollenhauer das martyrium meiner tante in seiner tragik sicherlich erfasst und textlich zusammengefasst.
 
doch wurde eigentlich ohne jeden grund eine damalige 13-köpfige landfamilie mit elf  kindern mal einfach als "streng katholisch" umgetauft, weil mollenhauer wohl den hier in der ravensberger senne die der lutherischen erweckungsbewegung geschuldeten evangelischen familien eine solche große kinderzahl nicht zumutete. die gegend hier war glaubensmäßig lutherisch-protestantisch fest verankert - und so auch familie kronshage. 
 
 
erna's vater kronshage
mit seiner lieblingskuh
jedoch wurde erna als letztes der elf kinder ja 1922 geboren, wo es mit den verhütungsmethoden noch nicht so weit her war - und die kinderanzahl sich damals immer noch auch als die umfassende qualität einer "lebensversicherung" für die alten darstellte, damit sie als senioren noch umfassende hilfe und betreuung hatten (altersheime und siechenhäuser waren noch rar) - kinderreichtum galt auch als äußerlicher "reichtum" - eben nicht als "prekaritär" konnotiert wie heutzutage - und nur die "studierten" hatten wenige kinder...

jedoch war das alles in diesem falle eine "milchmädchen-rechnung", denn da die jungen 1939 zur wehrmacht an die front eingezogen wurden - und die älteren schwestern bereits dem elternhaus entwachsen waren, blieb die minderjährige erna mit ihren über 40 jahre älteren und kränklichen eltern allein mit ihnen mit der last der hofbewirtschaftung zurück. 

 

diesen umstand hat der (also evangelische!) vater in seinen protestbriefen zum zwangsanstaltsaufenthalt in gütersloh und zur zwangssterilisation mehrfach als grund für die entlassungsforderung seiner tochter erna vehement und mehrfach genannt (sie sind alle im memorial blog reproduziert).und auch die von mollenhauer völlig aus der luft gegriffene unterstellte "verehrung" vater kronshages für den "führer" - sogar als "guter nationalsozialist" (und "katholik") ist hiermit auf's schärfste zurückzuweisen. das hat sich mollenhauer einfach aus den fingern gesaugt.                

 

                    
vater kronshage, also mein opa und ernas und meiner mutter vater, ließ seine eingaben und proteste gegen die behandlung, die zwangssterilisation und die internierung in der anstalt gütersloh wohl vom nachbarn, einem von der nsdap suspendierten spd-gemeindemitarbeiter formulieren und heimlich mit der schreibmaschine tippen, denn solche abfassungen und eine solche schreibhilfe, wie sie im memorial-blog abgebildet sind, war im kotten der kronshages nicht vorhanden und es gab auch keine mittel, um gar einen rechtsbeistand zu bezahlen.
 
vater kronshage hatte bis zum 12.12.1943 - also bis zum 21. geburtstag - bis rund 2 monate vor der ermordung ernas in dziekanka/"tiegenhof" - das volle sorgerecht und das umfasste auch das aufenthaltsbestimmungsrecht für seine tochter.

 

insofern war das festhalten in gütersloh besonders nach der erfolgten sterilisation im august 1943 reine schikane und vielleicht eine retourkutsche zu den protestbriefen - und weil der landeshauptmann vom provinzialverband den anstalten die anweisung gegeben hatte, das ehemalige "insassen" auch auf antrag nicht zu entlassen und ggf. festzuhalten seien, da diese "anbrüchigen" (sic!) personen sonst mit ihrem verhalten womöglich in den luftschutzkellern panik auslösen könnten ... 

 

 
stattdessen entledigte man sich ihrer dann mit deportation in die mordanstalten, besonders auch im okkupierten ausland.
 
wer also unbeschadet das ns-euthanasie-tötungs-protokoll in seinen nicht unwichtigen exakten verschiedenen ansprüchen genügenden varianten und nuancen studieren möchte, dem sei diese umfassende multimediale link-sammlung empfohlen wo frau & man sich per click  informieren kann
 
click here
 
Also lese und sehe - und erzähle es weiter ... - damit aus diesen Nacherzählungen zwar Deine - aber "richtige" - Nacherzählungen werden können... 

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inzwischen schrieb mir bernd mollenhauer folgende mail:
 
Sehr geehrter Herr Wieand!  
Besten Dank für Ihre Mail. Ich bin immer froh und dankbar, wenn aufmerksame Leser mich auf unrichtige Darstellungen aufmerksam machen. Und für das falsch wiedergegebene Glaubensbekenntnis der Erna Kronshage kann ich mich nur in aller Form entschuldigen. Die Korrektur werde ich sofort in die Druckvorlage einpflegen. Bitte haben Sie aber etwas Geduld, bis die Korrektur wirksam wird. Aufgrund der technischen Vorgaben seitens der Druckerei, die auch das E-Book hergestellt hat, kann dieser Vorgang einige Tage in Anspruch nehmen. Sollten Sie also noch weitere sachliche Mängel in Bezug auf Erna Kronshage feststellen, bitte ich darum, mir dies umgehend mitzuteilen. 
Mit den besten Grüßen 
Bernd Mollenhauer
 
 

- und hier noch der Link zum dann in Kürze überarbeiteten Buch 
 

NS-Euthanasie

Zum 1.09.2019: Sie wollen den Opfern ihre Würde zurückgeben


Hunderte Menschen aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Biberach sind zwischen Januar und Dezember 1940 von den Nazis in die damalige Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert und dort vergast; so die Schätzung von Johannes Angele, dem Leiter der Interessengemeinschaft (IG) Heimatforschung im Landkreis Biberach.

In einem neuen Projekt will die IG nicht nur eine möglichst vollständige Namensliste aller Opfer aus dem Kreisgebiet erstellen, sondern auch die Biografien dieser Menschen nacherzählen. Dabei hofft die IG auch auf Unterstützung der Bürger.

Bei den Menschen handelte es sich um Patienten, die bis 1940 in den Heil- und Pflegeanstalten in Schussenried, Zwiefalten, Heggbach oder Ingerkingen wegen ihrer zum Teil mehrfachen körperlichen oder psychischen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gepflegt wurden.

 

 

Geheuchelte Anteilnahme: In Briefen wie dem abgebildeten, der an eine Familie in Laupheim ging, wurde den Angehörigen der Deportierten deren Tod in einer der sogenannten Pflegeanstalt mitgeteilt. Die Todesursachen entsprachen dabei nicht der Realität, in Wirklichkeit wurden die Menschen von den Nazis vergast. (Foto: Repro: Johannes Angele/SZ)


1940 ordneten die Nazis die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen an. Diese im Zusammenhang mit den NS-Erbgesundheitsgesetzen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wurde später auch als „Aktion T4“ bekannt, die auf die dafür zuständige Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 Bezug nimmt.

Die Umkehrung des griechischen Begriffs „Euthanasie“ im Sinne von Sterbehilfe stellt mit Blick auf das systematische Töten der Nazis einen Euphemismus dar. Er wird erst in Folge der Strafprozesse nach 1945 in diesem Zusammenhang verwendet.

Um ihre Pläne im Südwesten in die Tat umzusetzen, beschlagnahmten die Nazis im Oktober 1939 – also vor genau 80 Jahren – Schloss Grafeneck und machten daraus in der Folge die erste Tötungsanstalt in Deutschland.

Mehr als 10 600 Menschen kamen dort im Jahr 1940 in der in einer als Garage getarnten Gaskammer zu Tode. Ein Zweck der Tötungen sei gewesen, dadurch ausreichend freie Lazarettplätze für die Folgen des Frankreichfeldzugs zu schaffen, sagt Angele.

Mit Postbussen abgeholt

„Die Menschen wurden mit Reichspost-Bussen aus den Pflegeanstalten abgeholt und nach Grafeneck gebracht“, schildert Bodo Rüdenburg von der IG Heimatforschung.

