Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

  • Kontakt
  • Kritik
  • Diskussion
  • Danksagungen
  • und Ermunterungen: 

info[ɛt]eddywieand (minus)sinedi(dot)de

CLICK HERE TO WIKIPEDIA
CLICK
40 jahre diakonische arbeit: das kronenkreuz
click
das große (z)erbrechen: mach kaputt was dich kaputtmacht
click
CLICK HERE TO CREATIVE CHANNELS - sinedi-website - teil 2

° geschichte.leben.

    gedenken . geh denken . 

 

Bei der letzten Ruhestätte des Leichnams von Erna Kronshage werden Blumen abgelegt - Videostill: WDR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ERNA KRONSHAGE

MEMORIAL.TRIPTYCHON

 

 

GEDENKEN

GEH DENKEN

ER.INNERN

 

 

simulationsmontage des triptychons - unter verwendung einer werbeanzeige für das beleuchtungssystem "coordinates"der fa. "www.flos.com" im "zeit-magazin" no.14/2021, s.8/9 v.31.3.2021 ----

 "memorial" triptychon zu erna kronshage

 

 

Angeregt durch Gerhard Richters Bild „Tante Marianne“ (1965) sowie seinem „Birkenau“-Zyklus (2014) habe ich dieses digital-virtuelle online-Memorialtriptychon zusammengestellt 
zum Andenken an meine Tante
Erna Kronshage (1922-1944),
die nach Einweisung, Zwangssterilisation und Deportation, schlussendlich Opfer der NS-Euthanasie wurde –
 
Das Triptychon besteht aus den Motivtafeln:
 
1. LEBEN . 2. UNFRUCHT . 3. AUSZÄHLEN 


Die linke Tafel: LEBEN
Leben – Impuls – Springtime

 

Von der ungebundenen, aufspringenden unbeschwerten, 
sich entwickelnden und profilierenden Vitalität… 


Die Tafel in der Mitte: UNFRUCHT
Verdorren VersiegenTrockenheit

 

…hin zur plötzlichen „Unfruchtbarmachung“: 
aus der verbrämten „erbgesundheitlich“ verirrten Zeitgeist-Denke wird das Leben zum menschlich berechneten Kalkül und führt zu Ex-klusion und Ausgrenzung…


Die rechte Tafel: AUSZÄHLEN
AuszählenVermessen    Statistik

 

… zur Reduzierung aller Individualität & Persönlichkeit hin zur Prüfung der bloßen Funktionalität und Verwendbarkeit – als nur noch eine Nummer in der Verfügungs- und Verschiebemasse, wo die Ergebnis-Summe auf "wert" und "un-wert" geprüft und abgewogen werden: „friss oder stirb“…
 
… und letztenendes dann zur Tötung – zum Mord – zur „Ausmerze“ ...

 

 

 

Ein unvollständiger Überblick über die aktive MemorialKultur zum Andenken an Erna Kronshage (jeweilige Infos = auf die Abb. clicken - bzw. unten auf dieser Seite)

In der Nähe des Geburtshauses von Erna – an der Staßenkreuzung Verler-/Sender-/Krackser Straße wird am Fußgänger-Überweg der Ampel-/Schrankenkreuzung dort am 6. Dezember 2012 vom Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein für Erna gelegt. 

Im neuen WDR-Projekt „Stolpersteine NRW“ findet man den Stolperstein für Erna – mit einer kleinen zusammenfassenden „graphic-story“ … 

In der Gedenkstätte für 1.017 deportierte und später ermordete Patienten in Gütersloh wird auf einem Leuchtband in der Kapelle ihr Name mitgenannt.

In einer Broschüre des "Sennestadtvereins" über historisch besondere Grabmale auf dem „Alten Friedhof“ in Sennestadt, wird auf die letzte Ruhestätte von Erna Kronshage gesondert hingewiesen. 

Seit über 10 Jahren gibt es bei Wikipedia einen Kurz-Eintrag zu Erna Kronshage mit dem Foto des Stolpersteins und einigen Link-Verweisen.

