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Dorothea Buck

dorothea buck - am 09. oktober 2019 im 103. lebensjahr verstorben

 

 

 

sie war die kämpferin für eine humanere psychiatrie - denn sie war selbst überlebende als patiententin in verschiedenen nazi-anstalten - die allen einschlägig interessierten eine fülle von insider-informationen und aufschlüsse mit ihrem wachen geist bis zum schluss aus der zeit hinterlassen hat - die als betroffene den "bund der 'euthanasie'-geschädigten und zwangssterilisierten" mit begründet hat - und mit dem hamburger psychologen thomas bock sogenannte "trialogische psychoseseminare" entwickelte, bei denen betroffene, angehörige und profis zusammenkommen.

ich habe gestern erfahren, dass dorothea buck am 09.oktober 2019 im 103. lebensjahr verstorben ist.

zunächst lesen sie hier einen "nachruf" in der "taz" - und dann einen original-beitrag hier im blog kurz vor ihrem 102. geburtstag

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Nachruf auf Dorothea Buck

Den Schmerz verwandeln

Dorothea Buck wurde unter den Nazis zwangssterilisiert. Ihre Erfahrungen ließen sie zur Mitbegründerin einer menschlicheren Psychiatrie werden.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dorothea Buck im Gespräch
Das Gespräch als Lebensnotwendigkeit: Dorothea Buck 2014 - sinedi-graphic nach einem Foto von Miguel Ferraz


HAMBURG taz | Man ging beschwingt aus den Treffen mit Dorothea Buck, es war, als gäbe sie einem ein kleines Stück ihrer Heiterkeit mit, ihrer Neugier und ihrer erstaunlichen Energie. Da war sie bereits über 90 Jahre alt und die Ikone einer Bewegung für eine menschlichere Psychia­trie: eine, in der Betroffene und Behandelnde auf Augenhöhe sind.

Sie selbst kam unter den Nationalsozialisten als junges Mädchen in die Psychiatrie, wo man sie zwangssterilisierte. Statt mit ihr zu sprechen, steckte man sie stundenlang in kalte Bäder. Diese Erfahrung, die für sie eine Demütigung war, hat sie nie vergessen. Sie hat sie zu einer leidenschaftlichen Kämpferin für eine Behandlung gemacht, in der erst einmal die Betroffenen die ExpertInnen sind. Sie sprechen – und die anderen hören zu.

Dorothea Buck war 19 Jahre alt, als sie den ersten von insgesamt fünf schizophrenen Schüben erlebte. Es war beim Wäschewaschen auf der Insel Wange­rooge, wo sie als viertes von fünf Kindern einer Pastorenfamilie aufwuchs.

Sie beschrieb das Erlebnis als eine dreifache Gewissheit: dass es Krieg geben werde, dass sie einmal etwas zu sagen haben würde und dass sie Braut Christi sei. Sie lachte, als sie es erzählte: „Braut Christi, das haben ja viele Betroffene, viele Verrückte haben religiöse Erfahrungen“. Und bei einem anderen Gespräch beschrieb sie ausführlich, wie sie sich danach aufs Bett legte und sich ausmalte, was das wohl konkret bedeuten könnte: sie, die ohnehin Kindergärtnerin werden wollte, würde sich um die Kinder kümmern und Jesus, dem sie eine gewisse Humorlosigkeit attestierte, um die Erwachsenen.

Ein koboldhafter Charme

Wenn Dorothea Buck erzählte, tat sie das mit einer erstaunlichen Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und bodenständiger Sachlichkeit. In einer Sprache, die gleichermaßen anschaulich und formvollendet war. Sie hatte etwas von einem alterslosen Kind an sich, den Mut, sich nicht um das Erwartete zu scheren, den freien Blick und einen koboldhaften Charme.

Nach dem ersten Schub bringen ihre Eltern Dorothea auf Anraten des Hausarztes in die von Bodelschwingh’schen Anstalten nach Bethel. Dass sie mit ihrer Tochter nicht über deren Erfahrung sprachen, zumindest nicht eingehend, ist nach dem Empfinden einer Freundin, der Filmemacherin Alexandra Pohlmeier, „das einzige, womit sie sich nicht hat aussöhnen können“. Und vielleicht eine der Antriebskräfte für Bucks unbedingten Willen zum Gespräch.

