click zum seitenverzeichnis CONTENT

Glenn Gould:

Beethovens Pianosonate No. 23 "Appassionata"

  • Kontakt
  • Kritik
  • Diskussion
  • Danksagungen
  • und Ermunterungen: 

info[ɛt]eddywieand (minus)sinedi.de

CLICK HERE TO WIKIPEDIA
CLICK
40 jahre diakonische arbeit: das kronenkreuz
click
das große (z)erbrechen: mach kaputt was dich kaputtmacht
click
CLICK HERE TO CREATIVE CHANNELS - sinedi-website - teil 2

 NS-Ärzte- und Euthanasie-Prozesse -               NS-Zahnärzte

 

 

 

Ab 1939 wurden sie ermordet: Kinder mit Down-Syndrom, die sich in öffentlichen Anstalten befanden - Foto: Wikicommons / TAZ

 

 

Historiker über Euthanasie-Verbrecher
 

„Die Verfahren wurden eingestellt“
 

Christof Beyer erforschte personelle Kontinuitäten in den psychiatrischen Anstalten nach 1945. Das Ergebnis: Viele der Euthanasie-Verbrecher*innen machten Karriere.

 

 

taz: Herr Beyer, nach 1945 konnten viele PsychiaterInnen in Niedersachsen, die am Mord von Kindern und Erwachsenen beteiligt waren, recht problemlos weiterarbeiten, viele davon im Landesdienst. Warum war das möglich?

 

Christof Beyer: Die Frage ist zunächst recht banal zu beantworten: Weil die juristischen Rahmenbedingungen es möglich gemacht haben. Viele an Patientenmorden beteiligte PsychiaterInnen wurden nach 1945 entweder als „unbelastet“ oder als „Unterstützer“ entnazifiziert. Ermittlungen und Verfahren gegen an Medizinverbrechen Beteiligte wurden bis 1950 eingestellt. Und zudem wurde mit dem Grundgesetzartikel 131 die Reintegration nationalsozialistischer Beamter in den niedersächsischen Landesdienst stark begünstigt.

 

Was hat es mit diesem Grundgesetzartikel auf sich?

 

Der Artikel, der in einem nachfolgenden Bundesgesetz dann weiter ausgeführt wurde, verschaffte Beamten, die im Entnazifizierungsverfahren nicht als belastet eingestuft wurden, die Möglichkeit und auch den Anspruch auf Wiederverwendung im Staatsdienst. Der Artikel sicherte einerseits das deutsche Berufsbeamtentum, das die alliierten Siegermächte eigentlich abschaffen wollten. Andererseits führte es zu einer fast vollständigen Wiederherstellung der personellen Kontinuität in Justiz und öffentlicher Verwaltung. Das ist im Allgemeinen bekannt, aber man muss auch betonen, dass das auch für verbeamtete MedizinerInnen galt.

 

Um welche Verbrechen geht es in der Studie konkret?

 

Im Fokus standen PsychiaterInnen, die an der zentral organisierten Erwachsenen-Euthanasie von 1939 bis 1941, der sogenannten „Aktion T4“, und an der sogenannten Kindereuthanasie von 1939 bis 1945 beteiligt waren.

 

Können Sie Beispiele nennen?

 

Ein Fall etwa ist Willi Baumert. Er war von 1941 bis 1944 Leiter der „Kinderfachabteilung“ in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Seine Aufgabe war es, eingewiesene Kinder zu begutachten und diese zur Tötung vorzuschlagen. Ob er selber Hand angelegt hat, ist nicht nachweisbar. Er hat aber nachweisbar Pflegekräfte damit beauftragt, Kinder durch überdosierte Medikamente zu töten. So ist für die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg von mindestens 300 minderjährigen Opfern auszugehen.

 

Das ist im Nachhinein schwer hinzunehmen.

 

Ein anderes Beispiel ist Ernst Meumann, der bis 1945 Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Königslutter war. Unter seiner Leitung diente die Anstalt Königslutter der „Aktion T4“ als Zwischenanstalt, auch war er für Patientendeportationen in die Gasmordanstalt Bernburg und die „Kinderfachabteilung“ Uchtspringe verantwortlich.

 

  • IM INTERVIEW:
  • Christof Beyer, 40, war am Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizinischen Hochschule Hannover tätig. Er bearbeitete das Forschungsprojekt „Personelle Kontinuitäten in der Psychiatrie Niedersachsens nach 1945“ für das niedersächsischen Sozialministerium

 

Und diese beiden Täter konnten nach 1945 wieder im Staatsdienst arbeiten?