Und in einigen Schulen in Bielefeld und Gütersloh und bei Kontaktwochen von Schulklassen in der Landesklinik Gütersloh berichte ich sporadisch seit 12 Jahren jungen Menschen von Erna – sowie in einigen interessierten Senioren-Treffpunkten.

Bärbel Wegener ist die Autorin von 5-min. WDR-Beiträgen zu Erna Kronshage 2014 in der TV-Lokalzeit OWL sowie im WDR 5-Hörfunk – 

In Radio Bielefeld lief 2015 ein 10-min.-Interview-Beitrag der „Hans-Ehrenberg-Schule" in Sennestadt zum Thema "STOLPERSTEINE" im Schüler-Radio "kurzwelle", der 2015 eine Aner-kennung beim Bürgermedienpreis der Landes-anstalt für Medien NRW erhielt.

Das „Jugendvolxtheater Bethel“ hat 2018 ein 1-Std.-Stück mit Erna‘s Schicksal als Hintergrund im Programm gehabt.

 

 

Alter Friedhof Sennestadt:

 

Neue Broschüre erinnert an die Verstorbenen und ihr Leben

 

Jeder Grabstein eine Geschichte

 

Der Alte Friedhof in Sennestadt ist mehr als eine kleine grüne Oase, sondern ein geschichtsträchtiger Ort. Der Sennestadtverein hat jetzt Geschichten von Menschen zusammengetragen, die dort bestattet sind. „Ein Friedhof erzählt – Jeder Grabstein steht für eine Geschichte“ titelt die neue, liebevoll gestaltete Broschüre.

 

Von Kerstin Sewöster

 

 

Die Idee dazu hatte Marion Winkler - und mit der Autorin Christine Kuhlmann dann aufwendig recherchiert, den Namen auf den Grabsteinen eine Lebensgeschichte zu geben. Manche Verstorbene sind noch gut in Erinnerung zumindest der älteren Sennestädter. Der Großbauer Lindemann zum Beispiel, die Familie Sprungmann und natürlich Marie Eikelmann, die letzte ihrer Familie, die auf dem Alten Friedhof bestattet wurde und dank deren Vermögen bis heute Kinder und Jugendliche in ihrer Heimatstadt unterstützt und gefördert werden.

 

Christine Kuhlmann hat aber auch Geschichten „ausgegraben“, die nicht in jedermanns Bewusstsein sind. Zum Beispiel die des Eduard Vahrenholt, der sicher in die Fußstapfen seines Vaters, des Bleichmeisters Friedrich Vahrenholt, getreten wäre. Doch er starb 1919 mit nur 22 Jahren an den Folgen seiner Kriegsverletzung. Eine Terrazzo-Stele erinnert an ihn.

 

Der Sennestadtverein hat die Patenschaft für dieses zeittypische Grabmal übernommen, denn auch darum geht es: die steinernen Zeugen zu bewahren.

 

„Es gibt etwa 32 erhaltenswerte Grabmäler“, erzählt Marion Winkler, Initiatorin der besonderen Friedhofsbroschüre. Für einige Grabstellen haben Familienangehörige die Patenschaft übernommen. Aktuell 13 Grabmal-Patenschaften liegen in den Händen des Sennestadtvereins. Der würde gerne noch mehr übernehmen, allerdings können Kosten entstehen. „Wir bilden jedes Jahr als Verein Rücklagen für die Grabmal-Patenschaften“, erzählt Thomas Kiper, Schatzmeister beim Sennestadtverein. Das Geld wird benötigt, wenn zum Beispiel ein Stein gerichtet oder gesichert werden muss. „Da können schnell mal 1500 Euro zusammenkommen“, erzählt Kiper. Dem Verein ist es wichtig, möglichst viele Grabstellen von Bedeutung zu erhalten.


Einige Grabstellen wurden abgeräumt, weil ihre Zeit abgelaufen war. Sie sind somit unwiderruflich verloren. Vor einigen Jahren hätte dieses Schicksal fast die Steinkissen der Familie Eikelmann ereilt. Marion Winkler entdeckte sie auf dem Gelände des Bauhofes, und so konnten sie gerettet werden.