Die Anstalten werden von einem Theologen geleitet; das gibt den Eltern Zutrauen. Tatsächlich sind den PatientInnen Gespräche untereinander verboten, es dauert ein Dreivierteljahr, bis die Ärzte mit Dorothea Buck sprechen. Von der Wahl, vor die ihre Eltern gestellt werden, eine Wahl, die den Namen nicht verdient, erfährt die Tochter nichts: Entweder soll sie sterilisiert werden oder bis zu ihrem 45. Lebensjahr in der Anstalt bleiben – danach gilt sie als nicht mehr gebärfähig. Der Vater bittet um Aufschub der Operation. Vergeblich. Bei dem Eingriff geben die Ärzte vor, dass es um eine Blinddarmbehandlung geht – dass sie sterilisiert wurde, erfährt Dorothea Buck später zufällig von einer Mitpatientin.

Die Sterilisation macht alles, was sie sich zuvor erträumt hatte, zunichte: den Beruf als Kindergärtnerin, eine Ehe, eigene Kinder. Unter den Nationalsozialisten durften Zwangssterilisierte keine sozialen Berufe ausüben und es war ihnen verboten, Nicht­sterilisierte zu ­heiraten.

Dorothea Buck ist es gelungen, das Grauenhafte, das ihr widerfuhr, in etwas Produktives zu verwandeln. Sie beschrieb es so: „Erst als mir der Gedanke des Selbstmords kam, konnte ich wieder Grund unter die Füße bekommen.“

In der Praxis sah es so aus, dass sie sich erst ein Jahr, dann zwei, dann fünf gibt, um ein neues Leben aufzubauen. Sie besucht eine private Kunstschule – und verschweigt dabei Psychiatrieaufenthalt und Sterilisierung – wird Bildhauerin und Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg.

Es ist schwierig, ihre Mutter-Kind-Skulpturen zu sehen, ohne an ihre eigene Geschichte zu denken. Eine solche Arbeit hat Dorothea Buck der Berliner Charité gestiftet. Im Begleitbrief schrieb sie, dass die Plastik die Beziehung zwischen zwei Menschen ausdrücke und dass eben jene Beziehung in der gegenwärtigen Psychiatrie fehle. Weil dort nicht genügend gesprochen werde.

In den 80er-Jahren geht Dorothea Buck mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Sie besucht ein Seminar des Leiters der psychiatrischen Ambulanz der Uniklinik Hamburg, Thomas Bock. Der wird sie seine „ wichtigste Lehrerin“ nennen und erinnert sich daran, wie selbstbewusst sie dort auftrat, ungewöhnlich selbstbewusst für eine Psychiatrie, die Menschen mit Psychosen nahelegt, defizitär zu sein. Gemeinsam entwickeln sie das Konzept trialogischer Psychose-Seminare: einen gleichberechtigten Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und den professionell in der Psychiatrie Tätigen. Das Modell macht bundesweit Schule.

Sich selbst, die eigene Erkrankung, begreift Dorothea Buck als Forschungsobjekt. Die Psychose erlebt sie früh als Möglichkeit, aus Impulsen heraus zu leben – und ist sich dabei bewusst, dass für andere Schizophrene der Kontrollverlust bedrohlich wirken kann. Sie beschreibt die Schübe als „verändertes Welterleben, man spürt überall Sinnzusammenhänge, ohne sie näher benennen zu können“. Aber erst nach dem letzten Schub Ende der 1950er-Jahre erkennt sie, dass er aus ihrem eigenen Unbewussten kommt. Psychosen deutet sie als Folge von Lebenskrisen, die gelöst werden wollen, es wäre für Buck fatal, sie mit Medikamenten zu unterdrücken.

Biografie unter Pseudonym

1990 veröffentlicht sie ihre Biografie „Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung“, zunächst noch unter dem Pseudonym Sophie Zerchin, einem Anagramm des Wortes Schizophrenie. Das Buch erscheint im Verlag ihrer Schwester und vielleicht kann man das als nachgeholtes Gespräch in der Familie deuten. Es wird ein Erfolg, man lädt sie zu Vorträgen ein, schließlich erscheint es unter ihrem eigentlichen Namen.

