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Christian Boltanski in Valencia im Juli 2016 © Kai Foersterling/​dpa

Der Künstler Christian Boltanski (1944-2021)

Ich möchte hier den Künstler Christian Boltanski vorstellen, der dieser Tage in Paris verstorben ist. 

 

Ich platziere diese Seite ganz bewusst zwischen den Themenbereichen "Familiengeheimnisse - Transgenerationale Weitergabe" und meinen kreativen Seiten  zur "sinedi.@rt" sowie den Angaben zu meiner Person und meiner Biografie "eddywieand-sinedi - wer & warum" ein - unter dem überspannenden Themenschirm der Seiten und Verlinkungen hier zum Euthanasie-Leidensweg meiner Tante Erna Kronshage.

 

In der Auseinandersetzung mit Boltanskis Werk und dem, was er in einem SZ-Interview 2020  zu seinem Werk und seinem Werdegang gesagt hat - spüre und fühle ich - gerade auf diesen Seiten - eine Art ideeller "Verwandtschaft" zu vielen seiner Beweggründe und dem Themenspektrum seines Schaffens...

CB Monumenta, 2010. (Foto: Didier Plowy)

 

 

Der Nachlassverwalter


Christian Boltanski ist gestorben. Schon zu Lebzeiten studierte der Künstler die Spuren des Todes.


Von Till Briegleb - SZ

 

Das Ungeheure von Nachlassspuren war das große Thema von Christian Boltanski. In großen Installationen inszenierte er Archive der Toten, kreierte eine unheimliche Atmosphäre persönlicher Berührtheit, die nicht leicht zu ertragen war - vor allem, wenn es um das Lebensthema des französischen Künstlers ging, die Erinnerung an die Opfer von Holocaust und Naziregime.

 

Als Teilnehmer von drei Documentas und Künstler für viele ortsspezifische Arbeiten in Museen und an historischen Plätzen komponierte er Situationen, die zwar nie direkte Zeugnisse der Schoah verwendeten. Aber die Begegnung mit engen Tunneln durch muffige Kleiderberge, mit seriell gestapelten Zinkkisten, die letzte Habseligkeiten beinhalten konnten, oder von Wandarbeiten mit unscharfen Schwarz-Weiß-Fotografien, matt beleuchtet von Bibliothekslampen, ließen ohne jede weitere Erklärung bei den Besuchern ein Grauen aufsteigen, das sich auf die systematische Ermordung während der Nazizeit bezog.

 

Er wollte das Individuelle des Sterbens zurückholen, das durch das massenhafte Töten ausgelöscht werden sollte


Über 50 Jahre variierte Boltanski das Thema des anonymen und oft auch gewaltsamen Todes. Anfänglich mehr mit der Absicht, rätselhafte Biografien zu konstruieren, fand der kurz nach der Befreiung Frankreichs 1944 geborene Christian Liberté Boltanski bald zu seinem zentralen Anliegen: das Individuelle des Sterbens zurückzuholen, das durch das massenhafte Töten ausgelöscht werden sollte. Die konkrete Bedrohung, die durch die Menschenjagd der Nazis als Schock in Europa verbreitet wurde, war als Trauma auch in seine Familiengeschichte eingeschrieben. Boltanskis Vater, ein zum Katholizismus konvertierter Jude, überlebte die Besetzung Frankreichs unter den Dielenbrettern des Elternhauses. Der Sohn wuchs in Angststarre auf, verließ als Kind nie allein das Haus.

 

"Ich bin kein Jude und interessiere mich wenig für die jüdischen Traditionen", sagte Boltanski einmal in einem Interview: "Aber ich bin ein Kind der Schoah." In einem bewundernswerten Akt der Bewältigung verwandelte er dieses unerwünschte Erbe in eine kreative Strategie. In der ständigen Annäherung an das Unbegreifliche des Todes schuf er Kenotaphe historischer Erinnerungen - nicht nur in Bezug auf die europäische Vergangenheit. Boltanski sammelte 70 000 Herzschläge von Japanern, arbeitete in der chilenischen Wüste zu den Opfern des Pinochet-Terrors und in Sao Paulo über die Toten der dortigen Diktatur. Und 2018 eröffnete Boltanski eine Installation in der Völklinger Hütte, die den Tod der Zwangsarbeiter in dem Betrieb als würdigen Abschied inszenierte und als Dauerinstallation weiterhin zu sehen ist.