Er hat als Mitarbeiter der Bibliothek des damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK) Zwiefalten bereits ab den 1980er-Jahren Forschungen über die „Euthanasie“ in Zwiefalten und Schussenried betrieben und publiziert.

Dass in den Erinnerungen von Zeitzeugen immer wieder von „grauen oder grünen Bussen“ die Rede sei, obwohl die Busse der Reichspost eigentlich rot lackiert waren, führt Rüdenburg auf die Zeitumstände zurück.

Zum einen habe man die Busse in Kriegszeiten aus Gründen der Tarnung umlackiert. Des Weiteren seien später die Scheiben geweißelt worden, damit man nicht mehr ins Innere blicken konnte.

 

 

Sogenannte graue Busse brachten die Opfer nach Grafeneck. Dieses Bild aus dem Jahr 1940 wurde heimlich aufgenommen. (Foto: Kreisarchiv Biberach)


Die Tötungen blieben nicht völlig verborgen, inder Bevölkerung kursierten schon bald Gerüchte. Der evangelische Pfarrer Leube aus Schussenried sprach sich in einem Brief an das Reichsinnenministerium gegen die Tötungen aus, erhielt aber nie eine Antwort. In Schussenried erfuhr man erst nach dem Krieg von Leubes Brief.

Das Thema NS-Euthanasie gelte auch heute vielfach noch als Tabu, sagt Angele. Verschämt sei nach dem Krieg darüber gesprochen worden, „dass dieser oder jener in Grafeneck durch den Kamin geschickt“ worden sei.

Seine Hoffnung sei, so Angele, dass durch die zeitliche Distanz zum Geschehen inzwischen ein offenerer Umgang damit möglich sein müsse.

Aufgrund einer perfiden deutschen Gründlichkeit gebe es namentliche Transportlisten der Deportierten. Nach der Wende seien in einem Stasi-Archiv in Berlin auch die Krankenakten vieler der Getöteten entdeckt worden, sagt Rüdenburg. „Die sind zwischenzeitlich restauriert und enthalten Krankengeschichten, aber zum teil auch Fotos und Briefe. Das ist für uns sehr hilfreich.“

Möglichst viele Lebensläufe

Die IG Heimatforschung möchte die Biografien der Getöteten aber über die Akten hinaus nachzeichnen und hofft deshalb auf die Mithilfe von Angehörigen oder anderen Menschen, die etwas über die Opfer wissen.

Ziel ist, so Angele, bis Ende des Jahres eine vollständige Namensliste aller Getöteten aus dem Kreis Biberach, geordnet nach Kommunen, zu haben und in danach möglichst viele ihrer Lebensläufe zu rekonstruieren.

Hier baut er auch auf Unterstützung der Gedenkstätte Grafeneck. Auch die Kreisarchive der Region befassten sich mit dem Thema NS-Euthanasie, sagt Angele. „Wir wollen nicht, dass die Erinnerung an diese Menschen einfach verschwindet, sondern wollen ihnen ihre Würde zurückgeben.“

Veröffentlicht werden sollen die Forschungsergebnisse am Ende in einem Buch. „Wir werden dafür Sorge tragen, dass das in würdiger Form und Sprache geschieht“, verspricht Angele. Denn die Sprache in den Krankenakten sei menschenverachtend.

aus: schwäbische.de (click)

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heute vor 80 jahren erklärte adolf hitler dem nachbarland polen den krieg. das war aber nur die eine seite - die kriegserklärung nach außen. 

 

 

 
sogen. "gnadentod-erlass"
aber später - im nachhinein datiert auf das gleiche datum - erklärte er den krieg nach innen, in dem er den von ihm so bezeichneten "gnadentod"-erlass unterzeichnete bzw. nur mit seinem namenskürzel paraphierte.
 
rein formal-juristisch war dieser mord-erlass nur ein stück papier, aber vor 80 jahren erlangte ein solcher zettel geradezu "gesetzes"-und eine unbedingte befehls-kraft. inzwischen haben einige gerichte und auch internationale gutachter in der nachkriegszeit festgestellt, dass dieser erlass dem reichsgesetzbuch widersprach - und nie und nimmer menschen zum morden hätte bringen und binden dürfen.
 
aber nicht nur der krieg nach außen setzte das "normale" leben außer kraft, sondern auch dieser krieg nach innen setzte all diesen rassenwahn-irrsinn größtenteils ohne jeden widerspruch durch. 
 
hitler hatte eigentlich 1941 - nach 18 monaten - diesen "erlass" wieder zurückgenommen, nach protesten der kirchen und einzelner angehöriger gegen dieses morden in den sechs eigens dafür errichteten vernichtungsanstalten im reichsgebiet. 

in der sogenannten "aktion t 4" wurden dafür zentral in berlin über 71.000 per fragebogen ausgewählte "unbrauchbare" personen ein solch makaberer "gnadentod gewährt". und doch: ab beginn 1942 wurden diese massenmord-aktionen nun dezentral völlig unkontrolliert und stickum weitergeführt in der sogenannten "wilden euthanasie" und im ablauf der "aktion brandt". 
 
denn in dieser "aktion brandt" wurde ad-hoc organisiert, die kriegsversehrten menschen aus dem bombenkrieg und von der front in pflegebetten der psychiatrischen heilanstalten zu behandeln. dafür mussten aber die "angestammten" psychiatrischen langzeit-patienten per anordnung platz machen - und wurden in neue eigens dafür umgewidmete vernichtungsanstalten in die okkupierten gebiete besonders im osten deportiert - wo die deutsche zivilbevölkerung dieses vernichten mit barbituraten und durch verhungern nicht mehr so direkt mitbekommen sollte.
 
in wirklichkeit ging es aber bei all diesen massenmorden um (volks-)wirtschaftliche belange, denn der krieg verschlang ja auf dauer milliarden reichsmark. deshalb wurde immer die "wirtschaftliche verwendbarkeit" all der infrage kommenden patienten geprüft - und wer aufgrund seiner behinderung oder erkrankung keine "leistung" mehr erbrachte, wurde zum "unnützen esser" abgestempelt - und mit seiner ermordung ersparte sich der staat die unterbringungskosten und die sozialabgaben.
 
menschenleben wurden in diesem krieg ja zu reinen zahlen und kostenfaktoren degradiert und hin und her verschoben mit dem rechenschieber - und jede ehrfurcht vor göttlichem leben kam abhanden und wurde rassen-ideologisch passend verbrämt und rein wirtschaftlich bewertet.
 
heute morgen sagte ein nachrichten-sprecher im autoradio, vor 80 jahren habe "nazi-deutschland" dem nachbarland den krieg erklärt und damit den zweiten weltkrieg ausgelöst.
 
ich finde diese begrifflichkeit "nazi-deutschland" in diesem zusammenhang etwas abspaltend und vielleicht gewissermaßen entlastend: aber ein "nazi-deutschland" hat es meines erachtens nie gegeben, sondern eine mehrheitlich und mit überwiegend hurra gewählte reichsregierung unter der führung der "nsdap" - für mich ist es deshalb der krieg, den deutschland gegen die welt außen und gegen die willkürlich ausgewählten nicht leistungsfähigen oder rassistisch aussortierten menschen nach innen geführt hat.
 
und so ganz können auch wir "nachgeborenen" nun nicht die verantwortung aller deutschen, unserer elten und großeltern, einfach an der kasse abgeben - und schwamm drüber - und wird schon wieder ... - und vor allen dingen: das alles war kein "vogelschiss" der geschichte.

Weiter Weg ins Gedächtnis der Gesellschaft

Vor 80 Jahren begann mit dem „Euthanasie“-Programm das erste große Vernichtungsprojekt des NS-Staats

Text von Christoph-David Piorkowski | Tagesspiegel, Donnerstag 29. August 2019, Nr. 23929, S. 25 Wissen & Forschen

 

 

 

Elisabeth Willkomm - Foto aus: www.gedenkort-t4.eu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Die Brandenburgerin Elisabeth Willkomm leidet seit Beginn der 1930er Jahre an wiederkehrenden Depressionen. Aufgrund einer heftigen Episode wird die 29-Jährige im Oktober 1942 nach kurzem Aufenthalt im Krankenhaus in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ überwiesen. Vier Tage später ist sie tot. Die Ärzte erklären eine Herzmuskelschwäche zum Grund ihres plötzlichen Versterbens.