Die Psychiatrie der 90er-Jahre ist reif für eine Veränderung: 1992 begründet Buck den Bundesverband Psychatrieerfahrener mit, sie gründet eine eigene Stiftung, die Psychiatrieerfahrene zu GenesungsbegleiterInnen ausbildet. Es ist eine Zeit der Selbstermächtigung und Dorothea Buck, damals bereits über 70 Jahre alt, wird zu einer Ikone dieser Bewegung.

Gespräche statt Medikamente

Dorothea Buck sah die Fortschritte, sie warnte aber auch vor den PsychiaterInnen, die noch immer nur auf Medikamente setzen statt auf Gespräch. Und sie ließ nicht locker: Vor gut zwei Jahren, da war Dorothea Buck 99 Jahre alt, kam die Hamburger Gesundheitssenatorin zu ihr, um ihr die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes zu verleihen. Buck freute sich über die Medaille. Zugleich freute sie sich über die Möglichkeit, eine Klinik anzuprangern, in der die PatientInnen besonders lange fixiert wurden.

Sie hat ihre letzten Jahre im Albertinen-Haus in Hamburg verbracht, wo sie früher einmal als grüne Dame die Kranken besucht hat. Sie wolle das Lesen „nachholen und ausruhen“, so hat sie ihr Leben dort beschrieben. Zu Ehren ihres 100-jährigen Geburtstags widmete man ihr ein Symposium mit 600 Gästen: „Auf der Spur des Morgensterns. Menschenwürde + Menschenrechte in der Psychiatrie“. Per Skype wurde sie selbst aus dem Albertinen-Haus dazugeschaltet.

Aber die Menschen kamen auch zu ihr, sie kamen so zahlreich, dass eine Freundin den Besucherstrom abstimmen musste. In Dorothea Bucks Zimmer hingen Briefe von PsychatriepatientInnen, die ihr dankten. Ihre Heiterkeit blieb unangefochten von ihrer körperlichen Hinfälligkeit. Sie kannte die Namen aller Pflegenden, sie fragte sie nach ihrem Leben und sie merkte sich, was sie ihr erzählten.

Als sie am 9. Oktober stirbt, „heulen die PflegerInnen Rotz und Wasser“, erzählt Alexandra Pohlmeier. Am 1. November wird Dorothea Bucks mit einer Trauerfeier in der Niendorfer Marktkirche gedacht.

 

 

 

Lebt heute in Hamburg: Dorothea Buck (fast 102), Überlebende der Nazi-Euthanasie -
S!|graphic nach einem Foto von Andrea Döring | NW

 


Kämpferin mit fast 102 Jahren

Porträt: Dorothea Buck wurde in Bethel zwangssterilisiert. Die Bundesverdienstkreuzträgerin stärkt
Patienten und entwickelt neue Psychiatriekonzepte

Von Andrea Döring

Bielefeld/Hamburg. Dorothea Buck, fast 102, Überlebende der Nazi-Psychiatrie, freut sich. Hellwach verfolgt sie das Tagesgeschehen. Die Tageszeitung liegt aufgeschlagen auf der Decke ihres Bettes in einem Hamburger Pflegeheim, das sie nur noch selten verlassen kann. Sie kann aber immer noch mitreden.

Beispielsweise über die Erste-Hilfe-Kurse für die Seele, die das Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Zukunft anbieten will. Wie die Erste-Hilfe-Kurse für den Körper, die fast jeder mindestens einmal im Leben absolviert, soll das Angebot bewirken, dass Menschen ihren Angehörigen, Freunden oder Kollegen mit seelischen Problemen nicht mehr hilflos gegenüberstehen.

Die neue Idee findet Buck gut. „Wichtig ist es aber, in diesen Kursen auf die Psychose-Seminare hinzuweisen“, meint sie. In Psychose-Seminaren können drei Gruppen von Menschen in sogenannten trialogischen Gesprächen auf Augenhöhe voneinander lernen, die Erkrankten, Angehörigen von Kranken sowie Fachkräfte aus der Psychiatrie oder aus anderen sozialen Berufen.