 

Doch manchmal ist der Sennestadtverein auch zu spät. Das Grab von Erna Kronshage existiert nicht mehr. Die Familie musste das Grab 2013 räumen; die Liste mit den erhaltenswerten Grabstellen auf dem Friedhof existierte noch nicht. Die junge Frau, intelligent und sensibel, traumatisiert durch die Kriegsereignisse, wurde von den Nazis als „gemeingefährliche Kranke“ eingestuft und zwangssterilisiert. Sie starb 1944 in einer polnischen „Gauheilanstalt“. An Erna Kronshage erinnert noch ein Stolperstein, der an der Kreuzung Verler Straße/Ecke Krackser Straße verlegt wurde – und die neue Friedhofsbroschüre: Sie zeigt die Stelle, wo die junge Frau bestattet, und auch ein altes Foto der Familiengrabstelle.

 

Der Alte Friedhof in Sennestadt, der in zwei Jahren sein 175-jähriges Bestehen feiert, wird nicht mehr belegt, es finden dort nur noch selten Bestattungen in bestehenden Familiengräbern statt. Der Alte Friedhof soll bestehen bleiben, ebenso wie sein Friedhofscharakter, das ist vereinbart mit dem Friedhofsamt. Allerdings brauchen die alten Grabstellen Pflege, schon aus Gründen der Verkehrssicherheit. Wer die Arbeit des Sennestadtvereins unterstützen möchte, kann zweckgebunden für die Grabmalpatenschaften an den Verein spenden.

 

Die Broschüre „Ein Friedhof erzählt“ ist in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen. Interessierte können die Broschüre in Kürze gegen eine Schutzgebühr im Bezirksamt in der Stadtbibliothek und zum Beispiel in der Buchhandlung Kutzner erwerben.

 

WESTFALEN-BLATT . 20.09.2021

 

______________________

 

 

Reproduktion der Seiten 1, 10/11 u. 28 aus: "Ein Friedhof erzählt", Sennestadtverein 2021

erinnern & gedenken in video-clips

click

 

 

auszug eines  artikels vom "welt"-autor thomas schmid, in dem er das internet als neuartige globale verortungs-, informations- und gleichwertig würdige gedenkmöglichkeit miteinbezieht, wenn er über standort und gestaltung eines gedenkzeichens bezüglich der gräueltaten im nachbarland polen nachdenkt, auch im hinblick auf die verheerenden zivilen völkerrechtsverbrechen gegenüber weiteren slawischen volksgruppen "im osten"...

 

............

 

Es gibt nichts,

was so unsichtbar wäre

wie Denkmäler

 

Zumal es heute schon gar nicht mehr ums Verherrlichen gehen kann. Nicht Personen, sondern Ereignisse sollen mit einem Denkmal memoriert werden, gute, schöne, erstmals aber auch schreckliche. Zudem trägt jedes neue Denkmal heute die Crux, dass es längst kein Monopol auf Darstellung von Erinnernswertem mehr hat.

 

Wer sich Vergangenes vergegenwärtigen will, wählt den kurzen Weg des Zugriffs aufs Allgegenwärtige: Er geht ins Internet.

 

Wie es die privaten Trauerforen im Netz gibt, so könnte es dort auch Gedenkforen geben. Wozu also noch Denkmäler? Vor knapp 100 Jahren hat Robert Musil einen Kalauer in die Welt gebracht, der schnell Verbreitung und Zustimmung fand. Er sagte: „Es gibt nichts in der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.“ Wie alles, was wir immer wieder sehen, wird es bald zur Stadtkulisse, man geht achtlos und unberührt daran vorbei.

Schärfer noch hat es Claude Lanzmann in dem Motto formuliert, das er seinem großen Film „Shoah“ von 1985 voranstellte:

 

„Es gibt heute zwar eine große Anzahl von Museen, Denk- und Mahnmalen. Die aber dienen dem Vergessen ebenso wie der Erinnerung. Sie verwalten die Erinnerung, die zur toten Materie wird.“

 

Das ist eine schwere Hypothek. Fast alle Denkmalformen sind verbraucht, vom sozialistischen Realismus bis zur abstrakten Figuration. Das soll nicht heißen, Denkmäler, die ihre Funktion erfüllen, seien unmöglich geworden. Das Berliner Holocaust-Denkmal beweist das. Doch nur teilweise. Denn dessen stilistische Strenge und Kargheit steht in deutlichem Widerspruch zur Monumentalität des Ganzen. Hier wurde offensichtlich noch einmal versucht, einen Rest der alten Herrschaftlichkeit von Denkmälern in unsere Zeit hinüberzuretten.