 

Baumert wurde 1958 sogar Direktor des Landeskrankenhauses Königslutter, Meumann wurde 1954 Leiter des Landesfürsorgeheims Moringen.

 

Was waren die strukturellen Voraussetzungen dafür?

 

Die psychiatrischen Institutionen wurden nach 1945, wie es überall stattfand, restauriert. Hypothetisch hätte man die Möglichkeit zu einem Neuanfang nutzen können, aber das war nicht der Fall. Eher lassen sich Ansätze von Reformierung und Modernisierung finden. Aber davon abgesehen wurden die Strukturen bis in die 1970er-Jahre weitergeführt. Die Anstalten wurden, sofern sie im Krieg nicht zerstört wurden, wieder in Betrieb genommen. Dies gilt auch für die Anstalten der Provinz Hannover, die zu Beginn der 1950er-Jahre in Landeskrankenhäuser umbenannt wurden.

 

Beließ man es bei der bloßen Umbenennung?

 

Das ist die Frage: Hat sich diese Vergangenheit in der therapeutischen Arbeit fortgesetzt? Im Fall von Willi Baumert beispielsweise: Hat der dann nach 1945 eine ähnliche Haltung gegenüber den PatientInnen eingenommen wie zuvor?

 

Hat er?

 

Diese wichtige Frage ist bisher noch offen. Eine derzeit laufende, ebenfalls vom niedersächsischem Sozialministerium finanzierte Studie zu Medikamentenversuchen an Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen liefert dazu vielleicht demnächst neue Anhaltspunkte, insbesondere zur therapeutischen Haltung des ehemaligen NS-Euthanasie-Protagonisten Hans Heinze, der von 1954 bis 1960 die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landeskrankenhauses Wunstorf leitete.

 

Manche Täter rückten ab Ende der 1950er dann doch nochmal in den Fokus. Woran lag das?

 

Der Turning-Point war die Enttarnung von Werner Heyde, der medizinischer Leiter der nationalsozialistischen Erwachsenen-Euthanasie gewesen war, und nach 1945 unter falschen Namen in Schleswig-Holstein – mit dem Wissen von Kollegen und Mitgliedern der Landesregierung – als Psychiater weiterarbeitete. Ab 1959 ermittelte der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer gegen ihn. Die Wahrnehmung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit änderte sich, wenngleich – zumindest im Fall von Heyde und weiteren in den 1960ern angeklagten Ärzten – die Sache juristisch versandete.

 

In Ihrer Studie gehen Sie auch auf den Umgang mit niedergelassenen Medizinern ein, die sich an Verbrechen beteiligten. Einer von ihnen, Klaus Endruweit, musste, nachdem gegen ihn ermittelt wurde, eigentlich seine Approbation ruhen lassen – er betrieb seine Praxis dennoch illegal weiter.

 

Die Bezirksregierung Hannover erfuhr 1984 aus der Presse von diesem Umstand. Es gab eine große Solidarität aus der Bevölkerung mit ihm, nach dem Motto „Er ist doch ein guter Arzt.“ Das örtliche Gesundheitsamt in Hildesheim wusste auch davon. Zudem gab es eine gute Verbindung zur Ärztekammer, der ihm Schutz gewährte.

 

Sticht Niedersachsen bei diesen personellen Kontinuitäten bundesweit heraus?

 

Im Grundsatz überwogen überall die Kontinuitäten. Allerdings weiß man, dass es in der britischen Besatzungszone eine weniger strenge Entnazifizierung als in den anderen Zonen gab. Das hat auch viele belastete MedizinerInnen angezogen.

 

DAS INTERVIEW FÜHRTE ANDRÉ ZUSCHLAG -Volontär taz nord

 

 

Letzter Blick: Die Planer der "T4"-Krankenmorde und des "Euthanasie"-Programms kurz vor ihrer Hinrichtung in Landsberg im Juni 1948: Karl Brandt (links) und Viktor Brack

Medizingeschichte: Der Nürnberger Ärzteprozess

 

Dtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1524 / B-1292 / C-1264
von Eckart, Wolfgang U.

 

Der Prozess, der vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 stattfand, sollte mit führenden Vertretern der nationalsozialistischen Ärzteschaft abrechnen.
23 Ärzte und Gesundheitsbeamte waren im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt.