 

Mit seinem wachsenden Erfolg wurde Boltanski stilprägend für einen bestimmten Kanon der Gedächtniskunst. Immer wieder begegnete man in Kunstausstellungen Lookalikes seiner Trauerästhetik. Sogar die Installation "Saal der Erinnerungen" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sieht original aus wie eine Boltanski-Arbeit, ist aber nicht von ihm. Boltanski selbst hat nie ein KZ oder Yad Vashem besucht. Ihm ginge es nicht um die Wiederholung des Grauens, sondern um lebendige Erinnerung in "kleiner" Form eines atmosphärischen Kunstwerks.

 

Er kämpfe mit jedem neuen Werk wieder "gegen den Tod und das Vergessen an", sagte Boltanski. Um immer wieder zu scheitern


Wegen des großen Einflusses und Erfolgs und der stilbildenden Kraft seiner Bildwerke wurde Boltanski immer wieder ein gewisses Kalkül des Schreckens unterstellt. Die grundsätzliche Crux einer derartig emotional geprägten Kunst ist es eben, dass sie mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit und Authentizität ihrer Absichten kämpfen muss. Aber Boltanski selbst wies den Vorwurf, ein berechnender Designer des Schreckens zu sein, immer weit von sich. Er kämpfe mit jedem neuen Werk wieder "gegen den Tod und das Vergessen an". Um immer wieder zu scheitern, wie er hinzufügte. Der Tod bleibe am Ende der Sieger.

 

Jetzt ist Christian Boltanski im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Paris gestorben. Sein Versuch, die Vergänglichkeit des Menschen mit Kunst vergessen zu machen, musste natürlich scheitern, wie er immer wusste. Aber ihm selbst hat dieses große Erinnerungs-Werk eine gewisse Unsterblichkeit verliehen.

click zu einem 50-min. arte-video: Die möglichen Leben des Christian Boltanski Hommage an den am 14. Juli verstorbenen französischen Künstler Christian Boltanski. Der herausragende Künstler inszenierte Emotionen mittels Performances, Fotografien, Videos
click zum 26-min. arte-video: Das Wispern der Vergangenheit - Christian Boltanski in der Völklinger Hütte . Die Völklinger Hütte war auch Schauplatz von brutalen NS-Verbrechen. Im Gedenken an mehr als 10.000 misshandelte Zwangsarbeiter schuf Christian Bol
Les Archives du Coeur, 2011 - von © Christian Boltanski, Photo: Kuge Yasuhide/SZ - Befragt zu dem Projekt Les archives du coeur, erläuterte Boltanski: „Der Herzschlag symbolisiert unsere Unruhe, die Zerbrechlichkeit, er ist gleichzeitig Selbstporträt"...

 

 

 

 

Zum Tod von Christian Boltanski

"Ich habe meinen Job gemacht"

Am Mittwoch starb der französische Künstler Christian Boltanski. Die SZ führte in Paris eines der letzten Interviews mit ihm, im Oktober 2020.

 

Interview von Johanna Adorján - SZ

 

 

Schwarz angezogen, mit hellblauer Standard-Papiermaske zum Schutz vor Corona, öffnet im Oktober 2020 Christian Boltanski die Tür. Sein Atelier befindet sich in einem Häuschen, an dem die Nummer fehlt, in einem Winkel des unauffälligen Pariser Vororts Malakoff. In dem großen Raum innen sind auf Kopfhöhe Schnüre gespannt, an denen weiße, schlangenlinienförmige Plastikschläuche hängen. Er probiere gerade etwas herum, sagt er. Das Material hat er vor Kurzem irgendwo gefunden. Links führt eine Stiege nach oben, wo man sitzen und wie im Theater nach unten schauen kann. Hier hängen bekannte Boltanskis. Eine Wand wird von vergrößerten Schwarz-Weiß-Fotos polnischer Säuglinge dominiert.