 

Stolperstein für Elisabeth Willkomm

In Wahrheit ist Elisabeth Willkomm eine von zahllosen Patienten und Patientinnen, die im Zuge der
sogenannten „wilden Euthanasie“ in den Krankenhäusern Nazideutschlands umgebracht wurden. Denn auch nach dem vermeintlichen „Euthanasie-Stopp“ vom August 1941 wurde die groß angelegte Ermordung von körperlich, geistig und seelisch beeinträchtigten Menschen still und leise weitergeführt.

Bis Kriegsende haben Ärzte und Pflegepersonal mittels Nahrungsentzug und der Überdosierung von Medikamenten Leben, die sie „lebensunwert“ fanden, nach eigenem Ermessen beendet. In Polen und in der Sowjetunion mordeten die Schergen der SS zahllose Heime und Krankenhäuser leer. Die „nationalsozialistischen Krankenmorde“ reichen also bei Weitem über die etwa 70 000 Menschen hinaus, die unter der Ägide der Zentraldienststelle „T4“ in der Berliner Tiergartenstraße in sechs eigens eingerichteten Tötungsfabriken vergast wurden. Nach aktuellen Expertenmeinungen sind im Reichsgebiet und in Osteuropa mehr als 300 000 Personen Opfer der „Euthanasie“ geworden.

In diesen Tagen liegt der Auftakt des Verbrechens 80 Jahre zurück. 

In einem auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginns, zurückdatierten Schreiben verfügte Hitler die unter dem Euphemismus des Gnadentods firmierende „Vernichtung unwerten Lebens“. Historiker gehen heute davon aus, dass die Krankenmorde stärker ökonomisch als „rassehygienisch“ motiviert waren.

  • „Das maßgebliche Kriterium, das über Leben und Tod entschied, war die Arbeitsfähigkeit“, sagt der Münchner Psychiater und Euthanasie-Forscher Michael von Cranach. 

So wollte man sich die Versorgungskosten für jene Menschen sparen, die man zur Last für den „Volkskörper“ erklärte.

Mit der „Aktion T 4“, der zentral organisierten Ermordung von Kranken mit Kohlenmonoxid, verfolgten die Nazis aber noch andere Ziele. So gilt die Aktion als Testphase für die sich daran anschließende Judenvernichtung. Doch nicht nur die Durchführung der zentralen „Euthanasie“, auch ihr jähes Ende im August 1941, hat unmittelbar mit der Shoah zu tun. Von Cranach sagt, der sogenannte „Euthanasie-Stopp“ sei nur zum Teil mit der Empörung zu erklären, die in Teilen von Kirche und Gesellschaft bestand. Nicht zuletzt sei „T4“ auch deshalb gestoppt worden, weil man das in Organisation und Durchführung von massenhaften Tötungen nunmehr geschulte Personal für den aufwendigeren Holocaust brauchte.
 

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Am 1. September 2019 jährt sich nicht nur das erste groß angelegte Vernichtungsprojekt der Nationalsozialisten, sondern auch das zentrale Gedenken an die Opfer.

  • Seit fünf Jahren gibt es in der Tiergartenstraße 4 in Berlin-Mitte, am Ort der einstigen Schaltstelle des Verbrechens, den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. 

Hinterbliebene und überlebende Opfer haben auf einen zentralen Gedenkort lange warten müssen. Auch deshalb begeht der Förderkreis Gedenkort T4 am morgigen Freitag gemeinsam mit verschiedenen Stiftungen und Verbänden das kleine Jubiläum mit einem Festakt ab 10 Uhr.

Das späte Gedenken an die Euthanasie „hängt sicher auch damit zusammen, dass psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft keinen leichten Stand haben“, sagt von Cranach. Der Psychiater hat viel zur Aufarbeitung der NS-Krankenmorde beigetragen. Gemeinsam mit anderen Sozialpsychiatern und Medizinhistorikern sorgte er in den 80er-Jahren dafür, dass die deutsche Psychiatrie sich der Vergangenheit stellt. Denn nach 1945 gab es keine Zäsur. Der Großteil des „Euthanasie“-Personals wurde unbehelligt von jedweder Bestrafung weiter in den Kliniken beschäftigt.

  • Von Cranach erklärt, dass nicht nur zentrale Akteure, sondern auch die Narrative der NS-Psychiatrie noch lange unvermindert fortwirkten. Weit stärker als in den USA oder in England habe in den „Anstalten“ bis mindestens Ende der 70er-Jahre ein autoritärer und menschenverachtender Geist geherrscht.

Die katastrophalen Zustände einer entsozialisierenden „Verwaltungspsychiatrie“ verbesserten sich in den 80er-Jahren im Zuge der Psychiatriereform. Man dürfe sich aber nicht darauf ausruhen, sagt Michael von Cranach.

  • Aufgrund ihrer Verstrickung ins Verbrechen müsse die Institution der Psychiatrie ganz besonders für die Würde des Einzelnen einstehen. Und nicht nur die Behandlung, auch das Gedenken müsse auf den einzelnen Menschen zugeschnitten sein. 

Am Berliner Gedenkort in direkter Nachbarschaft der Philharmonie werden die Opfer nicht als abstrakte Gruppe repräsentiert. Sie werden als jene Individuen erinnert, als die sie aus dem Leben gerissen wurden. Nur so finden Menschen wie Elisabeth Willkomm einen Weg ins Gedächtnis der Gesellschaft.

Verbrechen und Aufarbeitung 
Nach der Besetzung des Elsass wird 1941 die „Reichsuniversität Straßburg“ gegründet, als geistiges Grenzbollwerk der NS-Ideologie. Dort führen Ärzte menschenverachtende Experimente durch, um die vermeintliche Über­legenheit der „arischen Rasse“ zu beweisen und als kriegswichtig eingestufte medizinische Forschung voranzutreiben, finanziell unterstützt durch Himmlers SS-Forschungseinrichtung „Ahnenerbe“. 1944 wird Straßburg befreit: Im Keller des anatomischen Instituts werden die Leichen von 86 jüdischen Häftlingen gefunden, die der Straßburger Professor für Anatomie, August Hirt, 1943 aus dem KZ Auschwitz ins elsässische KZ Natzweiler-Struthof hatte bringen lassen, wo sie ermordet wurden. Die Leichname sollten einer Skelettsammlung dienen. 1945 nimmt Hirt sich das Leben. 2015 entdeckt der Forscher Raphaël Toledano drei noch bestehende Humanpräparate der 86 Hirt-Opfer in einer Sammlung der Straßburger Rechtsmedizin. Die sterblichen Überreste werden kurz ­darauf beigesetzt. 2016 wird eine internationale unabhängige historische Kommission für eine Laufzeit von vier Jahren etabliert.


„Meine Forschung ist auch politische Arbeit“

Wie man im Elsass mit den NS-Verbrechen an der „Reichsuniversität Straßburg“ umgeht und welche Bedeutung historische Erkenntnis für unser Gegenwart hat – das erklärt die Ärztin und Historikerin Lea Münch im Gespräch


INTERVIEW NICHOLAS POTTER | TAZ

 

 

August Hirt, Arzt und 
Naziverbrecher - Foto: Archiv

taz: Frau Münch, spätestens seit dem Nürnberger Ärzteprozess war bekannt, dass der NS-Anatom August Hirt im Elsass 86 jüdische Häftlinge ermorden ließ, um die Leichname für eine Skelettsammlung zu missbrauchen. Die meisten von ihnen konnten nach Kriegsende bestattet werden. 2015 wurden dann aber drei noch bestehende Humanpräparate der Hirt-Opfer in einer Sammlung der Straßburger Rechtsmedizin gefunden. Wie konnten die dort so lange unentdeckt bleiben?