 

Auszug aus einem Artikel zur Mahnmal-Debatte: "Was Polen angetan wurde, braucht in Berlin einen eigenen Ort des Gedenkens" . Von Thomas Schmid . aus DIE WELT vom 27.10.2020, Seite 8 Politik

 

 

Namensband mit 1.017 Opfernamen im LWL-Klinikum Gütersloh

 

 Im "Raum der Namen" in der düsteren Klinikkapelle in der LWL-Klinik Gütersloh werden aus der Zahl der 1.017 Opfer wieder Individuen. Jedes der Euthanasieopfer ist auf er- und be-leuchtenden, die Wände des inneren Kirchenschiffs auf Hüfthöhe umlaufenden Paneelen verzeichnet.

 

Die Nennung der Namen - darunter auch ERNA KRONSHAGE - machen uns klar, dass wir eben nicht vor einer anonymen, unvorstellbar großen Menge stehen, sondern dass es Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung waren, die vernichtet wurden. Dieses Bewusstsein können nur lokale Orte des Gedenkens schaffen. 1.017 Patienten allein aus Gütersloh wurden Opfer dieser sogenannten "Euthanasie"-Deportationen in die Vernichtungsanstalten 1940-1945. Ein Großteil wurde in der Gaskammer von Hadamar, der zentralen Tötungsanstalt für die westfälischen Patienten, oder zum Beispiel in den Tötungsanstalten im besetzten Polen in Meseritz-Obrawalde oder Tiegenhof/Gnesen ermordet.

 

Diese Menschen starben gezielt und planvoll durch Überdosen an Medikamenten, durch Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse in den Durchgangs- und Zielanstalten. Neben diesem beeindruckenden Leucht- und Namensband - graphisch gestaltet vom Bielefelder Designer Mario Haase - komplettieren ein "Rundgang zur Klinikgeschichte" auf dem Friedhof und ein "Stein des Gedenkens" mit einer Inschriftplatte diese Verortungen des "Erinnerns und Gedenkens" - nun endlich - nach 70 Jahren des würdelosen vornehmlichen Verschweigens ... 

 

Die Reden zur Eröffnung der neuen Gedenkstätte lesen Sie - wenn Sie auf das Bild clicken ^...

gedanken zum november-deportations-gedenken
 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Durchführung der Deportations-Transporte am 12. November 1943 in weiter östlich gelegene Tötungsanstalten teilte die "Gekrat" (eine Tarnorganisation für Deportations-Transportlogistik mit "Grauen Bussen" und der Reichsbahn in die "Euthanasie"-Tötungsanstalten  - nun nicht mehr wie ursprünglich in Berlin, Tiergartenstaße 4 - sondern in "Hösel bei Ratingen/Rhld." - jetzt als Unterabteilung einer effizienten "Eingreiftruppe" für die Lazarettbetten-Beschaffung... - direkt dem Generalkommissar für das Reichgesundheitswesen Prof. Dr. Karl Brandt unterstellt) am 28. Oktober unter dem Original Gekrat-Stichwort "Sonderaktion Brandt" mit:

 

"Sehr geehrter Herr Direktor Hartwich! Zum Abtransport Ihrer Kranken hat mir die Reichsbahndirektion für den 12. November einen Sonderzug zusammengestellt. Es gehen am 12.11.43 fünfzig Kranke nach Meseritz, fünfzig Männer und fünfzig Frauen nach Gnesen und hundert Frauen und vierzig Männer nach Warta b. Schieratz. Der Sonderzug läuft bis Posen und wird dort aufgeteilt. Er geht abends um ca. achtzehn Uhr in Hamm ab. Ich werde noch versuchen, den Zug in Gütersloh abfertigen zu lassen, ob es möglich ist, weiß ich noch nicht. Genauere Nachrichten übermittle ich Ihnen noch telefonisch, am Termin ändert sich nichts mehr. Die restlichen fünfzehn Kranken für Bernburg werden im Laufe des Novembers, nach vorheriger Verständigung mit Ihnen abgeholt und per Autobus nach Bernburg gebracht. Heil Hitler! gez.Sawall."
 