Zusammen mit dem Hamburger Psychologie-Professor Thomas Bock hat Buck den Trialog und die Psychose-Seminare erfunden, die mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet sind.

Die aktuellen Behandlungskonzepte sind weit von dem entfernt, was Buck in verschiedenen geschlossenen Anstalten zur Zeit des Nationalsozialismus erlebte. Mit Dauerbädern, nassen Packungen, Fesselungen und Insulinspritzen versuchte man damals die Symptome zu kurieren, die man als rein körperlich verstand, berichtet Buck. Bei der großen Wäsche überfiel sie eine Eingebung: „Ein ungeheuerlicher Krieg wird kommen, ich bin die Braut Christi und ich werde einmal etwas zu sagen haben, die Worte kommen ganzvon selbst“, schildert sie das Geschehen, das sie in die Psychiatrie bringt.

Mit der Diagnose Schizophrenie, die als unheilbar galt, kam sie 1936 in die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld.
„Niemand sagte uns, wozu wir hier waren, und warum man uns gefangen hielt. Wir waren zur Untätigkeit gezwungen und ins Bett verbannt, obwohl wir körperlich gesund waren. Das löste die wildesten Ängste und Fantasien in mir aus“, schildert sie die Zeit in Bethel.



„Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht kennen, nimmt man nicht als Menschen wahr. Die kann man töten“, analysiert sie scharfsinnig die Psychiatrie der Nazi-Zeit. Der Euthanasie entkommt sie, nicht jedoch der Zwangssterilisation. Nach dem Krieg arbeitet sie als Bildhauerin und Lehrerin für Kunst und Werken. Doch die Erfahrungen in der Psychiatrie, die auch später nur langsam überwunden werden, lässt sie nicht los, erzählt Bock in ihrem Arbeitszimmer voller Bücher.

 

An der Wand hängt ein Bild von einer Pusteblume. Auf ihrem Nachttisch steht ein Wasserglas mit zwei Löwenzahn-Blüten. Sie sind Buck wichtig. „Ist es nicht unglaublich? Hier im Glas entwickelt sich eine Pusteblume“, staunt sie über die Kraft der kleinen Pflanze, sich auszusäen. Ein gutes Bild auch dafür, wie Bucks Wirken die Psychiatrie verändert hat: „Das Wichtigste ist, dass man freundlich
miteinander redet, gerade mit den Menschen am Rande der Gesellschaft, den Psychose-Erfahrenen“, sagt Buck. „Man muss sie verstehen wollen. Sie haben etwas erfahren, was andere Menschen sich nicht einmal ausmalen können.“

 

 

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Bethels dunkle Geschichte

 

  • Die damals 19-jährige Dorothea Buck kam 1936 in eine geschlossene Abteilung Bethels. Sie wurde dort zwangssterilisiert.
  • So erging es auch mehr als 1.000 andere Patienten zwischen 1934 und 1945, die alle Opfer des Euthanasieprogramms der Nazizeit wurden.
  • Heute lebt Buck in Hamburg. Sie ist Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener, einer deutschen Selbsthilfeorganisation.
  • 1997 erhielt sie für ihr Engagement für psychiatrieerfahrene Menschen das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.


aus: NEUE WESTFÄLISCHE, Freitag 8.02.2019, Zwischen Weser und Rhein, S.5

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„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

 

 

 

 

am 27. januar 2017 wurde im bundestag an die opfer von „euthanasie“ und zwangssterilisation im ns-staat erinnert. in ihrer rede dazu sprach die autorin und "euthanasie"-forscherin sigrid falkenstein von dorothea buck und wiederholte das o.a. zitat.

 

 

dorothea buck ist mir in meiner erinnerungs-forschungsarbeit zum opferporträt meiner tante erna kronshage immer weiter anstoß und anschub, hat sie doch, sogar 5 jahre älter als erna, zwar nicht gleichzeitig aber nacheinander die gleichen schicksalsstationen durchlaufen, aber eben wie durch ein wunder die "euthanasie"-phasen überlebt mit selbstdisziplin, kreativität und power - und "glück" ...

