03 - ERNA KRONSHAGE IN MEMORIAM

114-seitiges leidensporträt-magazin

studien-/gedenkblog kapitel 2

quellen und literatur zur nazi-"euthanasie"

ich will dir

nicht langatmig

die welt von

vor 80 jahren erklären

 

als eine art "lotse"

habe ich in wort- und bild-medien

das nazi-"euthanasie"-leidensporträt

um meine tante

erna kronshage

in unterschiedlichen memorial-blogs

möglichst realistisch nachgestaltet

und unterschiedlich umfangreich erzählt,

um dieses ungeheuerliche geschehen 

als ständige mahnung weiterzugeben ...

 

seit 1986 recheriere ich

das Leidensporträt meiner Tante Erna Kronshage (*1922), die am 20.02.1944 in der Nazi-"Euthanasie"-Vernichtungsanstalt "Tiegenhof"/Gnesen (polnisch: Dziekanka/Gniezno - heute Polen) ermordet wurde. 

 

Dabei geht es um   e i n e n   Nazi-Mord im Wust der rund 300.000 geschätzten "Euthanasie"-Opfer insgesamt, die anfangs, also ab 1940, geplant und zentral organisiert, vergast wurden - gezielt in 6 dafür extra hergerichteten Vernichtungsanstalten - auch als "Training" für den dann parallel einsetzenden "Holocaust", der "Shoah" am jüdischen Volk.

 

Nach dieser ersten zentral aus Berlin gesteuerten "Euthanasie"-Welle mit der historischen Bezeichnung "T 4" (nach der Adresse "Tiergartenstraße 4", dem zentralen Sitz des "Euthanasie"-Planungsstabs) entwickelte sich dann ab Spätherbst 1942 ein "wild"verzweigter dezentral und regional gesteuerter Tötungs-"Hype" aller "irgendwie abweichenden Charaktere" oder der für den Krieg "unbrauchbaren" und "im Wege stehenden oder liegenden" Menschen und Patienten.

Da es bei den "Euthanasie"-Morden um ("volks")deutsche Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher und religiöser Zugehörigkeiten ging, mitten aus den Familien und Milieus herausgerissen, lagen die Kriterien insgesamt historisch natürlich etwas anders als beim "Holocaust" - ich will das aber hier auch nicht miteinander vergleichen oder irgendwie bewerten: Mord ist Mord ...

 

Mein "Leitbild" vor 30 Jahren zu Beginn meiner Archiv- und Literaturforschungen und Aufarbeitungen war sicherlich getragen von den Leitsätzen und dem Wollen der "68er"-Generation insgesamt, in die ich hineingeboren wurde - und die diese Vorkommnisse in der Nazi-Zeit nicht mehr mit dem Mantel des Verschweigens zudecken wollte (Autoren: Ernst Klee, Götz Aly, Michael Wunder, Heinz Faulstich u.a.) - die die personale Mittäterschaft der Elterngeneration nicht länger infrage stellte.

 

Ich fand eine allmählich einsetzende - "formal-statistische" - "Sediment-Ablagerung" dieser rund 300.000 "Euthanasie"-Opfer vor - und dieses allgemeine - auch politisch-historisch und institutionelle Totschweigen all dieser Opfer, für die sich zunächst kaum eine "Gedenk- und Erinnerungslobby" stark machte.

 

In diesen Zusammenhang passt ein nachdenkenswertes Zitat, das sowohl Stalin, Tucholsky aber auch Remarque zugeschrieben wird:

 

"Der Tod einer Person

ist eine Tragödie,

aber der Tod von 300.000

ist eine Statistik."

 

Also aus diesem statistisch zahlenmäßig abgehakten Ablagerungs- und Verdrängungs-Sediment will ich mit der Rekonstruktion und Nacherzählung des Leidensporträts meiner Tante Erna Kronshage eben   e i n e n  winzigkleinen Krumen herauspuhlen und ihm nachgehen - beispielhaft für die anderen 299.999 - von denen vielleicht bis heute insgesamt 300 - 400 Einzelbiografien bekannt und publiziert sind - also gut ein Promille.

 

Dabei geht es mir nicht darum,

als inzwischen ergrauter Verwandter   

e i n e s  Opfers

einen langweiligen Vortrag zu halten,

wie damals die Welt "tickte"

und zu verstehen sei:

 

sondern ich sehe mich mehr als themenbezogene Begleitperson und als Lotse in Wort und Bild für einen gemeinsamen "Trip" in die Welt Erna Kronshages, vor allem natürlich der 484 Tage von ihrer Einweisung bis zu ihrem gewaltsamen Tod - mit dessen ungeheuerlichen und auch zufälligen Begleitumständen - sowie all den aktiven und passiven Akteuren und den Begleitumständen, die daran letztlich mitgewirkt haben und beteiligt waren ... 

 

Es geht bei der Aufarbeitung all dieser Leidensporträts nicht um die unbotmäßige "Kultivierung eines deutschen Schuldkomplexes" (wie die AfD das inzwischen bezeichnet) - sondern immer noch um die notwendigen Freilegungen längst verdrängter Mordtaten an nicht stromlinienförmig zu integrierenden Menschen mitten aus Familie, Verwandtschaft oder Nachbarschaft, die man als "unnütze Esser" ablehnte und vernichtete, weil deren Leistungsfähigkeit nicht den Normen einer selbsternannten politisch-ideologisch extrem verqueren "Elite" entsprachen.