Die Sterberate dieser Transporte lag bis 1945 bei 80 - 90 % - Erna Kronshage wurde genau 100 Tage später, am 20.02.1944 in der Vernichtungsklinik Tiegenhof bei Gnesen ermordet.

In der Klinikkirche Gütersloh leuchten jetzt die Namen von den 1017 deportierten Patienten zum Gedenken.

 

 

 

 

Stolperstein zum Gedenken an Erna Kronshage in Sennestadt zum 90. Jahrestag ihres Geburtstages

Hier die Standort-Map des Stolpersteins in BI-Sennestadt mit der eingezeichneten Sichtline des Bildes unten ...

 

Bielefeld-Sennestadt -
Hier - direkt am Fußgänger-Überweg
der Schranken-/Ampelkreuzung
Verler Straße - Krackser Straße -
Sender Straße - in Laufrichtung
Bahn-Haltepunkt/Buskehre befindet
sich der "Stolperstein" zum Gedenken
an Erna Kronshage ... (vorn im
Bild - im Hintergrund hinter den
Bahnschienen das Geburtshaus -
der "Mühlenkamp" - Verler Straße 76

Der Stein wurde erst kürzlich
wegen eines fehlerhaften Eintrags
neu gelegt!

 

 

und hilf bitte mit, dass erna's story nicht vergessen wird: erzähl sie weiter

 

Das Bild vom T4-Erinnerungsort ist eine Kopie von einem größeren Aquarell, das meine Tochter Janna für mich gemalt hat. Sieh es an als Symbol für unsere gemeinsame Erinnerungsarbeit. Herzliche Grüße, Sigrid Falkenstein

"Blues" - die Symbolzeichen der "Blauen Wand" zum Gedenken an die "Euthanasie"-Opfer - eine Assoziation

 

Im Tagesschau-Beitrag vom 02.09.2014 (siehe oben) - wurde damals aufgrund der Einweihung zur Symbolik der "Blauen Transparent-Wand" schon einiges ausgeführt:

 

... sie solle die "Trennung darstellen zwischen 'wertem' und 'unwertem' Leben" - eben wie bei Erna Kronshage: zwischen brauchbarer oder ungenügender wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung - ein Kriterium, womit in der NS-Zeit maßgeblich die Menschen unterschieden und eingeteilt wurden - und sicherlich hier und da in manchen Köpfen immer noch werden... (siehe dazu auch die gesamte "Inklusions"-Debatte...).

 

Ich bin diesem Aspekt dann weiter nachgegangen - und habe mich in die Qualitätsaspekte und die Aussagekraft eines "Blauen Glases" hineingedacht: Bei dieser Wand ist ja wohl die Frage immer im jeweiligen Moment: Wer steht auf welcher Seite ... :

 

Wer ist "Topdog" - wer ist "Underdog" (Link) - wer ist "wert" - wer ist "un-wert" - und da ich "drüben" - auf der anderen Seite - ja auch Personensilhouetten und Schatten "wie Du und Ich" hindurchscheinen sehe und wahrnehme - bleibt diese Wertung somit "gleichberechtigt" und letztlich damit "unentscheidbar": 

 

Fritze Perls - der olle "Gestalt"-Papst - sagt in seinem sogenannten "Gestalt-Gebet" zu solch einer Dialog- und Bewertungsform in der Begegnung auf Distanz mit dem "Anderen" - dem "Anderssein" - "mit der anderen Seite" - oder auch - mit der anderen Seite des eigenen Ichs (was C.G. Jung wohl den persönlichen "Schatten" (Link) des Unbewussten nennt - der  entweder integriert wird oder ab-gespalten und verdrängt gelebt wird ...):

 
"Ich lebe mein Leben - und du lebst dein Leben.
 Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu  entsprechen –
 und du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu  entsprechen.
 ICH BIN ich und DU BIST du –
 und wenn wir uns zufällig treffen und finden, dann ist das schön,
 wenn nicht, dann ist auch das gut so"...