 

Die Anklageschrift, die am 25. Oktober 1946 im sogenannten „Ärzteprozess“ vor dem ersten amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg vorgelegt wurde, umfasste vier Hauptanklagepunkte: „Verschwörung zur Begehung von Kriegsverbrechen (insbesondere medizinische Menschenversuche), Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.“ Hinter diesen Vorwürfen standen konkrete Personen. Angeklagt waren eine Ärztin, 19 Ärzte, ein Jurist und zwei Verwaltungsspezialisten. Ihre Vergehen: Hunderttausendfacher „Euthanasie“- Mord, brutale und tödliche Menschenexperimente, sadistische medizinische Quälereien bislang unbekannter Art. Das Gerichtsverfahren selbst dauerte vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. Juli 1947. Am 20. August 1947 wurden die nicht revisionsfähigen Urteilssprüche verkündet. Für sieben der Angeklagten lautete der Urteilsspruch auf „Tod durch den Strang“ (siehe Kasten). Viktor Brack und Prof. Dr. med. Karl Brandt hatten sich als Schreibtischtäter für ihre akribische Planung und organisatorische Leitung des als „Euthanasie“ verbrämten Mordens an psychisch Kranken zu verantworten, Rudolf Brandt, Gebhardt, Hoven, Mrugowsky und Sievers wegen ihrer führenden Rollen bei der Planung und Umsetzung tödlicher Menschenversuche in Konzentrationslagern.

 

Zu lebenslangen Haftstrafen verurteilte das Tribunal bedeutende SS- und Wehrmachtsärzte, die sich in den Dienst menschenverachtender Humanexperimente gestellt hatten wie zum Beispiel Dr. med. Karl Genzken, SS-Gruppenführer und Chef des Sanitätswesens der Waffen-SS, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. med. Siegfried Handloser, Chef des Wehrmachtssanitätswesens und Heeressanitätsinspekteur, sowie die grausame Ärztin des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, Dr. med. Herta Oberheuser. Kaum einer der zu lebenslangen Strafen Verurteilten starb in Haft. Es kam zu vorzeitigen Entlassungen und beschämenden Rehabilitationsversuchen. Helfer und Helfershelfer blieben weitgehend unbehelligt. Freigesprochen wurden Kurt Blome, Adolf Pokorny, Hans W. Romberg, Paul Rostock, Siegfried Ruff, Konrad Schäfer und Georg A. Weltz.

 

Fast alle Angeklagten nutzten als Schutzargumentationen den Befehlsnotstand oder sie relativierten ihre Verantwortlichkeiten; anders Karl Brandt, der auf die Frage, ob er sich grausame und tödliche Menschenexperimente wie die in Dachau oder Buchenwald an einem beliebig anderen Ort des Reichsgebietes vorstellen könnte, sehr nachdenklich antwortete: „Ich glaube nicht, dass der Arzt als solcher von seiner ärztlichen Ethik oder seinem moralischen Empfinden aus einen solchen Versuch durchführen könnte oder würde.“

Brandt aber meinte nicht den „Arzt als solchen“, sondern den Arzt in der völkisch-diktatorischen Gemeinschaft: „In dem Augenblick, in dem die Person des Einzelmenschen aufgeht in dem Begriff des Kollektiven, […] wird dieser einzelne Mensch völlig benutzt im Interesse dieser Gemeinschaft […]. Im Grunde bedeutet das Einzelwesen nichts mehr.“ Für Brandt war der Arzt ausschließlich „Führerarzt“ im Dienste des Volksganzen, Wächter über Gesundheit und Rasse, Gutachter über Wert oder Unwert des Individuums für das Volk, ausmerzender Richter über Krankheit und Schwäche. Unter dieser Perspektive folgte Karl Brandt, persönlich überzeugt, den Vorgaben des „Führers“: „Hitler gab mir seinerzeit den Auftrag, mich dieser Sache anzunehmen“, gab Brandt als Angeklagter im Nürnberger Prozess zu Protokoll. Brandt nahm sich der „Sache“ an, und organisierte die Umsetzung der Tötungslegitimation Hitlers unter den Bedingungen des Krieges minutiös und buchhalterisch genau. Als besonders belastend hat Brandt seine Schreibtischmorde nicht empfunden. Auf die Frage seines Rechtsanwalts, ob er sich „irgendwie belastet“ fühle „durch die Ausübung der Euthanasie“, hatte er noch während des Prozesses geantwortet: „Nein. Ich fühle mich dadurch nicht belastet. Ich habe die Vorstellung und Überzeugung, dass ich das, was ich in diesem Zusammenhang getan habe, vor mir selbst verantworten kann.“