 

 
dorothea bucks psychotische störungen äußerten sich in verschieden intensiven "schüben" - wo sie zwischendurch auch dank der obacht und aufsicht der sich kümmernden eltern (dorothea buck war das 4. von 5 kindern einer pfarrersfamilie) immer wieder entlassen werden konnte, eben weil sich ihr zustand jeweils wieder vollständig aufgeklart hatte.
 
aber so lernte sie 1946 bei einer erneuten psychose sogar die in ganz europa bekannte vielgerühmte von direktor dr. hermann simon entwickelte "arbeitstherapie" in der heilanstalt gütersloh kennen, in der ja auch erna von herbst 1942 bis herbst 1943 mit gartenarbeit und kartoffelschälen "betreut" wurde, und ehe sie von dort dann in den deportationszug ende 1943 - in den tod 100 tage später - aussortiert wurde...

frau buck fühlte sich in der arbeitstherapie wohler, weil der tag verging durch leichte aufgabenstellungen im haus oder in feld und flur. die in bethel hauptsächlich verordnete bettruhe und die behandlung als "kranke" behagte ihr überhaupt nicht - ihr kreativer geist suchte betätigung und anregung.
 
dorothea buck kam dank ihrer schubweisen psychotischen zustände an diesen auswahlverfahren zur deportation in den unweigerlichen gewaltsamen tod in einer der speziell ausgestatteten tötungsanstalten vorbei - doch nach ihrer vollständigen genesung engagiert sie sich nach dem krieg lebenslang für all die "euthanasie"-opfer, und beteiligt sich an der aufklärung dieser ca. 300.000-fachen massenmorde als authentische zeitzeugin der heute zweifelhaften behandlungsmethoden in der damaligen ns-psychiatrie.
 
diese lebensleistung bis heute insgesamt sowie ihre detaillierten einblicke als insiderin in die abläufe und oft abfälligen und unmenschlichen behandlungsmethoden in den psychiatrien jener zeit sind für die erforschung von einzelschicksalen von unschätzbarem wert.
 
was dorothea buck an von insulin-injektionen ausgelösten epileptischen schockanfällen als "therapie" der schizophrenie durchmachen musste, und was sie dazu erinnert, ist ja zeitgleich vom "therapeutischen nutzen" her übertragbar auf die damals schon etwas "moderneren" von "cardiazol"-injektionen [einem synthetisch hergestelltenen kampfer-medikament] ausgelösten krampfanfalls-serien, die an erna kronshage "zur beruhigung" angewandt wurden.
 
dorothea buck konnte darauf hinweisen, dass hier zumeist keine wissenschaftlichen erkenntnisse eine solche schockbehandlung anzeigten - man nahm ja "wissenschaftlich" nur an, dass ein "innerer spannungsabbau", als reaktion auf die schocks, sich gut und entlastend auf die akuten "schizophrenie-'zustände'" auswirkten - sondern dass es sich meist dabei ganz simpel um disziplinarische, oft von genervten stationsschwestern dem arzt vorgeschlagene maßnahmen handelte, um so auch den letzten individuell persönlichen selbstbehauptungs- und widerstandskern vollends zu brechen ...
 
während der epileptischen krämpfe erlebten die "behandelten", zumeist gegen ihren willen angeschnallt auf ihrer anfallsliege, unvorstellbare todesängste und traumatische erlebnisse und lichtblitze und andere nervliche "sensationen", die so gravierend waren, dass man sich rasch einer solchen "folter" entziehen wollte - oder unbedingt zu meiden suchte ...
 
ein damaliger sationsarzt brachte das auf den punkt: "wenn sie [die patienten] bockten, mussten wir schocken" ...
 
all diese erkenntnisse verdanken wir dorothea buck, die das alles ja mit wachem geist durchlebt und durchlitten hat und heute noch zum glück als betroffene mit fast 102 jahren erinnern und reproduzieren - und auch zu protokoll geben kann !!! - so tiefgreifend waren diese lebenseinschnitte ...
 
ich möchte dafür ganz schlicht "danke" sagen ...

 

 

 


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