Mit diesem inneren Wert-Grundsatz wird das eigene Ich und Selbstbewusstsein gestärkt und in seinem Sosein akzeptiert - und dabei wird ebenso (!) der Andere - das "Anderssein" "auf gleicher Augenhöhe"  - also "face-to-face" akzeptiert - und so belassen/toleriert und angenommen wie er/es ist ... 

 

Und wenn die Denkmal-Architektin ihrer Absicht Ausdruck verleiht: "Wir wollten immer beides, nämlich die Täter- und die Opferseite zum Ausdruck bringen" ... - dann stellt sich bei dieser Glaswand eben die Frage: Auf welcher dieser alternativ polarisierenden Seiten stehe ich gerade: Bin ich Opfer - bin ich Täter - wer beurteilt das - wer bewertet das ...  - oder wechselt meine imaginäre Rolle andauernd - auch je nach Selbst- oder Fremdeinschätzung: eben noch Opfer - jetzt Täter - und umgekehrt???

 

Und mit dieser Trennwand wird ja auch das viel besungene soziologische Verhaltensmodell einer Trias "Täter-Opfer-Zuschauer" verdeutlicht (verwandt mit dem "Dramadreieck" - dazu bitte hier clicken) ...:

  • Auf der einen Seite die Täter, dieses Konglomerat aus beflissenen und überzeugten Hilfswilligen und Parteigängern: die Schwestern, Polizisten, Ärzte, Reichsbahn-Angestellten, Zugführer, Busfahrer - und deren kaum hinterfragten Einzelhandlungen, die in der Summe dann letztlich zum Mord führten - 
  • auf der anderen Seite die Opfer, die oft "zufällig" und im abzuzählenden "Aschenputtel"-Verfahren ("die Guten ins Töpfchen - die Schlechten ins Kröpfchen") mit den vagen Bezeichnungen von "wirtschaftlicher Verwertbarkeit" bzw. "Lebens-unwert" ausgesucht wurden - 
  • und am Schnittpunkt dazwischen die ideologisch verbrämten und dem allgemeinen "Zeitgeist" unterliegenden Zuschauer - die sich heraushielten oder die Aktion heimlich goutierten  - oder vor Scham wie erstarrt waren ...

Und je nach Standort und augenblicklicher Betroffenheit und Verstricktheit tanzten diese Akteure ihre Rollen im Ringelreihn und in Ablösung und Austausch im Miteinander und wurden aufeinander losgehetzt ...


Denn - es kommt ja noch der Aspekt der Spiegelung hinzu - gerade bei einem solchen Blau-Glas - das ist ja wie bei einer spiegelnden Sonnenbrille - wie bei einer Seifenblase - wie das auch deutlich schon in den Fotos zu erkennen ist ...: Ich stehe auf der einen Seite - und werde zurückgespiegelt - die optische Wirkung ist fast so "wie von der anderen Seite" - wo aber eben auch noch "Andere" als Silhouetten und Schatten zu erkennen sind - und zwischen denen sich mein Spiegelbild erkennbar einordnet und einjustiert ...: Ich stehe auf "dieser Seite" - und spiegele mich so - als stünde ich auf der "anderen Seite" ...

 

Mit dem "Gespiegelt-Werden" in der blauen Wand erschließt sich in diesem Zusammenhang ein weiteres für ein Denk-mal bedeutsames Phänomen -  nämlich das des "Reflexes", der "Reflexion", des "Reflektierens" ...:


Reflexion ist ein mehrdeutiger Begriff aus der Physik (= Widerspiegelung, Zurückgeworfenwerden) - der Spiegel "reflektiert" das Licht ...

  • aber damit quasi modellhaft auch aus der Philosophie und Psychologie (= vertieftes Nachdenken - was löst das Phänomen der Widerspiegelung in mir aus ... - "Selbstreflexion" = eine "Introspektion" - eine Innenschau|Meditation|Kontemplation)
  • aus der Systemischen Nomenklatur (Selbstreferentialität: Fähigkeit eines Programms, seine eigene Struktur zu kennen und diese, wenn nötig, zu modifizieren - auch in Bezug auf: Autopoiesis oder Autopoiese = der Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems ...) ...