 

In der Urteilsbegründung ist besonders stark gewichtet worden, dass die von Anfang an geplante und in der zweiten Phase auch vollzogene Ausdehnung der sogenannten „Euthanasie“-Aktion auf „Mischlinge (Halbjuden)“, Juden, „unerwünschtes Volkstum“ und KZ-Häftlinge auch „machtlose Menschenwesen anderer Nationalität“ dem Morden ausgesetzt und Brandt sich mithin „der Ausrottung fremder Staatsangehöriger schuldig gemacht“ habe. Dabei sei es unerheblich gewesen, ob Brandt unmittelbar an der „Euthanasie“ beteiligt gewesen sei oder nicht. Ähnlich lautete die Begründung auch hinsichtlich der in Konzentrationslagern durchgeführten Humanexperimente: „Im Gesundheitswesen hatte der Angeklagte eine höchste Stellung direkt unter Hitler inne. In Bezug auf ärztliche Angelegenheiten war er in der Lage, als Autorität einzugreifen; es scheint sogar, dass dies seine bestimmte Pflicht war. Man hat nicht den Eindruck, dass er irgendwelche Schritte unternahm, um ärztlichen Versuchen am Menschen Einhalt zu gebieten.“ Hätte Brandt seine Aufsichtspflicht wahrgenommen, so das Gericht, „wäre eine große Anzahl von Nichtdeutschen vor der Ermordung bewahrt geblieben“. Am 2. Juni 1948 wurde das Todesurteil in Landsberg vollstreckt.

 

  • Wesentlich mehr Täter als die in Nürnberg vor Gericht gestellten und auch mehr als die nach dem Ärzteprozess von den westdeutschen Ärztekammern gemutmaßten 350 ärztlichen und nichtärztlichen Medizinverbrecher hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen und auch können, wenn sich nicht viele von ihnen durch Flucht, Tarnung oder Selbsttötung der Verantwortung entzogen hätten und wenn konsequenter gefahndet worden wäre (so auch Dr. Victor Ratka - Ltd. Arzt der Vernichtungsanstalt "Tiegenhof"/Gnesen - Dziekanka/Gniezno-PL).

 

Andere Täter, die sich in den Nachkriegswirren zunächst erfolgreich getarnt hatten, konnten in den folgenden Jahrzehnten ermittelt und in ebenso aufsehenerregenden wie unbefriedigenden Prozessen vor Gericht gestellt werden, so etwa der „Euthanasiegutachter“ und Leiter der „T4-Aktion“, Dr. med. Werner Heyde (inhaftiert 1959). Dem für Mitte Februar 1964 angesetzten Prozess entzog sich Heyde durch Suizid (13. Februar 1964).

 

Die Berichtererstattung über den Ärzteprozess in der deutschen Tages- und Wochenpresse war insgesamt kümmerlich. Der Spiegel widmete dem Prozessverlauf in seiner Ausgabe vom 15. März 1947 einen knappen, exemplarischen Beitrag unter dem Titel „Menschenversuch aufs Exempel“. Aber nur Karl Gebhardts Verhalten vor Gericht wurde thematisiert. Im Neuen Deutschland (ND) konnten sich die ostdeutschen Leser am 11. April 1947 unter der Schlagzeile „Himmler sammelte Schädel“ über „Verbrechen der ‚Ahnenerbe‘-Gesellschaft im Nürnberger Ärzteprozess“ informieren. Ähnlich knapp wie in Tageszeitungen Westdeutschlands berichtete auch das ND Ende August 1947 über die Urteilssprüche.

 

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3317

 

 

___________________________________________________________________________________________

 

 

Zum Tode verurteilt

 

SS-Oberführer Viktor Brack, NSDAP-Oberdienstleiter in der Kanzlei des Führers, SS-Gruppenführer Prof. Dr. med. Karl Brandt, Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, SS-Standartenführer Dr. jur. Rudolf Brandt, persönlicher Referent Himmlers, SS-Gruppenführer Prof. Dr. med. Karl Gebhardt, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und Leibarzt Himmlers, SS-Hauptsturmführer Dr. med. Waldemar Hoven, Lagerarzt im Konzentrationslager Buchenwald, SS-Oberführer Prof. Dr. med. Joachim Mrugowsky, oberster Hygieniker der SS, und SS-Standartenführer Wolfram Sievers, Generalsekretär der Gesellschaft „Ahnenerbe“.