 

 

 

Studium an der
„Reichsuniversität Straßburg“ –
Propagandabild, NS-Zeitschrift
„Das Reich“, 1941 Foto: Rene Fosshag/Ullstein Bild

 


Lea Münch: Jede medizinische Fakultät hat mehr oder minder umfangreiche Sammlungen. Es finden sich Knochen, Organe und auch Gewebeschnitte für mikroskopische Untersuchungen. Diese können grundsätzlich noch aus dem Deutschen Kaiserreich stammen, aus der NS-Zeit oder aber auch nach 1945 erst angefertigt worden sein. Zwischen 1945 und 1954 wurden in erster Linie nur juristisch auffällige, kriminell verdächtige Versuche und Präparate in Militärprozessen untersucht – bei Weitem nicht alle medizinischen Forschungen und Sammlungen. Ab 1955 verschwand das Thema, besonders im Elsass. Weder Deutschland noch Frankreich fühlten und fühlen sich bis heute wirklich zuständig für die Aufarbeitung und die Verantwortung der NS-Universität Straßburg; Die französische Universität wurde nach Clermont-Ferrand verlagert und die unrechtmäßige „Reichsuniversität Straßburg“ hatte keine Nachfolge. Erst die Identifizierung der drei Präparate 2015 belegte faktisch, dass eine weiterreichende Untersuchung notwendig ist.

Nach dem Fund 2015 wurde eine unabhängige historische Kommission an der Universität Straßburg gebildet, in deren Rahmen Sie promovieren. Was untersuchen Sie genau?

Für den gesamten Zeitraum des Bestehens der „Reichsuniversität Straßburg“ sind die Krankenakten der Psychiatrischen Universitätsklinik erhalten geblieben: Das sind circa 2.500 Krankenakten von 1941 bis 1944 – für Historiker*innen eine umfangreiche Quellenbasis. In den stichprobenartig ausgewerteten Akten konnte ich bisher keine Hinweise auf unnatürliche Todesfälle finden. Sowohl die Aktion „T4“ – also die Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit psychiatrischen Krankheiten und Behinderungen – und die anschließende sogenannte dezentrale „Euthanasie“ fand aber üblicherweise auch nicht an Universitätskliniken statt, sondern in den Heil- und Pflegeanstalten, in denen Menschen mit chronischen Diagnosen untergebracht waren.

Deuten die Akten darauf hin, dass es anderswo im Elsass Euthanasie gab?

Nicht direkt – aus der Psychiatrischen Universitätsklinik wurden aber Menschen mit langwierigen Krankheitsverläufen in die zuständige Heil- und Pflegeanstalt verlegt. Im Januar 1944 gab es einen Transport von 100 Männern aus den elsässischen Anstalten Hoerdt und Stephansfeld in die NS-Tötungsanstalt Hadamar, wo diese Menschen ermordet wurden. In beiden Anstalten findet sich außerdem während des Krieges eine deutliche Übersterblichkeit, die auf Versorgungsengpässe zurückzuführen ist. Ob es auch dort dezentrale Euthanasieformen gab, werde ich erst nach der Auswertung der dortigen Krankenakten sagen können.

Wie wird in der Region mit der NS-Zeit umgegangen?

Das Elsass war schon immer ein Spielball zwischen Frankreich und Deutschland: Die heutige Generation verfügt aber nur noch bedingt über eine spezifische elsässische Identität, sie wurde in Frankreich sozialisiert. Insgesamt berief man sich im öffentlichen Diskurs gerne auf die wenigen Widerstandskämpfer*innen und auf die Opferrolle des Elsass, die sogenannten zwangsverpflichteten „malgré nous“, und marginalisierte die Fragen nach Kollaboration und Täterschaft auf französischer Seite. Daher war es auch nicht einfach, unser Forschungsvorhaben zu realisieren. Mit der aktuellen Generation wird das aber leichter – das zeigt unter anderem die Bildung der Kommission.

Haben elsässische Ärzt*innen mit den Nazis kollaboriert?

Darauf lässt sich keine pauschale Antwort geben, die meisten Fälle sind weder schwarz noch weiß. Vor dem Überfall Nazideutschlands auf Frankreich wurde eine bestimmte Zone in der Nähe der Grenze komplett evakuiert – inklusive der Université de Strasbourg. Viele elsässische Ärzt*innen sind mit in den unbesetzten Teil im Süden Frankreichs gegangen. Das erklärt, warum es an der Straßburger Universität unter den Ärzt*innen keinen größeren Widerstand gab – die in der Résistance tätigen Mediziner*innen waren nicht ins Elsass zurückgekehrt. Ein gewisser Teil der Ärzt*innen ist aber aus den verschiedensten Gründen in das nun unter deutscher Verwaltung stehende und de facto annektierte Elsass zurückgekehrt, was auch von der NS-Verwaltung deutlich gefordert wurde.

Haben die ins Elsass Zurückgekehrten also mit den Nazis zusammengearbeitet?

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Biografie des Chirurgen Adolphe Jung, der zunächst eine der von den Nazis standardmäßig eingeforderten Loyalitätserklärungen unterschrieb, in welcher er sich zu den Grundsätzen des nationalsozialistischen Reichs bekannte. Letztendlich entschied er sich vor der offiziellen Eröffnung der „Reichsuniversität“ aber anders, wurde sozusagen in kleinere badische Orte „zwangsversetzt“ und arbeitete schließlich unter dem berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch an der Berliner Charité. Nach Kriegsende kehrte er nach Straßburg zurück und arbeitete wieder, nicht ohne Schwierigkeiten, an der dortigen Universität. Sein Tagebuch wurde vor Kurzem veröffentlicht. Es bietet einen aufschlussreichen Einblick und zeigt, dass die Entscheidung zwischen Kollaboration und Widerstand nicht immer geradlinig verlaufen ist und es bei jeder Biografie einer historisch differenzierten Betrachtung bedarf.

Mit der „Reichsuniversität Straßburg“ wollten die Nazis ihre Ideologie „wissenschaftlich“ verfestigen. Inwiefern wurde die Wissenschaft ins­tru­mentalisiert?

Der Begriff der Instrumentalisierung ist in diesem Zusammenhang nur bedingt zutreffend, weil dieser eine einseitige Sicht auf die Geschichte impliziert. Wissenschaft ist nie wertfrei zu verstehen und die Nationalsozialisten haben den Wissenschaftsbetrieb nicht einfach unter Zwang für ihre Zwecke vereinnahmt, sondern manche der menschenverachtenden Humanexperimente sind auch auf Eigeninitiative der Ärzt*innen zurückzuführen. Hinzu kommt, dass diese Berufsgruppe in außerordentlich hohem Maß in der ­NSDAP und anderen NS-Organisationen vertreten war. Daher lässt sich das Verhältnis von Wissenschaft und NS-Regime vielmehr als komplexes Wechselspiel beschreiben, von dem beide Seiten auf unterschiedlichen Ebenen profitiert haben.

Was hat Sie motiviert, in diesem Themenbereich zu forschen?

Es ist unerlässlich, die historischen Bedingungen zu verstehen, die zu einer menschenverachtenden Medizin geführt haben. Außerdem hat sich die historische Forschung lange hauptsächlich auf die Täter fokussiert, aber mit dem Schicksal der Opfer hat sich fast niemand beschäftigt. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die physische Vernichtung sowie die Auslöschung der Erinnerung an Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten, war erklärtes Ziel der Nazis. 

Das Einzige, was wir heute noch tun können, ist, zu versuchen den Opfern ein Stück ihrer Identität und Persönlichkeit zurückzugeben. Daher verstehe ich meine Forschung auch als eine Form von politischer Arbeit. Trotz der Schlussstrichrhetorik der AfD und anderen Rechten ist das Thema noch nicht abgeschlossen.