 

Am Mittwoch, 14. Juli 2021 ist der große französische Künstler Christian Boltanski im Alter von 76 Jahren inParis gestorben. Der Tod war ihm ein steter Begleiter, sein ganzes Werk kann als Memento mori gesehen werden. Es kreist - in Fotos, Skulpturen oder Filmen - um das Thema Vergänglichkeit.

 

Geboren wurde Boltanski am 6. September 1944 als jüngster von drei Brüdern in Paris, Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, wenige Tage nach der Befreiung von den Deutschen. Sein voller Name: Christian-Liberté Boltanski, Christian-Freiheit Boltanski. Mit zwölf brach er die Schule ab, begann zu malen. Ab 1967 experimentierte er mit Fotografie, Schrift, Film. 1968 hatte er seine erste Ausstellung in einem Pariser Kino, 1972 stellte er auf der Documenta in Kassel aus. Seither nahm er fünfmal an der Biennale in Venedig teil. 2019 ehrte ihn das Centre Pompidou mit einer Retrospektive. Seine Lebensgefährtin war die französische Künstlerin Annette Messager; der Soziologe Luc Boltanski ist sein Bruder.

 

Das Gespräch fand unter Einhaltung der Abstandsregeln im Corona-Herbst 2020 in Paris statt. Manchmal wurden Boltanskis Augen zu Strichen, dann lachte er unter seiner Maske.

 

SZ: Herr Boltanski, ich möchte mit etwas Unbeschwertem anfangen, weil ein Interview mit Ihnen unweigerlich um die Themen kreisen wird, über die Sie arbeiten. Erinnerung, Tod, Verschwinden ...

 

Christian Boltanski: Aber diese Themen sind in der Kunst immer präsent. Der Tod, die Liebe, die Schönheit der Natur, das sind eben die großen Themen. Der Umstand, dass wir alle sterben, ist ja auch sehr kurios.

 

Essen Sie gern?

 

Das sieht man doch.

 

Was ist Ihr Lieblingsessen?

 

Alles mögliche Italienische? Aber in Wahrheit esse ich eigentlich alles gern. Leider kann ich nicht gut kochen, aber ich tue es gern.

 

Sie sagen von sich selbst, Sie seien ein Bonvivant.

 

Absolut. Das Wissen darum, dass das Leben schrecklich ist, ist für mich so präsent, dass ich versuche, jeden Tag mit etwas Absurdem zu füllen. Man kann nur überleben, wenn man vergisst, dass man sterben wird. Oder versucht, es zu vergessen. Man muss sich ablenken. Mit Arbeit und mit Leben.

 

Haben Sie ein verrücktes Hobby?

 

Ich habe überhaupt keine Hobbys. Ich interessiere mich nicht für Politik, also nicht mehr als andere, ich gehe nicht jagen, spiele kein Golf ... Alles, was ich habe, ist meine Arbeit. Ich wache morgens auf und denke an meine Arbeit, und ich gehe schlafen und denke immer noch an meine Arbeit.

 

Gehen Sie jeden Tag in Ihr Atelier?

 

Ja. Vor allem jetzt, wo ich nicht reisen kann. Das heißt aber nicht, dass ich jeden Tag etwas produziere. Ohnehin mache ich so gut wie nichts mehr mit den Händen. Meine Arbeit ist Nachdenken. Alles entsteht in meinem Kopf. Mal sehe ich einen schlechten chinesischen Film im Fernsehen, und ein Bild daraus löst etwas in mir aus. Oder ich höre einen Ton oder sehe etwas auf Facebook ... Im Moment interessiert mich das Thema Geister.

 

Glauben Sie an Geister?

 

Nicht an Gespenster, die einem nachts erscheinen. Aber ich glaube, solange man sich an Gestorbene erinnert, sind diese noch da. Ihre Energie. Ich würde gern eine Arbeit machen, in der man in einem leeren, weißen Raum ist, und manchmal, ganz kurz, blitzt ein Gesicht auf. Man ist sich nicht sicher, ob man wirklich etwas gesehen hat, aber man ist sich dieser Präsenz bewusst. Dass da noch etwas mit im Raum ist. Oder: Bevor Sie gekommen sind habe ich an einem Projekt gearbeitet, für das ich einen Spiegel in ein Video integrieren will. Sodass man sein eigenes Gesicht in Filmszenen sehen kann, etwa in einem Krieg. Also plötzlich mitten auf einem Schlachtfeld sich selbst entdeckt. Daran arbeite ich gerade. Vielleicht wird es nie etwas, aber darüber denke ich viel nach.