 

 

Boris Böhm, Gerald Hacke (Hrsg.): Fundamentale Gebote der Sittlichkeit. Der „Euthanasie“- Prozess vor dem Landgericht Dresden 1947. Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 14, Sandstein, Dresden 2008, 212 Seiten, kartoniert, 15 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

Dresdener „Euthanasie“-Prozess
Dtsch Arztebl 2009; 106(14): A-670 / B-572 / C-554
Von Jachertz, Norbert

 

Vor dem Landgericht Dresden mussten sich vom 16. Juni bis 7. Juli 1947 neunzehn Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern der Anstalten Großschweidnitz und Pirna-Sonnenstein wegen Krankenmordes in der NS-Zeit verantworten. Die Ärzte Prof. Dr. Paul Nitsche und Dr. Ernst Leonhardt wurden zum Tode, Dr. Günther Langer zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Todesurteile ergingen auch gegen zwei Pfleger des „Sonnensteins“, Hermann Felfe und Erhard Gäbler. Gegen weitere Angeklagte wurden (teils hohe) Zuchthausstrafen verhängt, eine Ärztin und ein Arzt sowie eine Schwester wurden mangels Beweisen freigesprochen. Ein weiterer Arzt hatte sich vor Prozessbeginn umgebracht.

 

Leonhardt und Felfe begingen nach dem Prozess Suizid. Die Todesurteile gegen Nitsche und Gäbler wurden im Innenhof des Landgerichts am Münchner Platz in Dresden am 25. März 1948 vollstreckt.

 

Die Angeklagten/Verurteilten hatten aktiv bei der „Aktion T4“ oder dem anschließenden Krankenmord mittels Medikamenten mitgemacht. Auf dem Sonnenstein wurden während T4 die Patienten vergast und verbrannt, Großschweidnitz fungierte als sogenannte Zwischenanstalt, das heißt Zubringer zum Sonnenstein, und nach dem Ende von T4 als Tötungsanstalt.

 

Der Dresdener Prozess gilt als einer der frühesten Versuche, dem NS-Krankenmord juristisch beizukommen. Er fand unter Oberhoheit der sowjetischen Besatzung statt, Rechtsgrundlage war das Kontrollratsgesetz Nr. 10, das unter anderem die Bestrafung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit betraf. Auffallend an diesem Prozess ist, dass er vor einem deutschen Gericht, im gerade entstandenen (wenig später wieder kassierten) Land Sachsen ablief und sich die Akteure rechtsstaatlichen Normen verpflichtet fühlten. Den Angeklagten wurde somit ein fairer Prozess gemacht (wenn auch die Verhängung der Todesstrafe aus heutiger Sicht zu verurteilen wäre).

 

Die von Boris Böhm und Gerald Hacke – der eine leitet die Gedenkstätte Sonnenstein, der andere die am Münchener Platz – herausgegebene Veröffentlichung beschreibt gut belegt, verständlich, ja geradezu vorbildlich den Prozess, dessen Vorgeschichte und Begleitumstände. Detailliert geschildert werden der Prozessverlauf und die Biografien der Prozessbeteiligten, nicht nur, wie bei Gerichtsberichten sonst verbreitet, der Angeklagten, sondern auch der Richter, Ankläger, Anwälte und medizinischen Gutachter.

 

Zwei ergänzende Beiträge behandeln die juristische Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ in Westdeutschland (am Beispiel des Düsseldorfer „Euthanasie“-Prozesses von 1948/1950) und Ostdeutschland – eine unbefriedigende Bilanz: Herunterspielen der Schuld im Westen, zunehmende politische Instrumentalisierung im Osten. In Dresden kam es hingegen 1947 weder zu einem Schauprozess, wenn auch die öffentliche Begleitmusik beträchtlich war, wie in einem der Buchbeiträge nachzulesen ist, noch zum Reinwaschen der Mörder.