 

 

Lea Münch -
Foto: Nicholas Potter

 

 

 

Lea Münch, 28, ist Ärztin und Medizinhistorikerin. Sie studierte an der Berliner Charité. Aktuell promoviert sie im Rahmen der historischen Kommis­sion an der Université de Strasbourg.
Text & Bilder: TAZ, Freitag, 23.08.2019, taz zwei, S.13

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gerade wenn die anzahl "zeitzeugen" der shoah und der ns-euthanasie allmählich altersbedingt immer weniger wird, ist es gut zu wissen, dass eine solche relativ junge ärztin und medizinhistorikerin wie lea münch nun mit dabei ist, das dunkle kapitel der ns-medizin mit akribie aufzurollen. diesmal ist also das elsass der schauplatz, was wieder ein beweis dafür ist, dass sich über das gesamte reichsgebiet und vor allen dingen auch über die okkupierten (rand)gebiete ein netz von vernichtungsstätten und  "forschungs"-anstalten spannte, auch gern etwas außerhalb der zentren und ballungsräume, damit die "zivil"bevölkerung nicht zuviel davon mitbekommen sollte.
 
und auch hier in diesen forschungsarbeiten von lea münch zeigt sich wieder, dass nicht nur die nazis in sachen menschenversuche und euthanasie-tod initiativ waren, sondern dass es eine hand-in-hand zusammenarbeit mit der medizinforschung insgesamt gab.
 
die eugenik, also die erblehre, war der ideologische motor des ganzen unternehmens, und bereits seit den 20er jahren waren diese dafür einschlägigen paradigmen maßgebend für die gesamte wissenschaftlich-medizinische denke und forchung - und nicht nur in deutschland, sondern das waren die "modernen" erkenntnisse der zeit: weltweit.
 
jedes "volk" wollte sich von allem "unrat" säubern - und der makellose übermensch sollte im wahrsten sinne des wortes als nationale rasse gezüchtet werden, um so auch den anderen national"völkern" überlegen zu sein - und "minderwertiges" auszurotten und in zukunft zu verhindern - und "minderwertige völker" zu unterwerfen und zu kolonialisieren. und neben diesen (inter-)nationalen rassen-bestrebungen ging es aber auch sozialpolitisch um pure knete: um kriege zu führen und finanzieren zu können sollten die allgemeinen sozialausgaben z.b. für dauererkrankte behinderte menschen gesenkt werden oder gar wegfallen - und das ging nur durch eine gnadenlose tödliche selektion aller menschen mit "abweichungen" - und diese abweichungen galt es wissenschaftlich zu erfassen: und genau diese "abweichungen" mussten ja nun irgendwie durch eine art eugenisch formulierte "ethik-norm" fixiert werden - und dafür schufen sich ns-partei, sozialpolitik und die naturwissenschaftlich-medizinische forschung ihre unverbrüchlichen rigorosen auslese-kriterien - wenn auch hier und da mit einigen wenigen lokalen "abweichlern".
 
und das fatale ist: im großen & ganzen muckte dagegen das "volk" kaum auf. bis auf ein paar "märtyrer" in den kirchen und in einigen wenigen betroffenenen familien - alle anderen wussten oder ahnten zumindest, was da ablief - aber das persönliche leid, das der gleichzeitig tobende krieg nun mit in jede familie brachte, war den einzelnen ja viel näher in ihrer trauer und betroffenheit - und die 300.000 euthanasie-opfer wurden größtenteils erfolgreich kollektiv innerpsychisch "abgespalten" und "verdrängt"...
 
aber hoffentlich gibt es immer wieder neu solche forscher*innen wie lea münch, die dem allen wissenschaftlich nachspüren und nach fast 80 jahren aufarbeiten. danke.
 

Jahrestag: 103 jüdische Menschen besteigen am 10. Juli 1942 am Hauptbahnhof einen Zug, angeblich in Richtung Warschau. Eine von ihnen ist die Bielefelderin Thekla Lieber. Ihre Postkarten sind ein letztes Lebenszeichen. Sie bringen Jahrzehnte später eine schreckliche Wahrheit ans Licht...


Erste Deportation nach Auschwitz
begann in Bielefeld

Von Christine Panhorst | NW

Es ist ein Freitag, heute vor 77 Jahren. Am 10. Juli 1942 startet ein Zug vom Bielefelder Bahnhof. In den Waggons: 103 Menschen Jüdinnen und Juden aus dem Gestapobezirk Bielefeld sowie aus Münster, Dortmund und Osnabrück. Das Ziel ist Warschau, so macht man sie glauben. Die Gestapo gestattet ihnen, unterwegs Postkarten zu schreiben. Es sind letzte Lebenszeichen, die Jahrzehnte später eine Spurensuche ermöglichen. An ihrem Ende steht eine schreckliche Gewissheit: Ankunftsort ist damals nicht Warschau, sondern das neue „Zentrum der Massenvernichtung“.

Der Deportationszug aus Bielefeld, das legen jüngste Forschungen nahe, ist der erste
große Transport im Deutschen Reich, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
anfährt. Mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden werden aus ihren Familien gerissen und
nach Stopps in Hamburg, Ludwigslust, Berlin und Magdeburg verschleppt. Zugleich ist
es die einzige Deportation vom Startbahnhof Bielefeld, bei der es später keine
Überlebenden geben wird.

Diese Postkarte beginnt Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 „kurz vor Berlin“:

 

 

Foto:
Sammlung Kai-Uwe von Hollen


„12 – kurz vor Berlin. Meine Lieben! Sicher habt Ihr meine diversen Karten erhalten.
Bisher geht es uns gut, sind sehr betreut. Fahre mit Frau Jakobs aus Sögel mit Tochter
Frau de Vries und Kind. Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man sich
gewöhnt, ist gut, dass man viel schläft und die Zeit wenigstens nicht nachdenkt. (. . .)
Wir halten und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen. Montag werden wird, wenn’s
gut geht, am Ziel sein.
Braucht Euch nicht zu betrüben, so Gott will, wird’s schon werden. Seid nochmals
herzlich gegrüßt und geküßt von Eurer Mutter“

. . . schreibt die Bielefelderin Thekla Lieber am 12. Juli 1942 aus dem Deportationszug
bei Berlin.

Jener Freitag im Juli 1942 ist ein Auftakt zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und Bielefelder Stadtgeschichte. Davon erzählen eindrücklich in Zeilen voller Angst und Hoffnung, Sorge und Liebe die Nachrichten der Deportierten – wie die der Bielefelderin Thekla Lieber.

An der Ritterstraße (heute Ecke Notpfortenstraße) hat die Geschäftsfrau ursprünglich
einen Handel mit Öfen, Eisen- und Haushaltswaren betrieben, der in der
Reichspogromnacht zerstört wird. „Macht euch keinen Kummer um mich, bleibt Ihr
nur gesund“, schreibt die 60-Jährige zwei Tage vor Abfahrt des Zuges auf einer
Postkarte an Tochter und Schwiegersohn in Brüssel. Den Bescheid zur Deportation hat
sie kurz zuvor plötzlich erhalten.

Sie reise über Hamburg, weiß Lieber schon früh. Das Ziel sei Warschau, notiert sie auf
einer ihrer Karten, die sie im Sammellager Kyffhäuser am Kesselbrink schreibt (heute
Standort der Restetruhe). „Ich hoffe, dass, so Gott will, mir die Seelenkräfte verbleiben,
alles zu überwinden.“

 

 

 

 

Letzte Lebenszeichen: Die Bielefelderin Thekla Lieber, geb. Heine, (*1882)
führte mit ihrem Mann ursprünglich ein Geschäftshaus an der Ritterstraße. Aus
dem Deportationszug darf sie noch Postkarten an Tochter und Schwiegersohn
schreiben, die nach Brüssel flohen.                            Foto: Sammlung Brigitte Decker

Sechs ihrer Postkarten wird ihre geflohene Tochter durch den Krieg retten. Eine davon
schreibt ihr die Mutter aus dem Zug bei Hamburg. Das Kartenschreiben ist den
Deportierten – das ist ungewöhnlich – offenbar gestattet. In ihren Karten berichten sie
zudem von „warmem Essen“ und „allerlei Verpflegung“ unterwegs. Immer heißt es:
Warschau.