 

Ihre Arbeit kreist um die Frage, was einmal von jemandem bleibt. Einverstanden?

 

Meine Arbeit stellt Fragen. Auf die ich keine Antwort habe. Sie erinnern sich vielleicht an Ihren Großvater, aber Ihr Urgroßvater ist nur eine abstrakte Idee. Irgendwann ist jeder vergessen. Wie kann das sein, was kann man dagegen tun?

 

Wie kamen Sie zu diesem Thema?

 

Es war 1969. Ich war mit meinen Eltern im Auto. Ich stand meinen Eltern sehr nahe und war so etwas wie ein gutes Kind, wenn man das so sagen kann. Auf einmal begriff ich, dass meine Kindheit vorbei war.

 

1969 waren Sie schon 25.

 

Es war ein Schock: Meine Eltern würden eines Tages sterben, alles, was ich kannte, würde nicht mehr sein. Das war das Ende meines bisherigen Lebens und der Anfang meiner künstlerischen Arbeit. Es klingt pathetisch, wenn ich es jetzt erzähle, oder? Es hört ja jeden Tag etwas auf. Aber wenn einen diese Erkenntnis zum ersten Mal übermannt, hat es eine Wucht.

 

Könnten Sie für jemanden, der noch nie etwas von Ihnen gesehen hat, erklären, welche Art von Kunst Sie machen?

 

Meine Kunst ist leicht zu verstehen. Sie ist überhaupt nicht intellektuell, sondern berührt den Betrachter direkt, das hoffe ich zumindest. Sie spricht Gefühle an, die jeder kennt. Um ein banales Beispiel zu nehmen: Fast jeder, dessen Großvater gestorben ist, hat sich mit der Familie die Frage gestellt, was man nun mit seinen Kleidern macht. Soll man sie verkaufen, verschenken, behalten? Ich arbeite oft mit Kleidern, weil ich glaube, dass jeder dazu die gleiche Assoziation hat: Diese Kleider haben mal jemandem gehört, der nicht mehr da ist. Ich hoffe also immer, dass ein Besucher einer Ausstellung von mir nichts Neues entdeckt, sondern etwas wiedererkennt.

 

Sie haben auch oft mit Keksdosen aus Blech gearbeitet.

 

Genau. Zum einen ist das ein sehr minimalistisches Objekt. Zum anderen kennt man es aus seiner Kindheit, jedenfalls wenn man aus meiner Generation ist. Man hatte es zu Hause, verbindet etwas Positives damit. Und: Eine Blechdose kann auch als Urne gelesen werden. Derselbe Gegenstand hat also mehrere Bedeutungen, und der Betrachter kann wählen, welche er sieht.

 

Haben Sie ein Lieblingswerk von sich, etwas, das Sie selbst als besonders geglückt betrachten?

 

Das ist schwierig, manche alten Sachen von mir mag ich gar nicht, deshalb sage ich immer: Meine beste Arbeit ist die nächste.

 

Nehmen wir die Monumenta 2010 im Grand Palais in Paris.

 

Das war etwas Besonderes. Etwas Großes.

 

In der Mitte der Halle war ein Kleiderberg aufgetürmt, von dem sich ein Kran immer wieder Haufen griff und wieder fallen ließ. Drumherum lagen Kleider, deren Anordnung an den Grundriss von Baracken denken ließ. Die Besucher froren, das war Absicht. Dazu hörte man Geräusche, die aus aufgenommenen Herzschlägen bestanden. "Personnes" hieß das Werk, das bedeutet "Menschen", aber auch "Niemande".

 

Sagen wir so: Es gibt nicht viele kreative Phasen im Leben. Bei mir war die erste Anfang der Siebziger, sie war eher konzeptuell. In den Achtzigern, als meine Eltern starben, wurde es visueller. Und als ich älter wurde, immer älter, verschwand die Bedeutung des Objekts. Mein jetziges Ideal ist es, nur eine Idee in die Welt zu setzen, die dann weiterleben kann.