 

Video's zu den Ärzteprozessen >> 

 

 

Zahnärztetagung, 1934 in Berlin: Besondere Nähe zur NSDAP - Quelle: Zahnärztliche Mitteilungen zm-Archiv - DIE WELT

 

 

STUDIE ZUM DRITTEN REICH
 

Darum standen besonders Zahnärzte dem NS-Regime so nah

Von Guido Hartmann - DIE WELT

Sie zogen ihren Patienten Zähne ohne Betäubung oder spritzen sie zu Tode: Zahnärzte im NS-Regime. Der Aachener Historiker Dominik Groß hat erstmals die Verstrickungen dieser Mediziner umfassend untersucht und kam zu überraschenden Ergebnissen.

 

Als Dominik Groß im Jahr 2005 einen Ruf an die RWTH Aachen annahm, hatte man sich in der Region mit Ärzten im NS-System noch kaum wissenschaftlich auseinandergesetzt. Seine Vorgänger am Institut für Geschichte der Medizin hatten offenbar eine Scheu vor dem Thema. Und wenn sich längst verstorbene Mediziner in Untersuchungen als politisch belastet erwiesen, wurden sie vielfach von Zeitgenossen verteidigt und Studien angezweifelt, wie Groß berichtet. „Ich erhalte manchmal auch heute noch böse Briefe, zumeist anonyme.“ Doch wenn man sich mit dem Nationalsozialismus befasse, gehöre das wohl leider immer noch dazu.

 

Groß hatte keine Scheu vor diesem Thema. Es lag ihm nahe, weil er vor seinem Medizinstudium Zahnheilkunde studiert und sich mit der Berufsgeschichte intensiv beschäftigt hatte. In einem nationalen Forschungsprojekt „Die deutsche Zahnärzteschaft im Dritten Reich“ hat sich der dreifach promovierte Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen erstmals umfassend dieser Aufarbeitung gewidmet.

 

Besondere Nähe zur NSDAP


Doch zunächst musste er um die Finanzierung werben: 2016 gab es eine Projektausschreibung, bei der Groß und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter den Zuschlag erhielten. „Im Grunde hat es nach den ersten positiven Signalen noch zehn Jahre gedauert, bis die organisierte Zahnärzteschaft Fördermittel für ein solches Projekt bereitstellte.“ Ohne Geld lässt sich ein solches Vorhaben nicht angehen – denn zum Durchforsten von Archiven und zeitgenössischen Schriften braucht man Mitarbeiter, mit den Fördermitteln von 90.000 Euro war das zu machen.

 

In der Folgezeit ermittelte die Gruppe um Groß, dass die Zahnärzte eine besondere Nähe zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) besaßen: Ihren Hochrechnungen zufolge waren mindestens 45 Prozent der Zahnärzte Mitglied der Nazi-Partei, ähnlich den Ärzten. Einen Zwang zur Mitgliedschaft gab es keineswegs: „Kein ‚arischer‘ Arzt oder Zahnarzt musste der Partei beitreten, um seine Praxis betreiben zu können“, sagt Groß. Bei den Hochschullehrern sei eine Parteimitgliedschaft allerdings karrierefördernd gewesen. Und tatsächlich ergab eine spezielle Untersuchung aller rund 300 zeitgenössischen zahnärztlichen Hochschullehrer, dass zwei Drittel der Partei beigetreten waren.

 

Doch warum dienten sich gerade so viele Zahnärzte dem NS-Regime an? Groß zufolge gab es mehrere Gründe. Die zunehmend schlechte wirtschaftliche Situation der freiberuflichen Zahnärzte in der Weimarer Republik liefere eine wichtige Erklärung – man strebte einen grundlegenden Politikwechsel an. Diese Annahme werde unterstrichen durch die Tatsache, dass schon im Jahr von Hitlers Machtübernahme zwölf Prozent der insgesamt 10.885 registrierten Zahnärzte der NSDAP angehörten. In der Ärzteschaft betrug der Anteil der NSDAP-Mitglieder zu jenem Zeitpunkt lediglich sieben Prozent. Zudem habe es vielen Zahnärzten geschmeichelt, dass die Nazis ihnen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung ihrer politischen und „rassenhygienischen“ Ideen – speziell bei der „Gesundheitserziehung“ und „zahngesunden“ Ernährung des „deutschen Volkskörpers“ – zudachten.