Unterdessen führt die Fahrt weiter über Berlin und Magdeburg, an jedem Stopp
steigen Hunderte Menschen zu. Die Witwe Lieber aus Bielefeld schwankt am 12. Juli
zwischen Hoffen und Bangen: „Das Wetter ist herrlich. Allmählich beginnt’s, dass man
sich gewöhnt. (. . .) Wir halten, und wieder besteigen Hunderte Gefährten diesen
unendlich langen Zug. Der Menschheit ganzer Jammer ist zu sehen.“ Es ist ihre letzte
Karte.

Das letzte dokumentierte Lebenszeichen der Deportierten des Bielefelder Zuges
stammt von den Schwestern Clara Lorch (60) und Meta Meyer (53) aus Bad
Lippspringe. Ihre Karte ist in Oppeln abgestempelt – gut 140 Kilometer vor Auschwitz.
Der Rest sind Indizien einer bewussten Täuschung: Mal taucht das Ziel „Warschau“,
mal das Ziel „Auschwitz“ in offiziellen Unterlagen zu diesem Transport auf. Ein Koffer,
der in Auschwitz-Birkenau in einer Ausstellung zu sehen ist, gehört einem in Hamburg
Zugestiegenen. Angehörige senden schon 1942 auf Verdacht Briefe nach Auschwitz
oder erhalten auf Nachfragen hin den Hinweis „Auschwitz/Krakau“.

 

 

 

Abfahrtsort ins Ungewisse: Vorherige Depotationen aus
Bielefeld hatten Warschau oder Riga zum Ziel, wie auch der
Transport am 23.Dezember 1941, der fotografisch dokumentiert
ist. Foto: Stadtarchiv Bielefeld 


Die letzte Gewissheit fehlt. Zu viele Dokumente wurden kurz vor Kriegsende in
Bielefeld vernichtet.

Was bekannt ist: dass sich SS-Reichsführer Heinrich Himmler eine Woche nach Abfahrt
des Bielefelder Zuges das neue Vernichtungslager vorführen lässt.

 

 

 

Postkarten sind Puzzleteile der Vergangenheit: Die Bielefelder Forscher können anhand abgestempelter Postkarten belegen, dass der Zug über Hamburg, Ludwigslust, Berlin, Magdeburg und Breslau bis nach Oppeln in Polen fuhr. Hier verliert sich seine Spur - 140 Kilometer vor Auschwitz.                                                                      Grafik: Schultheiss - Daten: von Hollen, Decker, Freier


 
  • Der Text ist entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Martin Decker sowie unter Verwendung von Materialien der Holocaustforscher Martin Decker, Kai-Uwe von Hollen und Thomas Freier.
 
 
Quelle: Neue Westfälische, 10.7.2019, Lokales S. 17

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„das vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“, hat christa wolf einen ursprünglichen satz von william faulkner weitergeführt. 
 
und ein bundestagsabgeordneter, der 2019 im deutschen bundestag sitzt, hat ja die gesamte ns-zeit mit all ihrem morden und leiden einfach mal zu einem "vogelschiss" abqualifiziert und heruntergespielt, den wir endlich bitteschön mal vergessen und verdrängen sollen.
 
da ist es schon ungeheuer wichtig, dass eine zeitung zum jahrestag der abfahrt des ersten durchgehenden deportationszuges nach auschwitz aus bielefeld vor 77 jahren eine ganze lokalseite zur dokumentation dieses vorganges nutzt - und am mahnmal vor dem bielefelder hauptbahnhof heute die namen von 103 deportierten aus bielefeld verlesen werden - es gab keine überlebenden. und vorgelesen werden auch die postkarten-texte dieser menschen, die sie während dieser fahrt in die ungewissheit und letztendlich in den tod an ihre lieben schrieben - erstmals beteiligt sich auch an dieser gedenkveranstaltung ein muslimischer verein, die "kreuzberger initiative gegen antisemitismus und islamfeindlichkeit" bielefeld (kgia).
 
das können dann hoffentlich auch viele schüler mitnehmen in den ferienstart in ein paar tagen - und vielleicht selbst mittels smart- oder i-phone oder tablet recherchieren, was mindestens genauso spannend und lehrreich ist als irgendein buntes 3-d-spiel, das auf dem display rauf und runter blinkt.
 
nein, wir dürfen uns nicht "fremd" stellen, wie christa wolf das ausgedrückt hat, wir dürfen uns nicht davon "abtrennen" oder es gar vergessen. wir sind es den opfern und ihrer würde auch nach 77 jahren immer noch und weiter bis in die zukunft schuldig, diese verirrungen eines ganzen volkes an sich herankommen zu lassen und zu durchleben: diese fast 18 stündige bahnfahrt zwischen hoffen und bangen  und dann der todesgewissheit für 1604 kilometer schienenstrecke, mit all den stationen und zusteige-halts: "wieder besteigen hunderte gefährten diesen unendlich langen zug", wie frau lieber das auf ihrer postkarte schreibt: "der menschheit ganzer jammer ist zu sehen" ... - das noch von wegen "vogelsch...".
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update:
 



















Gegen das Vergessen: Rund 80 Bielefelder erinnerten vor dem Hauptbahnhof an die Deportierten vom 10. Juli 1942. Martin Decker (Friedensgruppe) steht hier am Rednerpult. Foto: Mike-Dennis Müller | NW

 

 

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zu meinem kommentar dieser vorwürfe an bethel: click here

click here  oder in "Spiegel" Nr. 23/2019, S. 112 ff. lesen ... - und dazu meinen kommentar im sinedi-blog

 

 
click to sinedi-blog
click here
am 5.04.2019 zeigte der wdr in der lokalzeit owl einen 4,5-min. beitrag zum 100-jährigen bestehen des lwl-klinikums gütersloh, das 1919 - nach dem 1. weltkrieg - schließlich voll in betrieb genommen wurde.
 
die bildsequenzen belegen, welchen stellenwert die "industrielle" massen-psychiatrie bis in die 70er/80er jahre hatte, ehe dann mit der psychiatrie-enquete 1975 eine gewisse wende hin zur "sozialen psychiatrie" - einhergehend mit einer auflösung der groß-psychiatrien, einer differenzierteren ambulanteren diagnostik und behandlung mit kürzeren einzelfall-verweildauern eingeleitet wurde - so wie sie wohl auch erna kronshage bereits für sich als hilfe zur genesung erwartet hatte ... 
 
  • aber "wikipedia" schreibt lapidar über gütersloh zu der zeit: 
"während der zeit des nationalsozialismus wurde ab 1936 die fürsorge für psychisch kranke und geistig behinderte auf die nationalsozialistische rassenhygiene ausgerichtet. in den jahren 1940 bis 1943 wurden 1.017 patienten als 'gänzlich gemeinschafts- und arbeitsunfähig' eingestuft und in tötungsanstalten deportiert. im jahr 2014 wurde eine gedenkstätte für die opfer eingeweiht."

 

 
das leidensporträt meiner tante erna kronshage (* 1922 - + 1944) ist mit gütersloh eng verstrickt:

 

  • 1942 ließ sie sich dorthin  in die "heil"anstalt einweisen, um eine persönliche überforderungs- und verstimmungssituation rasch zu überwinden,
  • hier verpasste man ihr jedoch rasch die zweifelhafte "erbkrankheits"-diagnose: "schizophrenie", 
  • die dann 1943 auf antrag des dortigen anstaltsleiters dr. werner hartwich nach zwei verhandlungen zur zwangssterilisation führte - 
  • im herbst 1943 wurde sie dann schließlich von dort "als gemeinschafts- deportiert zur tötungsanstalt tiegenhof bei gnesen (heute dziekanka/gniezno in polen), wo sie mit weiteren ca. 5000 psychiatriepatienten am 20.02.1944 ermordet wurde.