 

Es ging eher um die Idee des Kleiderbergs als um exakt diesen Kleiderberg, der jetzt wer weiß wo aufbewahrt wird?

 

Er wurde vernichtet. Ich möchte wie ein Komponist agieren, der ein Werk schafft, das von anderen Interpreten jederzeit wiederaufgeführt werden kann. Dass ich kein materielles Werk schaffe, sondern eine Idee. Wie im jüdischen Glauben: Es reichen zehn Männer, die die Liturgie kennen, und die Religion überlebt. Man braucht kein Gebäude, keinen Schatz, das Wesentliche ist geistig. Darauf arbeite ich hin.

 

Ihre Mutter war eine katholische Korsin, die von einer Bretonin adoptiert wurde, Ihr Vater der Sohn jüdischer Einwanderer aus Odessa. Die deutsche Besatzung von Paris überlebte er in einem Versteck unter dem Fußboden. Hätte man ihn gefunden, gäbe es Sie nicht.

 

Ich glaube, bei jedem Künstler steht zu Beginn des Lebens ein Trauma. Ich wurde während der deutschen Besatzung von Paris gezeugt, als mein Vater sich versteckte, um nicht in ein Todeslager geschickt zu werden. Der Ausgang des Krieges war offen: Warum hat meine Mutter mich nicht abgetrieben? Ist das nicht merkwürdig? Nun gibt es mich, weil meine Mutter beschloss, mich auf die Welt zu bringen. Und ich bin, wer ich bin, weil meine Eltern zu einer bestimmten Stunde Liebe machten. Hätten sie es zwei Stunden später getan, wäre ich anders ... Zufall oder Schicksal: Das ist eine der großen Fragen in meinem Leben und in meiner Kunst.

 

Ich hätte gewettet, Sie glauben an Zufall, nicht an Schicksal.

 

Wenn Sie ein Optimist sind, glauben Sie an Schicksal. Also daran, dass es einen Plan gibt, ein höheres Ziel, weshalb alles richtig ist, wie es passiert, weil nur dadurch und so weiter ... Kann sein, dass das so ist. Aber ich bezweifle es stark.

 

Ihr Vater war als junger Mann zum Katholizismus konvertiert. Den Judenstern musste er während der deutschen Besatzung trotzdem tragen. Ihre Eltern haben später den Weihnachtsbaum damit geschmückt. Wie jüdisch fühlen Sie sich?

 

Ich fühle mich jedenfalls nicht korsisch. Wenn man mich fragt, was meine Heimat ist, sage ich: Kunst. Ich habe Freunde überall auf der Welt. Ich lebe in Paris, aber wenn ich morgen in Berlin oder Tokio leben würde, wäre es für mich dasselbe. Auf philosophischer Ebene fühle ich mich sehr jüdisch. Es gibt etwas Wunderschönes an der jüdischen Religion: Man muss nicht an Gott glauben, um dieser Religion anzugehören. Im Judentum geht es darum, nach Gott zu suchen, nicht an ihn zu glauben. Man darf zweifeln, und das kommt mir entgegen. Ich bin ein großer Zweifler.

 

Wie sehr hat der Holocaust Ihr Werk geprägt?

 

Viele Freunde meiner Eltern waren Überlebende, und wenn sie bei uns zu Besuch waren, ging es ständig nur darum: Wer hat überlebt, wer wurde ermordet, von wem hat man nichts mehr gehört? Ich war noch sehr klein, aber ich verstand. Mit zwei Jahren wusste ich, dass Menschen andere Menschen umbringen. Ich wusste, dass mein Vater sich verstecken musste, um nicht ermordet zu werden, wusste in frühester Kindheit, dass er nicht mehr hatte arbeiten dürfen, weil er jüdisch war. Es bleibt eine große Frage: Wie können Menschen anderen Menschen das antun?

 

Sie haben ein Buch mit dem Titel "Sans-Souci" gemacht. Es bestand aus Fotos, die Sie auf einem Flohmarkt in Berlin gekauft hatten.

 

Es waren Fotos von normalen, netten Menschen, Nationalsozialisten. Menschen, die Musik liebten, grillten, lasen, Babys herzten. Und doch waren es Mörder. Jeder kann seinen Nachbarn töten, so ist das einfach.