 

In Konkurrenz zu den Dentisten


Doch der wichtigste Erklärungsansatz ist Groß zufolge in der Tatsache zu sehen, dass sich die Zahnärzte mit dem konkurrierenden Berufsstand der Dentisten in einem Wettbewerb um die Gunst der Entscheidungsträger befanden. Anders als bei den Ärzten wurde die zahnheilkundliche Versorgung der Bevölkerung durch zwei Berufsstände – die akademischen Zahnärzte und die handwerklich ausgebildeten Dentisten – sichergestellt. Und beide Berufsstände hätten sich von den politischen Entscheidern eine Unterstützung ihrer unterschiedlichen Interessen erhofft: Während die Zahnärzte darauf hinwirken wollten, dass die Nationalsozialisten den Dentistenberuf endlich „aussterben“ ließen, erhofften sich die Dentisten von den Machthabern eine Gleichstellung mit den Zahnärzten.

 

Besonders überraschend war für Groß, wie viele Zahnärzte nachweislich als Kriegsverbrecher angeklagt wurden: „Hierüber wusste man vor dem Projekt sehr wenig.“ Denn unter den Angeklagten der öffentlich am meisten diskutierten zwölf Nürnberger Prozesse befand sich mit Hermann Pook (1901 bis 1983) nur ein einziger Zahnarzt. Insofern sei es nicht überraschend, dass die zahnärztlichen Standesorganisationen lange von bloßen „Einzeltätern“ sprachen.

 

Doch welche Rolle spielten Zahnärzte als Angeklagte in derartigen Gerichtsprozessen tatsächlich? Ebendieser Frage ging das Team von Groß in einer gerade veröffentlichten Studie nach. Entgegen der Erwartung konnten dabei nicht weniger als 48 Zahnärzte identifiziert werden, die als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt wurden, darunter viele bislang unbekannte Namen. Allein 15 dieser Zahnärzte wurden zum Tode verurteilt.

 

Die französischen Besatzungsbehörden sprachen die meisten Todesurteile aus (sechs), gefolgt von den Amerikanern und Sowjets (jeweils drei).

 

Diese Funde widerlegen Groß zufolge die Annahme, dass Zahnärzte kaum in NS-Verbrechenskomplexe involviert waren. Die häufigsten Tatvorwürfe waren dabei Kapitalverbrechen wie Mord und Totschlag, der Raub von Zahngold und Beihilfe zum Mord oder zum Totschlag. Wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder Brandstiftungen wurden ebenfalls einige Zahnärzte vor Gericht gestellt. „So gab es Zahnärzte, die KZ-Insassen Zähne ohne Betäubung zogen, diese mit lebensgefährlichen Keimen infizierten beziehungsweise nach Ende dieser Menschenversuche zu Tode spritzten.“

 

Während diese Kapitalverbrechen zu den typischen Anklagegründen zählten, war der Zahngoldraub ein Spezifikum zahnärztlicher Kriegsverbrecher: Kein toter Häftling wurde zur Verbrennung freigegeben, bevor die Leiche zahnärztlich „besichtigt“ und das Zahngold herausgebrochen worden war. „Und einige Zahnärzte haben das Gold auch persönlich einbehalten“, berichtet der 55-Jährige. Mehr als zwei Tonnen Gold sollen seriösen Schätzungen zufolge in den Lagern geraubt worden sein.

 

Viele Zahnärzte waren also Täter. Einzelne waren Opfer. Wie zum Beispiel Dr. Waldemar Spier.


Er wurde 1944 aus der Kölner Straße in Düsseldorf verschleppt, wo heute ein sogenannter Stolperstein aus Messing an ihn erinnert. Der 1889 geborene Düsseldorfer überlebte das im Januar 1945 von der Roten Armee befreite Konzentrationslager Auschwitz, starb jedoch im März an den Folgen der Lagerhaft. „Viele denken heute, dass die überlebenden jüdischen Kollegen nach 1945 rehabilitiert und von den zahnärztlichen Organisationen integriert und gewürdigt worden seien.“ Das sei aber kaum geschehen.


So fänden sich unter rund 100 im Zeitraum 1949 bis 1982 ernannten Ehrenmitgliedern zahnärztlicher Organisationen nur zwei jüdische NS-Opfer. „Das entspricht lediglich zwei Prozent des untersuchten Kollektivs – dabei waren 1933 immerhin zehn Prozent der Zahnärzte jüdischer Herkunft“, so Dominik Groß. „Man verschenkte also die historische Möglichkeit, durch die Ehrung fachlich verdienter und politisch entrechteter jüdischer Kollegen einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten.


E-Mail