 

Und dabei möchte ich auch den mir nachfolgenden Generationen virtuell oder auch ganz praktisch - face to face - den kurzen Lebensweg Erna Kronshages näherbringen als exemplarisches Beispiel - mit wieviel (Mit-)Täterschaft und Verstrickungen letztlich so ein Mord vorsätzlich und doch auch stickum verübt wurde - nicht von einem Einzeltäter oder irgendwelchen Monstern, sondern kleinteilig fragmentiert - step by step - von einem verirrten Regime mit all seinen tumben Mitläufern, von Menschen wie du und ich: von Verwandten, Nachbarn, Beamten, Ärzten, NSV- und Ordensschwestern und Diakonissen, und dem Pflegepersonal in den Anstalten und Vernichtungskliniken unter Mitwirkung von Busfahrern, Lokomotivführern usw. ...

 

Und erschreckend beispielhaft zeigt diese Ermordung meiner Tante, wie rasch sich das alles - unter ganz anderen Prämissen - wiederholen kann, wenn "Verantwortung" und "Moral"  und "Ehrfurcht vor dem Leben" geteilt, zergliedert und fragmentiert wird.

 

Also lese und sehe -

und sage es allen weiter ... -

damit aus meiner Nacherzählung

Deine Nacherzählungen werden...

 

sicherlich gibt es dabei neuere Pack-Enden anzufassen, aber wir dürfen all diese Opferschaft nicht einfach zum Sediment herbsinken und versteinern lassen - sondern in fruchtbaren lebendigen Humus umwandeln ...


Da werden dann die unschuldigen Opfer oft im Nachhinein immer noch als sorgsam gehütetes "Familiengeheimnis" [hier evtl. den Link anclicken zur Info-Station "Familiengeheimnisse & 'Euthanasie'" - hier auf meiner Website]  konsequent abgeschottet, eingeschweißt, abgelegt und möglichst stickum vertuscht und verleugnet - wodurch jedoch diesen Opfern immer noch keine angemessene Würde und Pietät zugestanden wird ... 

 

Die betroffenen Familien schweigen sich in der Regel aus, spalten ab, verdrängen und vergessen - oder wissen einfach inzwischen von nichts mehr ...

 

Ein weiteres - vielleicht verwandtes - Phänomen greift immer mehr Platz: Ein Phänomen, das die Psychoanalyse "Transgenerationale Weitergabe" von unverarbeiteten oder ungenügend verarbeiteten Kriegserlebnissen nennt. 

 

Auch die Kinder und die Enkel und Urenkel - also ganz biblisch ausgedrückt: "bis ins 3. und 4. Glied" - "leiden" oft genug noch unbewusst an den oft furchtbaren Traumata-Gefühlen, die der Bombenkrieg, die Vertreibung, der Nazi-Holocaust oder eben auch die von Nazis und der NS-Psychiatrie zu verantwortende Vernichtung "unwerten Lebens" mit all ihren Gräueltaten mit sich bringen ... Oft sind das Nuancen, ein unbewusstes Schaudern oder eine Unfähigkeit - Ängste, die bei besonderen Situationen plötzlich "wie aus dem Nichts" kommen, eigenartige Traumsequenzen usw. -

 

"Das Vergessen

der Vernichtung

ist Teil

der Vernichtung selbst" 

 

so hat es Harald Welzer in Anlehnung an Jean Baudrillard allerdings erst in unseren Tagen formuliert: Das Vergessen des Grauens ist also von den NS-Tätern, vom damaligen faschistischen System, implizit mitgedacht und haargenau mit geplant und einkalkuliert worden - war quasi Sinn der Vernichtungsaktionen: Vollständige und totale "Ausmerze" und konsequentes restloses "Niederführen" - diese faschistischen Unworte schließen ja eine endgültige "Tilgung" mit ein...

 

Vergangenes ist ja niemals tatsächlich Aus, Schluss und Vorbei ...: Vergangenes bleibt und es ist - immer wenn wir es aufsuchen und damit kultivieren und integrieren in unsere kollektive Bewusstheit...

 

Dem gewaltsamen Ableben meiner Tante Erna Kronshage im Februar 1944 werde ich hier in diesem Blog - Stück für Stück - nachspüren, soweit mir das je gelingen wird - noch "blinde Flecken" zeit- und forschungsgemäß aktualisieren... Und ich werde mich über das von ihr erlittene Unrecht empören. 

Erna Kronshage | in-memoriam | Triptychon

angeregt durch gerhard richters "birkenau"-zyklus (2014) sowie seinem bild "tante marianne" (1965) habe ich 2014/2016 ein virtuelles online-triptychon kreiert - zum andenken an meine tante erna kronshage (1922-1944), die nach einem 484-tage währenden leidensweg ein opfer der ns-"euthanasie" wurde.


das triptychon besteht aus den bildern:
 
1. leben -
2. unfrucht -
3. auszählen -
 
bilder - die symbolisch-allegorisch die durchlittenen lasten dieses immer schneller mit aller konsequenz und härte ablaufenden leidensweges nachempfinden wollen:
 
- von der ungebundenen, fröhlichen, sich entwickelnden vitalität -
 
- hin zur plötzlichen "unfruchtbarmachung" aus eugenischem zeitgeist-denken und damit zur vermessung und zur ex-klusion -
 
- bis zur reduzierung der individuellen persönlichkeit auf bloße funktionalität als eine nummer in der verfügungs- und verschiebemasse, wo die ergebnisse auf "wert" und "un-wert" geprüft und abgewogen werden: "friss oder stirb"
 
- bis letztenendes dann zur tötung - zum mord ...
 
- mein triptychon-magazin zum umblättern: click here
 

 

 

 

erna's leidensporträt auf 23 bildseiten - in einfacher sprache & grafik


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