 

Waren Sie mal in Auschwitz?

 

Ich war in der Nähe und bin hingefahren. Ich stand vor dem Eingang und sprach so was wie ein Gebet, aber hineingegangen bin ich nicht.

 

Waren Sie je in Odessa, auf den Spuren der Familie Ihres Vaters?

 

Nein.

Auf Korsika?

 

Nein.

 

Sie arbeiten über Spuren, die Menschen hinterlassen, und sind denen Ihrer eigenen Familie nie gefolgt?

 

Was Odessa angeht, gibt es eine sehr spezielle Geschichte. Als ich ein Kind war, sind wir einmal mit dem Auto dorthin gefahren. Das war alles sehr kompliziert, die Entfernung, das Auto, die Grenzen und so weiter - und als wir dann nur noch 100 Kilometer von Odessa entfernt waren, haben meine Eltern miteinander geflüstert, und am nächsten Morgen haben sie uns Kindern erklärt, dass wir umkehren. Wir würden doch nicht nach Odessa fahren.

 

Warum nicht?

 

Ich glaube, um nicht enttäuscht zu sein. Die gesamte Verwandtschaft meines Vaters war tot. Alles war zerstört. Er wollte lieber weiter von dem Odessa träumen, von dem ihm seine Mutter erzählt hatte. Vielleicht war ich aus demselben Grund nie dort. Aber vielleicht fahre ich ja noch irgendwann hin.

 

Stimmt es, dass Sie nicht wissen, wo Ihre Eltern begraben sind?

 

Ja. Darauf bin ich nicht stolz, aber es stimmt.

 

Waren Sie nicht auf der Beerdigung?

 

Nein.

 

Gehen Sie aus Prinzip nie auf Beerdigungen?

 

Nicht oft. Aber beim Tod meiner Mutter ist mir etwas Merkwürdiges passiert. Sie starb also. Eine Stunde darauf ging mein Flug nach Kanada. Das war nicht absolut notwendig, ich hätte es um ein paar Tage verschieben können. Ich wollte es aber nicht verschieben. Zu dieser Zeit habe ich Pfeife geraucht. Mein Bruder rief an, um mir zu sagen, dass unsere Mutter gestorben war, und meine Pfeife fiel mir aus der Hand und zerbrach. Casser sa pipe, Sie wissen, was das bedeutet?

 

Auf Deutsch sagen wir: den Löffel abgeben. Es bedeutet sterben.

 

Genau. Ich habe mir eine neue Pfeife angemacht - und musste mich übergeben. Ein Jahr lang war es mir unmöglich, Pfeife zu rauchen. Mir wurde immer schlecht. Und eines Tages dachte ich auf einmal, hm, jetzt habe ich Lust auf eine Pfeife. Es war der erste Jahrestag des Todes meiner Mutter. Ich habe unbewusst ein Ritual gebraucht, etwas opfern müssen, um damit fertigzuwerden. Ich glaube, es gibt gar kein Grab.

 

Nein?

 

Ich habe nie gefragt. Meine Brüder wissen es, aber ich habe sie nie gefragt. Ich glaube nicht an Grabsteine.

 

Wie wollen Sie selbst einmal bestattet werden?

 

Ich möchte verbrannt werden. Meine Asche soll in den Müll. Weg damit. Niemand soll sich darum kümmern.

 

Ihr Neffe, der französische Journalist Christophe Boltanski, hat ein schönes Buch über Ihre Eltern geschrieben, seine Großeltern: "Das Versteck" (auf Deutsch im Verlag Hanser, Anm. d. Red.). Wie war es für Sie, das zu lesen?

 

Wir sind alle alt - meine Brüder und ich sind Ende 70 bis Ende 80. All unsere Erinnerungen werden mit uns verschwinden. Aber dank dieses Buchs wird man sich noch etwas länger an diese Geschichte erinnern. Ich bin froh, dass mein Neffe es geschrieben hat. Es ist gut recherchiert, jedes Detail stimmt. Es hat mich berührt, dass auf einmal alles wieder da war.

 

Ihre Kindheit liest sich wie ein seltsames Märchen. Nach dem Krieg wollte sich Ihre Familie nie mehr voneinander trennen. Wenn Brot gekauft werden musste, zogen Sie zu fünft los.