 

 

das martyrium von der einweisung bis zur ermordung erstreckte sich insgesamt über einen zeitraum von gerade einmal 484 tagen (!) ...

 

 
die autorin dieses wdr-beitrages, bärbel wegener, schrieb mir dazu u.a.: "erna kronshages geschichte ist immer noch am besten dokumentiert, ich würde sie zu diesem anlass gerne nochmal aufgreifen.*)" -
 
hier also eine kopie dieses beitrages zum 100-jährigen ... 

 

click here

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*) frau wegener hatte 2014 einen beitrag zu erna kronshage (click) gemacht ...

click to wikiwand: erna kronshage
WESTFALENPOST WARSTEIN 25.11.2018 - show more - click on the picture
11. Oktober 2018: Eindrückliches Feature der DLF-Redakteurin Johanna Herzing, die selbst Angehörige eines NS-"Euthanasie"-Opfers ist, über das innerfamiliäre Verschweigen. Die Aufnahmen zum Feature wurden auf der Angehörigentagung in der Gedenkstätte Hada
Dieses Gedenk-Triptychon in Kaufbeuren-Irsee ist nach 20 Jahren plötzlich umstritten - und entspricht scheinbar nicht (mehr) den Kriterien einer "zeitgemäßen Gedenkkultur" zur "Euthanasie" - CLICK ON THE PICTURE

dieser neue film von florian henckel von donnersmarck hangelt sich entfernt an der biografie vom deutschen ausnahmekünstler gerhard richter entlang: besonders hervorstechend bei diesem 3-std. epos ist die tatsächliche verstrickung des nazi-"euthanasie"-schicksals einer tante gerhard richters mit einem onkel, der gleichzeitig ns-"euthanasie"-arzt in dresden war - und der die todesurteile auf den fragebogen zum leistungsvermögen der infragekommenden klientel mit anzukreuzen hatte: opfer und täter also in einer familie ...

der film läuft am 03. oktober 2018 in den deutschen kinos an und ist der deutsche beitrag für die oscar-verleihung im frühjahr 2019.

 

click here & on the picture für einen zdf "aspekte"-beitrag dazu!

click zum gesamten blogbeitrag zur filmankündigung "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" hier ...

 

und hier meine stellungnahme zu diesem film, dessen besprechung in der "welt" auch mir neue aspekte gebracht hat:

 

so wie sich die akteure und schauspieler des "jugendvolxtheaters bethel" neulich das nazi-'euthanasie'-leidensporträt meiner tante erna kronshage in ihr neuestes theaterstück "ich will leben - besonders|anders" "angeeignet" und integriert haben und es in beziehung gesetzt haben zu ihren eigenen begabungen und stärken und gleichzeitig zu ihren (ich sag mal ganz despektierlich vielleicht "pubertären") macken und gewohnheiten und tics - so stelle ich mir auch den oben im interview genannten begriff der "an-archive" und der "an-archäologie" vor, den der medientheoretiker prof. siegfried zielinski da formuliert - und der einen so großen stilistischen eindruck ausgeübt hat auf den film: "lebenszeichen - jüdischsein in berlin" von alexa karolinski.

 

im artikel zum film heißt es nämlich: "alexas film ist anders als viele dokumentationen über die schoah – er spürt im hier und jetzt, im gespräch mit freunden und freundinnen, mit familie und zufallsbekanntschaften, assoziativ und offen dem horror der geschichte nach." - und das geschieht ja im theaterstück auch: ernas horror wird nachgespürt mit eigenen erarbeiteten szenen und assoziationen und mit der musik und mit dem gebrüll-sound adolf hitlers ("flink wie windhunde - hart wie kruppstahl") von damals unterlegt: aber auch in dynamisch tänzerischen und in sehr nachdenklichen fast zärtlichen sequenzen - authentisch mit heranwachsenden von heute - von jetzt ...


und mir, der sich ja seit ein paar jahrzehnten mittlerweile mit den rekonstruktionen und "archäologischen" freilegungen der ereignisse in erzählformen um meine tante erna kronshage beschäftigt, kommt erstmals die eigentliche schwellensituation da in der gemeinde senne II auf dem geburtsbauernhaus "mühlenkamp" in den sinn: die abrupte auslösung und löschung quasi vorindustrieller produktions- und alltäglicher machtverhältnisse (der dreschflegel, die wasserpumpe, das wäschewaschen am brunnen, das plumpsklo, die wohnung ohne fließendes wasser, die handwerkliche herstellung der alltagsgebrauchsgegenstände - alles unter einem dach mit einer kleinen werkstatt im schuppen nebenan - das miet- und tauschverhältnis mit dem "gutsbauern" und gehöftbesitzer auf der anderen straßenseite, der noch so etwas wie den "zehnten" bekam vom korn, von der milch, von der fleischproduktion usw.) durch das hereinbrechen des "fortschritts", der "utopie", der "moderne" - (damals in gestalt von braunen uniformen, nationalsozialistischen erb- und blut- und bodenparolen und der verachtung alles unproduktiven und "kranken" als "unnütze esser") - ein für damalige verhältnisse ungeheurer werteschock in form der abrupten umwertung quasi in das paradoxe aller bisherigen "guten alten" alltäglichkeiten ... - und damit verbunden entfaltete sich eine subkutan alle lebensbereiche durchdringende wirkung: eine de-regulierung der bisherigen empfindungswelten und sichtweisen des menschen ... - 

 

und das war nach meinem dafürhalten auch die "erkrankung", das "grund"leiden meiner tante erna kronshage ... als ihr quasi von heute auf morgen der boden unter den füßen ihrer bisherigen "identität" weggezogen wird ... - kann sie nur noch verwirrt auf die nase fallen ...


und in diesen umwälzungsprozessen außen stand ja eben erna kronshage in ihrer körperlichen entwicklung auch innerlich: das reifen zur frau, die alltäglich zermürbende handarbeit "im gestern", das abgehängtwerden und die vereinsamung und vereinzelung gegenüber ihren altergenoss*innen und deren leben "im morgen" - auch in bezug zu den erlebnis-katalogen ihrer brüder draußen im feld an der ostfront - denn wie oft sagten früher heimgekehrte überlebende frontsoldaten hinterher: "aber wir haben wenigstens 'die welt' gesehen" ... 


und einer ihrer brüder war anscheinend vom frontdienst freigestellt, um mit seinen tüfteleien als möbeltischler an einer der berüchtigten "wunderwaffen" mitzuarbeiten - einer weiterentwicklung des legendären luft-lastenseglers zu angriffszwecken - so die legende - und so auch hier: utopie traf direkt auf historie - zukünftiges auf vergangenes - die moderne trifft  auf den antiken historismus ...

 

und es geschieht ja auch jetzt beim zuschauen und mitgehen in dem stück beides als eigentlich ambivalentes nebeneinander her: auf der einen seite wird das gefühl der "ferne", der 70-80 jahre zurückliegenden ereignisse aufgerufen als er-innerung  - und gleichzeitig wird eindrücklich die erschreckende aktualität und die eigentliche zeitlosigkeit und alltäglichkeit dieses horrors in die gegenwart projiziert ...

 

und ob es angebracht ist oder besser nicht: ein wenig scheint für mich ja in dem ansatz von alexa karolinski auch der kürzlich verstorbene claude lanzmann mit seinem berühmten "shoah"-film wieder durch: seine langsamen stummen minutenlangen kamerafahrten über das gras auf den massengräbern und seine insistierenden interviews mit den zeitzeugen von damals - und seine überlange oft unterbrochene produktionszeit ...