Auch dieses diesbezügliche Konglomerat an Sinnzusammenhängen ist ja einer Ge-Denk-stätte durchaus angemessen - der Betrachter, das Publikum muss sich nur darauf einlassen (können) ...

 

Und ein weiterer Aspekt, den die Architektin auch kurz in einem Interview anreißt - und der wohl auch dem mitbeteiligten Künstler Nikolaus Koliusis geschuldet ist: ist das BLAU - die Farbe als solche - der Charakter - ihre Farbpsychologie und die Assoziationen zu BLAU und dem blauen Licht, das durch die Glaswand erzeugt wird: Mit "Himmel, Luft, Leben und Ferne, Kühle und damit Sehnsucht, Hoffnung, Traurigkeit" - ist es da ja auch - aber noch nicht vollständig - getan ...

 

In einigen Kulturen soll gerade blaues Glas - das "Böse" abhalten ... - aber es gibt auch die emotionalen Verstrickungen mit dem "blue feeling", das die Engländer gern dem flauen Gefühl im Magen oder dem "Kloß im Hals" andichten - wenn längst noch nicht alles in Ordung ist ... - und mit dem "blue feeling" kommt mir natürlich das breite Aussagespektrum der Musikform "Blues" in den Sinn: Auch die Ambivalenz der Blues-Texte, die oft von den Schwarzen Amerikas als verschlüsselte Sprache gegenüber den Weißen verwendet wird ...

 

Alle diese hier nur angedeuteten Blauglas-Inhalte zu übertragen auf die Thematik der vergangenen NS-"Euthanasie" und der vielleicht immer noch gegenwärtigen latenten "Euthanasie" - z.B. das jemanden "In-den-Tod-wünschen", das "Ist-mir-doch-egal", die "Empfindungslosigkeit", die "Rache", die "Vernichtung", das "Was-habe-ich-damit-zu-tun-?" usw. sind schon spannend genug - und ich glaube - man muss sich in diese Thematik der Farbe BLAU bei dieser "Trennwand" des Denkmals noch emotional ein wenig tiefer hineinarbeiten - auch bei der Ambivalenz im Blau von "grenzenloser Freiheit" des "Azzurro" bei gleichzeitiger "Blues"-Bedrückung bis hin zur Depression ...

 

Das Team der Architektin Ursula Wilms zusammen mit dem Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann hat uns da auf den ersten Blick ein fast geradezu simples Mahnmal in die Gedenkkultur Berlins in Bezug auf die NS-Zeit hingestellt ("Was soll das denn sein ...") mit einer gleichzeitig tiefgründigen ambivalenten Mehr"wandigkeit" - und einem kaum unterscheidbaren "Entweder-Oder" ... - einem kaum zu ertragenen Spannungsbogen - irgendwie zwischen "Tod und Leben" - zwischen "Mord" und "Lebenlassen" ...

 

Es ist das, was ich auch oft zurückgespiegelt bekomme von den Gruppen und Schulklassen, denen ich von der Opferbiographie meiner Tante Erna Kronshage berichte: Bitterkeit, Anerkennung, "ein Glück - wenigstens schon lange her" - und manchmal vor lauter Betroffenheit albernes Herumgekichere - um etwas nicht in und an sich herankommen zu lassen ...  - und zum Glück geht jeder Vortrag ja auch mal zu Ende ...

 

Aber zum guten Schluss noch dieser Hinweis: Diese "Blaue Glaswand" dominiert zwar zentral das Gesamtensemble des Gedenkorts - sie wird aber umrahmt von einem vielfältigen Infopult, auf dem man "wetterfest" Informationen erhält zur NS-"Euthanasie" insgesamt, aber auch zu einigen Einzel-Opfer-Schicksalen. Also neben aller "Blauglas"-Interpretationsverrenkungen sind auch noch ganz klare Fakten verzeichnet - und das ist auch gut so... S!

 

 

Von den ca. 300.000 NS-Euthanasie-Einzelopfern sind nach meiner Schätzung vielleicht ca. 300 Schicksale erforscht und veröffentlicht - also ca. 1‰: es bleibt noch viel zu tun...

E-Mail