 

Ich glaube, meine Eltern waren einfach vollkommen verrückt.

 

Jeden Morgen brachten Sie zusammen mit Ihrer Mutter Ihren Vater, der Arzt war, im Auto zum Krankenhaus, in dem er arbeitete, und warteten dann den Tag über im geparkten Wagen auf ihn, um wieder mit ihm zusammen nach Hause zu fahren.

 

Für meinen Vater war die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs verheerend. Er war ein gebrochener Mann, traumatisiert. Meine Mutter war stark - sie war Schriftstellerin, sie hatte meinem Vater das Leben gerettet, aber sie war ebenfalls komplett gestört. Sie hatte überwältigende Verlustängste. Sie konnte ja nicht laufen ...

 

Sie hatte als junge Frau Polio gehabt.

 

Und wir Kinder haben ihr als Krücken gedient. Sie hat jedes Hilfsmittel abgelehnt, nicht mal an Flughäfen einen Rollstuhl genutzt. Als ich zwölf war, habe ich mich geweigert, weiter in die Schule zu gehen. Meine Eltern fanden das gut. Heute glaube ich, sie wollten nicht, dass ich zur Schule gehe, weil meine Mutter mich zu Hause brauchte. Ich war ein paar Jahre lang sehr wütend auf meine Kindheit, auf meine Mutter. Heute glaube ich, dass man mit seiner Kindheit nicht hadern sollte, denn man ist, wer man ist, dank seiner Eltern und seiner Kindheit. Man muss das also akzeptieren und sehen, dass es einem auch etwas gegeben hat.

 

Es muss schwer gewesen sein, dieses Elternhaus zu verlassen.

 

Bis ich 32 Jahre alt war, bin ich weiter jeden Tag zum Mittagessen zu meinen Eltern gegangen. Ich verdanke allein meinen Brüdern, nicht verrückt geworden zu sein.

 

Durch Ihren Bruder Luc fanden Sie auch zur Kunst. Er lobte eine Zeichnung, die Sie gemacht hatten, das hat Sie bestärkt. Da waren sie 13 Jahre alt.

 

Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich hörte, dass ich etwas gut mache. Ein völlig neues Gefühl. Man hatte mich immer einfach machen lassen, ohne irgendetwas zu kommentieren.

 

Haben Sie sich mit Ihren Brüdern gut verstanden?

 

Für mich war es perfekt. Ich war glücklich. Ich bin ein sehr ruhiger Mann. Ich kann zwei Stunden stillsitzen und nichts tun, und es macht mir nichts aus. Aber mein Bruder Luc ist sehr aktiv. Er hat drei Kinder, war mehrmals verheiratet, hat sich schon mit 18 Jahren politisch engagiert ... Ich mochte es, stundenlang im Auto zu warten. Ich saß hinten und habe einfach die Leute beobachtet. Meine Mutter hat manchmal versucht, mir irgendwelche Sachen beizubringen, aber ich habe nicht zugehört. Ich fand interessanter, wer draußen am Auto vorbeigeht.

 

Als Sie zum ersten Mal allein durch Paris liefen, waren Sie schon 18 Jahre alt. Erinnern Sie sich daran?

 

Es waren nur ein paar Schritte. Bloß bis zur Straßenecke. Nicht der Rede wert. Erst mit 20, 21 fing ich an, manchmal auswärts zu essen, mit Freunden, mein Bruder war auch immer dabei. Ich bin dann auch viel in Galerien gegangen und habe mir Kunst angesehen.

 

Wie alt waren Sie, als Sie Ihre erste Freundin hatten?

 

24 vielleicht?

 

Haben Sie Spätfolgen davongetragen, so behütet aufgewachsen zu sein?

 

Jeder kann dich retten - und jeder kann dich verraten. Ich befinde mich immer im Krieg. Mit diesem Gefühl lebe ich. Dass der Krieg nicht vorbei ist. Manchmal gibt es friedliche Perioden. Aber schon morgen kann sich das schlagartig ändern.

 

Sie sind immer in Habachtstellung?

 

Ja. Es ist ein Kampf.