 

ich habe keine ahnung, ob ich das richtig verstanden habe: aber das alles sind für mich beispiele für das, was ich mit meinen empfindungen wohl unter den für mich erst einmal abstrakten begriffen von "anarchaeologie" und "anarchive" verstehen könnte ... - 

 

und wer also noch einmal selbst diesen gedankengängen folgen möchte: hier der link zum theaterstück und zu erläuterungen der szenenfolge, wie ich sie als zuschauer gedeutet habe.

 

ich habe übrigens einem gewissen wohl 13-köpfigen "inner-circle" von "einschlägigen" verwandten und bekannten diesen theaterstück-link schon vor wochen zukommen lassen - doch ich habe dazu nur eine einzige reaktion und rückmeldung erhalten ... - aber auch das muss wohl so als zeitgemäßes scham-verhalten oder ignorieren so hingenommen werden: augen zu - und durch ...

 

Video der Premiere-Vorstellung vom 02.06.2018 - click here
WESTFALEN-BLATT, Bielefeld, Dienstag 5. Juni 2018, S. 13 - PDF/XXL click here
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Probe: Carlotta Drescher (v.l.), Felicia Frey, Kim Tabert und Linnea Koch gehen die Szenen noch einmal durch. Bis zur Premiere liegt noch viel Arbeit vor den Jugendlichen. Foto: Sylvia Tetmeyer

- Zur Premiere eines Theaterstücks des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt in Bethel findet immer ein Vorab-Pressetermin statt. 
Hier nun die Berichte der beiden Bielefelder Tageszeitungen.  
In dem Stück werden ja auch Momente aus dem viel zu kurzen Leben von Erna Kronshage nachempfunden. Ich bin sehr gespannt auf die Premiere am 02.06.

 

Bewegendes Theaterstück


Jugendvolxtheater: Am Anfang stand Erna Kronshage, die 1944 in Polen ermordet wurde. Die Geschichte bildete den Hintergrund für die 12- bis 15-Jährigen

Gadderbaum (syl). Sie haben sich kein leichtes Thema ausgesucht, die acht Spieler und Spielerinnen des Jugendvolx?theaters. Das Schicksal der ermordeten Erna Kronshage nahmen die 12- bis 15-Jährigen zum Anlass, über das Anderssein, Intoleranz und Gleichschaltung nachzudenken. Herausgekommen ist eine szenische Collage, die berührt. Am 2. Juni ist Premiere des Stückes "Besonders anders - ich will Leben". 

 

"Wir haben Edward Wieand, den Neffen von Erna Kronshage, eingeladen", erzählt Lotti Kluczewitz, die gemeinsam mit Canip Gündogdu die Regie übernommen hat. Die Jugendlichen haben dabei viel über die NS-Verfolgte, die im Sennestadt aufgewachsen ist, erfahren. Außerdem haben sich auf diese Weise Welten aus vergangenen Zeiten eröffnet, die den Spielern vorher nicht bekannt waren. Die Schülerinnen und Schüler entdeckten auch Parallelen zwischen den Geschichten. Kennengelernt haben sich die jungen Frauen und Männer erst im vergangenen Jahr. 

 

"Ich habe schon immer Theater gemacht und wollte früher Schauspielerin werden", sagt Felicia (15). Am Anfang seien verschiedene Themen aufgeschrieben worden. Dann sei die Handlung Stück für Stück entstanden. "Wir haben über unsere Besonderheiten geredet", berichtet Kim Tabert. Bei der Spurensuche sei aufgefallen, dass es sehr schwer sei, "sein eigenes Ding zu machen". Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders. Wer anders sei und aus der Reihe tanze, laufe jedoch Gefahr gemobbt zu werden. "Wie viel soll man sich anpassen, ohne sich selber zu verlieren?" Diese Frage hat sich Felicia gestellt. "Wie vernichtend kann Intoleranz und Engstirnigkeit sein?" "Wohin kann Gleichschaltung und Ausgrenzung führen?" Das sind weitere Fragen, denen die Jugendlichen nachgegangen sind.

 

"Die meisten Szenen haben sich organisch entwickelt", sagt Kluczewitz. Es gebe wenig Bühnenbildteile. Außerdem seien während des gesamten Stückes immer alle acht Mitspieler auf der Bühne. "Jeder hat seinen Part. Wenn einer spricht, bleiben die anderen am Rand sitzen - oder mischen sich ein", erläutert die Regisseurin. Sie bezeichnet die Darbietung als "szenische Collage mit Bewegungschoreografie". Am Stück wirken mit: Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Freitag 18. Mai 2018

 

"Ich will Leben" heißt das neue Stück des Jugendvolxtheaters. Die Akteure befinden sich in den Endproben vor der Premiere am 2.Juni in der Theaterwerkstatt. Foto: Thomas F. Starke | WB

Spurensuche auch nach dem Ich

 

Jugendvolxtheater zeigt neues Stück »Ich will Leben«

 

Bielefeld (bp). Es ist die inzwischen neunte Produktion des Jugendvolxtheaters der Theaterwerkstatt Bethel: »Ich will Leben – besonders anders« hat am 2. Juni Premiere.

 

Ein Jahr lang wird ein Stück erarbeitet: Material gesammelt, Dialoge geschrieben, Choreografien erdacht. Unter der Regie von Lotti Kluczewitz und Canip Gündogdu entstand ein Stück, an dessen Anfang eine Spurensuche stand. Zunächst haben sich die acht Akteure mit der Geschichte von Erna Kronshage beschäftigt, 1922 in Senne II geboren, 1944 in Polen ermordet.

 

Die Szenen zeigen Parallelen zwischen den jungen Spielern von heute und der Lebensgeschichte von Erna Kronshage auf. Der Titel »Ich will Leben« habe für die Jugendlichen auch die Bedeutung von »Ich will dabei sein, dazu gehören, teilhaben, Freunde haben, so sein«, sagt Lotti Kluczewitz. Besonders heiße nicht besser oder schlechter, sondern anders zu sein. Das Stück wolle zeigen, dass Menschen mehr sind als Bodymaße, Geschlecht, Fähigkeiten oder Träume. Ignoranz, Engstirnigkeit, Ausgrenzung – auch das wird zum Thema gemacht.

 

Im Jugendvolxtheater treffen junge Menschen mit und ohne Einschränkungen aufeinander: Sie besuchen unterschiedliche Schulen oder arbeiten bereits, wohnen in unterschiedlichen Stadtteilen. Die Theaterstücke seien stets geprägt durch die persönlichen Erfahrungen der Akteure. Es spielen mit Noah Böckelmann, Carlotta Drescher, Tessa Erichsen, Felicia Frey, Linnea Koch, David Nalimov, Kim Tabert und Marlene Wohlhüter.

 

Aufführungen sind am 2. Juni um 19 Uhr, am 3. Juni um 15 Uhr und am 4. Juni um 19 Uhr in der Theaterwerkstatt an der Handwerkerstraße 5. Kartenreservierung unter Telefon 0521/144-30 40 oder online unter theaterwerkstatt@bethel.de

 

WESTFALEN-BLATT - Freitag 18.05.2018, S. 13

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In diesem Theaterstück werden Szenen nachempfunden aus dem viel zu kurzen Leben meiner Tante
- dem NS-"Euthanasie"-Opfer
 Erna Kronshage - 
click here

Der Stolperstein für ERNA KRONSHAGE wurde kürzlich erneuert ...

Hier die Standort-Map des Stolpersteins in BI-Sennestadt mit der eingezeichneten Sichtline des Bildes unten ...

 

Bielefeld-Sennestadt -
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße -
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus -
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der Stein wurde erst kürzlich
wegen eines fehlerhaften Eintrags
neu gelegt!

Bericht über meinen Besuch in der Albatros-Schule in BI-Senne - in einer Abschlussklasse für junge Menschen mit besonderen Förderbedarfen ...

Bericht zu Erna Kronshage in der Albatros-Schule (Förderschule) in BI-Senne - CLICK ON THE PICTURE
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