 

Sehen Sie eine Verbindung zu Ihrer Arbeit? Sie sind der Sohn einer Frau, die adoptiert wurde, und eines jüdischen Mannes, der das Land seiner Eltern nicht kannte und zum Katholizismus konvertierte. Alle Wurzeln: abgerissen.

 

Ja.

 

Da entsteht vielleicht der Wunsch, Spuren zu hinterlassen, sich nicht in Luft aufzulösen. Einen Beweis zu schaffen: Ich war da!

 

Es stimmt, dass meine Kindheit ungewöhnlich war, aber ich glaube, das ist nicht so relevant. Nehmen wir zum Beispiel Louise Bourgeois, eine meiner Lieblingskünstlerinnen. Ihre Kunst drehte sich, wenn man so will, um ein Trauma mit ihrem Vater. Aber haben nicht alle Töchter ein Trauma mit ihrem Vater? Und doch gibt es nur eine Louise Bourgeois.

 

Man kann einen Künstler nicht mit seiner Kindheit erklären?

 

So ist es. Jeder macht mit seinen Möglichkeiten etwas anderes draus. Es wäre zu einfach, alles mit der Kindheit zu erklären. Vieles: ja. Aber ... Mark Rothko hätte mit meiner Kindheit andere Kunst gemacht.

 

Wenn jemand, den Sie kennen, gestorben ist, löschen Sie dann dessen Nummer, oder behalten Sie sie?

 

Das ist echt ein Problem. Eigentlich behalte ich die Nummern, ich finde es schwierig, jemanden auszuradieren. Und solange man sich an einen Namen erinnert, ist diese Person irgendwie noch nicht fort. Aber da ich regelmäßig meine Adressbücher verliere und neu anlegen muss, fallen die Gestorbenen irgendwann raus.

 

Was wollen Sie in den Nachrufen nicht über sich lesen?

 

Ich wünsche mir eigentlich nur, dass man sagt, dass ich ein guter Künstler war. Ich war viele Jahre lang Professor und habe meinen Studenten immer gesagt: Wenn jemand zu dir sagt, du bist hässlich und blöd, aber deine letzte Arbeit ist gut, umarmst du ihn. Das ist das Einzige, das zählt.

 

Das Wichtigste im Leben ist die Arbeit?

 

Das Einzige! Es ist außerordentlich, dass ich mit meiner Arbeit jemanden erreichen kann, den ich nicht kenne, der vielleicht am anderen Ende der Welt sitzt und davon berührt wird. Und sogar nach meinem Tod können Menschen noch meine Arbeit sehen und hoffentlich etwas damit anfangen.

 

Das ist Ihnen das Wichtigste: die Anerkennung von Leuten, die Sie nicht kennen?

 

Ja, die Arbeit, die Kunst ist mein Leben.

 

Ist das nicht ein bisschen traurig? Sie haben ja auch Freunde, eine Lebensgefährtin, Familie...

 

Es ist das Einzige, was bleibt. Nur das, nur das.

 

Ein Glück, dass Sie nicht auf André Breton gehört haben. Er war ein Freund Ihres Vaters und riet Ihnen ab, Künstler zu werden.

 

Mein Vater war ein netter Mann, aber nicht sehr intellektuell, und so verloren die beiden sich nach dem Gymnasium aus den Augen. Als ich meinem Vater sagte, dass ich Künstler werden wollte, erinnerte er sich, diesen Freund gehabt zu haben, und schickte mich zu ihm. André Breton war freundlich, diesen malenden 13-Jährigen zu empfangen. Er muss sich gedacht haben, was soll das denn?

 

Er soll zu Ihnen gesagt haben, Kunst sei ein schwieriger Beruf und ein verkommenes Milieu. "Sie scheinen ein netter junger Mann zu sein, machen Sie etwas anderes."

 

Folgendes möchte ich sagen: Ich hatte wahnsinnig viel Glück in meinem Leben. Ich habe erst spät Geld verdient, aber es ging alles ganz leicht, eigentlich ohne Mühe - mit Ende zwanzig habe ich schon auf der Documenta ausgestellt. Für einige Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe, fühle ich eine Verantwortung, noch nicht zu sterben. Es ist prätentiös, das zu sagen, aber ich fühle es: Ich habe meinen Job gemacht.

 

© SZ/hert

 

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